hervorheben möchten. Wie Gram und Kummer, Druck und Despotismus das
äussere Leben zurückhalten und verkümmern lassen, so wirken sie
natürlich auch auf die Fruchtbarkeit der Weiber ein, denn der Einfluss
des geistigen Lebens auf jede Seite des leiblichen, so sehr man ihn auch
anerkennt, kann kaum mächtig genug gedacht werden. Wo daher ein schwerer
Druck auf der Bevölkerung liegt wie durch die Adelsherrschaft in
Polynesien und hier namentlich auf den Fidschi- und Hawaiiinseln, da
wird es auch leichter unfruchtbare Ehen geben. Und noch mehr, wenn der
Druck der Herrscher zugleich das tiefste moralische Weh über die
Unterworfenen bringt, wie das durch die furchtbaren Einwirkungen der
Europäer fast überall geschehen ist. Auch ist zu bemerken, dass von
diesen Gründen stets mehrere vereint, nie einer allein wirken; dass wir
die verminderte Fruchtbarkeit also äusserlich veranlasst sehen, wodurch
die Ansicht, sie sei Raçencharakter, schon erschüttert wird. Und wäre
sie es wirklich, so müsste sie doch überall sich bei den betreffenden
Raçen zeigen. Aber das ist gar nicht der Fall. In Neuholland z.B., wo
allerdings Heirathen in demselben Stamme so gut wie gar nicht vorkommen,
werden fruchtbare Ehen gar nicht selten erwähnt. Grey (a.a.O.) sah 41
Weiber, welche zusammen 188 Kinder hatten; und gar manches Volk in
Amerika gibt es, welches eine sehr reichliche Kinderzahl besitzt, so die
Stämme der Nordwestküste, die Nordindianer, welche Hearne besuchte, die
Chippewais, die Sioux, die Mandans, und manche Südamerikaner, welche
Waitz 1, 171-72 zusammenstellt. Und während einzelne Theile
melanesischer Bevölkerung meist nur kinderarme Familien aufweisen, ist
das Gegentheil bei anderen, z.B. den Fidschis der Fall; dieselben
Gegensätze zeigt Mikronesien und Polynesien, in welchem letzteren Gebiet
z.B. Tonga ganz anders als Tahiti und die Markesasinseln nur fruchtbare
Ehen kennt. Und wer hat je etwas der Art von dem Brudervolk der
Polynesier, von den Malaien gehört? Gedeihen sie nicht reichlich in
ihrer Inselwelt und müsste nicht, wäre die Unfruchtbarkeit
Raçencharakter, sie sich auch bei ihnen vorfinden?
Umgekehrt aber findet sie sich bei Kulturvölkern, bei denen die oben
besprochenen Gründe wirksam sind, wofür Waitz 1, 173 einige Beispiele
aufstellt. Wo diese Gründe aber wegfallen, da sind die Weiber auch sonst
minder fruchtbarer Stämme mit Kindern gesegnet. Neuseeländerinnen mit
Europäern (Dieffenbach 2, 152) und Botokudinnen mit Weissen oder Negern
vermählt (Tschudi 2, 284) pflegen sehr fruchtbar zu sein, weil dann die
Frau meist ein ruhigeres, besseres Leben hat, wie Tschudi dies sehr
richtig a.a.O. erklärt, nicht aber etwa in Folge der Vermischung und des
Einflusses einer höheren Raçe, da ja in der Ehe mit Negern dasselbe
Verhältniss eintritt.
Wir würden schon hieraus die Unfruchtbarkeit der Weiber vollkommen
erklärlich finden, ohne Hinzunahme einer so wenig begründeten Theorie,
wie die von der minderen Zeugungsfähigkeit der hinschwindenden Raçen.
Aber einen der wichtigsten Gründe, welcher nicht nur diese
Unfruchtbarkeit, sondern überhaupt die Verringerung der Naturvölker
nicht zum mindesten Theil erklärt, haben wir noch zu besprechen: es ist
das weitverbreitete Tödten der Kinder vor oder gleich nach der Geburt.
