In Südamerika traten die Europäer womöglich noch scheusslicher auf.

»Benzoni, sagt Waitz 3, 399-100 in Beziehung auf Guyana, hat als

Augenzeuge ein schauerliches Bild davon entworfen, wie die Spanier in

diesen Ländern hausten. Das Verbot, Sklaven zu machen, war kein Verbot,

Sklaven zu halten. Die gewöhnliche Formel, mit welcher letzteres erlaubt

wurde, lautete: ihr sollt als Sklaven halten dürfen die von den

eingeborenen Herren des Landes als solche gehalten und euch verkauft

werden. Das gewöhnliche Verfahren, welches namentlich in Maracapana oft

zur Ausführung gekommen ist, bestand daher darin, dass man einen

Häuptling einfing, der gezwungen wurde, sich durch den Verkauf seiner

Leute als Sklaven die Freiheit zu erwerben, und dass man die so

gewonnenen Sklaven dann von der Behörde für rechtmässig erklären liess.

Unterwarf sich aber ein Häuptling freiwillig, so fiel man mit ihm über

seine Feinde her, um diese zu versklaven oder suchte Streit mit ihm

selbst. Nasen- und Ohrenabschneiden war eine gewöhnliche und nicht

selten ausgeführte Drohung der Spanier gegen Indianer, die sich

ungefügig zeigten, und da das Gesetz verbot, die Lastthiere zu

überbürden, damit sie sich reichlich vermehren könnten, diente auch dies

als Vorwand, die Eingeborenen selbst als Lastthiere zu gebrauchen.

Nächst der Minenarbeit und persönlichen Dienstbarkeit überhaupt hat

vorzüglich auch die Entführung vieler Weiber ihre Zahl verringert.

Natürlich liessen sich das die streitbaren Indianer nicht ohne Weiteres

anthun und man kann denken, welche fürchterlichen Kämpfe eine solche

Behandlung hervorrufen musste und wie diese Kämpfe selbst, obwohl zum

Theil glücklich für sie, die Indianer decimiren mussten. In Brasilien

wars um nichts besser. Obwohl man anfangs den Eingeborenen die Freiheit

zugesprochen hatte, kam man doch sehr bald dahin, dass man

Menschenjagden erst duldete und dann (seit 1611) allgemein gestattete

und diese entwickelten sich gar bald zu einer solchen Höhe, dass in den

3 Jahren 1628-1630 in Rio de Janeiro allein 60,000 Indianer, meist aus

Paraguay, in die Sklaverei verkauft wurden, wobei es natürlich auch

wieder zu den scheusslichsten Kriegen kam, in welchen Europäer und

Indianer gleichmässig verwilderten (Waitz 3, 450-51). Allerdings setzten

sich die Missionäre (Jesuiten) hiergegen, allein nur, um die

Arbeitskraft der Indianer ihrem Orden zukommen zu lassen, und meist mit

so geringem Erfolg, dass ihr Widerstand gar nichts bedeutete. Uebrigens

ist auch jetzt noch das Loos der unter brasilianischer, also

portugiesischer Herrschaft stehenden Indianer kaum besser (ebd. 453),

wie die Portugiesen wohl diejenigen Europäer sind, welche am

unmenschlichsten mit den Amerikanern umgingen. Das beweist auch, wie sie

mit den Indianern der Pampas verfuhren. Wir wollen hören, was hierüber

v. Tschudi 2, 261-64 von vergangenen Zeiten und von der Gegenwart sagt:

»Das Verhältniss zwischen den erobernden Portugiesen und den Indianern

war seit dem 16. Jahrhundert im allgemeinen ein getrübtes. Bekanntlich

trachteten die Ansiedler so viel als nur möglich, die Eingeborenen für

die Feldbestellung und für den Bergbau zu benutzen. Diese aber fanden im

ganzen wenig Freude an solchen ihren natürlichen Neigungen mehr oder

weniger widerstrebenden Verrichtungen und wollten ebenso wenig in ein

Dienstverhältniss zu den Eindringlingen treten. Die gebieterische

Nothwendigkeit, Arbeitskräfte zu besitzen, führte die Portugiesen

allmählich dahin, sich der Indianer mit Gewalt zu bemächtigen und sie zu

unentgeltlichen Dienstleistungen zu zwingen. Binnen kurzem bildete sich

eine Indianersklaverei und ein schwunghafter Menschenhandel aus. Banden

kühner Abenteurer zogen nach den Urwäldern auf Menschenjagd und

verkauften nach der Rückkehr ihre Beute an Grossgrundbesitzer, in denen

sie stets willige Abnehmer fanden. Königliche Verordnungen autorisirten

gewissermassen dieses empörende Verfahren und nur an der Gesellschaft

Jesu fanden die hartbedrängten Urbewohner Vertheidiger und Beschützer.

