Sie schwieg; sie wollte nicht hören. --

Bald darauf umfing sie der Wald; er begann hier sehr jäh. Da war noch

die sonnige Halde und dort schon standen die trotzigen Tannen in finster

geschlossener Reihe. Es gibt oft ein so allmähliges Übergehen in den

Wald, wo zuerst Büsche und Sträucher vermittelnd und vorbereitend

entgegenkommen und uns sachte hineingeleiten -- aber da war es wie das

Eintreten in einen Dom, in dem man mit einem einzigen Schritte aus grellem,

buntfarbigen Leben stehen kann.

Makassy stand im Walde und wandte sich nach ihr um, die sie noch draussen

war im Sonnenglanz. Doppelt erschien sie durchleuchtet, von der Sonne und

der eigenen Seele. Das rosige Tüllgewand, das sie heute wieder trug, und

das lichte Haar folgten leise der Richtung des Windes wie die Blüten alle

um sie her. Es war ein gemeinsames Flattern und Fliegen und Neigen nach

vorne, denn der Wind ging dem Walde zu und nahm die leichten Falten des

Kleides, die entfesselten Wellen des goldenen Haares und die erschrockenen

Köpfchen der Blumen mit sich.

»Schau,« sagte sie lächelnd mit einer solidarischen Bewegung über die

Blumen weg, »wir wollen alle zu Dir!« »In die Dunkelheit« rief er und

beobachtete ihre Mienen. Aber sie umging die Antwort auch diesmal.

Rasch betrat sie den Wald, um sofort weiterzuschreiten, vorbei an ihm, --

den Onkel einzuholen. Makassy jedoch ging gleichen Schrittes mit ihr

und behütete sie ängstlich, sie hier von irgend einem kleinen Abhang

zurückreissend wie vor einem Abgrund oder ihr dort über eine harmlose

Baumwurzel helfend, wie über das schwierigste Hindernis. Aber das konnte

sie nicht freuen. War das wirklich nichts als Sorge um sie? Es geschah mit

einer Heftigkeit, die ihr zu stark erschien für diese winzigen Gefahren.

Warum tat er das?

Er wusste Antwort. Lust war es -- -- und Angst. Lust, sie zu berühren,

Angst sie zu verlieren. Seine unglückselige Art liess ihn sie umlauert

sehen von Gefahren. Er zitterte um sein junges Lieb, von dem er so viel

erhoffte.

Erhoffte für sich. Selbsterrettung, Lust zum Kampfe mit all' dem

Stagnierten, Verwesenden in ihm. --

Weiter gingen die Gedanken.

Sollte er wirklich das alles aufrütteln zum Leben, was so faul und träge,

sterbend schon, in dem Satz des Bodens lag? War das nicht unbequem und ohne

Freude?

Und weiter gingen die Gedanken.

Auferstehung! -- Wie pathetisch für einen Makassy! -- Mit neuem Hemdkragen

und frischgeputzten Zähnen zum Halleluja singen -- --

Aber hinter seinem zynischen Hohne lauerte die Furcht, ganz klein. Die

wollte er nicht sehen. Ihm fehlte der Mut zur Reinheit, -- er wusste nichts

anzufangen damit. -- Das war's. --

Indessen waren sie mit dem alten Brand zusammengekommen und unterhielten

sich mit ihm. Estella schob ihren Arm in den seinen, obwohl er, nicht

gewöhnt an Frauennähe, etwas steif in solchem Falle war und erst wieder

doppelt herzlich wurde als sie ihn wieder freigab.

Aber sie hatte sich in den kurzen Augenblicken erholt an diesem Gleichmass,

dieser Unerschütterlichkeit einer geklärten Natur. »So von einem

Ruheplatz aus über das sturmgepeitschte Meer schauen,« dachte sie, »muss

auch schön sein -- aber inmitten der Wogen ....« Erschrocken über ihre

eigenen Gedanken irrten ihre Augen zu Makassy hin. »Was er nur hat, -- er

wird immer seltsamer,« grübelte sie. »Er macht so müde, ich kann ihm

kaum folgen, -- ich werde den Boden unter mir verlieren -- doch was liegt

daran, wenn ich nur mitkomme -- wenn ich nur mitkomme ...!«

Sie hatten sich wieder von einander entfernt.

