Sie sah sich in einem fremden Lande, kannte die Wege nicht, vermochte sich
nicht zurechtzufinden, -- -- und wusste keinen Rat.
Doch beim Eröffnen des zweiten Briefes schon sagte Brand erfreut:
»Denke, Estella, Thieben will kommen!«
»Was will er denn?« rief sie auffahrend. Nichts hätte ihr störender
sein können in ihrer neuen heimlichen Welt. Sie glaubte, dass der
Ungerufene in ihre Kreise treten würde, sie sah ihn traurig wie bei einem
Sarge bei dem Feste ihrer Liebe stehen.
Sie fühlte seine klagenden Augen beschwerend auf sich ruhen, sie hörte
ihn händeringend sagen wie einst: »Es ist nicht gut, es kann nicht gut
sein!«
Sie sah ihn im Geiste schon steif und stämmig wie einen Pfahl mit seiner
rechten, geraden Art neben dem sturmgepeitschten Manne stehen und nebendort
den Onkel mit Verkündermiene bei solch' sinnfälligem Unterschiede.
Erstaunt sah Brand in das zornige Gesicht seiner Nichte. Jetzt erst wusste
er es, dass für Thieben nichts zu hoffen war. Und dem Fernen schlug in
dieser Stunde ein warmes Freundesherz.
Lange und eindringlich redete der alte Mann zu ihr. Oft gesprochene Worte,
im Wind verhallt: Von dem Werte solchen Besitzes, von dem Werte einer
abgeklärten Natur, von Beruf und Lebenszweck und dem kostbaren Gut der
Treue.
Aber der gequälte Ausdruck in dem sonst so ruhevollen Antlitz des
Mädchens liess ihn verstummen.
Ein anderer Gedanke stieg in ihm auf, eine trübe Ahnung, die auf dem
Spaziergang neulich ihn zum erstenmal beschlichen hatte, und hastig musste
er noch einmal den Mund auftun und fast drohend hinzusetzen:
»Den Frieden musst Du suchen, Mädchen, den Frieden der Seele«, und
schwer aufatmend, sich über den Tisch nach ihr hinüberbeugend: »Du bist
auf falscher Spur!«
Erregt fiel sie ihm ins Wort:
»Mich langweilt Euer Frieden; ich suche Kampf, Arbeit, Glanz -- ich muss
um etwas ringen müssen!! Ach« -- -- und ihr Antlitz erhellte sich wie
die durchbrechende Sonne -- »ach, um das Höchste, um eine Seele ringen
müssen -- dürfen, wie grossartig das sein muss!«
Brand fühlte sich verletzt in seinem ehrlichen Rate und das erstemal, seit
sie in seinem Hause weilte, ward es ihm bewusst, dass es nicht sein eigenes
Kind war. --
Allein gelassen, eilte sie mit ihren Gedanken zu dem Geliebten. Nicht um zu
ruhen in seinen Armen, sondern tätig und tüchtig mit ihm auszuschreiten
auf einem weiten mühseligen Wege. Einen langen, bangen Schatten wird sie
werfen, die grosse, hässliche Vergangenheit und wir werden weit im Dunkeln
gehen müssen -- aber dann, dann muss die Sonne kommen.
So schlichtete und ordnete sie und scheuerte alle Stuben blank, bis der
grosse Sonntag einst kommen würde.
* * * * *
Am andern Morgen begab sich Estella frühzeitig hinunter in den Garten, wo
in der Rebenlaube zum Frühstück gedeckt war.
Der Onkel, der sie gestern Abend so kurz verlassen hatte, begrüsste sie
auch heute knapp und mit Zurückhaltung und streifte dabei nur flüchtig
mit den Blicken ihr Gesicht. Nach einer Weile erst wurde er freundlicher
und legte etwas Verzeihendes in sein Verhalten.
Sie liess beides unbeachtet, denn ihr lag der kommende Tag schwer genug in
allen Gliedern.
Mechanisch begann sie in ihrer Tasse umzurühren und sah vertieft nach
einem nassen, zerfallenden Stück Zucker.
»So geht's allen«, dachte sie, -- ein wenig stumpfsinnig, -- »den
Mutigen und den Feigen -- am Ende ist es gleichgültig.« Dann drehte sie
die Augen langsam so ringsumher.
Die flatternden Blätter der Reben vertrieben fortwährend das Sonnenlicht,
das sich auf dem weissen, glatten Tischtuch prunkend niederlassen wollte.
Jetzt kam es herunter in blendenden Kreisen, gleich wurden die vertrieben,
verschoben, zusammengequetscht zu Ovalen und Dreiecken, und kaum wollten
die brillieren, wurden sie zerschnitten in Stücke, die zitterten und
schwankten und flimmerten. Das war ein Anfliegen und Verschwinden, ein
Auseinanderfahren, Aufblitzen und Zerstieben. Nett war das! Etwas bewegte
sich auf dem Tischtuch, etwas Schmales, Langes, das nie ganz verschwand.
