bedeutend zu, als das Verstossen der Weiber, der Kindermord und die
Polygamie abgeschafft wurde (Waitz 1, 164); in Guatemala (nach einem
Bericht von 1771) vermehrten sich die Eingeborenen trotz des schweren
Drucks der Spanier so sehr, dass diese sie zu fürchten anfingen (eb.
163). In Mexiko bilden nach Humboldt die Eingeborenen noch immer fast
die Hälfte der Einwohner (b, 3, 9) and in dieser Zahl haben sich die
Indianer überall erhalten, wo die Spanier organisirte Reiche vorfanden
(eb. 3, 8); die einheimische Bevölkerung ist im Steigen (derselbe a 1,
83 und 107) und zwar in Folge eigenes Wohlstands, nicht fremden
Zuwachses (eb. 105) und diese »für die Menschheit sehr tröstliche«
Zunahme der indianischen Bevölkerung beweist Humboldt durch speciellere
Angaben a, 5, 6; 4/7 der gesammten Volkszahl sind Indianer (Waitz 4,
195).
Auch in Polynesien finden wir sehr wichtige Erscheinungen der Art. Von
Hawaii sagt Jarves 371-72: die Kultur zerstört im Anfang; nachher wirkt
sie segensreich; so war auch auf den Sandwichinseln die Entvölkerung
unter Tamehameha I. und Liholiho grösser als in späterer Zeit. »In dem
Verhältniss, in welchem Christenthum und Civilisation wächst, vermindert
sich die Sterblichkeit. Allerdings sind ihre Wirkungen jetzt noch zu
neu, um ihre Endresultate vorherzusagen, aber man kann sicher hoffen,
dass, wenn die bösen Einflüsse aufhören und anderen Platz machen, gute
Ergebnisse folgen werden. Der Despotismus der Fürsten ist völlig
abgeschafft und Gesetze wirken für das Anwachsen der Bevölkerung.
Familien mit 3 Kindern sind von den Abgaben befreit; die, welche mehr
haben, bekommen Land und andere Geschenke, um sie zu heben. Die Abgaben,
obwohl immer noch hoch, sind gleich vertheilt und für das Volk
erleichtert. Ein Nationalgeist ist erwacht, Schulen und Kirchen
gegründet, regelmässige Handelsverbindungen und Gewerbe haben sich
gebildet: kurz das gerade Gegentheil der moralischen Versunkenheit, in
welcher noch vor Kurzem das Volk sich befand, fängt an sich zu
entwickeln; medizinische Kenntnisse und ärztliche Hülfe verbreitet sich;
Kleidung, Wohnung bessern sich allmählich. Freilich ist dies nur die
Morgenröthe eines besseren Tages: aber schon zeigt sich deutlich genug,
dass Christenthum und Bildung durch die Einwirkung der amerikanischen
Mission und die Intelligenz der Fremden diese segensreichen Folgen
haben. Noch schlagender zeigt sich das daraus, dass Kinder und
Erwachsene, welche die Schulen besuchen und unter der unmittelbaren
Leitung der Missionäre stehen, sich einer ausgezeichneten Gesundheit
erfreuen und rasche Fortschritte machen. Dasselbe gilt von den
Eingeborenen, welche unter dem Einfluss europäischer Familien stehen.«
Nach Virgin (1, 300) freilich scheint die Entwickelung nicht allzurasch
weiter gegangen zu sein; doch auch er gibt an, dass vor 1820 die Abnahme
der Bevölkerung stärker gewesen sei, als nachher, und dass die Missionen
an verschiedenen Punkten die Abnahme ins Stocken gebracht haben durch
möglichstes Hinwegräumen der bösen Ursachen, welche sie veranlassen.
Auch Waitz 1, 177 erwähnt einige Inseln und Distrikte dieser Gruppe, wo
die Bevölkerung nicht nur nicht abnimmt, sondern in nicht ganz
unbedeutendem Anwachsen begriffen ist.
