Es ist nicht nöthig, dies bei den Amerikanern weiter zu verfolgen; für

uns genügt das Ergebniss, dass zwar mancherlei Ausschweifungen

namentlich in Nordamerika unter ihnen sich vorfanden, dass diese aber

keineswegs allgemein und bedeutend genug waren, um aus ihnen die

Verminderung der Kopfzahl dieser Völker zu erklären. Dass aber, seit der

Bekanntschaft mit den Europäern diese Ausschweifungen sehr zugenommen

haben, ist eine traurige Wahrheit.

Dem Trunk war man in Mittel- und Nordamerika nicht ergeben und ist es

verhältnissmässig auch jetzt noch nicht. Allerdings kannte man in Mexiko

mehrere geistige Getränke (Waitz 4, 98), von denen das eine, Pulque,

Agavesaft, den man durch Ausschneiden des Herzens der Pflanze, wenn sie

den mächtigen Schaft treiben will, gewinnt und gähren lässt, auch von

Europäern (Humboldt a 3, 99) mit wahrer Leidenschaft getrunken wird;

allein die Mexikaner waren mässig, wie schon aus ihren Gesetzen

hervorgeht. Der Trunk wurde darin so streng geahndet, dass irgend welche

Verbreitung desselben ganz unmöglich war (Waitz 4, 83-84). Auch in

Californien war er selten (eb. 240. 242). Die Eingeborenen von

Nikaragua, von welchen auch verschiedene geschlechtliche Ausschweifungen

berichtet werden, sollen nach Oviedo auch dem Trunke ergeben gewesen

sein; allein allzu sicher sind diese Nachrichten nicht (Waitz 4, 279).

Auch die Peruaner, obwohl sie verschiedene geistige Getränke hatten,

waren dem Trunke nicht ergeben (4, 429), so wie sie auch dem Genuss der

Coka, die im ganzen Land gebaut wurde, nicht übermässig fröhnten; dem

Volk war sie ganz verboten (422). Obwohl nun die Eroberung des Landes

die Sitten vielfach verschlechterte, so sind doch auch jetzt noch weder

die Peruaner (500) noch die Mexikaner (196) und die ihnen verwandten

Völker dem Trunk ergeben (227)--wenn es auch Feste gab, z.B. in Yukatan,

bei welchem sich die Weiber berauscht haben sollen (4, 307), oder bei

denen, wie in Nikaragua, allgemeine Zügellosigkeit herrschte (279). Denn

bei allen solchen Festen waren gewiss, wie bei ähnlichen semitischen und

indogermanischen, religiöse Motive wirksam.

Anders war es in Südamerika, wo Schomburgk 2, 420 die Cariben als

Trunkenbolde schildert; und schon von Alters her hatten sie ausser

andern ein berauschendes Getränk aus Cassadabrod, welches zerbrochen,

mit heissem Wasser zu einem Teig zerrührt, dann von alten Weibern

durchgekaut und in einen Trog gespieen wurde, wo es nun gähren musste

(Schomburgk 1, 173); ganz ähnlich bereiteten die Tupis einen

berauschenden Trank aus Mais oder Hirse, wobei das Getreide gekocht und

von alten Weibern durchgekaut wurde. Sie nannten es Caouin oder Kaveng

und sowohl durch die Bereitungsart als durch den Namen wird man an den

gleich zu erwähnenden polynesischen Kavatrank erinnert (Waitz 3,

423-24). Gegohrene Getränke hatten die Araukaner (3, 509), die

Chiquitos, die dem Trunke sehr ergeben waren (eb. 530) und sind (533),

die Moxos (537), welche ihn gleichfalls sehr lieben und andere Völker

schon vor der Entdeckung. Dass nun durch den Einfluss der Europäer diese

Neigung nicht vermindert, sondern nur gestiegen ist, begreift sich; und

so wird es uns von den Cariben (Schomburgk 1, 173) von den Warans (eb.

1, 123), den Charuas (Azara 184), den Mbayas (eb. 242) u.s.w. berichtet.

