so liegt gleich auf der Hand, dass dies das feindselige Auftreten der
Weissen war, wie es ja auch bei fast allen Naturvölkern gleichmässig
gewirkt hat und möchten wir die Angriffe auf das psychische Leben der
Naturvölker fast für verderblicher halten, als das Losstürmen auf ihre
physische Existenz. Letzteres hat akuter gewirkt und lässt sich mit der
Verwundung eines Organismus vergleichen: jene brachten, wie eine totale
Vergiftung, ein zwar langsameres, aber viel tieferes, schwerer zu
heilendes und weit allgemeineres Unheil hervor. Aber auch die Europäer,
trotz der Mittel, die sie anwandten, trotz der grossen Uebermacht ihrer
Kultur, haben eine totale Ausrottung nur auf eng abgegrenzten Bezirken
bewirkt, auf kleinen Inseln, auf Tasmanien, den Marianen, den Antillen:
auf grösseren Gebieten reicht ihre Wirksamkeit nicht so weit, trotzdem
sie hier noch manches andere unterstützt hat. Die leichte
Empfänglichkeit der Naturvölker müssen wir, sowohl was Kraft der
Wirkung, als auch was weite Ausdehnung derselben angeht, an zweiter
Stelle erwähnen. Die Krankheiten, welche scheinbar spontan bei der
Berührung der Naturvölker und der Weissen entstanden, so wie die,
welche von letzteren zu ersteren eingeschleppt wurden, haben im
Durchschnitt gewiss ein Drittel, wenn nicht mehr, der Eingeborenen
Amerikas, Afrikas und des stillen Ozeans dahingerafft.
Die dritte Stufe in dieser Reihenfolge der Verderblichkeit geben wir den
Ausschweifungen. Allerdings haben sie minder allgemein geschadet als
jenes Niedergeschmettert- oder Inficirtwerden von aussen her; aber für
die menschliche Natur sind sie noch gefährlicher, weil sie die innersten
Lebensnerven zerstören und wo sie wirksam sind, keine Rettung durch
Flucht oder durch Besiegung des Feindes möglich ist. Wir sahen die
Polynesier, ein so glänzend begabtes Volk, verkommen, trotzdem dass
ihrer sich die Kultur im Wesentlichen freundlich angenommen hat: sie
waren im Innersten angefressen durch die Ausschweifungen, denen sie sich
hingegeben hatten und sie wären auch ohne Berührung mit den Weissen und
nach und nach immer rascher durch ihre eigenen Laster zu Grunde
gegangen. Die Betrachtung der Polynesier lehrt uns die Gefahr der
Ausschweifungen für ganze Völker erst richtig ermessen.
Viertens muss der Kindermord genannt werden, welcher vor allen Dingen in
Polynesien und in Südamerika heimisch war, so wie überhaupt der geringe
Werth, welchen man dem Menschenleben beimisst. Dass aber letzteres
allein ein Volk nicht wesentlich zurückbringt, beweist das Beispiel des
Fidschiarchipels. Nirgends wird durch Menschenopfer, Krieg,
Kannibalismus u. dergl. mehr Blut vergossen und Leben verschwendet als
hier; und dennoch gehören diese Inseln zu den bevölkertsten der Südsee
und ein Aussterben wird auf ihnen nicht bemerkt.
Die Kriege haben zwar mancherlei Schwankungen unter den Naturvölkern
herbeigeführt, auch wohl einzelne Stämme ganz aufgerieben, aber doch
nirgends so gewirkt, dass wir sie in erster Reihe aufzuführen hätten.
Ebenso ist es mit der elenden Lebensweise der meisten dieser Völker,
welche zwar ihr fröhliches und kräftiges Gedeihen hindern konnte,
nirgends aber, so weit unser Material der Beobachtung reicht, eine
völlige Vernichtung herbeigeführt haben. Bei alle den roheren Nationen
fanden wir auch vor der Berührung mit den Europäern die Kopfzahl nie
sehr hoch und hierfür war eben ihre wandernde und kärgliche Lebensart
der Grund. Beides nun, das schlechte Leben und die verhältnissmässig
geringe Volksmenge unterstützen jedes andere über ein Volk
hereinbrechende Uebel immer in so fern, als sie das Volk um so
rückhaltsloser und rascher unterliegen lassen. Und ähnlich ist es mit
allen den übrigen von uns angeführten Gründen, die alle erst dann
wirksam werden, wenn sie mit anderen verbunden auftreten.
