Vom Wohnzimmer der Gräfin führen in den neueren Flügel über dem großen

Schloßhof Räume weiter, die durch die Brandunfälle von Elisabeths

Zeiten bis 1800 wiederholt Veränderungen erlitten haben. Sie dienten

im siebzehnten Jahrhundert für die Schloßherrschaft als Zugang zum

Großen Saal. Die Decke desselben zeigt noch schönes Stuckwerk in

Renaissanceformen, die Wände waren mit Tuchtapete verkleidet, 120

Gemälde bildeten den künstlerischen Schmuck. Sie zeigten Bildnisse

aus der gräflichen Familie und der weiteren Verwandtschaft; auch

Landschaften, »historische Stücke« und Wappen waren dabei. Eine Empore

für die Trompeter konnte auf einer schmalen Treppe in einem engen Anbau

vom Untergeschoß herauf erreicht werden.

An den Großen Saal stieß das Grüne Saalgemach, ebenfalls ein Prunkraum,

mit Bildern und »Landtafeln« geziert. Beide Säle hatten vom Schloßhof

her noch einen Zugang für Gäste in Gestalt einer überdachten Treppe da,

wo sie rechtwinklig aneinanderstoßen.

Zurück zum Wendel! Im zweiten Obergeschoß dehnte sich das Gebiet

der Jugend aus. An dem langen geknickten Gang lagen die Zimmer der

jüngeren Kinder und ihrer Pfleger, sowie das Präzeptorstüblein. Weiter

reihte sich die Hofapotheke an mit Alkoven und Nebenraum. Dann schloß

ein Kornboden diese Flucht ab. Erst nach dem Tode von Amilie Antonie

wurde er zu den fünf Kammern und Stuben ausgebaut, die wir jetzt dort

finden.

In dem letzten dieser Zimmer hat eine Falltür zu gruseligen

Wahngebilden verführt. Mißliebige Gäste sollen hier meuchlings versenkt

und in das mit Stacheln versehene Burgverlies gestürzt worden sein.

Wer sehen kann und will, sieht: von hier führte eine schmale Treppe

hinunter zum Trompeterchor am Festsaal und von da zu einem Raum

ebener Erde und endlich zu der tiefer liegenden Kirche. Da diese in

älteren Zeiten Brauhaus gewesen war, wird die schmale Treppe auch als

Verbindung zum Kornboden gedient haben. Sie blieb dann beibehalten für

den Verkehr der Dienerschaft und konnte jederzeit betreten werden, ohne

daß Herrschaftszimmer zu durchschreiten waren.

Die Dachgeschosse des alten wie des neuen Baues waren durch

Schadenfeuer oft heimgesucht worden, die ausgebauten Giebelstuben

dienten als Heim für Dienerinnen.

Im großen Schloßhof führt eine Spitzbogentür jetzt zu den großen

Kellern, eine zweite, rundbogige zur Küche, die mit Butter- und

Mehlgewölben in Verbindung stand. Dann folgte ein großer Raum, früher

als Kelter-, später als Backraum benutzt, und in der Ecke nach dem

Ilmtal zu befand sich die Junker- oder hintere Kirchstube, die an die

Empore der Kirche anstieß.

Schon unter der Gräfin Elisabeth wird erwähnt, daß das frühere

Brauhaus Kirche geworden war, aber in Unordnung lag. Der Ausbau dieses

Raumes sollte Amilie Antonies Dank für den wiedererlangten Frieden

werden. Trotz der Furcht vor der Türkengefahr, die auf das tägliche

Leben drückte, betreibt die Gräfin zwei Jahre hindurch lebhaft die

Arbeiten, bis am 1. Advent 1664 der Hofprediger Roth die feierliche

Einweihung vornehmen kann. Verwüstet und verwahrlost liegt auch heute

wieder dieser Raum da. Aber er vermittelt die Stimmung des siebzehnten

Jahrhunderts, ähnlich wie ein zermürbtes Pergament uns Geist und Form

aus längstvergangenen Zeiten fühlbar nahebringt. Vorbildliches Handwerk

in Stein- und ganz besonders in Eisenarbeit zeigt die Eingangstür

vom Süden her. Wenn die Sonnenstrahlen durch die Baumwipfel huschen

und mit Licht und Schatten um die altersgraue Tür und das junge Grün

spielen, ist Weihestimmung gegeben. Der Altertumsfreund sucht im Boden

der Terrasse und am Gemäuer die Spuren der Vorbauten und Aufgänge, die

einst hier standen.

