Die fast immer ganz unmenschliche und mordgierige Art, mit welcher der

Europäer die Naturvölker bekriegte und meist deren Rohheit bei weitem

übertraf, zwingt uns zu einem anthropologischen Schluss von nicht

geringer Bedeutung; denn wir sehen daraus klar, »dass die Kluft, die den

civilisirten Menschen vom sogen. Wilden trennt, bei weitem nicht so

gross ist, als man sich oft einbildet« (Waitz, 3, 259). Man hat ja

gerade die wilde Blutgier der Naturvölker so wie ihr beharrliches

Fernbleiben von aller Kultur so besonders hervorgehoben, ja mit darauf

hin den Schluss gezogen, dass sie von geringerer Organisation und

Befähigung, dass sie von Haus aus eine niedrigere Raçe wären (Carus 28,

22 ff.). Wie will man das aber aufrecht halten, wenn die civilisirten

Völker von einer viel wilderen und grauenvolleren Blutgier besessen

sind, die um so schrecklicher wird, als sie unvermittelt neben so hoch

entwickelten intellektuellen Fähigkeiten steht? Wenn die grössten und

bedeutendsten Männer dieser civilisirten Völker dieselbe Blutgier

theilen, wie Columbus, welcher die auf Menschen dressirten Hunde

einführte, der Königin Isabella rieth, die Kosten seiner Fahrten durch

Menschenraub zu decken, Diebstähle mit grausamen Verstümmelungen strafte

und Hinterlist und gemeinen Verrath gegen die Indianer für erlaubt

hielt? (Waitz 4, 331). Wenn die blutgierig-rohesten wohl noch wegen

ihrer grauenvollen Bestialität als besonders hervorragend gepriesen

werden, wie die »Pioniere des Westens«, die »Helden von Old-Kentucky«

(Waitz 3, 260), die nebenbei auch der intellektuellen Vorzüge der Kultur

sich begebend genau ebenso abergläubisch als die Indianer wurden, deren

Lebensweise, Vergnügungen und Skalpirungen bald sich nur noch durch

grössere Rohheit von den Indianern unterschied? Ja d'Ewes (China,

Australia and the Pacif. Islands in 1855-56. London 1857, p. 150)

erzählt, dass einzelne Weisse auf den Fidschi-und Tonga-Inseln, neben

den grässlichsten Verbrechen aller Art, sogar den Kannibalismus der

Eingeborenen mitgemacht haben! Beispiele von Spaniern und Portugiesen,

welche unter die Bildungsstufe der Eingeborenen Südamerikas

herabgesunken sind, findet man reichlich bei Waitz 1, 370 und bei v.

Tschudi an verschiedenen Stellen. Ehrlichkeit, Treue, Vertrauen,

Anstand, Gastfreundschaft, Menschlichkeit, reine Religiosität, die

besseren moralischen Eigenschaften findet man meist nicht auf Seiten der

Europäer, sondern der so tief verachteten Naturvölker, und Seume's

»Wir Wilden sind doch bessre Menschen«

hat seinen tiefen Grund. Man sage nicht, dass die von den Europäern

verübten Schlechtigkeiten nur von einzelnen ausgegangen und also auch

nur den einzelnen Individuen zur Last zu legen seien; sie sind so

ziemlich gleichmässig von der gesammten Kolonistenbevölkerung ausgeführt

und jedenfalls von ihr höchlich gebilligt worden; ja es fehlt noch viel,

dass sie auch jetzt überall getadelt würden.

