gross, als man gewöhnlich annimmt und vieles was uns nur aus äusserstem
Elend gewählt scheint, ist ihnen eine willkommene Leckerei; indess sagt
Grey doch selbst, 261 ff., dass jede Gegend des Continents ihre
besondere Nahrung habe, die man aber erst kennen und aufsuchen müsse.
Und das scheint keine leichte Sache, wenigstens war er selbst, obwohl
von einem nicht unbefähigten Eingeborenen begleitet, auf seinem
unfreiwilligen Zug die Westküste des Kontinentes entlang in der
äussersten Lebensgefahr durch Hunger. Ein fauler Walfisch ist den
Neuholländern, während sie sonst sehr ekel gegen angegangenes Fleisch
sind, grösster Genuss und je stinkender die Speise, desto willkommener
wird sie, wie auch die Thakallis, ein Stamm der Athapasken in
Nordamerika, faules Fleisch vorzüglich gern essen (Waitz b, 90). Und wie
nun diese Völker essen! »Die Botokuden geniessen die meisten
Nahrungsmittel, besonders das Fleisch in halbgarem Zustande. Es wird
über das Feuer gehalten, bis die äussersten Schichten etwas angebrannt
sind und dann verzehrt. Die Gefrässigkeit dieser Indianer ist fast
sprichwörtlich geworden.----Wenn ein glücklicher Jagdzug reichliche
Beute gewährt, so wird sie gierig verzehrt und da das Fleisch rasch in
Fäulniss übergeht, um ja nichts zu verlieren, der Magen so lange
vollgestopft, als eine physische Möglichkeit dazu vorhanden ist. Dann
folgt eine lange behäbige Verdauungsruhe und dieser oft wochenlang
äusserst spärliche Mahlzeiten. Völker und Individuen, die
ausschliesslich auf Fleischnahrung angewiesen sind, haben eine rasche
Verdauung und es äussert sich bei ihnen Heisshunger viel heftiger als
bei jenen, die an eine vegetabilische oder gemischte Nahrung gewöhnt
sind. Sie können sich aber auch mit einer sehr geringen Quantität ihrer
gewohnten Fleischnahrung lange kräftig erhalten, leiden dabei aber stets
an Hunger. Bei jeder sich darbietenden Gelegenheit suchen die Botokuden
ihren steten Hunger durch übermenschliches Fressen zu stillen und
verschlingen mit der Gier eines Raubthieres die ekelhaftesten
Gegenstände ohne Wahl mit gleichem Heisshunger«. Was Tschudi (2,
278-279) uns so von den Botokuden erzählt, das kann mit denselben Worten
von allen Naturvölkern Amerikas, von den Feuerländern bis zu den
Eskimos, das kann von den Hottentotten, von denen es allwärts bekannt
ist (von den Buschmännern bezeugt es z.B. Lichtenstein 2, 355), und
trotz ihrer mehr gemischten Nahrung von den Neuholländern, den meisten
Melanesiern, und auch, obwohl bei diesen meist die vegetabilische
Nahrung vorwiegt, von vielen Polynesiern gesagt werden, von den roheren
gewiss, doch zu Zeiten auch von den cultivirteren, wenigstens
übersteigt die Masse der bei Festlichkeiten verschlungenen Lebensmittel
alle europäischen Begriffe bei weitem. Ja es kam vor, dass man bei
grossen Vorräthen, wie einst die hochcivilisirten Römer, Brechmittel
nahm, um mit frischen Kräften weiter essen zu können (Waitz 3, 82, vom
südl. Nordamerika). Zwiefach gefährlich ist eine solche Lebensart,
einmal, weil sie dem menschlichen Organismus gewiss nicht entsprechend
und also schädlich ist; und zweitens weil sie, da man alles was die
Gegenwart bietet aufzehrt und in sich stopft, Vorräthe zu sammeln aber
etwas ganz Ungewohntes ist, für die Zukunft, für welche Naturvölker nur
in den seltensten Fällen und auch dann meist sehr unvollkommen sorgen,
die bedenklichsten Folgen hat. Hungersnoth entsteht in Polynesien nicht
selten durch gänzliches Aufzehren aller Lebensmittel bei Festlichkeiten,
