=Sechszehn Holzschnitte nach Arnold Böcklin.= (Meisterwerke der
Holzschneidekunst. Neue Folge. Heft 5.) Mit einer Einleitung von
~Aemil Fiedler~. Leipzig. J. J. Weber. Imp. Fol.
=Die Worpsweder. Zweiundzwanzig Kunstholzschnitte nach Gemälden,
Radierungen und Zeichnungen.= Text von ~Aemil Fiedler~,
(Meisterwerke der Holzschneidekunst. Neue Folge. Heft VI.) Verlag von
J. J. Weber, Leipzig. Fol.
=Zeichnungen von Sascha Schneider.= III. Aufl. Gesamtausgabe. Text
von ~Aemil Fiedler~. Leipzig J. J. Weber. Gr. 4.
Die vorstehenden drei Werke, aus dem bekannten Verlage der
Illustrierten Zeitung, J. J. Weber in Leipzig, geben, wie die
gesamten seit langen Jahren erscheinenden Folgen, aus der genannten
Wochenschrift zusammengestellte Reihen von in Tonschnitt reproduzierten
Kunstwerken wieder. Mit Erfolg ist die Webersche xylographische Anstalt
bestrebt, den Wettkampf mit den neuen auf die Photographie basierenden
Reproduktionsverfahren einerseits, der modernen Griffelkunst, wie
sie der Künstler seiner Platte aus manigfachem Material unmittelbar
anvertraut andrerseits, aufzunehmen. Es kann hier nicht an die Aufgabe
gegangen werden, den künstlerischen Inhalt der drei vorzüglich
ausgestatteten Mappen zu analysieren, oder auf die Stellung einzugehen,
welche die dargestellten Werke und ihre Meister in der Entwicklung
der modernen Kunst einnehmen. Das ist in anregender und für den
augenblicklichen Zweck erschöpfender Weise in den bei allen dreien
von ~Aemil Fiedler~ geschriebenen Textbeilagen geschehen. Die
Verlagsfirma nimmt in der noch nicht gar zu langen Geschichte des
Tonholzschnittes unbestritten die erste Stelle ein, unbestritten
dürfte auch bleiben, daß die letzten beiden Dezennien die allgemeine
Verwendung des Tonholzschnittes stark einschränkten, wegen der durch
die neuen photographischen Reproduktionsverfahren ermöglichten größeren
Treue und vor Allem der größeren Billigkeit. J. J. Weber hat an
seinen Traditionen festgehalten und mit Erfolg danach gestrebt, durch
technische und künstlerische Verfeinerung den Tonholzschnitt auf der
Höhe zu erhalten. Insbesondere die ausgezeichnet klaren, die farbige
Wirkung trefflich wiederspiegelnden Blätter nach Böcklin geben von den
Fortschritten in der jetzt etwas über die Achsel angesehenen Technik
eine deutliche Vorstellung.
=Das radierte Werk des Adriaen van Ostade in Nachbildungen.= Mit
biographisch-kritischer Einleitung, herausgegeben von Professor Dr.
~Jaro Springer~. Verlag von Fischer und Franke, Berlin. 4.
Die außerordentlichen Fortschritte der Reproduktionskunst sind
insbesondere den Erzeugnissen der Schwarz-Weißkunst früherer
Jahrhunderte zu Gute gekommen. Was früher nur dem bemittelten Sammler
und da selten in größerer Vollständigkeit zugänglich war, das wird Dank
der Zinkätzung jetzt in weite Kreise zu ganz billigem Preise getragen.
Der rührige Verlag des »Kupferstichkabinets« Fischer und Franke zu
Berlin, hat mit der Herausgabe der Radierungen Ostade’s, des nach
Rembrandt bedeutendsten Meisters der Radiernadel einen glücklichen
Griff gethan. Die künstlerisch vertiefte und dabei von feinem Humor
durchtränkte Darstellung des holländischen Bauernlebens durch Ostade
ist als Schlüssel zur holländischen Genrekunst vortrefflich geeignet.
