Dass auch Geschwüre genannt werden, könnte auffallen. Die ausbrechenden

Krankheiten richten sich jedenfalls theils nach den Miasmen, durch

welche sie hervorgerufen sind, theils und wohl ganz besonders nach der

Natur des Inficirten. Wie ja bei herrschenden Epidemien oder in der Nähe

gefüllter Krankenhäuser jede Krankheit, jede oft unbedeutendste

Verwundung durch den giftigen Einfluss der Miasmen schlimmer werden, ja

bis zum Tode führen kann, auch ohne in die herrschende Krankheitsform

überzugehen: ebenso natürlich ist es, dass sich solche eingeführten

Miasmen gerade auf den Theil des inficirten Organismus werfen, welcher

schon zuvor, in den meisten Fällen gewiss gleichfalls unbewusst, der

schwächste oder gerade bei der Einführung des Miasma irgendwie erregt

oder afficirt war. Auch erklärt es sich hieraus, wie bei gleichen

Miasmen--vorausgesetzt, dass sie gleich sind; denn eine

Schiffsmannschaft kann leicht verschiedene zugleich

bringen--verschiedene Individuen, wie sich das gar nicht selten zeigt

(z.B. bei Turner in Melanesien, bei le Gobien auf den Marianen, bei

Beechey auf Pitkairn) verschiedene Krankheiten bekommen können.

So erklärt sich das räthselhafte Faktum (welches als Faktum durch die

sichersten und verschiedenartigsten Zeugnisse feststeht), dass eine

gesunde Schiffsmannschaft gesunden Menschen Krankheiten bringen kann[B].

Dabei dürfen wir nicht unerwähnt lassen, was Humboldt an sich und

seinen Begleitern in Centralamerika beobachtete: »Es kommt häufig vor,

sagt er b 6, 142, dass sich bei Reisenden die Folgen der Miasmen erst

dann äussern, wenn sie wieder in reinerer Luft sind und sich zu erholen

anfangen. Eine gewisse geistige Anspannung kann eine Zeitlang die

Wirkung krankmachender Ursachen hinausschieben.« Denn aus diesem Satze

erklären sich manche Erscheinungen bei jenen spontanen Krankheiten der

Naturvölker--so darf man wohl, ohne Gefahr missverstanden zu werden, die

Krankheiten nennen, welche nach der blossen Berührung mit den

Kulturvölkern, ohne direkte Einschleppung entstehen--Erscheinungen,

welche sonst auffallen müssten. So, dass diese Uebel während der

Anwesenheit der Europäer noch nicht verspürt werden, denn jene

Schwindel- und Kopfwehanfälle der Pitkairner noch während Beecheys

Besuch beruhten sicher, nach ächt polynesischer Art, auf anticipirender

und übertreibender Einbildung; dann, dass sie ungleich seltener bei

feindlichem Zusammenstoss zweier Raçen sich zeigen, welcher freilich

meist auch von kürzerer Dauer ist, als ein freundlicher Besuch. Auch

scheint es, als ob das Durchmachen _einer_ Epidemie gegen Miasmen

verschiedener Art abhärte; wiewohl es gar nicht selten ist, dass ein und

derselbe Volksstamm von mancherlei Seuchen nach einander (oder auch von

derselben wieder) heimgesucht wird. Doch ist dann fast immer der erste

Anfall der verheerendste.

Jedenfalls aber haben wir hier die erste Ursache für das Aussterben der

Naturvölker: ihre leichte Empfänglichkeit für Miasmen, welche die

Kulturvölker ohne Wissen und Willen und bei eigener Gesundheit, zu ihnen

bringen; und die geringe Widerstandsfähigkeit ihres Organismus gegen

solche durch jene Miasmen entstehende Krankheiten.

§ 3. Direkt eingeschleppte Krankheiten.