obwohl doch die meisten Völker hier Vorräthe sammeln. Uebrigens thun
dies auch manche Indianerstämme (Waitz b, 91). Man sollte denken, gerade
die Naturvölker, durch Noth und Erfahrung belehrt, müssten am ersten für
die Zukunft Sorge zu tragen gelernt haben, allein Waitz, der daran
erinnert, dass »auch unter den civilisirten Völkern die Individuen und
die ganzen Classen der Gesellschaft sich um die Zukunft wenig oder gar
nicht kümmern, denen zur Arbeit jedes andere Motiv fehlt, ausser der
Sorge für ihren eigenen Lebensunterhalt«, hat sehr richtig b, 84 u. 91
die psychologischen Gründe entwickelt, warum die kulturlosen Völker nur
der Gegenwart leben. Die Hauptsache ist, dass sie allzusehr unter der
Herrschaft der sinnlichen Nerveneindrücke stehen: die Vorstellung,
welche sie gerade gegenwärtig haben, verdrängt alle anderen aus ihrem
Bewusstsein, und ist, nach Noth und Entbehrung, die Gegenwart wieder
gut, so kommt dazu der physische Genuss dieses Wohllebens, dieser Ruhe,
der die augenblicklichen Vorstellungen mit um so grösserer Macht zu
alleinherrschenden macht (Waitz 1, 351).
Aber nicht bloss sorglos sind sie um die Zukunft: wie oft zerstören sie
sich man kann fast sagen die Lebensbedingungen für dieselbe selbst, so
namentlich auf der Jagd. »Der Jäger, sagt Waitz 1, 350, geräth,
besonders massenhafter Beute gegenüber, wie der Soldat im heissen
Kampfe, in eine grenzenlose Wuth, er mordet mit Lust und verwüstet das
Wild meist in völlig nutzloser Weise, verzehrt davon das Beste und oft
dieses kaum, wenn es im Ueberfluss sich darbietet. Daher brauchen
Jägervölker ein ganz unverhältnissmässig grosses Areal und gerathen
trotzdem oft in Noth, weil ihnen Schonung der Jagdthiere ebenso fremd
ist, als sparsames Haushalten mit Vorräthen überhaupt. Der hundertste
Theil des von den Zulus erlegten Wildes, bemerkt Delagorgue, würde zu
seinem und seiner Begleiter Unterhalt mehr als hinreichend gewesen
sein.« Die Buschmänner zerstören häufig grössere Jagdbeute aus Missgunst
und Bosheit: »was sie selbst im Ueberfluss nicht gebrauchen können,
soll wenigstens keinem anderen zu Gute kommen«, sagt Lichtenstein 2, 565
von ihnen. Aehnlich berichtet Hearne 120 von den nördlichsten Stämmen
Nordamerikas, die das Wild schliesslich der Zungen, des Markes, des
Fettes wegen, aller Gegenvorstellungen zum Trotz, erlegten, die an
keinem Nest mit Jungen oder Eiern vorübergehen konnten, ohne es zu
zerstören. Waitz 3, 81 sieht darin nur die Sitte eines gänzlich rohen
Stammes und sagt, dass, wo diese und ähnliche Sitten jetzt eingerissen
seien, es in Folge moralischer Gesunkenheit geschehen sei, da sonst
Sparsamkeit der Charakter der meisten Indianer gewesen sei. Mag
letzterer Zug ganz richtig sein: die Leidenschaft der Jagd aber, welche
kein Thier schont, findet sich in Amerika nicht nur bei verkommenen
Völkern. Sie herrscht in Canada (Waitz 3, 85) und gewiss sonst noch aus
der abergläubischen Ansicht, dass die fliehenden Thiere die anderen
warnen und verscheuchen würden. Von Südamerika berichtet Azara 193
Gleiches. Dasselbe gilt von den Neuholländern.
Und nicht genug, dass sie sich auf diese Weise die Nahrung selbst
zerstören: sie verbieten sich auch eine Menge Speisen, oft gerade die
besten, durch religiösen Glauben. Zunächst sind die Frauen fast überall
in Amerika, Polynesien und Australien, in Neuholland auch die Jünglinge
und Knaben (Grey 2, 248), von den besten Nahrungsmitteln, die nur den
erwachsenen, oft nur den greisen Männern erlaubt sind, ausgeschlossen.