Ganz ebenso ist es in Tahiti. Auch hier hat die Volkszahl gleich nach
dem ersten Zusammenstoss mit den Europäern sehr abgenommen, von 16,000
(Wilson) bis auf 8000 (Ellis) oder 9000 (Wilkes), denn Turnballs 5000
ist eine übertrieben niedrige Angabe. Nachher aber ist die Zahl gleich
geblieben oder eher gewachsen; Virgin wenigstens gibt sie für 1852 auf
10,000 an (2, 41). Auf Raiatea dagegen nimmt die Bevölkerung stark zu
(Waitz 2, 167 nach Journ. R. geogr. soc. III, 179). Auch Ellis (um 1830)
sagt 1, 169, dass vor 1819 das Abnehmen der tahitischen Eingeborenen
noch stark gewesen sei: 1819-20 seien Todesfälle und Geburten einander
gleich gewesen und von da ab habe die Volkszahl stark zugenommen. Mag
Ellis auch, der so eifrig für das Wohl der Insel thätig war, seine
Hoffnungen auf jene Angabe vielleicht etwas mit haben einwirken lassen:
bloss auf Uebertreibung beruht eine so sichere Behauptung eines so
zuverlässigen Beobachters nicht. Allerdings klagt der französische
Commandant der Insel, de la Roncière, in seinem Bericht vom Dezember
1866 (Globus 12, 60-61) über die Trägheit, Indolenz und
Flatterhaftigkeit der Bewohner; allein wenn man die Vorgänge während und
nach der französischen Okkupation der Insel und die ganze Haltung der
Franzosen wenigstens in der ersten Zeit ihres Aufenthalts bedenkt, so
ist es nur allzu begreiflich, dass die Entwickelung der Insel durch sie
nicht eben gefördert ist. Doch sind wir, wenn man sich wirklich
ernsthaft und ausdauernd der Eingeborenen annimmt, auch für sie zu guten
Hoffnungen berechtigt.
Was wir von Neuseeland zu berichten haben (nach Hochstetter 482-497) ist
noch merkwürdiger. Gegen den Einfluss der Fremden bildete sich eine
Nationalpartei unter den Eingeborenen, welche, da sie Gott ebenso nah
ständen als die Weissen, mit diesen gleiche soziale und politische
Rechte verlangten. 1857 erwählten die Maoris, von diesen Gesichtspunkten
ausgehend, einen König, den als Krieger und Redner berühmten Potatau,
der sich den zweiten Friedenskönig nach Melchisedek nannte, sich
thatkräftige Häuptlinge, so vor allen den Maori William Thompson aus dem
Stamm der Ngatihua, als Minister auswählte, und seinen Herrschersitz zu
Ngaruawahia, an der Hauptwasserstrasse ins Innere, an den Thoren von
Aukland in vortrefflich ausgesuchter Lage nahm. Die Grundprinzipien des
Königthums sollten Glaube, Liebe und Gesetzlichkeit sein. Man beschwerte
sich bitter über die englische Regierung, welche sich gar nicht um die
Maoris kümmere, die Häuptlinge nicht standesgemäß behandele, zwar
Protokolle über ihr Aussterben führe, aber nichts dagegen thue; man habe
die eingeführten Waaren mit ungerechten Abgaben gedrückt, indem z.B.
