[Illustration: Decoration]
BERLIN-LEIPZIG
MODERNES VERLAGSBUREAU
CURT WIGAND
1907
In sanften Wellen breitet sich die Landschaft aus. Die Natur hat hier
aufgehört, Grandioses zu ersinnen, vor dem erschrocken der Mensch in
Betäubung steht; auch hat sie nicht verschwendet in üppiger Schönheit,
dass er ihr berauscht am Busen liegt, -- sondern sie hat mit sanfter,
friedlicher Hand einfache, ruhevolle Linien in dieses Stück Welt
gezeichnet und hängt sich ihm vertraulich an den Arm und schweigt selber,
damit sie ihn höre.
Überall Äcker und Felder, stille dunkelbraune Erde, die sich leise zu
schmücken beginnt, aus deren Schollen sich mühsam und zaghaft junges,
weiches Grün schiebt, -- dieses lichte, siegende Grün, das die schwere
Farbe so bald verdrängt und sich sonnenfroh unter dem weiten Himmel dehnt.
Dazwischen Wälder, blaugrün, dunkel, duftumsponnen, die ernstere Töne
mit in diese Landschaft bringen und hier und dort ein unvermittelt aus den
grünen Tälern aufstrebender Felsen, der als blendender Hügel verwegen
in dem königlichen Blau des Himmels steht und hochmütig auf die uralte
Geschichte seines Landes hinweisend, in seinem porösen, kalkigen Gestein
ein Stück einstigen Lebens umschlossen hält. Träumende Pflanzen und
träge Schnecken, die überrascht worden sind in ihrer Beschaulichkeit von
der umstürzlerischen Erde und endlich in langen Jahrtausenden erstarrten
und versteinerten. --
Nichts verbildet ringsum, nichts verbaut. Nur manchmal ein stilles Dorf. So
still, dass man glaubt, es wohne seit Menschengedenken niemand hier, -- als
hätten die Leute vor langem ihr Bündel geschnürt und seien fortgezogen
auf den schweigenden Strassen, die vereinzelt wie trübe Bänder um diese
Weiler liegen und sie zusammenhalten in dürftigem Verkehr.
Ein altmodischer Kirchturm schaut aus jedem Dorfe, gar einfältig
mit seinem braunen, moosigen Schindeldach aus vergangenen Zeiten. Man
erschrickt fast, wenn aus einem dieser Türme die Glocke plötzlich anhebt
zu schlagen -- ein Lebenslaut kann auch bestürzen, wo man ihn nicht
erwartet hat. Man glaubt, die Glocken müssten längst gerostet sein,
da sie für niemand zu läuten brauchen in diesen grauen, verschollenen
Häusern, die um jene Kirche stehen.
Nur wenn man spät abends von einem der Hügel weg über diese Landschaft
schaut und hier und dort ein mattes, rötliches Lichtlein aus den Fenstern
eines dieser Dorfhäuser blinken sieht, so glaubt man es, dass auch
Menschen hier wohnen, Menschen, die mit fleissigen Händen Furchen durch
diese Erde ziehen und ihre Saaten in sie legen.
Aber es müssen seltsame Leute sein, altmodische, die zurück sind und
stehen geblieben -- und feindlich geworden gegen die grosse, schnelle,
bewegliche Welt.
* * * * *
Es war ein Abend im Mai. Die immer gleiche Einsamkeit über der Gegend. --
Ein noch junger Mann, der auf einer Ruhebank oben am Buchensaum des Waldes
sass, lauschte ihrer mit bangen Zügen. Er hatte sich zurückgelehnt, den
Hut abgenommen und den Blick nach Westen gerichtet, wo der Himmel schon im
Abendträumen lag.
Es waren ein paar aufschreiende Augen, die wie vor Feuersbrünsten standen,
nicht vor einem stillen, träumigen Bilde solch schlichter Art. Diese Augen
hatten wohl viel gesehen und geschaut. Schönheit und Schrecken -- und sie
waren beweglich geworden, ruhelos und auffahrend.
Über ihnen aber thronte das Massiv der Stirne. Das hatte sich aufgebaut
und breit gemacht wie eine Festung. War gebildet und erstarkt in Trotz und
Selbständigkeit. Im ganzen Antlitz lag nicht der Ausdruck des Feierns
und Fertigseins, trotz aller Reife, sondern schweren, rastlosen inneren
Arbeitens. Etwas mühsam Errungenes, schwer Gehaltenes. Man fühlte
sogleich, hier war nicht irgend einer, sondern Einer, ein Eigener.
Müde legte er die beiden Arme auf die Rücklehne der Bank und wollte sich
losreissen von dem zwingenden, rastenden Bilde, das hier so weit und gross
vor ihm lag. Aber es waren tausende von Widerhaken der Schönheit in
ihm, die ihn festhielten, -- wie sich die ruhenden Wellen der Erde so in
biblischer Breite und Feierlichkeit vor ihm hindehnten.
In wem es so friedlich aussehen könnte, wie in diesem Land! Ein gequälter
Ausdruck ging über das Gesicht. Der Mensch fällt in solcher Einsamkeit
auf sich selbst zurück und da muss es etwas Gutes und Lauteres sein,
das von der eigenen Seele herauszieht und was einem diese Stille
zurückschickt.
Und als er so sass und sich sträubte, wirbelte plötzlich helles, loses
Lachen durch diese schwere Ruhe und brach die bedrückende Macht der
einsamen Landschaft.
Junge Mädchen in lichten Gewändern, auf denen das letzte Tageslicht
spielte, kamen leichtfüssig über die Wiese her. Sie sprangen und liefen
und lachten und schrien und weder das Schlafengehen der Natur noch
der unbekannte Mann da drüben vermochte sie in ihrer geräuschvollen
Heiterkeit zu stören. Es lag etwas Rücksichtsloses in diesem Lärmen, wie
so die lauten Stimmen unbekümmert in die Stille des Abends schlugen, --
aber auch etwas Sorgloses, Glückliches, das Vorrecht der selbstherrlichen
Jugend.
Wer jetzt das Gesicht des Mannes hätte sehen können, der wäre
erschrocken an dem veränderten Ausdruck desselben; als wären Hunde
aufgefahren, die zuerst an Ketten lagen, und hätten alles schönere Leid
daraus vertrieben. Geblieben waren nur müde, dreiste Blicke, die sich
rassekundig in die jungen Leiber bohrten und sie nach unschönen Werten
abschätzten.
Gelangweilt gähnend erhob er sich jetzt, den Ärger und damit die
Aufmerksamkeit der jungen Mädchen zu erregen.
Sie kamen indessen hart an ihm vorbei; weisse, rote, blaue Kleider, frische
Gesichter voll Jugendlust, braune und blonde Haare, die im Abendwind
flogen. Da gähnte er noch einmal, weil sie gar so reizend waren und
er sich zu wenig beachtet fühlte. Es hatte Erfolg. Als sie es hörten,
machten sie hochmütige Gesichter -- denn ihr Lärmen sollte doch auch
geheissen haben: »Hellauf! Wir sind da! Platz gemacht!« Und ein blondes,
schlankes Ding sah erstaunt zu dem ungalanten Fremden hinüber, der so
wenig Art zeigte und guten Geschmack.
Wie es so in beginnender Dämmerung schon an ihm vorbeigeschritten, den
Kopf ein klein wenig zurückbeugte, sah es in dem Duft ihrer Jugend und
Zartheit wie ein flüchtig in die Luft gehauchtes Bild aus.
Die Mädchen waren vorüber. Das Lachen verhallt. Die heitern Farben
erloschen. Und die Schatten, die hinter den Büschen und Bäumen hockten,
krochen hervor, wuchsen ins Riesenhafte und wälzten sich über das ganze
müde Land.
Der Fremde war nun doch überrascht gewesen von dem reizvollen Anblick.
Schönheit, in welcher Form sie auch kam, war es allemal wieder, die sich
leise zu den freundlichen Geistern in seiner Seele schlich und sie
weckte. Auch diesmal. Doch nur auf kurz, dann schauten wieder die alten,
hässlichen, kalten durch seine Augen, wie zuerst.