In Nordamerika, bei den Indianern der Vereinigten Staaten, waren vor den

Europäern keine geistigen Getränke in Gebrauch, ja Wasser war fast das

einzige Getränk, was sie genossen, wie Waitz 3, 82 ins Einzelne

ausführt; ebenso war es bei den Koluschen und den Chinooks (3, 84. 337).

Wenn nun der Trunk, der Branntwein in Nordamerika doch so traurige

Folgen gehabt und ganze Stämme dahin gerafft hat, so dass man oft genug

die Behauptung findet, die Indianer seien von Natur dem Trunke ergeben

gewesen; so fordert dies zur genaueren Untersuchung der Sachlage auf,

die sich nach Waitz 3, 83-84 und 270, der die Quellenbeweise beibringt,

so stellt, dass die Indianer sich aufs stärkste gegen den Verkauf von

Branntwein gewehrt und viele Verträge geschlossen haben, in welchen die

Einfuhr derselben ausdrücklich verboten war, dass aber der Branntwein

dennoch, sogar mit Gewalt, von den europäischen Nationen den

Eingeborenen aufgezwungen ist, theils um das Produkt abzusetzen, theils

um sie im Trunke zu betrügen, theils auch geradezu, um sie durch den

Trunk zu vernichten. Das ist denn nur allzugut gelungen; denn wenn auch,

trotz der vorherrschenden Sinnlichkeit, die Amerikaner einen höchst

beachtungswerthen Widerstand diesem Genussmittel entgegensetzten, so

konnte dieser eben bei ihrer Natur kein absoluter sein; öfters zwang sie

der Nahrungsmangel zum Trunk und ein sehr häufiger Grund, sich dem

Trunke zu ergeben (der auch in Mittelamerika vielfach vorkam) war der,

dass man aus der grenzenlosen Fülle des Elends ringsher sich wenigstens

einmal wieder durch den Rausch in einen glücklichen Zustand versetzen

oder dass man sich in der Verzweiflung betäuben wollte. Uebrigens haben

Völker und Individuen sich dem Laster des Trunkes auch wieder zu

entreissen vermocht (Waitz b, 43). Eigentlich also gehörte diese

Betrachtung erst dahin, wo wir vom Einfluss der Weissen auf die

Naturvölker sprechen werden, indess mag ein solches Vorausnehmen, des

Zusammenhangs wegen und um den einen Gegenstand zu erschöpfen, gleich

hier seine Entschuldigung finden. Tabak hat ebensowenig als Coka

geschadet.

