Da plötzlich -- sein Blick hatte sich leise gewendet und einen Augenblick
lang losgelöst von ihr, war haltlos durch's Zimmer geirrt und musste dort
etwas Ausserordentliches wahrgenommen haben -- -- ging eine Verwandlung in
seinen Mienen vor ......
Sie wollte aufschreien in rasender Angst: »Halt ein ..... Du wendest Dich
ab ..... Du wendest Dich von allem Glück .....«
Sie kannte den Ausdruck dieser unheilvollen Augen, er redete eine deutliche
Sprache ...... Aber das Entsetzen stand steil und schrill vor ihr und
lähmte ihre Zunge.
Dann einen Augenblick wurde es dunkel um sie, das Herz drohte still zu
stehen ...... sie sah in lauter Elend. Ringend griff sie nach dem Herzen
-- -- die erste Bewegung in dem bangen, regungslosen Raum -- -- da war der
Bann gebrochen!!!
Makassy nahte sich ihr wie von Sinnen -- ein Anderer geworden -- despotisch
-- -- über ihre Seele weg.
Sie wehrte sich: »Ich bin Estella Brand -- siehst Du das nicht?! -- -- Ich
frage Dich zum letzten Mal -- -- --!!«
»Was liegt daran!?« fiel er ihr atemlos ins Wort.
Verzweifelt schrie sie auf in höchster Not. »An mir liegt nichts!!! Nimm
mich!! -- Nimm alles, nimm mein Leben!!! -- Nur darf es _so_ nicht
geschehen -- --
In dieser Stunde verstehe ich die Kraft, die in Dir liegt, die zum Bösen
greift, zum Morde, zum Verbrechen -- -- aber wohin _jetzt_ sich Deine
Sinne wenden, da seh' ich weder Kraft noch Schönheit. Du bist abgekommen
von den Wegen, wohin ich Dir folgen kann, wohin ich Dir nachgerast --
händeringend -- Du bist auf anderer Fährte -- abwärts -- -- -- -- --
Da hinunter kann ich nicht, fühlst Du das nicht? -- -- der Ekel,
Makassy ..... der Ekel -- --!!!«
Lockend, sich überstürzend mit leiser, bebender, verheissender Stimme
rief er, sie zu umfassen suchend:
»Unten bist _Du_, Estella, oben bin _ich_! Komm zu mir! Du --
Du klebst an der Erde, _Du_ lässest Dir vom Nächstbesten sagen, was
recht ist und rein, Du lässest Dir vom Nächstbesten entscheiden über Gut
und Böse -- -- -- geben Weib -- geniessen, verderben, -- aber weg über
die schüchterne engbrüstige Welt, die Dir den Atem nimmt, -- -- eigener
Flug in trunkenem Zorn, in trunkener Lust!!! -- Lass die Seele, die die
Menschen verstümmelt haben, die fromme, bange -- ohne Lust und Weh: sie
betrügt Dich um das heisse Leben -- lass die Tugend: sie betrügt Dich um
Dein junges Blut -- lass die Reue: sie betrüge Dich um den Sinnenglanz --
lass das Gute: es betrügt Dich um die Satanslust des Bösen, -- -- lass
die Reinheit, sie hat Mass und Art!!! -- In der Niedrigkeit liegt Lust und
Raserei!! -- -- Tier sein, wer nicht Gott werden kann!!! Mensch sein ist
erbärmlich! Vergiss ........... komm ausser Dich!! ..... Schenke ....
strauchle ... sinke ..... sinke Weib!!! Dann sind wir erlöst .....«
Und so wollte er sie umfangen, -- -- zügellos, entartet -- ausbrechend --
mit weit offenen, brennenden Augen.
Aber ein Blitz zuckte auf! Estella ward wach -- sie hatte entschieden!!
-- Pfeilgerade stand sie da, Kraft gegen Kraft, -- erhoben das Haupt,
-- unbeweglich das Antlitz. Als wäre sie aufgewachsen weit über ihn --
unerreichbar -- -- --
Da wich er von ihr zurück und auflachend wie ein Kranker warf er sich in
die Kissen des Ruhebettes und verbarg sein Gesicht. -- -- --
Ihr Leib war schwer, ihr Kopf verworren. Die Schläfen stachen, ein
Übelsein überkam sie und schwerfällig schleppte sie sich zum Fenster,
es zu öffnen. Der hässliche, betäubende Geruch strömte hinaus und in
kalten, klaren Wogen die Nachtluft herein. --
Langsam wandte sie sich um, zurück ins Zimmer, mühselig aus sich
herauskommend. Hoffnungslos geworden. Angestrengt musste sie sich besinnen
auf alles um sich her -- --
Was sah sie dort in der Ecke des Zimmers? Was war das? Sie sperrte die
Augen auf, um durch all den Nebel sehen zu können. Drang dort nicht ein
dicker Qualm aus den Fugen einer Schublade -- -- was war das?