Sie schaute prüfend nach dem gewölbten Dach der Laube. Ein Räupchen
liess sich da voller Unschuld an seinem eigenen Faden säumig herunter im
warmen Sonnenschein. Nun doch etwas besorgt, sah sie nach ihrer Tasse, ob
der Weg nicht gerade da hinein führte. Dann schaute sie wieder so
rund herum. Behaglich wars da herinnen. Grünes Licht, Sommerweben,
Mückensummen. Behaglich wars im ganzen Garten. Behaglich wars auf der
ganzen Welt. Ja, das war es. Aber ihr gehörte es nicht mehr. »Schade«,
dachte sie und lehnte sich betrachtend zurück, -- als plötzlich die
Gartentüre aufgerissen und unsanft ins Schloss zurückgeschleudert wurde
und sehr erregt Makassy über den Kies daher kam.
»Da brennts schon wieder«, dachte ärgerlich Brand und streifte zuerst
langsam und gründlich die Asche seiner Zigarre ab, um ihn dann erst mit
einer Gelassenheit zu begrüssen, die sich immer noch frühzeitig genug
kam.
Des Künstlers grosses, unruhiges Auge suchte zuerst Estella mit
alarmierendem Blick. Sein Blick war ein Ereignis jedesmal wenn er sie traf.
Dann bat er um Entschuldigung ob der frühen Störung, aber er wolle nur
mitteilen, dass er heute nicht zur Sitzung kommen könne, da er auf einige
Zeit verreisen müsse, bis an die ungarische Grenze, wo die Güter seines
verstorbenen Vaters lägen und seine Anwesenheit dringend notwendig
geworden sei behufs Regelung testamentarischer Bestimmungen.
Alle sahen aneinander vorbei, denn jedes hatte etwas zu verbergen. Der alte
Brand die Freude, die beiden andern den Schmerz.
Und um doch etwas zu sagen, erzählte Makassy einiges über ungarische
Verhältnisse und Zustände, aber keines interessierte sich dafür.
Bis endlich Brand aufstand, ins Haus hineinzugehen und dort einiges
anzugeben. --
Die Morgensonne spielte so sorglos über der Laube, indessen darunter zwei
Augenpaare schwer ineinander ruhten in bitterhartem Abschiednehmen.
Trennungsgedanken, Trennungsqual war ihm neuer, belebender Reiz.
»Ich habe Dir noch etwas mitzuteilen, ehe Du gehst«, sagte nun Estella
leise und gepresst: »Thieben wird kommen.«
Ein kleines Mücklein summte und sauste über die Tassen weg, liess
sich hastig irgendwo nieder, um gleich wieder aufzufliegen und
weiterzusurmeln. --
»So reise ich nicht«, sagte er jetzt mit fremder Stimme durch die Laube
herüber.
Sie hatte es erwartet und ein Jubel über solche Liebe stieg in ihr auf,
dass sie berauscht von ihrem Reichtum freigebig rief: »O reise nur, reise
nur!«
Er verstand sie nicht, dachte an Thieben und frug lauernd:
»Willst Du es also, soll ich das Feld räumen?« Und dann, als er ihre
schöne Freude sah, es bereuend und irreleitend:
»Ich verliere ein Vermögen, um mich nicht von Dir trennen zu müssen und
Du gebietest einfach ruhevoll: reise doch!«
Treuherzig sah sie ihn mit ihren guten Augen an und sagte, das klare
Köpfchen leise schüttelnd:
»Das ist es nicht. Dich hält ein anderer Grund.«
Da flammte er auf:
»Steck' Dir die Blumen ans Herz, zerlege und zerfasere sie nicht!«
Inzwischen kam Brand zurück, -- aber um gleich wieder umzukehren, als er
hörte, der Maler habe sich anders besonnen und bleibe hier, »seine Arbeit
nicht zu unterbrechen.«
»Es erscheint mir wichtiger, da zu sein«, sagte Makassy leichthin.
Seine Gewandtheit, der schnell veränderte Gesichtsausdruck und der so
geschmeidig umspringende Ton seiner Stimme bedrückten manchmal ihren
feinfühligen Sinn, auch jetzt. Aber schon wieder brannten seine Augen in
den ihren -- da gab es kein Besinnen mehr, sie musste mit ihm! Geblendet
schloss sie die Lider und abwehrend wie in Not streckte sie beide Arme vor
und rief:
»Ich will nicht in den Himmel schauen, wenn ich doch auf Erden bleiben
muss.« --
Sie hatte Angst vor dem unheimlichen Glanz dieser Liebe; sie hatte Angst,
sich nicht dahin erheben zu können, wohin sie diese Augen riefen.
»Was ist das Rechte?« frug sie ratlos und Niemand konnte es ihr sagen.