Wenn nun auch die Hottentotten und die Buschmänner gar keinen Werth auf

die Keuschheit der Mädchen und Weiber legen, so waren sie doch weder in

geschlechtlicher Beziehung noch im Trunk sehr ausschweifend, während wir

bei den Aleuten und Kamtschadalen die Verhältnisse wesentlich anders

finden. Dem Trunk waren namentlich die Kamtschadalen ganz

außerordentlich ergeben (Krusenstern 3, 53) und wie diese Leidenschaft

von den europäischen Pelzhändlern zu ihrem Verderben benutzt ist, werden

wir später sehen. Aber auch die Aleuten liebten dies Laster (Waitz 3,

314), wie sie auch sonst sehr ausschweifend lebten. Die Weiber hatten

(nach Wenjaminow in Ermans Archiv bei Waitz 1, 356 Note) zwei Männer,

einen aus höherem Stande und einen Nebenmann aus niederem; dem Gast

stellte der Wirth, um ihn gastfreundlich zu ehren, das eigene Weib zur

Verfügung. Auch der Päderastie waren sie ergeben (Waitz 3, 314) und die

stumpfsinnige Melancholie, in der sie z.B. Chamisso vorfand, scheint

nicht wenig durch derartige Ausschweifungen veranlasst zu sein. Den

Kamtschadalen schadete gar sehr der grosse Weibermangel, der nach

Krusenstern 3, 44, bei ihnen herrschte und nicht nur die Moralität

gänzlich, sondern auch die Fruchtbarkeit der Ehen zerstörte. xyxyxyß Die

Neuholländer, obwohl sie von den Unverheiratheten beider Geschlechter

keine Keuschheit verlangen, obwohl sie an einigen Orten die Weiber ihren

Gastfreunden anbieten und sie mit guten Freunden tauschen (Angas 1, 93),

sind doch so eifersüchtig, dass verheirathete Frauen sehr zurückhaltend

sein müssen (Grey 1, 256). Polygamie ist bei ihnen häufig, aber man kann

sie eigentlich nicht ausschweifend nennen. Auch geistige Getränke hatten

sie nicht. Von den Melanesiern wird nichts auffallend Schlimmes

berichtet, wohl aber von manchen Orten das Gegentheil; so herrschen,

nach Malte Brun in Bullet. de la soc. geogr. 1854, I, 238, auf

Neucaledonien, wenn auch die Weiber ganz sklavisch gehalten werden,

geschlechtliche Ausschweifungen nicht. Polygamie ist allerdings auf den

Inseln Sitte (Turner 86. 371. 424), allein wirklich ausgedehnt nur bei

Häuptlingen und in selteneren Fällen. Ehebruch kommt, aus Furcht vor

Strafe, kaum vor (Turner 86 in Bez. auf Tanna), allein Keuschheit der

Unverheiratheten ist hier so wenig verlangt als sonst irgendwo bei den

Naturvölkern. Während nun Erskine 256 von den Fidschis sagt, dass sie

sehr enthaltsam lebten und Ekel vor Ausschweifungen empfänden, so

behaupten William und Calvert 1, 134, dass sie sehr zügellos und grobe

Ausschweifungen bei ihnen verbreitet seien. Möglich, dass Erskine ein zu

günstiges Urtheil fällte; jedenfalls aber stehen die Fidschiinsulaner

sehr viel höher als die Polynesier in dieser Beziehung und mögen wohl

erst durch den fortwährenden Verkehr mit den Fremden zu dieser

Zügellosigkeit gesteigert sein.

