Nicht minder empfindlich ist das Rechtsgefühl aller dieser Völker,

welches z.B. einen Irokesen, der von Christi Leiden hörte, ganz wie

jenen Friesenfürsten zu dem Ausrufe zwang: »wäre ich dabei gewesen, ich

würde ihn gerächt und die Juden skalpirt haben« (Waitz 3, 169). Und

diese Empfindungen, für welche Waitz a.a.O. u. b, 147 noch eine Menge

Beispiele zusammenstellt, finden wir ebenso in Polynesien; ebenso

wirksam wenigstens, wenn auch minder frei entwickelt, auch bei den

roheren Völkern, den Südamerikanern, Hottentotten, Australiern. Schon

das stete Streben, welches diese Völker nach Rache haben, beweist es.

Wie grausam aber sind gerade diese Eigenschaften von der Kultur

verletzt! Theils ohne ihre Schuld: denn dass die Naturvölker gar bald

einsahen, wie sie gegen die Europäer nichts wären und nichts vermöchten,

lag in der Natur der Sache. Theils aber tragen auch hier die Europäer

die schwerste Verantwortlichkeit, denn sie haben die Rechte dieser

Völker absichtlich mit Füssen getreten, sie haben, da sie die

Naturvölker kaum für Menschen ansahen, nicht einmal ihr menschliches

Selbstbewusstsein ihnen lassen mögen, sondern auch dieses, und oft von

Staatswegen, wie die Vereinigten Staaten, wie Frankreich in Tahiti, wie

die Engländer in Australien, mit Füssen getreten; und man tritt es durch

den grenzenlosen Hochmuth und Hass, mit dem man diese Völker von aller

Gemeinschaft und damit von aller Kultur ausschliesst, nachdem man ihnen

häufig Land und Lebensmittel genommen, auch ferner mit Füssen. Und

selbst in ihrem Rachedurst sind alle diese Völker den Europäern

gegenüber so ohnmächtig, gegen welche höchstens einmal ein vereinzelter

Racheakt Einzelner glücklichen Erfolg hatte. Mag auch Waitz Recht haben,

wenn er sagt (b, 157), das Rechtsgefühl der Indianer sei durch den

harten Druck der Weissen weiter und schärfer entwickelt worden, als es

wohl sonst geschehen sei; so fährt er doch ebenso richtig fort:

»freilich war davon die nächste Folge für sie selbst nur diese, dass sie

ihre Ohnmacht und die Trostlosigkeit ihrer Lage dann um so bitterer

empfanden.«

Diese Vernichtung aber des gesammten geistigen und ethischen Lebens der

Nationen kann man gar nicht stark genug betonen, wenn man die Gründe für

ihr Aussterben aufsuchen will. Wie nichts ein Volk mehr hebt, als

freudige Achtung vor sich selbst und fröhliches Gelingen des von ihm

Erstrebten, so drückt nichts den Volksgeist tiefer, als das Gefühl der

eigenen Ohnmacht und Verlorenheit. Zum Gefühl aber der äussersten

Ohnmacht und Rechtslosigkeit, des bittersten und doch ganz hülflosen

Ingrimms finden wir alle diese Völker, Amerikaner, Aleuten und

Kamtschadalen, Neuholländer, Polynesier und Hottentotten verdammt. »Jede

Raçe, weiss schwarz oder roth, sagt Elliot bei Waitz 3, 299, muss

untergehen, wenn ihr Muth, ihre Energie und Selbstachtung durch

Unterdrückung, Sklaverei und Laster zu Grunde gehen.« Und nun hatten,

wie wir gesehen, die meisten Naturvölker schon von Haus aus einen

entschiedenen Hang zur Melancholie, welche durch alle diese Schicksale

natürlich aufs ärgste vermehrt ihren Untergang nur beschleunigte. Man

denke sich nur, wenn wir Europäer mit allen unseren Kulturmitteln, mit

unserer Religion, kurz mit allen den Vortheilen, die wir den

Naturvölkern gegenüber besitzen, ihr Loos auch nur wenige Jahre, etwa

eine Generation, zu ertragen hätten, was aus uns werden sollte! Man

denke, wie der dreissigjährige Krieg gewirkt hat, dessen Greuel doch bei

weitem durch das, was die Naturvölker zu leiden hatten, überboten

werden: und man wird sich mehr über die zähe Ausdauer, als über das

Hinschwinden derselben verwundern. Nur ihre grössere Härte und

Festigkeit hat sie aufrecht erhalten den Völkern gegenüber, die sie

anfangs alle, Mexikaner sowohl wie Hottentotten und Neuholländer, für

Götter hielten!