Hierher gehören auch die unvermeidlichen Folgen der zu rasch herein
brechenden und nur halb angenommenen Kultur, welche wir in so mancher
Beziehung für die Naturvölker schädlich fanden. Allein wohl nimmermehr
wären diesen Folgen, den Veränderungen im leiblichen und geistigen
Leben, der gewaltigen geistigen Anstrengung, welche die Kultur
verlangte, diese Völker erlegen, wenn nicht andere Ursachen hierfür
wirksam waren, zu denen dann freilich sich auch jene Folgen der Kultur
als wirksamer sekundärer Grund hinzugesellten. Hätte sich die Annäherung
der Kultur, wenn auch rasch, aber friedlich vollzogen; hätte sie gesunde
Völker getroffen, so würde bei diesen, ähnlich wie bei den alten
Germanen, eine Zeit des Stillstandes eingetreten, dann aber ein neues
kräftiges Leben erblüht sein. Wo die Verhältnisse nur annähernd normal
waren, finden wir diesen Gang der Ereignisse, wie wir im Folgenden näher
betrachten werden.
Aus dem Vorstehenden folgt ein wichtiges Gesetz: nie ist es eine Ursache
allein, welche ein Volk vernichtet, sondern stets mehrere zusammen, von
denen allerdings eine im Vordergrund stehen kann. Auch die Ausrottung
der Marianer, Tasmanier und der antillischen Bevölkerung bildet keine
Ausnahme, da man hier die Begrenztheit des Terrains als zweiten Grund,
in Tasmanien Charakter und Lebensart der Bewohner als dritten in
Anschlag bringen muss. Wo nur eine der genannten Ursachen wirkt, oder
auch mehrere der untergeordneten, da tritt, soweit jetzt menschliche
Geschichte und Beobachtung reicht, kein Aussterben ein; so halten sich
die Feuerländer trotz ihres elenden Lebens: so bestehen die Fidschis
weiter trotz der auch zu ihnen mächtig eingedrungenen Kultur, trotz der
massenhaften Menschentödtung; und so kann man dies weiter verfolgen.
Diese Erscheinung ist anthropologisch bedeutsam, weil sie wie keine
zweite die zähe Lebensfähigkeit der Menschheit und zugleich beweist,
dass diese Lebenskraft in allen Zweigen des Menschengeschlechtes
gleichmässig vertheilt ist, ja bei den Naturvölkern eher stärker, wie
bei den kultivirten Nationen auftritt, welche letzteren, weil sie feiner
organisirt sind als die unkultivirten Menschen, auch bei weitem weniger
zu ertragen im Stande sind.
Denn wenn wir fragen: sind die angeführten Ursachen stark genug, um das
Hinschwinden ganzer Völker zu veranlassen? so müssen wir antworten: sie
sind es reichlich und im Uebermass, jede einzelne schon und nun gar
mehrere vereint. Ist es nicht ein wahres Wunder, dass der Naturmensch in
einem Lande wie Neuholland sich hielt, wo Europäer trotz aller
Ausrüstungen meist so rettungslos verloren sind? Und noch dazu sich
hielt in den ewigen Kriegen mit seines Gleichen, unter den ungünstigen
Einflüssen der eigenen mangelhaften Kultur? oder der Polynesier auf
seinen kleinen oft so unfruchtbaren Inseln inmitten des ungeheuersten
aller Ozeane, und auch er ewigem Krieg und Kindermord und den
entnervendsten Ausschweifungen unterworfen? Nicht ein Wunder, dass nach
den furchtbaren Vernichtungskriegen durch die Weissen nicht eines dieser
Völker vollkommen vertilgt ist, ausser kleinen Stämmen? Gewiss, wenn
wir dies alles überdenken, werden wir nicht von der Lebensunfähigkeit
der Naturvölker, sondern vielmehr von ihrer ausserordentlichen
Lebenskraft und Unverwüstlichkeit uns überzeugen müssen. Und so ist hier
der Ort, auf die Frage zurückzukommen, zu welcher wir durch Waitz
veranlasst waren: sind wir wirklich zu dem Geständniss genöthigt, dass
uns das Aussterben der Naturvölker vollständig zu erklären noch nicht
gelingt? Wir sind es nicht. Wenn man der Geschichte jedes einzelnen
Volkes folgend fragt, wie kommt es, dass es dahin siecht und schwindet,
wir werden immer vollkommen erschöpfend die Gründe erkennen, welche
stets dem von uns zusammengestellten Kreis angehören werden. Diese
erklären das Aussterben der Bevölkerung so vollständig, dass zu irgend
welchem Räthselhaften nicht der mindeste Platz bleibt, sobald man nur
die einzelnen Gründe in ihrer physischen und psychischen Wirksamkeit
sich mit genügender Consequenz vor Augen führt.
