Gehen wir nun zu den melanesischen Inseln, so finden wir auf Vanikoro

unter den einzelnen Stämmen fortwährenden Kampf (D'Urville 5, 165) und

wenn sie auch keine Kannibalen zu sein behaupten, so dienen die Schädel

der Feinde doch als Trophäen (eb. 217), welche öffentlich aufbewahrt

werden. Auch auf Tanna herrscht beständiger Krieg der einzelnen Stämme

unter einander (Turner 82, Gill 227), da jede Privatbeleidigung einen

öffentlichen Krieg nach sich zieht (85), und ausgebildetster

Kannibalismus: die erschlagenen Feinde werden mit Yams gekocht, Farbige

den Weissen vorgezogen, einzelne Portionen des Fleisches an Freunde

geschickt als Ehrengeschenke u.s.w. (82). Auch auf Fate und Aneitum,

obwohl beide minder kriegerisch sind, findet sich der Kannibalismus

(Turner 393. 371. Gill 66). Erromango und Mare (Nengone), auf welcher

letzteren Insel zwei feindliche Staaten neben einander bestanden, waren

fortwährend von leidenschaftlichem Krieg heimgesucht und die

Anthropophagie hatte hier einen solchen Grad erreicht, dass selbst die

nächsten Verwandten, wenn man mit ihnen in Streit gerieth, erschlagen

und gefressen wurden (Gill 10-11; 122. Turner 400. 411). Es ist eine

leere Behauptung oder auch Einbildung der katholischen Mission, dass sie

auf Neukaledonien den Kannibalismus hätte aufhören machen (Montreval in

nouv. annal. de la foi 1854, 94); Turner (um anderer zu geschweigen)

fand ihn daselbst sehr ausgebildet und so unbefangen, dass er überall

eingestanden und besprochen wurde (426), wie er uns auch von den

beständigen Kriegen der Insel (428) berichtet. Die Bewohner von Isabel

schildert schon Mendana 1595 (Dalrymple 91) als Menschenfresser und

eifrige Krieger, wie sich auch die Bewohner von Guadalcanar zeigen.

Eifrige Krieger und Menschenfresser sind auch die Eingeborenen der

Lusiade (Salerio bei Petermann 1862, 342-344) und von der Nordwestküste

von Neuguinea sagt einer der besten Kenner dieser Gegenden, Marsden (in

Transact. of the Reg. Asiat. Soc. 3,125), dass daselbst ein äusserst

roher Kannibalismus herrsche: man frisst Feinde so gut wie Freunde,

natürlich Gestorbene so gut wie Erschlagene, und ist dieser Nachricht

gegenüber nicht abzusehen, wie Finsch (49) seine Behauptung, noch sei

von keinem glaubwürdigen Manne bestimmte Nachricht über das Vorkommen

des Kannibalismus auf Neuguinea gegeben, aufrecht halten will. Einzelne

der neuguineischen Stämme sind Köpfeschneller, d.h. sie schlagen todt,

wen sie finden, um Köpfe zu erbeuten, deren recht viele zu besitzen

eine grosse Ehre ist; und so entstehen bloss zu diesem Zwecke im

Distrikt Namototte (Speelmannsbai) die hartnäckigsten und mörderischsten

Kriege (N. Guin. 109 ff. und daher wohl Finsch 82).