Durch massenhafte Einfuhr von Sklaven von der afrikanischen Küste,

verbunden mit einer etwas humaneren Gesetzgebung, verminderte sich,

besonders im 18. Jahrhundert, die Indianersklaverei, dagegen aber

entwickelte sich an vielen Grenzpunkten der Civilisation ein förmlicher

Vernichtungskrieg zwischen Portugiesen und Indianern. Ueberlegenheit der

Angriffs- und Verteidigungswaffen sicherten den ersten den Erfolg .....

deren weite mit gehacktem Blei geladene Trabucos oft schreckliche

Verwüstungen unter den Gegnern anrichteten.

Wilde Bluthunde, die ausschliesslich auf Indianerfährten abgerichtet

waren, halfen den nicht weniger blutdürstigen Menschenjägern die

feindlichen Lager ausfindig machen. Die Offiziere wetteiferten, wer die

besten Indianerhunde besitze, und ein gewisser Lieutenant Antonio

Pereira liess die seinigen nur Indianerfleisch geniessen, um sie stets

bei guter Nase zu erhalten. Als durch die Einführung der weit

arbeitsfähigeren Neger die Indianer fast ganz entwerthet wurden, so

handelte es sich bei solchen Expeditionen nicht mehr darum, Menschen zu

fangen, sondern nur eine möglichst grosse Zahl zu morden. Um diesen

Zweck, die Vernichtung der Indianer, in ausgedehntem Massstabe zu

erreichen, griffen die Portugiesen zu den niederträchtigsten Mitteln.

Sie legten Kleider von Personen, die an Blattern oder Scharlach

verstorben waren, in der Absicht in die Wälder, dass Indianer sich diese

aneignen und infolge dessen Epidemien unter ihnen ausbrechen und

grässliche Verheerungen unter ihnen anrichten sollten.« Also ganz wie es

die Engländer in Nordamerika machten!--Nachdem nun Tschudi gesagt hat,

dass die Spanier zu solchen schändlichen Mitteln nie gegriffen hätten,

fährt er fort: »trotz der schönen aber leider so mangelhaft ausgeführten

Constitution Brasiliens hat der Vernichtungskrieg gegen die Indianer der

Provinz Minas bis auf die neueste Zeit noch fortgedauert. Heute noch

(1860) leben dort Individuen, denen eine Indianerjagd der höchste Genuss

ist und die noch sorgfältig Schweiss- und Spürhunde zu diesem Zwecke

pflegen. Nur eine kurze Zeit ist verflossen, seit ein kaiserlich

brasilianischer Militärcommandant als Repressalien für einen von den

Indianern begangenen Mord ein Indianeraldea (Dorf) überfiel und als

Siegestrophäe _dreihundert_ Ohren von grausam abgeschlachteten Indianern

in den Flecken St. Matheus, südlich vom Mukury brachte! Selbst der

kaiserliche Commissionär ... neigt sich mehr zu den Vertilgungsmitteln

hin, als auf rein menschliche Weise die Indianer der Civilisation

unterthan zu machen....

