Von da ab blieb es still an diesem Nachmittage in dem Garten des Rentiers.
Es wurde nichts mehr gesprochen. Makassy malte nervös, mit Anstrengung.
Sie war ganz leise und rüstete sich in ihrer Seele. Irgend etwas fühlte
sie herannahen, das sie stark empfangen musste.
Als er ging, reichten sie sich stumm die Hände und keines fand in des
andern Auge mehr als leere Förmlichkeit.
Der Maler eilte nach seiner Wohnung. Am andern Ende der Stadt hatte er auf
unbestimmte Zeit gemietet und sich ein Atelier und einen Schlafraum zurecht
gemacht.
Es waren dazu viele Kisten aus der Grossstadt gekommen, mit einer Unmenge
von feinen Dingen, wie seine alte Hausfrau geschäftig erzählte.
Dann seien noch Arbeitsleute dagewesen und wie sie nach einigen Tagen
nachgeschaut habe, sei ihr fast der Verstand stille gestanden, weil sie
ihre eigenen Räume nicht mehr erkannte, so schön waren sie. Über ihn
selber wisse sie nichts zu sagen, nur dass er fleissig male.
»Aber er kann's gar nicht,« versicherte sie in engerem Vertrauen, die
Hand vor dem Munde. Wenn sie da die Öldrucke, die sie von ihrem seligen
Manne habe, dagegen anschaue -- Du lieber Gott, das sei etwas ganz anderes,
das sei eine Kunst, eine saubere, akkurate. Später einmal, wenn er das
Malen besser könne, wolle sie s' ihm schon leihen zum Abmachen. --
Makassy hatte sich, zu Hause angekommen, auf seine Ottomane geworfen, ging
zu Rate mit sich selber und wusste nicht, was er wollte und sollte. Er
wusste nur, wie klein und niedrig er war und wie er hier wieder nach
billigen, wohlfeilen Mätzchen griff, seine Nacktheit zu decken, um seine
Zwecke zu erreichen und Weiber zu fangen, die sonst geflohen wären.
Er dachte an Estella. Und wieder kam es leise zu ihm gegangen, das Schöne.
Das Schöne, dem Einfachen entsprungen. Wie ruhevoll das war. Es lag über
diesem Lande, über den Wäldern, über den Wässern und es lag in dieses
Mädchens Herz.
Was wollte er mit seinem Trieb nach Zerstörung? Beneidete er oder war
es Hass? Im Hass liegt Kraft und Grösse. Das war es nicht. Sondern etwas
Hinterlistiges, Schleichendes, das von rückwärts überfiel und langsam
mordete -- -- um rücksichtslosen, selbstsüchtigen Genuss.
Heute hatte er den ersten Spatenhieb eingestossen in die glatte Erde von
Estellas sonnigem Garten, wie sie ihn selber so treffend hiess -- es war
geschehen, daran war nichts zu ändern -- aber er wollte selber wieder
Blumen an diese Stelle pflanzen; ja, das wollte er.
Er war aufgesprungen und zum Fenster getreten. Misstrauisch sah er um
sich -- aber nichts geschah, niemand lachte. War das Gute so
selbstverständlich?
Nichts geschah. Nur in schweigendem Ernst begann sich die Maiennacht
langsam herunterzusenken. Draussen vor dem Fenster tobte und raste keine
Grossstadt vorbei, sondern auf dunkeln, schlafenden Hügeln stellten sich
still die Sterne auf. Wie feierlich das war!
»Habt ihr euch denn alle zusammengetan, alle gegen mich?« dachte
er. -- -- -- --
Als er das nächstemal in Brands Garten kam, begrüsste er Estella mit
schlichter Herzlichkeit; es klang dürftiger als sonst, so dass sie aufsah.
Woher auch sollte sie wissen, dass es gerade heute wärmer war als je.
Sie setzten sich zur Arbeit und gute Gespräche gingen durch den
Maienmittag.
Ein wenig verfielen sie auf ihre gestrige Unterhaltung, aber mit Grazie
sprang sie über das Verhängnisvolle darin weg und verplauderte es
vollends ganz.
Wieder erzählte sie ihm vom Haus und Schule und er lockte sie immer mehr
aus sich heraus und bat sie zu reden »damit er sie auch von innen sehe.«
Sie hatte ihr ganzes Leben sorgfältig zusammengerafft und war sich selbst
nachgegangen bis in die tiefsten Winkel, darum wusste sie Bescheid und war
klar und geordnet und hatte nicht das Zerfahrene, Unsichere, wie oft
ihr Alter, das über die eigene Unordnung stolpert und sich die Köpfe
zerschlägt. Aber sie war sich mit ihrer Wohlordnung oft kalt und
vernünftig erschienen neben denen, die da irrten und lachten und
weinten. --
»Jetzt muss ich Ihnen noch etwas erzählen, eine kleine Episode aus der
Schule«, sagte sie, »die müssen Sie auch wissen.«
Er nickte eifrig mit dem Kopfe und lächelte ihr aufmunternd zu.
»Also, es war einmal«, begann sie mit grossem Pathos -- »nein, nun im
Ernste -- es ist nämlich eine sehr ernste Geschichte, die ich Ihnen da
erzählen will. Auslachen ist verboten! Also: Wir Schülerinnen sind einmal
von unserm Lehrer für Kunstgeschichte hinausgeschleppt worden aufs Land,
um durch Anschauung den Hort unseres Wissens noch mehr zu bereichern. Es
war irgendwo ein kleines Kirchlein aus alter Zeit, von interessantem Stil,
in demselben aber eine Kopie nach Rubens, das Bild eines hervorragenden
Malers, der es aus Dankbarkeit oder sonst einem Grunde gestiftet haben
mochte.
Zuerst also haben wir von aussen geschaut -- ›es kostet die Fahrt allein
2,50 Mark, vertieft euch‹, sagte der Professor, ›dass es nicht umsonst
ist‹. Wir vertieften uns also um 2,50 Mark und es war sicher sehr
lehrreich. Dann sind wir hineingetreten. Unten im Schiff der Kapelle waren
einige Betende, trotzdem kein offizieller Gottesdienst war. Da wir ganz
zurückstanden, konnten wir nicht vorsehen zum Altar, obwohl helles
Tageslicht zu beiden Seiten durch hohe, weite Fenster hereinfiel.
Ich ging«, fuhr sie, lebhafter werdend, fort, »auf den Chor hinauf,
die andern kamen nach. Da trat ich ganz vor und schaute neugierig auf den
Altar.
Das Auge musste sich erst ein wenig sammeln, es flimmerte so von
natürlichem und künstlichem Lichte und erst allmählich hob sich aus
diesen Nebeln ein ach -- wunderseliges Bild!
Es war die heilige Jungfrau, hoch und schlank, in Wolken halb stehend, halb
schwebend, mit einem Antlitz -- so glänzend, so beseeligend und was das
Merkwürdigste war -- so lebendig, dass man sie schweben sah, dass
man ihren Atem zu spüren glaubte, und dieses Wehen von Weihrauch und
Kerzenschimmer als ihrem Munde entströmt wähnen konnte.
Ich bin nicht fromm, aber der Abglanz einer göttlichen Gnade lag so
überzeugend auf diesem lächelnden Gesichte, dass ich mich gerne vor dem
Bilde niedergekniet hätte. Ich war ganz hingerissen; auch dieses seltsame
Licht erhöhte noch den ausserordentlichen Eindruck, den die grandiose
Majestät einer solchen Kunst so schon erweckt hatte. Ich sah mich um, ich
wusste nicht, ob nach dem Lehrer oder den Mädchen, kurz -- es fiel mein
Blick auf ein kleines Harmonium, das geöffnet dastand und ich rannte in
meiner Begeisterung darauf hin und spielte jenes Schumannsche Lied: »Ave
Maria«. Kennen Sie es? Können Sie sich gerade dieses Wortes Ave Maria
entsinnen? Wie das aufschwillt! Wie es sich erhebt in apotheotischem
Schwung, wie es auffliegt und zum Himmel dringt!«
Er sah sie staunend an und sie errötete, weil sie dachte: »Ich ziehe mich
ganz aus vor ihm und er sieht mich nackt.« Aber dennoch fuhr sie fort:
»Damals habe ich geglaubt, es müssten alle gleichsam den Hut abnehmen
und andächtig mit mir empfinden. -- Ich war noch sehr jung«, fügte
sie entschuldigend bei, »aber es ist mir schlecht ergangen. Der Lehrer
stürzte auf mich zu, die Mädchen hielten mich für verrückt, stiessen
sich in die Seiten und lachten. Man eilte aus dem Gotteshaus, in dem
solches vorkam. Eine Flut von Vorwürfen und Drohungen. Unbildung,
Interessantmacherei, hiess es. Und wenn man auch manchmal ein wenig
absichtlich ist und weiss, dass einem der Hut so besser steht und das
Lächeln so -- da war ich es sicher nicht, Herr Makassy«, versicherte ihm
das schöne Mädchen mit seinem ehrlichen, aufgeschlagenen Gesichte, um
gleich darauf lustig fortzufahren:
»Nun erfuhren es alle -- die ganze Prozession: Vater, Mutter, Lehrer,
Rektor, Pfarrer -- alle stunden sie mit gesträubtem Haar um diesen
erschreckenden Fall herum, der so recht ein Zeichen der niedergehenden
Sitten war. Und sie fingen an, die Scheren zu wetzen mit wildem Eifer,
klipp und klar! Was war da alles nachzuholen!
