So war es mit der Kleidung. Die Neuseeländer trugen Kleider von

Mattenzeug, welches aus den Blättern der neuseeländischen Flachslilie

(Phormium tenax) geflochten war--auf welchen Matten man auch

schlief--und seltener und nur die Fürsten einen Mantel aus

zusammengenähten Hundefellen (Dieffenbach 2, 153). Statt dieser kühlen,

die Haut nur schützenden, kaum erregenden Kleidung, welche auch (für

Neuseeland sehr wichtig, wo es sehr oft, meist nur vorübergehend,

regnet) die Nässe nicht lange hielt, tragen sie jetzt wollene Decken,

die, abgesehen davon, dass sie dem Ungeziefer eine willkommene Zuflucht

sind, die Haut reizen, die Feuchtigkeit sehr lange halten und einen viel

stärkeren Wechsel in der Temperatur des Körpers hervorbringen. Denn wie

die Maoris früher ihre Phormiummatten bei irgend welcher Arbeit oder

sonstigen Gelegenheit leicht ablegten, gerade so machen sie es, ganz

ohne Rücksicht, ob sie warm sind, ob nicht, auch mit den Wollendecken

jetzt (Dieffenbach 2, 18). Ganz ähnlich schildert das Jarves 370 von

Hawaii. Fürsten und Volk, sehr begierig auf jeden ausländischen Stoff,

gleich viel ob es Matrosentuch oder das dünnste chinesische Gewebe war,

trugen alles ganz ohne Unterschied, und so kamen sie bald nach ihrer

alten Art, bald anders, bald mit einer Mischung von beiden bekleidet;

derselbe, der längere Zeit eine solche Kleidung trug, erschien dann

wieder viele Tage lang nackt. Je schöner das Wetter war, um so

reichlicher bekleidet gingen sie, um zu paradiren, bei schlechtem Wetter

aber meist nackt, um die Kleidung zu schonen; nackt daher auch in der

ganzen Jahreszeit des Winters, und im Sommer bekleidet. Jarves wie

Dieffenbach finden daher mit vollem, Recht in dieser Veränderung und in

dieser Art der Neuerung eine äusserst wirksame Ursache für den Verfall

der Gesundheit dieser Völker. Diese Ursache aber wirkt überall, wo

Natur- und Kulturvölker zusammentreffen: sie musste eintreten, weil

schon die Missionäre eine etwas decentere Bekleidung als die meisten

Naturvölker kannten, verlangen mussten.

Auch eingeführte Nahrungsmittel (abgesehen von den Spirituosen) waren

den Naturvölkern schädlich: so nach Dieffenbach a.a.O. für die

Neuseeländer die Einführung des Maises, den sie halb gegohren verbacken

und durch dies äusserst ungesunde Brot sich sehr schaden. Salz, sagt er,

was sie früher in den Seethieren genossen, essen sie jetzt gar nicht

mehr, denn ihre fast einzige Nahrung ist die Kartoffel; diese aber,

abgesehen davon, dass ihr ausschliesslicher Genuss überhaupt schädlich

ist, wirkte noch dadurch ungünstig, dass sie bei der wenigen Pflege, die

sie verlangt, ganz und gar nur von Sklaven und Weibern besorgt wird,

ohne die Männer nur zu irgend welcher Thätigkeit anzuregen. Was wir hier

an dem einen Beispiel zeigten, gilt natürlich wiederum für einen ganzen

Kreis dieser Völker.

Auch der Hausbau hat sich vielfach geändert, wenigstens in Polynesien,

da hier fast allein ein annähernd freundliches Verkehren der Europäer

mit Eingeborenen sich entwickelt hat. In Polynesien war man früher an

sehr luftige, reinliche Häuser, die fast nur aus einem sehr tief

herabreichenden Dache bestanden, gewöhnt. Jetzt aber kommen mehr und

mehr mit Hintansetzung der altheimischen Art Häuser oder Baracken auf,

die nach europäischer Art gebaut der für jene Gegenden so nöthigen

Ventilation fast ganz entbehren und, da nun noch dazu nach alter Sitte

viele Menschen in einem solchen Raum zusammen wohnen und schlafen, durch

den grellen Gegensatz gegen das von früherher Gewohnte den schlimmsten

Einfluss haben (z. B, Dieffenbach 2, 68-71).