Dann aber gehört das Totem der Indianer hierher, von dem Waitz 3, 119
sagt: »Der politische Verband des Volkes beruhte in alter Zeit sehr
allgemein auf einer Eintheilung in Banden oder Geschlechter, deren jedes
durch ein Thier oder einen Körpertheil, eines Thieres als Marke
bezeichnet war, z.B. Bär, Büffel, Fischotter, Falke und dergl. Nur ein
Fisch oder ein Theil eines Fisches konnte diese Marke nicht sein.« Der
Name dieser Marke, Totem, kommt von den Algonkin. Wahrscheinlich
(ebend.) hatte das Totem ursprünglich eine religiöse Bedeutung: das
Thier des Totem war der Schutzgeist der nach ihm benannten Familie,
wurde von dieser heilig gehalten und _durfte von ihr nicht gejagt_
werden. Und ebenso verhielt es sich gewiss mit »der Medicin«, die jeder
Amerikaner hatte, d.h. dem Totem des Einzelnen. Denn zur Zeit der
beginnenden Mannbarkeit erscheint jedem einzelnen sein Schutzgeist in
Gestalt eines Thieres, das dann gejagt und dessen Balg stets von dem
Betreffenden getragen werden muss. Der Verlust der Medicin würde ihm
tiefste Verachtung und beständiges Unglück zuziehen (Waitz 3, 118-119).
Ursprünglich durfte gewiss kein Indianer das Thier, das ihm »Medicin«
Schutzgeist war, verzehren. Die meisten Völker (auch die Aleuten)
stammten von solchen Thieren ab (Waitz 3, 119. 191) und auch diese waren
ihnen gewiss ursprünglich heilig, wenn sich auch später diese Verehrung
in etwas abschwächte. Diese auffallende Sitte, die genauer betrachtet
gewiss mancherlei merkwürdige Resultate gäbe[D], findet sich ganz
übereinstimmend bei den Neuholländern, worüber man Grey 2, 225-229
vergleiche. Jede Familie, oder besser, jeder Stamm, denn die Familien
sind ausgedehnt wie Stämme, hat ihr »kobong« Pflanze oder Thier, das ihr
heilig ist, ihr den Namen gibt u.s.w. Wie in Amerika Leute von gleichen
Totem, so durften in Neuholland Leute desselben Kobongs einander nicht
heirathen. Kein Neuholländer tödtet sein Kobong, wenn er es schlafend
findet, auch nie, ohne ihm vorher Gelegenheit zur Flucht zu geben; war
es eine Pflanze, so durfte es der Betreffende nur zu bestimmten
Jahreszeiten und unter ganz bestimmten Ceremonien einärnten und
benutzen[E]. Hierin sehen wir eine Folge der Noth; denn ursprünglich
durfte das Kobong wohl ebenso wenig gegessen werden, wie das
amerikanische Totem. Dafür spricht auch die Form, in welcher sich die
Sitte in Polynesien erhalten hat. Denn in Polynesien gilt es noch jetzt
an verschiedenen Orten als strenges Gesetz, dass Einzelne einzelne
Thiere, in welchen ihr Schutzgeist oder der Geist ihrer Ahnen verborgen
ist, weder tödten noch essen dürfen. So in Mikronesien z.B. auf Ponapi
(O'Connel bei Hale 84), auf Tikopia (Gaimard bei D'Urville V, 305-307),
auf den Fidschiinseln (Wilkes 3, 214), wohin die Sitte entweder von
Polynesien gekommen ist oder sich als malaiisches Ureigenthum, wie wir
sie auch in Neuholland finden, erhalten hat; so in Hawaii (Remy 165), in
Tahiti (Mörenhout 1, 451-57). Wir finden auf allen diesen Inseln jetzt
Gedanken an Seelenwanderung eingemischt; allein man muss bedenken, dass
der Glaube an die behütende Macht der Seelen der Vorfahren, also an den
Uebergang der abgeschiedenen Seelen in Schutzgeister der Lebenden in
Polynesien später vielfach aufgekommen ist.