* * * * *
Nachmittags stand Estella am Fenster der Veranda des eleganten Hauses. Der
Privatier Brand hatte es schon verstanden, sich sein Heim mit Geschmack und
Wohlbehagen auszugestalten. Blank und schmuck stand es da im Sonnenschein
und schaute hoffärtig über den Garten hinaus auf die breite, vornehme
Strasse. Und manches Jüngere und ältere Mädchen blinzelte im Vorbeigehen
ärgerlich hinein und dachte: »Recht albern ist er doch, der Herr Brand,
dass er sich so allein in dieses hübsche Ding da setzt.«
Klematis und Jerichorosen kletterten in lustigen Gewinden tausendknöspig
an der Veranda empor und die offnen Blumen webten weisse und violette
Sterne dazwischen. Hinter den Blumenfenstern aber stand ein stilles
Mädchenangesicht.
Estella wollte auf den warten, den sie heute Vormittag so zwiespältig
verlassen hatte ..... aber ein anderer sollte ihm zuvorkommen, einer, der
dennoch zu spät kam.
Von draussen herein winkte der mit steifer Zärtlichkeit und wie ein
glückliches Kind schwenkte er jetzt mit dem Hute. So arm war das, so
traurig.
Thieben wars, gerade, hochgewachsen, freudig -- aber seine Bewegungen waren
unbeholfen und hatten nichts von der wilden Grazie und der elastischen
Sicherheit Makassys.
»Thieben kommt«, rief sie dem Onkel zu, der sich sogleich anschickte,
ihm entgegenzugehen. Langsam kam auch sie hinterher und in seiner
geräuschvollen Begrüssung konnte sie dem gefürchteten ersten fragenden
Blick entkommen.
Des alten Brand überschwellende Liebenswürdigkeit machte den Forstmann
unruhig und mit halbem Ohre hörte er die lauten Worte. Dann gingen die
beiden Männer ins Haus, »um abzulegen und sich's heimisch zu machen«,
wie Brand sagte.
Erleichtert sah Estella die beiden von dannen gehen und wendete den Blick
jetzt nicht mehr ab von der Gartentüre, bis sie endlich den eiligen
Schritt des sehnlichst Erwarteten vernahm. Es schien fast, als sei er
sorgfältiger gekleidet als sonst -- und es wollte eben ein Stück ihrer
alten Heiterkeit losbrechen, als er schon verbeugend in nachlässigem Tone
sagte, dass er sich mit dem Umkleiden verhalten habe und deshalb verspätet
gekommen sei, denn er habe Farbenflecken an seinen andern Anzug gebracht.
Ihr Gesicht war weit offen; da stand schon wieder helllichterloh die
Wahrheit, über die er so leicht hinüberkam, während ihr das nicht
gelang, -- auch wenn sie's versuchte. In den langen Jahren der Beachtung
hatte sie sich breit gemacht und häuslich niedergelassen bei ihr und war
herrschsüchtig geworden und unumgänglich.
Er schaute böse nach ihren Mienen und mit gesteigerter Übellaunigkeit
zankte er über den ekelhaften, umständlichen Apparat, den man zum
Ausüben der Kunst brauche, der ihm nächstens die ganze Malerei verleide
und von den ungezählten grossen und kleinen Hindernissen überhaupt,
die die Welt versperren und den Fortschritt hemmen. »Ketten, Knechtung
überall« rief er zornig.
Ihr Schweigen reizte ihn -- er trat nahe vor sie hin, tat ihr Gewalt an mit
seinen wilden Augen, umschloss sie mit seinem ganzen heissen Wesen und frug
schnell und erregt:
»Verstehst Du mich, kannst Du mich je verstehen?! ... Dass mir die Kraft
geblieben ist zum Trotz, zum Zorn, zum Hass, dass ich verneinen kann und
zerstören -- wie reich bin ich!« Und sich noch näher zu ihr neigend,
frug er bebend:
»Verstehst Du die Lust am Töten, Weib?«
Sie antwortete nichts und erschrocken schlüpfte sie hastig aus seinen
schrillen Augen in das blasse, ruhige Tageslicht hinaus. Und er sah, wie
sie da draussen das einfache Leben und Weben begrüsste und herzte. -- --
Da liess er sie draussen bei den Blumen und Bäumen und gab sie frei -- und
kam dann selber zu ihr.
Er bat sie, Platz zu nehmen und malen zu dürfen. »Wollen wir fleissig
sein, Estella!« sagte er schlicht. »Stelle Dich noch einmal mutig mit mir
zur Arbeit -- wie einst! Du kannst so tüchtig zugreifen.«
Sie setzte sich auf die Gartenbank unter die Haselnussstauden und errötete
bis zu den Haarwurzeln, denn sie stand beschämt vor der Kraft ihrer
eigenen Seele.
»Du köstlicher Mensch«, dachte er und konnte sich nicht trennen mit den
Augen. So schlicht sass sie da mit ihrem lichtblauen Kleide -- so einfach
in ihrem Herzen -- -- so unberührt in ihrer Seele.
»Bist Du denn glücklich, kann es denn sein? Ich quäle Dich ja nur!«
frug er bewegt.
Erfüllt, wunschlos sass sie da und hörte seine Worte.