wollene Decken nach dem Gewicht wie Seide und Spitzen versteuert würden;
Munition und Waffen verkaufe man ihnen gar nicht, um so lieber aber
Spirituosen. Und zu dem Allen benähmen sich die Europäer so hochmüthig
und grob! Diese Nationalpartei, welche sehr beredte Agenten im Lande
umherschickte, fand überall rasch Anhänger; auch die Weiber und Mädchen
theilten ihre Gesinnungen. Freiwillige Abgaben für den König flössen
regelmässig und reichlich und dieser schlichtete zu Ngaruawahia alle
Streitigkeiten der Eingeborenen, trieb auch von den unter ihnen lebenden
Europäern Abgaben ein und legte einen Zoll auf die an seiner Stadt
vorbeipassirenden europäischen Schiffe; sein Einfluss war bald so gross,
dass sich auch die Missionäre, wenn sie etwas gegen einen Maori
vorzubringen hatten, an ihn wandten. Aehnliche Ziele hatte die
Landligue, eine Vereinigung der Maorifürsten, um den Landverkauf zu
verhüten, welchen die einheimische Regierung äusserst ungern sah. Es war
klar, dass die Kolonialverwaltung durch diese selbständige Entwickelung,
namentlich aber durch die Beschränkung der Landkäufe, welche, um gültig
zu sein, erst die Bestätigung des Maorikönigs nach der Auffassung der
Eingeborenen bedurften, in arge Verlegenheit kommen musste. Daher
erkannte denn England diese Beschränkung des Landverkaufs durch die
Maorigesetze nicht an und so musste es zum gewaltsamen Zusammenstoss
kommen. Dies geschah unter Potatau II., dem Sohne Potataus I.; den 17.
März 1860 begann der Krieg, in welchem die Maoris sich nicht nur
ausserordentlich tapfer, sondern auch so umsichtig bewiesen, dass sie
den Engländern empfindliche Niederlagen beibrachten. Der Nationalpartei
schlossen sich jetzt alle Maoris, auch die früher lässigen, an; es ist
besser, hiess es, fürs Vaterland zu sterben, als unterjocht von Fremden
zu leben. Auch im englischen Parlament erhoben sich Stimmen für sie, so
vor allen die Martins, des Bischofs von Aukland. William Thompson war
alleiniger Anführer dieses Krieges und seiner Stelle sehr gewachsen;
denn der Kampf, der von den Maoris hauptsächlich als Guerillakrieg
geführt wurde, konnte nur durch die englischen Kanonen und die englische
Uebermacht (1861 hatten die Engländer 12,000 Mann zusammen) mehr und
mehr zu Gunsten der Engländer gewendet werden. Indess kam es durch
Einfluss der Missionäre und durch den an Brownes Stelle gesandten Lord
Grey zur friedlichen Vermittlung. Wir sehen also auch hier Anfänge,
bedeutend genug, um in kurzer Zeit die Gründe, auf welchen wir das
Aussterben der neuseeländischen Eingeborenen beruhend fanden, zu
beseitigen. Es ist sehr traurig, dass diese nationale Erhebung von
englischer Seite gleich im Anfang geknickt oder wenigstens gehemmt ist:
doch ist die Hoffnung nicht aufzugeben, dass sie abermals auch diesen
Stoss überwinden wird. Die Hauptsache wird sein, dass sie selber Muth
und Zuversicht gewinnen, dann werden sie die Kultur sich nicht bloss
äusserlich und auf eine Weise, die ihnen nur schadet, aneignen, sondern
sie werden sich, da sie stets sich sehr fähig gezeigt haben, an ihr
emporheben und ein neues Leben zu führen im Stande sein. Zu dieser
Hoffnung berechtigt auch die innige Religiosität, welche die meisten der
neu und wahrhaft Bekehrten zeigen. Ob sie aber auch in diesem Falle
später nicht einmal durch Vermischung mit den Weissen aufhören als
Nationalität zu existiren? Ein solches Aufgehen würde indess nur
erfreulich sein, denn es bewiese zugleich, dass auch die Engländer der
Kolonie von ihrem starren Raçenhochmuth nachgelassen hätten.
In Tonga nun, wo von jeher die Sitten strenger waren und namentlich nie
diese Lüderlichkeit herrschte, welche in Polynesien an anderen Punkten
so gefährlich wirkte; wo man mit dem Menschenleben, wenigstens jetzt und
schon seit längerer Zeit, nicht so verschwenderisch umging, ist ein
Sinken der Volkszahl nicht eingetreten. Das Christenthum hat die
Monogamie durchgesetzt und so ist denn trotz der vielen Kriege, welche
die Einführung des Christenthums und die Befestigung der
Königsherrschaft mit sich brachte, die Bevölkerung, die sich im
Allgemeinen einer sehr guten Gesundheit erfreut, im Wachsen (Erskine
160-61).