Bei den Hottentotten (Sparmann 320) herrschte die Sitte, Säuglinge,
deren Mutter starb, mit dieser zugleich zu begraben oder auszusetzen;
ebenso tödteten sie von Zwillingen das eine Kind. Künstliche
Fehlgeburten kamen häufig bei ihnen vor. Noch häufiger war dies alles
bei den Buschmännern, welche bei ehelichen Streitigkeiten, bei
Nahrungsmangel, der sie oft genug betraf, und bei eiliger Verfolgung die
Kinder tödteten, aus Rache und Zorn gegen den Ehegatten, oder weil sie
dieselben nicht ernähren, nicht mitnehmen konnten; das heisst in den
meisten Fällen, weil sie jede ungewöhnliche Anstrengung, welche ihnen
die hülflosen Kinder auferlegt hätten, scheuten. Zwillinge und
missgestaltete Kinder wurden stets umgebracht (Waitz 2, 340 und daselbst
die Quellen).
Ebenso war es in Amerika, namentlich in der südlichen Hälfte des
Kontinentes, während die Indianer Nordamerikas, wie sie überhaupt höher
stehen, auch ihre Kinder besser halten, ja sie oft mit der innigsten
Liebe pflegen. So verwenden z.B. die Potowatomi auch auf arbeitsunfähige
und blödsinnige Kinder zärtliche Sorgfalt (Waitz 3, 115-16); und die
Huronen zogen auch solche Säuglinge auf, deren Mutter gestorben war
(Waitz b, 100). Künstlicher Abortus dagegen war weit verbreitet unter
den Thakallis, dem westlichsten Stamm der Athapasken, welcher auch sonst
sehr tief stand und von Keuschheit oder ehelicher Treue keinen Begriff
hatte (Waitz b, 90). Dass die Knisteno namentlich ihre weiblichen Kinder
tödteten, um sie vor dem elenden Loos des Lebens, das sie erwartete, zu
behüten (Waitz 3, 103), ist schon erwähnt. Und nun gar in Südamerika.
Die Guanas (Azara 232) bringen die meisten Mädchen sofort bei der Geburt
um, indem sie die Neugeborenen lebendig begraben; überhaupt aber ziehen
sie nur etwa die Hälfte ihrer Kinder auf. Da es bei den Tupis Sitte war
(Waitz 3, 423), die Neugeborenen dadurch anzuerkennen, dass man sie vom
Boden aufhob, so können wir hieraus schliessen, dass bei ihnen,
wenigstens in früherer Zeit, viele Kinder, die man eben nicht aufhob,
getödtet sind. Von den Guaikurus (östlich vom oberen Paraguay) berichtet
Azara 273, dass die ganze Nation hauptsächlich durch Abtreiben der
Kinder, von denen sie nur das letzte und also, da diese Rechnung sehr
unsicher ist, oft keins schonten, ganz verschwunden sei; und wenn wir
auch mit Waitz (3, 430) diese Nachrichten, sowohl in Beziehung auf ihr
Aussterben--denn Castelnau z.B. fand 6 Stämme von ihnen, darunter zwei
ackerbauend, am Paraguay vor--als auch in Betreff dieser furchtbaren
Ausdehnung des Kindermords für übertrieben halten, so muss doch
künstlicher Abortus bei ihnen vorzugsweise verbreitet gewesen sein, wie
ihn auch noch neuere Reisende, Martius, Castelnau bei Waitz 3, 472 als
gewöhnlich unter ihnen angeben. Auch von den Mbayes, welche indess von
den Guaikurus nicht zu trennen sind, gibt Azara 250 genau dasselbe an:
sie tödten alle Kinder bis auf eins, bisweilen auch alle insgesammt. Als
Gründe für diese Sitte geben die Indianerinnen an, regelmässige Geburten
machten sie vor der Zeit alt und hässlich, auch sei es ihnen, bei ihren
ewigen Wanderzügen, wo sie selbst oft nichts zu essen hätten, sehr
schwer mehr als ein Kind mitzunehmen und zu erhalten. Fühlte sich also
eine Frau schwanger, so legte sie sich auf die Erde und andere Weiber
gaben ihr so lange die heftigsten Schläge auf den Unterleib, bis Blut
und bald darauf die Frucht abging, eine Operation, an der natürlich
viele Weiber sogleich oder kurz darauf starben, andere wenigstens ihr