Musste alles dieses auf das geistige Leben der Völker und damit auch auf

das leibliche einen vernichtenden Einfluss ausüben, so übte es den auch

noch auf eine andere Art. Mit der Vernichtung der bestehenden Staaten

war natürlich auch jedes Recht und Gesetz, welches in denselben

bestanden hatte, aufgehoben. In Mexiko, in Peru aber waren die Gesetze

von grosser Strenge und grosser Wirksamkeit, da sie überall in höchster

Achtung standen und nicht anders war es in Polynesien, wo das Tabu auch

manchen heilsam verbietenden Einfluss hatte. Stürzte nun das Alles

zusammen, so musste nothwendigerweise eine um so ärgere Demoralisation

eintreten, je höher früher die Kultur des zerstörten Staates gestanden

hatte; eine solche Demoralisation musste aber gerade in einer Zeit einer

so allgemeinen Zerstörung, wo für die Unterliegenden weder leiblich noch

geistig irgend ein Halt blieb, die unheilvollsten Folgen für ihr ganzes

Dasein haben und nicht wenige in den genannten Kulturstaaten sind denn

auch gerade durch die unter den Eingebornen einreissende Zügellosigkeit

zu Grunde gegangen. Und je tiefer, je persönlich vernichtender die

Angriffe waren, um so mehr natürlich demoralisirten sie die Völker: was

sollten die noch irgend etwas scheuen und heilig halten, welche selbst

in ihrem Heiligsten verletzt waren? wie konnten sie noch sich selbst

achten, die von jenen ankommenden Göttern so in Staub getreten wurden?

Ueberall riss in Folge der auf diese Weise nahenden Kultur

Entsittlichung und dadurch immer tieferes geistiges und leibliches

Sinken unter den Naturvölkern ein. Was nicht unmittelbar vernichtet

wurde, das wurde im Innersten vergiftet und langsames Hinsiechen war die

nothwendige Folge.

§ 15. Schwierigkeit für die Naturvölker, die moderne Kultur sich

anzueignen.

Aber wenn auch die europäische Kultur den Naturvölkern mit vollkommener

Freundlichkeit und Schonung zugeführt worden wäre: diese Kultur bot auch

noch ausser denen, welche wir schon gesehen haben, die grössten

Schwierigkeiten und Gefahren, die wir jetzt betrachten müssen.

War es schon keine Kleinigkeit, dass diese Völker fast alle ihre seit

Jahrhunderten eigenthümlichen Ideen und Anschauungen aufgeben mussten,

so war es noch viel schwieriger, das aufzunehmen, was die Europäer

brachten, die ganze unendlich verwickelte moderne Kultur! Das traf

besonders Polynesien und Australien; man denke sich die kleinen

Kokosinseln, die nun plötzlich sich hineinfinden müssen in die ganze

europäische Lebensart, in den europäischen Handel, das europäische

Recht, die Religion und so vieles andere--und sie müssen mehr als nur

oberflächliches davon annehmen, wenn sie nicht verloren sein wollen. Um

wie viel glücklicher waren auch hierin die Germanen, die sehr allmählich

eine viel weniger verwickelte Kultur aufzunehmen hatten; und doch wie

lange Zeit brauchten auch sie, bis sie diese Kultur vollkommen sich

assimilirt hatten! Ist es zu viel gesagt, wenn man behauptet, dass dies

erst im vorigen Jahrhundert durch das geistige Durchdringen des

Alterthums ganz geschehen sei?