Die Bevölkerung von Samoa schätzt Erskine (104) auf etwa 37,000 Seelen,
doch glaubt er, dass sie abnehme (a.a.O. u. 60). Auch Turner erwähnt die
grosse Sterblichkeit der Kinder daselbst, welche durch thörichte
Behandlung derselben vor und bei der ersten Nahrung veranlasst wird.
Seitdem aber jetzt die Missionäre günstig wirken, die Polygamie
abgeschafft und ausschweifende Lebensweise durch strenge Ueberwachung
sehr erschwert ist, nimmt die Bevölkerung wieder zu (Turner 176). Doch
waren die Samoaner überhaupt weit weniger ausschweifend gewesen als die
übrigen Polynesier und hatten den Werth des Menschenlebens höher
geachtet. Also auch hier dieselbe Erscheinung: der erste Zusammenstoss
mit den Weissen bringt durch Seuchen u. dergl. (doch fand Wilkes in
Samoa keine Syphilis 2, 73, 126, 138) eine arge Erschütterung in der
Wohlfahrt des Volkes, ein Zurückgehen der Kopfzahl hervor; allein sobald
diese ersten Folgen überwunden sind, hebt sich die Ziffer wieder. Gerade
die Samoaner sind besonders innige Christen (Turner 106-109, 166 ff.)
Zu den bestbevölkerten Gegenden Polynesiens gehören die kleinen Inseln
nördlich und westlich von Samoa und Tonga, die Uniongruppe, Tikopia,
Rotuma u.s.w., wo die Sitten unverderbt und die Bevölkerung in bester
Wohlfahrt ist. Trotz des zahlreichen Kindermords auf Tikopia ist dort
die Kinderzahl in einer Familie meist drei bis acht (Gaimard bei Dumont
D'Urville b, 5, 309; vergl. ders. in Zoologie 23; u. 5, 306). Nur von
dem gleichfalls hierher gehörigen Sikayana wird eine Abnahme der
Eingeborenen berichtet, welche durch eine sehr heftige Blatternepidemie
auf 171 Seelen zusammengeschmolzen sind (Nov. 2, 438-441).
Alle diese Beispiele beweisen schlagend, dass ein Hinschwinden dieser
Völker aus mangelnder Lebenskraft, »weil sie von Natur dem Untergange
bestimmt seien«, nicht stattfindet; wo es also eintritt, kann es nur
durch die besprochenen Gründe veranlasst sein. Sobald die Kultur nicht
feindselig, sondern friedfertig naht und diese Völker zu sich
emporzieht, statt sie zu vernichten, so ist von den Naturvölkern keins,
das nicht für sie gewonnen werden könnte, ja einzelne haben sich trotz
der feindseligsten Haltung der Weissen dennoch zur Kultur, wenigstens zu
guten Anfängen, emporgeschwungen: eine That, deren Grösse man aus dem
Vorstehenden ermessen kann und die eine so ausserordentlich gute
Begabung und sichere Kraft beweist, dass sie ebenso sehr unser Staunen
als unsere Bewunderung erwecken muss. Allerdings wird aus einem
neuholländischen Stamm nicht sofort ein europäisch civilisirter Staat,
aber es ist handgreiflich verkehrt, zu behaupten, wie noch Meinicke
thut, die Neuholländer seien überhaupt der Kultur unfähig. Denn wo sich
wirklich die Kultur ihrer angenommen (es ist selten genug geschehen), da
haben sie sich auch als friedfertige und bildsame Menschen gezeigt. Dass
sie sich und so noch manche andere Naturvölker jetzt so viel als möglich
von der Kultur zurückziehen, das ist nach dem, was ihnen von ihren
Trägern zugefügt ist, nur allzubegreiflich. Halten doch manche
Nordindianer auch das Christenthum nur für eine neue Art, sie zu
betrügen (Waitz 3, 289) »und, sagten sie, was sollen wir Christen
werden, da diese ärgere Lügner, Diebe und Trinker sind, als die
Indianer« (eb. 287). »Die Christen wollen nicht arbeiten, sie sind