»Du blühest immerfort aus Dir heraus, Estella«, setzte er hinzu.
Und sie atmete kaum vor Glück. Dann ging sie zurück zu all' den
unvergessenen Stunden, die sie mit ihm gelebt. Was nur hatten sie an diesem
stillen Platze alles zueinander getragen!
Was war an ihrer staunenden Seele alles vorbeigezogen! Wie er empfand und
dachte und es wiedergab, das war mit fortreissend und glänzend; er hatte
sie durch Länder geführt, weit und grossartig. -- Dann wieder hatten sie
zusammen geplaudert von den Ländern der Erde, von Bergen und Seen, von
Wäldern und dem Meere. Dem Meere zum Beispiel. Da erinnerte sie sich,
wie er einmal davon erzählte mit solcher Anschaulichkeit und prachtvoller
Gestaltungsgabe, dass sie ein schwankendes Gefühl bekam und erschrocken
um sich sah, als stünde sie auf unsicherem Boden mitten in der Flut. Er
merkte es und sie mussten beide herzlich lachen.
»Wenn Du nasse Kleider hast«, scherzte er damals, »hänge sie über den
Blütenstrauch zum Trocknen und gehe mit mir nackt über die Felder. Du
erschrickst? Hältst Du mich für so verdorben, dass es nicht in Reinheit
geschehen könnte?«
Einmal hatte sie ihm erzählt, wie schön das sei, wenn man abends im
Winter -- draussen fällt langsam der Schnee hernieder und seine
Flocken glitzern auf der stillen Erde -- in warmer Stube bei traulichem
Lampenschein sitze und sinne im Reiche seiner Gedanken spazieren gehe, da
war er ihr ins Wort gefallen: »Schön nennst Du das, wenn Dir die
Lampe über Deinem Hirne siedet, wenn die engen Wände der Stube sich
zusammenschieben und Dich zu erdrücken versuchen, wenn die einfältig
umherstehenden Zimmermöbel Dich an Dein armseliges Menschsein erinnern:
hier sitz'st Du, hier iss't Du, hier liegst Du, hier denkst Du -- auf
diesem Quadratmeter hier mit dem anregenden Tintenfass -- dazu hämmert
Dir die Wanduhr zähe Sekunde um Sekunde in die Ohren -- -- und draussen im
Schnee kommt der Nikolaus mit der Rute und entscheidet über Gut und
Böse -- -- -- schön, nennst Du das ..... schön, -- -- ach, Estella, ich
bräuchte Königsräume -- Paläste!!«
Und in des Mädchens Erinnern war die alte, singende, trauliche Lampe
seiner Mädchenstube erloschen.
Wenn er jedesmal gesättigt empfunden hatte, was er zerstört mit
grausamer Lust, dann allerdings baute er in masslosem Verschwenden und
überschwenglichem Kult ein Denkmal an die leergewordene Stelle, das nur zu
unvergänglich in des Mädchens Erinnern stehen sollte. --
Jetzt sahen beide Brand und Thieben aus dem Hause kommen. Estella beeilte
sich, aus ihrem Innern herauszukommen, um fest in der äusseren Situation
zu fussen.
Zuerst allgemein notdürftige Begrüssung, -- dann bat Makassy, weiter
malen zu dürfen, was man zuerst nicht verneinen wollte.
Allsogleich drehte sich das Mädchen um, das aufgestanden war und eilte
erleichtert der Gartenbank zu; es vergass Thieben gänzlich in diesem
Augenblick und wie es sich setzte und niederliess vor dem Künstler in
der kindlichen Freude einer wohlbekannten, längst vertraut gewordenen,
heissgeliebten Gewohnheit und wie es zu ihm aufsah -- das war ein solch
restloses Sichwegschenken, eine so grenzenlose Hingabe an eine wunschlose
Gegenwart, dass der Forstmann, der Estella nicht aus den Augen gelassen
hatte, es mit stummem, rasch um sich greifendem Schmerze sah. Jetzt
bemerkte er auch das um einen Schatten trüber gewordene Gesicht und das
inwendige Auge, das nicht mehr den sicheren, stets anwesenden Blick von
ehedem hatte.
Alles dies sah er.
Der grosse, starke Mann mit dem erzenen Antlitz musste sich schwer auf
den Gartentisch stützen -- -- und dabei versuchte er, sich sein Forsthaus
vorzustellen -- ohne sie.
Makassy hatte ihn beobachtet; es war ein Schmerz, stolz und stark getragen,
das musste er zugeben, und er hielt angstvoll die Geliebte durch Blicke
an sich, damit sie es nicht wahrnehmen und in ihrem guten Herzen kein
wärmeres Gefühl aufkeimen möge, das er ihm missgönnte.
