In Mikronesien ist die Bevölkerung der Marianen, welche bei

ÜBER DAS AUSSTERBEN DER NATURVÖLKER

VON

DR. GEORG GERLAND,

LEHRER AM KLOSTER U. L. FR. ZU MAGDEBURG.

LEIPZIG,

VERLAG VON FRIEDRICH FLEISCHER.

1868.

SEINER EXCELLENZ

DEM HERRN GEHEIMEN RATH

H.C. VON DER GABELENTZ.

Vorwort.

Die Frage nach dem Aussterben der Naturvölker ist bis jetzt nur

gelegentlich und nicht mit der Ausführlichkeit behandelt, welche die

Wichtigkeit der Sache wohl verlangen kann. Am genauesten ist Waitz auf

sie eingegangen in seiner Anthropologie der Naturvölker Bd. 1, 158-186;

aber da auch er sie nur anhangsweise bespricht und in dem Zusammenhang

seines Werkes nicht mehr als nur die Hauptgesichtspunkte angeben konnte

und wollte; da er ferner manches nur andeutet oder ganz übergeht, was

von grosser Wichtigkeit ist, so erscheint es durchaus nicht überflüssig,

die Gründe für dies »räthselhafte« Hinschwinden selbständig und

möglichst genau von neuem zu erörtern. Namentlich die psychologische

Seite des Gegenstandes hat man bisher über die Gebühr vernachlässigt;

sie wird deshalb in den folgenden Blättern besonders betont werden

müssen.

Das Material zur Beantwortung der Frage, die uns beschäftigen soll,

findet sich zerstreut in einer grossen Menge von Reisebeschreibungen,

ethnographischen und anthropologischen Werken. Da es mir aber darauf

ankam, einmal--denn nur strengste Empirie kann uns bei unserer Frage

fördern--meine Sätze durch getreue Quellenangabe zu stützen, und

andererseits, dass die angeführten Citate nicht allzuschwer zugänglich

seien, um nachgeschlagen werden zu können, so habe ich mich, wo es

möglich war, auf Werke gestützt, die weiter verbreitet sind, und den

Quellennachweis nur da weggelassen, wo das Gesagte in allen Reisewerken

sich gleichmässig findet. Dass ich das schon erwähnte ausgezeichnete

Werk meines nur allzufrüh verstorbenen Lehrers Waitz, die Anthropologie

der Naturvölker, sehr reichlich benutzt habe, wird man nicht tadeln; man

findet dort die oft sehr schwer zugänglichen Quellen in kritischer

Auswahl beisammen--und wozu werden solche grundlegenden Werke

geschrieben, wenn man nicht auf ihnen weiterbaut?

Ich stelle hier der Uebersicht und des bequemeren Citirens wegen die

Werke zusammen, welche ich als Belege benutzt habe, ohne die mit

anzuführen, welche nicht öfters citirt sind. Einige, welche ich gern

gehabt hätte, sind mir unzugänglich geblieben.

Angas, Savage life in Australia and N. Zealand. London 1847.

Australia felix. Berlin 1849.

Azara, Reise nach Südamerika in den Jahren 1781-1801 (Magazin der merkw.

neuen Reisen. Bd. 31. Berlin 1810).

Bartram, Reisen durch Karolina, Georgien und Florida 1773. (eb. 10.

Band). Berlin 1793.

Beechey, Narrative of a voyage to the Pacific (1825-28). London 1831.

Behm, Geographisches Jahrbuch. 1. Theil 1866. Gotha 1866.

Bennett, Narr. of a whaling round the globe 1833-36. London 1840.

v. Bibra, Schilderung der Insel Vandiemensland bearbeitet v. Röding.

Hamburg 1823.

Bougainville, Reise um die Welt 1766-69. Leipzig 1772.

Bratring, Die Reisen der Spanier nach der Südsee. Berlin 1842.

Breton Excursions in N.S. Wales, W. Australia and V. Diemensland. London

1833.

Browne, N. Zealand and its aborigines. London 1845.

Carus, Ueber ungleiche Befähigung der verschiedenen Menschheits-Stämme.

Leipzig 1849.

v. Chamisso, Bemerkungen und Ansichten auf einer Entdeckungsreise

(1815-18). Weimar 1821.

Cheyne, a description of islands in the Western Pacif. Ocean etc. London

1852.

Cook, 3te Entdeckungsreise in die Südsee und nach dem Nordpol. 2. Bd.

Berl. 1789.--id. b, 1ste Entdeckungsreise bei Schiller.

Darwin, Naturwissenschaftliche Reise, übersetzt von Dieffenbach,

Braunschw. 1844.

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Wilson, Missionsreise ins südl. stille Meer 1796-98, Magaz. von

Reisebeschr. Bd. 21. Berlin 1800.

Zeitschrift für allgemeine Erdkunde, neue Folge.

Inhalt.

Vorwort. Quellen

§ 1. Einleitung. Umfang des Aussterbens

§ 2. Empfänglichkeit der Naturvölker für Miasmen. Krankheiten, welche

spontan bei der Zusammenkunft der Natur- und Kulturvölker entstehen

§ 3. Direkt eingeschleppte Krankheiten

§ 4. Behandlung der Kranken bei den Naturvölkern

§ 5. Geringe Sorgfalt der Naturvölker für ihr leibliches Wohl

§ 6. Charakter der Naturvölker

§ 7. Ausschweifungen der Naturvölker

§ 8. Unfruchtbarkeit. Künstlicher Abortus. Kindermord

§ 9. Krieg und Kannibalismus

§ 10. Menschenopfer

§ 11. Verfassung und Recht

§ 12. Natureinflüsse

§ 13. Aeussere Einflüsse der höheren Kultur auf die Naturvölker

§ 14. Psychische Einwirkungen der Kultur

§ 15. Schwierigkeit für die Naturvölker, die moderne Kultur sich

anzueignen

§ 16. Behandlung der Naturvölker durch die Weissen. Afrika. Amerika

§ 17. Fortsetzung. Der stille Ozean

§ 18. Geographische Vertheilung der einzelnen Gründe für das Aussterben

der Naturvölker. Vergleichung dieser Gründe in Bezug auf ihr Gewicht

§ 19. Vergleichung der Natur- und Kulturvölker in Bezug auf ihre

Lebenskraft

§ 20. Aussterbende und ausdauernde Naturvölker

§ 21. Die afrikanischen Neger

§ 22. Folgerungen aus der Art, wie die Naturvölker von den Kultur

behandelt sind

§ 23. Zukunft der Naturvölker; Mittel sie zu heben

§ 24. Werth der Naturvölker für die Menschheit und ihre Entwickelung.