Doch ist wohl zu beachten, dass auch die Unverwüstlichkeit dieser
härteren Völker ihre Grenze hat. Wir sahen in Neuholland einen
Menschenstamm, der von früher besserem Zustand herabgesunken scheint;
dasselbe ist der Fall mit Mikronesien und dem eigentlichen Polynesien,
sowie mit den Hottentotten. Am weitesten vorgeschritten war der Verfall
bei den Polynesiern: daher sie denn bei verhältnissmässig leichtem
Anstoss von aussen her rasch und viel unaufhaltsamer zusammenbrechen,
als z.B. die Melanesier oder Hottentotten und andere Völker. Dieser
Verfall musste, wenn seine Ursachen, die Ausschweifungen, Kriege und
Vergeudung der Menschenleben, wirksam blieb, immer rascher weiter gehen
und so waren sie jedenfalls verloren--wenn sie nicht von aussen her
gerettet wurden und das hat, so weit es noch möglich war, die Kultur im
Grossen und Ganzen gethan. Und mögen wir auch noch so sehr beklagen, wie
die Europäer sich den meisten Naturvölkern gegenüber benommen haben: das
müssen wir anerkennen, dass alle diese unkultivirten Völker, wenn sie in
ihrem Naturzustande noch Jahrhunderte weiterlebten, einem zwar sehr
langsamen, aber sicheren Untergang, dessen Keime sie in sich selbst
trugen, entgegengingen. Sie hatten sich keine Herrschaft über die sie
umgebende Natur errungen: sie lebten ausschweifend, nur ihren Gelüsten
hingegeben, unregelmässig, ohne Gedanken in die Zukunft, in gewaltigster
Trägheit; Kriege, Rache u.s.w. waren bei ihnen feste Sitten; der
Aberglaube, der so häufig Menschenopfer verlangte, beherrschte sie ganz;
ihr psychisches Leben war wenig, die intellektuelle Thätigkeit nur nach
praktischer Seite hin entwickelt. Diese Züge ihres Wesens mussten aber
im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende immer starrer und
unüberwindlicher werden: und es ist keine Frage, dass sie ihnen einst,
früher oder später, denn wer mag das Ende dieser Zeit bestimmen,
erliegen mussten. Die Natur, in welcher sie lebten, bot kein erziehendes
Moment von durchgreifender Macht; und hätte sie es durch irgend welche
Veränderungen ihnen noch geboten, sie waren nicht mehr im Stande, es
sich zu nutze zu machen, da sie durch und in Jahrtausende langer
Gewöhnung erstarrt waren. Sollten diese Völker also gerettet werden, so
war ein plötzlicher Anstoss, es war das Eingreifen der Kultur
nothwendig; und obwohl dieselbe ihre Aufgabe so blutig gelöst hat; so
ist diese Nothwendigkeit doch ein Gedanke, der über das viele Blut und
Elend, das sie oder vielmehr ihre Träger schufen, einigermassen tröstet.
§ 19. Vergleichung der Natur- und Kulturvölker in Bezug auf ihre
Lebenskraft.
