Nirgends aber sind auch die Menschenopfer massenhafter, als auf Fidschi,

wie wir daselbst auch den Kannibalismus schrecklicher ausgebildet

fanden, als sonst irgendwo. Zur Feier der Mannbarkeit eines

Häuptlingssohnes, so erzählt Seemann (Zeitschr. 9, 476), sollte eine

rebellische Stadt ganz vernichtet, die Einwohner erschlagen, auf einen

Haufen zusammengetragen, auf diese Sklaven gelegt und auf diese wieder

der Einzuweihende gesetzt werden. Alle Schiffbrüchigen, das verlangt ihr

Glaube, müssen getödtet werden; wer es unterliesse, würde sonst selbst

im Schiffbruch umkommen (Erskine 249-50). Alte Eltern werden von ihren

Kindern, kranke Kinder von ihren Eltern lebendig begraben (ebend.) und

zwar ist es der eigene Wille der Opfer, dass ihnen so geschieht (477),

denn man glaubt, man käme nach und durch solchen Tod sofort in ein

anderes und viel besseres Leben; daher sich diese scheussliche Sitte mit

wirklicher Familienanhänglichkeit verträgt. Aber es ist ebendaher auch

begreiflich, dass nur wenige Menschen eines natürlichen Todes sterben

(Will. u. Calvert 1, 188). Menschenopfer am Grabe, namentlich von

Häuptlingen, sind ebenso gewöhnlich als umfangreich; die Weiber werden

entweder alle oder doch die Lieblingsweiber und eine Menge Sklaven

ermordet. Die Mutter, deren geliebter Sohn stirbt, folgt ihm bisweilen

ins Grab, der Freund dem Freund (Will. u. Calvert 1, 134). Auch hierzu

drängen sich, wegen der Belohnungen im Jenseits, die Opfer; die Weiber

erdrosseln sich selbst, wenn ihnen Niemand diesen Dienst thut (Erskine

293. Mariner 1, 347). Und wie fest man an den Menschenopfern hielt, geht

aus folgender Notiz bei Erskine 440 hervor: ein Fidschiinsulaner hatte,

von irgend welchem Mitleiden ergriffen, einen Gefangenen nicht dem Gotte

geopfert; da erschien ihm letzterer im Traum und quälte ihn über diese

Unterlassung dermassen mit Gewissensbissen, dass der Mensch fast in

Raserei fiel. Doch dieselbe Partei, welche, wie wir schon erwähnt haben

(S. 70), sich gegen den Kannibalismus wendete und ihn abzuschaffen

sucht, ist auch diesen Menschenopfern feindlich (Erskine 280) und so

werden auch sie, da der Einfluss der Europäer hinzukommt, hoffentlich

nicht mehr allzulange dauern.--Aehnliche Gebräuche fanden sich auch

sonst in Melanesien, wenn auch nirgends so übertrieben wie hier:

namentlich ist es das Lebendigbegrabenwerden der Eltern, der Kranken,

die Ermordung der Mutter oder einer Verwandtin, wenn ein kleines Kind

stirbt, was uns berichtet wird.

Was nun Polynesien betrifft, so ist es gewiss Uebertreibung, wenn

Michelis (91. ohne Quellenangabe) erzählt, der König von Futuna

(nördlich von Samoa), dessen Insel 2000 Einwohner hat, habe während

seiner Regierung an 1000 Menschen den Göttern geopfert. Denn wir finden

sonst in Polynesien die Menschenopfer nicht allzuzahlreich. Freilich ist

es ein Irrthum, wenn Ellis 1, 106 behauptet, sie seien in Tahiti erst

später eingeführt, da sie mit der ganzen polynesischen Religion viel zu

eng verwachsen sind; wohl aber sind sie in späterer Zeit, noch vor der

Entdeckung, von den Eingeborenen selbst sehr beschränkt. Bei Beginn

eines Krieges erhielt der Kriegsgott ein Menschenopfer (Ellis 1, 276),

dem so wie anderen Göttern öfters Menschen dargebracht wurden (1, 357).