Es zeigt sich aus diesen Betrachtungen ferner, wie ungeheuer langsam die

Menschheit moralisch fortschreitet und wie wenig durch intellektuelle

Entwickelung ein Fortschritt nach jener Seite bedingt wird. Das eben von

Columbus Erwähnte mag als Beleg dienen, er, der geistig so hoch über

seiner Zeit stand, hatte sittlich ganz dieselbe Stufe inne. Seine ganze

Zeit aber stand trotz des Christenthums, trotz der äusseren Kultur noch

auf einem Standpunkt der geistigen Rohheit, die sich noch kaum von dem

Wesen des Naturmenschen unterscheidet, ja durch reicher entwickelte und

ganz zügellose Leidenschaften noch tiefer als jenes erscheint. Wie

gewaltig nun die Entwickelung der Intelligenz in den letzten drei

Jahrhunderten zugenommen hat, weiss Jeder; blickt man aber auf die

Kulturvölker des 19. Jahrhunderts--man denke an die Engländer in

Tasmanien, Neuholland, Nordamerika, die Portugiesen und Spanier in

Südamerika--so wird man von einem moralischen Fortschritt noch gar wenig

bemerken, denn sie benehmen sich, allerdings nicht mehr in solcher

Allgemeinheit, gerade ebenso brutal und unmenschlich, als die Spanier im

16. Jahrhundert.

Auch kann man nicht behaupten, dass die heutige Propaganda und ihr

Verfahren in der Südsee sich sehr zu ihrem Vortheil von den Missionären

des 16. und 17. Jahrhunderts unterschied; was sie etwa an

Gewaltthätigkeit verloren hat, das hat sie an Unwahrheit gewonnen. Und

wenn man im 19. Jahrhundert mit demselben Leichtsinn wie im 16. nur um

zu taufen, tauft: so ist das in unseren Zeiten bei weitem schlimmer, als

in jenen früheren. Bis jetzt also hat die Höhe der intellektuellen

Entwickelung noch keineswegs durchgreifend und in dem Maasse, als man

denken sollte, auf die moralische Seite des menschlichen Charakters

gewirkt--aus Gründen, deren tiefere psychologische Motivirung hier uns

zu weit führen würde.

Und doch lässt es sich nicht läugnen, dass alles wirkliche Fortschreiten

der gesammten Menschheit, wodurch sie immer reiner und wirklich

menschlicher sich entwickelt, nicht sowohl auf intellektuellen als auf

moralischen Geistesthaten beruht. Die europäische Gesellschaft ist zu

ihrer heutigen Höhestufe emporgehoben erstens durch die Gleichstellung

der Frauen bei den Germanen, zweitens die rein moralische Macht des

Christenthums, drittens die Reinigung des Christenthums und die

Anerkennung der individuellen Geistesfreiheit durch die Reformation und

die Reinigung der sozialen Verhältnisse durch die Revolution des vorigen

Jahrhunderts. Letztere trug auch gleich den Naturvölkern die besten

Früchte: denn dass Polynesien wesentlich anders behandelt ist, als

Amerika, dazu trugen nicht wenig bei die Lehren von Männern wie

Rousseau, der Gedanke, dass alle Menschen, mochten sie nun durch Stände

oder Hautfarbe und Sprache verschieden scheinen, in ihrem Wesen gleiche

Menschen seien; ja die Ansicht, welche man von diesen Völkern lange Zeit

in Europa hegte, beruhte gleichfalls auf diesen Gedanken, da sie

hauptsächlich durch die Werke der Forster hervorgerufen wurden, diese

aber eifrige Anhänger Rousseau's waren.--Neben jenen Hauptförderungen

der Menschheit darf man einige andere zwar nicht in erster Linie

anführen, aber auch ebensowenig ganz übersehen, und dahin gehört die

Erweckung des reinen Schönheitssinnes, der wahren Kunst durch die

Griechen. Während nun im Leben der Völker und der Einzelnen es sich nur

allzuhäufig zeigt, dass die grösste Ausbildung der Intelligenz auf die

sittliche Vollendung eines Menschen gar keinen Einfluss hat, so fördert

umgekehrt jeder sittliche Fortschritt der menschlichen Gesellschaft ihre

intellektuellen Leistungen und ist ohne eine solche Förderung gar nicht

zu denken, da ja jeder wirklich bedeutende sittliche Fortschritt die

Menschheit in ihrem ganzen Wesen hebt und weiter entwickelt, und nur wo

dieser Doppelfortschritt geschieht, kann von einem wirklichen

Höhersteigen die Rede sein. Man hebt nie ein Volk nur durch Industrie

und Lehranstalten, wenn man es dadurch auch reich und wohl unterrichtet

machen kann; man hebt es nur, wenn man seine idealen Anschauungen

läutert und fördert. Dass aber eine Förderung nicht etwa dadurch

eintritt, dass man der Gegenwart das Ideal vergangener Jahrhunderte als

das einzig heilvolle aufzwingen will, das liegt auf der Hand.