Ottoni führt einige Beispiele an, wie der Vernichtungskrieg gegen die

Indianer auch in neuerer Zeit geführt wurde. Der Schauplatz dieser

elenden Thaten war das Quellgebiet des Mukury und ein Theil von dem des

Jaquitinhonha. Die Hauptleiter der Mörderexpeditionen waren zwei

indianische Soldaten Cré und Crahy, denen sich als dritter würdiger

Genosse ein gewisser Tidoro zugesellte. Sie handelten aber nur auf

höheren Militärbefehl. »Eine Aldea umbringen« war ihr Losungswort, der

Zauber, der sie für ihr Henkerhandwerk fanatisirte. Mit Hülfe kaiserlich

brasilianischer Soldaten und »Liebhaber« (oft den besten Ständen

angehörend) umringten sie während der Nacht die dem Untergang geweihte

Aldea und stürmten sie mit dem ersten Tagesgrauen, so dass die

aufgehende Sonne nur noch blutrauchende grässlich verstümmelte Leichname

beschien. Die arglosen Indianer hatten gewöhnlich keine Idee von dem

ihnen drohenden Verhängniss: sie wurden meistens im tiefen Schlaf

überrascht. Die Soldaten bemächtigten sich immer zuerst der in einer

Ecke zusammengestellten Bogen und Pfeile, um so weniger gefährdet die

wehrlosen Indianer abzuschlachten. Nur die Kinder (Kurukas) wurden

verschont, sie waren Kriegsbeute! Ein solches Kuruka wurde in der Regel

für 100 Milreis verkauft. Selbst in neuester Zeit war der Gewinn, der

aus dem Verkauf der erbeuteten Kinder gezogen wurde, das einzige Motiv,

um eine Aldea umzubringen. Und dieses geschieht im constitutionellen

Brasilien gegen die ursprünglichen Bewohner des Landes! Am Rio

Jaquitinhonha, am Mukury, am Rio St. Matheus, am Rio Dolce sind

zahlreiche Beispiele dieser Menschenschlächtereien vorgekommen. Vier

Jahre vor meinem Besuch am Mukury leiteten die Henkersknechte Cro und

Crahy eine solche Metzelei bei Queriba am Jaquitinhonha. Sogar im Jahr

1861 wurde wenige Meilen von Philadelphia eine derartige

Menschenschlächterei ausgeführt. Im Jahre 1846 wurde in Marianna, 2

Leguas von St. Jose de Porto Alegre, an der Mündung des Mukury, der

Tribus des Häuptlings Shiporok fast gänzlich vernichtet. Sechzehn

Schädel der ermordeten Indianer kaufte ein Franzose und schickte sie an

ein pariser Museum.«

Man muss diese Nachrichten, welche jede Vorstellung übersteigen, bei

einem so glaubwürdigen Schriftsteller wie Tschudi selbst lesen, um sie

zu glauben. Uebrigens ging es den Araukanern kaum besser, die in einem

fast 200jährigen Kampfe (von 1540-1724) mit den Spaniern um ihre

Unabhängigkeit rangen. Auch hier waren es wieder die Europäer, welche

die grauenvollsten Grausamkeiten gegen die tapferen und edeln Amerikaner

begingen, welche letztern aber auch, wie es natürlich war, in einem

solchen Krieg verwilderten und herunterkamen, so dass man jetzt in ihnen

die alten Araukaner nicht mehr zu suchen braucht (Waitz 3, 521 ff.). Wie

die Spanier noch in diesem Jahrhundert gegen sie verfuhren, geht aus

folgender, von einem Augenzeugen erzählten Geschichte hervor, welche den

portugiesischen Schandthaten würdig zur Seite steht: »von einem

Indianerstamme, der sich in seinem Versteck aller Nachforschungen

entzog, konnte Major Rodriguez nur ein Weib auffinden mit ihrem Sohn und

ihrer Tochter, die noch Kind war. Drohungen und Versprechungen bewirkten

nichts über sie, um sie zur Verrätherei zu bewegen. Da liess man den

Sohn niederknien und erschoss ihn vor den Augen seiner Mutter und

Schwester. Dennoch wollte das Weib nichts gestehen. Auch sie musste

niederknien, um zu sterben; da erbot sich die Tochter, das Versteck

ihres Vaters und ihrer Brüder zu verrathen. Die Mutter stürzte wüthend

über sie her und wollte sie erdrosseln, doch man entriss ihr das Kind

und schleppte sie fort in der von diesem bezeichneten Richtung, während

sie die Tochter mit den härtesten Vorwürfen wegen ihrer Feigheit und

Entartung überhäufte. Ihre ganze Familie musste sie hinschlachten sehen

und gab verzweifelnd und mit dem letzten Athemzuge den Mördern fluchend

bei diesem Anblicke ihren Geist auf« (Waitz 3, 526). Solche Beispiele

viehischer Unmenschlichkeit stehen keineswegs als einzelne wegen ihrer

besonderen Scheusslichkeit merkwürdige Fälle da: sie sind in diesen

Kriegen das ganz Gewöhnliche.