In Kriegszeiten, bei grossen Nationalfesten, bei Krankheiten und dem Tod

der Fürsten (Bratring 182-83. 196) opferte man Menschen, sowie man die

Köpfe der Besiegten (was auch melanesischer Brauch war) in den

Tempelplätzen als Weihgeschenk aufstellte (Mörenhout 2, 47). Häufiger

waren diese Opfer in Hawaii, wo (Jarves 47) häufig an 80 Menschen auf

einmal geschlachtet sein sollen. Man nahm, hier und in Tahiti, dazu

Gefangene oder Verbrecher oder Leute, die irgend ein Tabu gebrochen

hatten, oder, wenn deren keine vorhanden waren, Leute aus dem Volk

(Jarves 18. Ellis a.a.O.). Aehnlicher Gebrauch herrschte auch auf den

Herveyinseln (Williams 215). Wenn nun auch in Hawaii, nach den Angaben

der Fürsten, diese Opfer erst später eingeführt sein sollten (Jarves

47); so ist dies nur ein Zeichen, dass man auch hier schon dies

Schreckliche der Sitte eingesehen hatte und sie im Abnehmen war.

Menschenopfer fanden selbstverständlich auch hier an den Gräbern der

Vornehmen statt, zunächst beim Ausstellen der Leiche und dann noch

zahlreicher beim Begräbniss selbst (Remy 115). Ebenso war es früher in

Neuseeland Sitte--jetzt ist sie abgekommen--dass sich die Weiber am

Grabe ihrer Männer erdrosselten, die Sklaven getödtet wurden (Taylor

97). In Tonga wurden bei den Gräbern der Vornehmen ab und zu Weiber

geopfert (authent. narrat. v. Tonga 78; Mariner 1, 295), was auf frühere

Allgemeinheit dieser Sitte, gegen welche die tonganischen Fürsten selbst

eiferten, schliessen lässt.

Von besonderem Interesse ist der Kindermord, wie er sich auf Tonga

zeigt. So wurden (Mariner 1, 229) Kinder den Göttern geopfert, um den

Frevel eines Fürsten gegen ein Heiligthum wieder gut zu machen: ein

Opfer, welches gar keinen Sinn hätte, wenn man nicht eben in den Kindern

den Göttern besonders angenehme Vermittler gesehen hätte. Um des Königs

Leben zu erhalten, wurde eines von seinen mit einem Nebenweib erzeugten

Kindern getödtet (1, 379): wenn aber der Tui-tonga, der höchste

religiöse und früher wohl auch weltliche Herr von Tonga krank ist, da

genügt ein Kind nicht und man tödtet drei bis vier (1, 454).

Ehe wir diesen Gegenstand verlassen, ist noch von einer Art Opfer zu

sprechen, die, wie es scheint, über die ganze Welt verbreitet ist: über

die Menschenopfer zur Einweihung, zur Sicherung von Gebäuden u.

dergl.[N] Auch diese Sitte ist am übertriebensten auf den

Fidschiinseln. Dort müssen neugebaute Kähne, damit sie vor Sturm und

Unheil sicher sind, über lebende Sklaven in die See gerollt werden;

jeden Pfosten eines neu gebaut werdenden Hauses muss, damit der Pfosten

sicher steht, ein lebender Sklave umfassen--und zu diesem lebendig

Zerquetscht-, zu diesem lebendig Begrabenwerden drängen sich die Opfer,

denen es im Jenseits mächtig vergolten wird (Erskine 249-50). Die Sitte

war nicht bloss melanesisch, sondern auch über ganz Polynesien

verbreitet: in Neuseeland ruhte der Mittelpfeiler des Hauses früher auf

Menschenleichen (Taylor 387 ff.) und von Tahiti erzählt dasselbe

Mörenhout 2, 22-23; doch scheint auch hier der Gebrauch in späterer Zeit

abgekommen zu sein; denn wenn er und Ellis (1, 346) diesen Gebrauch nur

für Tempel angeben, so ist er wohl erst später nur auf diese beschränkt

worden. Derselbe Gebrauch findet sich auch in Südamerika: der Palast des

Bogota, des Herrschers der Chibcha stand auf Mädchenleichen und sein

Grund so wie seine Thürpfosten waren mit Menschenblut getränkt (Waitz 4,

360).