Schluss

§1. Einleitung. Umfang des Aussterbens.

Die Erscheinung, dass eine Reihe von Völkern vor unseren Augen durch

langsameres oder rascheres Hinschwinden ihrem Untergang entgegengeht,

ist eine überaus wichtige. Dass sie für die Geschichtsforschung grosse

Bedeutung hat, leuchtet ohne weiteres ein; dass sie für die

Naturgeschichte des Menschen, die Anthropologie entscheidend ist,

ebenfalls. Und wenn es sich als wahr bestätigt, dass, wie man behauptet

hat, diese Völker aus einer Lebensunfähigkeit, welche ihrer Natur

anhaftet, dem Aufhören entgegengehen; so ist, da die nothwendige

Folgerung jener Behauptung dahin führt, dass man verschiedene Arten,

höhere und niedere im Geschlecht Mensch annimmt, die Beantwortung dieser

Frage auch für die Philosophie massgebend. Praktisch hat man sie von

jeher in den Staaten betont, wo Weisse mit Farbigen zusammenleben; wie

man eben die Theorie der geringeren Lebensfähigkeit nicht weisser Raçen

zuerst in diesen Staaten aufgestellt hat.

Und allerdings ist es auffallend, dass nur farbige Raçen dies

Hinschwinden zeigen und am meisten es da zeigen, wo sie mit der weissen

in Berührung gekommen sind; dass die Weissen, obwohl sie doch ihre

Heimat, das gewohnte Klima u.s.w. aufgegeben haben und in unmittelbarer

Berührung mit denen leben, welche in ihrem Vaterlande, scheinbar unter

den alten Lebensbedingungen, verkommen, gänzlich davon verschont zu sein

scheinen.

Während wir nun dies Hinschwinden hauptsächlich bei den kulturlosen

Raçen, bei den Naturvölkern, d.h. bei den Völkern finden, welche dem

Naturzustande des Menschengeschlechtes noch verhältnissmässig nahe

stehen (Waitz 1, 346), oder bei welchen, um mit Steinthal zu reden, noch

keine bedeutende Entwickelung der logischen Fähigkeiten stattgefunden

hat: so sehen wir es doch ebenfalls auch da, wo farbige Raçen sich zur

Kultur und sogar zu einer gewissen Höhe der Kultur emporgeschwungen

haben, in Polynesien, in Mexiko, in Peru, und man hat daher geschlossen,

einmal dass diese Kultur doch nur Halbkultur und wenig bedeutend gewesen

sei, denn wäre sie wahr und ganz gewesen, so würde sie grössere Kraft

verliehen haben: oder aber, dass bestimmte Raçen, auch wenn sie sich

wirklich über das Niveau der gewöhnlichen »Wilden« erhoben hätten,

dennoch einem frühen Tode entgegengingen, weil sie nun eben von der

Natur zum Aussterben bestimmt seien, weil es ihnen eben, in Folge ihrer

Raçeneigenthümlichkeit, an Lebensfähigkeit fehle, welche keine Kultur

ersetzen könne: vielmehr decke jede Art von Kultur diesen Mangel nur um

so mitleidsloser auf. Allerdings gibt es auch farbige Raçen und

Naturvölker, bei welchen an ein Aussterben nicht zu denken ist; und

andererseits sind auch Theile von Kulturvölkern, indogermanische,

semitische Stämme verschwunden und ausgestorben. Allein bei letzteren

redet man nicht von einer geringeren Lebensfähigkeit, einmal wegen der

Verwandtschaft dieser Stämme mit den anerkannt lebensfähigsten Völkern

der Welt; andererseits auch wegen der Art ihres Verschwindens. Denn der

Grund, warum sie aufgehört haben zu existiren, liegt klar auf der Hand;

theils sind sie durch Krieg vernichtet, wie so viele Völker, welche mit

dem alten Rom kämpften, theils sind sie mit anderen Kulturvölkern, die

sie rings umgaben, verschmolzen, wie die Gothen, die Vandalen, theils

trat beides zugleich ein: die höhere Kulturstufe, welche sie besiegte,

nahm die besiegten Reste in sich auf, wie die alten Preussen, die Wenden

und so viele slavische Völkerschaften durch und in Deutschland, die

Iberer, die Kelten durch und in das römische Wesen verschwanden. So war

auch zweifelsohne das Loos der Völker, welche vor der Einwanderung der

Indogermanen Europa inne hatten. Anders aber ist das Hinschwinden der

Naturvölker: wo sie mit höherer Kultur zusammenkommen, auch da, wo diese

letztere sich friedlich gegen sie verhält, sehen wir sie von Krankheiten

ergriffen werden, ihr physisches und psychisches Vermögen versiechen,

und ihre Zahl, oft ausserordentlich rasch, sich vermindern. Allerdings

sind auch einzelne Naturvölker aufgerieben oder doch stark vermindert

durch ganz äusserliche und leicht begreifliche Gründe: so namentlich

viele malaiische Stämme, welche durch nachrückende verwandte Völker ins

Gebirge zurückgedrängt und dabei gewiss ebenso so stark vermindert

worden sind, als durch ihr gleiches Schicksal die Basken in Europa,

während sie in ihren Bergen sich in ziemlich gleichbleibender Anzahl

halten; so die Bewohner der Warekauri-(Chatam-) Inseln bei Neu-Seeland,

die Moreore. welche 1832-35 noch 1500 etwa betrugen, durch die

Neu-Seeländer aber, die in jenen Jahren einen Zug nach den

Warekauriinseln unternahmen, fast ganz ausgerottet sind, so dass ihre

Zahl jetzt nur noch 200 beträgt: und auch diese nehmen, durch

Assimilation an die eingewanderten Maoris rasch ab (Travers bei Peterm.

1866, 62). Auch müssen wir hier die schwarze Urbevölkerung

Vorderindiens, die dekhanischen und Vindhyavölker erwähnen, weil auch

sie nach Lassen (ind. Alterthumskunde 1, 390) allmählich abnehmen.