Langsam schritt er nun in der Richtung zu, wo die fröhliche Schaar
verschwunden war. Es ging an den Buchen entlang, durch einen dünnen
Tannenschlag den Hang hinunter, wieder über Wiesen, die anstiegen, und
schon sah man hinter dem nächsten Hügel einen stattlichen Kirchturm
aufragen. Er ging rasch weiter, die Anhöhe hinauf. Die einsame Landschaft
war gewaltiger geworden mit jedem Augenblick -- sie kam hinter ihm her und
trieb ihn dazu.
Nun lag vor ihm in tiefer Dämmerung die kleine, einst berühmte alte
Stadt, die er aufsuchen wollte. Die vielstöckigen Giebelhäuser, schon ein
wenig altersschief, waren umfriedet von einer mittelalterlichen Mauer
voll seltsamer Tore und Türmlein; ein breiter Wall umzog sie, in dessen
sumpfigem Graben einst mancher Feind in kriegerischen Zeiten seinen Tod
gefunden.
Damals gab es hellere Köpfe im Lande und schnellere Füsse. Da gab es
zu tun, da musste man sich drehn. Wunden stillen. Lieder singen. Lorbeer
winden. -- Und über all' dem Wandelbaren inmitten der Häuserreihen stand
von altersher in stiller Majestät die hohe gotische Kirche und besann
sich, zu welcher Zeit die Menschen am meisten unter ihr Dach gelaufen
kamen.
Wie dieser Dunstkreis einer belebten Stadt ihn anzog, wie das Bewusstsein
baldiger Gemeinschaft ihn wohlig durchrieselte! Und als er nach kurzem
Wandern durch eines der alten Stadttore eingetreten war und ihm vollends
aus der geöffneten Tür eines erleuchteten Gasthofes ein Bild bunten
Lebens in Farben und Klängen entgegenschlug -- da sah er mit Mut in die
grosse einsame Landschaft da draussen zurück.
Bei seinem Eintritt in die saalartige, dichtgefüllte Gaststube war es
einen Augenblick ganz ruhig. Etwas wie leichtes Erschrecken war durch
die Reihen gefahren, wie es das erstmalige Ansichtigwerden eines
neuen Gesichtes so gerne mit sich bringt, besonders in den
gewohnheitsschläfernen Augen solcher Kleinstädter.
Rasch und blitzend war der Kopf auch, von anderm Geiste als der ihre;
-- dunkelhaarig, und von nervösem Ausdruck das Gesicht, schlank und
geschmeidig die Gestalt. -- Die Kleidung war die eines verwöhnten
Grossstädters, doch ohne Bedacht getragen.
Ein neugieriges Schauen rings in der Runde, indessen er Platz nahm und
mit vornehmer Art zu speisen begann, -- bis _er_ dann schaute und die
Anwesenden betrachtete. Da waren alle die Blicke mit einem Mal aufgefahren
wie ein Mückenschwarm und hatten sich ringsherum, anderswo niedergelassen.
Seine Betrachtungen lohnten sich nicht besonders; lauter Alltagsgesichter,
geworden und befestigt in einer vergessenen kleinen Stadt, in einer toten,
ereignislosen Zeit, in der so recht der Werkeltag des Lebens allem sein
nüchternes Gepräge verleiht.
Blos da drüben ein anziehenderer Tisch voll Jugend -- ei! Das waren ja
die lachenden Mädchen wieder! Das eine dunkle mit den schweren Augen, das
andere mit dem runden Gesicht, den aufgeregten Backfischwangen und
braunen, prallen Zöpfen um den lustigen Kopf und dort das mit der weissen,
milchigen Haut -- die Zukunftsfreude und Daseinslust lugte ihnen aus allen
Taschen und Falten.
»Wo ist denn Estella?« rief jetzt der Backfisch und fuhr vom Sessel auf
und alle andern mit und sahen nach allen Tischen -- aber sie war nicht im
Saal. Da gingen einige sie holen und es währte nicht lange, so traten
sie mit ihr ein. Eigentlich war es nur eine, die eintrat, denn die andern
schoben sich ungesehen neben ihr zur Türe herein. Alles sah nach Estella.
Wie besonders sie war!
Des Fremden Auge leuchtete auf und er erkannte befriedigt das zarte Bild
des blonden Mädchens wieder, das da draussen bei den Buchen nach ihm
umgesehen hatte.
Es kam mit ihr etwas Erfrischendes, eine köstliche Atmosphäre in
das dumpfe Lokal. Es wehte förmlich von ihr weg, wie wenn schnee- und
reifbehangen man von draussen in die warme Stube kommt und denen drinnen
ein Stück des frischen Winters mit hereinbringt. Nur dass sie den Lenz mit
sich gebracht!
Er hing ihr von den Haaren und lachte ihr aus dem Antlitz. So etwas
Frühlingshaftes hatte er nie gesehen. Ihm fielen die herben Gärten ein,
die schon voll von Blüten stehen und da und dort noch Schnee in ihren
Winkeln haben.
Schade, dass nicht das Schleiergewand von Boticelli's Frühling den
schlanken Leib umwehte, dass die verschnittene Tracht unserer Zeit falsche
Linien schuf, dass schwere Schuhe die zarten Gelenke umzwangen und ein
modischer Hut auf dem feinen Kopfe sass.
Das Mädchen fühlte den Eindruck, den es hervorrief, und die Art wie es
sich auf einen Stuhl niederliess, war fast ein wenig eitel. Langsam nahm es
den Hut ab, wie jemand, der eine Überraschung in Vorbereitung hat. Es war
auch eine, denn um wie viel schöner war das Mädchen ohne den! Unter ihm
hatte das gefesselte Haar tausend feine, rotgoldene Fäden gesponnen, die
nun gross taten und Feuer schlugen und gerne dabei sein wollten, solchen
Festtagsglanz noch zu erhöhen.
Jetzt konnte man das Gesicht ganz deutlich sehen. Nichts absolut Schönes
oder gar Klassisches. Stille, graue Augen, eine feste, mutige Nase, ein
frischer, intelligenter Mund mit guten Zähnen und eine rosige Haut. Daran
war ja nichts Ausserordentliches, sondern das lag im Gesamteindruck,
im Ausdruck der Reinheit, der Unberührtheit, des Jungen, der lichten
Zartheit.
Nun, als Estella sass, fing sie laut und lebhaft zu sprechen an -- lustiges
Zeug, über das man lachen musste -- und auch sollte. Aber der innerliche
Reiz, der so bestrickend für den in Betrachtung Versunkenen über ihrer
Erscheinung lag, war verschwunden. Der Traum war aus. Der Traum,
der sekundenlang den einsamen Mann umfangen hatte. Es fliegt eine
Künstlerseele so leicht von der Erde auf! Hier war ein hübsches Mädchen,
wie viele andere -- wozu die Andacht? Sie ärgerte ihn. Und dennoch konnte
er seine Augen nicht abwenden.
Bei jedem Menschen, der ihm das erste Mal in den Weg trat, hatte er das
bestimmte Empfinden: der kommt in Betracht, der nicht. Auch hier. --
Die Zeit verstrich schnell in dem stetigen Hin und Her der Gäste. Es wurde
gelacht und gespielt, getanzt und gesungen. Manch einer sang ein lustiges
Lied, mancher ein trauriges. Aber der wurde ausgelacht. Man mochte nichts
wissen von Ernst und Feierlichkeit. Die Mädchen wollten lachen und tanzen
und ein wenig laut sein dabei.
Immer ausgelassener riefen sie nach der Musik, die zu langsam sei, und sie
wollten sich schneller drehn.
Da trat, ohne etwas zu sagen, der Fremde an's Klavier, dass es das
erschrockene Fräulein davor jäh aus seinem behaglichen Rhythmus riss und
es eilig aufstand, ihm Platz zu machen.
Er fing zu spielen an. Alles horchte. Das war eine Tanzmusik! Die sprang
auf, so trotzig und boshaft, rannte den Takt und die Regeln über und
über, -- stand jetzt stille und wirbelte dann plötzlich in rasender
Schnelle dahin. --
Das war eine seltsame Tanzmusik -- aber lustig und feurig wie keine! Die
hatte gezündet und fortgerissen und es war ein Schleifen und Beben und
Schwanken und Dröhnen! Die Paare rasten durch die Luft, Staub flog auf,
Röcke flatterten, verfingen sich und wurden lachend losgerissen, Wangen
glühten, Augen blitzten und dem Backfisch flogen die Zöpfe hoch vom Kopf;
ihm kam so etwas Wildes gerade recht. In stillem Entzücken glänzten die
Mütter dazu, nur die Väter schüttelten die ernsten Köpfe.