Die Wiedergabe mittelst Strichätzung vergröbert freilich und verwischt
die intimen Feinheiten der Nadel. Immerhin ist das vorliegende Werk,
von einer kurzen Beschreibung des Lebens und Wirkens von Jaro Springer
begleitet, ein Beweis wie weit auch in diesem Verfahren sorgfältige
Technik es gebracht hat.
=Unser Egerland.= Blätter für Egerländer Volkskunde. Im Auftrage
des ~Vereines für Egerländer Volkskunde~. Herausgegeben von
~Alois John~. Verlag des Vereines. Jahrg. I-IV. 1897-1900. 8.
Zwischen Fichtel- und Erzgebirge, Böhmer- und Kaiserwald liegt,
jenseits der Grenzen des neuen Reichs, aber der deutschesten
Gauen einer, das Egerland. Ob nun die stattlichen farbenfreudigen
Bauernhäuser ihn begrüßen, ob die ehrwürdigen Bauten der alten Pfalz
ihn an die Kaiserherrlichkeit der Hohenstaufen gemahnen oder beim
Besuche des städtischen Museums in Eger manch schönes Stück Egerländer
Hausrats ihn anheimeln mag, überall schaut dem Wanderer, der das Land
durchstreift, echt deutsche Art entgegen. Da beginnt man zu ahnen,
wieviel Volksgut auch noch in Sitte und Sprache des dem Bayerischen
Stamm engverwandten Egerländers sich birgt. Diese ansehnlichen Reste
des deutschen Lebens und Denkens ihrem Wert gemäß dem Volke wieder
lebendig zu gestalten und damit die beste Waffe gegen das andringende
Slaventum zu schmieden, das ist, was diese von warmer Heimatsliebe
beseelte Zeitschrift vor bald vier Jahren versprochen und bis heute
redlich gehalten hat. Sammlungen und Arbeiten auf allen Gebieten der
Volkskunde lösen in diesen Blättern in bunter Folge einander ab,
vieles wird überdies im Bilde dem Leser veranschaulicht. Dabei ist im
Laufe der Zeit auch der äußerliche Umfang des Gebotenen gewachsen.
Hervorgehoben zu werden verdient, wie namentlich auch dem Volksliede,
das in ähnlichen Unternehmungen zuweilen etwas stiefmütterlich
behandelt wird, ein breiter Raum gewährt ist. Einem so kerndeutschen
Blatte, wie dem vorliegenden, möchten wir gerne die Aufmerksamkeit und
Teilnahme aller Freunde deutschen Volkstums gesichert wünschen. H. H.
=Aus der Geschichte der Reichsstadt Mühlhausen in Thüringen.= Von
Professor Dr. ~Eduard Heydenreich~. 60 SS. ~Halle~. Otto
Hendel. 1900. 8.