Zu diesen eben besprochenen Krankheiten kommen noch andere hinzu, deren

Mittheilung zwar auf demselben Grunde beruht, den wir im vorigen

Paragraphen betrachteten, die aber doch, da man sie als direkt

eingeschleppte allgemein betrachtet und nachweisen kann, für den

Beobachter weit mindere Schwierigkeit bieten. Hierher gehören aber

gerade die furchtbarsten Seuchen, welche die Naturvölker betroffen

haben; und kann man sich denken, wie verheerend sie auf die

empfänglichen Naturen jener Völker wirkten. Nicht bloss Weisse haben sie

eingeschleppt: auch einzelne Zweige desselben Stammes haben andere mit

solchen Gaben bedacht. So ward ein böser Aussatz von Polynesien aus Rapa

nach Pitkairn verschleppt und den Bewohnern dieser Insel gefährlich; und

andere gleiche Beispiele finden sich. Schlimmer aber ist, was die

Weissen brachten, vor allen Syphilis und Blattern. Erstere Seuche ist

zwar überall bekannt genug, wo die Europäer hinkommen, und so also auch

von Alters her in Afrika und Amerika, wo sie eingeschleppt wurde (in

Californien nach Rollin, La Perouses Schiffsarzt bei La Perouse 2, 289;

in Guyana nach Schomburgk 2, 336). Gefährlicher aber ist sie vor allen

für die Polynesier geworden, denn hier begünstigte ihre Mittheilung und

Verbreitung die ausserordentliche Lüderlichkeit dieser Völker gar sehr;

und da die Polynesier durch ihre Lüste vielfach entnervt waren, so

wurden hierdurch auch die Formen dieser Krankheiten immer grauenvoller.

Und so finden wir sie hier vom äussersten Osten bis zum fernsten Westen.

Auf Waihu (Osterins.) ist sie jetzt häufig eingeschleppt von Europäern

(Mörenhout 1, 26). Auf Neu-Seeland findet sie sich, namentlich an den

Küsten, wo die Eingeborenen mit den Europäern am meisten verkehren, und

so schlimm, dass eine Menge Verwachsungen u. dergl. durch sie entstehen

(Dieffenbach 2, 17-25). Auf Tonga hatte sie Cooks Mannschaft, wie Cook

selbst erzählt dritte Reise 2, 390 eingeschleppt; doch kann sie hier

nicht allzu heftig gewirkt haben, denn Mariner (2, 270) gibt an, dass

durchaus nichts Syphilitisches sich auf der Gruppe finde und dass ein

Fall, welcher auf französischer Ansteckung beruhte, so rasch tödtlich

verlief, dass er weiter keine Folgen hatte. Allein ob nicht die Art von

Gonorrhöe mit ardor urinae, die er 268 als in Tonga heimisch erwähnt,

doch noch vielleicht von Cooks Mannschaft herstammte? Auch auf dem

Gilbertarchipel und den Ratakinseln--denselben Inseln, wo Chamisso

Anfang dieses Jahrhunderts so paradiesische Tage verlebte--ist die

Syphilis und andere Seuchen durch europäische Seeleute eingeschleppt

(Meinicke Zeitschr. 398), wie denn überhaupt Mikronesien auch sonst sehr

durch solche bösen Einwirkungen gelitten hat (Gulick 245).

Aber am schlimmsten hat diese Seuche auf Tahiti und Hawaii gewüthet. In

Tahiti ist sie so allgemein, dass fast jede Familie von ihr berührt ist

(Mörenhout 1, 228-29); und schon um 1790 waren zwei Fünftel der Insel

venerisch (eb. 2, 425). Da nun diese entsetzliche Krankheit theils gar

nicht, theils schlecht geheilt und behandelt wurde, so ward sie ein

Hauptmittel für die Dezimirung der Eingeborenen (eb. 2, 405). Vankouver

(1790) spricht von den Verheerungen, die sie unter den tahitischen

Weibern angerichtet hatte (1, 111): sie musste also schon lange

verbreitet sein und ist zweifelsohne gleich von den ersten Besuchern

eingeschleppt, gleichviel ob von Wallis (Anfang 1767) oder Von

Bougainville (1767, 15. Apr.), genug, Cook fand sie vor. Meinicke zwar

(b, 118) versucht zu beweisen, dass dies Uebel in der Südsee schon

heimisch war, vor der Berührung mit den Europäern: allein sein Beweis

ist ihm nicht gelungen und seiner Hypothese stehen die gewichtigsten

Autoritäten entgegen, so Cook selbst für Tahiti (dritte Reise 2, 331)

und für Hawaii (King ebendas. 4, 379), Turnbull (291) für Tahiti und so

noch andere. Auch thut Meinicke nicht recht, das Zeugniss der

Eingeborenen für so ganz nichtig zu halten; um so weniger, als die

Tahitier nach Cook sehr bestimmt Bougainvilles Schiff als das

bezeichneten, welches die verhängnissvolle Gabe brachte, sich also

keineswegs in allgemeinen Behauptungen hielten. Auch was Cook a.a.O.