Nachdem wir so diese Uebersicht über die Art, wie die Naturvölker das

Menschenleben schätzen, vollendet haben, ergibt sich als Resultat, dass

ihre Kriege für sie höchst gefährlich sind, ja einzelnen geradezu die

Existenz gefährden, so dass wir sie in erster Linie aufführen müssen,

wenn wir die Ursachen für das Aussterben der Naturvölker aufsuchen; dass

aber Kannibalismus und Menschenopfer, obwohl in einzelnen Ländern

furchtbar ausgedehnt, nur von sekundärer Wichtigkeit sind und nur wenn

sie mit anderen Gründen vereint auftreten, zur sichtlichen Verminderung

eines Volkes beigetragen haben.

§ 11. Verfassung und Recht.

Auch die Staats-und Rechtsverfassung der Naturvölker wird nach einigen

Seiten uns hier, freilich nur kurz, beschäftigen müssen. Die

Kulturstaaten Amerikas so wie die polynesischen Inseln sind es, die wir

nach dieser Richtung hin betrachten müssen; denn bei den übrigen

Naturvölkern ist theils das Rechts- und Staatsleben zu wenig entwickelt,

als dass es irgend welchen Einfluss gehabt hätte, theils so entwickelt,

dass dieser Einfluss kein ungünstiger war. Wie das Recht in seiner

ältesten Entwickelung immer seine Gesetze »mit Blut« schreibt; so war es

auch in Mexiko der Fall: fast alle Verbrechen, selbst geringe

Diebstähle, Trunk, Verleumdung u. dergl. wurden mit dem Tod bestraft,

und bisweilen die ganze Familie in die Sklaverei verkauft (Waitz 4,

84-85). Denn der Grundsatz, dass die Sippe haften muss für das einzelne

verbrecherische Mitglied gilt auch hier. In Peru (4, 414-15) war die

Strenge der Gesetze nicht minder gross und die Haftbarkeit der Familie

für den Schuldigen, mit dem sie in vielen Fällen den Tod zugleich

erlitt, noch grösser. Diese strenge Justiz und namentlich die

Haftbarkeit der Familie für den Einzelnen hat in der Südsee ferner, wo

sie gleichfalls herrscht, um so grösseren Schaden angerichtet, als, wie

wir gleich sehen werden, dort die Gewalt der Herrschenden noch absoluter

war als in Amerika. So wurde in Tonga der ganze Stamm eines Aufrührers

vernichtet (Mariner 1, 271) und die fortwährenden Rachekriege dieser

Völker und Stämme untereinander beruhen theilweise auf dieser blutigen

Rechtsauffassung (z.B. für Neuseeland Dieffenbach 1, 93, Haftbarkeit des

Stammes für den Einzelnen Thomson 1, 98). Auch in Neuholland sind

ziemlich strenge Rechtsstrafen (Grey 2, 236-37), entweder Tod oder

Durchstossen einzelner Körpertheile mit dem Speer (wobei oft der Tod

erfolgt) oder Speerung, d.h. der Schuldige muss sich den Speerwürfen

einer grösseren oder geringeren Menge von Volksgenossen aussetzen, denen

er freilich durch seine Geschicklichkeit (Waffen darf er nicht haben),

wenn sie ausreicht, ausweichen darf (Grey 2, 244-45). Die Haftbarkeit

der Familie, des Stammes für den Einzelnen ist hier wo möglich noch

fester, als irgendwo sonst (Grey 2, 239-40; 235-36).