»Ich meine«, fiel der Onkel in das Schweigen, und es war ihm dabei, als
hielte er eine grosse, feierliche Rede, »es wäre doch besser, mit dem
Malen heute auszusetzen.« Er hatte Angst, mit Thieben allein zu sein. Und
so ergab sich ein freudloses Umhersitzen auf den Stühlen und Bänken, eine
gezwungene Höflichkeit, ein kaltes Lachen und verschlossene Mienen -- --
bis endlich, endlich der Abend kam und der Forstmann sagte, dass er heute
noch zurückfahren werde.
* * * * *
Da sass er nun im Wagen, der ihn seiner verödeten Heimat entgegenführen
sollte. »Was wird sie für ein Schicksal haben?« dachte er immerzu, als
er mit sich selber notdürftig zurechtgekommen war. Er wusste sich keine
Antwort oder nur eine trostlose. Makassys Art war ihm fremd, beängstigend,
ohne Gewähr, wie gleich das erstemal, als er ihn sah.
Schwerfällig stieg er aus und ging dem hochgelegenen Wohnhause zu, um
das es so einsam war und um das die hohen dunkeln Bäume melancholisch
rauschten. Dort oben in seinem Hause, in dem Erkerzimmer mit den vielen
hohen Fenstern wollte er einst ihr Bild haben, das er sich heute bei dem
Künstler erbitten und bestellen wollte. An der hellen, lichtreichen
Wand dort hätte es hängen müssen und später einmal, in einem Jahre
vielleicht -- wären sie davorgestanden, sie beide, Hand in Hand und
lächelnd hätte er gesagt:
»Jetzt ist mein einstiges Schmerzenskind auch bei uns, es ist alles so gut
geworden.«
* * * * *
Der flimmernde Sternenhimmel spannte sich über die nächtigen Hügel des
Schwarzwaldes bis weit fort über die Buchenwellen des Württembergschen
Landes und weiter über die kleine, alte vergessene Stadt, in der zwei
Menschen auch ruhelos nach ihm hinaufsahen. Nicht in selbstvergessenem
Träumen, sondern in bangem Suchen nach einem Ausweg. Beide wussten nur zu
gut, dass es so nicht bleiben könne. Der Gedanke an die nächste Zukunft,
an die Gestaltung des äusseren Verkehrs oder gar an eine Ehe war ihnen
beiden noch nicht in den Sinn gekommen. Ihr Streben und Weiterdrängen lag
auf andern Wegen.
_Sie_ hatte ihr ganzes Sein und innerliches Leben still in seinen
Dienst gestellt; es sollte dazu sein, ihn über Hemmnisse wegzuführen und
dadurch vorwärts zu bringen -- und dabei selber an ihm emporzureifen. Und
_er_, er hatte tausend Pläne aufgebaut und tausend umgeworfen, --
nur eines hatte er stets gewollt und es war stets das Gleiche geblieben: er
wollte seine Seele ausruhen an dieser kühlen, schönen Reinheit -- -- und
dann? Wollte er sich dann mit verdoppelter Lust ihre schlummernden Sinne,
ihre ganze Herbheit wach und lebendig küssen -- und was dann?
So frugen sich heute Beide in dieser funkelnden Sternennacht, die in
erhabenen Ewigkeitsgedanken träumend über der Erde hing. --
* * * * *
Am andern Morgen, schon ganz frühe, trieb es Makassy vor das rote Tor zu
Brands Villa.
Da lag in keuschem Morgenschlummer das ganze ihm so teuer gewordene
Besitztum. Durch den tauigen Garten lief -- ach so wohlbekannt -- der
schmale, heckengesäumte Fussweg, der zu der schmucken Eingangspforte der
Villa führte, die heute noch verschlossen und abweisend das behagliche,
ruhende Haus beschützte.
Wie kam er nur aus weiten Fernen auf dieses verborgene Stückchen Erde, das
da so wohlig und friedlich hinter der lauten, lärmenden Welt emporgeblüht
war?
Die Blumen, die Hecken, die Bäume, das Haus selbst mit seinen leichten
Giebeln und luftigen Schornsteinen, das hatte alles etwas so frisch
Aufstrebendes -- es wuchs aus der Erde und stieg unvermittelt zum Himmel
auf. Da heraus war Estella geworden, da hinein war sie geschaffen -- dort
hätte er sie lassen sollen.
Aber er konnte nicht. _Konnte_ nicht?
Jetzt -- ein Augenblick des Mutes -- drang er rücksichtslos in sich hinein
und riss das letzte, verschlossene Tor vor seinem Innern auf und sah mit
hellen verwegenen Augen hinein, -- das verschob er immer und immer wieder,
denn er fürchtete sich vor dem, was er sehen würde, -- -- -- und es
stand vor ihm mit unverhüllter Klarheit: Er _wollte_ auch nicht. Da
drinnen, da hatte er sich selber wieder gefunden. Das war doch eigentlich
erst er selbst. Der Echte, Wahre, Sichere. Alles andere war ein
künstlicher Zustand gewesen, ohne Lebensfähigkeit.
War es nicht am Ende komisch, wie er sich mühselig bückte nach der
Waldquelle, um einen Schluck Wassers, er, dem man die schäumenden Becher
kredenzt?!