Da sich nun aus allen diesen angeführten Gründen das Aussterben der
Naturvölker vollkommen erklärt, ja da die Art ihrer Wirksamkeit uns erst
recht die Lebenskraft des Menschengeschlechtes beweist: so fällt damit
schon von selbst die Annahme, als ob die Naturvölker »von der Natur zum
Untergange bestimmt« geringer organisirt seien als die Kulturvölker.
Dies wird sich ganz klar und unwiderleglich zeigen, wenn wir die
Wirksamkeit derselben Gründe auf die europäischen Nationen betrachten.
Wir werden dort ganz genau denselben, ja einen noch weit schlimmeren
Erfolg derselben sehen.
Alles, was Cäsar den Galliern zufügte, die Verwüstung des Landes, die
grossen Verluste an Menschenleben, das Zertreten des Nationalgefühls,
alles das ist doch wahrlich nicht zu vergleichen mit dem, was Mexiko
z.B. oder die Nordamerikaner litten: und dennoch war durch Cäsar in
nicht 10 Jahren das gallische Volk, das er freilich schon herabgesunken
vorfand, so sehr gebrochen, dass es seine Selbständigkeit bis auf die
Sprache verlor. Allerdings hatten die italischen Bürgerkriege Italien
etwa 70 Jahre auf das grauenvollste verwüstet; aber nach ihnen finden
wir auch das Land im Innersten gebrochen und die Macht des römischen
Staates auf Heeren von Fremdlingen beruhend; erst massenhaft versetzt
mit frischen germanischen Elementen und auch da erst nach langer Ruhe
hebt sich die italische Bevölkerung, nun ein ganz neues Volk, wieder
empor. Und doch waren auch seine Leiden viel geringer als die der
Amerikaner. Und die Griechen! Warum haben sie aufgehört ein historisch
bedeutendes Volk zu sein? weil sie entnervt waren von den
scheusslichsten Ausschweifungen und ihre letzte Kraft zertreten wurde
zuerst durch die Stürme der Völkerwanderung und dann durch das türkische
Joch. Aber welche Höhe hatten die Griechen einst inne--und es ist nicht
zu viel gesagt, wenn man jetzt die Durchschnittsbildung der Griechen
gleichstellt mit der etwa der übriggebliebenen Mexikaner.
Der 30jährige Krieg, welcher doch im Anfang nur lokal und nie ohne
Unterbrechungen wüthete und mit allen seinen Greueln und seiner Dauer
durchaus nicht das, was die Naturvölker zu leiden hatten, erreicht,
welche grenzenlose Verwüstung hat er in der Bevölkerung unseres
Vaterlandes angerichtet! Ernstlich war durch ihn die deutsche Nation in
ihrer Existenz gefährdet und es ist ja eine vielfach ausgesprochene
Wahrheit, dass einmal unser Nationalcharakter durch diesen furchtbaren
Krieg mannigfach verändert und herabgedrückt ist, andererseits wir noch
bis auf den heutigen Tag mit der Heilung der Wunden, welche er unserem
socialen und politischen Leben geschlagen hat, zu thun haben.