Die Blondine war auch sehr ausgelassen; es stand ihr aber nicht: sie
verdarb ihre Art und als sie eben erschöpft und atemlos ihren Tänzer
entliess und sich nach einem Ruheplatz umsah, begegnete sie mitten im
Getümmel einem Blick des Fremden, der fest und durchdringend auf sie
geheftet war. Dieser Blick durchschnitt gleichsam die heisse Atmosphäre
kalt und hart wie Stahl. Und da die Musik in diesem Augenblick innehielt
und mit ihr sofort alles andere Lärmen, so half die allgemein plötzlich
stockende Bewegung wirkungsvoll dabei mit.
Es sträubte sich quasi der ganze Saal und lehnte sich auf ob des feinen
Mädchens uneigener Art.
Estella erschrak, wurde stiller, erschrak darüber noch mehr und beeilte
sich wilder als zuvor herumzutollen. »Es ist wirklich albern!« sagte
sie, gerade am Klavier vorbeiwirbelnd, sehr laut und vernehmlich zu ihrem
Tänzer; aber der wusste nicht was und hat es auch nicht erfahren. --
Es war sehr spät, weit über Mitternacht, als Alles aufbrach. Väter,
Mütter, Alt und Jung verliessen den Gasthof und gingen müde nach Hause.
Estella Brand, die bei einem Verwandten, dem reichen Privatier Brand, in
dem kleinen Städtchen zu Gast war, wohnte ausserhalb der Stadtmauer in
einer vornehmen, kleinen Villa. Dort verbrachte sie viele Monate jedes
Jahr, meist Frühling und Sommer, und freute sich, da zu sein.
»Onkel«, rief sie lachend jedesmal bei ihrer Ankunft, »jetzt lege ich
mich unter Deine Rosen und schlafe die Grossstadt aus!« Und der alte Brand
lachte mit und war froh, dass in seinem schönen Garten eine so passende,
feine Gestalt war. Er liebte sie sehr; zuerst kam auf der Welt sein Bruder,
ihr Vater, ein grosser, einsamer Mensch und Gelehrter, dann sie in seinem
Herzen.
Als sie nun heute ihrem Onkel Gute Nacht gesagt hatte, ging sie in ihr
Zimmer und schaute noch lange in die stumme Maiennacht und in ihre eigene
Seele. Sie mochte es immer so gerne haben, dass, wenn sie sich abends zur
Ruhe legte, alles glatt und eben in ihr war, was der Tag gebracht. Aber
heute lag die Ebene nicht so weit und übersehbar da, als sonst. Sie
tastete in sich herum und fand sich nicht so klar und dachte an den
merkwürdigen Abend, ihr auffälliges Benehmen, an den Fremden, sein
bizarres Spiel und seinen herausfordernden, seltsamen Blick. Während
sie sich langsam entkleidete, gelitten ihre Gedanken weg, zu dem jungen
Forstmann hin der sie seit langem liebte und ihrem Wankelmut und all ihrem
Jungsein geduldig zusah und es gerne abwarten wollte.
Sonst hatte sie oft gespöttelt über diese Treue, dass gar so schnurgerad
sie sei, -- wie eine lange Landstrasse, ein wenig reizlos und ohne
Spannung. Aber heute beruhigte sie der Gedanke an diese Liebe; es war eine
Zuflucht zu etwas Festem, Starkem.
* * * * *
Für einige Tage später ward ein grosser Ausflug geplant, an dem sich
die Gesellschaft des ganzen Städtchens beteiligen sollte. Es waren Wagen
bestellt und man hatte sich eine Fahrt tief ins württembergische Land
hinein vorgenommen, zu einigen, weitberühmten Ruinen, da die Stadt unfern
der Grenze gelegen war.
Am frühen Morgen, noch angetan mit warmen Kragen und Mänteln,
versammelten sich alle bei einem der alten Türme der Stadtmauer.
Wie erstaunte Estella, als der Fremde von neulich unter den Anwesenden war.
Er hatte sich bekannt gemacht und schloss sich der Partie an. Sein Name war
Leo Makassy; er war Maler und zwecks Studien hierher gekommen.
Alles stieg ein und freute sich einen so angenehmen Tag vor sich zu haben.
Man dachte mit Behagen an all' die schlummernde Arbeit in Schreibpulten,
Flickkörben und Suppentöpfen, die man sorglos zu Hause gelassen.
Als man sich's warm und gemütlich gemacht auf den seitlichen Polstern
des einen Wagens, wollte man vor allem diesem Eindringling auf den Grund
kommen. Man musste dies vorerst erledigen, damit man sich darnach verhalte.
Es stellte sich heraus, das er seit langem in der Welt herum reise, sie als
Künstler zu studieren und sich Anregung zu verschaffen. Zuletzt hatte er
das patriarchalische Württembergerland durchstreift und sich ergötzt
an seinem jungfräulichen Landschaftsreiz und nun sei ihm noch die
altehrwürdige Stadt genannt worden, von der er sich Skizzen machen wollte.
»Wo waren Sie denn vorher überall?« frug verbindlich der Oberamtsrichter
der Stadt aus seiner Wagenecke heraus. Es war ihm zwar ganz gleichgiltig,
er wollte nur dazu kommen, seine eine und einzige Reise nach Ostende mit
der erschütternden Pointe zum Besten zu geben: wie einmal das Meer in
breiter Woge dahersauste und ihn -- den Oberamtsrichter Larsen -- mit
Haut und Haar beinahe verschlungen hätte. Und wenn dann all den
Liebenswürdigen das erwünschte Gruseln kam, dann konnte er sanft sein und
tröstlich wie nie. Aber da die ganze Stadt es längst auswendig wusste
und schon ganz ausgegruselt war, sah man die Erzählung des Herrn
Oberamtsrichters wie ein Gewitter heraufziehen und rettend rief diesmal der
kecke Backfisch schnell dazwischen:
»Makassy ist ein seltener Name, Sie sind gewiss von weit her?«
»Bis von Ungarn« sagte er lächelnd.
»Ist's dort schön?«
»Ein fruchtbares Land voll von Getreide«, fiel der Pastor ins Wort.
Aber niemand wollte Näheres darüber wissen und eilig hiess es weiter:
»Waren Sie auch schon in Frankreich, in Italien -- ach, in Italien, mit
seinen blauen Himmeln und schönen Mandarinenknaben?«
Und als er es bejahte, bestürmte ihn Alles, von Italien zu erzählen. Man
rückte zurecht, streckte die Köpfe vor und horchte. Das war etwas anderes
als das ewige Getreide, von dem der Pastor so gerne sprach und von Gottes
Segen, und die erschütternde Meereswelle des Oberamtsrichters.
Und der fremde Künstler fing zu erzählen an und wurde wärmer und
lebhafter mit jedem Wort und seine Augen gingen mit über die Städte
hin, über die Lande von denen er sprach, und gingen weiter in unsichtbare
Fernen und -- eine düstere Sehnsucht stand in ihnen. Nach und nach
verstummten alle Einwände und Fragen. Man fühlte etwas Überlegenes, vor
dem man sich nicht gerne hören liess.
Er sprach von dem Geiste lapidarer Vergangenheit, der dort über Ruinen
weht, von stolzen Bauten, die auf Felsen thronen, und von der einen
meerentstiegenen Marmorstadt, durch die die Gondeln ziehn, -- er sprach
von dem leuchtenden Meere, in das sich Zauberhaine neigen, von schimmernden
Palästen, die im tiefblauen Himmel stehen, von einsamen Gestaden, wo
Böcklins Fabelwesen hausen, von dräuenden Klippen, an die die Wogen
gischtend schlagen, von rätselhaften Märchenblumen, die träumend von
den Sträuchern hängen, von versonnener Poesie, die in stillen, duftenden
Gehegen steht, sprach er, -- auch von rauschenden Spitzenschleppen,
die dort achtlos über Marmortreppen fegen und -- last not least -- von
Frauenschönheit, die in Tropengärten sich ergeht und sinnend über die
Unergründlichkeit stiller Teiche neigt, auf denen Lotosblumen schwimmen.