In Mexiko war die Verfassung streng monarchisch, wobei der Adel, der

früher wahrscheinlich die höchste Staatsgewalt selbst in Händen gehabt

hatte (Waitz 4, 71), wie in anderen monarchischen Staaten auch, grosse

Vorrechte über das Volk hatte. Der Herrscher, weil er Stellvertreter

Gottes auf Erden war, hatte unumschränkte Gewalt (Waitz 4, 68); und

mochte dadurch auch mancherlei Ungerechtigkeit und Gewaltthätigkeit

geschehen, mochten einzelne Fürsten ihre Macht missbrauchen, wie denn

namentlich der letzte von ihnen, Montezuma II., seinen gewaltthätigen

und hoffärtigen Charakter in noch schärferer Entwickelung des

Absolutismus und der Sonderstellung des Adels zeigte; das wurde doch vom

Volk ertragen, ohne dass dadurch das Volk noch auch durch den Unwillen

des Volkes die Herrscher gefährdet waren. Schlimmer war, dass die

Herrscher durch ihren Absolutismus den eigenen Willen des Volkes zu sehr

gelähmt hatten. »Die strenge und allgemeine Fügsamkeit in den Willen des

Herrschers hat sich von Seiten des Volkes bei mehreren Gelegenheiten in

unzweideutiger Weise gezeigt: auf einen Wink von Montezuma blieb Alles

ruhig, sogar als er selbst von Cortez gefangen gesetzt wurde und mit der

Eroberung der Hauptstadt hörte jeder Widerstand auf, nicht bloss weil

die Grossen des Reichs dort alle vereinigt waren, sondern auch weil mit

dem Falle des Herrschers für die bis zum Aeussersten standhaft

gebliebenen Mexikaner die Pflicht der Selbstverteidigung wegfiel.

Revolutionen des Volks waren--abgesehen von neu eroberten Ländern--fast

unbekannt« (Waitz 4, 68). Am gefährlichsten aber war die

Eroberungspolitik des mexikanischen Staates. Um alle Länder sich und

ihrem Gotte Huitzilopochtli zu unterwerfen, was das stete Streben der

Mexikaner war (4, 117), hatten sie ihre Herrschaft vom atlantischen bis

zum stillen Ozean ausgedehnt, ohne aber wirklich Widerstand leistende

Länder ernstlich zu bezwingen und sich zu assimiliren. Und Montezuma II.

noch machte es ebenso. Während in seinen Ländern Empörungen der

unterworfenen Ländertheile ausbrachen, schickte er, anstatt das

Gewonnene dauernd zu fesseln, seine Heere in immer fernere Gegenden, um

immer mehr zu gewinnen (Waitz 4, 46), und »daher, sagt Waitz 4, 47, ist

es wohl begreiflich, dass das grosse rasch gewachsene Reich des

Montezuma durch ein paar kräftige und geschickt geführte Stösse

zertrümmert werden konnte.« Eine Menge einheimische Feinde, ganze

Ländertheile erhoben sich und stellten sich auf Seiten der Spanier--und

so ist Mexiko, das so bevölkerte, reiche und blühende Land zum nicht

geringsten Theil durch seine eigene Politik zu Grunde gegangen. Da diese

Schilderung im Grossen und Ganzen auch auf Peru passt, wo der König als

Stellvertreter Gottes auf Erden nur eine noch absolutere und drückendere

Macht besass, wo gleichfalls Eroberungskriege das Land ausgedehnt und

dadurch minder fest gemacht hatten, weil es nun in seinem Innern

feindliche Elemente barg (Waitz 4, 399-413), da wir hier so ziemlich

dasselbe finden, so brauchen wir die Verhältnisse des Inkareiches nicht

genauer zu betrachten und gehen gleich zu Polynesien über.

Hier hat der Absolutismus und die Sonderstellung des Adels, die in der

göttlichen Abstammung des Adels und der Könige wurzelt, die denkbar

höchste, man könnte sagen eine logisch vollkommene Entwickelung

gefunden. Ueberall, in Neuseeland, in Tahiti, in Hawaii, dem

Markesasarchipel, auf Tonga, bei der alten Bevölkerung der Marianen

(während sonst Mikronesien in der Praxis wenigstens die Gegensätze

minder scharf fasst) gilt das Volk als unbeseelt, daher sein Leben als

vollkommen werthlos. Man tödtete es nach Gelüsten oder Laune (Mariner 1,

60. 91), man bedrückte es, da es weiter keine Geltung hat, als eben nur

für die Vornehmen da zu sein, keinen Werth weiter als was es den

Vornehmen werth ist--und nirgends war dieser Druck schlimmer als auf

Hawaii--man hat ihm aus demselben Grund alle harte Arbeit, z.B. den

Landbau, aufgeladen; dabei ist ihm das meiste der besseren

Nahrungsmittel verboten; zu den Festen der Vornehmen muss es, was es

besitzt an Lebensmitteln, beisteuern, zu den Menschenopfern nimmt man

die Individuen aus ihm, kurz, es liegt ein Druck auf ihm, so

unglaublich, dass man gar nicht begreift, wie unter demselben überhaupt

sich eine und noch dazu zahlreiche Bevölkerung erhalten konnte. Oft fand

es nicht Zeit zur Bestellung des eigenen Landes, daher denn Hungersnoth,

Kindermord und namentlich eine grosse Menge von Auswanderungen

eintraten, die vor allem Tahiti entvölkerten, aber auch von anderen

Inseln erzählt werden. So gab es auf Tahiti im wilden, gebirgigen und

kaum bewohnbaren Inneren der Insel eine zerstreute Bevölkerung »wilder

Männer«, die, ausserordentlich scheu und ängstlich, ganz einsam in den

Klüften leben, gewiss nur entsprungene Flüchtlinge aus dem Volke, oder

deren Abkömmlinge, welche nicht zurückzukehren wagten (Ellis 1, 305).