Am schlimmsten müssen wir über die eigentlichen Polynesier urtheilen,

unter denen Trunk und Wollust schon vor den Europäern aufs ärgste

gehaust haben. Aus der Wurzel vom Piper methysticum, dem Kavapfeffer,

bereitete man, indem sie (an den meisten Orten von alten Weibern) gekaut

und dann ausgespieen wurde, durch Aufguss von Wasser ein eigenthümliches

Getränk, dem alle Polynesier sehr zugethan waren. Es berauscht nicht

eigentlich, da es die Besinnung nicht raubt, aber, indem Gang und Zunge

schwer werden, versetzt es den Geist in einen ähnlichen Zustand, wie das

Opium; auch wollüstige Träume u. dergl. sollen seinem Genuss folgen, der

oft wiederholt allgemeine Schwäche, Zittern, geistige Stumpfheit,

Abmagerung und schliesslich scheussliche Hautkrankheiten hervorbringt,

Geschwüre, welche aufbrechen und arge Narben zurücklassen. Aber gerade

diese Narben galten als Ehrenzeichen (Hale 43). Namentlich auf Tahiti

und auf Hawaii war der Kavatrank beliebt; grosse Kavafeste auf Tonga

beschreibt Mariner, auf Fidschi d'Urville b 4, 207 und Hale 63. Dagegen

trank man ihn auf Neuseeland, obwohl man ihn kannte, nicht. Auch in

Mikronesien, wo indess die Wurzel zerrieben, nicht gekaut wurde, war der

Kavatrank sehr beliebt und sehr verbreitet (Hale 83: Gulick 417). Was

jedoch die schädlichen Einwirkungen dieses in der That höchst

gefährlichen Trankes sehr milderte, war der Umstand, dass er ein

heiliges Getränk war. Freilich durfte er daher bei keiner irgend wie

bedeutenderen Gelegenheit fehlen; aber nur die Fürsten waren es, die ihn

trinken durften, nie das Volk, und auch die Fürsten nur bei und unter

bestimmten Feierlichkeiten (Hale 43, für Mikronesien Novara 1, 371). So

hat denn auch der Schade, den dieser Genuss hervorrief, fast nur die

Fürsten und den Adel getroffen. Gegen den Branntwein (Rum u.s.w.) hatten

alle Polynesier einen grossen Widerwillen (Novara 2, 337 für

Mikronesien), und wenn er trotzdem in Tahiti und Hawaii so verderbliche

Wirkungen hervorgerufen hat, so muss man bedenken, wie er zu Tahiti von

den Franzosen, zu Hawaii von diesen sowie den amerikanischen und

europäischen Kaufleuten unter heftigem Widerstreben der Missionäre und

gegen den Willen der Eingeborenen (vergl. z.B. Lutteroth Geschichte der

Insel Tahiti 172 u. sonst) gewaltsam eingeführt ist. Und schlimm genug

waren die Folgen dieser Einführung. »Als die Tahitier von fremden

Seeleuten und Sandwichinsulanern geistige Getränke von einheimischen

Wurzeln zu destilliren gelernt und Rum in reichlicher Menge von ihnen

empfangen hatten, da verbreitete sich Trunksucht sehr allgemein, und

alle die Demoralisation, die Verbrechen, das Elend, welches ihr folgt,

kam über das Volk. Unthätigkeit wuchs, Streit in den Familien nahm

überhand, die Verbrechen der Areois (über welche wir sogleich reden)

nahmen zu«, sagt Ellis 1, 108 und so wie hier und noch ärger war es zu

Hawaii und an den Küsten von Neuseeland. Allein die Eingeborenen (vergl.

Ellis u.a.O.) haben sich an vielen Orten, Dank dem reinen Eifer der

Missionäre, wieder von diesem so gefährlichen Laster befreit; in

Neuseeland sowohl wie in Hawaii schadet der Rum nur an den Küstenplätzen

den Eingeborenen und das überall wachsende Christenthum hat siegreich

auch in Tahiti und sonst diese Gefahr im Allgemeinen abgewendet.

Bei weitem verhängnissvoller aber wirkten die geschlechtlichen

Ausschweifungen, die wohl bei keinem Volk der Welt so schamlos

verbreitet waren, wie in Polynesien. Jede Reisebeschreibung (auch andere

Bücher als die schamlose Reise der Pandora von Hamilton) rechtfertigt an

hundert Stellen den Namen la nouvelle Cythere, welchen Bougainville der

Insel Tahiti gab. Nicht nur, dass auf Tahiti, Hawaii, Neuseeland, auch

auf Tonga (obwohl man hier strenger lebt) und auf Samoa (nach Wilkes)

wenigstens Fremden gegenüber die Mädchen ganz frei waren; so ist auch

nirgends die Prostitution der Weiber durch Väter, Brüder, Gatten frecher

betrieben wie hier. Polygamie herrschte überall. Gastfreunden bot man

die Weiber an, vornehme Frauen lebten ganz zügellos. Für Hawaii bezeugt

dies, um nur einige Beweisstellen anzuführen, Jarves 80, für Tahiti Cook

und alle andern Reisenden, für Waihu Mörenhout 1, 26, für die Markesas

Porter (Journal of a cruise in the Pacif. Ocean 1812-14) 2, 60,

Krusenstern 1, 221; nach Mathias G*** 152 herrscht indess Prostitution

nur in den Häfen. Neuseeland stand etwas höher; doch waren auch hier die

Mädchen vollständig ungebunden (Dieffenb. 2, 40). Die Weiber selbst

lockten die ankommende Mannschaft von Wallis Schiff durch die

unanständigsten Geberden ans Land und die Männer, welche das Geschäft

abschlossen, forderten schon damals für schöne Frauen, Töchter,

Schwestern u.s.w. höhere Preise als für minder schöne (Wallis 214 ff.