Aber so heiter nehme ich's erst jetzt -- wo es vielleicht zu spät ist.
Damals schämte ich mich sehr. Und diese Scham nahm etwas fort von mir;
etwas Ursprüngliches -- und -- etwas Mutiges. Ich habe begonnen, auf
die Menschen zu achten, das macht feige -- ich habe begonnen, nach ihrem
Lächeln zu sehen, das macht bedenkend. Ob es gut war, -- ich weiss es
nicht?!
Ach, dieser überquellende, junge Enthusiasmus, der einem so warm übers
Herz rieselt -- -- fast habe ich ihn verlernt, vergessen -- -- bis jetzt,
wo ich etwas Verwandtes erblicke -- -- wo es mich wie durch den Duft einer
bestimmten Blume zurückzieht in meinem Erinnern -- bis jetzt, wo ich
glaube, ihn leben zu dürfen, ohne missverstanden zu werden.«
Er hatte die Pinsel längst beiseite gelegt; es erschien ihm weit
wichtiger, hier zu lauschen. Estella wurde ihm wertvoller mit jedem
Augenblick, da er um sie war. Er hatte sich einen Stuhl zurechtgeschoben,
ihr gegenüber, und zündete sich mit nie gekanntem Behagen eine Zigarre
an. Sie schob ihm einen Aschenbecher zurecht und nahm dazu das abgefallene
Deckblatt einer Pfingstrosenknospe. Für diese kleine Aufmerksamkeit dankte
er ihr viel zu stark -- aber es war darinnen von dem Dank für alles, was
sie ihm gab.
»Reden Sie weiter, ich bitte darum«, sagte er, und wunderte sich, wie
ruhig es in ihm wurde, wenn sie sprach.
Lachend, mit erregten, roten Wangen rief sie:
»Das vorher war eine Geschichte von dem, was einem die Erziehung nimmt.
Nun käme eine von dem, was sie dafür gibt. Da weiss ich aber keine!«
»Ammenmärchen zum Beispiel«, fiel er ihr ins Wort, »Ammenmärchen
setzt sie in Hirn und Herz; die sollen nur schauen, wie sie fertig werden
damit.«
»Das ist wahr«, rief das Mädchen fast jubelnd, als wäre dies die
lustigste Tatsache der Welt.
Einstweilen war _das_ das Lustigste auf der Welt, dass er sie so gut
verstand. Und mit breitem, wohligem Schmerze fuhr sie fort, wie
furchtbar das sei, wenn man das Märchen, das sich auf silbernen Sohlen
eingeschlichen hat durch die stets offenen Pforten einer Kinderseele und
dessen Saat dort eingewurzelt ist und festgewachsen, herausreissen müsse
aus der blutenden Seele.
»Denken Sie, herausreissen aus der blutenden Seele!« wiederholte sie
eindringlich, mit einer überzeugenden Geste; schrecklich genug war das
-- beide konstatierten es, aber beide mit unverwüstlich vergnügten
Gesichtern.
Man sprach noch davon, dass es da fast besser sei, die Erkenntnis komme
nicht so plötzlich, so mit Schrecken, sondern nach und nach, von selber,
etwa wie das langsame Zusammenschmelzen eines Wundermanns aus glitzerndem
Schnee. -- Aber Schmerz bleibe Schmerz, es sei hier nur die Frage, ob
es nicht besser wäre, gleich das Richtige in Kopf und Herz des weichen,
jungen Menschen einzuprägen, nichts Falsches, damit durch die nötig
werdende Umprägung nichts verloren gehe an Werten.
»Ach, wenn ich so zurückdenke an meine Kindheit«, rief sie lachend und
schränkte die Hände hinter dem Kopf, »was gab es da für Wirrnisse und
Qualen! Der ganze grosse Zauberapparat von Religion vor einem winzigen
Kinderhirn! Ich weiss noch, wie meine feine arme Mutter -- die nicht mehr
ist -- mich tröstete. Denn einmal waren es ein paar Heilige, zu denen zu
beten ich vergessen hatte. Da sah ich sie alle im Himmel droben sitzen
und weinen und böse sein auf mich. Ein andermal war ich beim
vierundzwanzigsten Ave Maria eines Rosenkranzes eingeschlafen, tief und
sorglos -- da erwachte ich und sah Maria vor Gott Vater stehen, mit dem
Fusse auf die Wolken stampfen und hörte sie zornig sagen: ›Es ist
unerhört‹. Und Gott Vater hat nach seinen grossen Flüchen gelangt und
einen davon hervorgeholt.«
Beide lachten und angeregt davon, fuhr sie fort: »Ein andermal ist der
heilige Florian, der ganz zu unterst in der Litanei kommt, von weit hinten
atemlos durch den Himmel gelaufen gekommen, bis vor Gottes Thron und hat
gesagt: ›Jetzt hat sie mich vierzehn Tage lang vergessen, ich zünde ihr
das Haus über dem Kopfe an‹. -- Gott Vater hat es ihm nicht verboten;
er wollte ihm die Freude nicht verderben, da er doch so gut ist und ihm die
Heiligen näher stehen als die Menschen. Und so fürchtete ich mich von
dem Tage an und schrie wie besessen, wenn nur die Ladenglocke des Krämers
nebenan ging, weil ich glaubte, es habe angeschlagen. Die Mutter tröstete
mich damals wieder, wie so oft« -- sie seufzte und nickte traurig langsam
mit dem Haupte -- »als ich ihr's erzählte und lächelte ein wenig
dabei, so fein und verhalten; da habe ich hinter ihr Lächeln geschaut und
gedacht: das ist am Ende gar nicht wahr, das vom heiligen Florian. Aber
gesagt habe ich's niemandem, weil Zweifeln Sünde ist.«
Makassy lachte; er unterhielt sich vortrefflich.
»So anmutige Geschichten wüsste ich nicht zu erzählen: nur etwas ist mir
erinnerlich aus diesen Zeiten, aber es ist viel derber und weniger schön.
Wollen Sie es hören?«
»Natürlich, und ob!« Sie klatschte vergnügt in die Hände und setzte
sich von neuem zurecht.
»Ich weiss noch, dass wir Buben uns verpflichtet fühlten, Mut -- sonst
nichts auf der Welt zu zeigen. Mut über Alles. Wir prahlten voreinander,
dass es uns die Haare zu Berge trieb. Einmal kamen ein paar der Ärgsten
zu mir auf das Gut meiner Eltern. Das »Fräulein« -- ich hatte nämlich
alles, Instruktoren, Fräuleins, Religionslehrer, alles -- nur keine
Eltern«, flocht er herb ein -- »das Fräulein nun hatte einen Hut mit
einem ausgespannten grossen Vogel darauf, der wie eine weisse Taube aussah.
Einmal sah ich durchs Schlüsselloch in ihr Zimmer, das neben meinem war;
da lag dieser Hut zufällig gerade so, dass man den weissen Vogel durch die
Spalte sehen konnte. Flugs drehte ich mich herum und rief dröhnend -- denn
ich hielt das entschieden für das Grossartigste und Mutigste, was bisher
dagewesen war -- meinen Kameraden zu: »Da schaut hinein, da ist der
heilige Geist drinn!« Ein Raufen und Balgen vor dem Schlüsselloch.
Mein Mut hatte gezündet; ein schallendes Gelächter ertönte; man wollte
kouragiert mit Gott ein Witzchen wagen.
Aber mit ein paar langen Sätzen kam der Instruktor daher, der hatte es bis
in sein Zimmer hinüber gehört und kühlte sogleich diesen Mannesmut mit
exemplarischen Prügeln. Er haute uns alle der Reihe nach durch; zuerst
mich, dann die andern und zum Abschluss wieder mich.
Und die mutigen Männer fingen jämmerlich zu heulen an. Mir aber ist
seitdem ein Trotz geblieben gegen diesen heiligen Geist, weil er so
unnahbar ist und gar nicht ein wenig mitgelacht hat und auch keinen Finger
rührte, uns zu helfen.«
Estella lachte und antwortete dann nachdenklich:
»Ich frage mich nur, wozu das alles. Solche Umwege! Es ist verkehrt und
gefährlich dabei. Es verbaut den Weg zur Einfachheit immer mehr.«
»Es sind nicht alle Estella Brand«, gab er ihr zurück und blies den
blauen Rauch der Zigarre in die sonnige Maienluft hinaus. Um ihn her war es
zu schön. Ringsum stilles Prangen!
Lila Fliedersträuche auf kurz geschorenem englischen Rasen; dazwischen
graziös gewundene Gartenwege mit dem spitzen gelben Kies bestreut, den
man von den vereinzelten Felsblöcken draussen in der Umgebung gewinnt.
Mächtige Büschel von Pfingstrosen, die ab und zu durch einen Sprung
in ihren runden, prallen Knospen einen Streifen leuchtenden Rotes sehen
liessen. Dort drüben Stauden von Goldregen, der noch spröde seine
Farbe verschloss. Und die Zweige der Bäume wiegten und sonnten ihre kaum
erwachten Blättchen, die noch knittrig und verschlafen waren, und flinke,
schwarze Amseln hüpften auf dem grünen Rasen oder über den schimmernden
Gartenweg.