Sehen wir so an diesen wenigen historischen Beispielen dieselben
Ursachen bei den kultivirten Nationen noch stärker wirken, als bei den
Naturvölkern: so wird eine kurze psychologische Betrachtung uns dasselbe
lehren. Obwohl wir eine Religion haben, welche den Gläubigen Trost
gewährt auch im schlimmsten Unglück, obwohl wir durch die Kultur so
manches Hülfsmittel auch für bedrängte Lagen haben: so wirken doch auf
uns eine Menge Dinge, welche auf die Naturvölker noch gar keinen und
eine Menge anderer, welche auf sie weit geringern Einfluss haben. Wir
sind in unserm leiblichen Leben verzärtelt, an eine Menge Bequemlichkeit
gewöhnt, die wir nicht entbehren können; wir sind geistig viel
empfindlicher und ein Niederwerfen dessen, was uns heilig ist, drückt
uns mit zu Boden. Liebe zu den Verwandten, Scham, kurz eine ganze Reihe
mächtiger geistiger Faktoren haben bei den Kulturvölkern eine solche
Herrschaft übers Leben, dass, wenn sie ernstlich verletzt werden, das
Leben mit bedroht ist, und man kann wohl sagen, je gebildeter ein Volk
ist, um so rascher muss es in fortwährendem Unheil sich verzehren. Wenn
wir z.B. nur bedenken, welche Wirkungen das Gefühl eines ohnmächtigen
Ingrimms, das längere Zeit immer in uns erneut würde, auf uns haben
müsste, wie jeder Einzelne an sich abnehmen kann, so werden wir einmal
ermessen können, wie dasselbe Gefühl auf die Naturvölker eingewirkt
haben muss, bei welchen es durch so furchtbare Misshandlungen
fortwährend erneut wurde und es sehr begreiflich finden, wenn sie schon
durch dieses allein zu Grunde gegangen wären; wir werden einsehen, was
die gebildeten Mexikaner und Peruaner gelitten haben und warum gerade
sie so rasch mit dem Sturze ihrer Bildung zu Grunde gingen; wir werden
aber andererseits zugestehen müssen, dass wir unter ähnlichen
Verhältnissen wohl viel weniger Widerstandskraft haben würden, als jene
Völker, und gewiss jetzt erst recht aufhören von einer besonderen
Lebensunfähigkeit der Naturvölker zu sprechen, da wir dem Unheil,
welchem jene unterliegen, viel rascher unterliegen würden. Ja, wir
würden nach Gründen suchen müssen, wie es kommt, dass jene Völker eine
grössere Widerstandsfähigkeit haben wie wir; und finden dieselben in
ihrer grösseren leiblichen Abhärtung, sowie in ihrer geringen geistigen
Empfindlichkeit, welche immer mit geringer Geistesentwickelung Hand in
Hand geht.--Wenn wir nun dennoch die Kulturvölker wohl ohnmächtig und
geschichtlich unbedeutend werden, aber nicht eigentlich verschwinden
sehen, so kommt dies daher, dass sie gerade in solchen Zeiten der Gefahr
mit neuen Menschenschaaren durchsetzt werden. Die Verwüster Italiens,
die Germanen, liessen sich massenhaft in den blühenden Fluren des
besiegten Landes nieder; ebenso die Bulgaren in Griechenland u.s.w. Oder
die schon bestehende Kultur bietet neue Hülfsmittel, wohin man auch das
Einwandern zahlreicher Franzosen in unser Vaterland nach dem 30jährigen
Krieg rechnen mag. Beispiele von Kulturvölkern, die völlig vernichtet
sind, wie ihre Kultur, bietet die Geschichte von Kleinasien.
Es fällt von hier aus noch einmal ein Blick auf die Eintheilung, nach
welcher Carus die Menschen betrachtet; man sieht auch hier, wie wenig
stichhaltig sie ist, denn seine Tagmenschen haben keine grössere
Widerstandsfähigkeit, als seine Nacht- oder Dämmerungsmenschen; und
während er behauptet (17), dass die westlichen Dämmerungsvölker, die
Amerikaner, »wirklich dem Untergange zugewendet« seien, so sehen wir die
Tagvölker noch rascher ihrem Untergange zueilen, schon wenn sie durch
weit mildere Schicksale heimgesucht werden.--Auch die Eintheilung der
Menschheit in aktive und passive Völker, wie sie Klemm und Wuttke geben
(Waitz 1, 344) hat ihr sehr Bedenkliches; sie ist falsch, wenn man in
grösserer Aktivität zugleich nach jeder Richtung hin grössere
Kraftentwickelung sieht, denn die »aktiven« Völker (die Kulturvölker)
zerbrechen im Unglück viel leichter, als die zäheren und härteren
Naturvölker; sie ist ferner falsch, wenn man sie als in der
ursprünglichen Natur der Menschheit begründet, wenn man also Aktivität
oder Passivität als verschiedenen Völkern angeboren ansieht: denn von
Haus aus gleich organisirt hat sich die Menschheit durch verschiedene
Naturumgebung, verschiedene Schicksale u.s.w. im Lauf der Jahrtausende
so verschieden entwickelt, wie wir sie in geschichtlicher Zeit
vorfinden.
§ 20. Aussterbende und ausdauernde Naturvölker.