Von Hawaii sagt Jarves (368 ff.): »Der Ackerbau ward vernachlässigt, und

Hungersnoth herrschte. Ganze Schaaren gingen unter ihrer Last zu Grunde;

andere verliessen ihre Heimath und flohen gleich wilden Thieren in die

Tiefe der Wälder, wo sie aufs elendeste aus Mangel umkamen, oder eine

klägliche Existenz durch Früchte und Wurzeln fristeten. Blind für diese

Folgen setzten die Fürsten ihre Politik (zu der sie von geldgierigen

Fremden vielfach verleitet wurden) fort.« Kindermord war die Folge

namentlich einer unerschwinglichen Kopfsteuer und nicht nur physisch,

auch moralisch verkam das Volk. Und auf dies moralische Verkommen ist

sehr zu achten; denn nichts befördert den Untergang einer Bevölkerung

mehr als dies. Wo die Moralität (natürlich hier nur nach den Begriffen

der betreffenden Völker) fehlt, fehlt auch die Selbstachtung; wo die

Selbstachtung, die Freude am Leben, welche diesen Menschen auch schon

aus äusseren Gründen unmöglich war; und wo die Freude am Leben fehlt, da

verkommt und versiegt das Leben selbst. Mit Recht stellt daher Jarves

(a.a.O.) diesen Druck, unter dem das Volk erlag, für eine Hauptursache

seines massenhaften Schwindens hin: und wie es in Hawaii war, so war es,

mit wenig Abänderungen, so ziemlich überall in Polynesien.

§ 12. Natureinflüsse.