Die Stunden gingen und kamen ungehört. Es war Abend geworden, als vom
Hause aus der alte Brand nach Estella rief. Beide sprangen erschrocken
auf, sie hatten ihn ganz vergessen und liefen jetzt eiligst nach der
zurückstehenden Villa und baten zum Fenster hinauf, er möchte doch
herunterkommen, es sei gar zu schön heraussen.
Er tat es und alle drei gingen langsam zu den Haselnussstauden. Im Gehen
sagte Brand:
»Sie werden heute tüchtig vorwärts gekommen sein, es ist spät
geworden.«
»O ja«, antwortete der Maler und sah dabei nach dem Mädchen, »ich bin
weiter gekommen -- ich glaube vorwärts.«
Brand liebte unklare, zweideutige Redensarten nicht. »Barrikaden«, sagte
er stets aufbrausend. Sie waren auch nicht dazu angetan, ihn für den
Fremden einzunehmen. Er war so einer von denen, um die man lange werben
musste.
Sie kamen zur Staffelei; das angefangene Bild war derb und roh in seinen
Umrissen auf die Leinwand geworfen. Keines sagte etwas darüber. Makassy
verräumte seine Sachen -- stets mit ungutem Gesicht über solche
Kramladenarbeit.
Die Haushälterin kam und frug, ob man das Abendessen im Freien zu nehmen
gedenke. Natürlich.
Da ging Estella das Tischzeug holen und kam frisch und jung wie der Morgen
über den Rasen her zurück. Schnell und sicher, klipp und klapp schlugen
die kleinen Sohlen auf dem Boden auf, ihn eiligst wieder zu verlassen,
als hätten sie nichts zu tragen von der Last dieses grossen stolzen
Mädchenleibes. Woher nur hatte sie diesen Gang!
Mit rosigen Händen breitete sie das Linnen über den Gartentisch, den
man wieder vor die Bank geschoben hatte und stellte die behaglichen Sessel
ringsum. Sie sah umher, ob alles ordentlich und gemütlich so sei und
verstrich schliesslich noch mit dem Fusse die dunkeln unordentlichen
Furchen, die vom Schieben des Tisches in dem gelben Kiese waren.
Wie anders ist alles, was ein feingeistiger Mensch auch tut, auch das
Unbedeutendste, Alltäglichste -- wenn dahinter nicht gleichsam der Vorhang
fällt.
Aber sie tat ihm leid. »Ist dir wirklich ernst mit all deinem Ordnen und
Vorbereiten?« dachte er, »darin liegt so viel arme ahnungslose Freude.«
Die alte Dienerin brachte die Gartenlampe und einen ganzen Stoss
Zeitschriften. »Für später«, bemerkte sie, um dann mit ausdrucksvollem
Seitenblick auf Makassy zu fragen, ob man servieren dürfe.
Der riss sich energisch los und verabschiedete sich.
»Sie werden froh sein, dieser Idylle zu entkommen«, rief ihm Estella nach
und lachte hinter ihm her -- und alles lachte mit ihr hinter ihm her, das
Haus, der Garten -- --
»Es ist doch ein recht boshaftes Mädchen«, dachte er ärgerlich im
Gehen. --
Aber alle Tage ging er nachdenklicher.
* * * * *
Wieder einmal sassen sie beisammen. Das Wetter war nicht so schön heute,
denn es war schwül und fing auch alsbald zu regnen an. Sie packten die
Malsachen zusammen und trugen sie ins Haus; dort wollten sie warten, bis es
aufhörte.
»Kommen Sie«, sagte Estella, »wir schauen indessen da beim Fenster
hinaus; ich habe das Regnen so gern.«
Das Fenster lag gegen Westen; man sah über die grünen Wipfel einer
Baumschule weg, hin an die alte graue Stadtmauer mit ihren teils
vermauerten, lange ausgedienten Schiessscharten. Hinter ihr ragte nur ein
einzelnes, sehr hohes Giebelhaus mit schiefem, etwas eingesunkenem braunen
Dache und der Kirchturm empor. Der graue, schwere Himmel stand still
und nahe über der Erde. Es war überall ganz ruhig, dass man den Regen
auffallen hörte. Er rieselte hastig herunter, platschend aufschlagend auf
den Blättern der Bäume. Er gurgelte hier durch eine am Hause angebrachte
Rinne und fiel plätschernd in das aufgestellte Regenfass darunter, er
trommelte dort auf einige leere, draussen stehen gebliebene Giesskannen und
tropfte vor ihnen eintönig und gleichmässig herunter vom Dache. Es war
ein warmes, eiliges Regnen, das sich schickte, fertig zu werden, um der
Sonne Platz zu machen, die schon hinter den Wolken hervorblinzelte und
wartete.
Sie sogen den frischen, erquickenden Duft der dampfenden Erde ein, sich
zusammen aus dem Fenster lehnend, dass ihre beiden Oberarme sich fest
aneinander pressten.
Allmählich liess draussen das Regnen nach und hörte endlich ganz auf. Auf
den jungen Birnbäumen drüben in der Anpflanzung tropfte es melancholisch
von Ast zu Ast, von Blatt zu Blatt; es war ein sanftes Gleiten, ein Abgeben
und Aufnehmen, ein entlastetes Sichindiehöheheben und ein beschwertes
Hinuntersinken in den nassen Blättern und Zweigen. Unentwegte Bewegung in
den triefenden Bäumen, obwohl die Luft ganz stille stand. Estella war tief
versunken. Aber als sie dieser Versunkenheit nachging, sprang sie hastig
auf und trat zurück aus dem engen Fensterrahmen.
Langsam verliess sie das Fenster und ging aus dem Zimmer, in das das
Westlicht so freundlich schien, durch eine offenstehende Türe in den
angrenzenden, dunkleren Raum, wo in schwerem Ernst tiefrote Vorhänge von
den Wänden hingen und auf dem rotausgeschlagenen Fussboden ein streng
elegantes Mobiliar stand.
Sie trat zum Klavier, schlug den Deckel auf und begann ein ganz einfaches
Volkslied zu spielen. Die schlichte Melodie flog leicht auf; sie kam aus
einem vollen, liederfreudigen Herzen.
Makassy, der ihr nachgekommen war, trat zu ihr und sang dazu; da wurde es
ein ganz anderes Lied. Estella erkannte es kaum wieder und erregt bat sie
ihn, mehr und etwas anderes zu singen.
Er hatte eine vibrierende Stimme, biegsam und hart, wie das Lied es
erheischte; es war kein eitles Singen, denn nie opferte er auch nur
einen Ton oder ein Zeitmass seiner Stimme. Geschlossen, von grossartiger
Auffassung getragen, erhob sich der Gesang, unbekümmert um sie.
Das war ein Singen! Ein innerliches, heisses! Ein schwer gebändigter Strom
von Leidenschaft rauschte in den rasenden Tempi dahin; ein verhaltenes
Glühen und Sehnen stand hinter den stilleren Melodien; ein qualvoller
Schmerz schrie aus zerrissenen Klängen, jauchzende Lust wirbelte voll
bacchantischen Taumels in trunknen Kadenzen dahin!
Und alle die Töne rauschten verwirrend in eine stille, einfache
Mädchenseele. -- --
Die Zeit war wie im Traum verflogen. Als sie endlich geendet hatten, stand
Estella auf, wendete sich ihm zu und suchte aus sich herauszukommen -- aus
all' diesem neuartigen Stürmen und Drängen.
Beide sahen sich forschend an, doch verbargen sie sich ihre Seelen.
Plötzlich entglitt der Deckel des Klaviers den zitternden Händen des
Mädchens und fiel dröhnend zu.
Sie waren froh darüber, denn der brutale Ton des zuschlagenden Deckels
fiel erlösend in ein banges Schweigen. Estella nützte sogleich diesen
günstigen Augenblick und sagte:
»Das war Musik, was ich eben gehört! Wie klein ist meine Art zu
musizieren! -- -- Und wer so mutig sein kann!!«
»Sie haben das Volkslied viel richtiger erfasst als ich«, antwortete
Makassy, »ein solches Lied soll rein und ruhig vor uns stehen, wie es
gedacht ist. Ich hätte es gar nicht singen sollen.« --
Wieder Schweigen.
Dann gingen sie mitsammen in den Garten hinaus, der erfüllt war von
erfrischtem Blumen- und Pflanzenduft und dem würzigen Geruch der feuchten
Erde. Ein paar Vögel streckten und schüttelten sich die Nässe aus den
Flügeln. Schnecken sondierten bedächtig aus ihrem trockenen Haus heraus
den feuchten Weg und ein Bienlein dort auf dem Flieder kämpfte verzweifelt
mit einem Regentropfen.
Estella sah nach dem allen und dies einfache Leben, das sich da in dem
keuschen Tageslicht so offenbar allen abspielte, holte sie heraus aus dem
schillernden Zaubertempel, in den dies Singen sie hineingelockt.
Ihre Augen wurden heiterer, gegenwärtiger und vorsichtig nahm sie
jetzt ihr Kleid zusammen, das zuerst achtlos die nassen Wegränder und
Blumenbüschel gestreift hatte.
Da rief er ihr auch schon zu: »Wie können Sie jetzt darauf achten!? Was
liegt an diesem Kleide?«
Sogleich blieb sie stehen, lehnte sich an einen Lindenstamm, schaute ihn
erst staunend an, dann freudig -- und alle die Blumen ihres Gartens lachten
aus ihrem Angesicht.
