DR. RICHARD GRUNDMANN.

(Hierzu Tafel VII.)

Zu den Gebieten kunstgeschichtlicher Forschung, die bisher noch wenig

bearbeitet sind, gehört auch die frühmittelalterliche Holzplastik. Ist

schon über die Geschichte der Steinskulptur für einzelne Zeiträume,

besonders für das 14. Jahrhundert, noch nicht volle Klarheit gewonnen,

während hier wenigstens für das 13. Jahrhundert in neuerer Zeit eifrige

und gründliche Untersuchungen angestellt wurden[247], so liegen die

Anfänge und die Entwicklung der Holzbildnerei fast ganz im Dunkel

und erst vom 15. Jahrhundert ab beginnt die Geschichtschreibung sich

ernstlich mit ihr zu befassen, was bei der hervorragenden Stellung

dieser Kunst gegen den Ausgang des 15. und in der ersten Hälfte

des 16. Jahrhunderts notwendig geworden war. Mag nun die geringe

Beachtung, mit der die Kunstgeschichte bis jetzt an den Erscheinungen

der frühmittelalterlichen Holzskulptur vorübergegangen ist, in der

Handwerksmäßigkeit und Derbheit und in der geringen Anzahl der

erhaltenen Denkmäler immerhin ihren Grund haben, zu bedauern ist

doch, daß der Holzschnitzer der frühen Zeit dem Steinmetzen gegenüber

vergessen wurde, denn der genaue Einblick in die Entwicklung dieses

so reichen Kunstzweiges der Holzbildnerei fehlt dadurch. Selbst

eine Geschichte der Holzskulptur in ihrer Blütezeit ist noch heute

ein kunstgeschichtliches Desideratum und die wenigen einschlägigen

Publikationen unserer Tage[248] sind immer noch Vorarbeiten dazu,

während eine umfassende Darstellung derselben eine Aufgabe der Zukunft

bleibt. Welch wichtige Resultate aber eine gründliche Einzelforschung

auch für die Holzplastik noch zu Tage fördern kann, hat sich erst

vor zwei Jahren gezeigt, als nachgewiesen werden konnte, daß Hans

Multscher’s Altarwerk in Sterzing (1456-58) nicht, wie man früher

glaubte, als Werk eines tiroler Meisters aus Innsbruck, sondern als

das eines schwäbischen Künstlers aus Ulm stammt, wodurch gleichzeitig

die überraschend hohe Entwicklung der Ulmer Kunst vor Schühlein, eine

Zeit, für welche bis dahin sichere Anhaltspunkte gefehlt hatten,

dargelegt wurde[249]. Dieses Schnitzwerk des Hans Multscher, das noch

den Steinstil zeigt »und die knitterige Eigenart des Holzstils noch

nicht erreicht hat«[250] ist dennoch eine sehr bedeutende Leistung und

beweist vor allem die künstlerische Höhe, auf welcher die Holzplastik

bereits vor Ausbildung eines eigenen Holzstils angelangt ist, wonach

die Forderung noch mehr berechtigt erscheint, diesem Zweige der

plastischen Kunstübung und namentlich den Anfängen desselben mehr

Beachtung als bisher zu schenken.

Wenn es demnach schon wegen des Mangels an eingehenden stilkritischen

Untersuchungen schwierig ist, einem Denkmal der Holzskulptur, das vor

der Mitte des 15. Jahrhunderts entstanden ist, seine genaue Stellung

innerhalb der Geschichte dieser Kunst im allgemeinen und innerhalb der

einzelnen Schulen im besonderen anzuweisen, so wird diese Schwierigkeit

noch größer angesichts eines Werkes, über welches uns urkundliche

Berichte fehlen und das uns noch dazu als eine in verhältnismäßig

früher Zeit so ausgereifte Schöpfung entgegentritt und dadurch geradezu

frappierend wirkt, wie die jüngst vom Germ. Museum erworbene Freifigur

des hl. Georg.

Der hl. Georg steht hier als eine kräftige, jugendlich schöne

Mannesgestalt auf dem Rücken des unter ihm zusammengekauerten Drachen,

dem er, mit dem Ausdrucke der ruhigen Überlegenheit des Siegers auf

ihn herabblickend, die Lanze in den emporgewendeten Rachen so wuchtig

gestoßen hat, daß sie unterhalb des Kopfes am Halse hindurchdringt.