390-91 über die Schwierigkeit, Ansteckung zu verhüten, die Gesundheit

der eigenen Mannschaft zu ermitteln und die Leichtigkeit, mit der sich

die Krankheit ausbreitet, und gewiss sehr richtig auseinandersetzt,

spricht gegen Meinicke. Allerdings stützt dieser sich für die

Sandwichgruppe auf den Umstand, dass, obwohl Cook zuerst nur auf Atuai

und Onihiau landete, er gleichwohl schon neun Monate später die Seuche

auf Maui verbreitet fand--was auch La Perouse mit mehreren anderen

Gründen medizinischer Art, die aber nicht ganz stichhaltig erscheinen

(1, 246, 276), als Grund gegen die Einschleppung durch Cook anführt. Er

schreibt die erste Verbreitung dieser Seuche den Spaniern zu, welche im

16. Jahrhundert öfters die Hawaiigruppe besucht haben. Wenn man nun auch

auf die rasche Verbreitung der Krankheit, wie sie bei der Lüderlichkeit

und dem fortwährenden Verkehr der Eingeborenen nur zu möglich war,

hinweisen könnte, so ist uns das für unsere Zwecke gleichgültig; genug

die Seuche ist jetzt überall verbreitet in Polynesien und Meinicke gibt

ja selbst zu, dass die Eingeborenen wenigstens die schwereren Formen des

Unheils den Europäern verdanken. Jedenfalls sind die Verheerungen,

welche gerade diese Krankheit in Polynesien angerichtet hat, auch wenn

es Meinicke nicht ganz zugeben will, entsetzlich genug, wie ältere und

neuere Schriftsteller einstimmig bezeugen. (Vergl. über Hawaii noch

Virgin 1, 265; Rollin bei La Perouse 2, 271; über Tahiti Turnbull 291;

Cook dritte Reise 2, 331). Doch scheint es, als ob in Tahiti sich jetzt

(1852) der Gesundheitszustand wieder gehoben habe (Virgin 2, 41). Auch

werden von früher (Cook a.a.O. 2, 331) schon Beispiele erwähnt, wo

Infizirte, freilich selten genug, von selbst genassen. Nur in Tonga

scheint, bei dem keuscheren Leben der Tonganer das Unheil wenigstens

nach Mariners Bericht, nicht um sich gegriffen oder doch leichtere

Formen nach und nach angenommen zu haben.

Die Seuche ist auch unter den Eingeborenen von Neu-Holland verbreitet

und auch hier will Meinicke (a 2, 179) die Annahme, sie sei ihnen von

den Europäern gebracht, als »äusserst unwahrscheinlich« dadurch

beweisen, dass bei der Gründung der Colonie von Sydney und auch

neuerdings diese Krankheit tief im Inneren des Continentes gefunden sei.

Als ob das bei dem Wanderleben dieser Stämme auffallen könnte! als ob

sie nicht schon vor der Gründung der Colonie mit Europäern und wahrlich

nicht mit den reinsten in mannigfacher Berührung gewesen wären! Den

Aleuten, bei denen es Cook schon vorfand (dritte Reise 3, 265), und den

Kamtschadalen ist dieses Unheil von den Russen, den Pelzhändlern,

mitgetheilt. Da nun aber die Kamtschadalen ebenfalls zu Ausschweifungen,

sei es im Trunk, sei es in der Liebe, geneigt waren, so sind auch hier

seine Folgen nicht ohne Gewicht für unsere Betrachtung.