Wenn die Annahme einer minderen Lebensfähigkeit ganzer Völker richtig
wäre, so müsste doch bei allen diesen Völkern sich jenes Hinschwinden
gleichmässig zeigen. Wie kommt es aber, dass eins ausstirbt und das
andere dicht daneben nicht? ja, dass von ein und demselben Volke der
eine Zweig abstirbt, der andere ungefährdet weiter lebt? Und auch das
findet sich oft. Die Tonganer sterben nicht aus und sind Polynesier wie
die Tahitier, Maoris oder Kanakas; die meisten mikronesischen Inseln (so
namentlich der Gilbertarchipel) haben eine dichte Bevölkerung, die
Kusaier sterben aus; und beide, Mikro- und Polynesier, sind nur ein
Zweig des grossen malaiischen Stammes, bei welchem ein solches
Hinschwinden, die kleine Insel Engano und einige elende in die Gebirge
gedrängte Stämme ausgenommen, sonst doch nirgends bemerkt wird. Die
Kamtschadalen sterben aus, die übrigen Nordasiaten, ihre nahen
Verwandten, nicht. Doch vielleicht waren hier jene von uns besprochenen
Gründe des Aussterbens nicht in Thätigkeit? Allein während die übrigen
Melanesier an vielen Punkten sich vermindern, bleiben die Fidschis,
trotz des europäischen Einflusses, trotz ihrer Kriege und Menschenopfer,
kräftig und bei voller Zahl. Noch ärger fast als alle anderen Völker
sind die Neger bedrückt von einheimischen und fremden Tyrannen; und
während sie für einen der fruchtbarsten Stämme gelten, der gar nicht zu
vermindern ist, sterben die Neuholländer, nach dem Kärtchen bei Carus
Nachtmenschen wie sie, aus--welchem Fall freilich der ethnologische
Unsinn, afrikanische und melanesische Neger zu einer Raçe zu vereinigen,
der sich indess nicht bei Carus allein findet, die Beweiskraft nimmt.
Aber die anderen Beispiele zeigen vollkommen schlagend, wie irrig die
Ansicht ist, dass die hinschwindenden Völker in Folge der Inferiorität
ihrer Raçe ausstürben; daher wir dabei nicht zu verweilen brauchen. Wenn
unsere Ansicht aber stichhaltig ist, so muss sich nachweisen lassen,
dass da, wo die Gründe, aus denen wir das Aussterben der Naturvölker
erklären, nicht eintreten oder beseitigt werden, dass da die Völker
gedeihen, sich weiter entwickeln oder sich wieder erholen, ja selbst die
so gefährliche Kultur überwinden und sich zu ihr, wenn auch nur sehr
allmählich, emporheben können. Und der Nachweis ist leicht.
In Afrika beweisen es die Hottentotten der herrnhutischen Kolonie
Baavianskloof, welche Lichtenstein schildert. 1799 betrug die Zahl ihrer
Lehrlinge (Licht. 1, 247) 100; das Dorf, worin sie wohnten, glich mit
seinen 200 Häusern, seinen Gärten, seinen geraden Strassen ganz einem
deutschen Dorfe; die Hottentotten waren tüchtig im Feld- und Hausbau und
zu allem dem gebracht ganz ohne andere Strafe als Ausschliessung vom
Gottesdienst (251). Die Taufe erhielt man freilich nur als höchste
Belohnung für Thätigkeit, Rechtschaffenheit und Frömmigkeit und
allerdings fand Lichtenstein noch keine Hottentotten unvermischten
Blutes, sondern nur Mischlinge getauft; aber da sich die Herrnhuter
bemühten, sie »erst zu Menschen und dann zu Christen« zu machen (eb.
