In Amerika finden wir so ziemlich dasselbe. Denn auch die Mexikaner,

obwohl tüchtige Chirurgen und mit mancherlei medizinischen Mitteln

bekannt, setzten ihre festeste Hoffnung auf abergläubische Mittel (Waitz

4, 165, 174). Die Californier versuchten durch Anblasen und Aussaugen

des kranken Gliedes oder dadurch, dass sie andere opferten oder

verstümmelten, die Krankheit zu heben (Waitz 4, 250). Aussaugen,

Anblasen, Reiben galt auch auf Haiti als Hauptmittel, so wie denn,

merkwürdig genug, hier die Aerzte dieselbe Ceremonie anwandten, welche

die Neuholländer noch jetzt haben: sie zogen dem Kranken einen Stein und

mit ihm den Anlass aller Krankheiten aus dem Mund. Schwerkranke wurden,

wie in Mikronesien, ausgesetzt, oder, wie in Nukuhiva erstickt (Waitz 4,

327). Das Hervorziehen des Steines oder Knochens aus dem Körper des

Kranken fand sich auf dem brasilianischen Festland unter den Payaguas

(Azara 269). Auch in Peru war das Heilverfahren, obwohl man einige

Arzneipflanzen kannte, purgirte und zur Ader liess, fast durchaus auf

Zauberei begründet (Waitz 4, 463). In Nordamerika nun waren bei fast

allen den minder kultivirten Völkern die Aerzte ganz und gar Zauberer,

die Krankheit nur Besessenheit, der böse Geist ward daher, zur Kur,

ausgesaugt und ausgespieen, oder durch Blasen, Kneten, Schlagen und

ähnliche Mittel entfernt (Waitz 3, 213-14). Auch in Südamerika ist

Zauberei, Aussaugen Anblasen u.s.w. Hauptmittel und fast überall der

Arzt zugleich Zauberer, nur bei den Botokuden nicht, welche nur

natürliche Mittel, Reiben, Kneten, Urtikation, auch, aber meist ohne

Erfolg, innerliche Arzneien anwenden (Tschudi 2, 286-87) und als

Chirurgen nicht ungeschickt sind. Aber Zauberer waren die Aerzte bei den

Tupis, den Makusis, deren Heilverfahren, das neben vieler Zauberei auch

manche wirklich wirksame Mittel kannte, Schomburgk (2, 333) schildert,

ferner bei den Waraus (eb. 1, 170), den Cariben (2, 427), den

Araukariern, welche indess neben den Zauberärzten auch noch andere und

tüchtigere Aerzte hatten (Waitz 3, 519), den Feuerländern (Bouqainville

130) u.s.w.

Dampfbäder sind sehr allgemein verbreitet und bei fast allen Krankheiten

angewendet; so bei den Mexikanern und bei den alten Tolteken (Waitz 4,

270); ebenso in Nordamerika (3, 217) in Südamerika bei den Makusi

(Schomburgk 2, 333) und sonst.

Nicht anders war im grossen Ganzen, nach Langsdorff, das Heilverfahren

der Aleuten.

Auch die Hottentotten betrachteten alle Krankheiten als Wirkungen von

Zauberei und bösen Geistern, und behandeln sie darnach, durch

Beschwörung u. dergl., doch wendet der Zauberer oder die Zauberin dabei

auch andere, innerliche und äusserliche Heilmittel an. Wunderbarer Weise

findet sich denn auch hier, wie auf den Antillen, jener sonderbare

neuholländische Gebrauch wieder, einen Stein--hier einen Knochen--unter

mancherlei Ceremonien aus dem Leibe (Mund, Ohr, Rücken u.s.w.) des

Kranken, der ihm eingehext und der Sitz der Krankheit sei,

hervorzuziehen, damit jener genese (Sparmann 197-98). Ihre Giftärzte

sollen freilich sehr ausgezeichnete Mittel gegen Schlangenbiss haben,

und die Colonisten haben, was sie von Heilpflanzen der südafrikanischen

Flora kennen, erst von den Eingeborenen gelernt (Waitz 2, 344). Allein

Schwerkranke, Alte und Hülflose setzen die Hottentotten häufig aus

(Sparmann 320); Sterbende schüttelt und stösst man, gewiss um den Dämon

der Krankheit zu verscheuchen, überhäuft ihn mit Vorwürfen, dass er die

Verwandten durch seinen Tod betrübe, bittet ihn zu bleiben u.s.w.

