dauernde Berührung mit den Marianen, wo die Spanier, als sie 1668
landeten eine sehr bedeutende Bevölkerung (100,000 ist nicht
übertrieben, wie wir schon sahen) auf der ganzen Kette vertheilt
fanden--und um 1710 war nur noch Guaham, die südlichste und grösste
Insel bewohnt, die anderen verödet. Der Krieg, welchen namentlich
Quiroga mit blutiger Tapferkeit führte, und der über 30 Jahre dauerte,
zahlreiche Epidemien, Verpflanzung der Eingeborenen von einem Distrikt
zum anderen (welches Mittel auch in Amerika die verheerendsten Folgen
hatte) trugen zu dieser Vernichtung das ihrige bei. Aber wenn auch nach
den Berichten, die wir haben und die ganz, wie le Gobien und Freycinet,
auf spanischen Quellen beruhen oder Erzählungen der bei der spanischen
Unterwerfung thätigen Jesuiten sind wie die Berichte im »neuen Weltbott«
(einer Missionzeitung a.d. Anfange des vorigen Jahrhunderts); wenn auch
nach diesen Quellen die Spanier nicht mit der empörenden Grausamkeit
verfuhren wie in Amerika: so ist es doch auffallend, dass wir ganz
dieselben Erscheinungen hier wie dort nach ihrem Auftreten finden,
wildeste Verzweiflung der Eingeborenen--welche hier wie dort anfangs den
Spaniern sehr freundlich entgegenkamen--massenhaftes Auswandern
derselben, zahllosen Selbstmord, künstliche Fehlgeburt oder Ermordung
der Kinder bei der Geburt und schliesslich und sehr bald totale
Entvölkerung der Inseln, welche für Guaham nur durch zahlreiche
Einführung philippinischer Tagalen verhütet ist. Wahrscheinlich hausten
also hier die Spanier mit derselben rohen Bedrückung und wilden
Grausamkeit, welche sie überall zum Fluch der neuentdeckten Länder
machte, nur dass hier, ganz ähnlich wie über das ebenso rasch
entvölkerte Honduras (Waitz 4, 280), unsere Quellen schweigen, oder nur
parteiisch und einseitig berichten. Sicher wird man aus dem Aussterben
der marianischen Bevölkerung keinen Schluss ziehen können zu Gunsten der
Ansicht, dass die Naturvölker, weil sie von schlechterer Organisation
seien, den Weissen erlägen.
Polynesien ist 3 Jahrhunderte später entdeckt worden als Amerika, eins
später als die Marianen; so sehen wir denn hier die kultivirte
Menschheit anders als bisher. Zwar zeigen die früheren Durchsegler des
Ozeans, die Spanier, Dampier, Roggeween, dieselbe Rohheit den
Naturvölkern gegenüber wie alle ihre Zeitgenossen; allein im Ganzen ist
man hier milder aufgetreten als sonst, wozu ausser dem kleineren Terrain
wie der geringeren Zahl, in welcher die Europäer demgemäss auftreten,
der Hauptgrund das Jahrhundert ist, in welchem man die meisten dieser
Inseln entdeckte. War es doch die Zeit des Philanthropismus und glaubte
man doch die erträumten Ideale von menschlicher Glückseligkeit, wie z.B.
Rousseau sie in Europa entwarf, hier im Leben der Südseeinsulaner
verwirklicht zu finden; ein Umstand, der für die Art, wie man den
Polynesiern entgegentrat, von grosser Bedeutung war. Und noch, wichtiger
war es, dass gleich nach der Entdeckung zu ihnen Missionäre der
protestantischen Kirche, denen es nicht auf Ausbreitung des christlichen
Namens und der äusseren Gebräuche, sondern da sie selbst im tiefsten
Herzen wahre Christen waren, auf die Emporhebung und Förderung der
Eingeborenen ankam. So steht der treffliche Wilson, der erste Missionär
der Südsee (1795), an der Spitze einer Reihe von Ehrenmännern, die, wenn
auch hin und wieder selbst nicht frei von menschlichen Schwächen, auf
das Wohlgemeinteste für diese Völker sorgten.