Bei weitem schlimmer, aber und allgemeiner haben die Blattern gewüthet,

die schlimmste Geissel aller Naturvölker. Am bekanntesten ist dies von

Amerika, in dessen nördlicher Hälfte sie zuerst um 1630 auftraten (Waitz

b, 15). Neun Zehntel von den Nordindianern rafften sie hin; die

Mandans starben 1837 fast ganz aus, die Schwarzfüsse schmolzen durch

sie von 30-40,000 auf 1000 zusammen: ähnlich erging es anderen

nordamerikanischen Stämmen, den Krähenindianern, Minetarris, Cumanchen,

Rikkaris; von den Omahas und den Eingeborenen des Oregongebietes erlagen

ihnen zwei Drittel, von den Californiern die Hälfte (Waitz 1, 161).

Aehnlich wütheten sie unter den Völkern von Südamerika, den Indianern

von Paraguay und Gran Chako, den Puelchen, den Cariben, den Araukanern,

in Peru, am Maranon, in Guyana, wo ganze Völkerstämme durch sie

aufgerieben sind. Nie aber sind sie, wie Humboldt b 4, 224 bezeugt, am

oberen Orinoko aufgetreten, obwohl sie bei den Völkern Brasiliens wieder

ihre ganze Furchtbarkeit zeigten, bei den Chaymas, die 1730-36 von ihnen

dezimirt wurden (Humboldt eb. 2, 180), bei den Chiquitas (Waitz 3, 533),

welche schwer von ihnen zu leiden hatten. Nicht minder heftig aber

traten sie bei den kultivirten Stämmen Amerikas auf.

In Mexiko brachen, nach Torribio, die Pocken eingeschleppt durch einen

Negersklaven 1520 zuerst aus und rafften gleich damals die Hälfte der

Mexikaner hin (Humboldt a 1, 97); nach Herrera traten sie schon 1518 auf

(Pöppig 373) und schon 1517 mit denselben Verheerungen, ohne jedoch

einen Europäer hinzuraffen, auf den Antillen, zu deren Entvölkerung sie

wesentlich beigetragen haben. Ueberall, in ganz Amerika, waren die

Verwüstungen so arg, dass die Todten bisweilen unbeerdigt blieben, weil

es an Händen hierzu fehlte (Waitz b, 15). Man begreift es, dass, wenn

die Pocken ausbrachen, die Indianer im äussersten Entsetzen vielfach

ihre Hütten verbrannten, ihre Kinder tödteten und in die Einsamkeit

flohen (Humboldt b 4, 224); oder dass z.B. die Chilesen die Hütte mit

sammt den in ihr liegenden Kranken verbrannten (Waitz 1, 161). Waitz ist

der Ansicht und wir stimmen ihm bei, denn alle Quellen sprechen dafür,

dass diese Krankheit zahlreichere Opfer forderte, als Krieg und

Branntwein zusammengenommen; dass ihr gewiss die Hälfte bis zwei Drittel

der Urbevölkerung Amerikas erlegen sind.

Allein nicht bloss auf Amerika beschränken sich die Verheerungen der

Pocken. 1767 brachen sie, eingeschleppt durch einen russischen Soldaten,

in Kamtschatka aus und wütheten wie die Pest: nicht weniger als 20,000

Kamtschadalen, Kuriler und Koriäken sollen ihnen erlegen sein. Ganze

Dörfer starben aus und Cooks Reisebegleiter fanden selbst noch eine

Menge ganz leer stehender Dörfer vor. Ein anderes, vor der Epidemie mit

360 Menschen bevölkert, hatte nachher noch 36 Seelen (Cook 3. Reise 4.

174-75). Aehnliche, wenn auch minder starke Epidemien traten 1800 und

1801 auf, welche gegen 5000 Kamtschadalen dahinrafften und bei dem schon

lange immer mehr um sich greifenden Schwinden der Bevölkerung so

verheerend wirkten, dass in den Ostrogen (kleinen Dörfern des Inneren),

welche vorher meist 30-40 Einwohner hatten, nachher meistens nur 8-10,

in einigen wenigen 15-20 Bewohner übrig blieben (Krusenstern 3, 49. 52.