(Sparmann 273).

Die Zauberer aber gerathen sehr häufig, wenn ihre Kur nicht anschlägt,

in Gefahr, von den erbitterten Angehörigen arg gemisshandelt oder

getödtet zu werden. Für Amerika bringt Waitz und die angeführten Autoren

eine Menge Beispiele bei: für Afrika genüge eins, welches bei Sparmann

198 erwähnt wird: ein Fürst, der an schlimmen Augen litt und von den

Zauberern nicht geheilt werden konnte, liess diese alle umbringen, weil

er glaubte, dass einer von ihnen, der ihm feindlich gesinnt sei, seine

Heilung verhüte. Denn jeder unglückliche Ausgang einer Krankheit gilt

als bewirkt durch stärkeren Zauber, hier und in Amerika und Polynesien.

§ 5. Geringe Sorgfalt der Naturvölker für ihr leibliches Wohl.

Indess, da ja Krankheiten die Naturvölker in ihrem gewöhnlichen Zustand

nur wenig plagen, so möchte alles dies Verkehrte, und wenn es manchem

Kranken den Tod brachte, doch nicht allzuviel für ihr Hinschwinden

bewirkt haben; viel gefährlicher ist die geringe Sorge, welche fast alle

Naturvölker auf ihre leibliche Pflege verwenden und verwenden können.

Freilich sind sie abgehärtet gegen Vieles durch eigene Gewöhnung und,

wodurch diese erst in so hohem Grade ermöglicht wird, durch Vererbung;

und so fühlen sich auch noch die Feuerländer, nach Darwin die elendesten

und niedersten Menschen, in ihrem entsetzlichen Klima, ohne rechtes

Obdach, auf dem nassen Boden schlafend, nackt, nur kümmerliche Nahrung

und diese nur mit Mühe findend, nach ihrer Art wohl und begehren nichts

Besseres (Darwin 1, 230). Die Eskimos sind an ihre Schneewüsten, die

Neuholländer an ihre unfruchtbaren Steppen, die ihre wandernde Lebensart

bedingen, die neuholländischen Weiber an ein Leben voll Last und Mühe,

an die schrecklichste Behandlung gewöhnt, so weit menschliche Natur sich

gewöhnen kann. Trotz aller Gewöhnung aber hängt es mit der Lebensart der

Naturvölker zusammen, dass sie, auch bei der ersten Bekanntschaft mit

den Europäern, bisweilen selbst wenn sie schon eine gewisse Halbkultur

erlangt hatten, verhältnissmässig so geringe Bevölkerungsziffern

aufweisen; sie leben eben so, dass die menschliche Natur nicht anders

als kümmerlich gedeiht--wenn auch die einzelnen Individuen oft ganz

besonders stark erscheinen. Es ist ja aber gerade ein oft wiederholter

Ausspruch, die Naturvölker seien deshalb körperlich so kräftig, weil

alle schwächlichen Kinder ohne weiteres erlägen; so z.B. Humboldt b 2,

189.