Einzelne Punkte--denn vieles (Wohnung, Kleidung u.s.w.) ist schon in

dem bisher Behandelten wenigstens andeutend ausgesprochen worden--müssen

wir noch besonders berücksichtigen. Zunächst die Bewaffnung. Die

Feuerwaffen sich anzueignen ist weit schwieriger, als die Aneignung der

römischen Taktik, da sie ausser der leiblichen Uebung noch die

Ueberwindung der Scheu vor Donner und Blitz, durch welche gerade man die

Weissen zuerst als Götter dokumentirt sah, verlangen; da ihre Wirkung

weit übernatürlicher scheint, als die der römischen Waffen.--Ferner die

Sprache. Uns Europäern macht es sehr grosse Schwierigkeiten, die Sprache

eines Naturvolkes mit ihren anderen Anschauungen geistig zu erfassen;

und doch steigen wir herab, da jene Sprachen alle in der Entwicklung und

Verbindung der Gedanken so wie in der Fülle der Anschauung weit weniger

vorgeschritten sind, als die Sprachen des gebildeten Europas; und

zugleich haben wir durch lange Jahrhunderte fortgesetzte Uebung und

ausserdem durch eine Menge von Hülfsmitteln eine viel grössere Kraft,

als jene Völker, die doch hinaufsteigen müssen, wenn sie eine

europäische Sprache erlernen wollen. Schon beim blossen Sprechenlernen,

das vom Begreifen und wirklichen Verstehen einer Sprache himmelweit

verschieden ist, müssen sie ihren Geist mit einer ganzen Menge neuer

Anschauungen und Begriffe erweitern, die ihnen früher aber auch ganz

unbekannt waren--und das meist vom Niveau einer Sprache aus, welche

strenges, logisches Verknüpfen und Ausdenken der Begriffe wenig genug

unterstützt.

Nicht anders ist es mit der Religion. Der Abstand von manchen der

Religionen dieser Völker vom Christenthum mag, wenn auch die meisten

tiefer stehen, nicht grösser sein, als der des germanischen Heidenthums

von letzterem war; aber das Christenthum, was den Germanen gepredigt

wurde, war selbst ein ganz anderes, als was die Missionäre, wenigstens

die protestantischen, heut zu Tage predigen. Dann freilich, wenn man die

Berichte des sehr eifrig katholischen Michelis liest, so ist das, was

die Propaganda z.B. in der Südsee gepredigt hat, an vielen Orten

überhaupt nicht, viel Anderes gewesen, als was jene Völker schon

wussten: die katholischen Missionäre haben getauft und das Heidenthum

gelassen. Auf der andern Seite aber, wie so ganz unfassbar muss für die

ganz sinnlichen Naturvölker eine so abstrakte Lehre sein, wie die

evangelische, die noch dazu auf Begriffen und Anschauungen beruht,

welche jene Völker gar nicht haben. Und indem man ihnen das Christenthum

predigte, verlangte man, dass sie die Religion der Männer annehmen

sollten, welche ihnen so alles Aergste zugefügt hatten, der Weissen! Ja

hat man sie nicht auch gleich, damit ihnen nichts erspart bliebe, mit

dogmatischen Streitigkeiten beglückt? In der ganzen Missionsgeschichte

der neueren Zeit ist vielleicht kein so trauriges Ereigniss als das

Auftreten der Propaganda in der Südsee, wo eben die protestantische

Mission festen Fuss zu fassen und Früchte ihrer mühevollen Arbeit zu

sehen begann. Das liess der katholischen Kirche nicht Ruhe: sie trat an

einzelnen Stellen mit rohster Gewalt (die dann durch Lügen aller Art

verdeckt wurde) der protestantischen Mission entgegen und brachte zu den

eben bekehrten Heiden den Streit der kirchlichen Parteien. Lutteroth,

den zu widerlegen Michelis sich vergebens bemüht, hat dies scharf und

schlagend bewiesen. Auch Streitigkeiten, die in ihrem eigenen Schooss

entstanden sind, brachte sie zu den Neubekehrten, wie Humboldt b, 5, 133

von Südamerika erzählt. Uebrigens ist auch die protestantische Kirche in

der Schonung solcher Heiden, die von einer andern protestantischen Sekte

bekehrt waren, durchaus nicht übermässig zart gewesen. An manchen Orten

(Nordamerika, Afrika u s.w.) hat auch sie statt des Friedens des

Christenthums den Streit der Sekten gebracht. Welchen Einfluss musste

das auf die eben gewonnenen Naturvölker und deren Charakter machen!