v. Tschudi gab an, dass die Botokuden bei den Jesuiten Schutz gefunden

hätten; und wenn allerdings die Geistlichen bisweilen ihre Stimmen für

die Unterdrückten erhoben, so war das keineswegs überall oder immer der

Fall; ja die Geistlichen wurden sehr häufig nur eine neue Plage für die

Eingeborenen durch die Mittel, wie sie die Indianer für die Taufe

gewannen: einfach dadurch, dass sie dieselben jagten, fingen und dann

tauften oder so lange einsperrten, bis sie sich taufen liessen, was

freilich von den spanischen Gesetzen verboten war, aber doch oft genug,

mit Hülfe anderer Indianer, ausgeführt wurde. Nur allzubekannt ist jene

fürchterliche Geschichte von der Guahibaindianerin, welche mit ihren

Kindern gefangen worden war und von der

Zu der Guahiba und der Christen Bildniss

Erzählet jener Stein mit stummem Munde

Am Atapabos-Ufer in der Wildniss.

Diese Geschichte spielt etwa um 1770: und Humboldt, welcher sie uns aus

dem Munde der Geistlichen selbst erzählt (b, 5, 81 ff.; vgl. Chamisso

Werke 4, 69 ff.), fährt fort: »Dergleichen Jammer kommt überall vor, wo

es Herren und Sklaven gibt, wo civilisirte Europäer unter versunkenen

Völkern leben, wo Priester mit unumschränkter Gewalt über unwissende,

wehrlose Völker gebieten« (Humboldt a.a.O. 85). Und er hat Recht:

denselben Jammer finden wir in Californien wieder, wohin die spanische

Herrschaft hauptsächlich durch Missionäre gebracht war, und wo diese

letzteren Schlingen legten, um Indianer zu fangen oder zu demselben

Behuf bewaffnete Schaaren ausschickten. Widersetzte sich einer der

Eingeborenen der neuen Lehre, so sperrte man ihn zunächst ein und liess

ihn hungern, dann zeigte man ihm Fleisch, um ihm von dem guten Leben,

das ihn bei den Missionären erwarte, einen Begriff zu geben und

suchte ihn so zum--Christenthum zu gewinnen (Beechey 1, 356).

Wiedereingefangene Deserteure erhielten nach Langsdorff Stockprügel, die

sehr häufig auch bei Frauen angewendet wurden, und es wurde ihnen ein

schwerer Eisenstab angehängt, um fürderhin Flucht ihnen unmöglich zu

machen. Da nun die so Bekehrten ganz wie Sklaven den frommen Missionären

dienen mussten, so ist es einmal kein Wunder, wenn sie, um dieser

Religion, dieser Kultur zu entfliehen, kein Mittel scheuten, auf der

anderen Seite aber auch nicht, wenn wir sie massenhaft in den Missionen

sterben sehen. Krankheiten wütheten und von Jahr zu Jahr wuchs die

Sterblichkeit. 1786 waren 7701 Indianer getauft, von denen 2388 starben;

1813 waren 57,328 getauft, aber gestorben 37,437 (Beechey 1, 370).--Als

nun später die Missionen durch die politischen Verhältnisse Californiens

verfielen, wurde das Loos der Eingeborenen noch schlimmer. Sklavenjagden

oder auch geradezu Menschenhetzen begannen, man schoss sie nieder, ohne

Unterschied des Alters und Geschlechtes, wo man sie traf. Ein spanischer

General hatte (nach Wilkes) Californier zu Soldaten einexercirt; als sie

sich aber sehr brauchbar zeigten, bekam er Furcht vor ihnen und liess

sie alle niederschiessen (Waitz 2, 244-51).