Unsere alten Reichsstädte haben nicht nur in allbewunderten Werken
der Kunst Zeugen ihrer großen Vergangenheit in eine andere Zeit
hinübergerettet, noch liegt in den von jeher treu gehüteten Archiven
manch ungehobener Schatz verborgen. Diese Urkunden und sonstigen
schriftlichen Denkmäler der nach Art der Entwicklung unter sich so
verschiedenen, immer aber mit den Schicksalen des Kaisertums eng
verbundenen Reichsstädte gehen weit über rein örtliche Bedeutung
hinaus, ihre Überlieferung leiht vielmehr der Geschichte des alten
Reichs die frischesten Farben. Nicht in letzter Reihe solcher
Archive steht das der Stadt Mühlhausen in Thüringen, dessen Reichtum
aber gleichwohl bisher noch nicht in einer der strengeren Kritik
entsprechenden Geschichte die rechte Verwertung gefunden hat. Diese
Lücke will Prof. Heydenreichs Buch ausfüllen, den Ortsansässigen das
täglich Geschaute im Lichte der Geschichte verklären und dem fremden
Geschichtsfreunde Anregung zu eigener Umschau und Vergleichung
geben. Bei aller strengen Wissenschaftlichkeit, die bei bloßen
Durchblättern schon aus den fleißigen Literaturnachweisen dem Leser
in die Augen fällt, ist überall ein Ton getroffen, der die kleine
Schrift zu einem Hausbuche nach des Verfassers Wunsch machen dürfte,
indem die flüssige Darstellung oft nur dem Kenner verrät, wie viel
eigene Forschungsmühe darin steckt. Ausgehend von den ersten Anfängen
der Stadt, die wir noch aus vorgeschichtlichen Altertümern und den
Ortsnamen zu erkennen vermögen, folgt stets mit Heranziehung der
allgemeinen Fragen der städtischen Verfassungsgeschichte die Darlegung
der Entwicklung der Reichsstadt auf Grund der urkundlichen Quellen, von
den Zeiten des noch königlichen Beamten unterstehenden Gemeinwesens
bis zum selbständigen und unabhängigen Reichsstand. Dies Ziel wird
erreicht allerdings erst nach Überwindung wiederholter Bemühungen,
die gemacht werden, um sie zur einfachen thüringischen Landstadt
herabzudrücken. Die Zünfte werden hier ohne wesentlichen Kampf in den
Rat eingegliedert, so erfuhr das alte städtische Regiment eigentlich
erst in der Reformationszeit einen entscheidenden Stoß. Wir erfahren
mancherlei Einzelheiten über das häusliche Leben der Bürger, über
Fürstenbesuche in der Stadt, Statistisches und Wirtschaftliches im
Vergleich zu heute, über das Münzwesen, u. A. Hingewiesen wird auf die
kulturgeschichtliche Bedeutung der Mühlhausener Kopialbücher (1382 ff.)
und Kämmereirechnungen (1407 ff.), die noch manche Ernte versprächen.
Erwähnung finden ferner die Umgehungen des Zinsverbotes, die kulturelle
Bedeutung der Klöster, die Kämpfe der Stadt mit der toten Hand. Sehr
interessante Ausführungen beschäftigen sich mit Baudenkmälern des
Kreises Mühlhausen, von denen wir hier nur die kleine vorgotische
Stadtkirche zu Trefurt, die Burg Normannstein, die Reste der
Stadtbefestigung, endlich die sog. Untermarktskirche (St. Blasius) als
die zweitälteste gotische Hallenkirche des Deutschordens hervorheben.
Zum Schlusse führt uns eine malerische Wanderung durch das Mühlhausen
von heute, welches die Anstrengungen und finanziellen Opfer seiner
Bürgerschaft der neuen Zeit angepaßt haben, immerhin so schonend,
daß dem Kunst- und Altertumsfreund das Bild einer mittelalterlichen
Reichsstadt nicht getrübt ist. Das Buch ziert eine stattliche Reihe
hübscher Abbildungen. H. H.
=Breitkopf und Härtels Sammlung musikal.-wissenschaftlicher Arbeiten
von deutschen Hochschulen.= Leipzig 1898 ff.
Während die Geschichte der Litteratur schon seit langer Zeit, die der
bildenden Künste seit einigen Dezennien zahlreiche Vertreter und feste
Methoden der Forschung besitzt und weite Kreise der Gebildeten an ihren
Ergebnissen Anteil nehmen, ist die Ästhetik und die Geschichte der
Musik bisher wenig gepflegt worden, ihre Behandlung hat vielfach eine
gründliche Wissenschaftlichkeit vermissen lassen und um die Ergebnisse
der Forschungen haben sich nur wenige Fachleute und noch weniger Laien
bekümmert.