Aber schlimmer als überall ist die Geringschätzung des Menschenlebens

auf den Fidschiinseln, deren Einwohner im Ruf einer besonderen

Tapferkeit auch auf Tonga stehen, und die von solchen Tonganern, welche

Kriegsabenteuer erleben und zu Hause selbst als Krieger berühmt sein

wollten, vielfach besucht wurden (Mariner). Krieg ist nun auch, nach

Wilkes 3, 63, ihre so beständige Beschäftigung, dass irgend welcher

Kampf auf der Gruppe immer herrscht; und da die Insulaner ebenso

blutdürstig als verrätherisch sind (Hale 50), so sind diese Kriege sehr

zerstörend. Doch führen sie den Krieg, der indessen stets offen angesagt

wird, nur durch Verrath und heimlichen Ueberfall; weshalb sie Williams

und Calvert (1, 43) und ebenso Erskine (249) geradezu feig nennen. Wegen

des beständigen Verrathes herrscht ein grenzenloses Misstrauen auf der

Gruppe, Niemand geht, aus Furcht überfallen zu werden, ohne Waffen

(Will. u. Calv. a.a.O.), Niemand traut einem andern, selbst nicht den

nächsten Verwandten (Hale 51). Und das nicht ohne Grund: denn da zu

ihren nur einigermassen solennen Bewirthungen Menschenfleisch nothwendig

gehört, so werden oft die harmlosesten Wanderer (je harmloser, desto

eher), Weiber bei der Feldarbeit u.s.w. überfallen und getödtet, wozu

Erskine 182 empörende Beispiele erzählt. Wenn auch die Schlachten,

sobald nur einige gefallen sind, aufhören (Jackson bei Erskine 425), so

sind die Kriege doch ausserordentlich blutig durch die sinnlose Wuth,

mit der Alles, was ihnen in die Hände kommt, gemordet wird. Bei

Ueberfällen, die sehr häufig sind, machen sie es nicht anders, so dass

oft ganze Distrikte (Erskine und Jackson a.a.O. Seemann Zeitschr. 9,

476) vernichtet werden. Wer einen Menschen erschlagen hat, bekommt einen

Ehrennamen und wird durch besondere Ceremonien geweiht (Will. u. Calvert

55), gerade wie in einigen Gegenden Neuguineas nur der Kakadufedern

tragen darf, der einen Feind getödtet hat, und bei den alten Deutschen

nur ein solcher aus dem kostbarsten und heldenhaftesten Trinkgefäss, dem

Schädel des erschlagenen Feindes, trinken durfte.

Der Kannibalismus ferner steht hier in solcher Blüthe, wie wohl nirgends

sonst auf der Welt. Erskine, der um 1840 die Gruppe besuchte, gibt

(257-60) Beispiele. Den Menschen nennen die Eingeborenen nur das »lange«

Schwein, zum Unterschied vom »wahren« Schwein (ebend.); bei jedem Fest

muss Menschenfleisch gegessen werden, zu welchem Behufe die das Fest

gebenden Stämme gar nicht selten ihre eigenen Kinder schlachten; alle

Feinde, alle Schiffbrüchigen werden gefressen (Erskine. 262. 229). Oder

man erschlägt, um das nöthige Fleisch zu bekommen, den ersten besten aus

dem Volke, den man unbewaffnet trifft (so wurden einmal 16 Weiber

gefangen und gegessen, wie Erskine 182 erzählt). Dass man allen Freunden

von dieser geschätztesten Speise schickt, ist so feste Sitte, dass gar

nicht selten, weil es bei irgend einer Gelegenheit unterlassen, Krieg

entsteht. Dem Gebratenen gibt man oft eine Keule in die Hand, malt ihm

das Gesicht roth und setzt ihm eine Perrücke auf (Erskine 262); ja in

einigen Gegenden der Gruppe führen die Weiber um diese Todten und ihnen

zum Hohne die allerschandbarsten Tänze auf (Jacks, bei Erskine 440).

Auch hat man verschiedene Arten, Menschenfleisch zu kochen, welche nach

den Landestheilen verschieden sind (261. 439). Als der Sohn eines

Häuptlings starb; jammerte ihm sein Vater nach: er war so kühn! er

tödtete, wenn sie ihn erzürnten, seine eigenen Weiber und ass sie (Ersk.