256). Ja vor aller Augen, und nicht etwa aus Roheit, wie die Bewohner

der Palauinseln nach Kadus Zeugniss bei Chamisso 137[F], sondern

umstanden von vornehmen Weibern, unter denen die Königin selbst,

vollzogen sie die Begattung, zum Ergötzen der Umstehenden, welche dem

Paare, namentlich dem betheiligten Mädchen, Lehren gaben, um die Lust zu

erhöhen--doch das war nicht nöthig, denn, obwohl das Mädchen erst 11

Jahre zählte, so wusste sie doch mit allem schon guten Bescheid (Cook b,

126-27, vergl. 86. 106). Da ist es nicht zu verwundern, dass schmutzige

Gegenstände sehr häufig, vor aller Ohren, Inhalt der Unterhaltung waren

und nur belacht wurden. Ueberall herrschte Polygamie; auf Tahiti,

Nukuhiva und Hawaii (Turnbull 65, Stewart 129, Porter 2, 30) kamen

Heirathen unter Geschwistern vor, jedoch nur in der regierenden Familie,

die auf andere Art keine ebenbürtige Ehe schliessen konnte, da alle

anderen Adelsgeschlechter an Rang unter ihr standen (Ellis 4, 435). Auf

den Markesasinseln war es nach Melville 2, 122-23 Sitte, dass die

Weiber, ähnlich wie die Aleutinnen, zwei Männer hatten, einen wirklichen

Gatten und einen Nebenmann, der ganz die Rechte wie jener besass, auch

im Frieden mit ihm lebte; welche Sitte nach Melville darin ihren Grund

hatte, dass es weit mehr Männer als Frauen gab. Mathias G*** sagt 111

dasselbe, was auch sonst noch vielfach bestätigt wird. Auch unnatürliche

Lüste, denen in Tahiti ein eigener Gott vorstand (Mörenh. 2, 168), waren

sehr ausgedehnt. Männer in Weiberkleidern finden wir, wie in Amerika,

auch zu Tahiti, aber hier nur im Dienste der widernatürlichen Wollust

(Turnbull 306); und da nun die Männer des gemeinen Volks, damit die

Fürsten desto mehr Weiber hätten, oder weil sie den Kaufpreis für die

Frauen nicht zahlen konnten, fast immer unverheirathet bleiben mussten,

so war Onanie unter ihnen in solchem Grade getrieben, dass sie dadurch

meist unfähig wurden, einem Weibe noch beizuwohnen (Wilson 311). »Ihre

Verbrechen in dieser Art sind zu entsetzlich, als dass sie alle erzählt

werden könnten,« sagt Wilson (1799) a.a.O. Noch Ellis (1, 98) fand

dasselbe vor, er sagt, die Schilderung, welche Paulus von den Heiden im

ersten Kapitel des Römerbriefes mache, passe durchaus auf die Tahitier.

Auch in Hawaii waren unnatürliche Laster ganz gewöhnlich, von denen

Päderastie nur oder wenigstens vorzugweise unter den Fürsten vorkam

(Remy XLIII).

Mikronesien steht viel höher in dieser Beziehung, mit Ausnahme der alten

Marianer, unter denen, freilich nach den alten spanischen Berichten

(Salaçar bei Oviedo XX, 16), eine arge Zügellosigkeit herrschte, und le

Gobien berichtet manches entsprechende. Aber sonst fanden die ersten

europäischen Besucher in Mikronesien keine Ausschweifungen, weder im

Trunk noch in der Liebe vor, wenn auch die Mädchen leicht zu gewinnen

waren: und schamhaft waren sie alle (Chamisso 91. 119). Uebrigens

herrschte, nach Chamisso 118-19, Polygamie auch auf Ratak und besonders

nahe Freunde besassen auch die Weiber gemeinschaftlich.--Auch im

eigentlichen Polynesien gab es reinere Bezirke, so Tonga, wo die

Jünglinge von Staatswegen zur Keuschheit ermahnt wurden: nie sollten sie

Gewalt anwenden, nie sich gegen Ehefrauen vergehen (Mariner 1, 138);

allein auch hier waren die Unverheiratheten ganz frei und ebenso die

verheiratheten Männer (2, 174), auch hier waren Unanständigkeiten der

häufige und gern belachte Inhalt des Gespräches, die man nur vor

verheiratheten Frauen vermied (2, 177). In Samoa herrschte noch grössere

Sittenstrenge.