Früher waren sie weiter ausgebreitet und einzelne Reste von ihnen

scheinen sich (Lassen a.a.O. 387 ff.) in Himalaya, in Belutschistan,

Tübet und sonst erhalten zu haben. Sie wurden durch die nachrückenden

arischen Inder und gewiss nicht friedlich in die Gebirge zurückgedrängt

(Lassen 366), wo sie nun theils im barbarischen Zustande weiter lebten,

theils aber, und so namentlich die südlicheren Dekhanvölker, in die

indische Kultur übergingen (Lassen 364. 371). Ein ähnliches Schicksal

hatten verschiedene amerikanische Stämme, die von anderen mächtigeren

Indianervölkern theils aufgerieben, theils sich einverleibt wurden; auch

wird von einzelnen Hottentottenvölkern eine ähnliche Vermischung mit

Kafferstämmen erwähnt (Waitz 2, 318).

Doch scheinen auch manche Völker vermindert oder gar verschwunden, ohne

es in Wirklichkeit zu sein. Ein solcher Schein ist hervorgerufen, wie

Waitz 1, 159-160 zeigt, theils durch Umänderung von Namen, wo man nun

fälschlich annahm, weil der Name nicht mehr existire, so sei auch das

Volk erloschen, oder durch Irrthümer der Reisenden, indem sie manche

Namen zu weit ausdehnen, andere aber auf völligem Missverständniss

beruhen, oder durch falsche Schätzung der Volkszahl, wie man sie oft

sehr übertrieben, namentlich bei älteren Reisenden, z.B. für Polynesien

bei Cook, findet u. dergl.

Ehe wir nun aber die Gründe für jenes weniger leicht zu erklärende

Hinschwinden der Naturvölker aufsuchen, müssen wir den Umfang desselben

betrachten, wobei wir ausser Europa alle Welttheile zu berücksichtigen

haben.

In Asien sterben aus oder sind schon ausgestorben die Kamtschadalen und

so rasch ging ihre Verminderung vor sich, das Langsdorff (1803-4,

Krusensterns Begleiter) Ortschaften, welche die Cooksche Expedition und

La Perouse noch wohl bevölkert sahen, völlig menschenleer fand. Wenn La

Perouse 1787 auf der Halbinsel im ganzen noch 4000 Bewohner fand

(2,166), so sind die russischen Einwanderer in dieser Zahl, bei der

trotzdem auf mehrere Quadratmeilen kaum ein Mensch kommt, schon

einbegriffen. Denn Cooks Reisebegleiter (1780) fanden, nach den

Mittheilungen eines dort ansässigen Offiziers in Kamtschatka nur noch

3000 Einwohner, wobei die Kurilen schon mitgerechnet sind; sie erzählen

selbst, wie sich die Eingeborenen immer mehr mit den einwandernden

Russen verbinden und ihre Zahl dadurch immer mehr abnimmt (Cook 3. R. 4,

175). La Perouses Reisegefährte Lessep (41) behauptet, dass nur noch ein

Viertel der eigentlichen Kamtschadalen übrig sei; und er war noch nicht

ein volles Jahrhundert nach der ersten Unternehmung der Russen (1696)

gegen Kamtschatka dort. Dasselbe Schicksal haben ausser den Jakuten und

Jukagiren in Sibirien Waitz, (1, 164) auch die Aleuten auf den

Fuchsinseln und die ihnen verwandten Stämme auf den nächsten Küsten von

Amerika, die wir hier gleich erwähnen, weil auch sie wie die

Kamtschadalen unter demselben Drucke Russlands stehen. Langsdorff fand

auf den Fuchsinseln nur gegen 300 Männer, während er für 1796 1300 und

für 1783-87 gar 3000 und mehr angibt. Das Steigen der Zahlen, welches

wir im Anfang dieses Jahrhunderts finden, ist keineswegs tröstlich. Denn

wenn Chamisso (177, zweite Note) nach aktenmässigen Mittheilungen für

1806 die Aleuten der Fuchsinseln auf 1334 Männer und 570 Frauen, 1817

dagegen auf 462 Männer und 584 Frauen angibt, so versieht er erstlich

diese allerdings auffallenden Zahlen selbst mit einem Fragezeichen; und

zweitens, wenn sie auch richtig sind, Langsdorff sich geirrt und die

Volkszahl sich nicht durch russische Einwanderer vermehrt hat: das

Sinken der Bevölkerung von 1806-1817 ist gewiss eben so arg als wie wir

es bei Langsdorff geschildert finden. Der offizielle Bericht von 1860

bei Peterm. 1863, 70 gibt 4645 Bewohner der Fuchsinseln an: allein hier

sind jedenfalls die Russen, welche jetzt auf den Inseln ansässig sind,

mitgezählt, obwohl die Mischlinge, 1896 Seelen, noch besonders angegeben

werden und diese Vermehrung, welche sich auf Kamtschatka gleichmässig

findet, ist nur eine scheinbare.

Bekannt ist das Aussterben der Ureinwohner Amerikas, deren Zahl man in

Nordamerika für die Zeit der Entdeckung etwa auf 16 Millionen, jetzt

kaum noch 2 Millionen schätzt (Waitz b, 16). 1864 betrug die Zahl der

Indianer in den Vereinigten Staaten etwa 275,000; 1860 zählte man noch

294,431; 1841 aber, auf kleinerem Gebiete 342,058 Seelen, so dass sich

also hier in 23 Jahren ein Verlust von nahezu 70,000 Menschen

herausstellt (eb. 18). Noch geringere Zahlen gibt Behm (105 ff.) an,

nämlich 268,000 unabhängige Indianer für die Vereinigten Staaten,

155,000 für britisch Nordamerika. Und während d'Orbigny (1838) für den

von ihm bereisten grösseren Theil von Südamerika 1,685,127 Indianer

zählte (Waitz b, 16). so stellt Behm auch hier geringere Zahlen auf:

Brasilien hat nach ihm (a.a.O.) 500,000 unabhängige Indianer, die drei

Guyanas 9770, Venezuela 52,400, Neu-Granada 126,000, Ekuador 200,000,

Peru 400,000, Bolivia 245,000, Chile 10,000, die Staaten der

argentinischen Republik 40,000, Patagonien und Feuerland 30,000, also

zusammen 1,613,170 und zwar für ganz Südamerika. So viel aber betrug

allein die Bevölkerung von Chile zur Zeit der Entdeckung (Pöppig 385

Anmerkung) nach einer der kleinsten Annahmen. Mittelamerika hatte um

1800 zwei und eine halbe Million unvermischter Ureinwohner und diese

Zahl war im Wachsen (Humboldt a 1, 107); aber zur Zeit der Entdeckung

betrug die Volkszahl in Tenuchtitlan, der alten Hauptstadt von Mexiko

und dem ihm nahe gelegenen Tezkuko allein nach mittleren Angaben fast

eine Million und das Land war dicht bedeckt mit grossen und volkreichen

Städten. Behm nimmt als jetzige unabhängige Urbevölkerung nur 6000 an

(a.a.O.), eine Zahl, welche gegen Humboldts Angaben ausserordentlich

gering ist: allein Behm schätzt hier nur die Indianer ab, »welche sich

den Behörden vollständig entziehen«, während Humboldt auch die

Eingeborenen mitbegreift, welche sich am europäischen Leben so gut wie

die spanischen Mexikaner betheiligen. Behm (114) schätzt diese auf

4,800,000. Natürlich geht dies Aussterben auch jetzt noch weiter, wofür

v. Tschudi 2, 216 ein Beispiel gibt: die Malalies, ein araukanischer

Stamm, 1787 noch über 500 Individuen stark, schmolzen in jener Zeit

durch Kriege auf 26 Seelen zusammen. Obwohl sie nun 70 Jahre lang

ansässig sind und ungefährdet gelebt haben, ist ihre Zahl doch nicht

höher als auf einige über dreissig gestiegen.

In Afrika sind es die Hottentotten zunächst, welche in den Kreis unserer

Betrachtung hineingehören. Während sie früher sich weit hin in das

Innere von Südafrika ausdehnten und in eine zahlreiche Menge von

einzelnen Stämmen zerfielen, finden wir sie jetzt auf sehr viel

kleinerem Gebiete und aufgerieben bis auf 3 Stämme, die Korana, Namaqua

und Griqua (Waitz 2, 317 ff.), deren Zahl fortwährend im Fallen ist.

Auch die Kaffern müssen hier erwähnt werden, denn im brittisch Kafraria

hat sich 1857 die Bevölkerung um mehr als die Hälfte vermindert: sie

betrug am Anfang des Jahres 104,721 Seelen und am Ende desselben nur

noch 52,186 (Peterm. 1859 S. 79 nach dem Population Return v. John

Maclean Chief Commissioner): nach Behm jedoch (100) 1861 74,648

Eingeborene.

Es bleibt uns nun noch Australien und Ozeanien zu betrachten übrig, wo

an vielen Orten die Bevölkerung rasch hinschwindet, so namentlich in

Neuholland. Doch ist es gerade für dies Land schwer, ja ganz unmöglich,

Zahlen aufzustellen, weil die Stämme fortwährend hin- und herziehen und

daher alle Zahlangaben sehr wenig zuverlässig sind (Grey 2, 246). Die,

welche Meinicke a 177 aufstellt, beweisen dies zur Genüge, und selbst

die bei Behm (72) sind nicht sicherer. Nur von Südaustralien, Queensland

und Viktoria hat er bestimmte Zählungsergebnisse und so ist seine

Gesammtziffer 55.000 nur eine sehr ungefähre. Alle Quellen aber

berichten einstimmig, dass die Bevölkerung wenigstens der Küsten

reissend abnimmt; dass Stämme, welche früher nach Hunderten zählten,

jetzt vielfach bis auf ebenso viel Zehner zusammengeschmolzen sind. Die

Bevölkerung Tasmaniens betrug 1843 noch 54 Individuen, 1854 noch 16

(Nixon 18) und ist jetzt wohl ganz ausgestorben.

Wenn auch nicht so reissend, so vermindern sich doch auch die Melanesier

an verschiedenen Gegenden ihres Gebietes: so nach Reina (Zeitschr. 4.,

360), die Völker der kleinen Inseln in der Nähe von Neuguinea: so nach

D'Urville 5, 213 die Bewohner von Vanikoro, nach Turner 494 die

Eingeborenen der neuen Hebriden, wie z.B. die Bevölkerung von Anneitum

1860, welche Turner auf 3513 Seelen schätzt, 1100 Menschen durch eine

Masernepidemie verlor (Muray bei Behm 77) und die von Erromango 1842

durch eine gefährliche Dysenterie um ein Drittel vermindert wurde

(Turner a.a.O.); und so finden sich noch verschiedene Angaben zerstreut.

In Mikronesien ist die Bevölkerung der Marianen, welche bei Ankunft der

Spanier 1668 mindestens 78,000 Einwohner gehabt haben, für die aber auch

100,000 durchaus nicht zu hoch gegriffen ist (Gulick 170) gänzlich

ausgestorben. Schon um 1720 hatten die Inseln (und zwar nur noch die

beiden südlichsten) nicht mehr als etwa 2000 Einwohner, und von diesen

waren sehr viele von den Philippinen her verpflanzte Tagalen. Ponapi

(Puynipet, Ostende der Karolinen) hatte nach Hale (82) 15.000 Bewohner,

welche Annahme vielleicht etwas, aber nicht viel zu hoch ist[A]; jetzt

hat sie (Gulick 358) noch 5000, Kusaie (Ualan) hatte 1852 12-1300, 1862

nur noch 700 Menschen (Gulick 245).

In Polynesien betrug auf Tahiti die Bevölkerung zu Cooks Zeiten (1770)

etwa 15-16,000 Seelen (G. Forster nach einer spanischen Beschreibung von

Tahiti a.d. Jahre 1778 ges. Werke 4,211, Bratring 104, welcher derselben

Quelle folgt oder wenigstens einer nahe verwandten). Dieselbe Zahl fand

Wilson noch im Jahre 1797; Turnbull (259) gibt nur 5000 an im Jahre

1803, Waldegrave bei Meinicke b, 113 6000 für 1830 und Ellis 1, 102 für

1820 etwa 10,000, welche Zahl Virgin auch für 1852 angibt (2, 41). Mögen

auch diese Zahlen unbestimmt und schwankend und Turnbulls Angaben

negativ übertrieben sein: so viel ist sehr klar, dass seit der

Entdeckung durch die Europäer die Entvölkerung dieser Insel, welche

indess nach den Aussagen der Eingebornen (Virgin 2, 41) schon früher

begonnen hatte, rasch fortgeschritten ist; bis unter die Hälfte der

früheren Kopfzahl sinken die Angaben. Auf den übrigen Societätsinseln

war das Verhältniss (Meinicke a. a. O.) ein ähnliches. Auch jetzt

scheint das Aussterben, obwohl langsamer, fortzugehen: der offizielle

französische Bericht für 1862 gibt für Tahiti 9086 Bewohner an (Behm

81).