244). Auch Mariner (1, 329) nennt den Kannibalismus auf den

Fidschiinseln sehr verbreitet und sagt, dass er von dort erst zu den

Tonganern, die ihn nur in prahlerischer Nachahmung der Fidschis ausüben,

gekommen sei; an einem Fest hätten die Fidschimänner 200 Feinde gegessen

(1, 345; 2, 71). Wer eines natürlichen Todes stirbt, wird nicht gegessen

(Williams und Calvert 1, 266), doch hat man auch Gräber erbrochen, um

die Leichen zu verzehren! (eb. 212), ja man schneidet, um auch das

Scheusslichste nicht zu verschweigen, auch von Lebenden, aber nur von

gefangenen Feinden, Fleisch ab und verzehrt es vor ihren Augen (Will. u.

Calv. 1, 212). Der Grund des Kannibalismus, ursprünglich Hass und

Rachedurst oder Prahlerei, indem man sich dadurch furchtbar machen

wollte, oder die Absicht, sich die Eigenschaften des Gefressenen

anzueignen, ist jetzt fast überall auf der Gruppe nur Wohlgeschmack am

Menschenfleisch, das sie jetzt jedem anderen Fleische vorziehen. Roh

verzehren sie es nie: die Gabel, mit der es gegessen wird, ist für alle

anderen Speisen verboten (Tabu) (eb. 212). Mit Trommelschlag in ganz

bestimmtem Rythmus

| |\ | _ | | | |\ | _ | |

| | | / | | | | | / | |

* * * * ' * ' , * * * * ' * ' ,

der sonst nie angewendet wird, laden sie zu den Kannibalenfesten ein

(Erskine 291), von denen Weiber fast immer, Sklaven und gewisse Priester

immer ausgeschlossen sind (Erskine 260; Williams und Calvert 1, 211).

Und trotz alledem hatte der Kannibalismus eine religiöse Weihe bei

ihnen: die getödteten Feinde werden zuerst den Göttern dargeboten

(Erskine 261), die selbst Kannibalen sind (247) und jedes Kannibalenfest

hat bestimmte, sonst nicht getanzte heilige Tänze (209. 440).

Wir haben uns bei diesem ekelhaften Detail so lange verweilt, einmal,

weil es anthropologisch von hohem Interesse ist--dann aber und

hauptsächlich, um zu beweisen, dass der Kannibalismus, der so

ausgeprägt, so eingewurzelt bei den Fidschis ist, nicht erst, wie jetzt

die Häuptlinge gern erzählen, in der letzten Zeit aufgekommen sei, Hand

in Hand mit dem blutiger werdenden Kriege (Erskine, 272). Er besteht

gewiss viele Jahrhunderte lang, gewiss viel länger, als die Fidschis

ihre jetzige Wohnung inne haben: allein er hat sich immer weiter

ausgedehnt und mag seine rohesten Formen, z.B. das Menschenfressen aus

Leckerei erst im letzten Jahrhundert seines Bestehens, so lange aber

auch mindestens, angenommen haben. Trotzdem aber, und auf dies Faktum

werden wir zurückkommen, trotzdem ist ein Aussterben der Bevölkerung

nicht zu merken (Erskine 274). Die Zahl derselben beträgt nach den

Missionären (ebendas.) 200-300,000 und mag dies auch etwas zu hoch

gegriffen sein, sie ist jedenfalls beträchtlich genug, so dass auch Behm

200,000 als Totalsumme annimmt. Und ferner, was von besonderer

Wichtigkeit für die geschichtliche Betrachtung der Naturvölker ist, sie

selbst haben das Bedenkliche des Kannibalismus eingesehen; daher jene

halb entschuldigende Rede der eingeborenen Fürsten; daher die

verhältnissmässige Leichtigkeit des Kampfes, welchen die Missionäre

gegen die Anthropophagie führen, welchen man doch gerade, wegen des

Alters der Sitte, für unendlich schwierig halten sollte (Erskine 280).