Sahen wir so, was die Naturvölker durch eigene Lebensart oder Schuld zu

ihrem Hinschwinden beitragen: so müssen wir, ehe wir weiter gehen, einen

Blick auf die Naturumgebungen dieser Völker werfen und deren günstigen

oder schädlichen Einfluss abwägen. So viel leuchtet schon dem ersten

Blick ein: durch Natureinflüsse allein stirbt kein Volk aus und die

menschliche Natur gewöhnt sich fast an alles. Man kann sich, nach

Darwins Schilderung, kaum eine für menschliche Entwickelung ungünstigere

Natur denken, sowohl in Hinsicht auf Klima, als auf Lebensmittel u.s.w.,

als die Südspitze von Amerika und dennoch sagt derselbe Schriftsteller,

dass ein Aussterben der elenden Stämme der Feuerländer nicht zu bemerken

sei. Ebenso wenig der Eskimos. Der Mensch akklimatisirt sich, freilich

nur sehr allmählich in langsamen Vorrücken und durch Jahrhunderte oder

besser Jahrtausende lange Vererbung und dadurch Verstärkung der für die

einzelne Gegend speziell befähigenden Eigenschaften an jede Gegend, an

jedes Klima, und nichts beweist gerade mehr die Dauerhaftigkeit unserer

Natur als diese Fähigkeit der Gewöhnung. Aber freilich werden weder

Feuerländer noch Eskimos sich je zu grossen mächtigen Nationen

entwickeln: und zwar in Folge ihrer Naturumgebung, welche der freien

Entfaltung der Menschheit denn doch unübersteigliche Hindernisse in den

Weg stellt. So ist denn eben die Naturumgebung der Grund, dass wir die

roheren Naturvölker nie sehr zahlreich sehen; die Natur erheischt ein

Leben, welches dem Gedeihen der Menschheit nicht zuträglich ist. Die

geringe Zahl der Neuholländer ist zweifelsohne bedingt durch die

erstaunlich unfruchtbare Natur ihres Landes, denn wenn auch Grey (1,

239) Recht hat gegen Sturt und viele Andere, dass der Nahrungsmangel in

Neuholland nicht so gross ist, als er gewöhnlich gemacht wird, und

allerdings gibt er für den Südwestdistrikt des Welttheils, für eine

Ausdehnung von 2-300 Meilen (2, 299) eine reiche Menge Nahrungsmittel an

(2, 263-64); so sind dieselben doch immer erst weit zerstreut, müssen

gesucht werden und sind oft, im einzelnen betrachtet, elend genug. Sie

zu vermehren, anzubauen haben die Eingeborenen nicht Kultur genug, auch

finden sich kaum unter den Pflanzen und Thieren Neuhollands solche, die

zu eigentlichen Kulturpflanzen oder Hausthieren brauchbar wären; zu

sammeln aber sind die Neuholländer, wie wir schon bei der Betrachtung

ihres Charakters sahen, zu indolent, zu träge. Wir müssen hier die

ausserordentlich hemmenden Schranken der Natur anerkennen, die jedoch

nur dann erst wirklich für den Bestand eines Volkes gefährlich werden,

wenn noch andere Bedrängnisse hinzukommen. Ueber viele Distrikte

Amerikas muss man, mehr oder minder, dasselbe sagen, in mancher

Beziehung auch von Südafrika. Und fast noch ungünstiger gestellt ist

Polynesien schon in seinen hohen Inseln, die meist im Innern so steil

und unwegsam sind, dass sie, wie Tahiti und Nukuhiva, nicht bewohnt

werden können, oder grosse unfruchtbare Strecken hinter ihren meist

üppigen Uferstrecken bergen, wie die Fidschis und viele der

Hawaiiinseln, und die, wenn sie auch durch und durch bewohnbar wären,

doch schon durch ihre verschwindende Kleinheit in dem ungeheuren und

gefährlichen Ozeane ihren Bewohnern ein Hinderniss sind. Hier ist die

Schifffahrt nicht so leicht, wie im Mittelmeer und eine

Küstenschifffahrt ganz unmöglich. Grosse Thiere gibt es gar nicht ausser

dem zum Hausthier im wahren Sinne ungeeigneten Schwein und einigen

Hunden, welche aber ihre Hundenatur fast abgelegt haben und Mastvieh

geworden sind. Nutzpflanzen gibt es genug, aber so reichlich, dass weder

geistige noch leibliche Anstrengung, ja kaum Thätigkeit nöthig ist, um

hinlänglichen Vorrath zu bekommen, oder so wenig, wie auf Neuseeland

(natürlich zur Zeit der Entdeckung), dass trotz aller Anstrengung die

Nahrungsmittel sich nicht sehr heben konnten. Und nun gar die kleineren

Inseln, die fast immer unfruchtbaren Korallenringe, welche meist, wie im

östlichen Polynesien und in Paumotu, nur den Pandanus mit seinen

kümmerlich nährenden Früchten und, aber noch nicht einmal überall, z.B.