§ 23. Zukunft der Naturvölker. Mittel, sie zu heben.

Was wird nun die Zukunft der Naturvölker sein? Geradezu vernichtet sind

nur wenige bis jetzt und noch können wir, und da wir Unfähigkeit zur

Entwickelung, leibliche oder geistige, nirgends bei ihnen finden, noch

müssen wir hoffen. Freilich ist viel verdorben; und die Leichtigkeit der

Annäherung, das Vertrauen, mit dem sie der Kultur entgegenkamen, ist bei

den meisten unwiederbringlich verloren.

Wie bisher die Missionäre die grössten Verdienste um diese Völker haben,

so fallen auch, wenn wir nach der Zukunft fragen, unsere Augen zunächst

auf die Missionäre. Wenn wir bedenken, dass die Polynesier man kann wohl

sagen ihre Rettung bisher ihnen verdanken, dass, die Hottentotten und so

mancher amerikanische Stamm nur und allein durch sie Gelegenheit hatten,

auch die guten Seiten der Kultur an sich zu erfahren; so können wir

nicht dringend genug wünschen, dass ihr Werk sich segensreich immer

weiter ausbreiten möge. Dazu gehört zunächst Unterstützung durch die

weltlichen Mächte, freilich anders als sie von Frankreich den

katholischen Missionären zu Theil wurde: denn die Staaten müssten, im

Interesse der jedesmaligen Eingeborenen, jede segensreiche Wirksamkeit

gleichviel von welcher Confession gleichmässig schützen. Und so hat

sich, um gar nicht vom Christenthum zu reden, auch vom anthropologischen

Standpunkt aus die katholische Kirche und Frankreich in ihrem Dienst in

der Südsee schwer vergangen. Die Mächte, welche unter den Naturvölkern

Kolonien haben, England besonders, haben den grössten Vortheil von einer

tüchtigen Wirksamkeit der Missionäre; denn einmal werden durch sie

unnütze Kriege, die doch auch den Weissen oft schädlich genug sind,

vermieden, und ferner die Eingeborenen selbst der Kolonie gewonnen. Man

sollte also von Staatswegen die Missionen mit allen Mitteln stützen

(nicht gewaltsam einführen, nur stützen), aber auch zugleich ein

wachsames Auge auf sie haben und sie nöthigen Falles zur Rechenschaft

ziehen. Denn Menschlichkeiten können vorkommen und sind auch unter den

protestantischen Missionären der Südsee vorgekommen, welche z.B. in

Neuseeland durch ihre Landankäufe und Spekulationen sich und ihrer Sache

und den Eingeborenen gleichviel geschadet haben. Aber auch die

Missionäre müssen auf sich selbst das strengste Augenmerk haben. Sie

müssen immer mehr und mehr zu der richtigen und wichtigen Einsicht

gelangen, dass es nichts hilft, Völker zu taufen oder sie auf abstrakte

und für jene Menschen ebenso unverständliche wie unbrauchbare

Lehrbegriffe hinzuweisen, wenn man nicht alle ihre Geisteskräfte weckt,

die Wahrheiten dieser Lehre sich anzueignen. Nach dieser Seite--wer

wollte es läugnen? übersteigt es doch auch hier ganz fehlerlos zu

handeln bei weitem menschliche Kraft--nach dieser Seite haben beide

Kirchen viel verfehlt; die katholische durch oft ganz beispiellos

leichtsinniges Taufen, wobei sie das Heidenthum ruhig bestehen liess

(Beispiele für diese harte Behauptung liefern die Annales de la

propagation de la foi, Michelis und Lutteroth genug; wir führen

einzelnes der Kürze halber nicht an), die protestantische durch

allzustrengen Ernst und eigensinniges Steifen auf die abstrakten

Lehrsätze. Doch wird jeder Unbefangene die bei weitem bessere

Wirksamkeit auf protestantischer Seite sehen müssen, wenn wir auch fern

sind, zu verkennen, was die katholische Kirche grosses geleistet hat.