Dabei darf auch nicht vergessen werden, dass in den meisten Fällen sich

der Mission die Europäer selbst auf das Heftigste entgegensetzten, da

sie sich durch jene in ihrem oft sehr weltlichen oder besser gesagt

gottlosen Treiben behindert sahen. So war es namentlich in Polynesien,

fast auf jeder Insel (Meinicke, Lutteroth und fast in allen Quellen); so

in Amerika schon im 16. Jahrhundert (Waitz 4, 188; 338); so auch in

Afrika bei Hottentotten, Kaffern, Negern, überall. Man sieht, unsere

Kultur verlangt von den Naturvölkern eine geistige Anstrengung von so

enormer Grösse, dass sie mit einem Male und von einer Generation gar

nicht überwunden werden kann. Während aber nun die Europäer immer

frischen Zuzug neuer Schaaren haben, die sie in ihren Bestrebungen

stärken, während auch bei den Germanen auf die Stelle einer unterlegenen

Schaar eine andere trat, die das, was jene gewonnen hatten, übernehmend

ausführte, was noch nicht geleistet war, so fehlt es bei der geringen

Kopfzahl der Naturvölker an solcher kraftgebenden und aushelfenden

Ersatzmannschaft, durch welche die Arbeit sich theilen, die Aneignung

sich leichter und allgemeiner vollziehen könnte. Daher wird der lebenden

Generation eine um so grössere und schwerere Aufgabe gestellt und es ist

schon deshalb klar, dass eine Generation, ja dass zwei, drei

Generationen ihr nicht genügen können. Die Grösse der Aufgabe, die

enorme geistige Anstrengung selbst erschwert aber das gedeihliche

Weiterleben der Generationen durch den geistigen Druck so sehr, dass wir

auch hierauf mit allem Nachdruck hinweisen müssen. Und zweitens müssen

wir auch wieder betonen, dass der Hang zur Melancholie durch solche

Ueberanstrengung, wo in den meisten Fällen nur allzubald sich zeigt,

dass ein auch nur einigermassen befriedigendes Ziel kaum zu erreichen

ist, immer vergrössert wird, ja dass er geradezu Charakterzug der Völker

werden kann. Und so finden wir es im allgemeinen wie im einzelnen.

Tschudi 2, 286 erzählt von einem Botokudenknaben, der von einer Familie

in Bahia sorgfältig aufgezogen und dann zum Studium der Medizin auf die

Universität geschickt wurde. Er erwarb sich den Doktortitel, übte auch

eine Zeitlang die Praxis selbständig, bis er verschwand. »Eine tiefe

Melancholie war immer der Grundzug seines Charakters.« Später erfuhr

man, dass er wieder, nachdem er sich jeglicher Spur von Civilisation,

auch der Kleider, entledigt, als Jäger durch die Wälder streife. Einen

ganz gleichen Fall von einem jungen Choktaw, der Advokat geworden war,

hernach aber durch Melancholie (woran freilich der Kastenhochmuth der

Nordamerikanischen Weissen mit Schuld war) bis zum Selbstmord getrieben

wurde, erzählt Waitz b, 71-72. Diese Fälle zu erklären, reicht es nicht

aus, bloss an die »schiefe Stellung« zu erinnern, in welche solche

Individuen gerathen; denn bei jenem Botokuden trifft dies nicht zu, da

in Südamerika das Verhältniss der Farbigen zu den Weissen kein

ungünstiges ist: wesentlich mitgewirkt hat bei ihnen und ähnlichen, wie

wir sie bei Individuen und ganzen Völkern finden, die ewige Demüthigung

auf der einen, die Ueberanstrengung auf der anderen Seite.

§ 16. Behandlung der Naturvölker durch die Weissen. Afrika. Amerika.

Wir kommen nun zu dem düstersten Punkt in unserer ganzen Schilderung, zu

der düstersten Partie vielleicht in der ganzen Geschichte der

Menschheit: zu der Art, wie die Weissen die Naturvölker behandelt haben.