Da der Heilige die Lanze mit der Rechten am untersten Teil des

Schaftes gefaßt hält, während seine Linke, dem Stoß die Richtung

gebend, den Schaft ungefähr an dessen Mitte kräftig umspannt, so ist

sein erhobener rechter Arm im Gelenk fast spitzwinklig, der linke

Arm dagegen nur wenig, etwa in einem Winkel von 135°, gebeugt. Sein

Haupt, das vorwärtsgeneigt und leicht nach rechts gewendet ist, bedeckt

eine Rundkappe mit Knopf, unter der das reiche lockige Haar zu beiden

Seiten an den Schläfen herabfällt, die Ohren bedeckend, während ein

gekräuselter Schnurr- und ein in zwei Spitzen auslaufender Kinnbart die

untere Hälfte des länglichen Gesichts einrahmen. Die Augenbrauen sind

schön geschwungen, die Nase fein gebildet, die Wangen sinken unterhalb

der Backenknochen leicht ein. Das rechte untere Bein des Heiligen

(Standbein) umklammert der krokodilartige Schweif des Tieres in

einmaliger Umwindung, das linke Bein (Spielbein) ist etwas vorgestellt

und setzt zwischen Hals und Rumpf des Drachen auf. Die Ausbiegung der

rechten Hüfte ist dazu so gar nicht outriert, daß die Haltung, trotz

der etwas ins Knie gebogenen Beine, von durchaus vornehmer Wirkung

ist. -- Der Heilige ist zunächst bekleidet mit dem Panzerhemd, über

welchem dann als Schutz für die Achseln halbkugelförmig getriebene

Eisenplatten und ebenso ähnliche für die Ellbogen und die Knie

(Ellbogen- und Kniekacheln), alle mit Geschübe, aufliegen. An den

Achselschutz schließen sich Ober- und Unterarmschienen. Dabei

umgeben die Oberarmschienen den Arm als Halbröhren, während die

Unterarmschienen schon vollständige Röhren bilden. Ellbogenbergen

und Kniekacheln sind durch Riemen befestigt. Unterhalb der

schöngeformten Kniekacheln setzt sich die Bewaffnung durch Beinröhren

fort die, hinten die Fersen freilassend, nach vorn über den Fuß in

schnabelförmig spitzauslaufenden, geschobenen Eisenschuhen ihre

Fortsetzung finden. Über der Brust liegt eine Brustplatte, die sich,

dem bekannten Brauch gemäß in der Mitte zuspitzt, so daß sie hier nur

eben durch diesen hervortretenden Rand sichtbar wird, denn über sie

ist als Bekleidung des ganzen Oberkörpers ein Waffenrock angelegt,

der den Körper gänzlich faltenlos und in den Hüften wie angegossen

umschließt, während er unterhalb des Ringgürtels in leichten Falten

bis dicht über die Kniekacheln herabreicht, die Oberschenkel gänzlich

deckend. Durch die beiden seitlichen Schlitze des Lendners wird die

ausgezackte Form des darunterliegenden Eisenhemds sichtbar. Ein mit

gotischen Metallbeschlägen reichverzierter, wulstiger Gürtel legt

sich über dem Lendner unterhalb der Hüften um den Leib. Über den

Rand des nicht hohen Halskragens fällt der gebogte Saum des Hemdes.

Regelmäßig halbkreisförmige Ausschnitte in kleinem Maßstabe zeigt

der Rand der aufgenagelten, bronzenen Einfassung des an der rechten

Brustseite angebrachten Reliquienovals, das ehemals wohl mit einem

Bergkristall geschlossen war und an welchem jetzt nur noch einer von

den ursprünglichen vier Dornen erhalten ist.