Männer wie Las Casas und so viele seiner Glaubensgenossen, welche fast

der einzige Schutz der unterdrückten Amerikaner waren, so viele

Jesuiten, die mit dem grössten Glaubenseifer sich jeglicher Gefahr für

das Christenthum unterzogen, wie z.B. der gewaltige San Vitores auf den

blutgetränkten Marianen: alle diese Männer müssen in erster Reihe

genannt werden, wenn es sich um Darstellung der Verdienste der Mission

handelt.

Man mache die Naturvölker erst zu Menschen, dann zu Christen; man bilde

sie langsam zu der und durch die Kultur vor, deren höchste Blüthe das

Christenthum ja eben sein will. Nicht Wissen und Erkennen, und wäre es

der höchsten Weisheit, Thätigkeit vielmehr und selbständiges Bauen des

eigenen Lebens gibt dem Menschen erst sittlichen Halt und sittliche

Kraft: diese wecke, gestalte, befördere man und man wird das

Christenthum fördern. Ist es doch wahr, dass jene Verbrecher, welche aus

den Deportationsorten entsprangen und sich an verschiedenen Stellen

Ozeaniens niederliessen, durch die Bruchstücke von Kultur, welche sie

den Eingeborenen mittheilten, dem Christenthum und den Missionären den

Weg gebahnt und sehr erleichtert haben, ohne dass sie es selbst wollten

und obwohl sie oft mit der Kultur zugleich manches Verbrechen lehrten.

Will man aber ohne genügende Vorbereitung rasch Erfolge sehen, so wird

man nichts wirken; die Missionsberichte (beider Confessionen) beweisen

zur Genüge, wie thöricht ein solches Streben ist und wie es oft zu den

allergröbsten Selbsttäuschungen führt. Nur die liebevollste Arbeit und

aufopferndste Hingebung vieler Generationen kann hier wirklichen und

bleibenden Erfolg erringen. Man muthe doch nicht den Naturvölkern zu,

die Höhe der Bildung im Fluge zu ersteigen, welche die begabtesten

Kulturvölker im Laufe von Jahrtausenden und mit so häufigem Rückfall, so

heissem Kampfe, so stetiger Arbeit sich errungen haben.

Aber auch die weltliche Macht muss Hülfe bringen; zunächst negativ,

indem sie nicht duldet, dass andere, was die Missionäre bauen,

untergraben und einreissen; und ferner positiv, indem sie das von jenen

begonnene weiterführt. Sie muss die Eingeborenen in ihren natürlichen

Rechten schützen, das Eigenthumsrecht an den von ihnen bewohnten Boden

anerkennen und aufs Strengste darauf halten, dass ihnen von Seiten der

Kolonisten kein Unrecht geschieht. Freilich werden solche Männer wie

Lord Grey, die mit der grössten Umsicht und Energie die reinste

Menschenliebe besitzen, nicht häufig gefunden werden; aber man kann auch

in der Wahl einer obersten Kolonialverwaltung nicht zu viel thun.