Auch anderer Aberglaube als dieser entzog bisweilen den Naturvölkern die
Nahrung, wie z.B. Grey 1, 363-364 erzählt, dass, weil einige Eingeborene
beim Muschelessen gestorben waren, die Neuholländer, die ihn
begleiteten, aus Furcht vor Zauberei nicht dahin zu bringen waren,
selbst durch den äussersten Hunger nicht, dass sie Muscheln assen; und
Derartiges liesse sich, wenn es für unsern Zweck nicht zu weit führte,
noch mancherlei sammeln.
Dass nun die engen dumpfigen Wohnungen vieler dieser Völker (es bedarf
hierzu keiner Belegstellen), worin oft sehr viel Menschen
zusammengepfercht wohnen und schlafen und die oft von Schmutz und
Ungeziefer starren, ungesund sind, versteht sich von selbst. Andere
Stämme (Feuerländer, Australier u.s.w.) haben in ihren Wohnungen fast
gar keinen Schutz vor dem Wetter; die Buschmänner (Waitz 2, 344) haben
zu ihren stets wechselnden Schlafstätten Erdlöcher, die sie mit
Baumzweigen überdecken, Felsspalten und Büsche. Auch auf die meist sehr
mangelhafte Bekleidung dieser Völker braucht hier bloss hingewiesen zu
werden. Alles dies, die Art wie sie sich nähren zumeist, ist zwar
schädlich und bewirkt es, dass nirgend die Naturvölker sehr hohe
Kopfzahlen aufzuweisen haben; aber alles dies ist auch wiederum nicht
von solchem Einfluss, dass es das Aussterben dieser Völker allein schon
erklärte; wir dürfen es nur als sekundäre Ursachen dafür betrachten, als
solche aber dürfen wir es auch durchaus nicht übergehen oder
unterschätzen. Wäre dies ihr Leben dem menschlichen Organismus
zuträglicher, so würden sie auch manches feindliche Schicksal, welchem
sie so erliegen oder erlegen sind, überwunden haben.
§ 6. Charakter der Naturvölker.
Aber nicht bloss diese Fahrlässigkeit in Bezug auf ihr äusseres Leben
schadet den Naturvölkern: ihr ganzer Charakter, wie er sich im Laufe der
Jahrtausende entwickelt hat, steht einem kräftigen Gedeihen im Wege und
so müssen wir auch diesen, wenigstens nach einigen Seiten hin,
betrachten. Zunächst ist unter ihren geistigen Eigenschaften ihre
furchtbare Trägheit hervorzuheben, welche z.B. in Mikronesien so weit
geht, dass man viel zu indolent ist gegen eine fürchterliche Form des
Aussatzes, welche in ihrem Anfang noch heilbar und leicht heilbar in
ihrer Entwickelung ebenso qualvoll als absolut tödtlich wird, auch nur
das Mindeste zu thun: man sieht dem ersten Anfange, der noch nicht
belästigt, mit grösster Seelenruhe zu, bis jede Hülfe zu spät ist
(Virgin 2, 103). Diese Faulheit, welche Waitz 1, 350; b, 84, 90 und
sonst zur Genüge geschildert hat, ist denn auch ein Grund, weshalb
Naturvölker so selten Vorräthe sammeln, ja verhindert sie oft nur
auszugehen, um Nahrung zu suchen, wie Grey 2, 262-63 von den
Neuholländern sagt; namentlich im Sommer bei Hitze und im Winter bei
Kälte und Nässe leiden sie Hunger, die Folge ihrer Trägheit. Beispiele
von den Hottentotten zu geben wäre überflüssig. Diese Trägheit schadet
ihnen aber noch auf ganz andere Weise. Denn wie Fleiss, Interesse und
geistige Anspannung auch körperlich anregen und grössere Kraft und dem
ganzen Organismus auch leiblich erhöhteres Leben verleihen, so schwächt
umgekehrt fortgesetzte Schlaffheit und geistige Trägheit, wie sie die
Naturvölker in so hohem Grade ausser wenn sie Noth treibt bekunden, auch
die leibliche Kraft und die Funktionen des Körpers scheinen darunter zu
leiden. Wenn nun dieser Zustand durch leibliche und geistige Vererbung
(auch der Einfluss geistiger Vererbung ist von grösster Bedeutung und
wohl noch nicht überall hinlänglich gewürdigt) sich immer mehr
befestigt, so muss er auf das Gedeihen der Naturvölker einen immer
gefährlicheren Einfluss haben. Allerdings ist das Ineinandergreifen des
leiblichen und geistigen Lebens ein schwieriger und dunkler Punkt, auf
den aber gerade deshalb ganz besonders aufmerksam gemacht werden muss.