Daß dem so ist, beruht hauptsächlich darauf, daß eine erfolgreiche
Pflege geschichtlicher Forschung in der Musik ohne gründliche
theoretische Kenntnisse noch weit weniger möglich ist, als in
Litteratur oder bildender Kunst. Es ist aber an der Zeit, daß auch
die methodische Behandlung der Musikgeschichte in größerem Umfang in
Angriff genommen werde, als bisher. Neuerdings haben sich zahlreichere
jüngere Forscher der Musikgeschichte zugewendet. Um für ihre Arbeiten
ein Organ zu schaffen, hat sich die um die wissenschaftliche
Musikpflege hochverdiente Verlagsbuchhandlung entschlossen, eine
Sammlung musikwissenschaftlicher Arbeiten von deutschen Hochschulen zu
publizieren analog den Sammlungen kunstgeschichtlicher Arbeiten von
E. A. Seemann und von Heitz und Mündel. Es sind bis jetzt vier Bände
erschienen.
Gleich der erste Band, ~die Choralnotenschrift bei Hymnen und
Sequenzen von Eduard Bernoulli~, führt uns auf ein Gebiet,
auf dem noch vielfach Zweifel und Unsicherheit herrschen. Alle
musikgeschichtliche Betrachtung wird dadurch erschwert, daß wir uns,
sobald wir in ältere Zeiten aufsteigen, erst von dem auf diatonische
Scala aufgebauten System der modernen harmonischen Musik frei machen
müssen, und daß Melodieführung, Rhythmus und Notierung andere sind,
als die uns geläufigen. Nun ist zwar im liturgischen Gottesdienste der
katholischen Kirche die Tradition der ältesten Zeiten niemals ganz
erloschen, aber sie ist vielfach getrübt. So ist auch das Verständnis
der ältesten Tonzeichen unsicher geworden.
Bernoulli setzt sich zunächst mit den modernen Autoren über die
Auflösung der Neumen und der Choralnoten (der Notierung einstimmiger
Gesänge im Mittelalter) auseinander. Im zweiten Teil untersucht es
die Aussagen der mittelalterlichen Theoretiker, im dritten das in den
Handschriften enthaltene Material an Choralnoten. Es handelt sich dabei
hauptsächlich um deren rhythmische Werte. Die Untersuchungen sind
gründlich und methodisch geführt und die Arbeit muß wohl von jedem der
auf diesem Gebiete arbeiten will, beachtet werden.
Der zweite Band enthält: ~Die Lehre vom Ethos in der griechischen
Musik von Dr. Hermann Abert.~ Auch diese Arbeit behandelt ein
Gebiet, das unserem musikalischen Gefühl äußerst fernliegt, die
Auffassung des griechischen Volkes von seiner Musik. Wir stellen an
die Musik, wie an jede Kunst ästhetische Anforderungen, der Grieche
schreibt ihr etliche Wirkungen zu. Die elementare Wirkung der Musik
auf jugendliche Völker ist bekannt, auch der Grieche ist ihr noch
unterworfen, aber er gab sich ihr nicht willenlos hin, sondern suchte
sie ethischen Zwecken dienstbar zu machen. Es bildete sich eine Lehre
vom Ethos in der Musik aus, deren Hauptsatz sagt, die hörbare Bewegung
der Musik vermag die Bewegung der Seele nicht nur darzustellen und
wiederzuspiegeln, sondern auch zu erzeugen. So kann sie den Willen
stärkend oder hemmend beeinflussen, ja das normale Willensvermögen
zeitweise aufheben (Extase). Abert gibt in ansprechender Weise eine
Darstellung der Quellen der griechischen Musikästhetik und entwickelt
sodann an der Hand der Quellen und der »Überreste« antiker Musik die
Theorie vom Ethos. Die Untersuchungen über die antike Musik sind darum
so schwierig, weil uns nur ganz wenige Denkmäler erhalten sind, und
so wichtige Aufschlüsse sie geben, aus ihnen doch weder die Theorie
unmittelbar aufgefunden noch selbst die Aussagen der Autoren allseitig
sicher kommentiert werden können. Es kann hier auf die interessanten
Ausführungen Aberts über das Ethos der Tonarten, des Klanggeschlechts
und des Rhythmus nicht näher eingegangen werden.