Viel besprochen ist die Gesellschaft der Areois auf Tahiti, über welche

Mörenhout 1, 485-503 und Ellis 1, 230 ff. handeln, und die auch wir kurz

besprechen müssen, wenn wir an diesem Ort auch nur auf die furchtbare

Unsittlichkeit hinweisen, welche in dieser ursprünglich religiösen

Gesellschaft herrschte. Männer und Weiber lebten in ihr aufs höchste

ausschweifend und unter dem bestimmten Gesetz, alle ihre Kinder zu

tödten, beisammen und hochgeehrt vom ganzen Volk, dem sie wie Götter

erschienen, durchzogen sie die Inseln, um Feste, Schauspiele, Tänze vor

der Menge aufzuführen. Wir finden diese Gesellschaft nicht bloss auf

Gesellschaftsinseln, sondern (Meinieke b 78) auch auf Rarotonga, auch im

Markesasarchipel (Mörenh. 1, 502). Und da nun le Gobien 59-62 von den

Uritaos der Marianen ganz das Nämliche erzählt, die in aller

Zügellosigkeit mit den Mädchen des Landes zusammenlebten, selbst in

Blutschande, ohne dass es ihnen Tadel zuzog, da sie von höherer Weihe

waren (Freycinet 2, 368)--so werden wir auch diese, wie schon ihr Name

derselbe ist, mit jenen Areois trotz Meinickes Widerspruch (b, 79)

zusammenstellen müssen.

Es kann uns nicht wundern, wenn solche lasterhafte Sitten, in solcher

Ausdehnung herrschend, die Gesundheit der polynesischen Bevölkerung

untergruben und sie haben es gethan. Schon eine bis zwei Generationen

vor Wallis hatte die Volksverminderung, nach den Aussagen der

Eingeborenen selbst, auf Tahiti angefangen (Ellis 1, 105) und dass

hieran diese Ausschweifungen, wenn auch nicht allein, so doch zum

grössten Theil schuld waren, kann man gewiss behaupten. Ihren

entnervenden Einfluss schildern wenigstens die zuverlässigsten

Augenzeugen in den düstersten Farben, wie Ellis 1, 98 und Turnbull

(1804) 307. Und ferner ist es sehr begreiflich, dass solche entnervte

Wüstlinge sehr viel und leichter Krankheiten ausgesetzt waren, als

gesunde Menschen, dass Krankheiten viel heftiger bei ihnen wüthen

mussten und dass sich namentlich die Syphilis unter ihnen rasch

verbreiten und gefährlich erweisen musste.

§ 8. Unfruchtbarkeit. Künstlicher Abortus. Kindermord.

Aber eine andere noch schlimmere Folge dieser Ausschweifungen ist die

Unfruchtbarkeit der Weiber, welche in Polynesien hauptsächlich auf

diesem einen Grund beruht. Die Unfruchtbarkeit der Ehen auf den

Markesas, welche schon Krusenstern 1, 255-56 und dann Melville 2, 125

betont, erwähnt auch Mathias G*** 108 mit starkem Nachdruck.

Unfruchtbarkeit ist in Hawaii sehr verbreitet (Virgin 1, 268); in Tahiti

wird es erst in neuerer Zeit besser und Dieffenbach 2, 15-16 gibt als

eine der Ursachen für das Hinschwinden der Maoris die geringe

Fruchtbarkeit ihrer Weiber an.

Da nun aber ganz analoge Erscheinungen sich in Melanesien (wo z.B. auf

Erromango schon eine hohe Kinderzahl ist, Turner 494), in Neuholland

(Grey 2, 248 ff.) und namentlich in Amerika vorfinden, so hat man, vor

allem mit Rücksicht auf die Eingeborenen des letzten Landes gesagt, die

geringe Fruchtbarkeit sei ein charakteristisches Merkmal für niedere

Raçen, das in ihrer Natur selbst begründet liege. Allerdings haben die

Weiber der Botokuden (Tschudi 2, 284), der Makusi (Schomburgk 2, 312)