Der Fußboden des Kirchschiffes war mit glasierten Ziegeln ausgelegt.

Die Tischlerarbeit am Gestühl und an den Brüstungen der Emporen bewegt

sich in breiten Barockformen, die Bildschnitzerei ist gutgemeinte

Leistung. Wenn sie nicht vom Standort des hohen Kunstgewerbes bewertet

wird, legt sie Zeugnis ab von Geschmack und Geschick ehrlicher

heimatlicher Meister. Dann ist auch die Kanzel in ihrer Formensprache,

vom Moses, der sie trägt, bis zum triumphierenden Christus, der sie

krönt, ein Geistesdenkmal, genau wie ein Kirchenlied jener Zeit, das

uns in manchen Zügen befremden mag, aber doch immer wieder anzieht.

Dann rauschen die Hofdamen herein und betreten ihren Stand neben

dem Engel, dann sitzen die Dienerinnen jede abgemessen auf dem ihr

zukommenden Platz, dann wacht der gestrenge Oberhofmeister von der

Empore aus über die Seinen, und hoch oben schauen die Köpfe der

Küchenjungen über die Brüstung. Eben haben die Gräfinnen in ihrer

Empore die hohen Lederstühle erreicht und schauen hinüber zur Kanzel

und zur Sakristei. Da nickt die Perücke des Herrn Organisten zwischen

den Prospektpfeifen »des Positivs mit dem Brustwerklein«, dann klingt

es: »Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte!«

An der Wand, die zur gräflichen Empore aufsteigt, ist eine Ahnenprobe

angebracht, nicht ein Stammbaum, wie die meisten Besucher es sich

erklären. Der Stammbaum würde von einem Ahnenpaare ausgehen und dessen

Nachkommen anführen. Die Ahnenprobe hier ging von Amilie Antonie aus

und stieg bis zu sechzehn standesgemäßen Voreltern auf. Studiosus

Büchner aus Leutenberg hat Wappen und Inschriften 1748 noch vollständig

gesehen und nachgezeichnet.

Sechs größere Bilder zierten die Kirche: 1. die vier Evangelisten, 2.

die Taufe Christi, 3. der gute Hirt, 4. der Einzug in Jerusalem, 5. das

kananäische Weib, 6. das samaritanische Weib. Sie sind verschwunden.

Ein Sandstein mit schönen Schriftzügen ist hinter dem Altar in die

Wand eingelassen: ~In solius Dei vere sancti honorem sacram hanc aedem

extruxit illustris comes et domina domina Aemilia comes in Schwartzburg

et Honstein nata comes in Oldenburg et Delmenhorst etc. Vidua. Jovae

humiliter confidens.~ (Zur Ehre Gottes, des allein wahrhaft heiligen,

errichtete dieses geweihte Haus die erlauchte Gräfin und Herrin

Frau Amilie, Gräfin in Schwarzburg und Honstein, geborene Gräfin in

Oldenburg und Delmenhorst usw. Witwe. Dem Ewigen in Demut vertrauend.)

* * * * *

Sie war die Letzte ihres Stammes.

* * * * *

Die Künstler und Handwerker in der Leutenberger Kapelle sind zum Teil

dieselben, die die Stadtkirche in Rudolstadt hatten ausschmücken

helfen. Als Maler haben mitgearbeitet Jakob Martini, Johann Heinrich

Siegfried und Adam Förtsch. Die Orgel lieferte Wolfgang Bartholomäus

Albrecht: wie schade, daß sein Werk verschwunden ist! Schloß Gehren

besitzt noch ein liebliches kleines Instrument aus derselben Zeit. Als

Glockengießer wird Hiob Breitinger genannt. Daneben quittiert Hans Rosa

über einen Betrag. Er gehört der Volkstedter Glockengießerfamilie an,

die nach Apolda übersiedelte. Eisenarbeiten leisteten Hans Bühl und der

Hofschmied Ahmann, Holzarbeiten Asmus Valtin Fleck, Glaserei Christoph

Möller. Außer ihnen bestätigen noch den Empfang von Zahlung Jakob und

Gabriel Fleck, Andreas Schrött, Nikol Schmiedigen, Philipp Hofmann und

Barthol Methfessel ohne nähere Angaben ihrer Lieferungen.