Spieler, Bösewichter und Gotteslästerer,« sagte ein Indianer von
Nikaragua; auf die Antwort, so handelten nur die schlechten, erwiderte
er: »wo sind denn die guten? ich wenigstens kenne nur schlechte« (Waitz
4, 280-81). Ein zweiter Grund, weshalb viele Naturvölker so schwer die
Kultur, auch wenn sie ihnen friedlich naht, annehmen, liegt in ihren
Gewöhnungen. Es muss hier nochmals auf die Kraft der Vererbung erinnert
werden. Durch Jahrtausende langes Leben an ein unstätes Umherschweifen
u. dergl. gewöhnt, wird es ihnen sehr schwer, so plötzlich die
althergebrachte, tief in ihr leibliches und geistiges Wesen
eingewachsene Lebensart zu ändern.
§ 21. Die afrikanischen Neger.
Wir müssen, um einem möglichen Einwand zu begegnen, noch einmal auf
einen Umstand zurückkommen, den wir schon vorhin wenigstens berührten.
Wie ist es zu erklären, dass die Neger nicht aussterben? Sie sind doch
geplagt, gedrückt, gemisshandelt wie kein zweites Volk, der Heimath
entrissen, oft ganz zum Lastthier herabgewürdigt--und sie gedeihen doch.
Der Hang der Neger zu Ausschweifungen ist bekannt; wie gefährlich ihre
Kriege, die sie untereinander führen, für die Besiegten sind, wird nur
zu deutlich durch die massenhaft fortgeschleppten Sklaven bewiesen:
Menschenleben vergeuden auch sie ganz rücksichtslos, wofür schon der
eine Name Dahomey als Beweis genügt. Und doch waren das dieselben
Gründe, welche wir als das Aussterben der Naturvölker veranlassend
annahmen. Wie kommt es, dass sie dort wirken und hier nicht? Muss man
nicht doch also zu jenen Gründen noch einen hinzufügen und welcher
könnte das sein, als mangelnde Lebenskraft oder sonst irgend etwas
Geheimnissvolles? Aber trotzdem sind die Neger, nach einstimmigem
Urtheil aller Forscher, die leiblich am wenigsten vollkommen
organisirten Menschen, und es wäre doch seltsam, wenn höher stehende
Völker mindere Lebenskraft hätten als sie.
Allein diese Annahme ist auch durchaus unnöthig. Die grössere Ausdauer
des Negers beruht auf seinem anders gearteten Naturell, was wir zunächst
nach der psychischen Seite hin verfolgen wollen. Vom Charakter des
Negers ist jeder melancholische Zug ausgeschlossen. Jeder momentane
Eindruck ist bei ihrer derb sinnlichen Natur so mächtig, dass der
folgende den vorhergehenden sofort auslöscht, und so vergessen sie
dadurch auch im tiefsten Elend ihre schlimme Lage rasch und gänzlich,
wenn irgend eine plötzliche Anregung zur Lust über sie kommt. So zwingen
sie die Sklavenhändler, um sie über ihr oft tödtliches Heimweh
hinwegzubringen, bisweilen mit der Peitsche zum Tanz, der sie dann in
seiner sie nun ganz beherrschenden Ausgelassenheit alles Unglück
vergessen lässt (Waitz 2, 203). Diese rasch wechselnde Gemüthslage hilft
ihnen über vieles Schwere hinweg und ist klar, wie sehr sie im Gegensatz
steht ebenso zu dem zähen Festhalten eines Gedankens, wie wir es beim
Amerikaner und Polynesier so vorherrschend finden, als zu der
Melancholie dieser Völker. Auch die sinnlichen Genüsse wirken auf den
Neger viel befriedigender, als auf die anderen Völker; seine grosse
geschlechtliche Sinnlichkeit ist wiederum für die Fruchtbarkeit seiner
Raçe von grosser Bedeutung und so massenhafte und übertriebene
Ausschweifungen wie bei den Polynesiern finden sich bei ihnen nicht.