Specielle Vorschläge haben Grey für Australien, Dieffenbach für

Neuseeland, Andere für andere Völker gemacht; und es liesse sich, bei

allen Schwierigkeiten, wenn die Mächte, welche Kolonien besitzen, also

vor allen Dingen England ernsthaft wollten, gewiss viel Elend verhüten,

viel Gutes stiften und viel Verdorbenes herstellen. Bis jetzt freilich

haben die englischen und überhaupt die europäischen Matrosen meist nur

das eine Recht der Gewalt; die Frevel, die sie an jenen Völkern begehen,

bleiben ungestraft, während es mit den ärgsten Strafen heimgesucht wird,

wenn die Eingeborenen irgend an Weissen freveln. Zum Theil ist diese

Ungerechtigkeit nöthig, um die fernen Weissen zu schützen; theils aber

liegt sie auch in der selbst noch sehr mangelhaften moralischen

Entwickelung der Weissen, welche an solchen Gewalttaten im grossen

Ganzen kaum einen Frevel. sehen. Was soll man dazu sagen, wenn

Schandgeschichten wie die folgende unter Englands offiziellem Schutz

geschehen und in den Zeitungen, auch in deutschen, fast als Scherz

erzählt werden? Nach der Ermordung eines Kaufmanns[O] erschien das

englische Kriegsschiff Perseus, Capitän Stevens, 1867 im Frühjahr vor

der Palaus (Pelewsinseln, westliches Mikronesien), um Genugthuung zu

fordern: es zeigte sich, das der Kaufmann auf Befehl des Königs, auf

dessen Insel Koror er lebte und Grundeigentum besass, ermordet sei, weil

er an die Feinde desselben Feuerwaffen verkauft hatte. »Obwohl nun

Stevens einsah, heisst es, dass jener besser gethan hätte, keine

Mordwaffen zu verkaufen«, so glaubte er doch streng verfahren zu müssen

und verlangte Hinrichtung des Königs. Die Insulaner, von dem

Kriegsschiff bedrängt, beschlossen, sich nicht zu widersetzen--aber sie

baten, dass die Hinrichtung von Matrosen des Schiffes ausgeführt würde,

was Stevens nicht zuliess. »Insulaner sollten das Werk thun«. So geschah

es denn. Und es geschah noch mehr. Die so behandelten Insulaner riefen

den Schiffscapitän zu ihrem König aus. »Er nahm auch sofort die Krone an

und bewies, dass er die königliche Prärogative in erspriesslicher Weise

zu nützen verstehe. Er befahl seinen Unterthanen, Hühner, Eier, Früchte

und sonst noch mancherlei an Bord des Dampfers zu bringen und diesem

Befehl wurde willig Folge gegeben. Eine Vergütung für die gelieferten

Sachen blieb ausser Frage, doch war seine improvisirte Majestät so

gütig, einige Geschenke, als da sind: Messer, Scheeren u. dergl.

verabfolgen zu lassen. Als dies geschehen war, dankte er ab und

überliess den Paleuinsulanern, sich nun einen anderen König nach ihrem

Geschmack zu suchen« (Globus 12, 59, nach der Overland China Mail v. 30.

Mai 1867 und der »Presse« zu Manila). Heisst das nicht, jede

Selbstachtung eines Volkes mit Füssen treten? nicht, der Gerechtigkeit

und Menschlichkeit ins Gesicht schlagen? Und das that ein Vertreter des

englischen Staates im Namen der Gerechtigkeit! Und eine solche

Geschichte erheitert als Anekdote ein europäisches Publikum! Die

Insulaner mussten, trotz ihrer Bitten, ihren eigenen König erschiessen,

weil er sich eines gegen ihn entschieden feindlich handelnden

Engländers, allerdings auf frevelhaftem Wege, entledigt hatte! So lange

solche Geschichten noch möglich sind, so lange ist allerdings für die

Naturvölker noch nicht allzuviel zu hoffen. Und sie werden, wir

befürchten es, noch lange möglich sein; so lange wenigstens sicher als

die Kulturvölker sich von ganz anderem Stoff dünken, als jene »Wilden«,

denen man wohl die Gestalt, aber keineswegs die Rechte eines Menschen

zugesteht.

Gegen diese gänzliche Ausschliessung von allem europäischen Leben, wie

es die Eingeborenen in den Kolonialländern fast immer zu dulden haben,

müsste der Staat, was in seinen Kräften steht, thun, wenn er jene

wirklich heben wollte: denn das ist es, was sie jetzt am meisten von der

Kultur ab und im Elend zurückhält. Aber das wird schwer, wo nicht

unmöglich sein; und die Menschheit, so scheint es, wird erst noch

manchen Schritt vorwärts thun müssen, ehe diese Gleichstellung (wenn sie

dann noch möglich ist) auch nur annähernd sich verwirklichen lassen

wird; so dass man in diesem Sinne wohl sagen kann, alles, was in Europa

zur Hebung der weissen Bevölkerung und ihres sittlichen Lebens

geschieht, das kommt auch mittelbar den Naturvölkern zu gut.