Der zweibeinige, geflügelte Drache von krokodilähnlicher Bildung wendet

sich, wie zum Sprunge bereit, mit fast gerade emporgestrecktem Halse

und aufgesperrtem Rachen gegen seinen auf ihm stehenden Besieger,

dessen linkes Bein sein länglicher Kopf beinahe berührt. Die beiden

kurzen, breiten und deshalb wie gestutzt erscheinenden Flügel zu

beiden Seiten des Körpers, an denen die einzelnen Fluren deutlich

unterschieden sind, wollen sich wie zum Auffliegen ausspannen. Von der

Mitte des Kopfes, zwischen den Augen beginnend, bis auf die Spitze des

Schwanzes, dessen in Wut und Schmerz zuckende Windung um das Standbein

der Hauptfigur sehr charakteristisch wiedergegeben ist, ziehen sich

über den ganzen Leib des Tieres eng aneinander gereihte, doch nach der

Mitte des Körpers an Größe zunehmende und gegen das Ende desselben sich

allmählich wieder verkleinernde, gleichmäßiggeformte Knochenschilder

hin. Die Füße sind mit fünf scharfen Krallen bewaffnet. Aus den tiefen

Nüstern glaubt man ein ingrimmiges Fauchen zu verspüren. Die langen

spitzen Ohren, von denen das rechte nicht mehr erhalten ist, stehen,

die innere Erregung bezeichnend, vom Kopfe ab. Die aus ihren Höhlen

heraustretenden Augen sind starr auf den Angreifer gerichtet. Das

raubtierartige Gebiß zeigt im Ober- und Unterkiefer je zwei furchtbare

Fangzähne.

Das 1,46 m. hohe Standbild ist aus Lindenholz, dem bevorzugten

Material der mittelalterlichen Holzplastik, vollrund geschnitzt.

In Übereinstimmung mit der Gewohnheit alter Zeit, wertvollere

Holzskulpturen vor der Bemalung erst mit grober Leinwand zu beziehen,

weist auch unsere Statue an fast allen ihren Teilen diese Art der

Technik auf. So sind mit Leinwand überzogen: die Kappe und der

Oberkörper des Heiligen einschließlich der Hände und des Schmuckgürtels

und die Gestalt des Drachen gleichfalls zum größten Teil. Dagegen fehlt

dieser Überzug am Kopf des Georg und an einzelnen Partien der untern

Hälfte des Standbilds: an dem sich unterhalb des Gürtels fortsetzenden

Lendner, an den Beinen der Hauptfigur und am Halse und untern Teil

des Drachenkopfes. Auf alle Partien der Statue, die mit Leinwand

bekleideten sowohl wie die unbekleideten, ist alsdann ein Kreidegrund

aufgetragen, der danach die reiche Bemalung erhielt.

Bevor ich zu dieser übergehe, erübrigt es noch, von einer

Eigentümlichkeit unsers Bildwerks zu sprechen, die dem Betrachter

unmittelbar auffällt. Es sind dies die zahlreichen kleinen Nägel,

die an den Armlöcherrändern des Oberrocks und an den seitlichen

Schlitzen desselben sichtbar werden. Sie dienten zur Befestigung von

Metallbeschlägen, mit denen diese Ränder oder Säume des Kleides,

gleichwie der Gürtel, verziert waren und von denen sich ein Teilchen

noch an dem rechtsseitigen Ausschnitte des Gewandes erhalten hat.

Mit ebensolchen Nägeln sind auch die bleiernen Beschläge des Gürtels

aufgenagelt und aneinandergereiht dienen sie dazu, die Riemen, mit

denen die Ellbogenbergen angeschnallt sind, zu verzieren, wenn sie

nicht auch hier gleichzeitig ein Metallornament, das sich nicht mehr

erhalten hat, zu befestigen die Aufgabe hatten. Diese Metallbeschläge

sind als Zierrat mittelalterlicher Holzskulpturen eine Seltenheit.

Die Bemalung ist eine vollständige. Ihre Beurteilung ist bei

dem jetzigen Zustande der Statue, der den Kreidegrund teilweise

abgebröckelt, die Leinwand an manchen Partien, besonders der

Rückenseite, abgerissen zeigt, eine im einzelnen schwierige. So

gleich bei der die Mitte des Hauptes deckenden niedrigen Kappe; sie

scheint ursprünglich braun gewesen zu sein. Die Karnation ist rosig,

aber eine bräunliche Kruste, die sich über das Antlitz zieht, sowie

das defekte Aussehen anderer Teile läßt darauf schließen, daß unser

Bildwerk lange ungeschützt aufgestellt und vernachlässigt war. Die

schwarzen Pupillen heben sich von den weißen Augäpfeln sehr prägnant

ab. Das Haupthaar ist dunkel gehalten; Schnurr- und geteilter Kinnbart

spielen vom Hellbraun ins Rötliche; einen noch helleren Ton zeigen

die Augenbrauen. Die Lippen sind kirschrot gefärbt. Die Bemalung des

reichverzierten Lendners ist in zwei Grundfarben gehalten: ein 9 cm.