2. Theil, 2. Abtheil. Cap. 8).

Auf Neuholland brachen die Blattern zuerst 1789 aus und verwüsteten ganz

Cumberland; 1830 verheerten sie, bis zur Nordküste hin das Innere von

Ostaustralien (Meinicke a 2, 179). Auch diese Seuche entstand nach

Meinicke a.a.O. ohne Einschleppung spontan unter den Eingeborenen. Von

einer furchtbaren Pockenepidemie auf Ponapi (Puinipet, Banabe,

Carolinen) erzählt die Novarareise 2, 395: die Krankheit war durch einen

englischen Matrosen eingeschleppt und raffte 3000 Menschen hin; 2000

blieben übrig. Auf der Hawaiigruppe starben 1853 an den Pocken 5-6000

Menschen (Waitz 1, 176).

Auch die Hottentotten, wenigstens in der Nähe der Capstadt, sind

wesentlich durch die Pocken vermindert (Waitz 2, 346).

Ausser dieser Krankheit haben dann die Masern und Rötheln schlimm unter

den Naturvölkern gehaust, so in Brasilien, Guyana, im Mosquitolande

(Waitz 1, 162), in Neuholland (Darwin 2, 213); und noch gefährlicher

verschiedene Fieber, welche z.B. die Oregonindianer schwer heimsuchten,

die oberen Tschinuks 1823 von 10,000 auf 500 zusammenschmolzen und zwar

so schnell, dass die Zahl der Ueberlebenden nicht hinreichte, die Todten

zu begraben (Wilkes und Haie bei Waitz 1, 162).

Doch sind wir durch diese Fieber bei den Seuchen angekommen, denen die

Naturvölker vor dem Auftreten der Europäer unterworfen waren.

Epidemische Krankheiten sind zwar vorher selten, doch finden sie sich

auch. So jene Seuche, welche vor Cook auf der Ostküste von Neu-Seeland

wüthete, und zwar so heftig und rasch, dass auch hier nicht alle Todten

begraben werden konnten (Dieffenbach 2, 12-14); so die Fieber, welche,

wie es scheint, durch das Klima hervorgerufen am Orinoko epidemisch sind

(Humboldt b 4, 215), so und vor allen jene berüchtigte mexikanische

Krankheit, Matlazahuatl von den Eingeborenen genannt, ein furchtbares,

dem gelben Fieber verwandtes Gallenfieber mit Blutbrechen, das schon

lange vor Cortes Ankunft in Mexiko, ja wohl schon im 11. Jahrhundert

unter den Tolteken, die damals noch in Nordamerika waren, herrschte

(Humboldt a 4, 379), wie sich denn überhaupt die Krankheit mit

Leichtigkeit in die kalte Zone verpflanzt und ihr »die kupferfarbige

Raçe in beiden amerikanischen Hälften seit undenklichen Zeiten

unterworfen ist« (eb. 380). Wie furchtbar aber diese Krankheit wüthete,

geht aus den Zahlen hervor, welche Torquemada für die beiden Epidemien

1545 und 1576 angibt: 1545 sollen 800,000, 1576 zwei Millionen Indianer

gestorben sein (Humboldt a 1, 97). Mag auch Humboldt, obgleich er sich

verwahrt, Torquemadas Glaubwürdigkeit anzuzweifeln, Recht haben--und er

hat es gewiss--dass diese Zahlen nur auf ungefährer und ungenauer,

vielleicht übertriebener Schätzung beruhen: auch wenn wir die Ziffern

halbiren, welch furchtbarer Verlust an Menschenleben bleibt immer noch!

Humboldt meint (a.a.O.), dass auch diese Krankheit sich alle hundert

Jahre einmal zeige: da er aber 4, 379 die Jahre 1545, 1576, 1736, 1761

und 1762 als Jahre, worin die Krankheit wüthete, aufstellt, so ist, wenn

anders die Periodicität dieser Krankheit richtig ist, ihr Erscheinen in

den einzelnen Jahren dann auf Stämme und Landschaften eingeschränkt,

welche sie früher nicht hatten.

Einen Hauptgrund für die furchtbare Wirksamkeit solcher eingeschleppter

Krankheiten, auf den wir später zurückkommen, führt Humboldt an, wenn er

a 4, 410-11 sagt: »Die Niedergeschlagenheit des Geistes und die Furcht

vermehren natürlich die Prädisposition der Organe, um die Miasmen

aufzunehmen; daher es kein Wunder ist, wenn solche Epidemien namentlich

dann besonders heftig sind, wenn sie von siegreichen Eroberern

eingeschleppt werden.«

§4. Behandlung der Kranken bei den Naturvölkern.