Ja sie werden sogar von einer heidnischen Partei darin unterstützt,

welche sehr gegen den Kannibalismus, sowie gegen das unsinnige Morden

der Weiber und Sklaven ist, welches wir gleich betrachten werden, und

für Abschaffung aller dieser Sitten eifrig kämpft. Die Fürsten sind es,

welche aus feudalen Gelüsten dies Alles aufrecht erhalten wissen wollen

(Seemann Zeitschr. 10, 289). Man sieht, das Christenthum ist hier gerade

im rechten Zeitpunkt gekommen: man sieht aber auch ferner, solche

Umänderungen, wie wir sie vorhin für Tonga voraussetzten, haben sich

wirklich bei diesen Völkern vollziehen können: wir sehen sie hier bei

einem viel roheren Volk vor unseren Augen geschehen.

Auch in Polynesien herrschten die blutigsten Kriege, wobei aber zu

bemerken, dass, obwohl man den Eingeborenen persönliche Tapferkeit

durchaus nicht absprechen kann, welche sie, auch die sonst so

weichlichen Tahitier, selbst den Europäern gegenüber, wohl gezeigt

haben, dass trotzdem auch hier der Krieg hauptsächlich durch Ueberfall

geführt wird. Aber auch die Polynesier morden den besiegten Stamm

kaltblütig mit Weib und Kind und so sind ihre Kriege ausserordentlich

blutig und verheerend. Solche Kämpfe herrschten nun zu Neuseeland und

trugen wie zur Zersplitterung der Maoristaaten zum Hinschwinden der

Bevölkerung nicht wenig bei (Dieffenbach 2, 132), die theils im Krieg

selbst getödtet, theils zu Sklaven gemacht, theils durch die Noth nach

dem Kriege vernichtet wurde (2, 16). In Tonga wurden Kriegsgefangene

(Mariner 1, 115) stets ermordet, und ebenso alle Einwohner eroberter

Städte (1, 101). Von den grausamen Kriegen unter Finau (der z.B. einmal

18 nur verdächtige Vornehme ertränken liess, Mariner 1, 271), welche bei

Ankunft der Europäer schon in voller Blüthe und nur Wiederholung oder

Fortsetzung früherer ähnlicher war, hat uns Mariner ein getreues, aber

schreckensvolles Bild geliefert, wie er auch erzählt, dass die

tonganischen Sitten immer mehr durch die Bekanntschaft mit den Fidschis

verwilderten. Auf Samoa herrschte ein noch grausamerer Kriegsgebrauch

als zu Tonga (Mariner 1, 163) und häufig genug waren diese blutigen

Kriege daselbst, welche Turner 304 und vorher schildert. Und betrachten

wir den Markesasarchipel, so ist ganz Nukuhiva in einzelne vom hohen

Gipfel der Insel herablaufende Thäler getheilt, deren jedes von einem

besonderen Stamm bewohnt wird. Alle diese Stämme sind in erbitterter

Feindschaft und in ewigem Krieg (Melville, Krusenstern, Mathias G***).