In harter Arbeit war dieses kleine Friedensdenkmal entstanden. Ganze

Dörfer und Güter lagen verlassen, Häuser standen verwahrlost, Mittel

und Mut fehlten, lichtscheues Raubgesindel schlich durch die Flur.

Pest, Pocken und Masern wüteten, Aberglaube blühte, neue Kriegsqual

drohte von Osten her. Die Landesmutter in Leutenberg, durch die Schule

der Leiden gegangen, mit klarem Blick, mit warmem Herzen, mit festem

Vertrauen, wies ihrem Hause und Lande den Weg zum Aufstieg.

Das schwerste Schicksal ihrer Familie sollte sie nicht mehr erleben.

Im Jahre 1672 erlagen drei ihrer Töchter innerhalb kurzer Zeit der

Masernseuche.

Amilie Antonie war nicht weltfremd. Treuherzig klingt ihre Sprache,

wenn sie die kleinen Angelegenheiten des Tages verhandelt: »Haben zwei

dage auch wider gewider gehabet, so genedich voruber gangen, aber zu

Gleimen, wo es schloßen alß die hiener eiher geworffen, hat es denen

ihr getrehde zuschlagen, gott helfe, das es sich den armen leiden wider

vorhole.« Sie schickt ihren Töchtern »ein ieder ein paar hendischgen,

weil der herbest nicht weit ist. Es sein auch 3 hornnebfchgen

hierbei zu entfangen. Gott laß euch wol bekommen«. Sie ist sich den

hochgelehrten Töchtern gegenüber bewußt, daß ihre eigene Schreibart

unvollkommen bleibt, und setzt unter einen Brief die Bitte: »Nach dem

leßen ins feuhr!«

Nach zärtlichem Abschied von den Ihrigen gab sie am 4. Dezember 1670

den Geist auf. Mit fürstlichen Ehren erfolgte die Überführung der

Leiche nach Rudolstadt. Am 14. Februar 1671 verfaßte Johann Georg Roth

ihr das »Ehrengedächtnis«, und am 1. März wurde sie in der Gruft unter

der Stadtkirche beigesetzt.

Sichtbare Erinnerungen an Amilie Antonie sind vorhanden in Gemälden.

Ein Brustbild der Gräfin ist von Rudolstadt als Leihgabe auf die

Friedensburg zurückgekommen. Es könnte der Erscheinung nach dasselbe

sein, das Jeremias Heider im November 1644 gemalt hat, und ist in

Auffassung und Darstellung einem zweiten verwandt, das auf der

Heidecksburg bewahrt wird. Aus ihrem Delmenhorster Erbe stammen

die sechs Bilder von der Hunosage, ebenfalls in Rudolstadt. Andere

Zusammenhänge werden sich noch erschließen lassen. In der Münzkunde

sind die Sterbetaler bekannt, die Graf Albert Anton zur Erinnerung an

die Mutter prägen ließ.

* * * * *

Nach dem Tode der Gräfinmutter bewahrten ihre Kinder dem Schlosse

Leutenberg ein dankbares Andenken. Sophie Juliane, Gelehrte, Dichterin,

Apothekerin und tüchtige Wirtschafterin, starb am 14. Februar 1672 in

Rudolstadt. Briefe, die sie empfangen hat, sind erhalten geblieben.

Ludämilie Elisabeth, in der Geschichte des Kirchenliedes hochgeschätzt,

Braut des Fürsten Christian Wilhelm von Sondershausen, verschied am 12.

März. Christiane Magdalene war ihr an demselben Tage vorangegangen.

Die jüngste, Maria Susanna, lebte bis 1688. Sie scheint musikalisch

tätig gewesen zu sein, bei ihrer Bestattung führte der Hofkapellmeister

Erlebach eine von ihr komponierte Abschiedsarie auf.