Am allerärgsten aber haben die Weissen in den kultivirten Gegenden

Amerikas gehaust, welche sie zuerst vom ganzen Continente kennen

lernten. Die Eroberung von Mexiko kostete, wie ein Spanier (Clavigero

bei Waitz 1, 189-90) angibt, mehr Menschen, als während der ganzen Dauer

des mexikanischen Reiches den Göttern geopfert sind; wenn auch die

Behauptung desselben Schriftstellers, die Bevölkerung des Landes sei

durch die Eroberung bis auf ein Zehntel gesunken, von Waitz (4, 190) mit

Recht als übertrieben angesehen werden mag. Aber Gomara selbst, der für

Cortez schreibt, berichtet, dass weder Weiber noch Kinder von den

Spaniern geschont seien (Waitz 4, 186); und doch war Cortez noch

derjenige, welcher wenigstens ohne unnöthige Grausamkeit verfuhr,

während seine Nachfolger geradezu unmenschlich hausten. Doch auch Cortez

vertheilte, trotzdem es ihm hart erschien, die Mexikaner unter die

spanischen Eroberer als Knechte und der höchste Adel sowohl wie gemeines

Volk mussten ihren Enkomenderos die härteste Arbeit thun, unter der sie,

überhaupt nicht an strenge Arbeit, am allerwenigsten aber an so ganz

unmenschliche Ueberbürdung gewöhnt, massenweis erlagen. Widerspenstige

oder wer, gleichviel aus welchem Grunde, den Tribut nicht zahlte, wurden

als Sklaven verkauft. Dieser Tribut aber war enorm und wurde mit der

grössten Strenge, sehr häufig auch mit den ärgsten Betrügereien und

Erpressungen beigetrieben. Viele tödteten sich nun aus Verzweiflung,

andere verabredeten sich, keine Kinder mehr zu erzeugen oder künstlichen

Abortus zu bewirken, um wenigstens ihre Nachkommen von diesem ganz

unerträglichen Elend, das noch durch jene fürchterlichen eingeschleppten

Krankheiten furchtbar erhöht wurde, zu bewahren. Bei der Eroberung waren

die Wasserleitungen mit zerstört und dadurch erhob sich neues Elend:

denn ein grosser Theil des Landes ward dadurch zur Wüste (Waitz 4, 187).

Das Christenthum, das übrigens sobald es sich der Eingeborenen annahm,

von den spanischen Machthabern aufs Heftigste angefeindet wurde, kam nun

auch und mit ihm die Inquisition, die gar nicht selten 100 Ketzer auf

einmal verbrennen liess (4, 189)--kurz, es ergoss sich auf die

unglücklichen Menschen ein so grimmiges Elend, wie vielleicht kein Volk

sonst hat aushalten müssen, und es ist kein Wunder, wenn auch hier die

Eingeborenen vor dem »Hauche der Kultur« schaarenweis starben; ein

Wunder ists nur, dass sie trotz aller dieser Leiden bis auf den heutigen

Tag nicht ausgerottet sind.

Nicht anders hausten die Spanier in Guatemala (4, 268), in Nikaragua

(280) und noch ärger auf den Antillen und Lukayen (Bahamainseln), deren

Einwohner, mehrere 100,000 an der Zahl innerhalb weniger Jahrzehnte

gänzlich vernichtet sind, wozu die eingeschleppten Krankheiten, die

Minenarbeiten, die nichtswürdigen Knechtungen und oft ganz zwecklose

Menschenmetzeleien das Meiste beitrugen. Massenweise tödteten die

Eingeborenen sich selbst. Columbus selbst hatte ganz dieselbe Gesinnung

wie seine Landsleute: Menschenraub, Sklaverei, grausame Verstümmelungen

geschahen auf seinen Befehl und die spanische Regierung war, obwohl

Isabella diese Behandlung der Eingeborenen im höchsten Grade

missbilligte, viel zu schwach, irgend etwas Bleibendes zu Gunsten der

Indianer zu erreichen (Waitz 4, 331. 334).

Ebenso ging es in Darien (4, 351) und Neu-Granada (377) und dass es in

Peru eher schlimmer als besser war, dafür bürgt schon der Name Pizarro.

Das beliebte Mittel der Portugiesen, Bluthunde, die auf Indianer

dressirt waren, gegen diese loszuhetzen, wurde hier namentlich

angewandt. Wir erinnern hier an die schon erwähnte Bitte des gefangenen

Fürsten, ihn nicht verbrennen, nicht den Hunden vorwerfen, sondern

einfach erhängen zu lassen (1, 478 ff.). Nach Gomara sind in den Kriegen

unmittelbar nach der Eroberung etwa anderthalb Millionen Eingeborene

aufgerieben; die übrigen litten unter dem Druck der Encomiendas und

Mitas (zwangsweise Vermiethung der Eingeborenen an Privatleute, von der

Mestizen, Mulatten, Zambos frei waren) so unerträglich, dass sie durch

das Uebermass von Arbeit schaarenweis aufgerieben wurden. Dazu kam noch

der furchtbare Steuerdruck unter den habgierigen Spaniern, an welchem

sich übrigens die Geistlichkeit ohne die geringste Scheu aufs

lebhafteste mit betheiligte. Nimmt man dies leibliche Leiden zusammen,

und dazu das Bewusstsein der gänzlichen Ohnmacht gegen diesen Gegner, so

wird man sich die psychischen Leiden dieser Menschen denken können;