So entwickelt sich denn aus dieser Trägheit des äusseren auch eine
Starrheit und Unbeweglichkeit des geistigen Lebens, die gleichfalls von
den schlimmsten Folgen für diese Völker ist, schon dadurch, dass jeder
gute Einfluss der Europäer auf sie, jeder Versuch, sie zur Kultur
emporzuheben, ausserordentlich erschwert wird. Dadurch abgeschreckt
haben auch vorurtheilsfreie Männer, wie Meinicke, behauptet, sie seien
zu jeder Kultur unfähig, und doch ist, wie Erfahrungen bei allen
Naturvölkern bewiesen haben, nichts falscher, als diese Behauptung. Da
nun diese Starrheit mit jeder Generation nach und nach zunimmt, so
wirken auch historische Schicksale, Wanderungen und dergl. unendlich
viel schwerer auf diese Völker, als sie vor so vielen Jahrtausenden auf
die Indogermanen, die Semiten, als sie auch auf die gebildeteren
Polynesier und Amerikaner wirkten. Daher versinken sie immer mehr und
mehr in Roheit und Stumpfheit, und es ist nicht übertrieben, zu
behaupten, dass, auch wenn sie allein auf der Welt wären, ohne jeglichen
feindseligen Einfluss von aussen her, sie dennoch, wie jetzt ihre
Entwickelung oder wohl besser ihre Verhärtung ist, nach und nach
langsam vergehen und erlöschen würden. Denn nichts ist der menschlichen
Natur, die so sehr auf Wechselbeziehung zwischen Leib und Seele
gegründet ist, schädlicher, als eine solche Unthätigkeit beider.
Ein dritter Zug ihres Charakters, der uns hier näher angeht, ist eine
gewisse Melancholie, die sich, wie bekannt, zumeist bei den Amerikanern
findet. Doch auch die scheinbar so fröhlichen Polynesier, wenn man
gleich ihr Temperament nicht wie das der Amerikaner melancholisch nennen
kann, zeigen manches Entsprechende. So resigniren sich die Tahitier über
ihr Aussterben durch den oft wiederholten Ausspruch, den wohl Ellis (1,
103-104) zuerst mittheilte: der Hibiskus soll wachsen, die Koralle sich
ausbreiten, der Mensch aber dahinsterben; und »es war melancholisch,
sagt Darwin (2, 213), die schönen energischen Eingeborenen Neuseelands
sagen zu hören, sie wüssten, dass das Land nicht das Eigenthum ihrer
Kinder bleiben würde.« Für Kamtschatka ist wichtig, was v. Kittlitz über
das Klima dieses Landes sagt, das bald (oder Einzelne) zur tiefsten
Melancholie stimme, bald (oder Andere) zur höchsten excentrischsten
Freude aufrege. Die Schilderungen der Aleuten bei Kotzebue, Chamisso,
Langsdorff u.a. enthalten ganz ähnliche Züge von Niedergeschlagenheit,
die allerdings hier mit grossem Phlegma gepaart scheint.
Es ist klar, dass diese Melancholie mit jener schon besprochenen
Trägheit zusammenhängt; denn diese raubt dem Geist der Naturvölker, der
nach aller Naturvölker Art ganz und gar vom jedesmaligen sinnlichen
Eindruck und meist nur von solchen abhängig ist, die besonnene und feste
Willens- und Widerstandskraft immer mehr. So wie nun aber jeder
Willensakt eine rein physische Nerventhätigkeit voraussetzt, so wird
auch fortgesetztes Nichtwollen zum bleibenden Nervenhabitus, zum nicht
Wollenkönnen und dadurch vom übelsten Einfluss auf die Seele, der, wenn
dieser letzteren Leiden entgegentreten, um so grösser und vernichtender
wird.
Das zeigt sich nun schon bei den Naturvölkern im Leben der Individuen.