Nicht bloss schwächliche Kinder erliegen indess; und diese Sterblichkeit

der Kinder ist das erste, was wir hier zu betrachten haben. Die

Feuerländer, deren Wohnung nicht den geringsten Schutz bietet (Darwin 1,

228), setzen ihre Kinder nackt der Wuth ihres Klimas aus (eb. 229). Fast

alle Indianer in Nord- und Südamerika führen jetzt ein elendes

Wanderleben; und überall hin werden die Kinder von den Müttern

mitgeschleppt, auf den rauhesten und weitesten Märschen und oft noch,

während sie durch aufgelegte Bretter und andere gewaltsame Mittel (um

ihrem Kopf eine eigenthümliche Gestalt zu geben) in der natürlichen

Entwickelung gestört sind. Schon bei der Geburt werden viele Kinder

sterben. Denn überall ist es Sitte, dass das Weib kurz vor der Geburt

sich in den Wald begiebt, dort allein gebiert, sich selbst die

Nabelschnur abschneidet und unterbindet, dann sich und das Kind sogleich

in kaltem Wasser badet und nun zurückkehrt, nicht etwa zur Pflege,

sondern zur erneuten Arbeit. Dies war der Fall bei den Waraus in Guyana

(Schomburgk 1, 166), bei den Cariben und Makusi (eb. 2, 315, 431); und

in Nordamerika sehr vielfach (Waitz b, 98). Die Nahrung aber, welche ein

Kind nach und neben der Muttermilch bekommt, ist oft schon an und für

sich schädlich und ungesund. Grosse Sterblichkeit herrscht noch unter

den Kindern des heutigen Mexiko in Folge verkehrter Diät (Waiz 4, 196).

Die Nahrung wird ihnen auch noch beschränkt durch die eigenthümliche

Sitte, neben den Kindern Thiere, Affen, Beutelratten u.s.w. zu säugen,

was die Makusi, die Waraus, die Cariben und verschiedene andere Völker

thun (Schomburgk 2, 315. 1, 167). Von der schlechten Wartung der Kinder,

wenn sie krank sind, spricht Humboldt b. 4, 224 und der Schmutz, in

welchem sie aufwachsen, und von denen Schomburgk aus Guyana

Abschreckendes erzählt, kann auch keinen guten Einfluss haben. Und doch

lieben die Amerikaner in Nord-und Südamerika ihre Kinder aufs innigste.

In Tahiti nehmen die Frauen unmittelbar nach der Geburt sofort

Dampfbäder mit kalten Abwaschungen (Wilson 461), in Neuseeland

gleichfalls, wo die Kinder, wie in Tahiti, ganz nackt bleiben und eher

schwimmen als laufen können (Dieffenbach 2, 24-25, Ellis 1, 261 und

Mörenh. 2, 61); und ebenso auf Nukuhiva (Melville 2, 191).

Hautkrankheiten, und zwar sehr bösartige der Kinder (jaws, framboesia)

werden öfters erwähnt, z.B. in Tonga, wo die Kinder gut gepflegt und

sonst sehr gesund sind (Mariner 2, 179) und in Ponapi (Cheyne 122).

Grosse Sterblichkeit herrscht aber unter den Kindern wegen Mangel an

Pflege und Wartung in Hawaii (Virgin 1, 268) und ebenso in Tahiti

(Bennett 1, 148). Ellis sagt, dass die tahitischen Kinder, obwohl dem

Aussehen nach dick und gesund, doch bis zu einem Alter etwa von 12

Monaten sehr zart und hinfällig wären (1, 260). Formation des Schädels

durch Platt- und Hochdrücken war in Tahiti sehr häufig 1, 261. Auch auf

Mikronesien ist die Wartung der Kinder schlecht. Auf Tobi (Lord North,

äusserstes Süd-Westende Mikronesiens) erhalten die Kinder sofort nach

der Geburt ganz gleiche Speise wie die Erwachsenen (Pickaring, Memoir of

the Language and Inhabitants of Lord Norths Isl. 1845; 228), und ebenso

auf Ratak Kokosmilch und Pisang, den ihnen die Mutter vorkaut;

schädlicher aber als diese Nahrung ist ihnen die Unregelmässigkeit, mit

der sie überhaupt etwas bekommen (Gulick 180-181), daher denn auch hier

die Sterblichkeit unter ihnen gross ist. Auch in Polynesien säugen die

Weiber gern Thiere auf neben den Kindern, wie z.B. die Hawaierinnen nach

Remy XLII Hunde und Schweine.

In Melanosien ist es nicht besser: die Kinder werden nicht gepflegt und

müssen von der Geburt an das Leben der Alten mitmachen. In einigen

Gegenden Neu-Guineas (Finsch 103) wird der Gebärenden fortwährend kaltes

Wasser über den Kopf gegossen, ist aber das Kind geboren, Mutter und

Kind sofort kalt gebadet und dann einer möglichst starken Hitze neben

einem lodernden Feuer ausgesetzt, und so abwechselnd weiter. Je heisser

und länger Mutter und Kind diese Höllenkur vertragen, für desto gesünder

gelten beide. In einer anderen Gegend hatte eine Frau ein unlängst erst

geborenes Kind auf den heissen Sand gelegt und arbeitete in der Nähe;

als Fremde kamen, grub sie es ohne weiteres bis an den Hals in den Sand

und arbeitete fort (eb. 63).