ganzes Leben siechten (Azara a.a.O.). Auch bei den Abiponen herrschte
dieser Gebrauch; mehr als zwei Kinder zogen sie nicht auf (Waitz 3,
476). Die Tobas (zwischen Abiponen und Guaikurus, östlich vom Paraguay)
tödten viele ihrer Kinder (Waitz 3, 475), die Lules (östlich von den
Tobas) alle unehelichen, von Zwillingskindern, welche für ein Zeichen
von Untreue gelten, immer eins, und wenn die Matter stirbt, so begraben
sie den Säugling mit ihr (Waitz 3, 480). Die Yurakares, westlich vom
Titikaka-See, mordeten ihre Kinder, wenn sie keine Lust hatten, sie
weiter zu verpflegen (Waitz b, 100). Die Moxos tödteten von Zwillingen
immer das eine Kind und begruben kleine Kinder mit ihrer Mutter, wenn
diese starb (Waitz 3, 537). Gegen Zwillingskinder wandten sie diese
Massregel an, weil man in einer solchen Doppelgeburt etwas
Thierähnliches sah (Waitz b, 100). Die Chiquitos (zwischen dem oberen
Paraguay und dem Titikaka) hatten so wenig Anhänglichkeit an ihre
Kinder, dass sie dieselben leicht fortgaben oder verkauften (Waitz 3,
530) und von den Minuanes (am unteren Parana) erzählt Azara 191 ganz
ähnliches; waren die Kinder entwöhnt, so kümmerten sich die Eltern gar
nicht mehr um sie, vielmehr wurden sie von verheiratheten Verwandten
aufgezogen. Bei den caribischen Völkern herrschten dieselben Sitten, wie
dies Humboldt b 4, 225-28 genauer schildert. Von Zwillingen tödten sie
immer ein Kind, um nicht wie Ratten, Beuteltiere und das niederste
Gethier, das viele Jungen zugleich wirft, zu sein, oder weil man auch
hier in einer solchen Doppelgeburt ein Zeichen von Untreue sieht. Auch
missgestaltete, ja selbst schwächliche Kinder werden getödtet, um sich
der Last, die man später mit ihnen haben würde, zu entziehen. Die Frauen
dieser Völker haben verschiedene Pflanzenaufgüsse, welche sie zum
Abtreiben anwenden und zwar in verschiedenen Gegenden zu verschiedener
Zeit, je nachdem sie es für die Gesundheit und die Schönheit früh oder
spät Kinder zu bekommen für zuträglich halten. Auch bei den Makusis
sieht Schomburgk (2, 312), so sehr er auch sich gegen diese Annahme
sträubt, sich genöthigt, an künstliche Fehlgeburten zu glauben. Wenn er
aber meint (313), dass Zwillinge bei ihnen nicht getödtet würden, und
dass überhaupt solche Geburten höchst selten bei ihnen seien, weil er
nur zweimal unter den Eingeborenen von Guyana, einmal unter den Makusis,
einmal unter den Waikas Zwillinge sah und nie von ihnen reden hörte, so
ist das sicherlich unrichtig, denn er selbst erzählt, dass die Frauen
jener Völker auf seine Bemerkung, die Europäerinnen bekämen bisweilen
zwei, ja drei Kinder, den Mund spöttisch verziehend geantwortet hätten:
wir sind keine Hündinnen, die einen Haufen Junge werfen.[G] Also auch
hier dieselbe Auffassung wie überall in Südamerika und sicher auch
derselbe Gebrauch. Schon die Seltenheit von Zwillingen spricht dafür;
und wenn die Indianer nie von Zwillingen sprechen, so erklärt sich das
aus dem herrschenden Gebrauch, von der Ermordung der Kinder überhaupt
nicht zu reden; man thut, als seien sie eines natürlichen Todes
gestorben: »Das arme Kind konnte nicht mit uns Schritt halten; man hat
nichts mehr von ihm gesehen« (Humboldt 64, 226).
Auch bei den Kulturvölkern Amerikas herrschte derselbe Brauch. Die
Mexikaner, in dem Glauben, dass Zwillinge den Tod des Vaters oder der
Mutter vorbedeuteten, tödteten oft das eine der beiden Kinder (Waitz 4,
164). Die Chibchas, in Neu-Granada, thaten dasselbe, weil sie in
Zwillingsgeburten die Folge grober Ausschweifungen sahen (eb. 4, 367).