Durch diese Frage fühlte sie ihr wachsendes Interesse berechtigt. Ein
wenig zauderte sie dennoch und frug ihn dann, sich ermunternd, nach seinem
Leben, ihn dabei nicht aus den Augen lassend.
Wie in einer Werkstätte ging es in diesem Antlitze zu; ein Funkensprühen,
Zucken, Hämmern und Aufschrecken.
»Fragen Sie nicht darnach«, sagte er und dachte, wie er sonst prahlend
mit seiner Vergangenheit losgelegt und wie feig er jetzt war und sich zum
Trotz schleuderte er ihr entgegen:
»Da müssten Sie Ihr Kleid noch sorgfältiger zusammennehmen, Estella
Brand, wenn Sie davon hörten!«
»Mag sein«, rief sie mutig und ihre Augen leuchteten, »aber ich würde
es gleich zusammengenommen lassen und fest zurückbinden und auch noch die
Ärmel dazu, und mich mutig an die Arbeit stellen. Ja, das würde ich! Das
sollte mir ein gesundes, tüchtiges, prachtvolles Arbeiten werden. Wollen
Sie, Herr Makassy?!«
»Ich habe zu viel an mir herunterbröckeln sehen«, erwiderte er nervös
und begann unruhig auf und ab zu gehen. »Ich brauchte bis an mein
Lebensende mit dieser Arbeit, diesem Ausbessern eines zerfallenen Hauses
und dürfte nichts als Steine tragen und Mörtel, den Kopf zu Boden, und
ich sähe nichts als mein graues, trauriges Haus -- und übersähe die Welt
dabei!«
»Die Welt!« rief sie lebhaft und sah in sein lebensdurstiges Gesicht.
»Was ist denn die Welt, diese Welt? Ich glaube, es ist nicht viel
dahinter. -- Mir erscheint sie wie eine schöne, kluge Frau, die immerfort
Karten schlägt und voll von Rätseln ist, die sie nicht löst und voll von
Versprechungen, die sie nicht hält. Sie sitzt lächelnd vor ihrem Tisch
und schaut sinnend von einem zum andern, -- denkt aber nichts dabei; sie
zeigt mit feinem Finger von dem zu dem und flüstert jedem verheissungsvoll
ein Wort zu, nach dem er gierig lauscht, und diesem Worte jagt er atemlos
nach und wenn er endlich erfahren hat, was es bedeutet, so sieht er, dass
es nicht der Mühe wert war. Da tritt er hin vor die falsche Frau, will
Klage erheben und sie zur Rechenschaft ziehen -- aber sie schaut ihn kalt
an -- sie hat nicht Herz noch Verstand -- -- -- und hält dennoch die
Menschen in Atem -- und Sie, Herr Makassy, sind Einer im Gedränge, Einer
von Tausend!« Sie atmete tief auf.
»Ich baute lieber an dem stillen, grauen Hause, dass es was Rechtes werde,
was Festes, das mich weghöbe über ›diese Welt‹ und beschütze davor.
Da setzte ich mich hinein in diese Festung, die hoch über ihr steht
und schaute in meine ureigenste, innerliche Welt -- und lachte über die
schöne, falsche Frau.«
Aber er war nicht so arbeitslustig; er hatte zu lange gefeiert und bat nun:
»Seien Sie nicht so tüchtig, Estella, streifen Sie Ihre Ärmel wieder
vor und lassen Sie das geschürzte Kleid hinunter -- -- seien Sie wieder so
sonntäglich wie zuvor!«
Und sie tat es und lachte.
»Wenn Sie nicht arbeiten wollen und umbauen, so müssen Sie sich freuen
können darüber, so wie es ist. Nicht hinstehen und jammern oder gar
meinen Sonntag angähnen. Da bin ich Lehrmeisterin -- in der Freude, -- ich
will Sie die Freude lehren!« Lachend drehte sie sich im Kreise herum.
»Sehen Sie um sich, da liegt sie schon -- rings um Sie -- Sie müssen sie
nur nehmen. Sehen Sie, hier und dort und überall!« Dabei zeigte sie nach
allen Richtungen.
»Was gäbe es da alles zu verderben, zu vernichten!« schoss es ihm
blitzschnell durch die Sinne. »Ich sehe gar nichts; ich sehe blos einen
blauen Himmel und einen grünen Baum«, sagte er störrisch.
»Dass der Himmel blau ist, der Baum grün und der Tag hell, das ist eben
die Freude!« erklärte sie eindringlich und dachte: »willst du es denn
gar nicht sehen?«
»Schauen Sie nur näher hin«, lachte sie ihm eifrig zu. »Sie müssen
nicht darüber wegsehen -- so übersehen Sie alle Freude! -- Mehr kann ich
Ihnen nicht bieten!«
»'n bisschen schmale Kost!« rief er. »Vielleicht werde _ich_ noch
Lehrmeister und lehre Estella die Freude.«
Und die schweren, verhaltenen Augen wurden durchbrechend und werbend, wie
vorher beim Singen. So verheissend, dass um sie her der freundliche Tag
verblasste mit seinen liebenswürdigen Gaben.
Das Mädchen wendete sich ab; weg von ihm; ging nach einer Weile zu
einem Fliederbaum, riss einen üppigen Blütenzweig herunter, dass die
aufblitzenden Tropfen ihr auf Gesicht und Haare fielen und gab ihm ohne ein
Wort den feuchten, duftenden Flieder hin. --
Über den Kies her kam der Onkel mit seinem rechtschaffenen Gesicht, ein
wenig gebeugt schon für seine Jahre. Sie rief ihm entgegen, dass sie Herrn
Makassy eben einen Flieder geschenkt habe für sein einsames Atelier. Beide
aber fühlten, dass es sich nicht ganz so verhielt. Der alte Brand, der
gerne gab, riss sogleich noch mehrere Zweige ab und reichte sie ihm hin.
Estella sah, wie Makassy sorgfältig den ihren eigens legte, nur störte
sie dabei ein wenig, dass er dazu nach ihr hinsah, als wollte er sagen:
wunderst du dich nicht auch, wie ich bin -- so wie ich mich wundere?
Man sprach noch einiges mit dem Hausherrn; dann trennte man sich.
Als Estella abends allein in ihrem Stübchen war und bevor sie zu Bett
ging, die Blumen versorgte und nach ihren Sachen sah, war dies alles an
sich nicht mehr von solcher Inhaltlichkeit und solch' ausfüllendem Werte
als sonst. Sie machte es gleichsam rasch ab: den Abend, das Ordnen, das
Schlafen, den Morgen und Vormittag -- bis der Nachmittag da war.
Und Makassy kam jeden Tag glücklicher und sein Gesicht war jeden Tag
fröhlicher.
Vor seiner Leinwand kämpfte er redlich mit seiner spröden Kunst, aber wie
oft war es, dass ein schöner Blick Estellas ihm den Pinsel aus der Hand
legte. Dann setzte er sich zu ihr und konnte alles vergessen um sie, auch
seine Kunst, und ihren Gesprächen lauschen und froh sein wie ein Kind.
»Meine Scheherezade«, sagte er, sich zurücklehnend, leise und
glücklich, durch halbgeschlossene Lippen. --
Selten kam der Herr des Hauses zu ihnen; er zog es vor, im Garten
umherzugehen, da und dort an den Blumen und Sträuchern etwas abzuschneiden
oder aufzubinden, oder an einem andern Platz zu sitzen und zu lesen, oder
im Hause zu sein, etwas zu ordnen oder zu schreiben.
Er kannte seines Bruders Kind, seine Nichte, zu gut und zu lange schon, als
dass er sie mit engherziger Bevormundung gequält hätte. Und dann -- wer
Richard von Thieben widerstehen konnte mitsamt seinem feudalen Forsthause,
der war selbständig und immun gegen alles sonst. Für ihn hätte er ja
gern ein gutes Wort eingelegt, aber auch das unterliess er. --
In diesen Nachmittagen, als eine von den Sitzungen war, mit viel sichtbarem
Eifer begonnen, an so viel Unsichtbarem gescheitert, kamen sie einmal
wieder recht ins Reden.
»Ich möchte so gerne wissen, Fräulein Brand, wie Sie sich eigentlich
Ihre Zukunft denken?« frug er sie.
»Früher«, rief sie fröhlich, »viel früher, da erschien sie mir
als ein Fest, und ich sammelte Blumen, um sie mir dereinst ins Haar zu
stecken.« Und ernster werdend: »Später liess dieser Enthusiasmus nach.
Ich liebte ihn auch nicht an mir. Ein wenig sah ich in der Welt herum, ein
wenig mehr in den Büchern, am meisten in meinem eigenen Innern. Ich habe
offene Augen, das lässt den Kopf hell und ich räumte immer mehr auf mit
jenen unklaren Träumen und sah mehr auf den Boden als in die Luft.«
»Da haben Sie also selbst auch an sich herumgeschnitten und Sie beklagten
sich doch darüber, dass es die andern taten!« fiel er dazwischen.