Viel ärger aber als überall haben die Kriege auf Tahiti gewüthet, von

denen die Insel so fortwährend heimgesucht war, dass Lutteroth (22) ganz

mit Recht den Frieden einen der Insel unbekannten Zustand nennt. Und wie

wurden diese ewigen Kriege geführt! Alle Fliehenden, die man einholte,

alle Weiber und Kinder der Besiegten, welche dem Sieger in die Hände

fielen, wurden niedergemetzelt (Mörenhout 2, 38-39, Lutteroth 21, Ellis

1, 310 ff.). Nun waren in früherer Zeit fast alle Schlachten

Seeschlachten und gerade deshalb besonders blutig, denn die Besiegten,

welche sich durch Schwimmen ans Land zu retten suchen mussten, wurden

begreiflicher Weise leicht von den Kähnen der Sieger eingeholt. Weniger

verderblich waren die Landschlachten, weil in ihnen, nach

malaiisch-polynesischer Sitte, der Sieg, nach dem nur einige wenige

gefallen waren, für entschieden angesehen wurde (Mörenhout 2, 40, Ellis

l, 312). Waren dann bei der Verfolgung die Menschen vernichtet, so gings

nun an die Zerstörung des Landes: die Tarofelder und sonstigen

Pflanzungen wurden verwüstet, den Kokosbäumen das Herz ausgeschlagen,

wonach sie absterben, die Brotbäume umgehauen, die Häuser verbrannt

(Ellis 1, 293, Lutteroth 21-22)--kurz die Besiegten wurden womöglich

ausgerottet, ihr Land auf Jahre zu einer unfruchtbaren Oede gemacht.

Solche Kriege wütheten auf der ganzen Gesellschaftsgruppe; der Missionär

Nott erlebte auf Tahiti in einem Zeitraum von 15 Jahren 10 solcher

Kriege (Lutteroth 17). Auch die Kriege auf der Hawaiigruppe waren

verwüstend genug. Hier wie zu Tahiti gab es blutige Seeschlachten (Ellis

4, 155) und in den Landkriegen, in denen nach Jarves (59) Hinterhalte,

heimliche Ueberfälle u. dergl. selten vorkamen, vielmehr meist in

offenen Feldschlachten (die auch zu Tahiti keineswegs selten waren,

Ellis 1, 284) gekämpft wurde, war es namentlich wieder die Verfolgung,

nicht die Schlachten selbst (Jarves 60), welche der Bevölkerung und

ganzen Distrikten Tod und Zerstörung brachte. Die Gefährlichkeit dieser

Kriege geht aus der Geschichte Hawaiis unter Tamehameha und aus den

Bewegungen, welche dieser grosse Fürst auf der Gruppe hervorbrachte, zur

Genüge hervor. Auch die Paumotuinsulaner sind wilde, weit und breit

gefürchtete Krieger, die unter sich die heftigsten Kriege führen. Die

Bewohner von Anaa (Chainisland) verwüsteten alle umliegenden Inseln,

hieben die Fruchtbäume nieder und was von den Bewohnern nicht getödtet

wurde, ward als Sklave mit fortgeschleppt (Mörenhout 1, 199 vergl. 169).

Nicht weniger als 38 Inseln haben sie auf diese Art verödet (Hale 35).

Auch in Mikronesien wurden und werden heftige Kriege geführt, so auf den

Palaus (Keate), auf einzelnen Karolinen und zwar auf den hohen Inseln

Eap, Truck (Hogoleu), Ponapi, nicht aber auf Kusaie (Ualan Chamisso 135,

Kittlitz 1, 356): so und besonders leidenschaftlich auf der Eatakkette

(Kotzebue, Chamisso) und auf den Gilbertinseln (Gulick 410). Während man

in diesem Gebiet nur an einigen Orten die Bäume schonte (Hale 84) hieb

man, sie nach der gemeinsamen Sitte der Ozeanier, auf Ratak und sonst

nieder (Kotzebue 287), und man kann sich denken, wie furchtbar solche

Barbareien auf den kleinen schon ohnehin nur überaus kärgliche Nahrung

bietenden Inseln wirken mussten: viele, die der Krieg verschont hatte,

namentlich Weiber und Kinder, erlagen dem Hunger, dem Elend, das ihm

folgte. Daher ist die Behauptung, dass die einheimischen Kriege der

ozeanischen Bevölkerung ganz unberechenbaren Schaden zugefügt und

wesentlich zu ihrer stetigen Verminderung beigetragen haben, nur

allzusehr gerechtfertigt.