Die Pflegetochter Amilie Juliane, seit 1665 dem Grafen Albert Anton

vermählt, nimmt eine ehrenvolle Stellung in der Geschichte des

Kirchenliedes ein. Kaum wird sich ein evangelisches Gesangbuch finden,

in dem nicht ihr Sterbelied: »Wer weiß, wie nahe mir mein Ende!«

enthalten ist. Mit der Friedensburg und ihren Bewohnerinnen steht sie

in stetem Gedankenaustausch. Sie begleitet alle Ereignisse dort mit

regem Anteil, gibt Aufträge an Künstler weiter, holt Ratschläge für die

Apotheke ein und weiß in der Bevölkerung Bescheid. Der alte getreue

Magister in Königsee steht hoch in Ehren, über die Fortschritte ihres

Söhnchens müssen die Basen immer auf dem laufenden bleiben.

Malerei, Dichtkunst und Glaubensleben sind seltsam vereinigt auf den

Bildern, zu denen sie ihre Maler begeistert.

Graf Albert Anton baut die letzten Räume vom Obergeschoß im

Leutenberger Schloß noch aus, vermutlich entsprechend den Absichten der

verstorbenen Mutter. Dann läßt er die Zimmer, die sie hauptsächlich

benutzt hat, als Erinnerungsräume mit Wandgemälden ausstatten. Es sind

biblische Vorgänge, für unser Gefühl manche eigenartig befremdend,

andere wieder anziehend dargestellt. Auf alle Fälle sollten sie als

ehrenwerte Zeugnisse des Barockgeschmacks geschont werden.

Von den Hofmalern dieser Zeit ist nur einer in der Überlieferung

bekannt geblieben, nämlich Seyfarth Lammers, 1647–1711. Von ihm

stammen unzweifelhaft die jüngeren Bilder, besonders die Szenen

aus den Türkenkriegen mit der Jahresangabe 1698. Sie sind lebhaft

in der Bewegung, reich in der Erfindung und wirkungsvoll in der

Perspektive. Gute Bildnisse weisen die Szenen aus Davids Leben auf,

David mit Jonathan und David mit dem Haupte des Goliath, sowie eine

Freundschaftsgruppe bestehend aus zwei jugendlichen Gestalten. Sie alle

spielen auf Ereignisse aus dem Leben Albert Antons an.

Von den Ölgemälden, die im Rudolstädter Schloß auf Lammers

zurückzuführen sind, stellt eines die Kinder der Leutenberger Gräfin

im Jünglings- und Jungfrauenalter dar. Ein anderes ist eine große

Kreuzigungsgruppe, ein ideales Erinnerungsbild an das Leutenberger Jahr

1668. Am Fuße des Kreuzes sind alle die Personen vereinigt, die dem

Grafen Albert Anton im Leben besonders nahestanden. Außer seinem Vater

und seinem Lehrer Ahasverus Fritsch: seine Gattin mit zwei Kindern,

seine Mutter und seine vier Schwestern.

Über das Schloß Leutenberg schweigen die Jahrzehnte. Nur vereinzelte

Nachrichten sind erhalten über die Unternehmungen, die früher vom

Schlosse aus verwaltet wurden. Das Schwefel-, Alaun- und Vitriolwerk

in Leutenberg, das seit 1580 bestand, wird 1683 an eine Gewerkschaft

verkauft. Über das Messingwerk Grünau schließt Albert Anton 1691 einen

Vertrag mit Otto Wilhelm von Günderode auf Weitisberge.

Noch einmal wurde, von 1726 bis 1732, die Friedensburg Herrensitz,

als Prinz Wilhelm Ludwig von Schwarzburg den Wunsch hegte, sein

Leben in der Stille zuzubringen. Er hatte unter dem Prinzen Eugen an

den Türkenkriegen in Ungarn teilgenommen und war dann Oberst eines

sächsischen Infanterieregiments in Freiberg gewesen. In Leipzig

verheiratete er sich mit Henriette Karoline Gebauer, mit der er die

Familie von Brockenburg gründete. Als er den Wohnsitz in Leutenberg

aufgab, bezog er seine Güter in Gräfinau, Bücheloh und Geilsdorf.

Ein großes Reiterbild im Schlosse Rudolstadt erinnert an ihn.