Allein weder sie noch der fortgeschrittene Geist der Jahrhunderte
konnten auch hier die bösen Wirkungen der Kultur und ihrer Träger
abwehren. Eine Reihe einzelner Brutalitäten, deren Helden meist
Schiffskapitäne und ihre Matrosen sind, kamen auch hier vor, welche
allerdings bei der geringen Anzahl der Einwohner für die einzelnen
Inseln gefährlich genug sein konnten und z.B. für Waihu verderblich
gewesen sind (Mörenhout 2, 278-79, der Genaueres und die Quellen gibt).
Aber auf die Dauer gefährlich wurden die Europäer durch die
Verbrecherkolonien, welche sie in der Südsee (Neuholland, Tasmanien und
sonst) anlegten. Denn eine Menge der deportirten Verbrecher entwichen
und indem sie sich auf verschiedenen Inseln des Ozeans umhertrieben oder
auf einzelnen festsetzten, schleppten sie ausser Krankheiten eine Menge
Laster ein oder reizten, was oft genug vorgekommen ist, die Eingeborenen
zum Krieg gegen die ankommenden Weissen, der meist den Eingeborenen
verderblich wurde; oder zum Widerstand gegen die Missionäre, der ihnen
nach anderer Seite hin schadete.
Ausserdem wird die Südsee durchkreuzt von einer Menge von Walern, welche
oft ziemlich lange Rast auf den einzelnen Inseln halten und deren
Mannschaft sehr oft aus dem Abschaum aller Völker zusammenfliesst. Auch
sie wirkten auf gleiche Weise ausserordentlich unheilvoll. Für Hawaii
allein schlägt Virgin (1, 269) die Zahl derselben auf jährlich 15-20,000
an und er erwähnt auch, wie die Syphilis durch sie fortwährend neue
Nahrung bekommt. Diesen Walern und ihrem entsittlichenden Einfluss
schreibt auch Gulick die Abnahme der Bevölkerung von Kusaie, von der
oben die Rede war, zu.
Ferner hat hier die Feindseligkeit, mit welcher die nicht geistlichen
Europäer den Missionären, meist aus Gewinn- oder Genusssucht,
entgegentraten (genauere Belege bei Meinicke b und Lutteroth) ganz
besonders nachtheiligen Einfluss ausgeübt; und nicht minder der Streit,
welchen die katholische Kirche in der Südsee mit den evangelischen
Missionären anfing. Frankreich war es, welches als »Werkzeug der
Propaganda« (Lutteroth 164) in diesem Theil der Welt auftrat und die Art
und Weise, wie es das gethan hat, war keineswegs im Interesse der
Polynesier. Erstaunt man schon über die Orgien, welche seine Vertreter
verübten--so Dumont d'Urville auf Nukuhiva (4, 5, ff.), Laplace und die
Mannschaft der Artemise auf Tahiti (Lutteroth 167), so erstaunt man noch
mehr über die Unbefangenheit, mit welcher die französischen
Schriftsteller über diese schmachvollen Vorgänge als etwas ganz
Selbstverständliches reden. Will man die Eingeborenen dieser Inseln
heben, so muss man ihr Selbstgefühl zu fördern suchen, man muss, indem
man die Laster, die ihnen so viel geschadet haben, unterdrückt, auf ihre
guten Seiten belebend und kräftigend einwirken: von allem aber hat die
französische Okkupation der Insel Tahiti nur das Gegentheil bewirkt und
wie man aus der brutalen Art schliessen kann, mit der sie verfuhr, auch
gewollt. Wenigstens geht aus allem hervor, dass die Einwanderer die
Eingeborenen hier nicht höher schätzten, als einst die Spanier oder
Engländer die Amerikaner. In Neuseeland, wo die Engländer fest sich
niedergelassen und denselben Raçenhochmuth gegen die Eingeborenen
gezeigt haben, hat ausser diesem letzteren und anderem schon erwähnten
namentlich der massenhafte Landverkauf schädlich gewirkt, auf welchen
die Neuseeländer, ohne recht zu wissen, warum es sich handele, eingingen
und wobei sie oft genug--so namentlich von der Neuseelandcompagnie--sich
betrogen sahen. Sie geriethen durch den Mangel an Land in grosse Noth,
durch den Betrug aber in grosse Wuth und die Kriege, welche noch bis vor
kurzem geführt wurden, beruhen wesentlich auf diesen Gründen
(Hochstetter 483-97). Durch alles dies, die Kriege nicht in letzter
Reihe, ist natürlich das Emporkommen der Eingeborenen sehr gehindert.