Die Sitte des Schädelerbeutens, welche wir auf Neuguinea sahen und die

das ganze Malaisien beherrscht, finden wir insofern überall in

Polynesien, als man gierig die Schädel und in Tahiti auch die

Unterkiefer der Feinde erstrebt, um sie als Trophäe aufzuheben (Nukuhiva

Melville 2, 129, Tahiti Bougainville 181, Ellis 1, 309, Perl- oder

Palliserinseln ebend. 1, 358, Aitutaiki 1, 309, Rarotonga 1, 359,

Neuseeland Dieffenbach 2, 134, Samoa Turner 301. 304). Hiermit hängt die

weite Verbreitung der Menschenfresserei enge zusammen, wie sie nach Hale

38 in Neuseeland, wo nach Thomson 1, 148 das letzte Beispiel dieser

Sitte noch 1843 vorkam, Hervey, Mangareva (Gambier), Paumotu und dem

Marquesasarchipel ganz allgemein und ohne Scham betrieben wurde. Auch zu

Kriegen wird sie oft Anlass, indem man, um ihn zu fressen, einen oder

mehrere Menschen eines fremden Stammes erschlug, welche That natürlich

Rache erheischte. Auf Samoa, Tonga, Tahiti und Hawaii kommt der

Kannibalismus jetzt nur noch einzeln vor, auf Samoa bei ganz besonders

erbittertem Hass (Turner 194), auf Tonga aus Prahlerei und in Nachahmung

der Fidschisitten, (Mariner 1, 116-17), so wie bei Hungersnoth, wo man

irgend Jemanden, meist einen Verwandten erschlägt und isst (eb. 2, 19;

1, 117); in Tahiti gleichfalls, aus Prahlerei, um sich furchtbar zu

machen (Ellis 1, 310). Aber früher war er auf diesen Inseln allgemeine

Sitte (Hale 37), wie eine Menge seltsamer und anders ganz unerklärbarer

Gebräuche beweisen: so auf Tahiti der oft beschriebene Gebrauch bei

Menschenopfern, dem König das linke Auge (den Sitz der Seele) des Opfers

darzubieten, der dann den Mund öffnete, als ob er es verschlänge und

durch diese Ceremonie Verstand und Klugheit bekommen sollte.

Ursprünglich hat er es gewiss gegessen, und erst später, als die Sitten

sich milderten, begnügte man sich, wie in analogen Fällen bei allen

Völkern der Welt, mit einer symbolischen Handlung. Im Samoaarchipel

beugt sich, wer dem Sieger als besiegt sich unterwirft, vor demselben

nieder, indem er ihm Feuerholz und die Blätter darreicht, in welche man

in Polynesien die Speisen, die gekocht werden sollen, einschlägt (Turner

194). Und so liesse sich vieles anführen. Es scheint aber, als ob, wie

die Tahitier, Hawaier u.s.w. die Menschenfresserei abgeschafft hatten,

ehe die Europäer kamen, noch an manchen anderen Orten Polynesiens

dieselbe Sitte in Abnahme oder doch in Misskredit gekommen sei, ohne

dass der Einfluss der Europäer dies bewirkt hätte: so läugneten auf

Nukuhiva die wilden Taipis den Kannibalismus ganz und gar, und suchten

ihn den Weissen zu verbergen, wie Melville mittheilt. Und die

neuseeländischen Fürsten erzählten, er sei keineswegs von Alters her bei

ihnen Sitte, sondern erst später eingeführt (Thomson 1, 142), eine

Behauptung, welche entschieden falsch und nur von ihnen erfunden kaum

eine Widerlegung verdient.

§ 10. Menschenopfer.

In Nordamerika sind Menschenopfer nicht sehr zahlreich gewesen. In

Florida wurden Weiber und Diener ehedem beim Tode des Herrn gleichfalls

getödtet, um ihm im Jenseits zu dienen (Waitz 3, 199-200), wie man

ebendaselbst den Erstgeborenen der Sonne opferte. Kinderopfer werden

auch sonst öfters erwähnt: in Virginien, in Neuengland, bei den Sioux

und sonst (Waitz 3, 207). Auch bei manchen Caribenstämmen wurden mit den

gestorbenen Häuptlingen einige seiner Weiber lebendig begraben (ebend.

