Und er ging die Fenster schliessen und die Lichter verhängen.
* * * * *
Spät abends, als es schon dunkel war, verliess indessen ein schüchternes
Kind zitternd das ehrliche Haus. Es ging auf den Fussspitzen ganz leise
durch den Garten, musste aber stets dazwischen stehen bleiben, um Atem zu
schöpfen. »Wie wenn es Berge wären.«
Behutsam öffnete und schloss es die Gartentüre, die sonst so leicht und
laut ins Schloss gefallen war und schaute nun zurück über Garten und Haus
-- als wollte es Abschied nehmen -- als ginge da eine, die nicht wiederkam,
ein letztes Mal diesen lieben Weg.
Eine unnennbare Sehnsucht schwoll in Estella's Herzen empor nach all der
sorglosen Heiterkeit, mit der sie da in ruhigen Stunden gelebt.
Heimlich, wie eine verbotene Liebkosung, irrte ihr Blick hinauf zu den
Fenstern ihres Zimmers mit den trauten, blühenden Geranien davor. Wie sie
die einst hegte und pflegte. Jedes Knösplein war ein Ereignis. Jede Blüte
ein Fest. Und wenn das erste schrille Rot zwischen den grünen Blättern
sass und nach ein paar spannenden Tagen die feuerroten Büschel wie Flammen
in den Fenstern standen und hundert bunte Gedanken damit -- -- Gott, was
für reiche, einfache Stunden waren das! Die waren alle davongeschlichen
als sie der fremde Mann an seine Brust genommen ..... und haben sich im
Weiten verloren und nicht mehr zurückgefunden.
Ein kleines Stück war sie weitergegangen, dann wieder stehen geblieben --
an der Stelle, wo ihr gestern die Leute ausgewichen waren. Heute sollten
die sie sehen, wie sie dahinschlich in dunkler Nacht -- allein -- den
Kopf zur Erde geduckt -- da hätten die bösen, eifrigen Zungen das letzte
mordende Wort gefunden. Für die freute sie's eigentlich, dass sie es tat
-- aber es war eine dürftige Freude.
Wie schwer verlässt man ein erstes Mal im Leben den offenen, geraden Weg.
Die Sonntagsstrasse, die breite, behagliche mit dem lichtfrohen Lachen und
dem billigen, eiteln Putz junger, unversuchter Tugend!
Jetzt traten ihr drei trübe Gestalten in den Weg und an diesen
wohlbekannten Gesichtern glaubte sie zu erkennen, worin ihr Unrecht lag. Da
stand ihr Vater und schaute sie an; gross und kummervoll. Er hatte einst zu
der Mutter warnend gesagt:
»Bilde ihre Vernunft, es kommt eine kalte Zeit, in der sie not tut.« Und
die feine, blasse Frau, die schon lange vor ihnen gegangen war, tat es --
legte aber heimlich Rosen dazu.
Sie stand jetzt auch dabei und konnte nicht mehr lachen wie einst. Sie
dachte an ihre Rosen und weinte.
Und der ehrliche alte Mann, der Thieben trösten gegangen war und dessen
Vertrauen ihr so selbstverständlich zufiel, der war auch dabei und der
Kummer schaute ihm aus allen Falten seines Gesichtes. Alle drei standen und
sahen nach ihr mit traurigen Augen und schauten ihr nach und schüttelten
die Köpfe.
Da riss sie sich los von allem, was sie beschwerte und zurückrief
und stürmte weiter, vorbei an ihnen, an allem, an der ganzen schönen
Vergangenheit vorbei.
Wie oft glitt sie aus auf dem holperigen Pflaster der alten Stadt und sah
zusammenfahrend zu Boden -- aber es schwammen nur dunkle Kreise und
Flecken vor ihren Augen, die irre führten, wuchsen, gross wurden, bis
sie erschrocken innehielt; und wenn ihr Blick dann angstvoll floh und
aufflatterte an den steilen Wänden der Häuser, prallte er zurück von
diesen dräuenden Mauern, die in düsteren Reihen zu beiden Seiten des
Weges standen. Wie dunkle Klötze standen sie da -- unheilbrütend mit
unzähligen, schwarzen Fenstern, die lauerten wie falsche Augen.
Zischelte und tuschelte es nicht dahinter?
Wie erbärmlich erschien sie sich, dass sie vor irgend einem Hergelaufenen
erschrecken musste --
Da drüben auf der andern Seite, da ging eine Dienstmagd -- -- hoch trug
sie den Kopf, das durfte sie auch -- -- aber sie, Estella Brand, die zum
Geliebten gehen wollte -- --? Grossartiger hatte sie sich diesen Gang
wahrlich gedacht. --
Und weiter hastete sie, an den drohenden, klotzenden Häusern vorbei --
noch eine letzte Ecke, dann endlich musste sie am Ziel sein; -- ihr Sinn
spähte voraus: was wird werden?!