Auf Laivavai, einer der Australinseln, betrug die Bevölkerung 1822

mindestens 1200, 1830 nur noch etwa 120 und 1834 kaum noch 100 Seelen

(Mörenhout 1, 143). Günstiger ist Meinickes Schätzung, welcher auf der

ganzen Gruppe Ende 1830 etwa 5000 Seelen, für 1840 nur noch 2000 annimmt

(a.a.O. 114). Rapa schätzte Vankouver 1795 auf 1500 Einwohner, Mörenhout

(1, 139) 1834 nur noch auf 300 und diese waren in stetem Abnehmen. Auch

die Herveygruppe, welcher Ellis 1, 102 10-11,000 Bewohner gibt, ist

jetzt viel minder zahlreich bewohnt, namentlich Rarotonga, welches durch

eine furchtbare Seuche im höchsten Grade gelitten hat (Williams 281).

Ganz ebenso schlimm ist es in Hawaii, wo nach Ohmstedt 262, die

Bevölkerung in den Jahren 1832-36 von 130,000 auf 102,000 Seelen, also

in 4 Jahren um 28,000 Seelen gesunken ist! Mag Ohmstedt nun auch Recht

haben, dass die Bevölkerungsziffer für 1836 zu gering ist, weil eine

Menge Geburten nicht angezeigt worden sind: so ist das Hinschwinden

trotzdem ganz ausserordentlich, zumal die Insel zu Cooks Zeiten, der

400,000 Einwohner angibt, wohl an 300,000 nach Jarves Berechnung (373)

hatte. Die Zahlen bei Meinicke (b, 115-16 nach der Sandwich Isl.

gazette) sind zwar nicht genau dieselben, das Verhältniss der Abnahme

aber bleibt, auch wenn wir ihnen folgen, unverändert. Nach Virgin 1, 267

hatte die Hawaiigruppe 1823 etwa 142,000 Seelen, 1832 noch 130,313, 1836

108,579 und 1850 betrug die Zahl nur noch 84,165! also in 78 Jahren hat

sich die Bevölkerung um ein Drittel gemindert und die Zahl der Geburten

verhielt sich zu den Todesfällen wie 1:3! Auch jetzt noch schreitet die

Verminderung fort: die Zahl der Eingeborenen betrug nach dem Census von

1860 nur 67,084 Seelen (Behm 85).

Auch auf dem Markesasarchipel, dessen Bevölkerung nach Meinicke (b, 115)

22,000 Menschen beträgt, ist ein Hinschwinden bemerkt: so verlor

Nukuhiva (Rodriguet in Revue de 2 mondes 1859 2, 638) von 1806-12 zwei

Drittel seiner Bevölkerung durch Hungersnoth. Auf Neu-Seeland beträgt

die Abnahme der Bevölkerung in den letzten 14 Jahren etwa 19-20 Percent;

1770 betrug sie etwa 100,000 und 1859 noch 56,000 (Hochstetter 474, nach

Fenton). Nach offiziellen Berichten im Athenäum (Zeitschr. 9, 325),

welche zu Hochstetters Angaben nicht ganz stimmen, war die Zahl der

Eingebornen 1858 87,766, und zwar, auffallend genug, 31,667 Männer und

56,099 Frauen. Dagegen treffen die offiziellen Berichte von 1861

(Meinicke c 557) mit Hochstetter überein: denn sie geben 55,336

Eingeborene an. Letzteres ist wohl das richtigere. Nach Fenton (Reise

der Novara 3, 178) verhielten sich bis gegen 1830 die Sterbefälle und

Geburten zur Gesammtbevölkerung wie 1: 33,04 und 1: 67,12.

Auf Samoa nimmt nach Erskine 104 die Bevölkerung, 37,000 Seelen,

gleichfalls ab, und zwar soll die Abnahme nach den Berichten der

Missionäre in 10 Jahren auf einer Insel von 4000 bis zu 3700 oder 3600

vorgeschritten sein (eb. 60).

Auch die Pageh auf Engano, ein den Polynesiern ähnlicher malaiischer

Stamm auf einer kleinen Insel südlich von Sumatra sterben aus nach

Wallands Urtheil, der auf der Insel eine äusserst geringe Kinderzahl

vorfand--nur fünf im Ganzen (Zeitschr. 16, 420).

§ 2. Empfänglichkeit der Naturvölker für Miasmen. Krankheiten, welche

spontan bei der Zusammenkunft der Natur- und Kulturvölker entstehen.

Indem wir uns nun anschicken, die Gründe für dies Hinschwinden

aufzusuchen, wollen wir zuerst vernehmen, wie man sich über die

Lebensunfähigkeit dieser Stämme geäussert hat. Pöppig (386) sagt von

Amerika: »Es ist eine unbezweifelte Thatsache, dass der kupferfarbene

Mensch die Verbreitung europäischer Civilisation nicht in seiner Nähe

verträgt, sondern in ihrer Atmosphäre ohne durch Trunk, epidemische

Krankheiten oder Kriege ergriffen zu werden, dennoch wie von einem

giftigen Hauche berührt ausstirbt. Die zahlreichen Versuche der

Regierungen haben Sitte und Bürgerthum unter jener Raçe nie einheimisch

machen können, denn ihr fehlt die nöthige Perfektibilität. Dieser Mangel

macht die durchdachten und menschenfreundlichen Pläne der Erziehung zu

nichte und rechtfertigt den Vergleich jener Menschheit mit jener eine

eigenthümliche Physiognomie tragenden, aber niederen Vegetation, die das

dem Meere entstiegene Land zuerst in Besitz nimmt, aber in dem Masse wie

höher ausgebildete und kräftigere Pflanzen sich entwickeln, sich

vermindert und zuletzt auf immer verschwindet. Wie sehr das menschliche

Gefühl sich gegen eine solche Annahme sträubt, so glauben wir doch in

den Amerikanern _einen von der Natur selbst dem Untergang geweihten_

Zweig unseres Geschlechtes zu sehen. In den leer gewordenen Raum tritt

eine _geistig vorzüglichere_, beweglichere, aus dem Osten stammende

grosse Familie. Wie diese ihrer Bestimmung zur allgemeinsten Verbreitung

gehorsam sich ausdehnt und die entlegensten Wildnisse sich unterwirft,

so legt die Urbevölkerung sich zum Todesschlafe nieder und verschwindet

selbst aus dem Gedächtnisse des neuen Volkes. In weniger als einem

Jahrhundert wird vielleicht die Forschung über die ersten Bewohner eines

ganzen Welttheils dem Gebiete der Archäologie überwiesen werden müssen,

und dann erst wird das Tragische und Räthselhafte ihres Schicksals

begriffen (?) und tief empfunden werden.«

So schrieb 1840 ein deutscher Gelehrter, der lange Reisen in Amerika

gemacht hatte. Auch Carus Phantastereien von Tag-, Nacht- und

Dämmerungsvölkern (17 ff.) gehören hierher; seine westlichen

Dämmerungsvölker, »sie, die wirklich dem Untergange zugewendet sind und

ihrem Verlöschen mehr und mehr entgegengehen«, sind die Amerikaner;