Ihr Gesicht wurde ein wenig altklug, als sie erwiderte:
»Freilich tat ich das. Ich habe an mir gearbeitet -- ach nein, Makassy,
es ist gar nicht wahr«, unterbrach sie sich hastig, »es war dies kein
so eigentliches ehrliches Arbeiten, als vielmehr ein kluges, vorsichtiges
Abwägen der Dinge, die mir wohl oder wehe tun würden im Leben und ein
eifriges Festhalten des Klügeren. Des Klügeren, nicht des Besseren,
hören Sie? Was das Klügere ist, weiss ich; was das Bessere ist, weiss ich
nicht. Wer könnte mir sagen, was das Bessere, was das Rechte ist? Heute
weiss ich es weniger als je«, fügte sie zaghaft hinzu, um fortzufahren:
»Ich bin weit herumgelaufen und habe gesucht und gefragt und geprüft --
und habe es nicht herausgefunden. Ich liebe die festen, sicheren
Menschen so sehr. Wie sie daherkommen, die Selbstsicheren, in breiter
Selbstverständlichkeit und wissen, was recht ist -- und es den andern
sagen. Und wie sie vor den Richter laufen und klagen über die, die es
nicht glauben. Woher wissen die es denn, was das Rechte ist? Ich bewundere
sie, ich beneide sie. Lauter Majestäten gegenüber den Suchenden,
Unsicheren.«
»Über Sie, Estella«, sagte er weich, »sollte einmal etwas kommen, etwas
Starkes, das Sie über sich hinaustrüge, fort über alles Zweifeln und
Besinnen. Dass nur _ein_ heisses, heftiges Wollen in Ihnen wäre, das
sich aufbäumte in Trotz und ureigenster Majestät. Dann würden Sie sagen
können: das ist das Rechte, weil es so sein muss und nicht anders sein
kann.«
»Das möchte ich -- das möchte ich!« rief sie sehnsüchtig. »Ob ich
dessen fähig bin? Ob ich mich nicht schon zu viel besonnen habe im Leben
-- zu viel besonnen -- -- -- verbesonnen -- --?«
Sie hatte sich zurückgelehnt und nahm sich vor -- auf das Mächtige zu
warten. Wie wollte sie aufpassen, es nicht zu übersehen, falls es käme;
und damit es überhaupt nahen könne, musste sie zugänglicher werden,
anders als bisher.
Noch übersah sie, dass es schon neben ihr stand, gross, unabwendbar!
Hand in Hand mit ihrem Innern ging auch sogleich das äussere Gebahren.
Sie wollte sich von jetzt an recht locker lassen, recht gehen lassen und
sogleich damit beginnen. Sie setzte sich nachlässiger hin als sonst, liess
sich auf der Bank vorgleiten, stellte die Beine leicht gekreuzt geradeaus,
verschränkte die Arme im Nacken und lag so im blanken Sonnenschein in all
ihrer Jugendpracht vor ihm da und -- wartete.
Das kam von ihren zwanzig Jahren, dass sie so war. »Schön ist's
übrigens, wenn man sich lockerer lässt, nicht gar so straff!« dachte
sie.
Eine unaussprechliche Behaglichkeit schien über sie gekommen zu sein. So
dachte sie sich den Anfang.
Makassy sah zu ihr hinüber, insbesondere nach den herben Formen dieses
jungen Leibes, die durch das prall angespannte leichte Sommerkleid
preisgegeben waren und konnte sich nicht losreissen von diesem köstlichen
Ebenmass. Auch staunte er über den Wechsel der Stimmung, den er an ihr
gar nicht kannte -- und er begann ihn aufzuregen. Erst wenig, dann mehr und
immer mehr.
Warum war sie so verändert heute? Warum? Zerstreut malte er an einem
Zipfel des blauen Kleides und dachte immer im Kreis herum.
Dazwischen irrte sein Auge wieder und wieder ruhelos zu ihr hinüber. Warum
war sie so heute?
Haltloser -- unbewaffnet. Und es wurde ihm unbehaglich. Er fühlte sich
allein gelassen, ganz auf sich angewiesen. Ein Schwanken entstand um ihn
und unmerklich entglitt ihm seine mühsam errungene Festigkeit. Auf einmal
sah er etwas bequem vor sich liegen, wozu er einen weiten mühseligen Weg
ersparen konnte. Und das Schwanken wurde stärker und der Wille schwächer
und bevor er's dachte, war er hineingeraten in seine eigene Seele, wo sie
am dunkelsten war.
War es nicht am Ende gleichgiltig, was sie beide zusammenführte. Warum
sollte er hier zaudern? Das unselige Blut seines Vaters begann sich in
seinen Adern zu rühren und regen und ohne dass er's wusste, entschlüpften
ihm die leichtsinnigen Worte:
»So ist's recht, Estella Brand!«
Estella sprang auf, erschrocken über solche Vertraulichkeit -- den ganzen,
wahren Sinn der Worte hatte sie nicht erfasst -- und streckte wie abwehrend
und sich schützend beide Arme vor.
Und noch während sie so stand mit erhobenen Armen, musste sie denken:
»Lass die Posen« und schämte sich. An ihr lag der Fehler; wie durfte
sie sich so gehen lassen; je mehr sie's bedachte, desto mehr fand sie die
Schuld auf ihrer Seite.
Da geschah etwas Schönes.
Zaudernd und errötend ging sie ihm entgegen und bot ihm ihre Hand. Es war
Verzeihen und Abbitte.
Nichts hätte ihn mehr bewegen können und auch er machte sich auf, auch er
wollte sein Bestes geben und begann sich anzuklagen:
»Es ist nicht nur das zu verzeihen, was Sie gehört, sondern vielmehr das,
was Sie überhört haben an meinen Worten,« sagte er und dachte: »Eckig,
wie ein Schulmeister, rede ich daher.«
»Ich habe eine Gedankenschuld gegen Sie, und zwar -- -- -- --«
Weiter kam er nicht; die Wahrheit stand vor ihm, sträubte sich und stellte
sich seinen Worten entgegen.
Gutes wollte er geben, das Geschenk der Wahrhaftigkeit wollte er
darbringen, -- aber, die war gehässig geworden und widerharig, dass er sie
fürchtete. Um Estellas willen wollte er's versuchen, die so schön vor ihm
stand und in glücklicher Erwartung an seinen Lippen hing, das Geständnis
dankbar zu nehmen, welcher Art es auch sei: Aber das Warten war umsonst. --
Verbittert und freudlos zwang er sich vor die Leinwand, aber die Arbeit
schickte auch keinen Trost.
Da verliess er den Garten des Privatiers und zwei traurige Mädchenaugen
schauten ihm nach. -- --
Müde ging Estella in das Haus hinein.
Der Onkel, der ausgegangen war, hatte nachhause sagen lassen, dass
er diesen Abend gar nicht heimkäme, sondern einer Herrengesellschaft
beiwohnen werde. Droben in seinem Arbeitszimmer lägen neue Bücher für
sie zum Zeitvertreib. Wie besorgt er um ihre Einsamkeit war.
Nach dem Abendtisch holte sie sich dieselben auch. Aber dieses
gedankenabwesende Herumblättern hatte gar keinen Sinn.
Energisch stand sie auf, läutete der alten Dienerin, liess sich in der
roten Stube Licht machen, setzte sich ans Klavier und spielte Beethoven.
Zu ihm nahm sie Zuflucht. Es redete ein Grosser zu ihr. Von den Leiden der
Welt, von den Qualen der Seele. Der nahm ihre kleinen Schmerzen mit fort.
Des Mächtigen eigene Worte fielen ihr ein: »Wer meine Musik wahrhaft
versteht, der muss frei werden von all' dem Elend, womit sich die Andern
schleppen«.
Und die Töne schienen ihr vom Himmel geschickt. Die hatte er sich einst
selber von dorten geholt, als seine gigantische Seele im Kampf mit
dem Irdischen lag und er hatte ein Stück Ewigkeit damit auf die Welt
gebracht. --
Stunden waren so vergangen, als plötzlich heftig an der Klingel der
Gartentür gezogen wurde. Sie schreckte zusammen und horchte gespannt auf
den schlürfenden Schritt der Dienerin in dem Kies des Gartens, dann auf
das Klirren und Aufsperren der Schlüssel und auf die ersten Worte eines
kommenden Gesprächs. Als sie aber dessen ruhigen Gleichlaut vernahm,
strich sie liebkosend über die Tasten, weiter zu spielen, weiter zu
träumen, neuen Offenbarungen zu lauschen.
Doch bald sollte sie wieder unterbrochen werden, denn die Alte kam ins
Zimmer und brachte ihr einen Brief für sie.
»Fräulein Brand eigenhändig zu übergeben.« Die Hausfrau des Herrn
Malers habe ihn gebracht.
Da musste sie die Hand aufs Herz pressen -- was wollte er von ihr? Eilig
schloss sie das Klavier, sah mit halben Gedanken nach, ob Alles in Ordnung
sei, rief der Alten Gutenacht in die Küche hinein und eilte in grossen
Sätzen die Treppen hinauf, nach ihrem oben gelegenen Zimmer. Die
Häuslerin war aus der Küche herausgekommen und sah nach dem Fräulein;
ihr Gesicht schillerte förmlich von eben in Empfang genommenen
Neuigkeiten, aber niemand nahm sie ihr ab.
Das Mädchen entkleidete sich mit zitternden Händen. »Zu dumm, dass ich
zittere«, dachte sie, »ich weiss gar nicht warum,« und legte sich
auf das einsame Lager; -- jetzt erst wollte es den Brief lesen, ganz
ungestört, durch nichts unterbrochen, -- und nichts mehr um sich haben
wollte es als die schweigende Nacht und ihre eigenen stillen Gedanken.
Als eine halbe Stunde später die Haushälterin an der Zimmertür
vorbeikam, hörte sie drinnen ein bitteres Weinen.
