Hilflos spannte sie auf diesem Heimwege ihr zartes Wesen weit über ihre
Kräfte hinaus. Sie suchte sich ängstlich und verzweifelt über sich
selbst hinauszusteigern, hinaufzuheben.
Sie wurde laut und unnatürlich, ihre Bewegungen waren wild und aufgeregt
-- sie betrog sich damit um all ihre ureigenste Schönheit.
Sie jagte ihm nach, sich verlierend, angstvoll, verhetzt -- -- und
sie hatte ihn doch zu sich herüberziehen wollen. Und er sah nur das
Unzulängliche, das Verdorbene -- nicht die Qual, nicht die Angst, nicht
die Liebe.
Als wenn ein Kind sagte: »Mutter, ich trage Dich, wenn du nicht mehr gehen
kannst«; die eine Mutter wird glücklich sein und antworten: »Wie gut
von dir; hast du mich so lieb!?« Und die andere wird sagen: »Wie dumm von
dir. Fühlst du nicht, dass du zu schwach dazu bist!?« -- --
Bevor sie auseinandergingen, nahe beim roten Tore der alten verwitterten
Stadtmauer, da riss er sie in seine Arme -- über alles weg was war; er
küsste sie wie von Sinnen und eine wilde, ausirrende Sehnsucht stand in
seinen Augen.
Und wieder wollte sie sich wehren und aufschreien: »Ich bin Estella Brand,
weisst du, dass ich es bin?« Und wenn er es bejaht hätte, wie glücklich
wäre sie gewesen! --
Als sie endlich nach Hause kam in ihr Zimmer, liess sie sich schwer und
todmüde auf ihr Lager fallen. War das wirklich nur ein einziger Tag, der
hinter ihr lag?
»Wir leben zu schnell, es wird bald zu Ende sein«, dachte sie mit
Entsetzen.
Als sie aber eine Zeitlang ruhig lag und der müde Körper sich erholte,
zogen auch durch das zerquälte Hirn ruhiger die Gedanken. Sie überdachte
alles, Stunde um Stunde, was sich heute zugetragen. Auch das Schöne darin
-- -- und immer mehr das Schöne. Es ist etwas so Rührendes um ein junges,
elastisches Menschenherz.
Sie dachte an ihn; sie dachte an das Faszinierende, das von ihm ausging;
an sich, an das wilde Stürmen, das ihr klares Wesen durchrüttelte und
durchtobte, in dem sie mutig, staunend Stand hielt. -- Alles, was er tat
und sagte und unterliess, und wie er es tat und sagte und unterliess, war
neu und eigenartig, von einem bestrickenden Reize und gleichsam mit Einsatz
seiner selbst.
Sein Liebkosen war ein Quälen -- und sie liess es geschehen, war erfüllt
davon, währenddessen er immer unersättlicher wurde an ihrer wunschlosen
Herbheit.
Wird er nicht bald fordern kommen, dass auch sie gebe, war er nicht schon
gekommen und wird sie dann geben können?
Es fiel ihr ein, wie sie sich heute hinausmühte über sich selbst, wie sie
einmal förmlich zu ihm hinschrie -- es war am letzten Teil des Heimwegs,
als schon das alte Städtchen in seinem Abendfeiern vor ihnen auftauchte,
unweit dem roten Tore -- da hatte sie hingeschrien zu ihm:
»Sieh, die Sonne ist fortgegangen!«
Es hatte wahrhaft deklamatorischen Schwung und polterte wertlos und
unbeholfen durch den leisen Abend. Wie verkehrt das war. Sie hatte es an
seinem Gesichte deutlich gesehen, wie es irritiert aufzuckte.
Sie musste lachen und schämte sich ein wenig dahinter -- und lachte
dennoch -- und Tränen stiegen ihr in die Augen -- -- und Tränen fielen
über die Wangen -- -- -- und aus dem Lachen war ein Weinen geworden.
* * * * *
An einem der kommenden Tage war es, dass zwei Ereignisse dieses äusserlich
so ruhig fliessende Leben durchkreuzten. Als Estella am Abend mit ihrem
Onkel beisammen sass, er sehr heiter und wortreich, sie mit einem schwer
verhaltenen, übervollen Herzen, nur mit Anstrengung Worte der
Erwiderung findend, erinnerte er sich plötzlich, dass die eingelaufene
Tageskorrespondenz noch durchzusehen sei.
Das Mädchen brachte sie ihm und riss in Gedanken schon geizig die Zeit
ungestörten Nachdenkenkönnens an sich.