Auch in Peru galten Zwillinge als üble Vorbedeutung für die Eltern, der
man in vielen Theilen des Landes durch Fasten (eb. 417), in anderen
durch Tödtung eines der Kinder vorzubeugen suchte (eb. 461). Die
darischen Weiber sollen ihre Kinder getödtet haben, um ihre Schönheit zu
bewahren (350). Die zu den Chibchas gehörenden Panches tödteten alle
ihre Kinder, so lange ihnen nur Mädchen geboren wurden (eb. 376); und
hier mag denn den Schluss die Bemerkung bilden, dass die vielfach
vorkommende Tödtung der Mädchen ursprünglich wohl nicht den Grund hatte,
den Töchtern ein schlimmes Lebensloos zu ersparen, welche Auffassung
gleichwohl späterhin gegolten haben mag: der Hauptgrund war gewiss ein
abergläubisch-religiöser oder wenigstens der, dass man Knaben der
Kriegstüchtigkeit halber und weil man sie für vortrefflicher hielt,
lieber sah als Mädchen.
Dieselben Sitten galten in Neuholland. Stirbt die Mutter eines
Säuglings, so wird derselbe mit ihr begraben und von Zwillingen stets
das eine Kind getödtet (Freycinet 2, 747), in Ost- und Westaustralien;
missgestaltete Kinder oder solche, die bei der Geburt Schmerzen
machen--diese alle gewiss, weil man sie von bösen Geistern besessen
glaubt--tödtet man gleichfalls, so wie alle Kinder von europäischen
Vätern, welche die Mutter verliessen (Grey 2, 251. Bennet 1, 122). Von
Mischlingskindern tödtet man nach Breton (231) indess nur die Knaben,
nicht die Mädchen, während sonst die Mädchen so vorzugsweise getödtet
werden, dass nach Grey (2, 251) das Verhältniss der Weiber und Männer
wie 1: 3 ist. Jede Mutter tödtet ihr drittes, bisweilen schon ihr
zweites Mädchen, wenn es nicht eine fremde Frau als ihr Kind annimmt
(Salvado 111). Fehlgeburten werden oft herbeigeführt und Neugeborene oft
getödtet, um der Last und der Schwierigkeit, Kinder aufzuziehen, zu
entgehen (Meinicke a 2, 208). Ja es soll sogar vorkommen, dass Eltern
ihre neugeborenen Kinder selbst auffressen (Stanbridge, transaction of
the ethnol. Society X. S. 1, 289; Australia felix 129; Angas 1, 73). Auf
Vandiemensland dagegen herrschte der Kindermord nicht (Bibra 16).
Wohl aber in Melanesien, und so auf Vate (Gill 67), wo man neugeborene
Kinder lebendig begrub und nur zwei bis drei aufzog (Turner 394), und
ebenso war es auf Erromango (Turner 491) und in grösster Ausdehnung auf
den Inseln in der nächsten Nähe von Neuguinea (Reina in Zeitschr. 4,
359). Auf den Fidschiinseln war der Kindermord gleichfalls nicht selten,
wie Williams und Calvert (1, 180) berichten und das Gemälde, das sie
entwerfen, ist düster genug: künstliche Fehlgeburten, Tödtung der
Kinder, namentlich der Mädchen, gleich nach der Geburt, ist sehr häufig,
aus Laune, aus Faulheit, aus Eifersucht und Rache; wie in Polynesien gab
es auch hier in jedem Dorf Leute, welche Fehlgeburten herbeizuführen
verstehen. Hale (66) schreibt den Fidschis dieselbe Sitte zu, welche wir
bei den Tupis fanden und welche ja auch unter den Indogermanen eine so
weit verbreitete war, dass alle Kinder, welche der Vater oder Priester
nicht unmittelbar nach der Geburt vom Boden aufnimmt, als
»ausgestossene« getödtet werden.
Aber schlimmer noch und wahrhaft in entsetzlicher Ausdehnung tritt der
Kindermord auf im übrigen Ozeanien. Wir beginnen mit Mikronesien.