§ 24. Werth der Naturvölker für die Menschheit und ihre Entwickelung.

Schluss.

Aber, so müssen wir noch fragen, kann man überhaupt einem Staat, den

civilisirten Völkern zumuthen, so viel Müh und Arbeit an die Naturvölker

zu verwenden, die sie doch anderen Zwecken und vielleicht besseren oder

doch nützlicheren entziehen müssen? Kann man nicht mit Fug und Recht von

dem werthlosen Leben dieser rohen Nationen Talleyrands berüchtigtes je

n'en vois pas la nécessité sagen? Wie man vom Standpunkte des

Christenthums hierauf antworten muss, welches lehrt, dass alle Menschen

Brüder und vor Gott gleich sind, liegt auf der Hand: und wo wird denn

ein strenges Christenthum mehr zur Schau getragen, als im öffentlichen

Leben Englands und Amerikas? Aber auch vom Standpunkt der Philosophie

aus wird man die Erhaltung der minder entwickelten Völker für eine

wesentliche Aufgabe der Kultur ansehen müssen. Der empirische Forscher

wird nach genauer historischer und naturwissenschaftlicher Betrachtung

der Welt sehen, dass die Gesammtheit der Natur als solche dem

Entwickelungsgesetze folgt, wie die einzelnen grossen Abtheilungen der

Natur, wie die Gattungen, Arten und Individuen. Das Gesetz dieser

Entwickelung besteht aber darin, dass Alles, Gesammtheit und

Einzelnwesen, eine grössere Vollkommenheit, Festigkeit und Sicherheit

der Existenz anstreben. In diesem Entwickelungsgange hat die Natur

selbst die Werthbestimmungen gesetzt, dass sie das Individuum der Art,

die Art der Gattung, die Gattung der Familie, kurz das Beschränktere dem

Grösseren unterordnet, ja wenn es im Interesse des Grösseren noth thut,

aufopfert. Es würde spiritualistische Verkennung unseres Standpunktes

sein, welchen wir in der Stufenfolge des Ganzen einnehmen, wenn wir

Menschen für uns andere Gesetze beanspruchen wollten, als sie für die

gesammte Natur gelten; zeigt doch auch alle historische Entwickelung,

dass wir unter ganz denselben stehen, wie die übrigen Organismen alle,

nur dass unsere Stellung verschieden ist. Wie nun also der Natur

Erhaltung und Förderung des Ganzen Hauptzweck ist, so muss er es auch

uns Menschen sein, und zwar zunächst Erhaltung und Förderung der

menschlichen Gesellschaft, da unsere Thätigkeit zunächst unserer eigenen

Gattung naturmässig gehört. Das aber heisst schlecht dem Ganzen dienen,

wenn man lebensfähige Keime desselben, bloss weil sie nicht im gleichen

Lenz und nach gleicher Art mit uns sich entwickelt haben, zertreten

wollte. Wer weiss, zu welchem Endzweck auch sie der Natur dienen können!