Brand war stehen geblieben und vertiefte sich in die jungen, hellgrünen

Ansätze eines Tannenbaumes und wunderte sich, dass dieselben in seinem

Garten noch nicht so weit waren. Dass sie in des Pastors Garten zum

Beispiel zurück waren, beunruhigte ihn nicht. »Ein Garten ist eben kein

Wald« hatte er neulich erst begütigend zu ihm gesagt. Aber _sein_

Garten, -- das war schliesslich doch etwas anderes.

Die beiden anderen waren weitergegangen. Makassy, der dieses Einhängen

des Mädchens in Onkels Arm misslaunig beobachtet hatte, liess es rauh an:

»Suchst Du Zuflucht? -- Du gehörst zu mir, wisse das!«

Da war sie ganz nahe zu ihm getreten und stellte sich wohlig an die

leichtentflammte Glut dieser Leidenschaft.

»Küsse mich,« herrschte er sie an und riss sie mit wilder Geste an sich

und sich aufreckend fuhr er fort:

»Initiative, Weib! Ich dürste darnach!«

»Siehst Du«, rief sie in wachsendem Schmerz, »siehst Du, ich bin nicht

der mächtige Baum geworden -- ich bin verbildet und verschnitten --

verstümmelt bin ich -- --«

Aber er hörte ihre Worte kaum, er hatte sich berauscht und vergessen an

der Nähe ihres blühenden Leibes und küsste sie ..... küsste sie .....

Bei ihr führte der Weg von innen heraus; langsam, Schritt um Schritt.

»Vergiss mich nicht, wenn Du mich an Dein Herz nimmst!!« rief sie

erschrocken.

Der Wald um sie her rauschte vor Pracht. In die dunkeln Tannenwälder

hatten sich Eichen- und Buchenstände eingeschoben. Es war ein Zittern und

Schwanken von Licht und von Schatten, ein irres Hüpfen von Sonnenflecken

und -Streifen und -Kreisen ringsum.

Und langsam führte sie der Weg aus diesen lebensvollen Wäldern in einen

ganz anders gearteten uralten Lärchenhain, der wie ein vergessenes,

stehengebliebenes Stück Welt, das das Sterben übersehen hatte, aus

langvergangenen Zeiten anmutete.

Zerfetzte, silbergraue Lärchen standen riesenhoch wie die dräuenden

Greise des Waldes auf dem graubraunen, verdorrten Grasboden und streckten

ihre dürren, vertrockneten Arme gespenstisch in die Luft. Rötlich

schimmerte es durch die Risse und Rinnen der dicken, violetten,

zerborstenen Rinde der Stämme und da und dort sickerte eine schwere,

grosse Zähre durch sie und rann langsam, langsam zur Erde nieder -- oder

blieb erstarrt auf ihrem mühseligen Wege stehen. Und mächtigen Adern, die

noch ein spätes Leben fristen, glichen die Wurzeln der Bäume, die aus dem

Boden gequollen waren und die ein uralter, graugrüner Schimmel umzog. Aus

den abgestorbenen, bleichen Ästen ohne Rinde und Laub wucherten weisse

und gelbgrüne Flechten und wehten graue, lange Bärte, in denen die

abgefallenen, rostigbraunen Nadeln zitternd hingen. Und nur an manchen

Spitzen dieser entnadelten, filzig umwachsenen Zweige waren noch einige

stehen gebliebene Nadeln, die wie durch die Patina stiller Jahrhunderte zu

steifen, blaugrünen Sternchen erstarrt schienen.

Ein Windstoss fegte über den Wald, dass es das verdorrte, gelbe Gras,

das wie auf verlassenen Gräbern lag, knisternd in die Höhe hob, dass

die dürren Äste klappernd aneinanderschlugen, die modrigen Bärte wilder

wehten und ihnen die rostigen Nadeln klingend entfielen, dass ein paar

aufflatternde Vögel kreischend den Wald verliessen und ein schwarzes

Eichkätzchen erschrocken über den verfallenen Weg huschte.

Die drei Menschen standen ganz klein und verloren in dem hohen, seltsamen

Walde.

Das gesunde, furchtlose Mädchen wehrte sich am ersten gegen seine Macht.

All' seine Klarheit erhob Protest gegen dies düstere Grauen.

