Es könnte scheinen, als hätten wir uns schon allzu lange bei diesem

abschreckenden Gegenstande aufgehalten und seien zu sehr ins Einzelne

gegangen, allein dies genauere Eingehen war nöthig für folgenden

Nachweis. Da alle Polynesier liebevolle Eltern sind und wir dennoch

dieselben Eltern im ganzen östlichen Polynesien so vollkommen abgehärtet

gegen den Kindermord sehen, dass sie ruhig von allen den

Scheusslichkeiten sprechen, ja auch schon herangewachsene Kinder

kaltblütig morden: so kann diese Sitte nicht erst 50 Jahre vor der

Entdeckung, also um 1700 oder 1710 weiter um sich gegriffen haben, wie

Ellis will. Jedenfalls muss sie älter sein, auch in dieser Ausdehnung.

Denn um ein Volk so ganz zu beherrschen, dazu braucht eine solche Sitte,

auch wenn sie eingeschränkt schon früher im Gebrauche war, mehr als 50

Jahre. Auch ist uns berichtet, dass die marianischen Weiber ihre Kinder

vor und bei der Geburt massenweise tödteten, als die Spanier die Inseln

eroberten, damit die Neugeborenen nicht in Knechtschaft geriethen. Auch

das setzt schon ein Bekanntsein mit Aehnlichem voraus, und dazu kommt,

dass sich beim malaiischen Stamm überhaupt die Sitte des Kindermordes

oder des künstlichen Abortus sehr häufig findet. So treiben die Battas

häufig die Frucht vorzeitig ab, Waitz 5, 190; die östlichen Malgaschen

tödten Zwillinge, sowie sie solche Kinder, die an einem bösen Tage

geboren wurden, ertränkten, aussetzten oder lebendig begruben (Waitz 2,

441). Die Bisayas ziehen, um nicht zu verarmen, nur wenige Kinder auf,

und tödten uneheliche Kinder meist, weil das Mädchen, ihr Vater und ihr

Geliebter für aussereheliche Schwangerschaft Strafe zahlen müssen

(Loarca in Ternaux Archives 1, 23). Aehnlich die Pintados auf den

Philippinen, welche ihre Kinder vom 3ten an tödten, indem sie dieselben

unter Festen und Lustbarkeiten lebendig begraben, so wie auch, um sie

nicht ernähren zu müssen, alle unehelichen Geburten (nach einem Bericht

von 1577 in N. Journ. As. VIII, 39, 1831). Auf den Niasinseln setzt man

die Kinder aus (Domis bei Oosterling tydschrift toegew. van de

verbreiding d. Kennis v. Oost. Indie II, 2, 125). Abtreiben der Kinder

bei den Dajaks aus Sittenlosigkeit erwähnt Schwaner Borneo 1, 203.

Wie hat man sich nun die Entstehung dieser schrecklichen Sitte zu

denken? Ist es bloss Trägheit und Versunkenheit, worin sie wurzelt? In

Afrika und Nordamerika ist freilich meist das äussere Elend ihr Anlass,

wie auch die Markesaner ihre Kinder aus Hungersnoth tödteten und assen

(Ellis 4, 328); allein das reicht weder für Polynesien noch für

Südamerika aus. Meinicke meint nun (b, 59 bis 60), dass in Polynesien

der Kindermord eingeführt sei, um die Reinheit des Blutes der

Aristokratie zu erhalten. Er stützt diese Ansicht, für welche

historische Gründe sich nicht aufstellen lassen, dadurch, dass, trotzdem

der Kindermord bei allen Klassen der Bevölkerung vorkommt, er doch zu

Tahiti zumeist von den Areois ausgeht, dass alle Kinder aus gemischten

Ehen, die bei der förmlichen Berechtigung der Vornehmen zu jeglichem

Lebensgenuss gar nicht zu vermeiden waren, getödtet wurden. »So mögen«,

fährt er S. 60 fort, »solche Kinder seit Jahrtausenden getödtet sein,

ohne dass dies bei den körperlichen Vorzügen, die dergleichen

Verbindungen mit Menschen niederen Standes nicht häufig gemacht haben

werden und bei ihrer geringen Zahl grossen Einfluss gehabt haben wird.