Und Niemand wird doch behaupten wollen, dass sie zu zertreten den

Völkern von höherer Kultur Nutzen brächte. Wenn wir von diesem

philosophischen Standpunkt aus nach dem Zweck menschlicher Entwickelung

forschen, so werden wir die Civilisation als solchen bestimmen müssen

(Waitz 1, 478 f.). Denn einmal sichert sie erst durch engen

Zusammenschluss der Individuen, welche sich im Naturzustande

selbstsüchtig, also feindlich gegenüber stehen, die menschliche

Gesellschaft dauernd und fest, andererseits bringt sie erst, indem sie

auf diese Weise eine Menge überschüssiger Kraft frei macht, die

Menschheit zu höherer Entwickelung. Sie allein ist es, welche die

wichtigste Seite des menschlichen Lebens, die Thätigkeit des Geistes

überhaupt erst ermöglicht. Zu diesem Endzweck menschlicher Entwickelung

ist aber jedes Volk berufen und die einzige Aufgabe schon civilisirter

Nationen uncivilisirten gegenüber kann nur die sein, die Civilisation

auch zu jenen hinzutragen, nicht aber durch die reichlicheren und

wirksameren Mittel derselben jene zu vertilgen. Auch darf hierbei nicht

übersehen werden, wie nichts der Civilisation selbst gefährlicher ist,

als Zurücksinken in Rohheit, weil ein solches mit stets zunehmender

Geschwindigkeit, gleichsam nach den Fallgesetzen vor sich geht. Das

wüste Verfahren gegen die Naturvölker ist aber ein solches Zurücksinken

in Rohheit und wie beim längeren Vernichtungskampf gegen sie jene

Rohheit schrecklich wächst, das haben wir schon gesehen. Ganze Stämme

civilisirter Nationen sind durch sie, zu der sich dann noch Faulheit und

Genusssucht gesellten, in die äusserste Barbarei zurückgesunken oder

doch wenigstens merklich in ihrer Entwickelung aufgehalten: so die

Holländer am Cap, die Spanier und Portugiesen und zum Theil die

Engländer in Amerika. Das ewige Blutvergiessen und Morden musste sie

immer gleichgültiger, immer roher machen und dadurch schwanden

selbstverständlich gar manche andere Interessen; Faulheit und so manches

andere, obwohl gar manche Kolonisten auch davon einen reichlichen

Vorrath mitbrachten, war die natürliche Folge der fortgesetzten

Grausamkeit. Führt uns dieser letztere Punkt schon aus dem theoretischen

und moralischen mehr ins praktische Gebiet, so gibt es auch noch andere

praktische Gründe, welche für Schonung und Hebung der Naturvölker,

keinen aber, der dagegen spricht. Waitz (1, 484) setzt auseinander, dass

bei den grossen Unterschieden in der Naturumgebung der Menschen, bei den

mannigfaltigen Fähigkeiten und Eigenschaften, welche die verschiedenen

Völker im und durch den Lauf der Zeiten entwickeln, die Civilisation der

gesammten Menschheit auch in höchster Vollendung keine ganz gleiche zu

sein braucht, ja auch nur sein kann. »Ohne dass ein Volk dem anderen die

materielle oder die geistige Arbeit ganz abnehmen könnte, würde sich

doch das Verhältniss so gestalten, dass bei einigen die eine, bei

anderen die andere Art der Arbeit in ein entschiedenes Uebergewicht

träte, dass einige in der einen, andere in der anderen Richtung sich

produktiver zeigten und dem entsprechend auf die übrigen wirkten und

ihnen mittheilten. Den Tropenländern würde alsdann mehr oder weniger

allgemein die überwiegende Produktion der materiellen, den gemäßigten

Klimaten die der geistigen Güter zufallen. Eine hohe Stufe

intellektueller Bildung, tiefes Denken und eine durchgebildete, auf

feiner und vielseitiger Ueberlegung ruhende Sittlichkeit, scheint bei

der geistigen Erschlaffung kaum erreichbar zu sein, welche das Leben in

der heissen Zone für den Europäer wie für den Eingeborenen mit sich

bringt« (1, 185). Gerade weil aber das Leben unter den Tropen

erschlaffend wirkt und auf den weissen Einwanderer noch mehr als auf den

Eingeborenen, so ist es für ersteren der grösste Vortheil, wenn ihm

Unterstützung von letzteren zu Theil würde. Von wie grossem Segen wäre

es für alle Kolonien, statt wie jetzt in oft so blutiger Feindschaft mit

den Eingeborenen zu leben, in ihnen Helfer und freundliche und

intelligente Arbeiter zu finden und so empfiehlt sich schon von rein

praktischer Seite für den Europäer die Schonung und Hebung der

Naturvölker durchaus.

Über das Aussterben der Naturvölker · 第 16 / 17 段