Namentlich war es der Adel in Polynesien, der diese Aenderungen

vornehmlich, da er mit den Europäern in genauere Berührung kam und

grössere Mittel hatte, bei sich einführte: gerade aber der Adel ist vom

Aussterben weit mehr und rascher ergriffen, als das Volk--so namentlich

in Hawaii--und es ist diese Erscheinung nicht so zu erklären, dass man

beim Adel, weil er geringer an der Zahl sei, das Hinschwinden klarer

sähe: denn hiergegen sprechen die Verhältnisszahlen so wie der Umstand,

dass in der ersten Zeit der Adel vornehmlich von Krankheit u. dergl.

heimgesucht war, bis das Verderben sich weiter ausbreitete. Es nimmt das

um so weniger Wunder, als auch der Adel es war, welchem die meisten der

geschilderten polynesischen Ausschweifungen zur Last fallen. Das meiste

überhaupt, was vorzüglich in älteren Reisebeschreibungen von Polynesien

gesagt wird, geht auf den Adel, da dieser bevorzugte Stand mit so

hervorragenden Fremdlingen, als die Europäer waren, zu verkehren nach

polynesischen Begriffen fast allein das Recht hatte. Wo aber diese

Völker wenigstens nicht halb und nur zeitweilig, sondern ganz und für

immer die europäischen Sitten, Kleidung, Wohnung, Lebensart u. s. w.

annehmen, da bleiben sie weit ungefährdeter, wie dies Dieffenbach a. a.

O. von den Neuseeländern nachweist. Den skrophulösen Habitus so vieler

Maorikinder an der Küste erklärt er dagegen nur durch die ungeeignete

und halbe Aenderung der einheimischen Lebensweise.

Auch die Ausbreitung der Weissen beschränkt und beschädigt natürlich,

schon durch sich selbst und ohne böswillige Absicht der sich

Ausbreitenden, die Naturvölker in hohem Grade. Auf den kleinen

polynesischen Inseln z. B., doch auch sonst und überall sind die

Lebensmittel bei so riesig durch die Europäer gesteigertem Verkehr viel

werthvoller und dadurch immer knapper geworden. Man denke nur, um dies

Beispiel aus Polynesien auszuführen, was alle die Schiffe brauchen,

welche zu Papeiti oder gar zu Honolulu vor Anker gehen, um sich zu

verproviantiren. Und sollte man denken, dass grade dies grössere

Bedürfniss ein Sporn für die Eingeborenen sei, der sie weiter bringe in

der Kultur, im Ackerbau, Handel u. s. w.: so erwäge man, dass jetzt kaum

ein Jahrhundert seit der ersten Entdeckung (die spanischen Besuche auf

den Inseln, welche früher fallen, abgerechnet) verflossen ist, dass in

einem so kurzen Zeitraum aber, wo so mannigfache Schicksale auf die

Eingeborenen einstürmten, sich der Ackerbau noch gar nicht so entwickeln

konnte, dass er diesen massenhaften Anforderungen entspräche; und dass

zu grosse Forderungen eben nicht mehr anspornen, sondern erschlaffen,

erdrücken. In anderen Gegenden gestaltet sich dieselbe Sache anders,

aber die Resultate bleiben gleich.