seine Nachtvölker, welche sich »über Afrika ausdehnen und hinab gegen

Süden über Australien (!), Van Diemensland und einen Theil von

Neuseeland (als Papus!!) erstrecken«, stehen noch tiefer in ihrer

geistigen Entwickelung und Fähigkeit. Ganz ähnlicher Ansicht über die

Neuholländer, wie Pöppig über die Amerikaner, scheint Meinicke zu sein,

nur dass er sich verhüllter ausdrückt; doch nennt er sie einen »dem

Untergang _geweihten_« Volksstamm (c 522) und spricht hier n. a 2, 215

von ihrer »gänzlichen Unbildsamkeit«. Viel direkter hat man von der

Unbildsamkeit, von dem nothwendigen Untergang, von der geringen

Lebensfähigkeit der tieferstehenden und mangelhaft organisirten Raçen in

Amerika (Waitz 3, 45) und den Kolonieen in Afrika, Neuholland und

Polynesien gesprochen; da man denn sich auch weiter kein Gewissen

machte, den Untergang, welchem diese Raçen nun doch einmal geweiht

seien, damit auf ihren Trümmern sich das bessere Leben höherstehender

Raçen entwickeln könne, mit allen Mitteln beschleunigen zu helfen.

Aber auch vorurtheilsfreie Forscher sehen in diesem Hinschwinden etwas

Räthselhaftes, so Waitz 1, 173, wenigstens in Beziehung auf Australien

und Polynesien, da hier eine Hauptursache der Entvölkerung, welche in

Amerika so wirksam war, der Druck durch die Weissen, in Polynesien ganz

wegfalle, in Australien wenigstens nicht weitgreifend gewirkt habe.

»Begreiflicher Weise, fährt er jedoch fort, ist das Aussterben eines

Volkes, das früher kräftig und gesund gewesen ist, nicht damit erklärt,

dass man ihm die Lebenskraft abspricht oder einen ursprünglichen Mangel

der Organisation zuschreibt, und es hat an sich schon etwas sehr

Unbefriedigendes für eine so seltene und abnorme Erscheinung einen

geheimnissvollen Zusammenhang anzunehmen, dem sie ihre Entstehung

verdanke; man wird vielmehr hier wie überall nach dem natürlichen

Zusammenhange der Sache zu suchen haben, wenn man sich auch schliesslich

zu dem Geständnisse genöthigt finden sollte, dass es bis jetzt nicht

gelingen will, denselben vollständig aufzuklären.«

Wir wollen sehen, ob wir zu diesem Geständniss genöthigt werden.

Auch Darwin (2, 213) sieht bei diesem Aussterben, für welches er viele

natürliche Gründe anführt, auch »noch irgend eine mehr räthselhafte

Wirksamkeit« thätig. »Die Menschenraçen, sagt er, scheinen auf dieselbe

Art aufeinander zu wirken, wie verschiedene Thierarten, von denen die

stärkere die schwächere vertilgt.« Er macht darauf aufmerksam, dass fast

bei jeder Berührung der Naturvölker und der Weissen, oft auch von

Stämmen ein- und desselben Volkes, welche in verschiedener Gegend

wohnen, seuchenartige Krankheiten entstehen, oft bei völliger Gesundheit

der Schiffsmannschaft und der von ihr besuchten Völkerschaft, »von denen

alsdann vorzugsweise die niedere von beiden Raçen oder die der

Eingeborenen, welche in ihrem Lande von Fremden aufgesucht werden, zu

leiden hat« (Waitz 1, 162). Und hierzu lassen sich die Beispiele

allerdings häufen. So sagt Humboldt (a 4, 392), dass in Panama und Calao

der Anfang grosser Epidemien des gelben Fiebers »am häufigsten durch

die Ankunft einiger Schiffe aus Chile bezeichnet werde«, obwohl doch

Chile selbst eines der gesündesten Länder der Welt sei und das gelbe

Fieber gar nicht kenne; aber die schädlichen Folgen der ausserordentlich

erhitzten und durch ein Gemisch von faulen Dünsten verdorbenen Luft, an

welche die Organe der Eingeborenen gewöhnt seien, wirkten mächtig auf

Individuen aus einer kälteren Region. Aehnlich verhält es sich mit dem

Ausbrechen des gelben Fiebers in Mittel- und Nordamerika, das

eingeschleppt zu haben so häufig die eine der genannten Gegenden

Besuchern aus der anderen vorwirft (Humboldt a.a.O. 384). Die »grausame

Epidemie« von 1794, wo Verakruz ungewöhnlich heftig vom gelben Fieber

heimgesucht war, fing an mit der Ankunft dreier Kriegsschiffe (eb. 423).