Während allerdings die Carolinen frei von diesem Verbrechen waren
(Chamisso 137), durfte auf den Ratakinseln keine Mutter mehr als drei
Kinder grossziehen: alle übrigen wurden umgebracht (Chamisso 119); und
ebenso ist, um übergrosse Bevölkerung zu vermeiden, künstlicher Abortus
bei den Gilbertinsulanern nach Gulick (410), allerdings gegen Hales
Ansicht, häufig. Von der Kingswillgruppe, aber mit Ausnahme von Makin,
sagt auch Hale dasselbe (96). Nach alledem, was wir von den marianischen
Uritaos wissen, scheinen auch sie, obwohl bestimmte Daten darüber
fehlen, die Kinder, welche ihnen bei ihren Ausschweifungen und
namentlich die, welche von niederen Weibern geboren worden, getödtet zu
haben.
Im eigentlichen Polynesien nun bleiben auf Tikopia nur die ältesten
beiden Söhne am Leben, um die Insel nicht zu übervölkern, so wie alle
Mädchen, daher die Insel weit mehr Weiber als Männer hat (Dillon 2,
134). Auf Tonga kam der Kindermord, dessen Motiv dann meist Trägheit
oder Bequemlichkeit ist, nur vereinzelt vor (Mariner 2, 18-19), auf
Samoa aber gar nicht (Wilkes 2, 80, Williams 560) und ebenso wenig, um
das hier gleich anzuschliessen, auf den Herveyinseln (Williams 560).
Allein auf Tahiti war das Verbrechen so im Schwunge, dass Ellis (1, 249)
annimmt, es habe sich in der Ausdehnung, wie er es vorfand, erst in
etwa den letzten 50 Jahren vor der Entdeckung, ausbreiten können, weil
sonst eine so zahlreiche Bevölkerung, wie sie Wallis und Cook vorfanden,
sich unmöglich habe erhalten können. Cook fand den Kindermord schon
allgemein verbreitet vor und suchte vergeblich den König Otu zu seiner
Abschaffung zu veranlassen. Auch die Missionäre des Duff (1796) fanden
die Tödtung der Kinder als etwas ganz Selbstverständliches, über das mit
der grössten Gleichgültigkeit geredet wurde (Wilson 272. 310); und mit
demselben Entsetzen über diese Gleichgültigkeit wie Wilson sagt auch
Ellis, dass etwa zwei Drittel der Kinder getödtet seien. Die ersten drei
Kinder wurden es meist, Zwillinge gleichfalls, mehr wie zwei oder drei
Kinder zog Niemand auf. Allein eben dadurch konnten sich die Geburten
rascher folgen und so fand Ellis Frauen, welche vier, sechs, acht, ja 10
und noch mehr Kinder getödtet hatten (1, 250. 251); ja er versichert,
und da kein Stand von dem Gebrauche ausgeschlossen war, ganz glaublich,
kein Weib gefunden zu haben, das nicht seine Hände mit dem Blut der
eigenen Kinder befleckt hätte. Unter den Areois nun war es so strenges
Gesetz, alle Kinder, welche den Mitgliedern der Gesellschaft geboren
wurden, zu tödten, dass wer sich diesem Gesetz nicht fügte, sofort
ausgestossen wurde. Die einzigen Ausnahmen, welche gestattet waren,
bestanden darin, dass die ersten Fürsten ihren ersten Sohn behielten und
dass die vornehmsten Areois (die Gesellschaft hatte 12 Grade, Mörenhout
1, 489) nur ihr ältestes Kind so wie alle Mädchen tödteten. Das letztere
geschah auch hier wohl aus religiösen Gründen oder weil man die Mädchen
für geringer als die Knaben hielt; Mörenhout, dem diese Nachrichten
entlehnt sind--er handelt von den Areois 1, 485-98--ist der Meinung,
alle diese Morde seien vollbracht, um die Volksmenge der Insel nicht
übergross werden zu lassen, welcher Ansicht man kaum beipflichten wird;
wie denn auch das tahitische Volk selbst der Ansicht war, die Weiber
brächten zur Conservirung ihrer Schönheit die Kinder um. Dass alle
Kinder einer Mischehe--wenigstens, nach Williams 565, eines gemeinen
Mannes und einer adligen Frau--umgebracht wurden, versteht sich nach den
Begriffen, welche man über die verschiedenen Stände hatte und nach denen
der Adel ganz göttlich, das Volk aber nicht einmal im Besitz einer Seele
war, von selbst. Für Tonga wählte man solche Kinder vorzüglich
gern, nach Mariner, zu Opfern aus. Und so war es auf allen