Auch sein Hang zum Phantastischen muss erwähnt werden, denn auch er
dient sehr dazu, ihm seine Lage oft in ganz anderem Lichte erscheinen zu
lassen, als sie ist. Hiermit vereinigt sich eine gewisse Stumpfheit und
Trägheit des geistigen Lebens sehr wohl, die vor Vielem und gerade dem
Schmerzlichsten den Neger beschützt: er wird sich fast nie moralisch
vernichtet und dadurch in seiner innersten Persönlichkeit verwundet
fühlen. Auch ist seine grosse Gutmüthigkeit und seine innige
Religiosität hierbei nicht ausser Acht zu lassen.
Zweitens aber scheint auch die physische Natur weit minder empfänglich
und empfindlich zu sein, als die der meisten anderen Völker. Sei es,
dass er durch allmähliche Gewöhnung, durch das Klima seines Landes oder
durch ursprüngliche Anlage härter ist: er verträgt es, in ganz andere
Himmelsstriche verpflanzt zu werden; er hält sogar die Luft der
Malariagegenden und noch dazu bei täglicher oft sehr grosser Anstrengung
ohne Schaden aus, welchem allen die meisten anderen Völker regelmässig
erliegen. Er ist also schon durch seinen Körper gesicherter.
Drittens ist nicht zu übersehen, dass der Neger schon seit einer Reihe
von Jahrtausenden, seit der ersten Entwickelung der Kulturvölker, mit
diesen in Berührung und oft in sehr enger steht und gestanden hat: so
ist er an die Einflüsse der Kultur ganz anders gewöhnt als Amerikaner
und Ozeanier, als Hottentotten und Kamtschadalen, und hat daher ihre
ungünstigen Folgen weit weniger zu fürchten.
Hiermit ist der Einwand, welchen man von den Negern aus erheben könnte,
als beseitigt zu betrachten; wir müssen indess noch einen Blick auf das
Aussterben der freigewordenen Neger in den vereinigten Staaten werfen,
wie wir es im Ausland (1867, 1404) geschildert sehen nach Henry Lathams
black and white. Nach ihm sind seit der Emancipation von 4,000,000
Negern 1,000,000 zu Grunde gegangen, durch Unwissenheit, Hülflosigkeit,
Laster und Mangel. Unfruchtbarkeit trat ein, Kindermord nahm überhand,
»die Sterblichkeit war so gross, dass es Leute gab, welche eine Lösung
der schwierigen Negerfrage in dem Verschwinden der farbigen Raçe in den
nächsten 50 Jahren voraussagten«. »In den Gebieten, wo sie während des
Krieges in grösster Sicherheit lebten, wo man annehmen kann, dass sie
massenhaft vorhanden sind, und wo die grössten Beiträge zusammengebracht
wurden, um sie vor Hungersnoth zu schützen, sind sie in Abnahme
begriffen. In dem kältern Klima der Nordstaaten starben die farbigen
Familien nach einer oder zwei Generationen aus.« Die Schilderung ist,
wie wir sie hier vor uns haben, entschieden parteiisch gefärbt. Wir
betrachten daher nur die Thatsache, dass die emancipirten Neger
moralisch und physisch sich verschlechtern, ja geradezu verkommen. Diese
Erscheinung ist allemal da beobachtet, wo Neger emancipirt wurden, und
sie machte auch der Republik Liberia anfangs viel zu schaffen; allein
sie tritt bei jeder Sklavenemancipation naturgemäss jedesmal ein, mögen
die Sklaven nun Neger oder nicht sein. Sie haben nicht gelernt,