»Sing ihm ein Lied zum Trotz«, raunte es Makassy zu.

Und der schlug innerst erleichtert sogleich ein, langte eilig zurück nach

einer der alten, fast vergessenen Weisen -- hub zu singen an, wie kein

Anderer singt -- -- und sein Lied zitterte heiss und hastig durch den toten

Wald. Es schlüpfte zwischen den dürren Ästen durch, streifte die alten,

vertrockneten Bärte, lief über die knisternden Grashügel weg, flog zu

den kahlen Wipfeln hinauf, huschte durch die Moose und Flechten und sprang

über den verlassenen Weg.

Es rast im Tanze

Das wilde Weib.

Es lockt im Glanze

Ihr schöner Leib.

Züngelnde Locken

Umspielen die Brust.

Rundum hocken,

Entfacht in Lust,

Männer und Frauen,

Die trunken schauen.

Alle die Lichter

Schieben sie nah,

Gier'ge Gesichter

Man da sah. --

Doch auf einmal -- o Entsetzen! --

Löst sich der Schleier

Und die Fetzen

Fangen Feuer!

Alle johlen,

Nur einer stürzt hin.

Der musst' verkohlen

Samt der Tänzerin. --

Wer voller List

Blos hat geschaut,

Entkommen ist

Mit heiler Haut.

Sie hatten den Wald vergessen. Sie waren voll des Liedes.

Makassy schien in der Ferne zu sein. Estella lauschte mit angstvoll

gespannten Sinnen weit über das Lied hinaus. Da war etwas, das sie

erschrecken liess; etwas Wildes, Dämonisches, zu dem sie sich nie erheben

konnte. Da war etwas Ursprüngliches, Elementares, das ihr fehlte, eine

glühende Sinnlichkeit, die sie nicht kannte.

Da war ein Strom, stolz und grossartig, der sich durch Felsen brach -- hier

ein dünnes Bächlein, das verzagt um alle Steine lief. --

Brand ärgerte sich über das Lied, an seiner faktischen, praktischen Natur

scheiterte dessen Poesie; auch genierte ihn dieses nackte Frauenzimmer, das

da so zügellos um ihn -- den Privatier Brand -- herumhüpfte.

Als sie endlich den Wald verliessen, war es spät geworden und leichter

atmend betraten sie die freien Höhen.

Es schien fast, als wollte an diesem Tage die Natur selber sich überbieten

in verschwenderischem Geben. Denn sie schickte dem reichen Tage einen

märchengleichen Abend nach.

Feierlich langsam rollte die Sonne, die feurige Kugel, die blauschwarzen

Hügel hinunter und schickte dann einen Gruss zurück, der das weite,

abendliche Land noch einmal weckte aus seinen Sommerabendträumen. Eine

blutrote, mächtige Flamme schlug auf am Horizonte und die Hügel alle und

die schweigenden Dörfer und Felder und Wälder, die schwer und dunkel in

dem Tale lagen, erhoben sich langsam zu einem neuen, anderen, verklärten

Leben. Sie waren jetzt wundersam durchglüht und ihr violettes Leuchten

warf einen nebligen, flimmernden Schein rings um sie in den weiten,

magischen Feuerschein, der wie eine erstarrte Lohe über der trunkenen Erde

stand.

So ruhte die grosse, stille Welt in verklärtem Lichte.

Allmählich begann ein langsames Umfärben, bis das tiefe Rot des

Horizontes in ein dunkelgoldenes Orangegelb hinübergesunken war und alles

weit umher träumte in vergeistigtem Sein.

Jetzt schwebten die Hügel der Erde, immer körperloser werdend, wie

verwehende Silhouetten, als hätte das Glühen sie ausgeschmolzen und

wesenlos gemacht; -- und allumher begannen sich langsam wieder Farben

und Lichter zu lösen und verschwanden allmählich in dem dunklen, kalten

Weltenraum.

Brand und das Mädchen waren vorausgegangen. Fest und sicher zeichneten

sich ihre schwarzen Umrisse in den hellen Horizont. Die Jugend mit den

schwellenden, zaghaften Linien; starr und hart das Alter. Hier der junge,

werdende Mensch, dort das gewordene, unbewegliche Alter.