Fast nirgends aber sterben mehr Kinder als in Neuholland: von vieren

wird kaum mehr als eins drei Jahre alt (Turnbull 43), was sich aus der

Behandlung, die ihnen zu Theil wird, und die nur ausserordentlich starke

Kinder überstehen, erklärt. Kaum geboren wird das Kind in ein

Opossumfell gewickelt, überall mit hingeschleppt und meist im höchsten

Grade nachlässig behandelt, dem Feuer zu nahe gelegt und dergl. (Grey

2, 250-251). Dies Wandern führt auch Darwin (2, 213) als Grund der

Sterblichkeit unter den Kindern an, und es ist beachtenswerth, was er

zusetzt: »Wie die Schwierigkeit, sagt er, sich Nahrung zu verschaffen,

wächst, so wächst ihre wandernde Lebensweise und darum wird die

Bevölkerung ohne eigentlichen Hungerstod auf eine so ausnehmend

gewaltsame Weise zurückgehalten, im Vergleich mit civilisirten Ländern,

wo der Vater seine Arbeit mehren kann, ohne den Sprössling zu

vernichten«. Dazu wird ihnen auch noch die Nahrung dadurch verkürzt,

dass auch hier die Weiber vielfach junge Thiere, Hunde, säugen (Grey 2,

279) und gewiss oft nur aus Noth: denn ein Hund ist jetzt um so mehr,

als die Jagdthiere immer scheuer und seltener werden, ein grosser Schatz

für den jagenden Eingeborenen und die Nahrung für die jungen Thiere ist

gewiss oft genug selten.

Kurz aber mit allem Nachdruck müssen wir hier erwähnen, dass auch das

Tattuiren, was in ganz Polynesien häufig betrieben wird, häufig den Tod

nach sich zieht (Ellis 1, 266); und da man nur eben heranwachsende

dieser Operation unterwirft, so wird der Jugend auch durch sie ein nicht

zu unterschätzender Abbruch gethan.

Wichtiger freilich, weil eine Sache von grösstem Einfluss auf das

leibliche Gedeihen der Naturvölker, ist die oft über alle Begriffe

schlechte Behandlung der Weiber. So vor allen Dingen in Neuholland. Die

armen Weiber müssen, schwanger oder nicht, mit allem Gepäck und oft noch

mit 1-2 Kindern beladen, dem Manne, der nur das Jagdgeräth trägt,

folgen; sie müssen, kaum angekommen, alle Arbeit für den Haushalt

besorgen, die Hütte aufschlagen, Feuer machen, Wurzeln, Muscheln erst

suchen, dann kochen, für den Mann, die Kinder alles Nöthige bereiten,

und dann, wenn sie bei alle dem oft aufs brutalste behandelt sind, dem

Manne Nachts geschlechtlich zu Willen sein. Die beste Nahrung, die sie

finden, ist für den Mann und ihre Söhne; sie dürfen erst essen, was

diese übrig lassen und wenn sie fertig sind. So ist ihr Loos Tag für

Tag: denn von dem, was sie noch ausser diesem gewöhnlichen Elend

besonderes Schlimmes trifft (z.B. die Art, wie sie von den Männern zur

Ehe geraubt werden), brauchen wir hier nicht zu reden. Ein wichtiger

Umstand ist ferner, dass ihre Pubertät schon mit 11 oder 12 Jahren

beginnt und sie schon mit diesen Jahren verheirathet werden. Nimmt man

zu alle dem nun noch hinzu, dass sie ihre Kinder sehr lange säugen, oft

bis 3 Jahre (Grey 2, 248-250) ja länger (4-6 Jahre nach Salvado 311), so

wird man sich nicht wundern, dass die Lebensdauer dieser Unglücklichen,

die nichts desto weniger oft ganz fröhlich sind und ihren Männern mit

Liebe anhangen, nicht allzulang ist und dass es weniger Weiber als

Männer gibt, im Verhältniss wie 1:3 nach Grey, nach anderen wie 2:3--ein

Umstand indess, der wahrscheinlich mit bedingt ist durch die Sitte,

neugeborene Mädchen umzubringen, von der wir später reden müssen.