Es handelt sich um Erscheinungen, welche uns trotz unseres scheinbaren
Vertrautseins mit dem griechischen Altertum völlig fremdartig anmuten.
Unsere Stellung zur Musik ist eine ganz andere, eine überwiegend, wo
nicht ganz ästhetische. Und doch wären die Fragen: Sind wir überhaupt
noch fähig, ethische Einwirkungen von der Musik zu empfangen? Und: Ist
unsere ganz anders geartete Musik im Stande, solche auszuüben? nicht zu
verneinen.
Im dritten Band handelt ~Heinrich Rietsch über die Tonkunst in der
zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts~. Er bezeichnet seine
Arbeit als einen Beitrag zur Geschichte der musikalischen Technik.
Beethoven hat die Epoche der harmonischen Musik zur Vollendung und zum
Abschluß gebracht. Wenn von den Epigonen auf diesem Gebiete noch in
der alten Weise weiter gearbeitet und viel schönes geschaffen worden
ist, wenn sich noch manche kräftige künstlerische Individualitäten
unter ihnen befanden, so ändert das nichts an der Thatsache, daß die
entwickelungsgeschichtlichen Faktoren der Gattung durch die Klassiker
erschöpft waren.
Beethoven selbst hat die Grenzen der Musik nach der Seite der
begriffsbestimmten Ausdrucksfähigkeit hin wesentlich erweitert und
die ganze moderne Schule ist auf den von ihm eröffneten Bahnen weiter
geschritten. Der neue Stil der Musik ist um die Mitte des neunzehnten
Jahrhunderts fertig, er tritt nicht unvorbereitet ein, gleichwohl kann
Richard Wagner als sein Schöpfer bezeichnet werden, denn er hat die
zerstreut liegenden Mittel der neuen Kunst zur Einheit zusammengefaßt.
Es ist deshalb gerechtfertigt, die Tonkunst in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts einer eigenen Betrachtung zu unterziehen.
Man kann den Charakter der harmonischen Musik in ihrer klassischen
Epoche als plastisch bezeichnen. Die Melodie ist nach den Gesetzen
der linearen Schönheit gebildet, die Harmonisierung ist klar und
wohlklingend, und auf das feste Fortschreiten des Rhythmus wird großes
Gewicht gelegt. Wurden Dissonanzen und rhythmische Freiheiten als
Kunstmittel angewandt, so erregten sie Verwunderung und Anstoß. Welche
Erörterungen knüpften sich an die bekannte Einleitung zu Mozarts C-dur
Quartett. Würde sie heute komponiert, so würde sich niemand mehr an
ihr stoßen. Auf eine Periode vorwiegend plastisch linearer Kunstübung
mußte, nach dem alle Kunstentwickelung beherrschenden Gesetze des
Gegensatzes eine koloristische folgen. Rietsch führt nun in seiner
Abhandlung die technischen Kunstmittel vor, deren sich der neue Stil
bedient. Wie weit er dem Fachmann Neues sagt, vermag ich nicht zu
beurteilen; der Laie, der der Entwickelung der modernen Musik ein über
das oberflächlichste Anhören hinausgehendes Interesse entgegenbringt,
wird seine Ausführungen mit Dank aufnehmen. Die Arbeit ist sehr gut
geschrieben und wird durch sorgfältig gewählte Beispiele aus neueren
Musikwerken erläutert.