Die Neuholländer freuen sich, wenn sich in ihrem Gebiete Europäer

niederliessen, sie wünschten es und forderten sie dazu an vielen Orten

auf. Allein die nächste Folge war, dass sie in eine sehr elende Lage

geriethen: denn (abgesehen von anderem, was wir später besprechen) ihre

Jagdthiere verminderten sich auf der Stelle, ja sie verschwanden, theils

verdrängt oder verjagt, theils ausgerottet von den meist sehr

jagdlustigen Einwanderern (Lang bei Grey 2, 234-35). Daher sagte ein

Australier sehr richtig zu einem Europäer: »Ihr solltet uns Schwarzen

Milch, Kühe und Schafe geben, denn ihr seid hergekommen und habt die

Opossums and Känguruhs vertilgt. Wir haben nichts mehr zu essen und sind

hungrig« (Bennet bei Waitz 1, 183). Die brauchbaren Gras- und

Weidestrecken nahmen die Europäer mehr und mehr im Lauf der Jahre ein in

Neuholland, Neuseeland, Afrika, Amerika, die fruchtbaren Küstenstriche,

sonst der gewöhnliche Aufenthalt der Eingeborenen, haben sie ganz und

gar inne, das Land erklären sie für ihr Eigenthum, und da sie sich man

kann wohl sagen täglich mehr und mehr ausbreiten, so drängen sie schon

durch ihre blosse Existenz die Eingeborenen in die Wälder, die Berge,

die Wildniss zurück; so dass es denn gar kein Wunder ist, wenn die

Eingeborenen schon hierdurch allein »wie von einem giftigen Hauche

berührt« (oder wie die Phrase lautet) verkommen. »Als der weisse Mann,

so sagte der Cherokeehäuptling Bunteschlange in einer Rede, sich gewärmt

hatte am Feuer des Indianers, und sich gesättigt an seinem Maisbrei, da

wurde er sehr gross, er reichte über die Berggipfel hinweg und seine

Füsse bedeckten die Ebenen und die Thäler. Seine Hände streckte er aus

bis zum Meere im Osten und Westen. Da wurde er unser grosser Vater. Er

liebte seine rothen Kinder, aber sprach zu ihnen: ihr müsst ein wenig

aus dem Wege gehen, damit ich nicht von ungefähr auf euch trete. Mit dem

einen Fuss stiess er den rothen Mann über den Okonnee und mit dem

anderen trat er die Gräber seiner Väter nieder. Aber unser grosser Vater

liebte doch seine rothen Kinder und änderte bald seine Sprache gegen

sie. Er sprach viel, aber der Sinn von Allem war, nur: geht ein wenig

aus dem Wege, ihr seid mir zu nahe. Ich habe viele Reden von unserem

grossen Vater gehört und alle begannen und endeten ebenso« (Waitz 3,

144). Chamisso, einer der wenigen, die sich in Deutschland für die

Stellung jener Völker interessirten, hat dieser Rede ergreifenden

Ausdruck verliehen in einem seiner Gedichte (Werke 4, 86). Sie ist

bekannt genug: und wenn auch in ihr der ethische Gedanke die Hauptsache

ist, so kann doch auch die Schilderung der Thatsachen nicht schlagender

gegeben werden.

Und doch, auch wenn man den Eingeborenen genügenden Landbesitz und Jagd

und Lebensmittel genug sichern könnte, wir wiederholen es: die totale

Umwälzung ihres ganzen leiblichen Lebens, das, wie wir eben gesehen,

sich nach jeder Richtung hin ändern musste durch die plötzlich

hereinbrechende Kultur, wird auch wenn keine Halbheiten,

Ungeschicklichkeiten u. dergl. vorkommen, wenn alles gleich so trefflich

als möglich eingerichtet wäre, den gefahrvollsten Einfluss auf die

Naturvölker haben und je mehr, je plötzlicher sie kommt. Denn je länger

physische Gewohnheiten schon bestehen, um so fester sind sie und um so

gefährlicher ist es für die menschliche Natur, wenn sie plötzlich

gebrochen werden sollen. Auch hierin ist Leib und Seele einem Gesetze

unterworfen: dem Gesetze der Beharrlichkeit. Wie eine Flüssigkeit,

welche man in einen bestimmten Kreislauf gebracht hat, diesem Laufe

immer williger und rascher folgt, aber wild in ungeordnete Wirbel

zusammenschäumt, wenn man sie nach der entgegengesetzten Richtung hin

zwingen will, bis sie sich endlich und allmählich diesem Neuen gewöhnt:

so musste das natürliche Leben dieser Völker in Aufregung und Unordnung

kommen, als es so plötzlich von der übermächtigen Kultur unterbrochen

wurde, an die es sich erst langsam und sehr allmählich gewöhnen wird. So

werden denn einzelne wohl, nie aber ein ganzes Volk rasch und plötzlich

sich eine so totale Umänderung, wie hier nöthig, und käme sie unter den

günstigsten Bedingungen (was hier leider nicht geschah), aneignen

können. Nur so ist sicher die Nachricht zu verstehen, die wir vorhin

Dieffenbach entlehnten, dass die Neuseeländer, wo sie vollkommen

europäisch lebten, auch gesund seien: wobei denn immer noch zu erwägen

bleibt, dass Dieffenbach erst 1840 seine Beobachtungen anstellte, also

über zwei Generationen (70 Jahre) nach der ersten Entdeckung der Insel.

Allein man könnte sagen: und doch haben andere Völker dasselbe

plötzliche Hereinbrechen einer übermächtigen Kultur durchgemacht und

überwunden. Man könnte unsere eigenen Vorfahren, die alten Deutschen

nennen. Und doch, welch ein ungeheurer Unterschied hier in Allem! Denn

erstens war die griechischrömische Kultur, wie sie zu den Germanen kam,

unendlich bequemer als die moderne, wie sie die Naturvölker annehmen

sollen; zweitens standen die Germanen in jeder Weise, auch in ihrer

leiblichen Beschaffenheit, jener Kultur und ihren Trägern bei weitem

näher als die Naturvölker den Europäern; drittens brach dieselbe nicht

so unaufhaltsam, so plötzlich, so rücksichtlos über die Germanen herein,

wie über jene Völker, sondern ganz allmählich, durch Jahrhunderte langes

Vertrautwerden mit dem Einzelnen, wobei das romanisirte Gallien keine

unbedeutende Vermittlerrolle spielte; und endlich kam sie nicht in

solchem Grade feindselig, wie die moderne Kultur über die sogenannten

Wilden.

§ 14. Psychische Einwirkungen der Kultur.

Und so blieben unsere Vorfahren vor dem namentlich bewahrt, was den

Naturvölkern so verhängnissvoll wurde: vor dem geistig deprimirenden

Eindruck, den die Kultur auf die Naturvölker macht. Die Germanen fanden

Gelegenheit selbständig siegend in dem Land ihrer geistigen Besieger

aufzutreten: sie behielten stets das gegründete Bewusstsein eigenes

Werthes und dass sie nicht in jeder Beziehung untergeordnet seien. Sie

standen den Römern gegenüber wie der Schüler dem Lehrer, der des

Schülers geistiges Leben leitet, corrigirt, erhöht, aber nicht verletzt,

vernichtet, verhöhnt.

Ganz anders aber die Naturvölker. Ihr Geistesleben, alles, was sie

dachten, fühlten und glaubten ist ihnen durch ihr Bekanntwerden mit den

Europäern was sollen wir anders sagen als geradezu (und oft mit der

boshaftesten Absichtlichkeit) vernichtet worden. Hierdurch wurden

selbstverständlich je gebildeter die Völker waren, sie um so härter

betroffen; so dass vieles von dem im folgenden Entwickelten auf die

rohesten Stämme Südamerikas oder Neuhollands keine Anwendung findet.