Gesellschaftsinseln. Williams erzählt von Raiatea, wo er (1829) seine
Station hatte, folgendes Beispiel. Er sass mit Bennett in einem Zimmer,
in dessen Hintergrund mehrere eingeborene Weiber arbeiteten und als
Bennett sich bei ihm nach der Ausdehnung des Kindermords erkundigte, so
fragte er, um sich selbst zu überzeugen, ob das Verbrechen so allgemein
sei als er glaube, die zufällig anwesenden Weiber, die er nicht weiter
kannte, wie viel Kinder jede getödtet habe: neun die eine, sieben die
andere, die dritte fünf, also alle drei zusammen 21! Eine andere Frau
bekannte sterbend, dass sie 16, ein vornehmer Häuptling, dass er 19
umgebracht hätte und manche Familien hatten alle getödtet (Williams
562-565). Als Gründe geben ihm die Eingeborenen an, zunächst Furcht vor
den ewigen Kriegen und ihren blutigen Zerstörungen; man wollte von den
Kindern nicht gehindert sein, auch wohl böse Schicksale ihnen ersparen
und was wohl der Hauptgrund war, dem Feind keine Gelegenheit zu irgend
welchem Triumph (etwa durch Gefangennehmung oder Ermordung der Kinder)
geben. Zweitens war aber die Verschiedenheit des Ranges ein wichtiger
Grund. War ein Mann von niederem Rang als seine Frau, so konnte er durch
Tödtung von zwei, vier oder sechs Kindern, je nachdem er tiefer stand,
zum Rang der Frau sich erheben und die Kinder, welche ihm, nachdem er
diese Stufe erreicht, geboren wurden, blieben am Leben. Die Frau aber,
welche von minder hohem Range als ihr Mann war, konnte, da alle
Vererbung nur in weiblicher Linie erfolgte, sich durch kein Mittel, auch
dieses nicht erheben. Blieben aber in gemischten Ehen die Kinder ohne
Weiteres am Leben, so sank die Familie auf den Rang herab, welchen der
minder vornehme der Eltern inne hatte (Ellis 1, 256). Als dritten Grund
führt Williams die Eitelkeit der Weiber auf: sie wollten ihre Schönheit
nicht durch Säugen und Kinderpflegen gefährden. Der Hauptgrund scheint
aber, wenn nicht in frühester, vorhistorischer Zeit religiöse Motive
mitwirkten, Faulheit gewesen zu sein: auf der Insel, welche eine
vielfach grössere Bevölkerung leicht ernähren konnte, hiess ein Vater
von vier Kindern schon ein »arg überbürdeter« Mann (Ellis a.a.O.).
Man tödtete die Kinder, indem man ihnen einen nassen Lappen auf den Mund
legte, oder ihnen die Kehle mit dem Daumen zupresste, oder sie, noch im
Mutterleibe, aber während der Geburt, mit einem spitzen Bambus
durchbohrte; oder man begrub sie lebendig und zwar gerne so, dass die
Erde nicht unmittelbar auf sie kam, sondern sich über ihnen her wölbte
(Williams und Ellis a.a.O.). Eine vierte noch viel scheusslichere Art
beschreibt Williams 567-568: zuerst wurden den eben Geborenen die
äussersten Glieder an Finger und Zehen, dann, wenn sie davon nicht
starben, die Hand- und Fussknöchel gebrochen. Ueberstand das Kind auch
das, so kamen die Kniee und Ellenbogen an die Reihe, und wenn es dann
immer noch lebte, so wurde es schliesslich erwürgt. Indess ist die That
scheusslicher als die Gesinnung, welche sie hervorbrachte: denn ohne
Zweifel wandte man diese grässlichen Todesarten aus keinem anderen
Grunde an als aus Ehrfurcht vor der Seele des Kindes, die auf möglichst
gelinde Weise, von aussen her, zur Entfernung mehr aufgefordert als
genöthigt werden sollte, und erst wenn sie diese Aufforderung gar nicht
verstand, trat Zwang ein. Denn die Seelen der getödteten Kinder, die
man sich unter der Gestalt von Heuschrecken nach Mörenhout dachte,
galten für heilig und wurden hoch geehrt. Auch hier gab es fast in jedem
Dorfe Leute, welche aus dem Kindermord Gewerbe machten (Williams 568)
und doch, war einem Kinde auch nur eine Viertelstunde das Leben erhalten
worden, so durfte es nicht mehr getödtet werden, und hatte dann sehr
liebevolle, ja wohl zärtliche Eltern.