In Melanesien haben namentlich die Sandelholzhändler, meist englische
oder amerikanische Capitäne, der Bevölkerung geschadet, da sie, um zu
ihrer Waare zu kommen, oft die gewaltsamsten und scheusslichsten Mittel
anwenden. Sie schlagen das Sandelholz nieder, wo sie es finden: daher
sie häufig in Streit mit den Eingeborenen gerathen. Und in einem solchen
Kampfe auf Tanna kam es vor, dass, als die Eingeborenen in eine Höhle im
Gebirge flohen, die nachfolgenden Matrosen vor derselben ein Feuer
anzündeten und durch den Rauch alle in der Höhle befindlichen
umbrachten! Auch rauben sie zu ihren Arbeiten Eingeborene der Inseln und
schleppen sie mit sich fort, welche dann häufig dem Heimweh und der
Ueberbürdung mit Arbeit erliegen (Turner 493 vergl. 464). Auf allen
Inseln Melanesiens sind sie gleichmässig gefürchtet (Cheyne).
Meinicke (a 2, 217) hält die Neuholländer für einen der Kultur absolut
unzugänglichen Menschenstamm. Andere Schriftsteller haben auch
behauptet, ein friedliches Auskommen mit ihnen sei ganz unmöglich.
Allein die Engländer haben sich nie die Mühe gegeben, auch nur in ein
erträgliches Verhältniss mit ihnen zu kommen: und dass dies sehr leicht
gewesen wäre, beweisen zunächst einzelne Beispiele (Waitz 1 184 ff.),
wie vor allen das Greys, der überall friedlich mit ihnen fertig geworden
ist, dann aber geht es aus dem ganzen Betragen der Eingebornen hervor,
die eher scheu als kriegerisch, im Anfang den Weissen freundlich
entgegen kamen, ja sogar ihre Niederlassung im eignen Gebiet wünschten
(Grey 2, 234-35). Auch Meinicke, der wahrlich nicht für die Neuholländer
Partei nimmt, gibt das zu (a 2, 214). Ihre vielfach behauptete wilde
Blutgier ist nichts als Fabel--wohl aus dem naheliegenden Grund
erfunden, um nun gegen sie desto rücksichtsloser zu verfahren. Und das
ist reichlich geschehen. Zunächst machte man ihr Land vornehmlich zum
Deportationsort von Verbrechern; Neu-Süd-Wales war Verbrecherkolonie bis
1843: Westaustralien, das nach Grey's Zeugniss 2, 364 höher stand als
der Osten des Continents, weil es keine Verbrecherkolonie war, ist es
neuerdings geworden (Waitz 1, 185) und dass die Ureinwohner die höhere
Kultur, welche durch diese Sträflinge und ihre Frevelthaten sich
zunächst bei ihnen ankündigte, »strenge von sich abwiesen« (Meinicke 2,
217): sollte ihnen das nicht eher zum Lobe gereichen? Sodann hat die
englische Krone die Rechte der Eingeborenen an ihr Land nie anerkannt;
sie hat genommen was sie wollte, und als dann die Eingeborenen in Folge
von Nahrungs-und Landmangel zu Bettlern und Räubern geworden waren, hat
man hierin ein Zeichen ihrer Unverbesserlichkeit durch die Kultur
gesehen und sie mit allen Mitteln verfolgt. Später freilich, und auch
dies erst in Folge der schreiendsten Misshandlungen durch die Weissen,
hat man sie unter die englischen Gesetze gestellt, allein diese wirken
wenig zu ihren Gunsten (Grey 2, 368). Denn abgesehen davon, dass die
Eingeborenen so gut wie gar nicht zeugnissfähig vor Gericht sind, so
werden auch die Gesetze meist nur da angewandt, wo sie gegen dieselben,
nicht wo sie zu ihren Gunsten sprechen; ihre Verbrechen an den Weissen
werden gestraft, nicht aber umgekehrt die der Weissen an ihnen, und
letztere Verbrechen sind viel zahlreicher. 1838 weigerten sich die
Geschworenen eine Anzahl Weisser zu verurtheilen, welche 28 Eingeborene
ganz ohne Grund abgeschlachtet hatten (Waitz 1, 184). Man schiesst
(Breton 200) die Eingeborenen öfters zum Vergnügen nieder, da sie in
den Augen der Kolonisten nicht höher stehen, wie etwa der Orang Utang.