Zunächst die Religion. Die meisten Naturvölker sind von sehr reiner und

inniger Religiosität, bei allen Abgeschmacktheiten und Monstrositäten

ihres Glaubens. So waren es die Mexikaner. Ihre Religion (Waitz 4, 128)

war es, welche ihnen ihre hohe und reine Moral eingab, deren

Grundgedanke--zugleich ihr festester und untrüglichster Schwur (Waitz 4,

154)--war: sieht mich nicht unser Gott? Und alles, was die Religion

schweres von ihnen forderte, wurde treu und gewissenhaft und mit ächter

und inniger Andacht von ihnen, nach Cortez eigenem Zeugniss (Waitz 4,

154) ausgeführt, Ihre vielen Eroberungskriege waren, wie wir schon

sahen, alle von dem Gedanken geleitet, ihre Religion auszubreiten über

alle Welt. Nicht anders, nach Waitz Schilderung (4, 447 ff.) die

Peruaner. Gleichfalls in hohem Grade gottesfürchtig sind die

Nordindianer (Waitz 3, 205), die keine Handlung ohne Gebet unternehmen,

die alle schweren von der Religion verlangten Peinigungen mit der

grössten Gewissenhaftigkeit vollführen. Und so haben alle diese Völker

überall zähe an ihren Religionen gehalten.

Etwas anders steht die Sache in Polynesien. Nicht als ob die

polynesischen Völker nicht von gleich tiefer Religiosität wären; was

z.B. schon die bekehrten Eingeborenen beweisen, in deren Hand jetzt der

grösste Theil der Südseemission ist. Aber die ganze Bevölkerung war

sittlich minder rein als die Amerikaner und befand sich schon zur Zeit

der Entdeckung, wie Meinicke (b) nachgewiesen, in einem Zustande auch

des geistigen Verfalls. Daher erklärt sich die auffallende Erscheinung,

dass die Polynesier (Dieffenbach 2, 50 vom ganzen Ozean) und nach

Chamissos Zeugniss auch die Mikronesier sich leicht bewegen lassen, über

ihren früheren Aberglauben selbst zu lachen und ihn aufzugeben. Doch

auch sie fügen sich und nicht bloss aus Herkommen mit freudigstem

Gehorsam den beschränkendsten Gesetzen ihrer Religion, z.B. den

Tabu-Gesetzen, d.h. den Bestimmungen, durch welche Gegenstände aller Art

heilig gesprochen und dem unheiligen Volk gänzlich entzogen werden,

sowie der übergrossen Adelsverehrung und anderem der Art. Und nur da

haben sie ihre Religion wirklich und ohne Widerstand aufgegeben, wo sie

durch die Mission wirklichen religiösen Ersatz bekamen. Gegen

feindselige Angriffe auf ihre Religion, mochten sie absichtlich oder nur

zufällig sein, haben sie sich immer aufs heftigste aufgebracht gezeigt

und eine Menge Ueberfälle, Kriege, ja Cooks Tod selbst sind nur durch

solche Verletzungen ihrer Tempelplätze oder sonstigen Heiligthümer

hervorgerufen.

Aber selbstverständlich war es gerade die Religion, gegen welche sich

die heftigsten und ersten Angriffe der Kulturvölker richteten. Das

brauchte nicht mit der brutalen Roheit der Conquistadoren und ihrer

Pfaffen in Amerika oder der Sendlinge Frankreichs in den letzten

Jahrzehnten, der Laplace, Dupetitthouars u.s.w. in der Südsee zu

geschehen: auch die edelsten der Europäer mussten sich gegen diese

Religionen wenden, um sie zu zerstören, und so sahen die Eingeborenen

ihr Heiligstes vernichtet, ja als durchaus schlecht und nichtswürdig

verachtet. Aus dem Vorstehenden aber kann man ermessen, wie vernichtend

dieser Schlag ihr geistiges Leben traf.

Ebenso war es mit den politischen Einrichtungen: und auch hier müssen

wir wenigstens auf einige Hauptpunkte hinweisen. Die despotische

Verfassung, das strenge Adelsregiment der Südsee (um bei den Polynesiern

zunächst zu bleiben), haben wir schon betrachtet. Aber mochte der Adel

sich noch so hoch über das Volk stellen, das Volk aufs ärgste

unterdrücken: er war doch von Gott, man hing ihm doch mit warmer

Verehrung an, man brachte in den meisten Fällen sein Gut und Blut mit

aufrichtigem Eifer dar--lohnte doch eine solche Aufopferung mit einem

besseren oder überhaupt mit einem Leben nach dem Tode! Jedenfalls

beruhte auf diesem Verhältniss des Adels, der naturgemäss die stolzeste

Meinung von sich hatte und sich keineswegs den europäischen Grossen

untergeordnet fühlte, und des Volkes das gesammte öffentliche Leben

Polynesiens und Mikronesiens und hier wieder vorzüglich der Marianen.