Und in Amerika ist es nicht besser. »Entbehrung und Leiden, sagt

Humboldt b 2, 192, sind bei den Chaymas, wie bei allen halbbarbarischen

Völkern, das Loos des Weibes. Wenn wir die Chaymas Abends aus ihren

Gärten heimkommen sahen, trug der Mann nichts als ein Messer, mit dem er

sich einen Weg durchs Gesträuch bahnt. Das Weib ging gebückt unter einer

gewaltigen Last Bananen und trug ein Kind auf dem Arm und zwei andere

sassen nicht selten oben auf dem Bündel«. Auch die Botokudinnen müssen,

wie ihre Leidensgenossinnen in Neuholland, alle Arbeit thun, alles

Gepäck schleppen und sich dann noch von ihren Männern aufs roheste

misshandeln lassen (Tschudi 2, 284). Dasselbe erzählt Schomburgk von den

Bewohnern Guyanas (2, 313; 1, 122 ff.) und mit einem schauderhaften

Beispiel von roher Misshandlung von den Cariben (2, 428). Noch härter

ist das Loos der Weiber in Nordamerika, wo sie auch die Feldarbeit thun

müssen (Humboldt b 2, 293) und noch roher misshandelt werden (Waitz b,

98). Mrs. Eastmann, welche längere Zeit selbst mit den Dakotas gelebt

hat und daher diese Völker genau kennt, hat wohl Recht, wenn sie (bei

Waitz b, 98; 3, 100) sagt: »Die Arbeit des Weibes wird nie fertig. Sie

macht das Sommer- und Winterhaus. Für jenes schält sie im Frühling die

Rinde von den Bäumen, für dieses näht sie die Rehfelle zusammen. Sie

gerbt die Häute, aus denen Röcke, Schuhe und Gamaschen für ihre Familie

gemacht werden und muss sie abschaben und zubereiten, während noch

andere Sorgen auf ihr lasten. Wenn ihr Kind geboren ist, kann sie sich

nicht ruhen und pflegen. Sie muss für ihren Mann das Rudern des Kahnes

übernehmen, Schmerz und Schwäche wollen dabei vergessen sein. Immer ist

sie gastlich. Geh zu ihr in ihr Zelt, sie gibt dir gern, was du

brauchst, wenn es nur in ihrer Macht steht, und thut bereitwillig, was

sie kann, um es dir bequem zu machen. In ihrem Blick ist wenig

Anziehendes. Die Zeit war es nicht, die ihre Stirn gerunzelt und ihre

Wange gefurcht hat. Mangel, Leidenschaft, Sorgen und Thränen haben es

gethan. Ihre gebückte Gestalt war einst anmuthig, Mangel und Entbehrung

erhalten die Schönheit schlecht«. So kommt es vor, dass Mädchen von

ihren Eltern getödtet werden, um sie dem elenden Loos, das ihrer wartet,

zu entziehen; und dass Weiber sich selbst umbringen, weil sie die Bürde

ihres Lebens und Leidens nicht mehr zu tragen vermögen (Waitz 3, 103).

Nur bei einigen wenigen Völkern war das Loos der Weiber etwas besser

(Waitz 3, 181). Die Speisen des Mannes durften die Weiber nicht theilen,

ja oft nicht einmal mit den Männern zusammen essen (Schomburgk 2, 428),

eine Sitte, die auch überall in Ozeanien herrscht und ihren letzten

Grund in religiösen Anschauungen hat. Doch waren durch sie den Weibern

meist die wirklich guten und nahrhaften Lebensmittel untersagt, was bei

ihren schweren Arbeiten von doppeltem Gewichte war. In Poly- und

Mikronesien (in Melanesien herrschten Sitten, die den australischen

näher kommen und Fidschi steht zwischen beiden) war die Stellung der

Weiber nicht schlecht; allerdings waren sie meist von der Gesellschaft

und den Genüssen der Männer ausgeschlossen, doch empfanden sie dies

sowie die Prostitution, zu der sie verurtheilt waren, nicht, weil es die

Sitte nun einmal mit sich brachte und man sie sonst als

Freudenspenderinnen ehrte. Wirklich schlecht scheinen sie nur in der

Paumotugruppe behandelt zu sein, von wo und zwar von Mangareva Mörenhout

2, 71 schreckliche Beispiele äusserster Bedrückung und grausamster

Misshandlung erzählt. Während an den meisten Orten den Weibern so gut

wie gar keine oder nur weibliche Arbeit, Zeugbereiten und dergl.