Ebenso schreiben die Einwohner Egyptens das Ausbrechen der Pest der

Ankunft griechischer Schiffe zu und umgekehrt die Bewohner Griechenlands

und Konstantinopels egyptischen (eb. 384), wobei keineswegs immer an

eine Einschleppung zu denken ist. Auf Rapa (Australinseln) traten

tödtliche Krankheiten nach dem Besuch von englischen Schiffen auf,

welche die Hälfte der Eingeborenen dahinrafften (Mörenh. 1, 139); auf

Tubuai (Australinseln) ward die Bevölkerung durch Krankheiten, welche

mit der Mission 1822 auftraten, auf die Zahl von 150 heruntergebracht

(eb. 2, 343). Raivavai, welches 1822 noch 1200 Einwohner hatte, besass

1830 etwa noch 120 durch gleiches Schicksal (eb. 1, 143). Williams

(283-84) spricht es als seine eigene Erfahrung aus, dass die meisten der

Seuchen, die er in der Südsee erlebte, durch Schiffe, deren Mannschaft

ganz gesund sei und nur auf ganz erlaubtem, gewöhnlichem Wege mit den

Eingeborenen verkehrte, veranlasst wurden. Das erste Zusammentreffen

zwischen Europäern und Eingeborenen, sagt er, ist fast immer mit dem

Fieber, mit Dysenterie u. dergl. bezeichnet; so starb auf Rapa die

Hälfte der Eingeborenen aus; so entstand die furchtbare Seuche auf

Rarotonga (Herveyinseln), die er 282 schildert. Ganz dasselbe sagt

Virgin 1, 268; »Auch nur kurze Besuche von Fahrzeugen haben auf den

Inselgruppen der Südsee Krankheiten von mehr oder minder verderblicher

Natur verursacht, die sich sogar erst längere Zeit nachher gezeigt

haben. Es hat sich dies auch sogar zugetragen, ungeachtet die Besatzung

der Schiffe vollkommen gesund war und die Krankheiten sind nicht stets

solche gewesen, welche möglicherweise durch eigentliche Ansteckung

mitgetheilt werden konnten oder welche in Europa zu denen gehören, deren

Beschaffenheit in der Regel mehr oder weniger tödtlich ist.« Von Tahiti

erzählt Bratring 145, dass 1775 bei der Anwesenheit der Spanier unter

Boenechea ein ansteckendes Katarrhalfieber ausbrach. Nach Cooks Besuch

litt die Insel unter Dysenterie (Mörenh. 2, 425) und die Tahitier selbst

schrieben schon um 1800 alle Krankheiten den Berührungen mit fremden

Schiffen zu (Turnbull 266). Beechey 1, 94-95 berichtet Aehnliches von

den Inseln Pitkairn. Bei regnichtem Wetter und bei gelegentlichen

Besuchen von Schiffen, sagt er, leiden die Eingeborenen (eine

Mischbevölkerung von Tahitiern und Engländern) stärker an Blutandrang

(plethora) und Schwären als sonst; sie glauben ganz fest, dass diese

Krankheiten durch den Verkehr mit ihren Gästen, mögen diese selbst auch

ganz gesund sein, herrühren. Das eine Schiff sollte ihnen Kopfschmerzen,

ein anderes Scharbock, das dritte Geschwüre u.s.w. gebracht haben, wie

sie denn auch von Beecheys Schiff, dessen Mannschaft ganz gesund war,

ähnliches erwarteten: ja sie fühlten schon Kopfweh und Schwindel.

Beechey erklärt diese Zufälle durch die Veränderung ihrer Lebensweise

während solcher Besuche, da sie gegen ihre sonstige Gewohnheit dann viel

Fleisch essen und reichlichere Kleidung tragen. Von Melanesien (Tanna)

erzählt Turner 91 nach den Aussagen der Eingeborenen, welche alle

Krankheiten, wie Fieber, Dysenterie, Husten u. dergl. »fremde Dinge«

nennen, ganz Gleiches. Auch in Celebes (Waitz 1, 163) herrschte diese

Meinung und ebenso auch bei den alten Marianern, welche nach jedem

fremden (europäischen) Schiff von einer Seuche heimgesucht zu werden

behaupteten; so brachte 1688 ein Schiff von Mexiko, welches mit

Verbrechern beladen an der Insel scheiterte, Rheuma, Fieber, Blutungen

(le Gobien 376), und die Eingeborenen sahen alle Krankheiten als durch

die Spanier eingeschleppt an (ebd. 140). Die Einwohner von St. Kilda

(westl. v. d. Hebriden bei Schottl.) sind der festen Ansicht, für die

sie eine lange Erfahrung haben, dass der Besuch eines Fremden ihnen

Schnupfen bringe (Macculloch bei Darwin 2, 214).

Nach dem medizinischen Theil der Novara Reise (1, 225) glauben die

Eingeborenen der Nikobaren, dass die Kokosnüsse von den Bäumen fielen,

sobald ein Missionär die Insel beträte. So mag denn auch diese

weitverbreitete Ansicht der Grund sein, weshalb in Ponapi, sobald ein

Schiff in Sicht kommt, das Volk flieht und der Priester aufs

Feierlichste die Götter um Hülfe anruft (Gulick 175), wenn wir es hier

nicht mit etwas Religiösem zu thun haben. Jedenfalls ist wohl zu

beachten, dass die Naturvölker vor der Bekanntschaft mit den Europäern

fast nichts von Krankheit wussten; weder die Marianer (le Gobien 140)

noch die übrigen Mikronesier (Chamisso) noch die Polynesier, von denen

freilich die Neu-Seeländer, obwohl der Gesundheitszustand auch ihrer

Insel im Allgemeinen trefflich war, von schweren Seuchen, die sie schon

vor Cook heimgesucht hätten, erzählten (Dieffenbach 2, 12-14), noch die

Neu-Holländer, Hottentotten und Amerikaner (Waitz 1, 140-41).

Für die Indianerstämme steigert sich die Wirkung solcher Epidemien noch

durch Folgendes, was v. Tschudi, einer der ausgezeichnetsten Kenner der

amerikanischen Völker, 2, 216 sagt: »Es ist eine höchst eigenthümliche

Erscheinung, dass Indianerstämme, die durch Krieg oder Epidemien

plötzlich sehr stark reducirt wurden, sich in der Regel nie wieder

erholen und nur noch als wenig zahlreiche Familien gewöhnlich Jahrzehnte

lang hinsiechen, bis sie endlich ganz aussterben. Bei ihnen tritt nicht

mehr die Vermehrungsprogression ein, wie sie vor dem vernichtenden

Schlage stattgefunden hatte, und bei anderen unter den nämlichen

physischen Bedingungen lebenden Völkern beobachtet wird. Meines Wissens

ist dieses Verhältniss noch nirgends erörtert worden. Ich habe es bei

einem genauen Studium der Geschichte der nord- und südamerikanischen

Indianer als Regel gefunden. Sehr verminderte Fruchtbarkeit des Weibes

ist die Hauptursache: auf welchen physiologischen Einwirkungen sie aber

beruht, ist wohl schwer zu ermitteln.« Waitz freilich (1, 163) bringt

Beispiele vom Gegentheil: die Creeks (nach Simpson), die Winibegs (nach

Schoolcraft), die Apachen (Kendall) u.s.w. haben sich nach schweren

Epidemien wieder erholt. Wir kommen hierauf zurück.

Man hat nun diese auffallende Erscheinung, dass Krankheiten durch

Berührung gesunder, aber aus verschiedener Gegend oder Raçe stammender

Menschen entstehen, zu erklären versucht. Darwin, der in Shropshire

gehört, dass gesunde Schafe, die aber auf Schiffen eingeführt wurden, in

einem Pferch zu anderen gebracht, diese krank machen, Darwin meint, dass

das Effluvium von Menschen--und wohl auch, nach dem letzten Beispiel,

von Thieren--die lange Zeit eingeschlossen gewesen seien, giftig auf

andere wirke, namentlich dann, wenn sie von verschiedenen Raçen wären

(2, 214); eine Ansicht, welche indess weder von medizinischer Seite noch

durch die Erfahrung bestätigt wird.