Alle diese Krankheiten nun, welche den Naturvölkern durch die eigene

Natur derselben gefährlich genug waren, wurden es noch mehr durch die

ganz verkehrte Art, mit der jene Völker Krankheiten behandelten. Die

Syphilis ward dadurch so gefährlich in Polynesien, dass man sich theils

gar nicht um sie kümmerte, theils aber, wenn man es that, das Uebel nur

vermehrte. So glaubte man in dem berauschenden Kavatrank, der aus den

Wurzeln des Piper methysticum bereitet wird, ein Mittel gegen sie

gefunden zu haben, und es konnte doch nichts Gefährlicheres angewendet

werden, als bei dieser Krankheit dieses Mittel, das denn auch nicht

verfehlte, die Wirkungen der Seuche erst recht schlimm zu machen

(Mörenhout 2, 405). In Amerika wendete man gegen die Blattern

vornehmlich Dampfbäder mit unmittelbar folgenden kalten Abwaschungen an

und in Neuholland und Polynesien ausserdem noch andere und noch

thörichtere Mittel; natürlich wurde schon durch diese Kuren die

Krankheit fast immer tödtlich. Dass sich aber diese Völker bei neuen

unerhörten Krankheiten nicht zu helfen wussten, wird uns nicht Wunder

nehmen, wenn wir sehen, wie sie sich Kranken gegenüber für gewöhnlich zu

benehmen pflegen.

Die Neuholländer haben für ihre Kranken nur eine Ceremonie der Priester,

welche den bösen Geist, der im Kranken sitzt, oder den Zauber, der ihn

krank macht, beschwört, indem er unter allerlei Faxen einen Stein, meist

ein glänzendes Stück Quarz, aus dem Kranken zieht und damit ihn vom

Zauber, der in jenen Stein eingeschlossen ist, befreit (Grey 2, 337). Da

nun jede Krankheit auf Bezauberung beruht und zwar häufig auf Entziehung

der Seele, welche im Nierenfett ihren Sitz hat (Howitt 189), so wurde in

einigen Gegenden der Kranke mit dem Nierenfett dessen, den man für den

versteckten Mörder hielt und dem man es oft noch lebend ausschneidet

(Angas 1, 123), bestrichen: oder man versucht die Krankheit aus dem

betreffenden Glied auszusaugen, durch Aderlass zu entfernen, den bösen

Geist, indem man den Kranken knetet, schlägt, tritt und sonst

misshandelt, zu verjagen u. dergl. mehr. Geschickter sind die

Neuholländer im Behandeln äusserer Verletzungen; auch haben sie manche

rationelle Mittel gegen den Biss giftiger Schlangen (Brehm Thierleben 5,

262).

So ziemlich dasselbe Bild wird nun von der Heilkunst aller Naturvölker

zu entwerfen sein. Auf den Fidschiinseln werden schwer Kranke schon als

todt betrachtet, aufgeputzt und ausgestellt (Williams und Calvert 183);