Als er endlich schwieg, war der herrschende Kleinstadtgeist aus dem Wagen
geflogen. Aber mit ihm das Behagen.
Das durfte man sich nicht bieten lassen, dagegen musste man sich wehren,
und dies geschah so, dass man sich befreite von dem Eindringling, indem man
ihn behutsam, rund und reinlich umging, ohne ihn auch nur einmal mehr zu
streifen.
Ein kleines Intermezzo kam diesem Bestreben noch hilfreich entgegen.
Nämlich die Pferde, die gemütlich trabend mit einem regelmässigen
Aufklappern der Hufe ihres Weges getrottet waren, mussten plötzlich
stärker angezogen haben, so dass ein leichtes Schwanken des Wagens
erfolgte. Alles stiess an einander, kreischte ein wenig -- und Berta,
der wilde Backfisch mit dem unternehmungslustigen Gesicht und den
blitzschnellen Augen: dies sehen und ein furchtbares Geschrei aufschlagen
war eins.
Daraufhin fuhr alles von den Sitzen auf und schrie gerade hinaus, puffte
um sich, fiel vornüber, drängte nach der Wagentüre, riss sie auf, wollte
hinaus und rief entsetzt nach dem Kutscher, der so viel wertvolles Leben
auf's Spiel setzte.
Der hatte gehalten, schaute auf die schreckliche Verwirrung hinter ihm,
schaute nach Blut, sah keines, begriff gar nichts und schwieg verstockt.
Die Mütter fielen über ihn her, er sei gewissenlos, ja das sei er! Ob er
die fünf Kinder erziehe, wenn sie mutterlos wären? »Und meine drei!«
klagte blass die noch junge Frau Pastor. Und eine sehr dicke, rote Dame
schrie, sie glaube, sie stürbe noch hintennach am Schrecken.
Da drehte sich der Kutscher langsam nach ihr um, ob es schon gleich wäre.
Die anderen Wagen, die voraus waren, hielten an, entleerten sich und es
entstand ein grosser Kreis von jammernden und tröstenden Gestalten, ein
Erklären, ein Fragen. Der vermeintliche Sündenbock stand immer noch stumm
in der Mitte, schüttelte den Kopf, als rechnete er die Kinder zusammen,
die er zu versorgen habe, und verweigerte jede Auskunft.
Da drang durch die Versammlung ein Aufkichern. Alle Köpfe flogen nach der
Richtung, staunend ob dieses neuen Phänomens und man konnte eben diese
wilde Berta, das frische, rotwangige, jüngste der Mädchen seitwärts
stehen sehen, das Taschentuch vor das Gesicht gepresst, berstend schier vor
lauter Lachen. Es war ihr Werk! Sie hatte einfach aufgeschrien, die andern
ein wenig zu erschrecken und auch, -- weil das Schreien so lustig ist, und
-- welche Wirkung!
Durch die erhitzten Köpfe fuhr ein plötzliches Aufdämmern. Erst
Beschämung, dann Ärger und endlich ein mildes Gefühl gegen die junge
Missetäterin, -- da es doch so gut abgelaufen war, nachdem man dem kalten
Tod ins Auge geschaut. In schöner Dankbarkeit für das wiedergefundene,
warme Leben sagte man gediegene Worte von Verzeihen zu ihr, aber niemand
mehr wollte den unartigen Backfisch bei sich im Wagen haben. Der Vater
desselben sagte einiges Strenge, Verweisende, wie es sich für einen
würdevollen Mann geziemt, der stark in seinen erzieherischen Grundsätzen
zu sein hat; aber fast wäre dabei dem warmen Menschen ein inkorrektes
Lächeln entschlüpft. Hatte er doch vor diesem Zwischenfall schon das
unruhige Fünklein in des Mädchens übermütigen Augen gesehen und hatte
es nicht gelöscht, bis es immer unternehmungslustiger aufblitzte und
herausstach und auf einmal lichterloh brannte -- da war es zu spät. --
Alles stieg wieder ein, nur Berta musste zur Strafe auf den Bock zum
Kutscher sitzen, der indessen aus seiner Betäubung aufgewacht und es
nun nicht unzufrieden war, mit einem so jungen, schmucken Ding
zusammenzusitzen. In unbeholfener Galanterie breitete er ihr die
Pferdedecke auf den Sitz.
»Das wäre gut hinausgegangen,« dachte er schmunzelnd im Fahren, als er
einmal über des Mädchens dicke, pralle Zöpfe wegsah. --
So fuhr man durch dies weite Land; durch Buchenwälder, durch Felder, deren
lange Ackerfurchen wie träge Schlangen über den Hügeln lagen und
in weichen Windungen und Bogen sich wohlig sonnten in dem flimmernden
Maienglast, der über der aufblühenden Erde stand.
Die Unterhaltung floss wieder in alten, behaglichen Bahnen seicht und
sorglos dahin. Die Mädchen sangen Lieder und schielten dazu ein wenig nach
dem fremden jungen Mann hinüber, weil er so gar nicht nach ihrem Geschmack
sein wollte. Keine seiner Fragen oder Antworten schien ohne irgend eine
Absicht und gar das abgestossene Lachen klang unangenehm, denn es entbehrte
wahrer Heiterkeit, des ansteckenden Reizes -- im Gegenteil, wenn es
auffuhr, verstummte allsogleich jedes andere frohe Lachen. Irgend etwas
hatte der vor; das glaubten sie zu fühlen. Allein um Skizzen zu machen,
blieb der nicht in so kleiner, weltabgelegener Stadt. Was trieb ihn dazu?
Doch da dies heute nicht mehr zu entscheiden war, vergassen sie ihn wieder.
Später verliess man die Wagen und wanderte langsam den Ruinen zu, die aus
sagenseliger Zeit Grüsse in die Gegenwart schickten. Gleich einer schönen
Fee, so geheimnisvoll, wundersam und unnahbar schwebte das Märchen über
sie hin, und der Saum ihres Schleiergewandes streifte die zerborstenen
Mauern.
Nur eine war zurückgeblieben und mischte sich nicht in das allgemeine
leere Gerede; Estella Brand. Ihr war es zu schön ringsum und des Fremden
weitausschauendes Auge hatte sie unbewusst fortgewiesen aus der engherzigen
Umgebung.
Sie ging so für sich hin -- wie in lauter rosigen Wölkchen, denn
das dünne, faltenreiche, rötliche Kleid umflatterte und umblähte
fortwährend den schlanken Leib. Wie sie so ging und die schmalen Füsse
aufsetzte, das war prachtvoll anzuschauen. Es war der Gang einer Königin.
Stolz und sieghaft der Tritt. Flüchtig und leicht das Schreiten. Sah man
sie vor einem dunklen Walde gehen oder weitete sich hinter ihr die helle
Landschaft, immer hob sich diese Mädchengestalt triumphierend als ein
eigenster schöner Schöpfungsgedanke glänzend davon ab.
Der Maler, der sie bis jetzt absichtlich unbeachtet gelassen hatte, kam zu
ihr und redete allerlei Äusserliches, was so ein erstes Begegnen mit sich
bringt. Aber nicht lange; dann machte die Unterhaltung jenen unbemerkten
Sprung ins Subjektive, von wo aus sie nicht mehr zurückfinden kann.
Dabei sah er sie unausgesetzt an, dass sein beharrlicher Blick sie bald
belastete.
Sie ging ohne Hut und die losen Waldlichter trieben ihr ausgelassenes Spiel
auf dem hellen, flimmernden Haar und Antlitz, bis der Schatten irgend
eines grossen Blattes oder Zweiges es auf Augenblicke einstellte. Diese
wechselnde Beleuchtung brachte etwas Schwankendes, Verschwommenes mit
sich und verwischte die festen, sicheren Linien. Der Künstler hatte das
Empfinden einer in nächster Sekunde zerrinnenden, schönen Vision.