Die Laster, die sie ihnen brachten oder bei ihnen beförderten, brauchen

wir hier, da wir sie schon oben an verschiedenen Stellen erwähnten,

nicht noch einmal im Zusammenhang zu besprechen. Beginnen wir mit

Südafrika. Die Hottentotten zeigen sich uns gleich bei ihrem ersten

Bekanntwerden als ein Volk, das früher eine viel grössere Macht und

Ausdehnung besessen hatte und damals schon in einer Art Verfall war. Von

den umwohnenden afrikanischen Völkerschaften waren sie überall

verdrängt, namentlich von Norden nach Süden geschoben und nicht nur sehr

vermindert, sondern wie es scheint, auch in ihrem inneren Wesen

gebrochen oder wenigstens, durch die ewigen Kriege und Niederlagen,

wesentlich beschädigt worden (Waitz 2, 323 ff.). Schlimmeres aber

brachten ihnen die Holländer, welche sich seit 1652 am Cap niederliessen

und natürlich den Eingeborenen so viel Land ohne weiteres wegnahmen, als

sie brauchten. Sie brauchten aber, da sie aus Faulheit alles brach

liegen liessen und stets nur frisches Land bebauten, da sie ferner aus

dem gleichen Grund lieber Viehzucht als Ackerbau trieben, sehr viel

Land. Die Hottentotten, welche zu Sklaven zu machen das Gesetz verbot,

machten sie zu ihren Knechten, die, weil man sie nicht verkaufen konnte,

viel schlechter gehalten wurden als Sklaven (Waitz 2, 331). Als freilich

die Engländer 1796 in Besitz des Caps kamen, zeigten sie sich aus

Nationaleitelkeit anfangs zwar sehr empört über das Benehmen der

Holländer; allein gar bald thaten sie es ihnen in Allem nach (ebd. 332).

Wie man mit »dem schwarzen Vieh«, den Hottentotten, verfuhr, zeigt sich

z.B. in folgendem Fall, den Sparmann erzählt. Ein Holländer hatte einen

hottentottischen Knecht, der im Fieber lag und dessen Krankheit durch

eine auf des Herrn Bitte von Sparmann unternommene Kur sehr

verschlimmert wurde; Sparmann suchte den sehr niedergeschlagenen Boer zu

trösten: allein jener fuhr auf: er kümmere sich den Teufel um den

Hottentotten und seine Seele, wenn er nur einen anderen Ochsenführer, um

seine Butter zu verkaufen, fände (Sparmann 273). Dies war aber kein

vereinzelter Fall, sondern allgemeine Ansicht und so werden wir uns über

die Einrichtung der sogenannten Commandos gegen die Eingeborenen, welche

1774 etwa zuerst aufkamen, nicht sehr wundern können. Der Bericht eines

Offiziers über solch ein Commando bei Waitz lautet (2, 333-34):

»27. Sept. 1792 der erste Kraal angegriffen, 75 Buschmänner getödtet, 21

gefangen.

15. Oktober ein anderer Kraal entdeckt, 85 getödtet, 23 gefangen.

20. Okt. ein dritter entdeckt, 7 getödtet, 3 gefangen.«

»Man wird einigermassen, fährt Waitz fort, die Ausdehnung ermessen

können, in welcher diese Vertilgung besonders der Buschmänner betrieben

wurde, wenn man bedenkt, dass Coblins (1809) einen sonst respektablen

Mann erzählen hörte, er habe binnen 6 Jahren mit seinen Leuten zusammen

3200 Buschmänner getödtet und gefangen, wogegen ein anderer mittheilte,

dass die Commandos, an denen er sich betheiligte, 2700 Buschmännern das

Leben gekostet hätten. Thompson kannte einen Kolonisten, der in 30

Jahren 32 solcher Raubzüge mitgemacht hatte, auf deren einem 200

Buschmänner umgebracht seien. Mit dem Eintritt der englischen Herrschaft

am Cap hatte zwar das Commandosystem aufhören sollen, aber die Boers

waren so sehr an dasselbe gewöhnt, dass es unmöglich war, es auf einmal

zu beseitigen. Von 1797-1823, d.h. bis zur Okkupation des Landes der

Buschmänner, werden 53 Commandos offiziell angegeben; es ist

unzweifelhaft, dass das System 1823 nach einigen Unterbrechungen wieder

in voller Blüthe war und es scheint den Buschmännern unter der

englischen Herrschaft noch trauriger gegangen zu sein, als unter der

holländischen. Dass die Hottentottenbevölkerung der Capkolonie unter

der englischen Herrschaft bis zum Jahr 1822 um die Hälfte zugenommen

habe (Zeitschr. 1, 287) ist wenig glaubhaft und sicherlich nur

scheinbar.« Die Boers zogen, um den ihnen verhassten englischen Gesetzen

nicht gehorchen zu müssen, 5000 an der Zahl, um 1836 nach Port Natal, wo

sie ihre scheussliche Willkürherrschaft, ihre Commandos und Knechtung

der Eingeborenen noch jetzt, wie sie es selbst bei Livingstones

Anwesenheit thaten, fortsetzen (Waitz 2, 336).