Auch aus dem achtzehnten Jahrhundert kommt nur geringe Kunde über das

Schloß Leutenberg und seine Umgebung auf uns. Der Glockenturm der

Stadtkirche wird 1716 erneuert, 1749 wird die Kaplanei erbaut. Das

Erbbegräbnis der Grafen verursacht Ausbesserungsarbeiten, die Dächer

auf der alten Kapelle und auf dem Vorhaus zu den herrschaftlichen

Ständen läßt Fürst Johann Friedrich 1749 wiederherstellen.

* * * * *

Geistliche und weltliche Behörden erhalten von ihm den Auftrag, alles

zu sammeln, was sich auf die Geschichte von Burg und Stadt bezieht.

Daraufhin stellt der Amtmann Kriebel 1754 eine »Historische Nachricht

von der Herrschaft Leutenberg« zusammen. »Da man von Leutenberger

Nachrichten gar zu sehr bloß ist«, werden »die Kästen, in welchen

archivische Nachrichten sein mögen«, aus der Kirche auf das Rathaus

gebracht, es findet sich jedoch wenig Wertvolles darin. Kriebels

Bericht faßt aber alles gewissenhaft zusammen.

Über den landwirtschaftlichen Betrieb der Güter kommen vereinzelte

Angaben zum Vorschein, das Messingwerk Grünau verursacht 1755

Nachfrage, ob es weiterbetrieben oder als Hammerwerk eingerichtet

werden soll.

Am 16. Juni 1760 holte der Kammerdiener und Hofmaler Johann Christoph

Morgenstern »59 Porträts mit schwarzen Rahmen, 7 historische Stücke

mit weiß und goldenen Rahmen, 6 Stücke Hunoische historische Gemälde,

6 dazu gehörige historische Tafeln, 3 einzelne historische Stücke,

1 Porträt in Lebensgröße und 4 Küchenstücke« aus Leutenberg nach

Rudolstadt. Sie waren zum Teil zerbrochen und sollten wiederhergestellt

werden. Sie sind, wenigstens eine Anzahl von ihnen, noch vorhanden,

mehrere auch gut erhalten, andere gehen ihrer Deutung und Auffrischung

entgegen. Sie besitzen als kultur- und heimatgeschichtliche Denkmäler

hervorragende Bedeutung.

Über die Friedensburg erstattet der Landbaumeister Schellenschläger

am 6. September 1763 ausführlichen Bericht. Sämtliche Fenster sind

fast durchweg ruiniert, die Schieferbedachung ist aber noch ohne

Hauptfehler, auch am Mauerwerk noch kein Schade. Es sei zu bedauern,

wenn das Schloß verfallen sollte. Vom Dachboden bis unten hinaus muß

der Schutt von Ofen, Kalk und Strohgeniste ausgeräumt werden. Der

Schieferdecker Kaupert soll jährlich zweimal das Dach besteigen. Im

Stallgebäude sind einige Kleibefelder herzustellen, Waschhaus und

Reithaus sind abzutragen.

Die Schloßuhr aus dem Turm mit der Wendeltreppe wird 1783 an die

Gemeinde Unterloquitz für 20 Taler verkauft.

Bei Stadtbränden 1726, 1734 und 1796 mag die Burg wiederum

Zufluchtstätte für Obdachlose gewesen sein. In ganz großem Umfange

wurde sie als solche in Benutzung genommen, als Leutenberg im Jahre

1800 vollständig niederbrannte.

Am 7. Mai brach ein Schadenfeuer aus und sprang von einem Schindeldach

zum andern, bis in zwei Tagen fast alle Häuser in Asche gelegt waren.

Nur zwei von ihnen blieben unversehrt. Entsetzlich war die Not der

Bewohner, die auf den Dörfern Unterschlupf suchen mußten. Großes

Verdienst erwarb sich der Amtmann North in der Fürsorge für die

Obdachlosen. Damit die Behörden ihre Arbeit rasch wiederaufnehmen

konnten, richtete er Diensträume im Schlosse ein. Er selbst, sein

Sekretär Frosch und noch andere Beamte erhielten dort auch Notwohnung.

Bis unter das Dach war das Schloß plötzlich wieder besetzt. Für das

dritte Stockwerk mußte eine besondere Nottreppe angelegt werden.