Aber sie konnte nicht mehr erschrecken, -- in dieser Stunde hatte sie es
verlernt.
Die junge Seele, die so gerne aufgestiegen wäre in erhabener Linie, wie
ein schönes Lied, war lahm geworden.
Sie kämpfte diese schwerste Stunde ihres Lebens mit Todesmut. Krampfhaft
presste sie die kalten Hände in einander und fühlte unaufhaltsam eine
schwere, erdrückende Last auf ihre armen Gedanken heruntersinken, so dass
sie ihnen mühsam klare Erinnerung an das Geschehene entringen musste.
Einen Sieg hatte sie errungen, einen Sieg ohne Freude, und dafür ihr
heisses Glück hingegeben.
Warum jubelte sie denn nicht auf, sie, Estella, die Reine, -- wo war denn
der Glanz ihrer Selbstherrlichkeit hingekommen? Jetzt, in der Not, da war
er von dannen geschlichen -- --
Dass solcher Schrecken nicht tötet?!
Ihre Gedanken standen auf und sahen entsetzt umher -- weit hinaus -- hinaus
in die Zukunft -- da gab es Leid und Qual -- zähe Jahre der Erinnerung --
ein elendes Leben.
Dann umschloss sie wieder die Gegenwart mit ihren engen, düsteren Mauern.
Was war? Wie war es? Hartnäckig drang sie in die Tiefe und auf
alles stiess sie -- Bild auf Bild löste sich aus der Dunkelheit mit
unerbittlicher Klarheit.
Du wirst hineingelockt in ein einsames Haus. Abgeschnitten von der Welt.
Tiefe Nacht. Die Türen schliessen sich still hinter dir. Die Fenster
sind verhangen und die Lichter -- -- verwirrende, unklare Pracht. Du bist
allein. Allein mit ihm. Du schaust bebend in das Antlitz deines Herrgotts
-- deine Seele weitet sich -- -- und während du schaust .... lässt
der langsam eine Maske fallen; -- du erstarrst im Entsetzen -- du willst
schreien doch vermagst es nicht -- -- dein Mörder steht vor dir mit
verzerrtem Gesichte -- --!!
So wars -- -- jetzt wusste sie's. Morden wollte er sie und dann an sich
reissen. Wars am Ende das Rechte und sie hatte es nicht erkannt? -- Nein,
nein, das ist unmöglich, sonst hätte es geschehen _müssen_. Kann es
aber das Rechte sein, wenn es so furchtbar zu tragen ist!?
Wie unbegreiflich sich das gewendet hatte! Seit sie ihn liebte, bangte sie,
sich nicht erheben zu können und jetzt hatte sie ihn verloren, weil sie
sich nicht erniedrigen konnte.
Warum habt ihr mich alle so gut erzogen?! Sie suchte Tränen, aber die
kamen nicht.
Dafür kam hilfreich ein wilder Zorn über sie, ein Aufflackern letzter
Energie, und führte sie über die nächste Stunde fort.
Sie fing an den Raum zu zerstören, in dem solches geschah; sie riss die
Blumen aus den Schalen und warf sie aus dem Fenster, -- sie zerrte die
seidenen Hüllen von den Lampen weg, dass ein helles, blendendes Licht
senkrecht, herrisch durch den dämmrigen Raum fuhr und alles Liegende,
Träge, Matte, Unklare daraus vertrieb.
Es ekelte ihr vor diesem Gemach, über dem eine Absicht lag, ein Vorsatz.
Was wollten diese Decken mit ihrem Flimmern, diese Blumen mit ihrem Duft,
diese Lampen mit ihren Schleiern? -- »Damit betäubt man meine Seele
nicht, damit lädt man Dirnen in sein Haus.«
Ei, und dort in der Ecke qualmte es -- dicker und undurchdringlicher mit
jedem Augenblick. Das war lustig, das half ihr zerstören -- --
Makassy erhob sich. Alt und elend mit leeren Augen in dunkeln Höhlen
-- aber hochmütig, undurchdringlich. Das zerwühlte Haar klebte wirr
an seiner Stirne und zeichnete entstellende Linien in das bleiche
Antlitz -- -- und dennoch, wie sie umherirrte in diesem Gesichte --
spähend, aufgeregt, atemlos -- sie fand nicht was sie suchte, sie fand
nicht was sie erflehte, -- sie musste achten -- -- und ihr Elend türmte
sich auf! --
Er sah umher in dem verwüsteten Raum; Blicke und Gedanken blieben auf
jener Schublade dort liegen, aus der der Rauch drang. Von da war es
ausgegangen, dahin war vorher sein Blick auch gefallen, von da hatte er wie
an einem einzigen Faden das ganze Netz seiner Ideen aufgezogen, von da, wo
der Schuh der leichtsinnigen Tänzerin, den er aus den Flammen der alten
Briefe gezogen hatte, fortzuglimmen schien und zu rauchen begann. Da war
sie vor ihm aufgefunkelt, die schöne Spanierin, in einstigem Glanz -- und
hatte höhnisch aufgeblickt und ihm mit ihren wilden Augen zur rechten
Zeit gerufen, als er begann sich zu verirren -- sich zu verlieren -- zu
verfahren in toten Geleisen.