Ja man hat sie an verschiedenen Orten schaarenweise vergiftet (Eyre
Journal of expedd. into Central-Austral. 1845 2, 176 Note: Waitz 186);
nach Byrne (12 years wanderings in the british colonies 1848 1, 275,
Waitz eb.) ist das an vielen Gegenden von Neu-Süd-Wales durch Arsenik
geschehen und man hat sich laut und öffentlich dieser That gerühmt.
Natürlich ist für ihre Emporhebung so gut wie nichts geschehen; denn was
wollen die edeln Bemühungen einzelner Männer, wie der Missionäre, sagen,
wenn das ganze Volk der Kolonisten anders handelt? Grey (2, 364 ff.)
stellt zusammen, worin man an ihnen gefehlt hat: man betrachtet sie als
niedere Raçe und behandelt sie deshalb mit dem grössten Vorurtheil und
der grössten Willkühr. Werden sie zur Arbeit gedungen, so zahlt man
ihnen oft fast nichts, immer aber weit geringeren Lohn als den
Europäern. Natürlich schweifen sie lieber bettelnd umher. Sie unter
englischen Rechtsschutz zu stellen war wohlgemeint: allein man hätte die
englischen Gesetze auch auf das Unrecht, was sie einander selbst thun,
anwenden sollen, während jetzt (Grey gibt Beispiele aus Perth) die
Europäer ruhig zusehen, wenn Eingeborene von Eingeborenen ermordet
werden; man hat durch diese Art der Einführung des englischen Rechts
nichts erreicht, als dass die älteren Eingeborenen die jüngeren durch
grausame Behandlung von der Annahme neuer Sitten abschrecken (Grey 2,
376). Es ist nach alledem kein Wunder, wenn sie sich von der Kultur, die
sie so namenlos elend gemacht hat und fortfährt, sie als wilde Thiere zu
behandeln, streng abwenden, obwohl sie geschickt genug sind, sie unter
sich aufzunehmen und sich höher zu entwickeln (Grey 2, 374). Grey selbst
erzählt einen Fall (2, 369), dass ein europäisch unterrichteter
Eingeborener, der manche Fähigkeiten sich erworben hatte, wieder
zurückkehrte zu den uncivilisirten Seinen, in die wilden Wälder.
Wollen wir ihn tadeln, dass er nicht lieber, wie es in Prutzs
geistreichem-Lustspiel von ähnlichen Verhältnissen heisst,
Ein Lump auf Griechisch ist, als ein honetter Tektosage?
Bei den Seinen hatte er Familie, Ehre, Vermögen; in der Kolonie war er
verachtet, ehrlos, arm. »Ich hätte ebenso gehandelt«, sagt Grey.
Aus allem Angeführten geht hervor, dass es sehr unrecht ist, wenn man
aus der Feindseligkeit der Neuholländer gegen die Kultur schliesst, sie
seien überhaupt jeglicher höheren Bildung unfähig. Nicht sie haben die
Kultur, die Kultur hat sie von sich gestossen.