253), so hob sich die Colonie immer mehr, so dass von der Zeit nach 1828
der Bericht lautet: »Die frei gewordenen Hottentotten fingen an mehr für
die Zukunft zu sorgen, der Landbau wurde eifrig betrieben und durch
künstliche Bewässerung verbessert, Mässigkeit und Sittlichkeit, die Zahl
der regelmässigen Ehen, der Besuch und die Sorge der Eltern für die
Erziehung der Kinder war im Steigen begriffen und es bedurfte dazu
keiner Unterstützung von aussen« (Waitz 2, 337). Dies ist allerdings nur
von einem kleinen Distrikt gesagt; aber wo hat man sich sonst auch mit
demselben Verstand und derselben Ausdauer der Hottentotten so redlich
angenommen? Wo man das thut, da gedeihen sie und werden brauchbare
Menschen (vergl. W. 2, 341).
In Amerika haben die Cherokees, die Algonkins, die Irokesen und andere
Völker deutlich genug bewiesen, dass auch die Indianer der Erhebung und
Kultivirung fähig sind. Die Irokesen sind seit 1820 »bedeutend
fortgeschritten im Ackerbau, Hausbau und den mechanischen Künsten
überhaupt; sie besuchten die Kirche regelmässig, viele von ihnen waren
im Lesen, Schreiben und Rechnen so weit gekommen, dass sie Schullehrer
werden konnten, einige andere sogar respektable Geistliche« (Waitz 3,
291 mit d. Quellen). Sie hatten das Mohawk zur allgemeinen
Verkehrssprache im Gebrauch und nach Schoolcrafts Bericht für 1845 war
ihre Volkszahl im Wachsen (a.a.O.). Ebenso hatten die Ottawa, ein
heidnischer Algonkinstamm, sowie die Sauk und noch mehr die Delaware
grosse Fortschritte gemacht; sie leben ganz von dem Ackerbau, den sie
sehr eifrig und tüchtig betreiben, sowie vom Handel mit den Produkten
ihrer Felder (292-93): ihre Zahl ist im Wachsen (294).
Noch mehr war dies Alles der Fall bei den Cherokees, deren Volkszahl in
den Jahren 1819 bis 1825 von 10,000 auf 13,500 nebst 200 Weissen und
1300 Negersklaven anwuchs. Schon vor 1820 waren sie sehr tüchtige
Ackerbauer, welche im Laufe von 8 Jahren (M'Kennay bei Waitz 3, 294) die
Wildniss in einen Garten umschufen. Schon um 1773 hatten sie 43 Städte
und ihre Bildung war schon damals nicht unbedeutend (Bartram 353-60);
seit 1796 waren Baumwollenmanufakturen bei ihnen errichtet,
Luxusgegenstände traf man hin und wieder und Einzelne hatten ein nicht
unbedeutendes Privatvermögen. Die Polygamie wurde abgeschafft; ihre
Kinder zeigten sich »sehr lenksam, anhänglich und bildungsfähig« (Waitz
3, 295). 1820 führten sie geschriebene Gesetze und eine
Repräsentativverfassung ein. Der oberste Häuptling, dem nebst einem
hohen Rath die Exekutive zusteht, soll alle zwei Jahre das Land
bereisen, um dessen Zustand kennen zu lernen. Die richterliche Gewalt
wird vom obersten Gerichtshofe, dem wandernden Gericht und von
Friedensrichtern ausgeübt. Geschworenengerichte und drei Instanzen sind
eingeführt, die Richter nur durch den Willen beider Häuser absetzbar. Es
herrscht allgemeine Religionsfreiheit, doch kann Niemand ein Amt
bekleiden, der nicht an Gott und an Vergeltung in einem künftigen Leben
glaubt« (Waitz 3, 295-96). Es wurde dann ein Alphabet von 85 Zeichen
1821 von einem Cherokee erfunden und bald war die Kunst des Lesens und
Schreibens unter ihnen allgemein; seit 1828 erschien eine periodische
Zeitschrift in ihrer Sprache. Auch diese aufblühende Kultur hat man
nicht geschont; man hat auch die Cherokees, trotz ihres heftigen
Widerstrebens, über den Missisippi vertrieben. Allein obwohl ihre Kultur
dadurch im hohen Grade gefährdet wurde, so unterlag sie nicht; sie erhob
sich bald wieder und seit 1841 allgemeiner wie früher (296). Ebenso
verhält es sich mit den Choktaw, den Creek und einigen anderen Völkern,
über die Waitz (296-99) ausführlichere Nachrichten gibt.