Durch den Einfluss der Europäer änderte sich das alles und so sehr auch

das Volk nachher dadurch gewann: für den Augenblick musste es die

Einrichtungen, die ihm seit Jahrtausenden gewohnt und ehrwürdig waren,

aufgeben und die, welche es vordem gleich Göttern geachtet hatte, von

den Europäern keineswegs besonders hochgestellt, ja oft mit Verachtung

oder gar mit schreiendster Ungerechtigkeit behandelt, zum Theil wie auf

den Marianen blutig verfolgt und vernichtet sehen. Der Adel selbst aber

war noch schlimmer dran. Er war, bei völliger Unumschränktheit, der

festen Ueberzeugung, von ganz anderem Stoff zu sein, als das gemeine

Volk, er stellte sich ganz den höchsten Europäern gleich und wusste

sich, wie Liholiho, Tamehameha I. Sohn in England bei seinem Aufenthalt

unter der englischen höchsten Aristokratie bewiesen hat, diesen auch im

äusseren Benehmen ziemlich gleich zu halten. Und nun fand er sich von

den Europäern, oft von den gemeinsten Matrosen, nicht nur nicht göttlich

verehrt, sondern verachtet, dem gemeinen Volke ganz gleich, und

jedenfalls tief unter jeden Weissen gestellt, er fand sich von der

Gesellschaft in den meisten Fällen (wo sich eine wirklich europäische

Gesellschaft bilden konnte) entweder ausgeschlossen oder doch nur

geduldet! So geschah es zu Neuseeland--man kennt ja den Hochmuth der

englischen Raçe einer farbigen Bevölkerung gegenüber--so, seit der

gloriosen französischen Occupation, zu Tahiti, so einige Jahrhunderte

früher auf den Marianen, wo der Adel in den blutigen Kämpfen ganz zu

Grunde ging.