Wir sahen, dass Krankheiten überall als Bezauberung oder Einwirkung von
Dämonen gelten; viele aber, die von Krankheiten befallen sind, sterben
aus keinem andern Grund, als aus Melancholie über die vermeintliche
Bezauberung. Beispiele für Neuseeland gibt Dieffenbach 2, 16, Browne 75;
für Tahiti Ellis 1, 364, 367-68; für Neuholland, wo eine namenlose Angst
vor Bezauberung herrscht, Grey 1, 363-64. 2, 336-40; für Nordamerika, wo
der Tod aus abergläubischer Furcht gar nicht selten ist, Waitz 3, 213:
und nach allem Gesagten werden wir in den Ländern, wo Krankheit durch
Zauberei entsteht oder als Folge von Sünden gilt, wie z.B. in
Kamtschatka, wo Krankheit und Tod erfolgen, wenn man Kohle mit dem
Messer spiesst oder Schnee mit dem Messer von den Schuhen schabt (Waitz
1, 324), in allen diesen Ländern, also bei allen Naturvölkern werden wir
auch ein solches Hinsterben Einzelner aus Angst und Aberglauben finden.
§ 7. Ausschweifungen der Naturvölker.
Die gänzliche Abhängigkeit der Naturvölker von sinnlichen Eindrücken hat
auch noch eine andere sehr gefährliche Folge für sie, durch welche
einzelne Stämme ernstlich bedroht worden sind: wir meinen die
Ausschweifungen, denen viele von ihnen verfallen sind, im Trunk und vor
allen in geschlechtlicher Beziehung.
Zwar von den gebildeten Völkern Amerikas, den Mexikanern und ihren
Verwandten sowie den Peruanern, kann man nicht behaupten, dass sie nach
dieser Seite hin Vorwürfe verdienten; freilich kamen bei ihnen
Ausschweifungen und grobe, ja unnatürliche Laster vor, freilich gab es
bei ihnen öffentliche Dirnen, aber alles das war keineswegs ausgebreitet
und durchaus verachtet, so dass wir sie in dieser Beziehung viel höher
stellen müssen, als die heutigen Kulturstaaten Europas. Die Schilderung
freilich, welche wir bei Pöppig 375 finden, oder was uns der berüchtigte
Ortiz, ein Mönch zur Zeit der Entdeckung, erzählt, enthält des
Scheusslichsten auch nach dieser Seite viel; Ortiz Darstellung sollte
aber nur die Behandlung, welche das Land durch die Conquistadoren
erfuhr, rechtfertigen und so häufte sie alle Laster auf die Indianer.
Pöppigs Nachrichten beruhen auf ähnlichen Quellen, die gleichfalls ganz
unzuverlässig und meist unwahr sind. Wenn z.B. Gomara (bei Pöppig)
berichtet, dass Balboa 50 Päderasten in Quarequa in Darien und ebenso
(Waitz 4, 350) den Herrn dieses Landes um desselben Lasters willen von
Hunden zerreissen und dann verbrennen liess, so ist es ganz klar, dass
hier die Anklage nur erfunden wurde, um die scheussliche Grausamkeit
Balboas zu bemänteln, der selbst sagt, das Laster sei nur von den
Vornehmen verübt, vom Volke verabscheut. Denn dass spanische Soldaten,
unter welchen es gleichfalls vorkam (Waitz 3, 383), jemals dafür und gar
so fürchterlich gestraft wären, davon wird nichts erwähnt. Waitz im 4.
Bande der Anthropologie hat nun ganz klar und deutlich bewiesen, dass
solche Ausschweifungen nur einzeln und selten bei diesen Völkern sich
fanden, wofür die strengen Strafen, welche bei ihnen allen auf solchen
Lastern oder auf sonstiger Unzucht standen, sprechen; vergl. Waitz 4,
85. 88. 131. 307. 350. 367 u. sonst. Ebenso wenig waren solche Laster,
wie Pöppig a.a.O. will, »Volkslaster« in Peru; freilich haben die
Conquistadoren auch hier das ärgste zu erzählen gewusst und mussten,
nach ihren Berichten, die grausamsten Strafen gegen die Lüstlinge
anwenden; wenn man aber liest (Waitz 4, 478), wie der gefangene Inka
Manko Capak, Atahualpas Bruder, die Spanier flehentlich bat, dass man
ihn doch wenigstens nicht zum Feuertod verurtheilen oder den Hunden
vorwerfen, sondern nur aufhängen möge, so wirft das auf jene Strafen ein
ganz eigenthümliches Licht. Auch beweisen die Zeugnisse bei Waitz 4,
417, dass auch in Peru solche Laster, Ehebruch oder gar Päderastie,
durchaus nicht verbreitet waren, sondern nur vereinzelt vorkamen, wofür
wiederum die strengen Strafen, welche die einheimischen Landesgesetze
gegen derartiges verhängten, sprechen.