diese fallen aber mit dem grössten Gewicht in unsere Wagschale, da ihnen

gewiss grosse Mengen erlegen sind, wie vielfach bezeugt ist. Gewiss,

wenn man die Amerikaner in Nord und Süd betrachtet, deren Bedrückung

noch nirgends ganz aufgehört hat, so ist das das allein Wunderbare, dass

jetzt, nach 300 oder 200 Jahren eines solchen Druckes, noch irgend etwas

von der Urbevölkerung existirt.

§ 17. Fortsetzung. Der stille Ozean.

Eine ähnliche Behandlung wie die bisher besprochenen Völker von

Holländern, Engländern, Spaniern und Portugiesen erfuhren die

Kamtschadalen und Aleuten durch die Russen. Nach King (Cook 3te Reise 4,

171) wüthete der Russe Atlassof, der 1699 Kamtschatka zuerst entdeckt

hatte, seit 1706 zum zweiten Male Befehlshaber daselbst, »um die

Einwohner mit guter Art und durch friedliche Mittel zu gewinnen«, in dem

Lande so arg, dass seine eigenen Leute, die Kosaken, welche bis dahin

friedlich mit den Kamtschadalen ausgekommen waren, gegen ihn einen

Aufstand erhoben und sich in den Besitz der Halbinsel setzten. Dadurch

ward es aber nicht besser, denn sie wütheten, einmal an Mord und Blut

gewöhnt, von nun ab unter den Eingeborenen von Kamtschatka selbst. »Die

Geschichte dieser Halbinsel von jenem Zeitpunkte an bis in das Jahr 1731

ist eine Reihe von Mordthaten, Empörungen und wilden blutigen Gefechten

kleiner im ganzen Lande streifender Parteien.« Damals nämlich erhoben

sich die erbitterten Kamtschadalen, um ihr Land nicht immer weiter

unterjocht werden zu lassen und um sich an ihren Peinigern zu rächen.