Die Musik befand sich im Laufe des 19. Jahrhunderts in voller,
produktiver Entwickelung und geriet nicht wie die bildenden Künste
völlig in den Bann der historischen Formbehandlung. Gleichwohl ist auch
sie von dem historischen Zuge, der unser ganzes Zeitalter beherrscht,
stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Und während die moderne Schule
eine Entwickelung nach neuen Zielen nahm, wurde von anderer Seite
auf ältere Kunstformen zurückgegriffen. In dem vierten Bändchen der
Sammlung untersucht ~Richard Hohenemser~ die Frage: ~Welche
Einflüsse hatte die Wiederbelebung der älteren Musik im 19. Jahrhundert
auf die deutschen Komponisten~. Hohenemser gibt eine Geschichte
der Wiederbelebung der älteren Musik und ein Kapitel über den Einfluß
der älteren Tonkunst auf die Vokalmusik des 19. Jahrhunderts. Die
Einwirkungen der älteren Tonkunst auf die Instrumentalmusik bleibt
späterer Bearbeitung vorbehalten. Es ist begreiflich, daß ein junger
Autor seine erste Arbeit rasch gedruckt haben will. Er mag sie dann
als Dissertation drucken lassen; will er sie in eine Sammlung ernster
Arbeiten einreihen, welche sich nicht nur an akademische Kreise wenden,
so begeht er damit, daß er nur ein Fragment bietet, eine Unhöflichkeit.
Zudem hätte es ja dem dünnen Bändchen nicht geschadet, wenn es um ein
Kapitel dicker geworden wäre.
An sich ist diese Arbeit dankenswert und gibt eine für die allgemeine
Orientierung ausreichende Übersicht über die Entwickelung des
Verständnisses für alte Musik und über die Verwendung der alten
Tonformen in der Vokalmusik des 19. Jahrhunderts.
Eine Frage ist programmgemäß in dem Buch gar nicht berührt, nämlich
die nach der Stellung des modernen Hörers zu alter Musik. Auch
sie wäre der Untersuchung wert. Das Ergebnis würde wohl sein, daß
sie uns noch ferner steht als die alte Kunst, daß die Vokalmusik,
namentlich der Acapella Gesang in seiner reinen Klangschönheit auf
ein leidlich gebildetes Ohr seine Wirkung nicht verfehlt, daß aber
die Instrumentalmusik in ihrer einfachen, farblosen Besetzung einen
Verzicht auf so vieles voraussetzt, daß sie nur schwer in weiteren
Kreisen volles Verständnis finden wird. Vorläufig ist sie für den
Spieler interessanter als für den Zuhörer.
Man darf der Fortsetzung der Sammlung mit guten Erwartungen
entgegensehen.
=Die Chorstühle in der ehemaligen Cisterzienserabtei im
Wettingen.= Von ~Hans Lehmann~. Zürich, Hofer & Co. 24
Lichtdrucktafeln mit IV und 48 S. Text; fol. 1900.
Der um die Erforschung der Kunstgewerbegeschichte seiner
schweizerischen Heimat wohlverdiente Verfasser giebt mit dieser neuen
Publikation aus dem reichen Schatz der Schreiner-Bildnerarbeiten der
Schweiz ein hervorragendes in den ersten Jahren des 17. Jahrhunderts
entstandenes Werk in mustergiltigen Lichtdrucktafeln heraus. Von dem
fast überreich im Geschmack der schweizerischen Renaissance des 16.
Jahrhunderts geschmückten Chorwerk sind in den Lichtdrucken Gesamt- und
Teilansichten, sowie die bedeutsamsten Details wiedergegeben, während
die ebenfalls reich bemessenen Textillustrationen in Autotypie weitere
Details, sowie manche andere auf das Wettinger Kloster, das bekanntlich
auch in der Geschichte der Schweizerscheiben eine hervorragende Rolle
spielt, bezügliche Denkmale und Vergleichsmaterial zur stilistischen
Beurteilung des Chorgestühls bringen. Ein außerordentlich gründlicher
Begleittext, der in fast allzu breiten Schilderungen über die
Geschichte des Klosters, den Stifter des Werkes Abt Peter II. Schmid
und die historischen Bedingungen der Herstellung sich ergeht, dient zur
Erläuterung.