* * * * *
Am anderen Tage war Estellas Wesen gesättigt von einer weichen,
versonnenen Melancholie. Die stellte sich neben sie; sprang mit ihr über
die Stiegen hinauf, setzte sich behaglich mit ihr in den alten breiten
Lehnstuhl, der in der Veranda stand, und schaute mit ihr über den
Garten weg auf die Strasse, wo die Menschen so werktäglich -- ahnungslos
vorübergingen. Diese Melancholie war eigentlich gar nicht traurig.
Im Hause gab es allerlei zu tun und dazwischen zog sie immer wieder den
Brief aus der Tasche und las und las. Wie hinreissend er schrieb! Aber es
war die traurige Geschichte eines schweren Lebens, die sie hier zwischen
den feinen Fingern hielt. Es stand da von seinem Vater, der einem alten,
hochangesehenen Geschlechte entstammte und die glänzenden Güter, die
an der ungarischen Grenze lagen, durch einen leichtsinnigen Lebenswandel
herunterbrachte, -- von seiner Mutter, die ihr qualvolles Leben zu
übertönen suchte mit rauschenden Festen und schreiendem Prunk und endlich
selber darinnen unterging.
»In dieser ›Welt des Scheins‹ wuchs ich heran«, schrieb er, »und
meine junge Seele irrte umher und verfehlte in bangem Suchen den rechten
Weg. Noch manchmal spähte sie aus nach ihm, aber sie fand ihn nicht -- und
bald auch spähte sie nicht mehr, bis -- Dich -- lass heute so Dich nennen,
Estella, -- ich fand!«
Das beglückende Bewusstsein solcher Unentbehrlichkeit gab ihr, all ihrem
Tun und Denken eine feste, zuversichtliche Richtung. Sie sah ihr Leben
wertvoller werden; über der nächsten Zukunft lag ein schönes Streben;
und an jeder kleinsten Arbeit hing ein grosses Stück von dem neuen Werte.
»Heute ist Montag, der grosse Montag der beginnenden Arbeitswoche des
Lebens, Beginn der Lebensarbeit -- soll das schön werden!« dachte sie.
Diesen Nachmittag ging sie ihm entgegen, das erste Mal seit er kam. Fest
und mutig. Als er aber ihre Hände wild und heftig an seine Lippen riss,
erschrak sie dennoch ein wenig. Ihrem Innern durfte man nicht voraneilen,
da durfte man nichts überspringen, es musste der ganze weite Weg Schritt
für Schritt von innen heraus gemacht werden.
Doch sie sollte nichts zu fürchten haben; mit keinem Worte erwähnte er
den Brief, mit keinem Blick trat er ihr zu nahe. --
Glücklich setzten sie sich zur Arbeit.
In solchen Stunden flogen die Farben nur so auf die Leinwand und das Werk
schien in köstlichem Gelingen der Vollendung entgegen zu reifen.
Sie trugen sich gegenseitig auf Händen. Über ihren Gesprächen lag ein
heimlicher Glanz. --
So blieb es viele Tage; bis einmal seine lauernden Sinne, die eine stetige
Angst vor der Haltlosigkeit dieses Zustandes verschärfte, verstohlen das
Mitleid durch ihre Wärme gehen zu hören glaubten. Da war die schöne Ruhe
mit einemmal zerstört und er fing an, hart und hochmütig aus seinem
Leben zu erzählen, insbesondere solches, was dartat, wie selbständig und
unabhängig er sei, wie um nichts er bettle, lieber entbehre und wie er um
nichts bedauert sein wolle.
»Armes, verhetztes Tier,« dachte Estella mit überschwellendem,
mütterlich-warmem Empfinden, »lass Dir doch helfen! Kein wärmerer Freund
im Leid als das Mitleid!«
Hass oder Liebe, dass seien die Elemente seines Lebens, das seien
Fürstenthrone -- zwischendurch dränge sich das Gesindel.
»Ich bin einer von den Makassy's!« rief er hochfahrend. »Die sind das
Betteln nicht gewöhnt -- Herrennaturen -- vielleicht Despoten --«
Jetzt war das ahnungslos überfallene Mädchen aufgesprungen und
kampflustig geworden und gab ebenso, doch mit einem schöneren Stolze
zurück:
»Vielleicht lernen Sie noch einmal die Demut kennen, wenn ein höheres
Empfinden an Ihre Türe klopft?!«
An dem unerschütterlichen Damm ihrer starken Art schlugen die brandenden
Wogen seines Temperaments mit verdoppelter Gewalt empor und rücksichtslos
fuhr er auf:
»Dazu brauch' ich doch die Demut nicht! -- Das empfange ich mit erhobenem
Haupte!«
In solchen Augenblicken konnte er alles vergessen um seinetwillen, er
täuschte und forcierte sich über sich selbst hinaus. Die unterdrückte
Wut eines Sklaven bäumte sich roh auf -- eines Sklaven, der zu lange schon
an den Fesseln und Folgen eines unbändigen Temperaments geschleppt hatte.
»Dann tritt es gar nicht ein; es versagt die Gnade seines Kommens,« sagte
sie feierlich.
»Gerade sie sind alle zu mir gekommen, ungerufen, ungebeten, stolz
empfangen. Ich brauche keine Gnade!« fiel er ihr grossartig ins Wort.
»Sie sind alle gekommen -- der Hass und die Liebe!«
»Ich spreche von höherem Empfinden!« rief sie kalt.
»Nun, die Liebe -- gibt es Höheres?« höhnte er.
»Ach, diese Liebe«, erwiderte sie verächtlich, »die man so
geringschätzig empfangen kann, das ist auch eine darnach! Da muss man
keiner der grossartigen Makassy's sein, da brauchen auch die andern nicht
zu knieen in Ehrfurcht. Die lungert in allen dunklen Gassen und Gängen und
bettelt um Einlass -- da wäre es grösser, sie gar nicht zu empfangen!«
Eine hässliche Antwort lag ihm auf der Zunge, aber an solch' kühlem
Ernste und an so viel klarer, sittlicher Natürlichkeit scheiterten seine
schwankenden Argumente.
Vor einem einfältigen Mädchen wurde er unsicher und zaghaft wie ein
Schulknabe. Das erste Mal im Leben; und es machte ihn mutlos. Dazu kam noch
die Furcht, sie zu verlieren, die hockte wie ein Gespenst zwischen all'
seinen Erwägungen. -- -- Sie zu verlieren, ohne sie besessen zu haben, --
ohne -- diese köstliche Kraft gebrochen zu haben, mit der sie -- lachend,
ohne nach ihm zurückzusehen -- ihre hellen, heiteren Wege weitergewandert
wäre -- -- niemals! Er liebte sie. --
Aber an diesem Nachmittag schieden sie von einander -- hoffnungslos, --
nachdem vergeblich Eines auf ein Wort des Andern gewartet hatte.
* * * * *
Doch es war eine Hoffnungslosigkeit von heute auf morgen, schnell geklärt
und vertrieben durch Jugend und Sehnsucht.
Am andern Tage schon, als Makassy kam, schien all' das Schwere versunken
und das Leichte, Frohe zur Oberfläche gestiegen. Sogar äussere Ereignisse
gewannen an Wert und erfüllten sie beide ganz.
Makassy hatte Einladungskarten zu einem Künstlerfeste mitgebracht, das in
der Hauptstadt des Landes in einigen Tagen stattfinden sollte. Künstler
der ganzen Gegend mit Frauen und Töchtern und eine kleine Schar Geladener
würden kommen, es sollte ein zwangloses Gartenfest werden mit Tanz und
Maiwein.
»Da wollen wir uns festlich machen und alle graue Weisheit vertreiben und
verwirbeln im Tanzen und Lachen!« rief sie entzückt.
»Wieviel poetischer ist doch Estella Brand ohne allzuviel
Gründlichkeit!« scherzte er und ein Verlangen kam über ihn, sie einmal,
wenn auch nur auf Stunden, herauszuholen aus der gewohnten Umgebung in
weitere Verhältnisse -- -- heraus aus dem ängstlichen Garten -- -- über
die Heide mit ihr auf wilden Pferden -- -- allein! --
Der alte Brand kam durch den Garten her und erfuhr die Neuigkeit. Erst mit
Zurückhaltung, wie einer, dem nichts Übereiltes passieren darf, -- dann
mit Wärme, als er des Mädchens Freude sah. Dachte er doch an seine eigene
Jugend, wo er auch gerne ein Tänzchen schlug. Das vergass er nicht, wie
das sonst dem Alter gerne passiert. Und wenn damals die blasse Maria Hagen
nicht gestorben wäre -- mit ihrem wundervollen dunkeln Haar -- dann hätte
er vielleicht selbst eine Tochter mit 20 Jahren, die er zu einem Feste
führen müsste. Das war schliesslich auch ein Grund. So sagte er dem Maler
Dank und gab ihm seine bestimmte Zusage.
Es begannen Tage voll heiterer Arbeit für Estella. Sie richtete sich ihren
Staat zusammen, ein weisses Seidenkleid, dessen viereckiger Halsausschnitt
vergrössert wurde, da der Hals zu hübsch war und -- Makassy ihn noch
nicht gesehen hatte. Für alles sorgte sie selber, es war ein Eifer, ein
Vorbereiten, ein verhaltener Jubel.