Aber mit der Zeit fing man an, Kinder auch zu tödten, um durch die

Sorge, die sie erforderten, nicht an Ausschweifungen und Vergnügungen

gehindert zu werden (wie es bei den Areois der Fall war), und endlich

verbreitete sich die grauenvolle Sitte bloss durch den Einfluss der

Mode, die auf den Südseeinseln so gut wie in anderen Erdtheilen die

niederen Stände antreibt, Verkehrtheiten und selbst Laster der Vornehmen

nachzuahmen, auch unter das Volk, wo sie in der Bequemlichkeit,

Liederlichkeit, Armuth und den Beschwerden, die Kinder zu erziehen,

mannigfache Unterstützung fand. Man sieht, dass der Kindermord so mit

der Zeit stets zunehmen musste und wird hierin eine Hauptursache der

erstaunlich raschen Abnahme der Bevölkerung zu suchen haben, wenn auch

die Angaben der Missionäre über die Zahl der hingeopferten Kinder

übertrieben sein sollten«. Dies letztere ist nun zwar bei den mit

bestimmten Zahlen angegebenen einzelnen Fällen und der genauen

Uebereinstimmung der Angaben, welche die Missionäre machen, nicht

wahrscheinlich[H] wie denn Ellis ausdrücklich sagt, dass er Williams

Angabe, 2/3 der Kinder seien getödtet, an Ort und Stelle geprüft und

nicht übertrieben gefunden habe. Recht aber hat Meinicke darin, dass

auch er diese Sitte für eine sehr alte ansieht.

Allein sonst ist seine Ansicht schwerlich richtig. Mag auch späterhin,

und er hat es gewiss sehr reichlich gethan, der Unterschied zwischen

Volk und Adel dem Kindermord weitere Ausdehnung verliehen haben;

veranlasst hat er ihn gewiss nicht, wofür zunächst spricht, dass wir in

Südamerika den Kindermord fast in ähnlicher Ausdehnung wie in

Polynesien, jenen Standesunterschied aber nicht vorfanden. Aber auch für

Polynesien allein wird es bedenklich, den letzteren als alleinige

Ursache des ersteren anzusehen, wenn man Folgendes erwägt. Williams

sagt, wie wir schon vorhin sahen, dass ein niederer Mann durch

Kindermord sich dem Stand seiner vornehmeren Frau angleichen kann; was

Meinicke, wohl nur durch einen Irrthum seinerseits, für einen Irrthum

hielt. Denn aller Rang vererbte durch die Mutter; der Adel war ferner

eine mit Seele begabte, göttliche Klasse, im Gegensatz zu dem

unbeseelten, irdischen Volk. Kinderseelen nun, welche nach Mörenhout für

besonders heilig gehalten und zu denen als Vermittlern zwischen Göttern

und Menschen besonders gebetet wurde, konnten, wenn für den unbeseelten

Mann geopfert, ihm, sei es durch direkten Uebergang in ihn, oder sei es

durch Vermittlung bei den Göttern, zu einer Seele verhelfen, wodurch er

zu höherem Rang emporstiege. Die Areois sind eine religiöse

Gesellschaft; religiöse Scheu zeigte sich in der Art, wie man

(wenigstens in Tahiti) die Kinder umbrachte; man hat sie also in vielen

Fällen vielleicht nur getödtet, um Schutzgeister zu haben oder sie als

Opfer fürs eigene Leben--solche Opfer werden wir gleich noch mehr

sehen--den Göttern darzubringen. Dieselbe Bedeutung hat wohl der

Kindermord in Mikro-und Melanesien gehabt, wie einzelne Spuren noch

andeuten, wenn sich auch Zwingendes nicht dafür anführen lässt als eben

ihre Verwandtschaft mit den Polynesiern. Wenn aber Meinicke sagt, die

Sitte müsse überall geherrscht haben und sei, wo wir sie nicht erwähnt

finden, wie in Tonga, nur übersehen, so kann man das nicht zugeben; der

so feinen und scharfen Beobachtung Mariners hätte sich ein so

auffallender Gebrauch nicht entziehen können und er führt 2, 18-19 einen

Fall der Art ausdrücklich als etwas Ausserordentliches an. Aber möglich

ist es, ja wahrscheinlich, dass die Sitte auch in Tonga ursprünglich

geherrscht hat, nur während sie sich im übrigen Polynesien ausbreitete,

so erlag sie schon sehr früh und lange vor der Entdeckung dem besseren

Sinn der Tonganer, wie sie auch andere ähnliche Sitten aufgaben, z. B.

die Ermordung der Weiber beim Tode der Männer, von der Mariner als von

einer früher gebräuchlichen hörte (1, 342), die aber zu seiner Zeit

schon ausser Gebrauch gekommen war.

