Ist so qualvoll der Weg zum Glück? --

Die Kniee schwankten, als sie endlich am Ziel war. Da schimmerten trübe

die verhangenen Fenster des Ateliers -- und das arme, verhetzte Auge sah

den Vorhang sich bewegen -- und die arme verhetzte Seele fühlte seine

Nähe und eine heisse Sehnsucht schlug wie eine Woge über das Deck ihrer

ausschauenden, schwankenden Gedanken und fegte alle Zweifel und Qualen

fort. -- --

In kindlichem Stolze, als zaghaft Gebende stand sie auf seiner Schwelle.

Er öffnete die Türe -- und als er sie in all ihrem Reize, so fein und

holdselig vor sich stehen sah, da zog er sie wortlos zu sich hinein .......

»Du Estella, Du -- also doch!« schrie er auf und riss sie in einem

Übermass von Entzücken an seine Brust, umschlang ihren Leib, presste ihn

an sich als wollte er ihn nie wieder frei geben, legte beide Arme um ihren

Hals und zerküsste das süsse Gesicht; Augen, Stirne, Wangen, den Mund,

den herben, keuschen. Fast wurden ihr diese wilden Küsse zur Qual.

Dann nahm er sie wie berauscht in seine Arme und trug jubelnd die

köstliche Last hinein in die Heimstätte seiner Kunst.

Sanft und vorsichtig wie ein unersetzliches, kostbares Gefäss, liess er

sie aus seinen Armen gleiten und setzte sie vorsichtig auf einem Ruhebett

nieder.

»Das ist alles für Dich, Du Heissgeliebte!« sagte er und deutete mit

einer schenkenden Geberde rings um sich.

Estella sass wie in Betäubung. Glückselig hob sie ihr Antlitz und

schickte ein dankbares Lächeln zu ihm hin; lange blieb ihr Blick in seinen

Augen liegen.

Welche Macht zog sie zu diesem Manne hin?! Wie sie ihn liebte, wie

seine Welt zu ihr herüberschimmerte mit all ihrer Lebenstollheit und

Trunkenheit! Wie sich ihre junge Seele von Neuem auftat in Zukunftsglauben!

»Das muss das Glück sein, das muss es sein, wonach die Menschen jagen!«

flüsterte sie ihm hastig zu und das Geständnis ihrer erregten Worte

versank in seinen lechzenden Sinnen.

»Ist es über Dich gekommen, Weib!?« rief er ausser sich. »Ist es

endlich über Dich gekommen -- -- --?!«

Da erschrak sie vor ihrem eigenen Empfinden und wandte abwehrend den

Blick. --

Und nun sah sie umher und fand sich in einem prunkenden, seltsamen Gemache,

durch das in zaubrigen Tönen mattes, dämmeriges Licht zog. Überall

Schalen voll wundersamer Blumen, denen betäubender Duft entquoll, der in

dem stillen Raume träumend stehen blieb. -- Dicke, dunkle Teppiche. Tiefe,

schwere Falten, die jeden Laut einsogen.

Da lagen seidene Decken, wertvolle, ausländische Stoffe und auf dem

Ruhebett, auf dem sie sass, war etwas Feines, Flimmerndes ausgebreitet.

Freudlose Landschaftsbilder in breiten, düstergoldenen Rahmen hingen

schwermütig von den stoffenen Wänden. Nirgends ein heiterer Gedanke in

dem halben, huschenden Lichte.

Beide schwiegen und lauschten dieser verwirrenden Umgebung. Etwas

Berückendes ging von ihr aus.

Dieses unausgesprochene Licht, das durch buntseidene Hüllen sickerte

und mühsam und verhalten durch den Raum zitterte, diese bestrickenden,

einsamen Farbentöne, die von den Wänden klangen, diese versonnene Ruhe,

die an allen Gegenständen hing!

Erstorben jeder Laut.

Der Duft, der aus den Blumenschalen stieg und verschwebte, legte sich

schmeichelnd, doch immer schwerer und betäubender um die Sinne. Dazu eine

vibrierende Stille, die bedrückende Last einer aufregenden Ruhe und in ihr

ein ungehörtes Huschen und Gleiten, das über die Blumen und Möbel und

Wände ging.

Sie sah ihn fragend an -- so bange war dieses Versunkene, Weltweite.

Aber banger noch waren seine Augen und angstvoll flohen ihre Blicke aus

denselben. Sie bohrten sich in den Teppich und fielen auf einen seiner

Füsse, die in Sandalen stacken.

Ihr Herz fing an heftiger zu schlagen, denn sie glaubte zu sehen, wie sein

Fuss sich einkrallte in dem dunkeln, dicken Teppich. Suchte er Halt? Wovor?

Sein unbeweglicher Blick rief sie zurück und umschloss den ihren -- -- und

drückender wurde die Stille und furchtbarer das Schweigen. Keines getraute

sich auch nur den Finger zu rühren, keines mehr hatte den Mut des anderen

Auge zu verlassen.

Die Leidenschaft dieser Liebe wuchs mit jedem Augenblick und zog sie mit

glühendem Wunsche zu einander ....

Estella sprang auf mit übermenschlicher Kraft -- -- -- er stand ihr

gegenüber mit fliegenden Pulsen und flammenden Sinnen -- -- -- --

angstvoll hielt sie ihn mit den Blicken umfangen und gefesselt. Keine

Wimper zuckte, kein Glied rührte sich, kein Atemzug war hörbar.

Estella: Novelle · 第 10 / 12 题