breiter, dunkelroter kreuzförmiger Einsatz teilt der ganzen Länge

und Breite des Gewandes nach den grauen, in den Hüften und über der

Brust enganliegenden Rock in zwei obere und zwei untere sich völlig

entsprechende Partien[251]. Die Wahl gerade dieses roten kreuzförmigen

Einsatzes auf hellem Grunde mag von dem Künstler vielleicht mit Absicht

in Anlehnung an das Georgsabzeichen (das rote Kreuz auf weißem Felde)

getroffen sein. Ein gotisches Pflanzenornament, das in den Kreidegrund

geritzt, vergoldet und dann gepunzt ist, trägt in seiner prächtigen

Weise noch dazu bei, den Eindruck der Statue zu erhöhen. Besonders

fein ist die Abtönung der beiden Grundfarben, des Grau und Rot, denen

sich noch ein sattes Grün zugesellt, das für die Kolorierung des

Schmuckgürtels verwendet wurde. Die Farbe des Eisenhemdes ist schwarz,

ebenso die der anderen Harnischteile, soweit dieselben nicht vergoldet

sind.

Die Vergoldung erstreckt sich in erster Reihe auf die Ellbogen-

und Kniekacheln, sodann auf die gotischen Ornamente des Gewandes

und auf die Metallverzierungen des Gürtels, des Lendners und

des Reliquienovals. Im Vergleich zu diesen Teilen erscheint es

unzweifelhaft, daß die Armschienen nicht vergoldet waren. Die

Untermalung ist rot gewesen und tritt als solche an der Ellbogenkachel

des linken Arms und besonders auch an den oberen Teilen des Lendners

deutlich zu Tage.

Die Bemalung des Drachen ist nicht minder sorgfältig. Die Grundfarbe

ist ein grünliches Schwarz, das von dem für das Eisenkleid des h.

Ritters verwendeten nicht sehr absticht. Doch ist Eintönigkeit

vermieden, denn zahlreiche rote, blaue und gelbe Punkte übersäen den

ganzen Leib und fischartig silbern und stahlblau schillert der Schwanz

des Ungetüms. Auch die Schildknochen sind farbig unterschieden. Dort

wo die Lanzenspitze aus dem Drachenhalse herausdringt, ergießt sich

ein Blutstrom über den dunklen Hals des Tieres. Mit naturalistischer

Treue ist der Rachen behandelt, dessen Gaumen in natürlichem Rot

wiedergegeben ist. Aus den roten Augäpfeln treten die schwarzen

Pupillen heraus. An den Füßen und Krallen lassen sich die Spuren der

einstigen glänzenden Bemalung mehr ahnen als deutlich wahrnehmen, denn

die Farben haben dem Einfluß der Zeit nicht Stand gehalten. Aber schon

diese spärlichen Reste der alten Bemalung genügen vollkommen, uns einen

Begriff zu geben von der wundervollen polychromen Wirkung der Statue in

dem ursprünglichen Zustande ihrer Fassung.

* * * * *

Für Werke der bildenden Kunst, in denen der bekleidete Mensch

dargestellt wird, haben wir zur Bestimmung ihrer Entstehungszeit,

sobald uns archivalische Zeugnisse fehlen und solange das

Denkmälermaterial noch nicht hinreichend gesammelt und gesichtet uns

wenigstens in guten Nachbildungen vorliegt und so eine vergleichende

Stilkritik ermöglicht, zunächst kein besseres Kennzeichen als die

Tracht. Wir halten dabei an dem Axiom fest, daß ein Archaismus der

Darstellung, besonders in der Bekleidung, dem Mittelalter fremd war,

und daß die vereinzelten Spuren desselben nur zufällige sind.