Zimmereinrichtungen ließ Fürst Ludwig Friedrich aus Schwarzburg und

Paulinzelle kommen, bewegliche Gegenstände überwies er den Beamten als

Eigentum, alles Niet- und Nagelfeste wurde in das Inventar Leutenberg

überschrieben.

Am 2. Dezember trug er nach einem Besuche auf dem Schlosse in sein

Tagebuch ein, es sei alles recht schön geworden. Er war Fürst im

friderizianischen Geist, und in der Art, wie er das Leben anschaulich

erfaßte und verarbeitete, Zeit- und Gesinnungsgenosse Goethes. Sein

Skizzenbuch zeigt drei Landschaftsaufnahmen von Leutenberg und zwei

kleine Zeichnungen nach Gestalten aus den Wandgemälden des Schlosses.

Ein und ein halbes Jahr dauerte der Notzustand auf der Burg. Dann war

die Stadt neu erstanden mit breiter angelegter Hauptstraße.

Im neunzehnten Jahrhundert wurde es ganz still auf der Burg. In das

Torwächterhäuschen zog der Schieferdecker Frech ein, er hatte die

Aufgabe, die Dächer in gutem Stand zu halten. Sohn und Enkel von ihm

führten familientreu diesen Dienst bis heute fort.

Blitzschläge trafen die Burg mehrmals, Schadenfeuer versetzten die

Bürger noch öfter in Schrecken und Not, ein großer Brand verursachte

1865, daß der Markt und seine Umgebung neue Gestalt erhielten.

Die eingesessene Bevölkerung ging ihrem Gewerbe nach, stieg

wohl gelegentlich zur Burg hinauf, erfuhr aber wenig von deren

Vergangenheit. Rohe Hände richteten sinnlos Zerstörung an. Dann nahm

der Rentamtmann Truppel, ein hochbegabter und selbstloser Heimatfreund,

das Schloß in Schutz und Pflege. Er fertigte Zeichnungen und Pläne an,

die er als Mappenwerk dem Fürsten Georg widmete.

In breiterer Öffentlichkeit wurde Stadt und Burg wieder genannt, als

Fürst Friedrich Günther seinen Kindern Sizzo und Helene 1860 den Titel

Prinz und Prinzessin von Leutenberg beilegte.

Fürst Günther und seine Gemahlin Anna Luise hielten und halten das Haus

ihrer Ahnen hoch in Ehren.

Künstler wie Ernst Liebermann und Adolf Männchen begeisterten sich an

dem eigenartigen Zauber, den die Burg ausströmt.

Seit einigen Jahrzehnten wird Leutenberg als Erholungsort immer

mehr aufgesucht, und immer stärker erhebt sich die Frage nach

geschichtlicher Auskunft über die Burg und ihre Bewohner. Die

Friedensburg hat dabei das Schicksal anderer Burgen erfahren: was an

Kenntnis der Vergangenheit fehlte, ersetzte man durch schwärmerische

Gemütsdichtung. Das hängt uns heute noch an, und wir sollten diese

Neigung uns durch nüchterne Prüfung ersetzen oder mindestens ergänzen.

Der deutsche Burgherr im guten Mittelalter war Grundbesitzer. Deutsches

Erwerbsleben beruhte auf der Landwirtschaft. Als dieser Betrieb für

eine einzelne Familie zu groß wurde, entstand das Lehenswesen. Der

Burgherr gewährte Schutz und empfing als Gegenleistung Naturalabgabe

oder Dienst durch Arbeitskraft. Wer sich heute das Alltagsleben

in einer Burg zu einem Gedankenbild aufbauen will, soll sich die

Einzelzüge dazu auf einem großen Gutshof suchen.

Wer Freude empfindet am Sehen und Sinnen, dem tritt Menschenwerk

und Natur in lieblichem Verein entgegen. Aus den launischen

Schieferschichten sind die Platten gebrochen, die das trotzige

Mauerwerk bilden, an jede Biegung des Untergrundes schmiegt es sich

an. In dem Kalkverputz der Wände haben Wind und Wetter ein feines Spiel

von silbernen und goldenen Tönen erzeugt. Regen hat klobiges Balkenwerk

fahl verwaschen, Sonne hat zierliche Zimmermannskunst mit roter Glut

überhaucht. Gelbe Algen und braune Moose wuchern auf dem blauen

Schieferpanzer. Aus allen Ritzen und Fugen grünen und blühen Kräuter,

Stachelbeerbüsche nicken im Lufthauch, über dunklen Holderbüschen

flattert das lichte Gewand der Birke. Aus Tannendüster und Buchenlust

hat der Wald einen Mantel um den jähen Berghang gewoben.