in der nördlichen Ratakkette nicht, die Kokospalme hervorbringen, den

Brotbaum und die anderen Nahrungspflanzen der Südsee, welche feuchten

Boden verlangen, wie Tacca und Arum, nur seltener oder nur erst nach

sehr mühevoller Bearbeitung des harten Korallengrundes gedeihen lassen,

Thiere aber, ausser zahlreichen Ratten, gar nicht besitzen. Dazu kommt,

dass grässliche Orkane, denen nichts zu widerstehen vermag, auf Tahiti,

den Paumotu- und Herveyinseln, auf Tonga, den Karolinen, den Marianen,

kurz so ziemlich überall, die Vegetation gar nicht selten so vollständig

vernichten, dass äusserste Hungersnoth eintritt. Auf den Inseln südlich

vom Aequator sollen Stürme der Art nach Mörenhout (2, 365) nicht öfter

als alle 8-10 Jahre vorkommen, also gerade oft genug, um eine reiche

Entwickelung der Bevölkerung unmöglich zu machen. Denn ihre Gewalt ist

so, dass an irgend welchen Schutz oder Widerstand gar nicht zu denken

ist. Daher ist es denn begreiflich, dass man den Kindermord, wie

Chamisso mit solchem Entsetzen von den Ratakinsulanern erzählt, dort und

auch sonst noch (z.B. auf Tikopia) geradezu gesetzlich regulirte, um die

Inseln vor Uebervölkerung zu behüten; begreiflich ferner, wie

Hochstetter auf den Gedanken kam, dass der Kannibalismus auf Neuseeland

durch den Hunger eingeführt sei. Ist nun zwar letztere Ansicht gewiss

nicht richtig, wie sich leicht aus dem was wir über den Kannibalismus

schon gesagt haben, ergibt; so ist es doch sicher, dass in einzelnen

Gegenden Polynesiens, z.B. in Nukuhiva, bisweilen der Hunger zum

Auffressen naher Verwandten trieb. Auch in Amerika, namentlich im

Norden, gibt es Völker, die durch die äussere Noth gezwungen, zum

Kannibalismus gebracht sind (Waitz 3, 508; 4, 251).

Dass auch die Aleuteninseln durch ihre Naturbeschaffenheit keine reiche

Entwickelung ihrer Bevölkerung zulassen, ist klar; und dasselbe gilt von

Kamtschatka, über dessen Natur von neuern Schriftstellern v. Kittlitz

trefflich gehandelt hat.

Alle die besprochenen Länder machen eine grosse geschichtliche

Entwicklung von vornherein so gut wie unmöglich. Einförmigkeit ist das

Zeichen der meisten; und historische Schicksale, das wirksamste Mittel,

die Menschheit zu heben, konnten ihre Bewohner so gut wie gar nicht

treffen. Dadurch aber konnten sie sich nicht über die Natur, wie z.B.

die Indogermanen, die Semiten gethan, erheben, so dass diese von ihnen

beherrscht wäre. Und nehmen wir auf der anderen Seite Völker mit den

Sitten, wie wir sie bisher geschildert, in ungünstiger Natur, so

leuchtet wohl ein, wie gerade ihnen gegenüber schädliche Natureinflüsse

von doppelter Gefahr sein mussten.

§ 13. Aeussere Einflüsse der höheren Kultur auf die Naturvölker.

Wir können nun erst, nachdem wir betrachtet haben, was in der Natur und

Lebensweise dieser Völker selbst einen frühen Untergang Begründendes

liegt, die Einflüsse genauer erwägen, welche ihre Berührung mit anderen

meist höher kultivirten Völkern und namentlich mit den Kulturvölkern

Europas und Amerikas hervorgebracht hat.

Es sind hier zunächst Einflüsse zu erwähnen, welche obwohl durchaus

nicht feindselig, ja häufig nur gut gemeint dennoch physisch wie

psychisch die gewaltsamsten Wirkungen haben mussten und hatten und

haben.

Zunächst ist es die Umänderung des äusseren Lebens der Naturvölker,

welche uns, wie sie durch jene Berührung unvermeidlich war, beschäftigen

muss.--Die ganze Lebensart dieser Völker war durch lange fast

instinktive Auswahl, dem Klima, den Bodenverhältnissen, ihrer ganzen

äusseren Natur so entsprechend oder wenigstens die Natur dieser Völker

hatte sich durch lange Gewöhnung so mit dieser Lebensart assimilirt,

dass jede auffallende Aenderung, namentlich wenn sie plötzlich kam, wenn

sie sich über mehreres erstreckte, oder gar wenn sie bloss halb, bloss

zeitweilig durchgeführt wurde, die grössten Revolutionen in ihrem

gesammten Wesen hervorbringen musste. Auch hier ist wieder auf die

unendliche Macht einer sich stets verstärkenden Vererbung hinzuweisen,

wie sie durch Jahrhunderte, Jahrtausende lange Gewöhnung, durch überaus

allmähliche Angleichung die Menschennatur so fest auch an ungünstige

Einflüsse gewöhnen kann, dass eine Abwendung von ihnen für den

Augenblick nur schädlich zu wirken scheint.

So finden wir das körperliche Leben der Naturvölker im engsten Einklang

mit den Naturumgebungen und ihren Einflüssen. Vor der Bekanntschaft mit

den Europäern oder Amerikanern (die immer, was gestattet sein möge,

mitgemeint sind, wenn im Folgenden einfach nur von den Europäern und

ihrem Einfluss die Rede ist) waren daher die Naturvölker durchaus

gesund, obwohl einzelne Seuchen ab und zu schon damals bei ihnen

vorkamen: nie aber kannten sie die chronische Kränklichkeit kultivirter

Nationen.

Über das Aussterben der Naturvölker · 第 9 / 17 段