Hastig drückte er auf die Klinke der Gartentüre, als wollte er eilends in
diese schützende Umfriedung gelangen und fliehen vor sich selbst, vor dem
Gespenst des Hohnes, das ihm so manchmal schon im Leben zerstörend über
den Weg gelaufen war.
Und wie ein freundliches Wunder war es, als sich jetzt die schwere, eichene
Haustür öffnete und warm und weich die geliebte, traute Mädchengestalt
dahinter erschien und aller Qual mit einem Mal ein Ende machte. Von ihrem
Gesichte hatte der junge Tag noch nicht so ganz Besitz ergriffen; es
herrschte auf ihm noch unüberwunden die vergangene schwere Nacht.
»Was ist Dir, Estella?« frug er. »Es war eine seltsame, grüblerische
Nacht, nicht wahr? Musst Du Dich auch erst mit dem Tag befreunden, -- musst
Du Dich des morgens auch erst von neuem an die Welt gewöhnen?«
»_Dieser_ Tage schon«, sagte sie lächelnd, »denn ich werde Dich
entbehren müssen. Denke, Onkel will auf einige Tage verreisen, da kannst
Du nicht kommen.«
Beide gingen vor jedem weiteren Besinnen zu ihren alten schützenden
Haselnussstauden, hinter denen sich schimmernd und glänzend die mächtigen
Linden und Pappeln in die Morgenluft hinausdehnten. Sie trugen ihre Liebe
aus dem offenen Tage in ein Refugium, denn sie war nicht mitteilsam, nicht
laut und heiter.
War das ein Lachen und Lustigsein sonst oft, wenn eine junge Braut in
dem kleinen Städtchen war oder ein Liebespaar auf dem Wallweg oder dem
Tanzplatz zusammenkam!
Immer mehr hatte sich ein schwerer Ernst über ihre Herzen gelegt und immer
erdrückender wurde diese Last. Wenn ihre Augen ineinander lagen, waren
sie ohne dies glückliche Festtagsgefunkel junger Liebe, sondern von fast
drohendem Ausdruck.
Als ganz junges Ding hatte sie sich die Liebe so lustig gedacht, wie nichts
auf der Welt. Schöne Kleider. Bänder. Rosen. Ein lachend Gekose.
Es war anders gekommen. Wenn sie Makassy in den Arm nahm, war die
Heiterkeit über alle Berge. Düsteres Ringen; schmerzende Umarmungen. Und
dennoch harrte sie ihnen entgegen, wie die herben Frühlingsknospen der
Sonne. Aber es war eine sengende Sonne. --
Mit stiller Wärme und Eindringlichkeit, die ihr wertvoller, weil
bleibender erschien, frug er nun bei den Haselnussstauden:
»Glaubst Du, dass wir Tage vergehen lassen könnten, ohne uns zu sehen?«
»Es wird aber dennoch so sein müssen, Du kannst nicht kommen in das
herrenlose Haus, -- und auf den Strassen herumschleichen, das will ich
nicht!« sagte sie gepresst.
Da tat er einen Schritt zu ihr hin und flüsterte ihr zu: »Dann kommst Du
zu mir -- wir können ja doch nicht ohne einander sein«.
Sie erschrack so heftig, dass sie unwillkürlich von ihm zurückwich.
»Was fürchtest Du?« frug er schnell und gespannt.
»Mich nicht -- und Dich auch nicht,« erwiderte sie kühn und aufgeregt.
»Also die Leute!« höhnte er. »Da hast Du recht; sorge nur, dass Du vor
denen bestehen kannst, dass sie Dir mit ihren goldenen Fingern wohlwollend
auf die Schultern klopfen und Du ja nicht anders seiest als sie.«
»Willst Du mich zum Kommen zwingen? Nimmst Du's so entgegen? Braucht es
nicht Geschenk zu sein?« frug sie hastig zurück.
»Einerlei .... wenn Du nur kommst .... wenn ich Dich nur habe! Wenn wir
zusammen sind, dann sollst Du mir sagen, warum Du gekommen bist! -- Komm'!
Komm' auf ein paar einsame, weltvergessene Stunden in mein stilles Atelier.
Wir wollen Erinnerungen feiern und alles Gewesene wieder auferstehen
lassen. Weisst Du es noch, Geliebte, auf dem Künstlerfeste -- da war
unser Tanzen wie ein Träumen unter den schimmernden Glühlichtern und den
taumelnden Bäumen? Das war das Rechte!«
In seinen Augen war ein Locken und Winken und Verheissen, das sie
bestürzte und zugleich reizte, diese wilden Flammen zu löschen.
»Ich komme nicht« schrie sie auf in Angst und Trotz, als hätte sie noch
jemand anderen davon zu überzeugen als ihn allein.
»Warum nicht?« frug er rasch.
»Ich komme nicht, weil ich mich schämte vor Dir, so ohne Willen zu
sein,« antwortete sie.