3, 387) und vornehmen Leuten folgte ein Sklave nach (3, 334). Allein bei

allen diesen Völkern sind die Menschenopfer von so wenig Ausdehnung

gewesen, dass wir bei ihnen, da sie für unsere Betrachtung gar keine

Bedeutung haben, nicht zu verweilen brauchen. Um so zahlloser aber waren

die Menschenopfer, welche die Religion der amerikanischen Kulturvölker

forderte und deren Ursprung in uralte vorhistorische Zeit zurückgeht

(Waitz 4, 157). Wo wir Menschenopfer finden, werden wir dieselben immer

mit grösster Wahrscheinlichkeit auf die allerälteste Zeit zurückführen,

denn sie wurzeln stets in sehr ernst gemeinter Religiosität, nie in

Grausamkeit. Spätere Einführung derselben findet sieh nur in ganz

vereinzelten Fällen und wird sich aus Nachahmung der Sitten anderer

Völker, besonders heftiger Kriegserbitterung oder irgend etwas ähnlichem

fast immer erklären lassen. Wohl aber sind die Menschenopfer im Laufe

der Zeiten bei manchen Völkern abgekommen: so bei den Indogermanen, den

Semiten u.s.w. Die Zahl dieser Opfer war nun in Mexiko geradezu

ungeheuer, wie folgende Zeugnisse, die alle aus Waitz 4, 157 ff.

entlehnt sind, beweisen. Der Bischof Zumarraga (zur Zeit der Entdeckung)

schätzt sie bei Torquemada auf 20,000 jährlich, wenigstens für die

letzte Zeit des Reichs; in der Hauptstadt und ihrer nächsten Umgebung

soll ihre Zahl jährlich mehr als 2500 gewesen sein. Oviedo behauptet,

dass Montezuma jedes Jahr über 5000 geopfert hätte; bei einem Fest in

der Stadt Tlaskala fielen 800 Opfer jährlich; der zweite Monat des

Jahres war, weil er so viele Menschenopfer forderte, nach der

Schlaflosigkeit der Menschen benannt. Trat Dürre, Misswachs u. dergl.

ein, so wurden die Opfer vermehrt. Die Einweihung des Haupttempels zu

Tenochtitlan (den 19. Februar 1487 nach Gama) »soll nach Torquemada

(1610) 62,344, nach Fra Toribio Motolinia und Ixtlilxochitl (von

mütterlicher Seite aus vornehmen mexikanischen Fürstengeschlecht, von

väterlicher Seite Spanier, der mit grossem Eifer die Geschichte des

Landes seiner mütterlichen Vorfahren durchforschte und seine

grossentheils zuverlässigen Werke um 1600 schrieb Waitz 4, 7 u. 8) sogar

80,400 Menschen das Leben gekostet haben.« Die Schädel der Opfer wurden

zu einer grossen Pyramide im Tempelhof aufgeschichtet, die man im

mexikanischen Haupttempel auf 136,000 berechnet hat (Waitz 4, 149). Und

ausserdem kommt noch eine grosse Zahl geopferter Menschen dadurch hinzu,

dass jedes auch kleinere Fest solche Opfer, nur wenigere forderte: durch

die stete Wiederholung aber, denn es gab viel Feste im Jahr, sammeln

sich auch diese zu einer grossen Summe. Wenn wir nun auch mit Waitz die

kleinsten der genannten Zahlen für die wahrscheinlichsten halten; so ist

die Zahl, die für jedes Jahr herauskommt, noch immer enorm. Waren die

eben besprochenen nur solche Opfer, die man den Göttern brachte, so

forderte der Tod vornehmer Menschen andere. Starb der Herrscher oder

irgend ein Vornehmerer sonst, so folgten diesem Weiber und Sklaven in

den Tod; aber da nun am 4ten, 20sten, 40sten und 80sten Tage nach dem

Begräbniss auf dem Grabe derartige Abschlachtungen stattfinden mussten,

so darf man sich auch die Zahl der auf diese Weise umgebrachten Menschen

nicht zu gering denken: stieg sie doch manchmal bis auf 200 (4, 167).