Da wir nun Gründe haben, bei den Polynesiern diesen Gebrauch für einen

ursprünglich religiösen zu halten, der freilich in späterer Zeit aus

ganz anderen Motiven, aus Faulheit, Eitelkeit, Lieblosigkeit,

Standeshochmuth u.s.w. sich unendlich verbreitete und das ganze Leben

der Nation in der neuen Gestalt anfrass; so möchte auch die ziemlich

weite Verbreitung der Sitte, wie wir sie im eigentlichen Malaisien von

Luzon bis nach Madagaskar hin nachwiesen, auf demselben Princip beruhen.

Wie es sich in Südamerika hiermit verhält, lassen wir, da es uns an

älteren Daten fehlt, unerörtert; doch hat hier vielleicht eine ähnliche

Grundanschauung geherrscht, als wir sie für Polynesien annahmen. Denn in

Mexiko wenigstens glaubte man, kleine Kinder, welche stürben, seien den

Göttern besonders lieb; sie kämen zu einem Baum, von welchem beständig

Milch herabträufele, und seien Vermittler zwischen Göttern und Menschen

(Waitz 4, 166). Kinderopfer, um die Götter gnädig zu stimmen, kamen viel

bei ihnen vor (4, 159) und das Bild des Gottes, das sie bei der

Ceremonie, die unserem Abendmahl ähnlich ist, unter sich vertheilen und

als »das Fleisch Gottes« verzehren, war mit Kinderblut angefertigt, wie

auch bei den Totonaken die Kuchen bereitet waren, welche sie »das Brot

unseres Lebens« nannten (Waitz 4, 161). Jetzt scheint diese Sitte dort

keine anderen Motive zu haben, als Eitelkeit, Faulheit und Elend und

Noth[I]. Das Tödten von Zwillingen oder des einen von beiden Kindern

beruht auf anderen Grundlagen: es geht aus von dem Schreck über das

portentum einer mehrfachen Geburt, in welcher man etwas Unnatürliches

und daher Unheimliches oder aber eine Thierähnlichkeit sah.

§ 9. Krieg und Kannibalismus.

Haben wir oben gesehen, wie wenig das Menschenleben bei den Naturvölkern

geachtet wurde, so werden wir von seinem geringen Werth bei ihnen im

Folgenden noch massenhaftere Beispiele finden, da wir uns zunächst mit

der Frage beschäftigen müssen, welchen Einfluss auf Zahl und Existenz

dieser Völker haben Krieg, Kannibalismus und Menschenopfer gehabt?