Sachte hob er ihr Köpfchen in die Höhe und suchte ihre Augen. Mit
Vertraulichkeit in Ton und Blick fuhr er fort:
»Estella, kann zwischen Dir und mir etwas sein, dass uns zu trennen
vermag?«
Da geschah Unerwartetes.
Fast brutal rief sie vor sich hin, mit kaltem, hartem Gesichte:
»Wann soll ich kommen, -- um Mitternacht mit den Dieben und Dirnen?«
Er horchte auf; -- befriedigt glaubte er zu erkennen, dass sie unter
seiner Macht litt und dies ein zorniges ohnmächtiges Wehren, der gequälte
Aufschrei eines untergehenden eigenen Willens war.
»Komme, wenn es Abend ist!« sagte er jetzt. »Um 9 Uhr -- -- wie
gleichgiltig kann es Dir sein, ob neben Dir ein Dieb geht oder ein König.
Die _eigene_ Majestät, Estella!!! Siehe, Du schütztest Dich einfach
durch die Dunkelheit vor den Blicken der Menschen, die Dich doch nicht
verständen, wenn Du ihnen auch sagtest, was für einen schönen Gang Du
tust. Denn schön nenne ich diesen Gang zu mir. Er ist ein Darleben Deiner
Liebe, das mit Überwindung geschieht. Also habe Mut und komme!«
Angstvoll abbrechend sagte sie: »Ich binde mich nicht .... ich binde mich
nicht ....« und setzte sich hastig auf die Gartenbank, ihn damit zum Malen
auffordernd.
Er selber wollte heute noch energisch vor seine Kunst treten, nachdem
er auf Tage davon abgehalten werden sollte und folgte ihrer stummen
Aufforderung.
Und dann musste er sich auch von dem jungen Weibe befreien -- am Ende
hätte er es erschreckt durch seine Eindringlichkeit und abwendig gemacht
-- und dazu bot die Arbeit die einzige Möglichkeit. --
Als er prüfend und vergleichend das Bild übersah, fiel ihm der starke
Kontrast zwischen Porträt und Wirklichkeit auf.
Das eine ein lachendes, sorgloses Mädchengesicht, das andere ein
innerliches, gedankenschweres Antlitz.
»Es stimmt nicht mehr, nicht wahr? Ich bin so nach und nach aus dem Lachen
heraus- und in das Weinen hineingekommen,« sagte sie still und dachte:
»Da baut man sich in Jahren stolze Gedanken mit seinem Verstande auf,
-- es kommt ein einziger Sturm als Wandler aller Dinge. Denn die Gedanken
waren nicht tiefgründig, weil nicht im Herzen, im eigenen Mark gewurzelt.
Übernommenes -- nicht Selbsterworbenes, aus sich selbst Gewordenes, mit
eigenem Herzblut getränkt -- darum hat sie alle der Sturm verweht.«
Er trat jetzt weit zurück von dem Bilde und betrachtete es gleichsam
als Fremder. Es war nicht gut. Starr und steif wie eine Mauer waren das
lachende Mädchen und die grünen Stauden in einander gemörtelt -- und
die ganze lichte, leichte Frühlingsseele lag darunter begraben. Träge,
schwere Farben. Wie waren seine Bilder sonst oft aus einem Guss, voll
rücksichtslosem Trotz und Mut. Aber hier war es, als hätte nicht einer
gemalt, sondern viele, und keiner mit ganzer Kraft.
Allein selbst diese Erkenntnis konnte ihn heute nicht betrüben; er war zu
voll der Erwartung auf morgen. Morgen -- ja -- --
Der Gedanke, dass dieses junge, reine, feine Mädchen zu ihm kommen würde,
erregte ihn immer mehr. Dieses Vertrauen war doch ausserordentlich, nachdem
sie ihn kannte und liebte.
»Ich will es Dir danken,« dachte er und kam sich vor wie ein seltener
Mensch -- -- dann aber auf einmal gingen die guten schönen Gedanken
ums Eck herum und kamen in eine andere Strasse und bekamen eine andere
Richtung.
»Es wird das Vertrauen auf sich selber sein,« überlegte er, »dass sie
mir in mein Haus kommt« und zwinkerte die Lider zusammen als wollte er
diese neue, abkühlende Erwägung ungestört vor sich haben. Und kaum hatte
er sie ins Auge gefasst, erschien sie ihm sympathischer, reizvoller, --
weil kampftauglich ..... entbindend .....
Die Sammlung zum Malen war dahin. Estella erhob sich -- abschliessend.
Es war nicht mehr das Alte. Es schien ihr vieles umgeworfen, was von jetzt
an unbeachtet am Boden liegen würde. Schöne, innere Dinge von stillem,
grossem Werte. Zertretene Blumen, über die man achtlos hinwegsteigen
würde, einem gleissenden Ziele zu.
Sie bat ihn zu gehen und sich vom Onkel zu verabschieden. Schweigend
schritten sie durch den Garten zurück ins Haus.