Die Eingeborenen Tasmaniens, welche noch friedfertiger waren als die
Neuholländer, sind schon vernichtet. Auch hier war eine
Verbrecherkolonie und was für Früchte sie den Eingeborenen trug, zeigt
folgende Geschichte: ein Sträfling überredete einen Eingeborenen, dem er
eine geladene Flinte gab, wenn er dieselbe in sein Ohr losdrücke, so
würde er eine sehr angenehme Empfindung haben. Er machte ihm, was er zu
thun habe, mit einer ungeladenen Flinte vor; worauf natürlich der
Eingeborene sich erschoss (Holman a voyage round the world [1827-1832]
4, 403). Auch sonst wurden sie, wie offiziell festgestellt ist, aufs
schmählichste, wie wilde Thiere behandelt. Gleich bei der ersten
Ansiedelung schoss ein Offizier zum Vergnügen mit Kartätschen unter die
friedlichen Eingeborenen (Bischof, Sketch of the hist. of V. Diemensl.
204); andere Schandthaten gleicher Art kamen häufig vor und erst seit
1810, sieben Jahre nach der Kolonisation ward festgestellt, dass die
Ermordung eines Eingeborenen als Mord gelten und bestraft werden sollte
(Hobarttown Almanak for the year 1830, 201). So erhoben sich endlich
(1826) die erbitterten Eingeborenen zu einem Krieg auf Leben und Tod, in
welchem sie gefährlich genug wurden, schliesslich aber--war doch auf das
Einfangen eines Erwachsenen 5 Pfund, auf das eines Kindes 2 Pfund als
Preis gesetzt (Van Diemensland Almanak for the year 1831 p.
161)--schliesslich unterlagen sie. Darwin, welcher auch der Meinung ist,
dass ihre Vernichtung in dem »schändlichen Betragen« der Engländer ihren
Grund hatte, vergleicht den Krieg gegen sie mit einer der grossen
ostindischen Jagden (2, 226). Besiegt wurden sie nach Flinders Insel
deportirt (Darwin a.a.O.); 1848 verpflanzte man sie nach Oyster Cove im
Canal d'Entrecasteaux und jetzt werden sie wohl, vor dem Hauche einer
solchen Kultur, ganz ausgestorben sein (Melville the present state of
Australia 1851 370, Nixon 18). 1815 betrug ihre Zahl noch 5000, 1835
(nach dem Kriege) noch 111, 1847 waren noch 13 Männer, 22 Weiber und 10
Kinder übrig; 1854 waren, nachdem 29 gestorben und kein Kind weiter
geboren war, noch 16 übrig (Petermann 1856, 441 nach dem Blaubuch).
Nirgends fand Darwin die Vermehrung eines civilisirten über ein
uncivilisirtes Volk auffallender wie hier: nirgends aber ist auch die
Vernichtung der Eingeborenen roher und rücksichtsloser betrieben, als in
Tasmanien (Bischof, Sketch of the hist. of V. Diemensland 1832,
appendix); wobei wohl in Anschlag zu bringen ist, dass alle diese
Scheusslichkeiten im 19. Jahrhundert ausgeübt sind.
§ 18. Geographische Vertheilung der einzelnen Gründe für das Aussterben
der Naturvölker. Vergleichung dieser Gründe in Bezug auf ihr Gewicht.
Sorglosigkeit der Völker also gegen sich, in leiblicher und geistiger
Beziehung: ihre Ausschweifungen, so wie der geringe Werth, welchen sie
dem Menschenleben geben; Druck der einheimischen Fürsten; dann ihr
leibliches und geistiges Verkommen durch die nothwendigen Einwirkungen
einer übermächtigen und von ihnen nur theilweise angenommenen Kultur, so
wie endlich die Mittel, welche die Kulturvölker theils aus Rohheit,
theils mit der Absicht gegen sie anwandten, sie auszurotten: diese
Gründe waren es, welche wir bisher als Schuld an ihrem Aussterben
bezeichneten. Natürlich haben diese Gründe, wie wir schon sahen, nicht
alle überall Geltung und es wird nöthig sein, dass wir sie, inwiefern
sie bei den einzelnen Völkern wirksam waren, hier kurz zusammenstellen.