Freilich scheint die Art der Kriegführung bei den unkultivirten Stämmen

mindere Opfer als bei den kultivirten gefordert zu haben. Denn so

kriegerisch auch die Nordamerikaner waren, so sehr ihr ganzes Leben

beinah auf dem Krieg beruhte, so galt ihnen doch eine Art der

Kriegführung, wie die europäische, wo man in offener Feldschlacht stets

das eigene Leben in Gefahr setzt, für Thorheit, ihr Krieg bestand nur in

Ablauern des Feindes, in Ueberfall und Hinterhalt; daher er denn, dem

entsprechend, minder durch Tapferkeit als durch Schnelligkeit,

Schlauheit und Verwegenheit geführt wurde. Aber dafür endete auch der

Krieg bei ihnen nie: denn Grenzverletzungen oder Blutrache, sowie Rache

für Zauberei (durch die man jeden Todesfall, namentlich aber den Tod von

Häuptlingen verursacht glaubte) oder alter, einmal eingewurzelter und

durch stets neue schlimme Thaten niemals verlöschender Stammhass

erregten ihn immer aufs Neue. Und gerade diese versteckte, fast feige

scheinende Art, wie sie den Krieg führten, brachte oft ein furchtbares

Blutvergiessen hervor, da bei den Ueberfällen der meist unvorbereitete

und wehrlose Feind ganz und gar mit Weib und Kind niedergemetzelt wurde,

schon der Skalpe wegen, deren Erbeutung ja den Siegern die grösste

Herzenssache und Ehre war. In Virginien zwar und bei den Huronen wurden

Weiber und Kinder meist zu Gefangenen gemacht; war der Kampf aber lang

und erbittert gewesen, so mordeten auch hier die Sieger so lange als sie

die Arme heben konnten (Waitz 3, 150-154). Und gefangene Feinde, die

Männer wurden ja von diesen Völkern wie bekannt so gut wie immer

getödtet. Dass aber solche Kriege der Existenz ganzer Völker

verhängnissvoll geworden sind und also, als für ihr Aussterben

grundlegend, recht eigentlich zu unserer Betrachtung gehören, dafür hat

Waitz, was Amerika betrifft, 1, 165, Zeugnisse gesammelt. »Die

Kupferminenindianer sagt er an dieser Stelle, wurden durch die

Hundsrippenindianer (Hearne) fast vertilgt, die Moquis durch die Navajos

im hohen Grade geschwächt (Schoolcraft), die Osagen durch ihre

erstaunlich vielen Feinde innerhalb 10 Jahren auf die Hälfte ihrer

früheren Anzahl reducirt. Der kleine Rest des besiegten Volkes wird dann

nicht selten von dem siegenden in sich aufgenommen und sein Name

verschwindet von da an aus der Geschichte. Auf diese Weise sollen z.B.

die Creecks allmählich die Reste von 15 anderen Stämmen verschlungen

haben.« Auch die Irokesen (Waitz 3, 155) haben ausserordentlich durch

derartige Kriege gelitten. Jenseits des Felsengebirges sind die Kriege

viel milder und thun im Ganzen wenig Schaden (3, 338) und ebenso ist es

auch bei den Oregonvölkern, wenn diese gleich viel kräftiger zu sein

schienen als die Nulkas und Chinooks.

Der Kannibalismus, welcher vom Kriege nicht zu trennen ist, hat auf die

Völker Nordamerikas keinen sehr bedeutenden und für ihre Zahl durchaus

ungefährlichen Einfluss gehabt. Er findet sich bei manchen Völkern, z.B.

den nördlichen Athapasken, den Hasenindianern, Nipissangs, den Crees,

Ojibways, doch ist bei allen diesen das Entsetzen vor der That ein ganz

ausserordentliches. Ebenfalls findet er sich, und durch gleiche

Veranlassung, bei den Indianern in Canada, die ihn aber minder

verabscheuen (Waitz 3, 89). Allein bei den Algonkins und den Irokesen,

den Sioux war der Kannibalismus früher (jetzt hat er aufgehört) weit

verbreitet und besonders merkwürdig ist es, dass es bei den Miami und

Potowatomi eine besondere, aus bestimmten Familien sich ergänzende

Gesellschaft gab, welche Menschenfleisch ass und sich im Besitz von

übernatürlichen, auf andere übertragbaren Zauberkräften wähnte (Waitz 3,

159 nach Keating): man wird an die Gesellschaften der Areois auf Tahiti

und die entsprechenden auf den anderen polynesischen Inseln erinnert.[J]

Aber bei allen diesen amerikanischen Völkern sowie auch bei den

Oregonindianern (Waitz 3, 345) ward der Kannibalismus nur an gefangenen

oder gefallenen Feinden ausgeübt, deren Herz man ass, theils aus Rache,

theils um sich die Tapferkeit und Kraft dessen, dem das Herz gehörte,

anzueignen (Waitz 3, 159).

In Südamerika hat der Krieg nicht minder, die Anthropophagie noch weit

mehr gewirkt, als in Nordamerika: lebte doch hier das Volk, welches dem

Kannibalismus seinen Namen gegeben hat, die Kaniben, Kariben oder

Karaiben. Ursprünglich auf den kleinen Antillen und dem ihnen

gegenüberliegenden Festland heimisch machten sie von dort aus, nach

Columbus Erzählung, verheerende Kriegszüge in weite Ferne, um Weiber zu

erbeuten, während sie die Männer erschlugen und sie, wie auch ihre

eigenen mit den gefangenen Weibern erzeugten Kinder frassen (Waitz 3,

374-375). Auch ihre Weiber waren ausserordentlich kriegerisch und

kämpften so selbstständig, dass die Sage von den Amazonen, die im

nördlichen Südamerika häufig vorkommt, durch sie veranlasst zu sein

scheint. Schomburgk 2, 429 erzählt, dass die Kariben sich namentlich

gegen die Makusis wandten, um Sklaven zu erbeuten, zu welcher

Menschenjagd sie von den Holländern aus Eigennutz angetrieben wurden,

denn diese kauften die Sklaven von ihnen. Er schildert diesen

scheusslichen Handel näher und sagt, dass er bis gegen die vierziger

Jahre dieses Jahrhunderts, also bis auf unsere Zeit hin bestanden habe!