Rücksicht nimmt man auf sie durchaus nicht, hat vielmehr, da man sie für

böswillig hält und glaubt, dass sie die Gesunden nur absichtlich

quälten, nicht das mindeste Mitleid mit ihnen (eb. 188). Ebenso sonst in

Melanesien. Sehr gewöhnlich werden Kranke ohne weiteres erschlagen, oder

ausgesetzt, z.B. auf der Fichteninsel (Cheyne 88). Auf Vate (neue

Hebriden) tödtet man phantasirende Kranke sogleich, damit sie nicht

Andere anstecken können (Turner 444); man begräbt sie und andere

schwerer Erkrankte lebendig (450). Ebenso machen es die Ajetas der

Philippinen, eine Negritobevölkerung der Gebirge Luzons mit

Schwerkranken (de la Gironière Aventures d'un gentilhomme Breton aux

îles Philippines 325). In andern Gegenden Melanesiens (auf den kleinen

Inseln bei Neu-Guinea) setzen sich die Kranken ans Meeresufer und

essen, was sie können, da nicht mehr essende Kranke sofort getödtet

werden. Kranke Glieder schnüren sie ein, um den Dämon, der die Krankheit

verursacht, zu fangen (Reina in Zeitschr. 4, 360). Denn auch hier gilt

alle Krankheit für Behexung (Turner 18-19), obwohl auch die Melanesier

Aderlass und derartige Mittel kennen (eb. 92). Auch in Mikronesien

tödtete man entweder die Kranken (indem man sie in einem lecken Schiff

ins Meer stiess, Hale 80) oder man wandte, um sie zu curiren, Zauberei

an, so auch auf den Marianen (le Gobien 47).

Und nicht anders in Polynesien. Auch hier wurden sie oft ermordet, oder

doch ganz gleichgültig behandelt, wo denn jeder Kranke für sich sorgte,

so gut es ging, d.h. in den Wald oder die Einsamkeit ging und entweder

gesund oder gar nicht wieder zurückkehrte. In Nukuhiva hielt man

Schwerkranken Mund und Nase zu, um den Geist festzuhalten (Mathias

_G***_, 115); ebenso in Südamerika bei den Moxos (Waitz 3, 538; b 151).

In Tonga bestand die Behandlung der Kranken fast nur darin, dass man sie

von einem Tempel zum andern schleppte, um die Priester und Götter für

sie anzuflehen; je kränker Jemand ist, je weiter schleppt man ihn--und

führt seinen Tod natürlicherweise gerade dadurch herbei (Mariner 1, 110;

362 ff. u. sonst). Oder man opferte wie in Tahiti und sonst in

Polynesien, Kinder oder Sklaven, um das Leben eines Vornehmeren zu

erhalten. Doch waren die Tonganer als Chirurgen nicht ungeschickt und

sie wagten sich an gefährliche Operationen. Auch war Skarifikation und

der Gebrauch gewisser Pflanzensäfte in Anwendung (Mariner 2, 267-270).

So wie bei ihnen, so gilt auch sonst in Polynesien Krankheit als

Bezauberung, oder als Rache und Strafe der Götter: in Neu-Seeland

(Dieffenb. 2, 59 ff.); in Tahiti (Bratring 181-82, Mörenh. 1, 543); in

Nukuhiva (Math. G. 228); und in Hawaii (Tyermann u. Bennet 1, 129).

Daher waren auch hier die häufigsten Mittel Opfer und Gebete. Nur auf

Neu-Seeland scheint man etwas zweckmässiger verfahren zu haben.

Wenigstens kannten die Eingeborenen die Heilkraft ihrer heissen Quellen

und wendeten sie für kranke Kinder an (Dieffenb. 1, 246), man gab den

Kranken leichtere Kost, gebrauchte Dämpfe von Pflanzenaufgüssen

(Pflanzenaufgüsse kannten auch die Marianer nach le Gobien),

Einreibungen mit warmen Pflanzensäften u. dergl. (Dieffenb. 2, 41).

Dampfbäder und darauf unmittelbar folgende kalte Abwaschungen waren

gleichfalls gebräuchlich (Mörenhout 2, 164) und Kneten der Glieder

überall verbreitet: in Nukuhiva, in Tahiti, Hawaii u.s.w. In Tahiti

hielt man jede Krankheit für Wirkung göttlichen Zornes und es galt daher

für sündlich, Arzeneien zu nehmen (Turnbull 260), gegen die sie auch

einen unüberwindlichen Abscheu haben (292). Wird ein Eingeborener dieser

Insel krank, so wird er sofort von allen Angehörigen und Landsleuten

gemieden: er ist ganz hilflos und auf sich allein angewiesen, ein

Verfahren, welches sich bitter genug rächt: denn die bei ihnen

gewöhnlichsten Uebel sind solche, die schon bei geringer Pflege leicht

heilen, bei Vernachlässigung aber tödtlich werden (Turnbull 260 u. 292).

Als Chirurgen waren auch sie wie alle Polynesier geschickt (Mörenhout 1,

161).

Über das Aussterben der Naturvölker · 第 2 / 17 段