Wenn Estella sich vom Boden weggehoben hätte, aufgeflogen und dem
Waldesdickicht entschwebt wäre, er hätte nicht aufgeschrieen; es wäre
etwas Erwartetes gewesen.
Und der Wille entstand in ihm, festzuhalten.
Er wich nicht mit seinen Augen und fühlte immer mehr, dass ihn diese
eigenartige Schönheit beschäftigen würde. Wie gerne liess er das
geschehen; es kam ihm gerade recht in seiner Übersättigung und
Langeweile; es sollte eine seiner köstlichsten Episoden werden.
Dreister und deutlicher wurden seine Blicke und legten sich lähmend
über sie. Selbst ihr leichter Gang litt darunter. Er wurde schwerer,
tastender. --
Da blieb sie plötzlich jäh und unvermittelt stehen und sah ihn fest und
ruhig an. Hierin lag so viel Selbständigkeit, so viel unbequemer eigner
Wille, dass er stutzte. Sie war stark und wehrte sich, bevor man nach ihr
langte; sie hatte vorsichtig Lichter um sich gestellt, damit sie niemand
streife, die Reine, Feine.
Etwas wie Scheu empfand er, sie sah es an seinem Gesichte und wollte schon
froh sein darüber, doch kam er ihr zuvor und schnitt diese Freude
kalt entzwei. In sein ganzes Gebahren legte er etwas so Wegwerfendes,
Rücksichtsloses, dass es sie verletzte; und diese Demütigung fiel in ein
junges, eitles Herz, schlug Lärm darinnen und schrie nach Rache.
Zuerst besann sie sich ein wenig und lachte leise vor sich hin,
zuversichtlich. Dann liess sie eine Verwandlung mit sich vorgehen.
Sie hob sich gleichsam auf die Fussspitzen, neigte sich um, hinüber in
all' ihr leichtes, lichtes Wesen, breitete die Arme aus, reckte sich aus
der eignen Schwere, lockte sich in ein Tanzen hinüber, und wirbelte ihm
all' ihre keusche Grazie vor seine Seele.
Sie erzählte und lachte und sang in den Himmel hinauf, Da war nichts
Gekünsteltes mehr, sie war ganz sie selbst geworden und fühlte sich frei
und herrschte. Und dies Bewusstsein berauschte sie und entriss ihr immer
mehr eine sprühende Laune.
Sie sprach von ihrer Kindheit; wie ihr einst die Mutter einen Apfel nahm
und sie ein grässliches Geschrei aufschlug, dann aber plötzlich unter
wilden Tränen schwieg, weil sie eine Birne liegen sah, die nahm und
lachend rief: »Hab i nicht 'n Apfl, hab i doch a Birn!« So sei sie
auch geblieben, nur noch viel gescheidter geworden, weil sie jetzt selber
wegwerfe, was nicht gut für sie ist. Und wenn sie noch gescheidter werden
sollte, wozu doch alle Aussicht wäre, dann lange sie überhaupt nicht mehr
nach dem Falschen. Das müsse vortrefflich werden, wenn dann Gedanken und
Gefühle einst so quasi wie Äpfel und Birnen vor ihr auf dem Tische liegen
würden und sie sich stündlich besinnen könne, was sie davon wegnehmen
wolle und was nicht. Dazu ihr Lachen, ihre Leichtigkeit, ihre jungen,
schnellen Augen, die wie Waldbäche ohne Tiefe und Schwere über blanke
Gedanken rieselten, -- man musste es ihr glauben, sie hatte sich in all
ihre natürliche Fröhlichkeit hinübergelacht und gedacht und gesungen.
Zuerst hatte er die Augen zusammen gekniffen und hinter ihre Reden
geschaut, aber nichts dort gefunden als die Offenherzigkeit einer
kerngesunden Mädchenseele. Das entwaffnete ihn.
Die Buchen wölbten ihre jungen, seidenen Blätter über sie und hatten die
braunen, alten als knisternden Teppich auf den Boden geworfen. Kuckucksrufe
von weit her erhöhten die Einsamkeit des Waldes. Estella verdoppelte ihren
Schritt, denn sie waren weit zurückgeblieben von den andern.
»Jetzt kommt sie ab von dem geraden Wege, werden sie untereinander
sagen. Sie wissen ja nichts von Estella Brands hellen Augen, die ihn
nicht verfehlen können!« rief sie laut und übermütig nach den andern
hindeutend und war froh, dass das gesagt war, und fing zu laufen an, dass
er gerade zu tun hatte, hinterher zu kommen, und liess ihn allein mit dem
hingeworfenen Worte, das ihr so zuverlässig erschien.
»So der grossen Masse nach, das ist sicher der rechte Weg!« rief er ihr
spottend nach. --
Der letzte Anstieg zu den Ruinen kam. Träumend von andern Zeiten schauten
sie von ihrem Berge über das weite Land. Oben bei ihnen war es wundervoll.
Rings umgeben von altem, verwitterten Gemäuer, an das sich einst zaghaft
dieser Epheu schmiegte, der es jetzt mit stämmig gewordenen Krallen
umklammert und später vielleicht zusammenhalten wird, wenn es vollends
Staub und Erde werden will, -- hoch auf dem lachenden Hügel, um den sich
in kühnen Weiten die köstliche Landschaft bis an des Himmels Ende dehnte,
da hob auch die Phantasie ein wenig ihre Flügel und trug aus der Gegenwart
fort. Man sah bärtige Ritter mit erzenen Füssen, und feine Frauen mit
schleppenden Atlasgewändern und Federnhüten auf den goldenen Locken durch
diese einstigen Tore schreiten, die jetzt fast zerfallen waren, in denen
Vögel nisteten und Unkraut wucherte. Man hörte grosse, weisse, schlanke
Hunde bellen, das Hüfthorn schallen und die Laute schlagen. Man sah
aus den geborstnen Fensterbogen, auf dessen Simsen Schlehdorn wuchs und
Holunder, sich eine wundersame Jungfrau neigen, mit Geschmeide behangen und
langen, schweren Perlentropfen an den feinen, durchsichtigen Ohren.
Auf der zerbröckelnden Mauer, die aussen am Hang herumführte und die
einst strahlende Feste umschlossen haben mag, wiegten sich indessen tausend
Glockenblumen auf ihren zarten Stengeln im Maienwind. Und wer zurücktrat,
bis nichts mehr zu sehen war als diese Mauer und dieselbe gleichsam in der
Luft stand, der konnte das Blau der Glocken in dem Blau des Himmels stehen
sehen. -- Estella hatte es getan und gesehen und rief erfreut:
»Wer zu mir herkommt, der kann was Schönes sehen!« Der Oberamtsrichter
und der Pastor kamen, weil sie gerade in der Nähe standen, und schauten
und sahen nichts. Sie zeigte es ihnen voll Eifer, als hätte sie den lieben
Gott selber zu vertreten; da klopfte ihr der Pastor wohlwollend auf die
Schulter und sagte:
»Nun, nun, wir wollen sehen, wann Estella Brand einmal vernünftig wird,«
und der Oberamtsrichter, der sich gefoppt vorkam, rief brüsk:
»Dazu bin ich mir zu alt; wenn man -- -- -- --« schon in Ostende war,
wollte er sagen, aber das Mädchen war bereits verschwunden und hatte die
beiden allein gelassen.
Alles ging nun den Hügel wieder hinunter, durch die Wälder zurück.
In einem Tannenwald, dem letzten derselben, der wieder vor der offenen
Landschaft lag, liess man sich nieder, setzte sich auf Baumstümpfe oder
legte sich ins Moos, labte sich und sah hinauf in die rauschenden Tannen
und hinweg über die maigrünen Erdwellen.
Man ass und trank, die gute Laune wuchs und man sprach davon, wie schön
das Leben sei.
»Gar so schön ist es nicht«, dachte der Maler Makassy, der seitwärts
sass, bei sich. Weil er über sein Leben zurücksah, darum dachte er das.
Da stand sprungbereit auch schon seine Vergangenheit vor ihm, rückhaltlos,
unerbittlich, mit boshaft funkelndem Auge und rollte ihre düstersten
Bilder grinsend vor ihm auf.