Die Art nun, wie noch jetzt die Kariben von allen anderen indianischen

Stämmen als Herrn und Gebieter gefürchtet werden, so dass sie ohne

Weiteres sich in jeder beliebigen Hütte was ihnen gefällt nehmen können

(ebendas. 427); so wie die blinde Angst, welche man noch jetzt in jenen

Gegenden vor ihnen hat, lässt erkennen, was sie einst gewesen sein

mögen. Und wie durch sie die Aturen (Humboldt c, 1, 284) in die

Katarakten des Orinoko, wo

ihres Stammes letzte Spuren

birgt des Uferschilfes Grün,

hineingedrängt verkamen: so waren die blutigen Kriege, welche von ihnen

ausgingen, eine Hauptursache für die Verminderung der Stämme in Guyana.

Indess verzehren sie jetzt (Schomburgk 2, 430) Menschenfleisch nicht

mehr; und jetzt sind auch sie sehr zusammengeschmolzen (eb. 417), wozu

ihre eigenen Kriege nicht wenig beigetragen haben mögen. Da nun auch die

Tupi tapfere, ja wilde Krieger waren (Azara 218) und sie sowohl wie auch

die Guarani (welche Azara 213 ff. freilich als sehr scheu schildert)

Menschenfleisch verzehrten; da nun auch fast alle südamerikanischen

Stämme, die Araukaner (Waitz 3, 529 ff.), Chiquitos (eb. 530), die

Pampas, Patagonier u.s.w. (Azara an vielen Stellen) sich durch wilde

Tapferkeit auszeichneten und demzufolge zwischen ihnen fast stetiger

Krieg herrschte; da sie fast alle Kannibalen waren, wie die Mbayas

(Waitz 3, 473), ganz besonders die Guaykurus (471), die Tobas (475), die

Abiponer (476), die Feuerländer (508) und ebenso die Patagonier, welche

alle feindlichen Männer niederhieben, Weiber und Kinder aber zu

Gefangenen machten: so werden wir begreiflich finden, dass die Zahl

dieser Völker, die in so heftigem und unablässigem Kampf mit einander

sind, auch dadurch abgenommen hat und noch jetzt abnimmt. Tschudi 2, 259

sagt geradezu, dass die Angriffe der Botokuden auf die von den

Portugiesen um Rio Janeiro unterworfenen halb civilisirten Indianer die

Ursache seien, dass jene Gegenden auch heute noch so spärlich bevölkert

seien. Auch mag daran erinnert werden, dass jene Völker in dem

Urarigift, mit dem sie ihre Lanzen vergifteten, eine ganz besonders

gefährliche Waffe haben, da dies Gift auch bei der leisesten Verwundung

unfehlbar tödtet.

Tüchtige Krieger waren nun, nach der trefflichen Schilderung bei Waitz,

auch die Kulturvölker des alten Amerikas. Doch da ihre Kriege keine

Vernichtung des Feindes bezweckten, sondern diesem, auch wenn er besiegt

wurde, seine Nationalität und Hab und Gut liessen, bis auf den Tribut,

den sie zahlen mussten (Waitz 4, 77. 406), so konnten diese wohl den

Namen von Völkern aufhören machen, indem sie das besiegte dem eigenen

Volke einverleibten, und namentlich in Peru geschah das öfters (407),

aber ein Volk vernichten oder auch nur so weit verringern, dass seine

Lebenskraft dadurch gebrochen wäre, konnten sie nicht und haben sie

nicht gethan, denn Columbus, Cortez und Pizarro fanden dichtbevölkerte,

blühende Staaten vor. Zwar herrschte auch Anthropophagie in Mexiko: die

geopferten Sklaven oder Kriegsgefangenen wurden verzehrt, und die

Ottomies sollen sogar Menschenfleisch auf dem Markte verkauft haben,

eine Sitte, die man so wenig anstössig fand, dass man offen davon sprach

und den Spaniern erzählte, ihr Fleisch schmecke bitter (Waitz 4, 158);

doch liegt es auf der Hand, dass auch diese Sitte dem Bestehen dieser

Völker oder seiner Nachbarn nicht die mindeste Gefahr brachte, da sie

sehr wenig ausgedehnt war. Sie scheint ein Recht zu sein aus alter und

ältester Zeit, wo sie dann freilich weitere Verbreitung gehabt haben

wird. Auch in Neugranada war Kannibalismus, in manchen Gegenden des

Landes in sehr roher Form, verbreitet (Waitz 4, 374, 376). Was von den

Cariben erzählt wird, dass sie ihre eigenen mit gefangenen Weibern

erzeugten Kinder gefressen hätten, wird auch von ihnen berichtet (4,

374). Auch in Yukatan (310) fand sich Anthropophagie.