selbständig zu leben, für sich zu sorgen, für sich zu arbeiten; jede
Arbeit ist ihnen, in Erinnerung an ihr früheres Loos, eine Last zugleich
und eine Entwürdigung. Durch den langen Zustand der Unfreiheit haben sie
die Fähigkeit, der Natur gegenüber sich zu behaupten, welche sie in
ihrer Heimath besassen, verlernt; sie sind auch geistig herabgedrückt
und dass sie lasterhaft werden, ist die Folge des Beispiels, was ihnen
allzuoft ihre eigenen Herren gaben, sowie des Mangels an Selbstachtung,
zu dem sie als Sklaven verurtheilt waren. In Nordamerika ist ihnen
ferner jede Emancipation noch durch die entschiedene und rücksichtslose
Feindseligkeit unendlich erschwert, mit der die »gute Gesellschaft«, die
Weissen, sich vor jedem Farbigen strenge verschliesst, für den sie
nichts als die bitterste Verachtung hat. Klimatisches mag sich
gleichfalls geltend machen; jedenfalls ist hier nichts, was unserer
Betrachtung irgend ein neues Moment zufügen oder eine nähere Erklärung
noch erheischen könnte.
§ 22. Folgerungen aus der Art, wie die Naturvölker von den Kulturvölkern
behandelt sind.
Ehe wir unsere Betrachtungen schliessen, ist es nöthig, auch einen Blick
auf die Kulturvölker zu thun, welche mit den Naturvölkern in Berührung
kamen; denn ein solcher wird ethnologisch nicht ohne Ausbeute sein.
Zunächst ist zu constatiren, dass alle Kulturvölker sich ganz auf
dieselbe Weise grausam, rücksichtslos und unmenschlich gegen die
Naturvölker betragen haben, die mit ihnen in Berührung kamen: die
Spanier, die Portugiesen, die Holländer, die Engländer und die
Franzosen. Die Engländer und Holländer zeichnen sich durch
unaussprechlichen Hochmuth und Hass gegen jede farbige Bevölkerung aus,
durch welchen sie den Naturvölkern fast nicht mindern Schaden gethan
haben, als durch offene Feindseligkeiten. Wir Deutsche haben Eroberungen
nicht gemacht, aber trotzdem sind einzelne unserer Landsleute mit den
Naturvölkern in Berührung gekommen. Diejenigen, welche zur Zeit der
ersten Entdeckung Amerikas mit den Spaniern dorthin kamen--so die
Abgesandten der Welser, welchen dort Länderstrecken von Karl V.
verpfändet waren--wütheten nicht geringer als die Spanier selbst. Das
westliche Venezuela wurde um 1527 von Georg v. Speier und Ambrosius
Dalfinger verwüstet (Waitz 3, 398). Allein das sind vereinzelte Fälle;
im Ganzen haben die Deutschen den Naturvölkern Segen gebracht, denn
gerade die einflussreichsten Missionen sind zum Theil in ihren Händen
gewesen, wobei vor allen Dingen an die Wirksamkeit der Herrnhuter in
Afrika und Nordamerika (z.B. Heckewelder) erinnert werden muss. Auch
unter den Jesuiten waren viele Deutsche, z. B. Dobrizhofer unter den
Abiponen, Strohbach auf den Marianen. Die Missionsthätigkeit ist auch
jetzt noch nicht vermindert und trägt ihre segensreichen Früchte für die
Eingeborenen und für die Wissenschaft, denn eine Menge der bedeutendsten
Missionsschriften sind, freilich meist in englischer Sprache, von
Deutschen verfasst--Namen wie Kölle, Döhne, Teichelmann, Schürmann,
Dieffenbach (freilich kein Missionär) u.a. sind bekannt genug.