Diega Felipa prangte vor ihm auf in berückender Kraft und Fülle,
in bachantischer Lust! Und die Luft, die ihr Tanz vertrieb, fuhr ihm
verwirrend über das Gesicht. Die blauschwarzen Lockenringel peitschten --
wie damals -- ihre braunen, nackten Glieder bei den wilden, heissen Tänzen
-- wie damals, wo sie die Schleier jauchzend zerriss und ihr grosses,
glühendes Auge hinschoss zu ihm, aufloderte, und sie ihm zurief:
»Nimm!! -- Wie Du willst ...... für Deine Kunst und -- für Dich!«
Grossartig war das! Voll Pracht und Grösse. Da gehörte er hin, in diese
Arme, das war sein Reich! Königspaläste! -- -- Königsgeschenke gibt, wer
sich lachend verschenkt, wer lachend sein Schicksal in den Wind zerstreut!!
Entfesselt, Dirne, hast Du mich, -- jetzt ist es vorbei mit den frommen
Episoden! Ihn ärgerten auf einmal diese weit offenen, staunenden
Mädchenaugen -- -- dieses Warten und Prüfen und Klagen und Denken, wie
feige das war, wie bettelarm, -- -- ja, ja, sie hatte sich verbildet,
verstümmelt und nun Krücken statt der Flügel. Sie kannte diese
Trunkenheit nicht, die sich über das Menschtum aufbäumt, die der Gottheit
trotzt und taumelnd zu den Tieren geht!
Sie suchte das Rechte in den engen Winkeln armseliger Erdenmoral -- er
konnte nicht mit ihr gehen. »Ich kann nicht mich selbst begraben gehen.«
Schwerfällig bewegte er sich gegen sie hin und sagte hart und kalt aus
seinen Gedanken heraus:
»Du hast es gut gemeint, Estella -- aber es war umsonst!« --
»Die Vergangenheit hat ihn zurückgefordert,« dachte sie mit letzter
Anstrengung.
* * * * *
Und sie wandte sich zum Gehen ohne ein Wort. An der Türe drehte sie sich
noch einmal um und sah mit verhüllten, begrabenen Augen nach ihm zurück.
Diese Augen schauten ihn noch an, als sie lange, lange schon gegangen
war und er liess sie gesättigt jedesmal auf sich liegen -- ein
Zerstörungsbild. --
Jetzt war die Klinke ins Schloss gefallen -- kurz und knapp -- und in des
Mädchens umdüsterter Seele das letzte Licht erloschen. -- --
Furchtlos schritt sie durch die dunkle Stadt zurück. Die Häuser, die sie
vorher so drohend und unheilvoll umstanden und umlauert hatten, lagen in
weiten Fernen und Nebeln; die gingen sie nichts mehr an. --
Aus einem Gasthause kam laut lachend eine grössere Gesellschaft. Durch
die offenstehende Türe fiel ein breiter Lichtstreifen über die dunkle
Strasse. Aber ganz gleichmässig ging sie Schritt für Schritt vorwärts;
vom Schatten in das Licht und vom Lichte wieder in den Schatten.
Als trüge sie ein schweres, übervolles Gefäss, das nicht ins Schwanken
kommen darf, so sicher und gleichmässig ging sie, -- so vorsichtig, doch
eigentlich ohne Vorsicht.
Die Leute steckten die Köpfe zusammen, das war ja unerhört, was sie hier
sahen! »Wenn es nur schon Morgen wäre«, dachten sie. --
Am andern Tage kam Berta, der Backfisch, an Brand's Gartenzaun vor dem
roten Tore draussen vorbei und als sie Estella dahinter sah, wurde sie
dunkelrot und verdoppelte ihren Schritt, um eilends daran vorbei zu kommen.