»Wie ist doch alle Gegenwart wichtig und wertvoll,« dachte sie vergnügt,
»wenn Zukunft dahinter steckt!«
Sie konnte es kaum erwarten bis sie am nächsten Vormittage mit ihren
hübschen Sachen im Köfferchen am Bahnhof stand und die beiden Herren
ihr in den Wagen halfen. Auf der Fahrt sprach sie nicht viel; es war ein
Hindrängen auf den Abend, ein Vollsein von Gedanken.
Die Gegend wurde während der dreistündigen Fahrt immer reizloser und
eintöniger. Lange graue Ebenen, arme einsame Dörfer, dünne, dürftige
Wälder -- bis man endlich am Bahnhofe der Hauptstadt ankam.
Brand und das Mädchen fuhren nach einem Hotel; Makassy wollte sie um 8 Uhr
am Eingang des berühmten Stadtgartens, wo die Feier stattfand, erwarten.
Estella machte sorgfältigst Toilette. Der Onkel lachte über ihre
Ausdauer, sonst ging das so schnell bei ihr und sie war sich leicht gut
genug. Als sie aber um ½8 aus ihrem Zimmer trat -- da tat er selber
schnell noch einmal einen Schritt vor den Spiegel, ob er nicht allzusehr
abstechen würde von ihr und führte dann seine Nichte mit breitem Stolz
zum Tanz.
Sie fuhren nach dem Stadtgarten. Das Mädchen sonst mit dem angenehmen
Bewusstsein, heute mit dem bangen Wunsche, zu gefallen. Und heute wollte
sie doch nur einem gefallen, sonst Vielen.
Nun stiegen sie aus, traten durch die äussere Pforte in den Park und hier
erst wölbte sich ein zweites Tor, die eigentliche Eingangspforte empor,
mit Tannenguirlanden umwunden und bunten Bändern. Dazwischen sassen
unzählige Glühlichter, die noch zaghaft leuchteten, da der scheidende Tag
noch nicht gegangen war.
Man sah ein buntes Gedränge und erst jetzt fiel es ihr ein, dass noch wer
anderer als Makassy allein bei dem Feste sein werde.
Der Maler kam auf sie zu. Als er Estella sah, erschrak er, weil sie
so schön war. Sein Künstlerauge war geblendet, seine Künstlerseele
berauscht -- aber es war nicht das, warum er erschrak. Der Weltgewandte,
Aalglatte fand kein Wort, das er ihr hätte sagen können. Er war wie
benommen und ganz dunkel ward ihm bewusst, dass er ja Gäste vor sich
habe und Brand und das Mädchen einführen müsse. Ihnen den Weg bahnend,
führte er sie an einen der geschmückten Tische.
Die Beiden sahen sich um.
Es war zauberisch schön unter diesen hohen, uralten Bäumen, die in
gleichmässigen Entfernungen voneinander in den prächtigen Anlagen
standen. Da waren plätschernde Fontänen und Blumenboskette, üppige
südländische Palmen und Blattpflanzen, dazwischen knirschende Wege mit
feinem roten Sande bestreut. Es waren Buden aufgeschlagen und Weinkneipen,
wo die Künstler selber den Maiwein kredenzten. Mitten in einem der
Rasenplätze war ein origineller Stand für den Glückshafen errichtet,
gefüllt mit interessanten Skizzen und Bildern und Plastiken und überall
wehten Wimpeln und farbige Tücher, für die nur Künstler die rechten
Plätze zu finden wissen. Ein anderer kurzgeschorener Rasenplatz bildete
den Tanzboden.
Nach und nach wurden auch die Lampions angezündet und standen trotz ihrer
hundert bunten Farben in einem milden, ruhigen Lichte zwischen den dunkeln
Bäumen.
Ein Leben und Treiben entwickelte sich, die Musik hatte begonnen und der
Tanz, Reden voll Geist und Witz klangen durch die Nacht, Gesänge huben an,
hübsche Frauen und Mädchen in wallenden Gewändern drängten sich zu den
Buden, die Weinkneipen wurden umlagert, Lose wurden lachend aufgerissen --
es war ein Leben und eine Lust, wie es Estella nie gesehen.
Es hatten sich Maler und Bildhauer um das schöne Mädchen gedrängt, es
wurde gefeiert und mit Blumen übersät. Die Künstler haben offene Seelen
und offene Hände, wo sie bewundern.
Sie war entzückt von allem: von dem Feste, den Menschen, dem Wein, ihren
Erfolgen und sie war heiter und ihr schönes Lachen erklang in einemfort.
Nur manchmal, wenn ihr Blick sorglos von aussen dahergeflattert kam,
verfing er sich in Makassy's zwingenden Augen und blieb angstvoll
minutenlang darinnen liegen.
Es waren Stunden vergangen, seit er seine beiden Gäste wie im Traum von
der geschmückten Pforte zu dem Tische geführt hatte. Estella war indessen
ungezählte Male aufgestanden und weggegangen zu den Buden und zum Tanz
und wiedergekommen, immer umringt und in Anspruch genommen von einem
Kreise huldigender Künstler, die sich mit überströmendem Eifer um sie
bemühten.
Wie betäubt sass er an seinem Platze.
Er hatte alles wie im Nebel an sich vorbeiziehen sehen; er hatte kein Ohr
für den Lärm, kein Auge für das Getriebe, kein Wort für Estella. Alle
Pläne für dieses Fest waren dahin. So vieles hatte er sich vorgenommen
für diesen Abend; er wollte gerade heute das junge Geschöpf umgeben mit
Frohsinn und Heiterkeit, er wollte ihr alles bieten, was in seinen Kräften
stand, er wollte sie mit komischen Einfällen ergötzen, ihr Blumen
schenken, interessante Künstler vorstellen, schöne Frauen zeigen -- und
mit ihr tanzen wollte er und fröhlich sein. Sie sollte ein rauschendes
Künstlerfest erleben, das _er_ ihr geboten.
Aber die Freude versagt so oft ihr Erscheinen, wo man sie recht vorbereitet
erwartet hat.
An ihrem Aussehen war mit einem Mal all sein Vorhaben gescheitert. Nur das
dumpfe, niederdrückende Bewusstsein eines hoffnungslosen Zustandes war
über ihn gekommen.
War es die plötzliche volle Erkenntnis seiner Leidenschaft für das
schöne Mädchen, als er es in seinem Liebreiz an der Pforte stehen sah?
Erschrak er über seine eigene Empfindung oder erschrak er für Estella?
Noch war es Zeit; noch konnte er fliehen. Ein heftiger Kampf war in ihm,
sollte er sie freigeben, konnte er dies Opfer bringen, das ihm jetzt vor
der Entscheidung übermenschlich gross erschien?
Konnte er entsagen -- -- herrschen über sich selbst? Held sein! Und das
Nachschauen haben, wenn sie mit ihrem flüchtigen Schritt lachend von ihm
gegangen wäre?
Ach, und er erbebte, wenn nur ein Laut ihres Lachens zu ihm herüberdrang.
Es zog ihn zu ihr mit allen Fasern seiner unbändigen Natur.
Oder sollte er sie mit sich ziehen in heissem Geniessen einem dunkeln
Schicksal entgegen? Sein Blut schlug dumpf an seine Ohren, nur mit
äusserster Anstrengung konnte er sich der quälenden Aufregung erwehren,
die bei diesem Gedanken sich seiner zu bemächtigen drohte. Wie das winkte,
wie das lockte! Sein wildes Wesen brach aus allen Fugen. --
Hatte er denn ganz vergessen, was sie ihm einst bei den Ruinen sagte --
dass sie klug festhalte an dem, was ihr gut sein würde im Leben? Dass sie
ihren Kopf helle gelassen und wachend über die blinden Mächte gestellt
habe?
Er kannte das. Solche Ideen in stillen Jahren geboren -- in einem einzigen
Sturm verloren.
Sein Auge glitt zu ihr hinüber.
Wie ihr hoher Hals so stolz und sicher das zaghafte, scheinumwobene
Köpfchen von den geraden herben Schultern weghob! Nun hörte er wieder
ihrem leichtgeöffneten Munde dieses zuversichtliche Lachen entquellen
-- da fühlte er sich wie ein Verbrecher mit seinen abwägenden Plänen.
Sollte er bittend vor sie treten, dass sie ihm helfe, dass sie ihn mit
reiner Hand in ihr kühles friedvolles Reich führe?
Ein Verlangen nach dieser keuschen Hand ergriff ihn -- jäh,
unaufschiebbar.
Schwerfällig erhob er sich -- ein düsterer Freier -- und trat vor sie
hin.
»Fräulein Brand, ich bitte auch um einen Tanz!«, sagte er, und erschrack
über das Donnern dieser einfachen Worte.
Sogleich erhob sie sich, verliess alles um sich und ging mit ihm.
Sie kamen zum Tanzplatz. Hunderte von Paaren wirbelten lustig darauf herum;
die Musik brauste und die Lichter glühten still darüber.
Noch immer brachte er nichts über die Lippen.
Sie stellte sich tanzbereit vor ihn hin -- er rührte sie nicht an,
nur seine Augen standen gross und flackernd vor ihrem unschuldigen
Antlitz. -- -- --
Da endlich nahm er sie hochaufatmend in seine Arme und tanzte mit ihr.
Die Seide ihres Gewandes knisterte leise auf und der Duft ihrer Jugend
wehte ihm entgegen.