Die Ausbildung der Kostümformen, welche wir an unserer Statue

vorfinden, fällt in das 14. Jahrhundert und vornehmlich in die zweite

Hälfte desselben. Um die Mitte und besonders in der zweiten Hälfte des

genannten Jahrhunderts treten die Arm- und Kniekacheln, die Armröhren,

die spitzen Eisenschuhe und der Lendner auf, der namentlich in seiner

enganliegenden, scharf in die Weichen geschnittenen Form und über

der Rüstung getragen, wie in Frankreich und England, auf die zweite

Hälfte des 14. Jahrhunderts hinweist und wobei es für Deutschland

charakteristisch ist, daß man ihn hier mit zwei seitlichen Schlitzen

ausstattete. Auch die selbständige Brustplatte und die reiche

Verzierung des ritterlichen Gürtels, die schließlich soweit ging, daß

man in Aufwandgesetzen dagegen einzuschreiten gezwungen war, weisen

auf die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts und auf Deutschland wieder

die nicht zu tiefe Lage des Gürtels hin. Ob dieser letztere dabei

durch verdeckte Haken, wie Hottenroth[252] meint, befestigt war oder

ob hier des böhmischen Chronisten Hagecius[253] Bemerkung zum Jahre

1367: -- »Die Rittermessigen liesen ihnen auff gemelte Röcklein über

die Lenden vō Tuch anderer Farben Sträme gleich als Ritter Gürte

auff nehen« -- zutrifft, läßt sich an unserer Statue nicht erkennen.

Jedenfalls bezeugt desselben Chronisten weitere Auslassung zum Jahre

1367: »Darnach pflegten sie auch dieselbigen Käpplein zu tragen, oben

aufm Kopff über sich mit Trollern« (wohl Troddeln), daß auch aus dieser

kleinen Kappe, ebenso wie aus dem Schmuckgürtel, bereits auf die

spätere Zeit des 14. Jahrhunderts zu schließen ist.

Auch die Grabdenkmäler jener Zeit, von denen das Germanische Museum

eine Anzahl Gipsabgüsse besitzt, zeigen eine relative Übereinstimmung

der Tracht. So der Grabstein des Otto von Pienzenau († 1371)

gleichen Knieschutz mit Geschübe, Beinschienen, Schnabelschuhe und den

verzierten Rittergürtel unterhalb der Hüften. Verwandt in Einzelheiten

sind die Grabmäler des Johann von Falkenstein († 1365) und des

Berengar von Berlichingen († 1377), welch letzterer den Knieschutz

auch reich vergoldet, durch Riemen geschlossen, den Gürtel unter den

Hüften liegend und eine verhältnismäßig freie Haltung zeigt, wie man

sie auf Grabdenkmälern nicht oft antreffen kann. Auch das Grabmal des

Ritters Burkhard von Steinberg († 1379) zeigt gleiche geschobene

Kniekacheln, mit Riemen angeschnallt, ähnliche Ellbogenbergen und

Schnabeleisenschuhe. Für die Barttracht wäre dann hier das Grabmal

des Johann von Holtzhausen[254] († 1393) im Dom zu Frankfurt a. M.

und das obige des Johann von Falkenstein zu nennen, da sie beide in

geteiltem Kinnbart dargestellt sind und vornehmlich diese Form des

Bartes zeigt auch der uns in der Wiener Handschrift Nr. 8330 erhaltene,

1356 vollendete Bildercyklus des Luxemburger Stammbaums aus Karlstein

in Böhmen[255], -- in dem sich übrigens auch die Rundkappe mit Knöpfen

auf dem Scheitel als Kopfbedeckung der Männer findet, -- und die mit

Miniaturen geschmückte Handschrift des Wilhelm von Oranse von 1387 in

der Ambraser Sammlung. Da zudem das Pflanzenornament auf dem Lendner

unsers Georg in den Goldornamenten der Miniaturen dieser letzteren

Wiener Handschrift und noch dazu auf einem gleichfalls der zweiten

Hälfte des 14. Jahrhunderts angehörigen und aus Ulm stammenden,

jetzt im bayr. Nationalmuseum befindlichen Temperagemälde[256], das

einen Ritter in ähnlichem Lendner mit seitlichen Schlitzen und dickem

cingulum militare darstellt, eine Analogie findet, so könnte man leicht

geneigt sein, unsere Statue an das Ende des 14. Jahrhunderts zu setzen.