Ringsum Rosen. Von allen Stöcken und Stauden funkelten sie rot und
leuchteten weiss und dufteten aus tausend Kelchen. Das Violett des Flieders
war lange gegangen, auch die Flammen der Pfingstrosen waren erloschen. Das
feine Gras des Rasens lag zum ersten Mal geschnitten in der Sonne und sein
würziger Geruch mischte sich unter den Blumenduft. Winzige Äpfelchen, aus
den Blüten geboren, lugten schon durch die Blätter der Obstbäume.
Die Verabschiedung von Brand war schnell erledigt; allzu grosser
Trennungsschmerz verlängerte sie nicht. Die beiden Männer waren sich in
den langen Wochen nicht um einen Schritt näher gekommen.
Makassy sagte nun zu Estella sehr vernehmlich: »Adieu und auf Wiedersehen,
wenn Herr Brand wieder zurück ist,« und leise ..... so ein wenig
leichthin ..... zwischen den Zähnen durch:
»Morgen um 9 Uhr.«
»Wie wenn das selbstverständlich wäre,« dachte sie zornig. Nichts
erschien ihr überflüssiger und hätte ihr peinlicher sein können
als diese Art routinierter Vertraulichkeit, die gar so gemütlich und
zuversichtlich Arm in Arm mit ihr ging.
Und es fiel ihr auf einmal der Unterschied auf, der zwischen ihnen war. Sie
erschien sich reiner, anders als er, fasste sich selber wieder ins Auge
und fiel sich auf in ihrer Sauberkeit -- sie lauschte sich nach -- und fand
sich beglückt und erleichtert dadurch selber wieder.
Als er schon längst gegangen war, hielt dieses Staunen über sich selber
noch an. Das war ja noch die alte Estella mit dem klaren, hellen Kopfe, der
sich so leicht und fröhlich trug!
Und voll Kraft und Freude war sie auf die eignen Füsse gesprungen in
dem köstlichen Bewusstsein wiedererlangter Selbständigkeit. Diese
entkräftende Benommenheit war gewichen, die ihr jede freie Entscheidung
aus den Händen rang. So musste sie nicht -- so konnte sie! -- -- --
Voll schüchternen Jubels eilte sie in den Garten, von da in ihr Stübchen,
wieder hinunter in das Musikzimmer -- und riss die Türen hastig auf als
brächte sie freudige Botschaft, als wollte sie sich zeigen in ihrer neuen,
eigensten Gestalt.
»So war ich,« dachte sie »so will ich wieder werden.«
Fast heiter begleitete sie später den Onkel auf den Bahnhof und fand alles
auf dem Wege dorthin so fremd geworden und doch so vertraut und es klopfte
ihr zaghaft auf die Schultern und frug leise: »Kennst Du mich noch?«
Diese gute alte Strasse mit den frommen Gärtlein zu beiden Seiten und
den steifen, braven Laternen dazwischen, -- und dort drüben das
»Löwenhaus«. Das kleine, ängstliche Häuslein mit der grossen
fensterlosen Wand, die einst so festlich schön gelb gestrichen sein
musste, deren Farbe jetzt aber in einander geflossen war und als
Wahrzeichen einen grossen leuchtenden Flecken hinterlassen hatte, der wie
ein springender Löwe aussah. Sie hatten es das Löwenhaus genannt. Und was
war am Löwenhaus schon alles! Da traf man sich -- alle Jugend -- zu
einem interessanten Spaziergang, da klatschte man ein wenig in wohligem
Einverständnis, da stand man kichernd und verabredete sich zum nächsten
Gartenfest, ob die Schleifen im Haar blau seien oder rot, -- -- es war am
Ende alles so gleichgültig -- aber was ist es nicht? -- doch heiter wars
und ohne Arg -- und die weisen Gedanken blieben jedem unbenommen.
Sie waren zum Bahnhofe gekommen und bevor Brand in den Wagen stieg, frug
er:
»Hast Du mir gar nichts zu sagen und gar nichts mit auf den Weg zu
geben?«
Da begriff sie, wohin es ihn trieb. Er wollte Gutes tun, aber sie hatte
nichts hinzuzulegen.
Als sie dem Zuge noch eine Weile nachgehorcht, bis er verdröhnte und
verhallte, ging sie langsam wieder nach Hause zurück. Immer stiller.
Immer trüber. Immer trauriger. All der schöne Jubel war verflogen und die
schwere Leidenschaft dieser Liebe breitete allmählich wieder die dunkeln
Fittiche aus und verscheuchte das zaghafte Stücklein Sonne, das sie so
stürmisch begrüsst hatte.
Wieder war sie in die stille, alte Strasse gekommen, die aber hatte ihren
Glanz verloren.
Von Ferne hörte sie Stimmen. Als die näher kamen, sah sie, dass es
Bekannte waren, einige ältere Frauen. Plötzlich blieben sie zaudernd
stehen; erst unschlüssig, dann streckte die Eine den Arm vor, deutete
auf die andere Strassenseite -- und gleich darauf gingen alle drei unisono
hinüber.