Anders aber finden wir es in der Südsee. Zwar in Australien sind, ausser

im Norden, die Kämpfe an sich wenig blutig: Hale 115 beschreibt

dieselben, wie sie meist aus Privatschlägereien entstehen, wie sich dann

beide Parteien, jede bis 200 stark, heftig und lange erst schelten, und

dann Mann für Mann vortritt und den Speer schleudert, bis einer

verwundet wird: dann hört der Kampf auf. Doch fehlt es ihnen keineswegs

an Muth, Kraft und Standhaftigkeit, wie sie auch Schmerzen mit grosser

Geduld ertragen (Turnbull 34-35). Allein da die Kriege, bei der

Verfehdung fast aller Stämme unter einander, doch sehr zahlreich sind

(Wilson 143 v.d. Rafflesbai), da man manche Stämme von ihnen, namentlich

die Nordaustralier, deren Krieger und Zauberer durch den ganzen

Continent aufs Aeusserste gefürchtet sind, als Gegner auch Europäern

gegenüber keineswegs verachten darf (Grey 1, 152), da ferner auch diese

Kriege zum grössten Theil in Ueberfall und in Ermorden Wehrloser oder

Schlafender bestehen und, weil jede solche That wieder Rache verlangt,

geradezu unendlich sind (Meinicke a 2, 198)--so sind sie für die Zahl

und das Gedeihen der Einwohner so verhängnissvoll, dass wir sie als eine

der wichtigeren Ursachen für das Aussterben der Australier hier

bezeichnen müssen. Auch die Eingeborenen von Vandiemensland lebten unter

einander in beständigem Streit, der von Stamm gegen Stamm ausgefochten

wurde (Nixon 26).

Auch Kannibalismus herrscht in Neuholland, doch keineswegs sehr

ausgedehnt. So brauchen nach Angas 1, 68 die Eingeborenen von Lake

Albert die Schädel ihrer Feinde als Trinkgeschirre, ganz wie die Inkas

von Peru (Waitz 4, 413) und die Abiponer, und nach dem bekannten

Zeugniss des Paulus Diaconus, die Langobarden.[K] Ferner sollen

Kannibalen im Innern des Landes leben (Angas 2, 231); ganz sicher

verzehren im Norden Freunde ein Stück vom verstorbenen Freund und an

Moretonbai assen (Angas 1, 73) Eltern aus Liebe von dem Fleische ihrer

todten Kinder, eine Sitte, welche nach Anderen auf geliebte Verwandte

überhaupt ausgedehnt ist (Howitt a, 289. Austral, Felix 134). Sie findet

sich auch zu Hawaii: dort ass das Volk aus Liebe Fleisch von der Leiche

seiner verstorbenen Fürsten (Remy XLVIII. 125.[L]) Auch Aberglaube

diente dazu den Kannibalismus zu verbreiten. Wie bei den Potowatomi und

den Miami in Nordamerika, wie in so manchem indisch-arabischen Mährchen

der Genuss des Menschenfleisches höhere übermenschliche Kraft gibt--ein

Zug, der auch, wie wohl verdunkelt, in deutschen Sagen vorkommt

(Bechstein, Sagen des Rhöngeb. u. d. Grabfeldes 60 ff.)[M]--ebenso

müssen in Australien (nach Eyre) die Zauberer Menschenfleisch essen, um

ihre Wunderkraft zu behalten. Am Lake Alexandrine ist es nicht

ungewöhnlich, einem lebenden Menschen das Nierenfett auszuscheiden, das

als Zauber gegen böse Geister von ganz besonderer Kraft sein soll (Angas

1, 123). Auch Bennet (1, 295) fand Menschenfett als Zaubermittel oder

Medikament aufgehoben. Meinicke a 2, 184 hat also wohl die Neuholländer

zu frei von Kannibalismus dargestellt.

Über das Aussterben der Naturvölker · 第 7 / 17 段