In Tasmanien ist die Bevölkerung lediglich in Folge des englischen
Vernichtungskrieges gegen sie zu Grunde gegangen. Gleichfalls nur dem
Einfluss der Europäer und zwar der Spanier erlegen sind die Bewohner der
Marianen und der Antillen: allerdings haben hier die Seuchen, welche im
Gefolge der Europäer ausbrachen, den Weissen die Blutarbeit wesentlich
erleichtert: allerdings hat die tiefe Niedergeschlagenheit, welche sich
der Eingeborenen bemächtigte, wesentlich diese Krankheiten und das
Aussterben befördert. Aber beides, Krankheiten und Melancholie, waren
erst durch das Auftreten der Europäer hervorgerufen; und gesetzt auch,
die Seuchen hätten diese Völker ohne die Europäer überfallen, so würden
sie dieselben wohl überwunden haben, wie ja auch die Bevölkerung Mexikos
das schwarze Erbrechen, welches schon vor Ankunft der Spanier in
verheerender Weise wüthete, siegreich ohne bleibenden Nachtheil
überstanden hat.
Den Europäern allein ist ferner das Verderben der Mexikaner und Peruaner
zuzuschreiben: nur dass sie am Anfang unterstützt wurden von
verschiedenen eingeborenen Stämmen und Völkern, welche mit dem Hauptland
in Feindschaft waren, bis auch diese nach und nach der europäischen
Bedrückung erlagen.
Der schlimme Einfluss der Weissen und die Seuchen, welche sie brachten,
war es denn auch vornehmlich, welcher die Neuholländer aufrieb, aber
keineswegs dieser allein. Bei ihnen ist zweitens die schlechte
Lebensweise, die dadurch veranlasste Unfruchtbarkeit der Weiber und
Sterblichkeit der Kinder von sehr bedeutendem Einfluss, so wie drittens
der Kindermord und viertens die mannigfachen Kriege und Feindseligkeiten
der Stämme untereinander mit in Anschlag zu bringen sind. Die
Ausschweifungen, die sich bei ihnen finden--den Trunk haben erst die
Weissen gebracht--sind zu wenig verbreitet, als dass sie ins Gewicht
fallen könnten.
Auch die roheren Völker Nord- und Südamerikas würden wir wohl noch in
derselben Anzahl jetzt vorfinden, wie vor 300 Jahren, wenn der Einfluss
der Europäer, der als Hauptgrund auch für ihr Aussterben anzusehen ist,
nicht gewesen wäre. Neben der Wirkung der europäischen Waffen und
Getränke waren von schlimmstem Einfluss die Seuchen, welche von den
Weissen (wie wir sahen oft mit der schändlichsten Bosheit) eingeschleppt
wurden, dann aber auch, ausser den direkten Vernichtungskriegen, das
geistige und leibliche Verkommen der Eingeborenen in Folge der plötzlich
eingeführten Kultur und vor allen die tiefe Niedergeschlagenheit, welche
sich der Indianer, als sie ihre Ohnmacht sahen und sahen, wie sie
rechtlos zertreten wurden, bemächtigte und die bei ihrer schon
vorzugsweise melancholischen Natur doppelt gefährlich wirkte. Dazu
kommen nun noch als gleichfalls sehr wichtige Faktoren zweitens die
heftigen Kriege, die sie untereinander führten, drittens die in Folge
der Lebensweise geringere Fruchtbarkeit der Weiber und viertens in
Südamerika (in Nordamerika war beides zu wenig verbreitet) der
Kindermord, die Ausschweifungen, namentlich der Trunk.