Estella sah es wohl. Gleichgiltig ging sie ins Haus hinein und nach einer
Weile wieder aus ihm heraus. -- Sie tat alles, was so der Tag mit sich
brachte. Arbeiten, essen, lesen, schlafen, -- nur unterschied sich keines
von dem andern.
Alle Wege waren gleich lang. Alle Gegenstände gleich schwer. Alle Farben
gleich trübe. Alle Klänge gleich dumpf. Die Welt rauschte vorbei an ihr,
sie hörte sie nicht.
Ihre sonst so flinken Augen blieben stehen wo sie gerade standen --
interesselos, bis irgend etwas anderes in ihren Sehkreis trat, sie ein
Stückchen weitertrieb und sie wieder stille standen. --
Der alte Brand kam von der Reise zurück; sie redete mit ihm wie mit allen
anderen. --
Ein junges Mädchen, eine Altersgenossin von ihr, war in dem kleinen
Städtchen plötzlich gestorben an einer akuten Erkrankung. Alles
wallfahrtete zum Kirchhof, war ausser sich und rang die Hände; die
Mädchen insbesondere wollten sich die Augen aus dem Kopfe weinen.
Estella vergoss keine Träne. Lang und steif stand sie am offenen Grabe.
»Die verdorbene Person,« sagten die Leute. --
Ganz deutlich sah sie es, wenn manchmal ein Blick länger auf ihr weilte.
»Suche nur,« dachte sie, »Du findest doch nichts, finde ich ja selbst
nichts mehr. -- Ich habe gar nicht gewusst, wie still es auf der Welt
ist.«
Brand schrieb an Richard von Thieben, dass Estella so vernünftig geworden
sei: Der Maler Makassy habe die Stadt verlassen, aber sie rede nie von
ihm. Es sei ihr auch ganz gleichgiltig gewesen, ob sie oder er das Porträt
behalten sollte, als man ihr die Frage vorlegte. Da habe er es mitgenommen.
»Wahrscheinlich ist es ihr nicht hübsch genug, denn eitel sind sie doch
alle« hiess es in dem Briefe. Thieben aber, der dieses Schreiben am
Morgen erbrach und las, sass Mittags bereits im Zuge, der ihn an die
württembergische Grenze bringen sollte. Er fand keine Ruhe, er musste sie
selber sehen.
Aber auch er fühlte sich in ihrer Nähe beruhigter. In ihren Augen fand
er auf eine stumme, bange Frage keine Antwort; wie eine stille, graue Mauer
standen sie vor ihrer Seele.
So reiste er zuwartend wieder ab.
Als er aber nach zwei Monaten einen Brief ähnlichen Inhaltes vom alten
Brand erhielt, nur mit dem Vermerk, dass sie sehr wenig zu sich nehme
und immer stiller werde -- da hörte er die Not um Hilfe schreien --
und entschloss sich zu einem Wagnis. Hier musste eingegriffen werden,
gleichviel um welchen Preis.
Er forschte die Adresse des Malers Makassy aus und erhielt sie nach vielen,
mühseligen Schreibereien. Hierauf schickte er eine grosse Summe Geldes,
die indess retourniert wurde, an ihn, mit der Bitte, das Porträt Fräulein
Brands an die Adresse des Privatier Brand abzuschicken. Zugleich gab er
an letzteren einen dicken, festverschlossenen Brief auf, in dem er alles
erklärte, wie er es sah und was geschehen müsse. Erschüttert müsse ihre
Seele werden, ihren Bann zu lösen, -- aufgerissen müssten erschreckend
rasch geschlossene Wunden werden, sie zu heilen. -- -- --
Es währte keine Woche, als Estella eines Abends wieder wie immer
gleichmütig in ihr Zimmer hinaufging.
Die alte Magd, die ihr geleuchtet hatte, zündete das Licht an und
schlüpfte hinaus. »Die wird Augen machen,« dachte sie im Gehen. --
Estella war allein.
Langsam begann sie, sich zu entkleiden und durch die dadurch verursachte
leichte Bewegung fühlte sie auf einmal einen feinen Duft durchs
Zimmer wehen -- -- -- vorüber an ihr -- -- -- wie eine ferne, weite
Erinnerung. -- -- -- --
Sie lauschte auf -- angstvoll -- mit gespannten Sinnen -- -- war das nicht
der wohlbekannte Terpentingeruch -- -- -- aus Sommerszeiten -- -- -- -- --
Gequält sah sie um sich -- -- -- und ihr starres Auge blieb wie
entgeistert auf ihrem eigenem Bildnis liegen, das fast erdrückend gross
und schwer in dem kleinen Raume von der Wand hing. -- -- -- -- --