»Du Junge«, dachte der Maler, »renne nur mutig den hohen Berg hinauf,

der vor dir steht. Bis du da droben atemlos ankommst, bist du von selber

müder und stiller geworden und kannst ruhiger den enttäuschenden Anblick

ertragen, der sich dir bieten wird. Du hast gemeint, da droben sei das

Glück, ein endliches Ruhen und Verweilen; einstweilen ist dort oben

nur ein schmaler, schwindelnder Felsenplatz, nicht geschaffen für

Menschenrast.

Und weiter wirst du eilig müssen, wieder hinab; ein anderer hoffender

Mensch, der nächste, will kommen und schauen, und freudlos wirst du

hinuntersteigen, arm geworden. Der glückliche Eifer ist erloschen.

Hinuntersteigen, Schritt für Schritt, zähe, ächzende Mühsal --

hinuntersteigen -- -- Hinunterstürzen! Enden im Werden, enden im Vortraum

des Gewordenseins! -- -- trotze, Weib, mit deinen jungen Kräften und

Sinnen und sauge dem armen Leben die Freude bis auf die letzten Reste

wollüstig aus den Adern!«

So unbemerkt hatten ihn seine Gedanken wieder fortgenommen, dass er sich

zurückzwingen musste ins Gegenwärtige, Gute, Einfache. -- Die schlichte

Idylle des Brandschen Gartens lastete auf einmal bange auf ihm. Er musste

sie sich aus seinem Erinnern in weite Fernen schieben. Dort verlor sie an

Wirkung.

Wollte ihn sein eigenes Lied aus diesem Paradiese vertreiben?

Sich übertönend rief er hastig und lärmend: »Fräulein Estella, Herr

Brand, -- warten Sie doch! Sie gehen da schnurstracks in den goldenen

Himmel hinein und lassen ...«

»Den armen Makassy allein!« rief mit etwas starrem Humor das Mädchen

zurück und wartete, während der Onkel weiterging. Dem war nahezu alles

unausstehlich geworden, was der sagte. --

»Estella!« rief Makassy leise und leidenschaftlich und presste ihre

zarten Handgelenke, dass es sie schmerzte, »schau über die Welt! Siehst

Du, wie sie sich plagen?! Siehst Du, wie sie sich aufrecken, hinausdehnen

über sich selbst -- ewigkeitwärts?!!

Ihre Farben, ihre Klänge, ihre Bauten, ihre Altäre, die langen hinauf

mit verwegener Hand nach der Gottähnlichkeit -- voll Sehnsucht, voll

Verlangen, voll Trunkenheit!!! Diese Trunkenheit, ja -- die trägt fort

über Gemeinheit, über das Menschsein, über das Erdentum!

Aber allemal in solch' kühnem Aufflug, den Gott im Auge, Gott nahe --

zieht die Erdenschwere roh zurück in die eigene Erbärmlichkeit.

Und siehst Du, Weib, die ungestillte Sehnsucht, diese armen, stolzen

Kräfte, die heischen Sättigung -- ich dürste, Estella, ich darbe, ich

friere -- -- -- ich muss mich zum Hass und zum Bösen wenden, da fühl' ich

starkes, heisses Leben, das mich sättigt!!!

Das Gute ist so einfach, so selbstverständlich. Hinter allem steht die

Erschöpfung, aber nirgends näher als hinter dem Guten. Es geht auch so

bescheiden und leise -- man hört sich selber zu sehr dabei. Das Böse

ist laut und aufwieglerisch, -- es ist mannigfaltig und hat ein dröhnend

Gefolge .....«

Er schwieg erregt, um nach einer Weile mühsam mit tonloser Stimme zu

sagen:

»Doch Du verstehst mich nicht. Du bist so jung; durchsichtig, glockenklar

bist Du; aber das verstehst Du nicht. Verzeih', dieses stille Land da hat

sich wieder an meine Ferse geheftet.«

»Und dieses wilde Lied!« schrie sie gemartert auf und ihr Auge stand

forschend vor dem seinen.

Aber ohne Antwort, tief und dunkel lag seine Nacht vor ihr.

Sie gingen beide, den Kopf zu Boden gesenkt, und horchten in sich hinein

und atmeten schwer.

»Sie müssen auseinanderführen, diese Wege«, dachte sie verzweifelt. --

Estella: Novelle · 第 5 / 12 题