Graf Balthasar und seine Ahnen haben Ostmark geschützt. Gräfin Amilie

Antonie hat treue Sitte gewahrt, als Europa in welsches Wesen versank.

Deutsche Geschichte im engen Rahmen der Heimat!

Inhaltsverzeichnis

Vorwort Seite 5

Balthasar, 1453–1525 14

Johann Heinrich, 1496–1555 29

Philipp, 1540–1564 32

Das Schloß als Witwensitz 33

Elisabeth, 1568–1617 37

Amilie Antonie, 1614–1670 41

Zu den Bildern

1. Die Friedensburg von Südost. Waldgrünes Thüringland! (J. V. von

Scheffel, Im Lager vor Akkon). – 2. Torwächterhäuschen. – 3. Burghof

nach Westen. – 4. Burghof nach Osten. – 5. Kaufbrief 1326. – 6. Auf dem

Wendel. – 7. Ausschnitt aus dem großen Wandbild. – 8. Lagerszene von S.

Lanzmers (F. Freiligrath, Zelte, Posten, Werdarufer!).

Zwei Anlagen zu Seite 46 und zu Seite 8

[Illustration]

[Illustration]

[Illustration]

[Illustration]

[Illustration]

[Illustration]

[Illustration]

Zu Seite 46

~In monumenta generosorum comitum Schwarzburgensium et

Leutenbergensium, patris, filii et nepotum, qui in familia fuerunt

ultimi.~

~Hoc generosa loco comites Schwarzburgia condit

Leutenbergiacae gentis alumna domus,

Quos generis propiore sui sub fine supremos

Ultimus ex ista stirpe creavit avus.

Cognitus in Bavaros animosis Balthasar armis,

Preses in Heidecca cum ditione fuit,

Cujus consiliis usus Fridericus in aula est,

E septem Sao providus ille viris.

Quem moriens habuit comitem quoque mortis, agresti

Rustica cum mota est seditione cohors.

Natus Joannes Henricus filius illi,

Nec patris consilio nec pietate minor.

Sancta Palestinae juvenis qui regna secutus

Auratae rediit nobilitatis eques.

Saxonicae factus quoque consiliarius aulae,

Fautor evangelii tunc orientis erat,

Fautor et Aonidum, quarum se docta facetus

Saepe jocabatur philtra bibisse senex.

Junctus Anhaldino mediator foedera pacis

Inter Mauricium Parthenopemque tulit.

Arbiter Islebiae juvit simul acta Lutheri,

Mutua lis comitum cum dirimenda fuit.

Octo pater postquam natorum funera vidit,

Extremum Glauchae clausit et ipse diem.

Mortuus Henricus cum Balthasar atque Gerhardus

Et cum Siggardo fratre Philippus erat.

Moesta Rutenorum domus est miserata Brigittam,

Margaridam Lunae castra professus Otho.

E quibus Alberti nimium miserabile fatum

Addictum studiis dum fera parca rapit.

Jamque adeo matris spes una sed ampla Philippus,

Qui genus assereret, prole superstes erat,

Qui patris insistens vestigia justus in omnes

Que pius in Christi templa scholasque fuit.

Quod duce Stigelio musas cum fratre secutus

Ornasset veris cor juvenile bonis,

Cum celebri notus fama per castra, per aulas

Facta tueretur gentis avita suae,

Conjugium subiit dignatus principe sponsa

Brunsviacae stirpis, quae Catharina fuit.

Sed sine prole illum morientem Lipsia vidit,

Lustra sub aetatis quinque peracta suae.

Usque adeo nihil est generi durabile nostro,

Sola dei bonitas fine paterna caret.~

Zum Gedächtnis der edeln Grafen von Schwarzburg und Leutenberg, des

Vaters, des Sohnes und der Enkel, die in ihrer Familie die letzten

waren.

Die Friedensburg bei Leutenberg · 第 3 / 4 段