Behring war zu jener Zeit da, welcher alle ihm entbehrlichen Truppen,

mit Ausnahme kleiner Besatzungen in den Festungen des Landes, gegen die

Tschuktschen schickte, denn bei der ausserordentlichen Klugheit,

Verschwiegenheit und Energie der Kamtschadalen hatte weder er, noch

irgend sonst ein Russe eine Ahndung von einer Verschwörung, welche über

die ganze Halbinsel ausgebreitet war. Sie war sehr gut organisirt; von

kleinen aufhaltenden Zwischenfällen z.B. waren in kürzester Frist alle

Oberhäupter derselben benachrichtigt: und so gelang es denn, nach

Behrings Abfahrt den Kamtschadalen, dass sie die Festungen rasch

einnahmen, und alles was von Russen noch im Lande war (Weiber und Kinder

mit eingeschlossen) niedermachten oder in die Gefangenschaft

wegschleppten. Behring aber, durch widrige Winde an der Küste

festgehalten, erfuhr das Geschehene, kehrte zurück und belagerte das

Fort, wohin sich die Kamtschadalen auf Kunde seiner Rückkehr geworfen

hatten; allein nicht eher konnte er es--so tapfer war der

Widerstand--einnehmen, als bis es endlich durch einen Zufall in die Luft

gesprengt wurde. Da nun die Kamtschadalen auch in einigen offenen

Gefechten, die sehr blutig waren und sonst den kürzeren zogen, so

mussten sie sich zum Frieden bequemen. Von da ab blieb alles ruhig,

einzelne Aufstände abgerechnet--welche ein deutliches Bild geben, wie

die Russen sich gegen die durch jenen Aufstand gebrochenen Kamtschadalen

betrugen. Wenn die Halbinsel, nach King, sich nach 1731 wieder so erholt

haben soll (doch King selbst berichtet zweifelnd), dass sie später

volkreicher war als früher, so ist dieser Nachricht kein Glauben zu

schenken, oder sie bezieht sich auf die Erhöhung der Bevölkerung,

welche durch Einwanderung erfolgte. Die Russen fuhren fort, wie sie

angefangen hatten; wären die Kamtschadalen noch die alten gewesen, die

mit solcher Umsicht und Thatkraft den Aufstand von 1731 ausführten, sie

hätten von Neuem gegen das Joch anzukämpfen versucht, was bis auf jene

ohnmächtigen Aufstände, welche gegen die Peiniger sich örtlich erhoben,

nicht weiter geschah. Jener Krieg hatte sie eben gebrochen. Und so

erlagen sie denn gänzlich, als zuerst 1767 jene Epidemien ausbrachen,

die wir schon geschildert haben.

Abgesehen von Krieg und Seuchen hat ihnen der Pelzhandel unendlich

geschadet. Krusenstern (3, 52-53) erzählt, dass die Agenten der

amerikanischen Compagnie und die russischen Händler im Lande

umherziehen, die einzelnen, mit denen sie handeln wollen, mit Branntwein

völlig trunken machen, was ihnen bei der Leidenschaft der Kamtschadalen

für den Trunk gar nicht schwer wird, und dann den ganzen Vorrath von

Pelz, den jene besitzen, den Besinnungslosen abnehmen, um sich für »die

Menge des getrunkenen Branntweins bezahlt zu machen.« So verliert der

Unglückliche, fährt Krusenstern fort, den Lohn monatelanger Mühe, statt

sich zum Leben nützliche und nöthige Dinge kaufen zu können, in einem

Rausche. »Grösseres Elend (S. 54) ist auch mit Niederdrückung seines

Geistes verknüpft, welche einen äusserst schädlichen Einfluss auf seinen

ohnehin schon siechen Körper haben muss, da dieser zuletzt bei

gänzlichem Mangel an substantieller Nahrung und jeder medizinischen

Hülfe beraubt solchen harten Stössen nicht lange widerstehen kann. Dies

scheint mir die wahre Ursache ihrer jährlichen Abnahme und allmählichen

gänzlichen Ausrottung zu sein, welche durch epidemische Krankheiten, die

sie haufenweise wegraffen, befördert wird.«

Auch auf friedlichem Wege wird ihre Zahl verringert: denn hier und auf

den Aleuten sind sie mit den Russen vielfach durch Heirathen

zusammengeschmolzen.

Allein auch auf den Aleuten haben sich die Russen meist nur feindselig

gezeigt. Namentlich sind es die russischen Wildjäger (Promyschlenniks,

welche von 1760-90 die Inseln beherrschten, Waitz 3, 313), die sich

durch wüste Grausamkeit auszeichnen. »Sie pflegten nicht selten Menschen

dicht zusammenzustellen und zu versuchen, durch wie viele die Kugel

ihrer gezogenen Büchse hindurchdringen könne«, sagt Sauer (aus dem

Tagebuch eines russischen Offiziers, das er in den Anhängen an seine

Reise mittheilt) bei Chamisso 177. Dazu kommt noch die sklavische

Knechtung, in welcher Kamtschadalen und Aleuten von den Russen gehalten

werden (Chamisso 177 und Langsdorff): wie denn z.B. die Hälfte der

gesammten männlichen Bevölkerung von 18-50 Jahren das ganze Jahr

hindurch unentgeltlich von ihnen in Anspruch genommen wird (Kittlitz 1,

295). Daher hat Waitz ganz Recht, wenn er die Nachrichten über das

milde Verfahren der Russen nicht eben hoch anschlägt (3, 313-14). Nach

den Schilderungen von Chamisso, der hier mit Kotzebue (1, 167--68) ganz

übereinstimmt, sind sie jetzt ein träges auch in seiner Freude trübes

und theilnahmloses Volk (Cham. 177), wozu sie in Folge des

unaufhörlichen Drucks geworden sind. Einzelne sollen sich, ähnlich wie

die »wilden Männer« von Tahiti, in die Berge geflüchtet haben und dort

ein kümmerliches Leben fristen (Chamisso 177).

Über das Aussterben der Naturvölker · 第 12 / 17 段