Wie ein Leichenzug glitt es an ihm vorüber mit traurigen, blassen
Gesichtern, weinenden Augen und schleppenden Füssen. Die trugen die
Hoffnung zu Grabe. Und dann kam das Andere.
Ein wüstes Leben. Liderliche Genossen, halb nackte Weiber. Ateliers
mit abgegessenen Tafeln und entblätternden Rosen darauf, die faul und
süsslich rochen; dahinter zerwühlte Divans mit zerknitterten Kissen und
Decken.
Er roch noch diesen dicken Dunst von Wein, Rauch, Parfüm und Fäulnis.
Ach! Und diese erbärmlichen Morgen, wenn über die Reste solch einer
schändlichen Nacht das kalte nüchterne Tageslicht fuhr, rücksichtslos,
nichts verschonend mit seiner durchdringenden Helle, -- wenn der Körper so
widerlich schlaff war, der Kopf wie zerschlagen, der Gedanke träge und die
Hand schwer, die den Pinsel zu neuer Arbeit führen sollte!
Das Erinnern an solche Nacht kroch gleich Würmern am Leib empor und,
wollte man diesen grässlichen Ekel abschütteln, biss er sich fest und sog
die letzten Reste der Kraft aus Seele und Leib. Er umklammerte das
Herz, dass das Blut stagnierend durch den Körper floss, die Lebenskraft
erstickend wie in einem schlammigen Bach. Dieses ermattete Suchen und
Tasten gleich wieder erlahmt in Trägheit! Und dabei das zum Wahnsinn
treibende Wimmern der begrabenen Seele, die faulen musste und nicht sterben
konnte.
Ein grausames Leben fürwahr, eine qualvolle, entsetzliche Marter, ein
Fliehen vor sich selbst, ein Rennen und Rasen von Furien gepeitscht -- den
Tag hindurch -- bis der Abend da war und die Nacht -- und man mit starrem
Entsetzen fühlte, wie das Verlangen wieder kam und die Gier nach Genuss
und Betäubung -- und wie sich die Sinne umnebelten und anfingen zu tanzen
und zu locken -- und wie es einen durch die Gassen trieb -- wie schon die
Hand auf der Klinke lag, kraftlos wurde, -- niedersank, -- wie die Türe
sich öffnete und durch die Spalte Qualm und wüste Lieder drangen und der
Branntwein roch -- wie es winkte und gleisste -- wie man nach heissem Leben
rang -- lechzte -- langte mit gewalttätiger Hand -- wie man willenlos
wurde, taumelte, irrte, nach dem Falschen griff -- und eintrat in die
kotige Spelunke -- zu betrunkenen Gesellen, die zu den Tieren gingen statt
den Menschen -- wie man Arm in Arm mit denen sich künstlich hinauftrieb
in den Rausch -- und wie am Ende die giftigen Wellen wieder über einem
zusammenschlugen .......
-- -- Makassy war hastig aufgesprungen, wie ein wehrlos Überfallener;
so feindlich war ihm seine Vergangenheit noch nie gegenübergestanden.
Erschrocken sah er um sich und musste erst zurechtkommen mit seiner
Umgebung, den Menschen und dem Lande.
Ja, das waren brave, zufriedene Alltagsmenschen aus einer vergessenen,
kleinen Stadt mit einer armen, aufgeputzten, hochmütigen Moral, die sie in
behaglicher Erbpacht hatten.
Doch die Landschaft da draussen, wie friedvoll die war. Wie die Blumen
über den Wiesen lagen und die Bäume auf ihnen standen, wie ein Hügel
aufstieg und wie ein Hügel abfiel, wie ein Wald anfing und ein Wald
aufhörte, und wie ein Acker begann und ein anderer endete, das war alles
so einfach und gross und ruhevoll dabei. Mit Demut sah er hinaus -- -- da
stand der grosse, schöne Friede auf, der über der Welt lag, und gesellte
sich zu ihm.
Estella sah dies alles; sie hatte die Qual der Gedanken in diesem Antlitz
und die erschrocken von innen kommenden Augen gesehen, die ängstlich die
Gegenwart suchten und dann da draussen über den Hügeln etwas Schönes
gefunden haben mussten.
Vor ihr lagen viele einzelne Teile, himmelweit verschieden von einander,
aber mit der Unzulänglichkeit ihrer Jugend konnte sie deren Zusammenhang
nicht finden. Und sie sah das Rätselvolle mit staunenden Kinderaugen und
sie sah das Gute darin. Das nahm sie leise auf und legte es schweigend in
ihr Herz.
* * * * *
Einige Tage später sass in der eleganten Villa des reichen Privatiers
Brand der junge Forstmann Richard von Thieben. Er war gekommen Estella zu
sehen und auch sie zu fragen, ob sie die Selbstherrlichkeit ihrer 20 Jahre
jetzt noch nicht aufgeben und mit ihm ziehen wolle in das baumumrauschte
Forsthaus, das drüben zwischen den Hügeln des Schwarzwaldes lag.
Wie war es ihm wohl in diesem Hause, wo er sie wusste, wo sie an Allem
hing, an allen Möbeln und Geräten.
Er hatte eine von den Empfindungen, die wie Gold sind, so blank, solide und
schwer.
Der Onkel war ein Rechtlicher, Gerader. Fast ein wenig starr dabei. Mit dem
erlaubten Behagen, das ein arbeitreiches Leben gewährt, lebte er die Jahre
seiner Ruhe.
Für den Forstmann Thieben hatte er grosse Sympathien. Das ganz
Übersehbare seiner Charakteranlage gefiel ihm: da war alles klipp und klar
und gab's nirgends dunkle Ecken. Er war vermögender Eltern Kind, gut und
recht erzogen, gut und recht geworden. So waren die Thiebens alle, den
ganzen Stammbaum zurück; ein reinliches Buch, in dem man nirgends ein
Blatt zu überschlagen brauchte. Seit langem harrte er der schönen
Estella; er hatte nie um sie gekämpft, sondern wollte einfach warten, bis
sie zu ihm kam. Vielleicht wäre es besser gewesen, er hätte sie an sich
gerissen mit dem Egoismus einer fordernden Liebe, wenigstens hätte das
bei ihr die Energie der Entscheidung ausgelöst. So war sie ein gaukelnder
Schmetterling, der nicht gehalten sein wollte und gerne um dies wie um
jedes andere warme Licht geflattert war.
Als er sie nun heute frug, ob sie mit ihm gehen wolle, da sagte sie, sie
möchte lieber dableiben, und dachte, dass ihm das so angenehm sein werde
wie ihr. --
Der Onkel hatte dem enttäuschten Manne stumm die Hand gedrückt und dann
heftig und geräuschvoll nach dem alten Jagdhund gerufen und ihn polternd
ausgescholten, ihn, der schon seit Jahren keinem mehr ein Leid getan, ihn,
der ein alter, fetter Hund geworden war, die Bequemlichkeit überaus liebte
und alles andere längst aufgegeben hatte.
Aber die bangen Minuten waren indessen vorüber gegangen.
Estella war hinausgeschlendert in den Garten, zupfte verdorrte Blätter aus
den Rosenstöcken, die voll von Knospen waren, hob ab und zu eine Erdbeere
auf und schob sie in den Mund. Wie gut die waren!
Später rief sie nach Onkel und Thieben. Die beiden Männer kamen, sie
sagte ihnen entgegen, dass sie Einkäufe in der Stadt zu machen habe, wer
mitgehe.
Der Alte sah über sie weg, Thieben holte schweigend seinen Hut.
Da dachte sie, was das für langweilige Menschen seien.
Als er zurückkam, lag ihr ein spottendes Wort auf den Lippen; es blieb
aber ungesagt, als sie in sein langes Gesicht sah, auf dem derb und hart
die Kraft niedergerungenen Schmerzes stand.
Wohl redete sie gute Worte, als sie mitsammen durch das alte Städtchen
gingen, aber innerlich musste sie ihn allein lassen und er war einsamer
denn je.
Da und dort holte sie etwas in einem Laden; er wartete heraussen und blieb
stehen so wie er stand, als sie ihn verlassen hatte. »Wie ein umgefallenes
Pferd, so steif und hilflos«, dachte sie dann drinnen und kam tapfer und
entschlossen heraus, ihm aufzuhelfen. Aber das hielt schwer; ihm fehlte die
Elastizität.