Die Quiches in Guatemala (4, 264) so wie die Chorotegen in Nikaragua

(279), toltekische Völker, brachten Menschenopfer dar wohl ebenso

reichlich als die Mexikaner, wie denn ihre Religion in fast allen

Stücken der mexikanischen gleich war. In Yukatan, wo solche Opfer zwar

auch vorkommen, waren sie doch minder zahlreich als in jenen Gegenden

und in Mexiko (4, 309).

In Darien vergifteten sich des Herrschers Lieblingsweiber und Diener bei

seinem Tod, oder sie wurden lebendig mit ihm begraben (4, 351), wie

Weiber und Diener auch bei den Chibchas in Neugranada getötet (4, 466)

und Menschenopfer bei allen diesen Völkern gar nicht selten den Göttern

dargebracht wurden. Ebenso war es auf den Antillen (4, 327).

In Peru waren Menschenopfer, wozu man gefangene Feinde nahm, selten und

nur bei ausserordentlichen Veranlassungen gebräuchlich. Weiber und

Diener aber folgten auch hier dem Inka, deren einem 1000 seiner

Angehörigen sich geopfert haben sollen, und ebenso den Vornehmen

freiwillig in den Tod nach, um ihm im Jenseits weiter zu dienen.

Namentlich aber Kinder wurden hier vielfach getötet; wenn ein Vornehmer

krank war, wurde eins von seinen eigenen Kindern den Göttern zum

Ersatzopfer, wie man annimmt, geschlachtet, welches dann freudig in den

Tod zu gehen pflegte. Vor dem Auszuge zum Krieg, bei Krankheit des

Herrschers und bei dessen Inauguration wurden Kinder, meist Knaben von

4-10 Jahren, seltener Mädchen, nach einzelnen freilich nicht ganz

glaubwürdigen Angaben bis zu 200, ja bis zu 1000, geopfert, was auch

beim Erntefest, bei verheerenden Epidemien, ja in einigen Gegenden mit

jedem erstgeborenen Kinde und mit dem einen von Zwillingen geschah. Auch

wurde den Todten von dem Blute des geopferten Kindes ein Strich von

einem Ohr zum anderen gezogen (Waitz 4, 460-61). Auch hier müssen wir

auf das zurückkommen, was wir oben gesagt haben: die Kinderopfer dienen

nur dazu, einen bei den Göttern, denen Kinder am liebsten waren,

besonders gültigen Vermittler zu haben; deshalb, und nicht zum Ersatz,

wurden die eigenen Kinder als Opfer bei Krankheiten preisgegeben und

unsere Auffassung wird unterstützt dadurch, dass die Kinder gewöhnlich

freudig in den Tod gingen: sie wussten, dass sie einem guten Loos

entgegengingen; daher auch der Strich mit Kinderblut über die Todten,

welche auf diese Weise gleich das Zeichen des Vermittlers an sich

trugen.

Die Kinderopfer in Mexiko hatten meist dieselbe Veranlassung und

denselben Zweck: so wurden zwei Kinder vornehmer Abkunft, wenn die Saat

aufging, ertränkt, vier, wenn sie grösser war, dem Hungertode

preisgegeben (4, 159). In Nikaragua wurde ein Knabe, wenn Regen nöthig

war, den Göttern dargebracht (4, 379). Aehnliche Opfer brachten die

Chibchas in Neugranada vor der Schlacht (364).

Über das Aussterben der Naturvölker · 第 8 / 17 段