Will man sich aber mit Waitz dabei begnügen zu sagen, dass beim

Zusammentreffen verschiedener Raçen, selbst bei völliger Gesundheit

beider, sich bisweilen Krankheiten erzeugen, welche dann meist die

niedere Raçe ergreifen, so kommt einmal durch das Wort niedere Raçe

leicht etwas Missverständliches in den Ausdruck, und andererseits wird

nichts durch dies blosse Zusammenfassen der Erscheinung erklärt. Dazu

kommt, dass z.B. der Bericht Humboldts über das gelbe Fieber in Panama

und Callao sich ja auf gleiche Raçen bezieht und eben so doch auch die

Angabe Darwins von den Schafen. Und wenn man ferner die Geschichte der

kultivirten Völker betrachtet, so findet man eine ähnliche Erscheinung:

eine neu auftretende Krankheitsform wüthet viel allgemeiner und

verheerender, als eine fortwährend herrschende; so die Pest, der

schwarze Tod, die Pocken, die Cholera u.s.w., die dann oft nach und nach

verlöschen. Die Pocken aber hat man dadurch unschädlich gemacht, dass

man eine verwandte, aber unschädlichere Krankheitsform einimpft. Es

scheint also, als ob der menschliche Körper um so empfänglicher für ein

Miasma oder einen Krankheitsstoff ist, je ferner und freier von

demselben er früher war. Ist er aber, wie bei der Pockenimpfung

geschieht, durch ein Minimum des Giftes affizirt und dadurch anders

disponirt worden, so dass er sich nun allmählich an jenen feindlichen

Stoff gewöhnt, ihn der eignen Natur und die eigene Natur ihm

einigermassen assimilirt hat: so hat er dadurch Fähigkeit zum Widerstand

gegen die Krankheit gewonnen, da sie ja nun seiner Natur nicht mehr

absolut feindlich ist; daher denn solche Seuchen nach und nach

erlöschen, denn die Ueberlebenden werden nach und nach durch das

Einathmen der miasmatischen Luft körperlich selbst immer fester.

Keineswegs hilft aber eine solche Gewöhnung für alle Zeit, wie ja auch

die Pocken nach bestimmten Zeiträumen von neuem eingeimpft werden

müssen. Merkwürdig, aber für uns wichtig genug ist, was Humboldt a 1, 92

über diese Krankheit in Mexiko sagt: »die Pocken scheinen

ihre Verwüstungen nur alle 17 Jahre anzurichten. In den

Aequinoktial-Gegenden«--ob das aber nicht in allen Gegenden oder

wenigstens bei allen menschlichen Individuen auf gleiche Weise

gilt?--»haben sie, wie das schwarze Erbrechen und mehrere andere

Krankheiten, ihre festen Perioden, an denen sie sich regelmässig wieder

einfinden: und man möchte glauben, dass sich in diesen Ländern die

Anlage der Eingeborenen für gewisse Miasmen nur in sehr weit von

einander entfernten Perioden erneuert; indem die Pocken, deren Samen

sehr oft von europäischen Schiffen gebracht wird, nur in sehr

ansehnlichen Zwischenräumen epidemisch, aber auch dem Erwachsenen nur

desto gefährlicher werden.« Alles dies scheint sehr für unsere obige

Annahme zu sprechen. Der Europäer, der Civilisirte kommt nun fortwährend

mit unendlich mehr Krankheitsstoffen und Miasmen, in den meisten Fällen

ohne es selbst zu merken, in Berührung, als der im Naturzustande und der

freien Natur lebende Mensch. Und nicht nur durch eigene Gewöhnung von

Kindheit an, sondern auch durch Vererbung der Accommodation von Eltern

und Grosseltern her hat er eine viel grössere Widerstandsfähigkeit gegen

solche schädliche Einflüsse, als sie jemals früher Isolirte und

namentlich, wenn sie vielleicht schon erwachsen zuerst mit diesen

Einflüssen in Berührung kommen, sich erwerben können. Hiergegen spricht

nicht, wenn einzelne Individuen der Naturvölker gesund etwa in Europa

längere Zeit gelebt haben. Denn in den meisten Fällen ist da eine

Gewöhnung von Jugend auf eingetreten und jedenfalls sind alle solche

Fälle wissenschaftlich nur dann zu verwerthen, wenn man die Geschichte

des Besuchers, seine Natur, die Natur seines Volkes u.s.w. bis ins

Einzelne verfolgen kann. Uebrigens gibt es auch Beispiele genug, dass

solche Besuche unglücklich abliefen: Liholiho, der Sohn Tamehameha I.

und seine Gemahlin starben bei ihrem Aufenthalt in England, wo alle

Sorgfalt ihnen zu Theil wurde, an den Masern bei raschem Verlauf der

Krankheit; und der Prinz Libu, welchen Wilson gegen Ende des vorigen

Jahrhunderts von den Palau-Inseln mit nach England genommen hatte und

dort sehr sorgfältig pflegte, an einer ähnlichen Krankheit, kurz nach

seiner Ankunft (Keate die Pelewinseln, Schluss). Jetzt beweisen solche

Besuche um so weniger, als jetzt die meisten Völker Bekanntschaft mit

der weissen Raçe haben.

Nach alledem würde es kein Wunder, nichts Rätselhaftes sein, wenn die

Naturvölker gegen solche Miasmen, die auch von ganz Gesunden ganz

unbemerkt eingeschleppt werden können, um so empfänglicher und

empfindlicher sind, je weniger sie Schutz durch irgend welche Gewöhnung

haben; daher denn solche Krankheiten, welche scheinbar unerklärlich

entstehen, mit einer Heftigkeit wüthen, wie, vor Zeiten die Pest. So

erzählt Williams (280 ff.), dass bei jener Seuche auf Rarotonga von

mehreren tausend Einwohnern kaum ein einziger ganz davon befreit

blieb.--Die Krankheiten, welche am meisten so ganz spontan dem Schein

nach entstehen, sind Dysenterie, Influenza, Fieber, Blutungen,

Geschwüre, Husten und Hautkrankheiten. (Einige Belegstellen: Turner 91;

Dieffenbach 2, 12-14; le Gobien 376; Beechey 1, 94-95.)

Über das Aussterben der Naturvölker · 第 1 / 17 段