Vor der Kirche blieb Estella stehen und zeigte ihm eifrig die hohen,
spitzen Fenster, die geschnitzten Tore, die Wasserspeier und den
wunderschönen Apostel Paulus, und als aussen nichts mehr zu sehen und zu
finden war, schleppte sie ihn noch hinein in das Innere und da sollte er
wieder schauen und bewundern; sie bot alles auf, ihn zu zerstreuen und von
sich zu befreien.
Aber der hohe, feierliche Dom, der sein düsteres Dach über ihm
zusammenschlug, verdüsterte seine Seele immer mehr. Er sah, die er liebte,
oben am Altare stehen, umwallt von einem weissen Schleier, er hörte sie
das beglückende Wort sprechen, fühlte seine junge Frau an seinem Arme
schreiten und sah blühende Kinder, die ihr glichen, unter den Bäumen
spielen, die draussen um sein Forsthaus standen ...........
Es war, als Estella eben sagte:
»Sehen Sie, das eine Glasfenster da oben ärgert mich jedesmal. Diese
18jährige Mutter Maria hat einen so alten Sohn in ihren Armen. Darunter
leidet die überzeugende Wahrhaftigkeit dieses Vorwurfs und damit seine
Eindringlichkeit; ich wenigstens könnte z. B. an einem Pferde mit fünf
Füssen keine Freude haben, wenn es noch so schön gemalt wäre. Wie soll
man an so was glauben? --«
Aber, ebenso gut hätte sie schweigen können, denn er hörte nichts. Und
so verliessen sie die Kirche wieder. »Den kann ich doch nicht aus sich
herausziehen« dachte sie.
Die Sonne brannte heiss herunter und prallte blendend und stechend von den
Häusern ab, wo sie draussen kosend von den Bäumen gehangen und segnend
über die Felder gegangen wäre. Herinnen in dem Winkelwerk und Gekünstel
von Menschenhand wusste sie nichts anzufangen mit all' ihrer Fülle und
Kraft. Wie ein machtvolles Organ, dessen grosser Ton sich stolz durch
einen Dom trägt, an engen Stubenwänden zerschellt und misstönig davon
zurückschlägt.
Die schmalen Gassen waren schwül und von einem schlechten Geruch erfüllt.
Ein paar Geschäftsleute stunden gähnend vor ihren Läden, aber die
Kauflustigen sassen hinter ihren beschatteten Fenstern und sahen schläfrig
auf die Strasse -- ausser Estella. Doch auch sie drängte nach Hause
und schlug einen der schattigen Wallwege, die aussen um die Stadtmauer
herumführten, vor.
Da hörten beide einen eiligen Schritt hinter sich herkommen und Jemand
rief:
»Guten Tag, gnädiges Fräulein, wollen Sie nicht ein wenig warten, ich
möchte um etwas fragen?!«
Atemlos kam der Maler Makassy über das holprige Pflaster dahergelaufen.
Die Beiden warteten. Das Mädchen stellte die Herrn einander vor.
Ein schnelles Auffliegen von Blicken. Es waren zwei, von denen keiner den
andern übersehen konnte.
»Um kurz zu sein und Sie nicht aufzuhalten, eine Bitte an Sie, mein
Fräulein; es soll nur eine bescheidene Frage sein, aber ich bange vor der
Entscheidung -- ist es mir gegönnt, Ihr schönes Bild auf meine Leinwand
zu übertragen?«
Bei den glatten Worten und beredten Blicken sah Thieben rasch auf; selbst
Estella fühlte sich nicht angenehm berührt.
»Verzeihen Sie,« rief hochfahrend Makassy. »Künstler sind Enthusiasten!
Die Kunst ist ihr Leben und was ihr dient, verehren sie.«
»Ach ja«, beeilte sich das Mädchen in grossem Tone zu sagen. »Ich
verstehe das; wir sind nur Objekt, Mittel zum Zweck -- darin liegt gar
nichts Persönliches.«
Dabei sah sie nach Thieben, denn sie hatte Angst, es könnte sich
dies erfreuliche Anerbieten zerschlagen oder er möchte es beim Onkel
hintertreiben.
»Also darf ich?« rief der Maler ungestüm.
»Ich weiss nicht, ob Fräulein Brand Modell steht!« platschte es da
schwerfällig in die aufquellende Freude.
»Davon kann nicht die Rede sein«, sprudelte Estella heraus, den
bedrohlichen Ernst der Situation überschwemmend. »Ich will der Kunst ein
Opfer bringen; wer da kommt um blos zu nehmen, der tut ein Unrecht an
ihr; es wäre falsch, dies Anerbieten abzulehnen. Malen Sie mich nur, Herr
Makassy!«
Der lächelte über den Eifer, der den andern verletzte, und sagte laut:
»Es freut mich Ihre Zusage; ich wusste ja, dass ich hier Verständnis
finden würde. Doch allerdings, wenn Ihr Herr -- -- -- Herr von Thieben es
nicht zugibt -- --«
In Thiebens Gesicht zuckte es; auch dieses boshafte Wort hatte seinen Weg
gefunden. Er wollte erwidern, aber Estella sagte schnell:
»Aber ich bitte, diese kleine Angelegenheit leitet sich ja ein, so
ernsthaft wie ein Trauerspiel, -- und es ist doch so belanglos und lustig,
gemalt zu werden!«
»Jetzt hat sie das hohe Lied vom Opfer schon vergessen« dachte Makassy
amüsiert bei sich, als sie ihm schon zurief:
»Also auf Wiedersehen! Kommen Sie zur Besprechung. Villa Brand vor dem
roten Tore!«
Ihre Augen winkten ihm nochmals zu, einverstanden, aufmunternd.
Aber es wäre unnötig gewesen; ihm hatte ungewollt ihre verheissungsvolle
Schönheit unwiderstehlicher gewinkt als ihre Worte und Blicke. Auch war
er keiner, den Schwierigkeiten schreckten; im Gegenteil, Widerstand reizte
ihn.
Sie war mit dem Forstmann weitergegangen. Der zeigte ihr noch einmal seine
schöne Seele in vollem Glanz.
Es war ein kurzes, trauriges Bitten und Reden.
Er bat sie von ihrem Vorhaben abzusehen.
»Es ist nicht gut, es kann nicht gut sein« klagte er. Er bat für sie
selbst und dann noch für sich. Aber sie wollte nicht hören. Und so langte
sie mit ahnungslosen Kinderhänden nach dem Ungewissen und liess das Gute
liegen. --
Zu Hause angekommen, sagte Thieben zum alten Brand, dass seine Nichte
gemalt werden sollte und dies sehr zu begrüssen wäre, weil es ihr so viel
Freude mache. Das war für den Onkel bestimmend und die Zustimmung auch von
dieser Seite gesichert.
Aber das Mädchen fühlte sich bedrückt; das Geschenk war zu gross.
* * * * *
Die Staffelei war seit einigen Tagen im Garten der Villa vor dem roten
Tore aufgeschlagen. Estella sass in schlichtem, blauen Kleide auf einer
Gartenbank. »Recht lässig,« hatte der Maler Makassy gesagt. Aber sie
brachte es nicht fertig; in ihr war zu viel Spannung.
»Stützen Sie sich mit dem einen Arm auf die Seitenlehne,« rief er. Aber
dies sah so unwiderstehlich komisch aus, dass beide lachen mussten.
»Es wird nichts werden« rief sie, »ich sollte so eine spitzenbesetzte
Prinzessin sein mit einer recht fertigen, ausgeruhten Seele; wie schön
gelassen wollte ich mich vor Sie setzen!«
Das Haar trug sie einfach geknotet wie stets. »Ist meine Frisur so
recht?« frug sie.
»Frisur ist das überhaupt keine« antwortete er. »Aber es ist gerade
recht so wie es ist. Es soll kein Feiertagsbild werden -- obwohl es
jedesmal Festtag für mich ist, wenn ich kommen und Sie malen darf.«
»O, es ist sehr -- -- -- --« angenehm -- wollte sie sagen, »sehr
komisch,« vollendete sie rasch, »dass Sie Maler sind!«
Sie war so freudig und er hatte das lieblichste Modell.