Nun ist jedoch damit nur ein terminus a quo, nicht aber der zwingende

Beweis erbracht, daß die Statue gerade im 14. Jahrhundert entstanden

sein muß, denn, da das 15. Jahrhundert keine neuen Kostümformen

erfand[257], haben sich viele Bestandteile der hier vorliegenden

Tracht noch lange erhalten, so der ritterliche Gürtel (Dusing) mit

Metallbeschlägen, der Schnabelschuh (bis ca. 1490), die mit Riemen

aufgebundenen Armkacheln (noch um 1480), die Rundkappe u. a. Ebenso die

Barttracht, denn das Grabmal des 1407 verstorbenen Johann Grafen von

Wertheim mit seinen Frauen[258] zeigt denselben noch im geteilten Bart.

Zudem ist nach den von Alwin Schultz[259] erwähnten Bilderhandschriften

von Enenkels Weltchronik, des Wilhelm von Orlens in der kgl.

Privatbibliothek zu Stuttgart (v. 1419) und des Kalendariums der

Landesbibliothek zu Kassel (1445) nicht zu zweifeln, daß die längere

Form des Rockes erst im 15. Jahrhundert allgemein wird. Und daß sich

einzelne ältere Gewandarten noch bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts

erhielten, das beweisen die Federzeichnungen der 1451 in Schlesien

geschriebenen Hedwigslegende, von denen die bei Schultz in Fig. 320 und

322[260] mitgeteilten Proben eine Länge und Form des Oberrockes und

namentlich eine Lage und Gestalt des Gürtels zeigen, die sich von der

bei unserm Heiligen wahrnehmbaren nicht wesentlich unterscheidet. Den

längeren, bis auf die Knie herabreichenden Waffenrock zeigen außerdem

die bei Hefner-Alteneck[261] abgebildeten Grabdenkmäler des Ludwig von

Hutten († 1414), des Martin Seinsheim († 1434), des Oswald von

Wolkenstein († 1408) und die um 1410 entstandene Kaiserstatue aus

dem plastischen Schmuck des Braunschweiger Altstadt-Rathauses[262],

ebenso der hl. Georg am Westportal der Frauenkirche zu Eßlingen[263],

so daß es nach dem Zeugnis dieser Denkmäler und der Kostümkunde also

nicht ungerechtfertigt erscheint, wenn ich unser hier in Rede stehendes

Bildwerk für eine treffliche Arbeit aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts

erkläre.

Die Ähnlichkeit, welche die früher der »hl. Georg von Nürnberg«

genannte, jetzt aber unter der Bezeichnung »Karl IV.« im Berliner

Museum befindliche Statue aus Sandstein mit unserm Bildwerk im

Gesichtstypus, in Haar- und Barttracht und in der Form des Baretts

hat, kann nicht als ein hinreichender Grund gelten, auch unsere Statue

an das Ende des 14. Jahrhunderts zu setzen. Denn abgesehen davon,

daß der Modebart und die Kopfbedeckung (Kappe) den Gesichtern ohnehin

stets etwas Gleichförmiges giebt, wovon sich jeder überzeugen kann,

der z. B. die im German. Museum befindliche Holzfigur des »Herzogs in

hohem Hut und Mantel«[264] zum Vergleich heranzieht, so deutet doch

schon die freiere Haltung, die keineswegs steife Stellung der Beine

bei unserer Statue und namentlich die längere Form des Lendners auf

eine jüngere Entstehungszeit. Daß übrigens gerade Karl IV. in der

Berliner Statue dargestellt sein soll, erscheint, selbst wenn man

die Kunst des Porträtierens in der Skulptur des 14. Jahrhunderts für

noch unentwickelt hielte, schon deshalb sehr zweifelhaft, weil die

zahlreichen zeitgenössischen Bildnisse dieses Kaisers von Nikolaus

Wurmser von Straßburg und Theodorich in der Burg Karlstein in Böhmen

und selbst die Porträtbüste Karls IV. im Triforium des Prager Domes

demselben wenigstens immer die an der Nasenwurzel etwas eingezogene,

ein wenig aufgestülpte und an der Spitze fast klobigdicke Nase als

Charakteristikum geben, von der aber hier nichts bemerkbar ist. Dazu

kommt, daß die steinerne Statue an einem Strebepfeiler des Chors der

Pfarrkirche zu Sulzbach in der Oberpfalz[265], schon nach der Rüstung

des Dargestellten zu urteilen ein vorzügliches plastisches Werk der

zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, in der Bildung und im Ausdruck