obliegt, wie in Tonga, in Tahiti, in Nukuhiva (Melville 2, 147); so

müssen sie in andern Inseln fast alle Arbeit thun, wie in Neuseeland

(Dieffenb. 2, 12). Frühreife der Weiber ist in Polynesien sehr

gewöhnlich. Auf Neuseeland tritt die Pubertät früher als bei uns, doch

später als in Südeuropa ein (Dieffenb. 2, 33) nach Browne 38 sind sie

schon mit dem 11. Jahre heirathsfähig und früher coitus ist auf der

ganzen Insel gewöhnlich (Dieffenb. 2, 12). Aehnlich fand es Cook auf

Tahiti (b, 126-127). Dass sich 11jährige Mädchen den Fremden anbieten,

ist gar nicht selten; es soll auch noch jüngere geben, die es thun. Die

Geschlechtsentwickelung auf den Fidschiinseln fällt später: für die

Mädchen ins 14., für Knaben ins 17. oder 18. Jahr (Wilkes bei Waitz 1,

126). Auch in Amerika reifen die Weiber sehr früh (Azara an vielen

Stellen). Schomburgk (1, 123) sah unter den Waraus in Guyana eine Frau

von kaum 10 Jahren, die dennoch hochschwanger war. Humboldt der b 2, 188

sagt, dass die Chaymasweiber mit 11-12 Jahren sich verheiratheten,

erzählt dasselbe von den Eskimos der Nordwestküste von Amerika, den

Koriäken und den Kamtschadalen (190), bei denen häufig 10jährige Mädchen

Mütter sind. Er meint zwar, dass diese frühzeitigen Heirathen der

Bevölkerung nichts schadeten: jedenfalls aber hängt das frühzeitige

Verblühen der Weiber (Waitz b, 99; Tschudi 2, 298; Schoinburgk sagt in

Beziehung auf Guyana dasselbe) mit dieser Frühreife zusammen. Doch gibt

es Stämme in Nordamerika, wo die Geschlechtsreife viel später eintritt

(Waitz 1, 125) Thunberg sah bei den Hottentotten hinwiederum Mädchen von

11-12 Jahren, welche schon Kinder hatten (25-26[C]).

Zu dieser frühen Entwickelung kommt nun ein sehr langes Säugen. Wie in

Neuholland die Weiber--und in Polynesien ist es ebenso, nach Dieffenbach

a.a.O. und anderen--so säugen auch die Amerikanerinnen ihre Kinder

öfters bis ins 12. Jahr und dies Säugen wird, wenn die Mutter

mittlerweile durch ein 2. Kind beansprucht wird, von der Grossmutter

fortgesetzt! Die Indianerinnen behaupten, im Besitz eines Mittels zu

sein, welches ihnen länger und unerschöpflicher die Milch erhalte

(Schomburgk 2, 239. 315).