Alle die kleinen Übertriebenheiten der ersten Zusammenkünfte lagen ihr
fern.
Aber er vergass hinter allen Worten und Reden seine Absicht nicht. Schritt
für Schritt drängte er vorwärts und sah mit Genugtuung, dass sie immer
mehr vergass, nach ihren wachsamen Lichtern zu sehen, die sie so vorsichtig
um sich gestellt. --
Ganz ernst war es ihm nur mit Einem auf der Welt, mit seiner Arbeit; sie
war das Einzige, was ihm im Leben geblieben war. Vor ihren unerbittlichen
Augen bangte ihm -- und bei diesem Bilde besonders auch vor seiner derben,
spröden Kunst, wenn er in dieses zarte Antlitz sah, und bald spannte sich
sein grosses, dunkelgraues Auge wie in Angst weit offen darüber, dann
wieder blendete er das Licht ab und holte es sich durch halbgeschlossene
Lider.
Und je mehr er malte, desto heisser wurde der Kampf. Er wollte
Ausserordentliches leisten. Ein wilder Ehrgeiz fuhr ihm in die Zügel und
riss seine Energien auf zu immer rastloserem Arbeiten. Er wollte, er musste
es versuchen mit all' diesem schimmerigen Liebreiz, der so schwer haltbar
war und ihm zerrinnend durch die Finger floss, wenn er ihn zu fassen
wähnte.
Fast inbrünstig wallte es in ihm auf und er rief die ganze Kraft seines
Künstlertums an um Gelingen.
Bei besonderen Aufgaben fürchtete er auch die Tücken der Technik, die
ihm so manchmal schon boshaft und hartnäckig zwischen Pinsel und Leinwand
gesessen waren.
Und _er_ hatte einst auf der Akademie am lautesten darüber gelacht
und dem Lehrer den Pinsel hingeworfen und seinen Austritt erklärt -- --
war aber seitdem manchesmal bebend vor einem Bilde gestanden, das das
Wollen eines Genialen mit sieghafter Unmittelbarkeit trug, ohne dass einer
der göttlichen Funken durch eine hinkende, mühselige Technik verschleppt
und verloren war.
Dennoch hatte er durchgesetzt, dass seine Bilder Mittelpunkt der
Ausstellungen wurden, berühmt und berüchtigt.
Und Estellas Porträt sollte das ganz Besondere werden. Ein
Frühlingsgedanke; und alle, die es einst sehen würden, sollten das
gleiche Empfinden haben wie er, da er sie zum ersten Mal sah. --
Stundenlang währten die Sitzungen; Ermüdung kannte er nicht. Nur das
Mädchen wurde ganz steif und starr vor lauter Sitzen und Stillhalten und
musste ab und zu aufspringen, sich bewegen, und jedesmal wenn es zurückkam
und sich wieder auf die Gartenbank setzte, war es köstlicher und
erfrischter als zuvor. Es eignete sich ihr bewegliches Gesicht schwer zum
längeren Festhalten; die Züge wurden kälter, reizloser; ihr Element war
Bewegung, in dem sie so schön gedieh.
Im Halbbogen um die Bank, auf der sie sass, standen Haselnussstauden --
aber in ehrfürchtiger Entfernung, als wollten sie sich nicht zu nahe an
dieses flammende Haar wagen.
Es war ein heiterer, behaglicher Platz, den sie sich in dem grossen Garten
ausgesucht hatten; ungestört und verschwiegen.
Nach und nach begannen sie mehr miteinander zu reden. Ein Wort holte so
das andere heraus und mit jedem wuchs Estellas Vertrauen. Denn seine Worte
waren schön und glänzend, hinter denen er seine Vorsätze klug verbarg
und auch der Ernst des Ehrgeizes lag so überzeugend über seinem Wesen.
Und sie öffnete die Tore ihrer Seele und liess das Neue einziehen und
zeigte dabei schüchtern all' ihren keuschen Reiz.
Sie erzählte ihm die kleinen, inneren Ereignisse ihres Lebens, ohne
dass er darnach frug. Und was sie sprach, war lauter durch und durch. So
wahrhaftig als spräche sie vor ihrem Richter.
Alle die kleinen Geschichten ihres einfachen Lebens erstanden vor ihm
ungeschmückt, so wie sie sich zugetragen. Da wurde nirgends ein Ecklein
abgerundet oder eines dazu gesetzt, besserer Wirkung zuliebe.
Anders bei ihm, er sprang um mit der Wahrheit wie mit einem Knecht, den er
heute dingen und morgen entlassen kann. Darum war sie gehässig geworden
und verfolgte ihn. Und er fürchtete sie. -- --
Einmal frug ihn Estella -- es war vielleicht am achten Nachmittage, an dem
sie ihm sass -- nach manchem andern, ob er das schon empfunden habe, wie
die Seele auffliegen möchte und nicht kann.
»Warum kann sie es denn nicht?« gab er zurück und mischte die
eigensinnigen Farben beharrlich auf seiner Palette.
»Weil da zu viele kommen mit den Scheren und ihre Flügel stutzen«, sagte
sie mit fast traurigem Gesichte, »und herumschneiden an einer jungen,
flügge werdenden Seele.«
Sie dachte nach und fuhr dann lebhaft fort:
»O, so ein Mädchen wird gut erzogen! Da gibt es Väter, Mütter, Lehrer
in seinem Leben; alle sind alt und voll von Weisheit und sie eilen eifrig
und besorgt an ihre Arbeit. -- Halten Sie das für gut, dass man recht bald
alt und weise werde?«
»Altwerden ist entsetzlich!« rief er heftig und schnell.
»Dieses Altwerden meine ich nicht,« fiel sie ein. »Das ist ein
Absterben. Aber es gibt doch ein schönes Ausreifen und Gewordensein, wo
man neidlos und erhaben, wie von einer Brücke aus, sein Leben der Jugend
vorbeiziehen sieht.«
Da zischelten und züngelten folgende Worte nach ihr hinüber:
»Aber vorher muss man jung gewesen sein, Estella Brand, vorher muss man
aufgejubelt haben und aufgeschluchzt, man muss die Arme ausgebreitet haben
vor Sehnsucht und Seligkeit, -- es muss sich der junge Leib gewunden haben
vor Schmerz und Lust und mit trunk'nen Sinnen muss er geliebt, genossen und
vergessen haben -- gleichviel, um welchen Preis!«
Estella war still geworden. Dann sah sie nach ihrem Leben. Da waren lauter
Gärten mit schönen stillen Blumen und der Ruhe eines Sonntags; aber von
alledem war nichts darin. Langsam suchte sie zurechtzukommen und endlich
hub sie an:
»Nach Abschluss meiner Erziehung kam ich mir vor wie ein fein säuberlich
zusammengestutztes, kreisrundes Bäumchen, das man in den Garten -- von
Serenissimus etwa -- stellt, an dem kein Blatt und kein Zweiglein daneben
stehen darf und an dem in Zukunft geschminkte Frauen auf hohen Absätzen
und Männer mit gepuderten Locken und parfümiertem Taschentuch
vorbeitänzeln und ihrem korrekten Empfinden dadurch Ausdruck geben werden,
dass sie sagen: ›Dieser Baum ist schon zugeschnitten; es ist eine gute
Arbeit.‹ Ach, und ich wäre so gern ein Baum geworden, der draussen
stehen durfte -- auf der Haide zum Beispiel -- und seine Zweige ausdehnen
bis in den Himmel hinein und wachsen wie er wollte.«
Sie sah etwas Spöttisches über sein Gesicht huschen und augenblicklich
verwandelte sich ihr schüchterner, zaghafter Ton und stolzierte und
paradierte hochmütig an ihm vorbei:
»Ich bin nicht in dem ängstlichen Park geblieben, Herr Makassy; ich habe
mir selbst einen Garten angelegt nach meinem Geschmack. Es ist so viel
Schönheit darinnen, Ruhe und Frieden, und ich tauschte mit Keinem!«
Da fuhren seine boshaften Augen los und höhnisch rief er:
»Ihre Idylle ist bezaubernd, aber es gehören Menschen hinein, die
träumen, keine die leben!«