Wo möglich noch roher waren die Bewohner der Sandwichsinseln. Hier
herrschte der Kindermord namentlich in den unteren Klassen, von denen
die Eltern selten, mochten die Ehen auch noch so fruchtbar sein, mehr
als zwei oder drei, vielmehr oft nur ein Kind aufzogen. Auch hier sind
(Ellis 4, 326-330) 2/3 der Kinder getödtet und zwar meist durch Erwürgen
oder lebendig Einscharren, wobei man sie ohne Weiteres mit Erde bedeckte
und diese mit den Füssen feststampfte. Hier begrub man die kleinen
Leichen oft im eigenen Hause, ja im eigenen Schlafgemach der Eltern,
während man zu Tahiti ihnen doch wenigstens einen Platz neben dem Hause
gab. Oft waren es, hier wie zu Tahiti, die Eltern selbst, welche die
grauenvolle That vollbrachten. In Hawaii war der Grund zu diesem Mord
meist Trägheit nach Ellis 4, 329 und Eitelkeit der Weiber, nach Jarves
85. Während aber zu Tahiti die Kinder, welche die erste halbe Stunde
überlebt hatten, gerettet waren und zärtlich aufgezogen wurden; so
tödtete man zu Hawaii, mit viel grösserem Stumpfsinn, die Kinder auch
noch nach einem Jahre, ja noch später. War ein Kind krank und machte
Unruhe, so begrub man es lebendig, schrie es der Mutter zu unerträglich,
so stopfte sie ihm ein Stück Zeug in den Mund und grub die unglückliche
Creatur in die Erde, wenige Schritte von ihrem Bette, zu welchem sie
nach vollbrachter That, als ob nichts geschehen wäre, ruhig zurückkehrte
(Ellis 4, 330). Und selbst dies wird noch durch folgenden Fall, den
Ellis gleichfalls (326) erzählt, überboten. Ein Mann und eine Frau,
welche ein Kind, einen hübschen Jungen, nach Jarves (73) von sieben
Jahren, hatten, geriethen über denselben in Streit und da die Frau nicht
nachgab, ergriff der Vater das Kind bei Kopf und Fuss, brach ihm über
seinem Knie den Rücken entzwei und warf die zuckende Leiche der Mutter
zu Füssen! Tamehameha, bei dem die Unthat angezeigt wurde, erklärte, er
könne nicht strafend eingreifen, da der Mann sein eigen Kind umgebracht
habe.--Auch in Neuseeland findet sich der Kindermord gar nicht selten
(Angas 1, 313); er ist aber, wie in Tahiti, nicht mehr statthaft, wenn
das Kind auch nur eine halbe Stunde gelebt habe. Will man es tödten, so
wird es meist lebendig begraben oder bei der Geburt erwürgt. Rache ist
häufig das Motiv hierzu, wegen harter Behandlung der Frau während ihrer
Schwangerschaft, oder weil der Vater sie verliess oder aus irgend
welchem anderen Grunde (Dieffenbach 2, 25 ff.). Trägheit aber steht auch
hier in erster Linie. Namentlich Mädchen brachte man um (Taylor 165).
Auch Abortus ist häufig: und so ist es nicht zu verwundern, dass (Browne
40) die Ehen durchschnittlich kaum mehr als zwei Kinder haben.
Allerdings herrschen diese furchtbaren Gebräuche am meisten an der
Küste; im Innern sind die Familien zahlreicher, ja Dieffenbach (2, 33)
sah bis zu 10 Kindern in einer. Gegen die geschonten Kinder sind die
Maoris liebevolle (Dieffenbach 2, 25 ff.), wenn auch nicht gerade
zärtliche Eltern (Browne 39).