Man wird es nicht eben wunderbar finden, wenn die Hottentotten diesem

Hauche der Kultur erlagen; wenn jetzt ihr Hass gegen die Weissen so

gross ist, dass ein friedliches Einwirken der letzteren, wenn nicht

unmöglich, doch ausserordentlich erschwert ist: wenn endlich die

Hottentotten jetzt sehr viel roher, träger und sittlich schlechter sind

als zu der Zeit, da man sie zuerst kennen lernte. Stand doch über

manchen Kirchen der Holländer: »kein Hund und kein Hottentotte darf

eintreten« (Waitz 2, 333). Haben doch die Boers nach Kräften die

Christianisirung der Eingeborenen zu hindern gesucht, indem sie

verboten, dass ihre Sklaven und deren Kinder getauft wurden und bei

Lebensstrafe denselben die Missionsstation auch nur zu nennen verboten.

Die holländische Compagnie selbst war es, welche die mährischen Brüder

aus dem Lande der Hottentotten vertrieb, weil sie auf letztere einen zu

grossen Einfluss gewannen. Ja noch 1831, als die Hottentotten am Kat

River sich niedergelassen und dort unter Leitung der Missionäre zu einer

gewissen Blüthe gelangt waren, gelang es kaum, die Boers von der

Zerstörung dieser Colonie mit Gewalt zurückzuhalten (Waitz 2, 336).

Und in diesem Zustande leben die Hottentotten nun schon über 200 Jahr

und sind noch nicht ausgerottet!

Gehen wir nun nach Amerika. Die Indianer Nordamerikas kamen den

Europäern anfangs freundlich entgegen (Waitz 3, 242), aber die Weissen

waren es, welche das Verhältniss trübten. Zunächst vernichteten sie

wegen verhältnissmässig geringfügiger Veranlassung das Volk der Pequots;

an 700 wurden bei einem plötzlichen Ueberfall getödtet, die übrigen

zerstreut, gefangen und von Staatswegen als Sklaven verkauft (Waitz 3,

244). Sklavenjagden in Nordamerika von Seiten der Engländer und Spanier

waren ganz gewöhnlich. Die frommen Puritaner, die Gott dankbar waren für

jede verheerende Krankheit, welche unter den Indianern wüthete (Waitz 3,

242), sahen in jedem gelingenden Greuel der Christen gegen die Indianer,

namentlich wenn diese massenweise zu Grund gingen, ein Zeichen

göttlicher Gnade, in jedem Misslingen eines Mordzuges einen göttlichen

Zornausbruch gegen sie selber und bekannten dies laut (Waitz 3, 244-45).

Man dachte gar bald daran, die Indianer ganz auszurotten: und soll uns

das wundern, wenn wir erfahren, dass noch in diesem Jahrhundert der

Regierung der Vereinigten Staaten ein förmliches Projekt zur Vertilgung

der Indianer vorgelegt wurde? Und wie man sie vertilgte! »Die Engländer,

versichert Trumbull bei Waitz 3, 248, hatten damals (im 17. Jahrhundert)

und später viel Zweifel darüber, ob es sich mit dem Christenthum und der

Menschlichkeit vertrage, die Feinde lebendig zu verbrennen.« Die Weissen

haben, wie schon hieraus hervorgeht und auch sonst überall, oft sogar

mit dem grössten Rühmen, bezeugt wird, den Krieg mit derselben und oft

noch viel ärgerer Grausamkeit geführt, als die Indianer selbst (ebd.

258. 260); noch 1830 haben sie, wie früher öfter, unter den Pani das

Blattergift verbreitet (ebd. 259). Wie man nun die Völker um ihr Land

geprellt, wie man sie später immer weiter nach Westen und schliesslich

über den Missisippi hinübergedrängt hat, ohne Rücksicht auf die

bedeutend aufblühende Kultur der Cherokees, welche durch diese

Verpflanzung einen schweren Stoss erlitt, das mag man bei Waitz 3 bis

299 und b, 26-60 nachlesen: wir wollen nur noch bemerken, dass die

Natchez, die Schawanoes, die Delawares, Potowatomies, Seminolen,

Kaskaskias und andere einst mächtige Völker von den Weissen vernichtet

oder so gut wie vernichtet sind (Waitz 1, 166).

Über das Aussterben der Naturvölker · 第 11 / 17 段