Noch viel schlimmer, weil die Zerstörung gründlicher war, wirkten diese

Dinge in Amerika. Denn auch hier war Volk und Herrscher durch Bande

grosser Anhänglichkeit und Religiosität verknüpft. Der Herrscher, der

aus dem hohen Adel gewählt wurde, und mit ihm der höchste Adel war, wie

wir schon sahen, Stellvertreter Gottes auf Erden und daher

unumschränkt. Wie rein und tief man in Mexiko, trotz alles Absolutismus,

die Stellung des Herrschers auffasste, geht aus den Reden hervor, die

man bei seiner Inauguration an ihn richtete und welche nicht nur nach

Waitz 4,68 »zu dem Schönsten und Erhabensten gehören, was von den

Azteken noch übrig ist«, sondern überhaupt zu dem Schönsten und

Erhabensten, sicher zu dem Wahrsten, was man je Königen gesagt hat. Die

Steuern und Frohnen, unter denen, nach den alten spanischen

Schriftstellern, das Volk seufzte, sind nach Waitz genauer und

schlagender Untersuchung von den Spaniern aus nahe liegenden Gründen

sehr übertrieben worden. Nach alle diesem wird sich die Lücke ermessen

lassen, welche im Gemüth des Volkes nach dem Sturz alles Bestehenden

entstand. »Zurita hat gezeigt, sagt Waitz 4, 186, wie das mexikanische

Volk hauptsächlich dadurch ins äusserste Elend gerieth, dass alle

Grundlagen seiner bisherigen politischen und socialen Organisation von

den Siegern zerstört wurden. Vom mexikanischen Adel überlebten nur

wenige den Fall der Hauptstadt und diese wenigen waren meist noch

Kinder. Eine Petition sechs vornehmer Indianer an Karl V. legt dar, wie

der Rest des Adels von den Spaniern niedergetreten und ins Volk

zurückgeworfen in Armuth und Elend umkam. Eine Tochter Montezuma's ist

im tiefsten Elend gestorben.« Man nehme nun dazu, dass auch das gesammte

äussere Leben, die ganze glänzende Kultur des Volkes, die reiche

Hauptstadt, die blühenden Gärten, die zahlreichen Tempel, dass Alles

zerstört und oft aufs grausamste und verächtlichste zerstört wurde: und

man wird begreiflich finden, dass schon dadurch der Sieger der Seele des

besiegten Volkes einen Todesstoss versetzte. Dasselbe gilt, vielleicht

in noch höherem Grade von den Quechuas und den Nordamerikanern. »Mit

einem Fuss stiess er den rothen Mann über den Okonnee, und mit dem

anderen trat er die Gräber unserer Väter nieder«, hiess es in der oben

erwähnten Rede. Und leider waren es die persönlichsten und heiligsten

Empfindungen, die man allzu oft und mit der grössten Rücksichtslosigkeit

verletzte, woran freilich nicht mehr die Kultur, sondern nur ihre Träger

schuld waren. Das zweite Concil zu Lima bedrohte die Zerstörung und

Plünderung der alten Indianergräber, die Preisgebung der Leichen mit

Excommunication; allein der supremo consejo de las Indias fand der

Schätze wegen, die sie enthalten könnten, für gut, ihre Durchsuchung zu

erlauben (Waitz 4, 493-94). Alles dies musste das unterdrückte Volk

ruhig mit ansehen: ihr innerstes Leben wurde ihnen vernichtet, ohne dass

sie, die sonst schon aufs fürchterlichste bedrückt waren, sich wehren

konnten. Dass aber nicht bloss ihre Todten, dass die Lebenden selbst

noch mehr zu leiden hatten; dass man auf sie, ob sie lebten oder

starben, nicht die mindeste Rücksicht nahm, dass man also durch

Verletzung der theuersten und heiligsten Gefühle auch nach dieser Seite

hin den Indianern das äusserste that, das ist nur allzubekannt. Ein

Nordindianer (Waitz 3, 141) sagte in einer öffentlichen und viel

erwähnten Rede: »ich hätte sogar daran gedacht, ganz unter euch zu

leben, hätte nicht ein Mann mir Böses gethan. Oberst Cresap ermordete im

letzten Frühjahr (1774) mit kaltem Blut und aus eigenem Antriebe alle

meine Verwandten, selbst meine Weiber und Kinder verschonte er nicht.

Kein Tropfen von meinem Blut läuft mehr in den Adern eines lebenden

Wesens.« Dies eine Zeugniss genüge.

Eine der hervorragendsten Eigenschaften der Naturvölker ist ihr Stolz.

Die Amerikaner halten sich für die ersten aller Menschen; Geschickt wie

ein Indianer und dumm wie ein Europäer sind bei ihnen Sprichwörter

(Waitz 3, 170). Verletzung dieses Stolzes war auch das Härteste, was sie

unter sich einander zufügten. Die Polynesier glaubten alles Ernstes, die

Europäer kämen zu ihnen, um jetzt erst wahres Leben kennen zu lernen und

an ihrer Glückseligkeit, an ihrer Vollkommenheit Theil zu nehmen.

Selbstmord aus Scham oder verletztem Ehrgefühl ist unter ihnen gar nicht

so selten (Dieffenbach 2, 112. Thomson 319. Will. u. Calvert 1, 121

ff.); ihre eigenen Thaten läugnen sie eben wegen dieses Stolzes nie

(Williams u. Calvert 1, 124; Tyermann u. Bennet 1, 78; Waitz a.a.O.).

Über das Aussterben der Naturvölker · 第 10 / 17 段