Bebend fühlte er ihren ruhevollen Tanz und ein sorgloses Vertrauen durch
ihre Haltung gehen.
Das erste Umfangen dieses jungen Leibes und dessen leichtes Folgen jeder
seiner Bewegungen hatten in ihm ein wildes Entzücken, ein berauschendes
Präludium seines Besitzes ausgelöst.
»Estella!« stöhnte er auf. Das eine Wort schrie in ihre Seele um Liebe,
um Hilfe.
Er hatte sie mit sich fortgezogen aus dem Gedränge, hin wo die köstlichen
Anlagen in einen natürlichen Wald übergingen. Dort war es dunkel und
einsam um sie und dort legte er seine Arme schmerzend schwer auf ihre
beiden Schultern und sein heisser Atem strich verwirrend über sie hin --
und kaum noch fühlte sie es, dass seine brennenden Lippen lechzend und
unstillbar auf ihrem Antlitz lagen. -- --
Später sind sie wieder zu den andern gegangen, haben getanzt und
gesungen, doch sie wussten es kaum. Das Fest der Künstler rauschte eine
verschwommene Melodie zu dem Feste ihrer Liebe. --
Jetzt ward ihr Schifflein abgestossen vom Ufer und den stürmenden Wellen
vertraut.
* * * * *
Es kamen Tage voll heissen Glücks. Makassy umgab Estella mit wahrhaft
fanatischem Kult und sie schritt durch alle diese Gaben hindurch stolz und
zaghaft wie eine junge Königin.
Seine Blicke umschlossen sie fast unaufhörlich und alles was sie tat war
von einem neuen, anderen Werte.
Auch sie vermochte sich nicht loszureissen von seinem Antlitz, in dem
sie ein langsames Gesunden zu sehen wähnte -- von diesen dunkelgrauen,
innerlichen Augen, aus denen allmählich das Ruhelose, Zermarterte zu
weichen schien.
Und wenn einmal durch eine Redensart oder irgend etwas Unvorgesehenes ein
kleiner Rückfall zu bemerken war, so konnte sie ihn mit einem einzigen
ihrer guten Blicke zurückrufen und in Dank und Freude bot sie ihm dann all
die Herrlichkeiten ihrer schönen Seele. --
Von den Menschen hatte sie sich fast gänzlich abgeschlossen, sie war so
gerne allein, dass sie erschrack, wenn die Gartentüre aufging und irgend
ein buntes Kleid dahinter erschien, denn das war sicher jemand für sie.
Ihr Verhalten hatte dann auch etwas so Gezwungenes, ihr Lachen klang arm
und notgedrungen, ihre Blicke waren so anderswo und in ihrer Unterhaltung
lag nach jedem Satze etwas so Abschliessendes, zu Ende Gekommenes, dass
mancher der Gäste plötzlich aufstand und sich verabschiedete.
Was war da sonst oft für ein heiteres Leben, wenn um die behaglichen
Gartentische die jungen, fröhlichen Mädchen sassen und über ihre
gegenwartsfrohen Gespräche weg, verstohlen in den Glanz ihrer Zukunft
lugten. Da schien ein Bündnis der Jugend erstanden -- im Sonnenschein --
unzertrennlich -- ohne Ende.
Aber so schnell schon sollte eine aus ihrer Mitte gehen -- die Eine, die
still anerkannte Seele des Kreises, die immer mit unsichtbaren Händen,
ungewollt voll höheren Geistes allem das Gepräge verlieh.
Doch die Abschiedsgesänge, die der Geschiedenen erschallen wollten,
mussten zerschellen an ihrer Unnahbarkeit und auch an dem Schrecken
auferstandener, schnell um sich greifender Gerüchte in der kleinen alten
Stadt.
Estella musste vieles ihren Händen entfallen sehen, aber es konnte ja
nicht anders sein, sie empfing auch so überreich und all' das erschien ihr
so unsäglich viel wertvoller, dass sie es geschehen liess. -- --
* * * * *
Einmal nach diesen Tagen hatten sie mit dem Onkel einen grossen Spaziergang
gemacht in der weiteren Umgebung der Stadt. Sie gingen auf den Höhenzügen
den reichen Waldungen zu.
Der Mai war längst zu Ende und das Getreide stand schon hoch auf den
Feldern. Ein leichter Wind wehte über die schimmernden Ähren weg und ein
schwaches Wogen entstand auf den Hügeln -- den stehenden Wellen der Erde.
Die niederen Dörfer waren versunken in einem Meere von Fruchtbarkeit und
schwimmend lagen auf ihm die braunen Dächer der Häuser.
Auch über die Bäume weg fuhr sachte die bewegte Luft und ihre Zweige
erbebten und ihre Blätter legten sich zitternd um und schlugen leise
klingend an einander. Schmetterlinge gaukelten über die Wiesen hin und die
Gräser und Blumen alle wiegten auf zarten Stengeln ihre Knospen und
Sterne und Glocken wohlig im Wind. Darüber wölbte sich weit und hoch das
Firmament und glänzende Wolken zogen in seiner tiefen Bläue stetig dahin.
Die drei schritten langsam durch diese schöne Welt. Der alte Brand gab
in lauten Worten seiner Bewunderung Ausdruck, Makassy und Estella sagten
nichts. Einmal blieb das Mädchen stehen, so recht erfüllt. Es hielt
Gottesdienst in seinem Herzen, dabei hatte es das Gehen gestört.
»Siehst Du nicht die Tränen, die über der Erde liegen?« frug sie
plötzlich Makassy, »die musst Du sehen lernen, Weib, dann kannst Du ganze
Schönheit schauen, der Erde ganzen, qualvoll-wehen Reiz!«
»Bei mir ist das einfacher,« antwortete Estella, »hier ist die
Welt, hier bin ich -- dazwischen liegt nichts. Ich schaue nur -- -- Du
komplizierst sie und zerstörst Dir ihre grosse, einfache Linie. Will Dir
das Einfache nicht genügen oder kann es Dir nicht mehr genügen?! Dann
allerdings wirst Du bald am Ende sein. Überfordere das Leben nicht!!
Entkräfte es nicht!! Komm,« rief sie abbrechend, »komm, die Rosen
blühen!«
»Die morgen welken,« erwiderte er. »Siehst Du Estella, das ist so arm,
so einfach: die morgen welken, -- darum muss ich multiplizieren, muss
vertausendfältigen im Genuss, darum muss ich heute im Genusse sie
zerstören! Ausleben -- Schönheitstaumel .... selbst ausleben, selbst zu
Ende leben -- wollüstiges Willenswerk! Sich nicht zu Ende leben lassen --
Ewigkeitstat!«
Sie überlachte es und sagte: »Ich hatt' einmal einen Traum, den will ich
Dir erzählen: Es war ein schönes, grünes Land, weit und herrlich. Ein
König nannte es sein Eigen. »»Du reicher König,«« dachte ich »»der
Du ein so schönes Land hast.«« Aber er selber war nicht darinnen --
es genügte ihm nicht. Dann kam ich in sein Schloss. Da blitzt' es und
gleisst' es vor Pracht, dass das Auge erbebte. Dort sass der König, »»Du
verwegener König,«« dacht' ich, »»der Du Dir solch ein Schloss über
die Welt gebaut.«« Er aber -- verblendet und krank -- schaute hinaus ins
Land, das, grau und trüb, ihn dieses bunte Schloss erbauen liess; --
noch grauer und noch trüber erschien es ihm jetzt. »»Du armer, armer
König.«« dachte ich jetzt und weinte.«
»Urgesunde,« sagte Makassy, »mutig ist Dein Lachen und weise Dein
Märchen!«
Sie gingen weiter.
Ausser der Bewegung, die der Wind schuf, rührte sich nichts allumher.
Ein einziger dunkler, grosser Vogel hob sich mit weiten Schwingen in
feierlichem Kreisen in den Äther auf und verschwand endlich hoch oben als
ein kleiner, schwarzer Punkt in den Wolken.
»So ist das Auffliegen des Menschengeistes, der auf der Erde gross
erscheint und zusammenschwindend sich dem Ewigen naht,« dachte Estella, --
doch das Lachen der Erde rief zurück aus den Fernen und ihr Auge blieb auf
dem sonnigen Wiesengrunde liegen.
Da lag die Schöpfung in Unschuld. Zwischen Rotbuchen- und Haselnussstauden
und graugrünen Wachholderstöcken standen stolze hohe Königskerzen,
Büschel weisser, blanker Margeriten, zitternde Federnnelken und dazwischen
schickte ab und zu hart vom Boden weg eine niedere Genziane, einem
Aufschrei gleich, ihr in Not erstarktes Dunkelblau. Doch mit gleichem Kosen
glitt ein goldnes Sonnenwerben von den Königskerzen bis zu ihnen hin.
»Aus diesen Blumenwesen müssen gute Gedanken kommen und über die Erde
ziehen« sagte Estella, »was haben sie schon frohe Poesie zu den Menschen
geschickt -- --«
»Weil sie unwissend sind« fiel er dazwischen und zitierte mit fast
boshaftem Behagen die Verse vor sich hin:
»Blumen, ihr ahnt nicht mit eurem Duft,
Dass ihr erblühet auf einer Gruft.
Euer Standort, der Hügel, der ist ja nur
Eine tote Welle erstarrter Natur.
Ihr selber müsst sterben, wie alles dereinst --
Mein Liebchen, auch wir -- mein Liebchen, Du weinst ...«