In Nordamerika war, wie bei den eben besprochenen Völkern, Polygamie
erlaubt, keineswegs aber sehr ausgedehnt (Waitz 3, 109). Weibertausch
kommt vor, als Freundschaftszeichen unter Familien (Hearne 128), ebenso
auch Prostitution aus Gastfreundschaft. Keuschheit der Mädchen war
überhaupt etwas, auf das man bei vielen Völkern und namentlich bei den
roheren, keinen Werth setzte (Waitz 3, 111). Schlimmere Dinge und
namentlich Blutschande erwähnt als gewöhnlich bei den Athapasken Hearne
128, der auch sonst den Anwohnerinnen der Hudsonsbai arge
Ausschweifungen Schuld gibt (126-27). Unnatürliche Laster werden
vielfach bei den Völkern Nordamerikas erwähnt und Männer in
Weiberkleidern finden sich freilich an vielen Orten, so bei den
Illinois, in Florida, bei den Mandans, den Osagen, den Kansas u.s.w.
(Waitz 3, 113); auch bei den Bewohnern Nutkas wird Aehnliches erwähnt
(eb. 133), obgleich sie sowohl wie die Koluschen im ganzen keusch leben,
anders wie die Chinook (am Columbia), bei denen Prostitution und
sinnliche Ausschweifungen verbreitet waren (eb. 337). Strenger sind die
Völker vom Oregongebiete. Uebrigens ist das nicht immer ein Zeichen von
unnatürlichen Lastern, wenn Männer Weiberkleider tragen; denn einmal
scheint manche abergläubische Vorstellung (eb. 113) damit verbunden zu
sein, in anderen Fällen war es wenigstens eine symbolische, wie z.B. die
Delawares von den Irokesen »zu Weibern gemacht«, d.h., gezwungen wurden,
als sie gänzlich besiegt waren, den Weiberrock anzuziehen (Waitz 3, 23.
b, 158) und auch bei den Chibchas in Neu-Granada Feiglinge mit einem
Weiberrock bekleidet wurden (4, 361). Bei den Illinois standen die so
gekleideten Männer in besonderem Ansehen (3, 113) und ganz ähnlich war
es bei den nördlichen Patagoniern (3, 506), wo die Zauberpriester, deren
einen jede Familie hatte, Weiberkleider trugen. Auch was Combes (Hist.
de las islas de Mindanao Madrid 1667 p. 55) erzählt, dass es bei den
Subanos auf Mindanao Männer gäbe, welche unverheirathet blieben,
Weiberkleider trügen, aber geehrt wären und keusch lebten, zugleich aber
auch physisch ein weibliches Aussehen hätten, werde hier als merkwürdige
Parallele erwähnt.
Den Cariben in Südamerika wird von den älteren spanischen
Schriftstellern gleichfalls der Vorwurf unnatürlicher Lasterhaftigkeit
gemacht, doch hat Waitz 3, 383 Recht, wenn er auch diesen Vorwurf für
unrichtig hält, »denn auf ihn pflegte hauptsächlich der Anspruch
gegründet zu werden, die Eingeborenen zu rechtmässigen Sklaven zu
machen«. Andere Schriftsteller läugnen auch, dass hier solche Laster
vorgekommen seien; doch fanden sich Männer in Weiberkleidern auch hier
(Oviedo bei Waitz 3, 383). Auch die Tupis in Brasilien lebten streng (3,
423); ebenso die Araukaner (3, 516). Hiermit stimmen auch alle
Nachrichten bei Azara; nur dass er den Weibern der Mbayas, bei denen
Polygamie erlaubt ist, mancherlei Ausschweifungen vorwirft (249-50).