Muss eine solche Lebensart, welche auch bei den Hottentotten um nichts

besser und nur in Nebendingen anders ist, die Weiber frühzeitig welken

lassen und dahinraffen, so ist die Lebensweise der Männer vielfach auch

vollkommen aufreibend durch das Uebermass von Anstrengungen, was sie mit

sich bringt. Man denke auch nur, was es heissen will, Tag für Tag, bei

oft ganz ungenügender oder durch ihre zu reichliche Fülle schädlicher

Nahrung, fortwährend umherzuziehen, über endlose Strecken dem Wild nach,

in den Anstrengungen der Jagd oder des Krieges und dabei allen Unbilden

des Klimas, des Wetters ausgesetzt! Daher finden wir nirgends in

Neuholland oder dem Feuerland oder unter den Wanderstämmen Amerikas ein

so hohes Alter unter den Einzelnen als es Chamisso auf den Ratakinseln

und San Vitores (nach le Gobien 47) auf den Marianen fand, wo 100jährige

Greise nicht selten waren, während Grey schon 70 Jahre als hohes Alter

unter den Neuholländern betrachtet (2, 247-248), aber gleich hinzusetzt,

dass bei der grossen Sterblichkeit der Kinder, die mittlere Lebensdauer

bei ihnen viel geringer als in Europa ist. Nach Azara freilich erreichen

die brasilianischen Stämme ein sehr hohes Alter: er will unter den

Payaguas mehrere Männer gesehen haben, die zum wenigsten 120 Jahre alt

waren (270; vgl. 173). Die Polynesier, überhaupt die Bewohner kleiner

und meist genügend fruchtbarer Inseln, so bedenklich ein solcher Wohnort

nach anderen Seiten sein mag, sind in dieser Beziehung besser gestellt,

da schon die Oertlichkeit ihrer Heimath solche übermässige Anstrengung

verhütet; die langen und dünnen Gliedmaassen, die vorhängenden Bäuche,

die verkommene Gestalt aber der Neuholländer ist zweifelsohne nicht

Raçencharakter (an einem anderen Ort gedenke ich den Nachweis zu führen,

dass die letzteren gleichfalls ein Zweig des malaiopolynesischen Stammes

sind), sondern durch die mühselige Lebensart, das ewige Wandern, die

Unregelmässigkeit der Nahrung hervorgebracht. Und natürlich steigert

sich alle diese Noth durch die Ausbreitung der Europäer, durch welche

die Jagdthiere der Naturvölker sehr rasch zusammenschmelzen; ja sie

steigert sich durch sich selbst und ihre eigene lange Dauer, da die

Thiere, stets verfolgt, dadurch immer scheuer, die Jagd immer

schwieriger wird, wie von Tschudi 2, 279 von Südamerika bezeugt. Auch

werde, um nichts zu übergehen, wenigstens beiläufig an das erinnert, was

Tschudi eb. 290 sagt, dass mangelnde Jagdbeute die Völker nöthigt, ihre

Jagdzüge weiter auszudehnen und das Gebiet anderer Horden zu verletzen;

dass diese ihr Gebiet vertheidigen und sich so oft sehr bedeutende

Kämpfe um die Existenz entwickeln. Auf beschränktem Terrain war

Ausrottung der Jagdthiere bisweilen nothwendige Folge auch der

vorsichtigsten Jagd; so in Neuseeland, wo die grossen Jagdvögel, die

Moas (Dinornis, Apteryx), nach und nach ausgerottet sind von den

Eingeborenen selbst, die ersteren ganz, die letzteren wenigstens zum

grössten Theil, und zwar ohne Schuld der Maoris: die Vögel vermehrten

sich langsam und wurden bei ihrer Unbehülflichkeit und dem nicht sehr

günstigen Terrain leicht die Beute der Jäger. So starben sie aus, ohne

dass man jenen ein blindes Wüthen gegen die Jagdthiere vorwerfen dürfte.

Betraf dies nun ihre Lebensart im Allgemeinen, so müssen wir nun noch

von einzelnen Punkten speziell reden. Zunächst die Nahrung, in deren

Auswahl und Aufbewahrung fast alle Naturvölker wenig Sorgfalt zeigen.

Sie dürfen auch, da die Natur von selbst, auch in den Tropen, nicht zu

jeder Zeit und nicht allzubereitwillig das Nöthige bildet, nicht allzu

wählerisch sein. So essen denn z.B. die Botokuden eigentlich Alles,

ausser geniessbaren Thieren auch Füchse, Aasgeier, Mäuse, Schlangen,

Eidechsen, Kröten, Fledermäuse, Insektenlarven, Würmer, ungeputzte

Eingeweide (Tschudi 2, 279. 298) und dergl. In Guyana graben die Kinder

18 Zoll lange Skolopender aus der Erde und--fressen sie lebendig (Voigt

Zoologie V, 420 nach Humboldt). Das Erdeessen der Otomaken hält

Humboldt, der es b 6, 102 ff. mit Herbeiziehung alles Analogen bei

anderen Völkern bespricht, zwar nicht für schädlich, nützlich aber ist

es auch nicht, sondern nur hungervertreibend. Auch in Australien (Grey

2, 263-264) findet es sich; doch wird hier die Erde mit einer geriebenen

Wurzel gemischt.

Über das Aussterben der Naturvölker · 第 3 / 17 段