Und hier müssen wir auf jene schon oben (S. 11) erwähnte Beobachtung
Tschudis zurückkommen, dass amerikanische Völker, nach einem sehr
verheerenden Krieg, nach einer sehr schlimmen Epidemie sich nie wieder
zu ihrer früheren Kraft erhöben, sondern höchstens in diesem reducirten
Zustand ein elendes Leben weiter fristeten. Diese betrübende Erscheinung
ist leider nur allzunatürlich. Denn wie ein menschlicher Organismus, der
sich von einer furchtbaren Krankheit erholt, nur durch lange und
sorgsame Pflege seine frühere Kraft wieder zu gewinnen im Stande ist:
eben so ist es der Fall bei ganzen Völkern. Durch das von uns
geschilderte mannigfache Elend aber, in welchem diese Stämme sich auch
sonst noch befinden, werden alle ihre Kräfte schon auf die Erhaltung des
Lebens, wie es nun einmal ist, absorbirt und es bleibt kein Ueberschuss
übrig für Wiederherstellung des Verlorenen oder Verletzten. Auch wird
durch solche furchtbare Schicksale die Lebenskraft selbst schwer
verletzt, indem bei so massenhaftem Elend nothwendig lähmende
Melancholie oder Apathie eintritt.
Die Fruchtbarkeit der Weiber, ja auch der Zeugungstrieb der Männer wird
durch den steten Druck der Sorge und Noth, der fast noch schwerer auf
der Seele ruht als auf dem Leib, wesentlich beeinträchtigt; und ein
Schlag, den diese Völker, wenn sie sich in besserer, hoffnungsvollerer
Lage befänden, mehr oder minder leicht überwinden würden, muss jetzt
nothwendig höchst gefährlich, ja tödtlich auf sie wirken. Schaffte man
das Elend, das leiblich und geistig auf ihnen lastet, weg--wozu indess
ebenso viel Umsicht und Energie als Ausdauer und Zeit gehörte--so würden
auch solche reducirten Völker sich heben und mit den Jahren, die man
nicht allzu kärglich bemessen dürfte, das werden, woran die
südamerikanischen Staaten denn doch keinen allzugrossen Ueberfluss
haben: brauchbare und zuverlässige Bürger. Die Indianerstämme, welche
man jetzt in den Wäldern verkommen lässt oder gar absichtlich mordet und
ausrottet, sind ein Capital, was bei vernünftiger Behandlung für die
Zukunft reichlich Zinsen tragen würde und was man jetzt muthwillig und
absichtlich vergeudet.
Die Hottentotten sind gleichfalls hauptsächlich der feindseligen
Ausrottung durch Holländer und Engländer erlegen: allein ihre Macht war,
wie es scheint, schon durch frühere Kriege mit den umwohnenden Völkern
gebrochen. Ihre elende Lebensart, Seuchen u.s.w. fördern ihr Aussterben
mächtig.
Die Kamtschadalen und Aleuten sind den Vernichtungskriegen oder der
muthwilligen Ausrottung durch die Russen, sowie den von ihnen
eingeschleppten Seuchen erlegen: zweitens aber wirkten gleichfalls sehr
die Ausschweifungen (in geschlechtlicher Hinsicht und durch den Trunk),
denen sie ergeben waren. Sie waren durch dieselben entnervt und deshalb
zum Widerstand nicht mehr stark genug.
Die Polynesier dagegen haben sich wesentlich selbst zu Grunde gerichtet,
zunächst durch ihre unsinnigen geschlechtlichen Ausschweifungen (Tahiti,
Hawaii); sodann durch den bei ihnen so furchtbar verbreiteten
Kindermord, drittens durch die blutigen und verheerenden Kriege, die sie
untereinander führten, viertens durch die sinnlose Bedrückung, welche
die Herrschenden über die Beherrschten ausübten und endlich fünftens
durch den geringen Werth, in welchem bei ihnen das Menschenleben stand.
Sie waren schon im Aussterben begriffen, als die Kultur zu ihnen kam,
und diese hat nur--einzelne Völker, wo ihre Träger grössere Schuld auf
sich luden, abgerechnet--durch die physische und psychische Erregung,
die sie bringen musste und wodurch ein sechster Grund für ihr
Hinschwinden dazu kommt, das Uebel, welches diese Völker wie ein
schleichendes Gift durchdrungen hatte, zum rascheren Ausbruch und
schnelleren Verlauf gebracht.