der meisten brasilianischen Völker (Azara an vielen Stellen) und ebenso

auch der meisten Nordamerikaner (wofür Waitz 1, 169 die Beispiele

zusammenstellt) sehr wenige, oft auch gar keine Kinder; allein wie man

hierin ein Raçenmerkmal finden soll, ist für Unbefangene unmöglich

abzusehen. Denn erstlich zeigen sich eine lange Reihe äusserer Gründe,

wodurch die Unfruchtbarkeit bewirkt wird; ausser den schon besprochenen

Gründen wie Ausschweifungen, Krankheit u. dergl., die auch in Amerika

und vor allen auf Kamtschatka und den Aleuten wirkten, muss hier auf das

gleichfalls schon erwähnte lange Säugen hingewiesen werden, welches der

Fruchtbarkeit Abbruch thut, ferner und ganz besonders auf die meist

überaus elende Stellung der Weiber, auf die Noth, die ewigen Mühsale,

unter denen sie ihr Leben hinbringen müssen. Dann heirathen viele Völker

nur im eigenen Stamm und man kann wohl sagen, da bei vielen kleineren

Völkern Stamm und Familie so ziemlich zusammenfällt, in derselben

Familie; dass aber auch hierdurch eine Verminderung der Fruchtbarkeit

eintritt, ist bekannt genug. So z.B. die Botokuden; daher Tschudi (2,

284) in diesem Umstand einen Hauptgrund für die Unfruchtbarkeit ihrer

Ehen sieht. Auch bei den Bewohnern von Darien zeigten sich die

schädlichen Folgen solcher Heirathen (Waitz 4, 351).

Der allzufrühe Coitus, den Dieffenbach 2, 15 für die Unfruchtbarkeit der

Neuseeländerinnen als einen Hauptgrund anführt, ist wichtig für viele

Völker, da er bei vielen, wie wir sehen, vorkommt. Obwohl nun Humboldt

(b, 2, 190), nach dem Zeugniss der amerikanischen Ordensgeistlichen am

Orinoko, darin keine Gefahr für die Zahl der Bevölkerung sehen will, so

spricht doch die Natur der Sache und mannigfache Erfahrung gegen ihn.

Doppelt gefährlich wird aber zu früher geschlechtlicher Umgang bei

Völkern, bei denen es an Weibern fehlt. So heirathen die Mädchen der

Tarumas in Guyana, weil es unter diesem Volk nur wenig Weiber gibt,

schon vor der Pubertät (nach Schomburgk bei Waitz 1, 170). Mehr Männer

als Weiber gab es noch in verschiedenen Orten in Amerika (z.B.

Californien Waitz 1, 170 Anmerk., bei den Guanas Azara 232), in

Polynesien (Tahiti, Markesas u. sonst) und in Kamtschatka, wo der Mangel

an Weibern, wie wir sahen, vorzugsweise gross war. Durch diesen wurde

denn wieder eine andere sehr wenig heilsame Einrichtung gefördert, dass

in Neuholland junge Mädchen zunächst an alte Männer und erst nach deren

Tode, wenn sie nun mittlerweile älter waren, an jüngere Leute

verheirathet wurden (Nind im Journ. R. Geogr. Soc. 1, 38), eine Sitte,

welche bei den Irokesen ebenfalls im Schwunge war: »Der junge Mann von

25 Jahren erhielt bei ihnen oft eine ältere Frau zugetheilt als er

selbst war, der alte Wittwer dagegen wählte sich ein junges Mädchen«

(Waitz 3, 103).

Dass wir unter diesen Gründen die Polygamie und Polyandrie mit ihren

gewiss schlimmen Folgen für die Bevölkerungszahl nicht besonders

erwähnen, hat seinen Grund darin, dass wir diese beiden Einrichtungen,

auch wenn sie noch so gesetzmässig sind, unter die Ausschweifungen

rechnen und also, was von jenen gesagt ist, auch für diese gilt. Ebenso,

was man für manche amerikanische Völker als Grund für die

Unfruchtbarkeit angeführt hat, die geringe Neigung der Männer für das

weibliche Geschlecht und ihre minder entwickelten Genitalien (Pöppig,

Azara, Waitz 1, 171 u.s.w.) lassen wir auf sich beruhen, da dieser

Umstand keineswegs allgemein und keineswegs in den daraus abgeleiteten

Folgen sicher ist.

Über das Aussterben der Naturvölker · 第 5 / 17 段