des Gesichts, in der Behandlung des Haares und Bartes, in der an der

Wurzel eingedrückten Nase, dem hängenden Schnurrbart und dem zweifach

geschnörkelten Kinnbart mit der Prager Triforiumbüste viel Ähnlichkeit

hat und den authentischen Karlsbildnissen, wie ich sie bei Neuwirth a.

a. O. reproduziert finde, namentlich im Profil gesehen, so verwandt

ist, daß man hier, der Überlieferung zustimmend, nicht daran zweifeln

kann, ein wirkliches Bildnis Karls IV. von einem zeitgenössischen

Meister vor sich zu haben. Die Berliner Statue[266] stimmt vielmehr mit

dem Gottfried von Bouillon des Schönen Brunnens in der Kopfbildung[267]

so vollkommen überein, daß, zudem auch sie aus Nürnberg stammt, für

beide Figuren wohl auf einen gemeinsamen, in Nürnberg thätigen Meister

geschlossen werden darf.

Wie die Berliner Statue so lehnt sich auch die Darstellung unsers

hl. Georg augenscheinlich, wie die porträthaften Züge beweisen, an

eine ganz bestimmte Persönlichkeit als Vorbild an, ein Fall, der in

der Kunstgeschichte nicht selten ist. So zeigt, nach der Meinung

Riehls[268], eine Silberstatuette im bayr. Nationalmuseum den Herzog

Ernst als hl. Georg[269] und der hl. Georg auf einem niederländischen

Gemälde von 1520 im German. Museum ist nach der Ansicht der Herausgeber

des Katalogs anscheinend gleichfalls ein Bildnis. Auch die Statuen

der hh. Wolfgang und Benedikt am Pacherschen Wolfgangaltar hält

Stiassny[270] für Porträts von Kirchenfürsten und in gleicher Weise

mochte den Bestellern von Bildwerken wohl öfters noch ein Denkmal

gesetzt werden. Für die porträtmäßige Auffassung spricht sodann auch

die bärtige Darstellung des hl. Georg, die immerhin eine Ausnahme von

der Regel[271] ist, wenn diese Ausnahme auch, wie Dürers Stich (Bartsch

53), wie das schöne Temperagemälde im erzbischöflichen Museum zu

Köln[272], wie das schwäbische Gemälde (Nr. 201) im Germ. Museum und

einige Holzfiguren (Nr. 482 und 525)[273] im bayr. Nationalmuseum u. a.

beweisen, gar nicht vereinzelt dasteht.

Von den ungemein zahlreichen künstlerischen Verherrlichungen des

himmlischen Ritters im Mittelalter, dessen höfisches Ideal sich

in St. Georg wohl am besten verkörpert fand, gehören die großen

cyclischen Darstellungen seiner Legende fast ausnahmslos den Werken

der Malerei an[274]. Die Plastik zeigt den Heiligen fast immer nur als

Drachentöter, bisweilen zu Pferde, wie auf dem ehernen Reiterstandbild

auf dem Hradschin zu Prag (1373)[275], wie am Westportal der

Frauenkirche zu Eßlingen und auf einem Relief des Choraltarschreins

in Milbertshofen[276], häufiger aber, wie im vorliegenden Fall, als

auf dem Rücken des Drachen stehende Einzelfigur. Von derartigen

Standbildern mögen einige, gleichfalls der Holzplastik angehörige und

bereits datierte Beispiele hier noch in Betracht gezogen werden, um

auch durch einen Vergleich mit ihnen bestimmen zu können, in welche

Zeit unser Bildwerk gesetzt werden muß.

Eine ehemals bemalte Holzstatue des hl. Georg, von deren Fassung

jetzt nur noch spärliche Reste erhalten sind, bewahrt das bayr.

Nationalmuseum; sie ist daselbst im Saal 8 aufgestellt[277]. Auch

dort steht der hl. Ritter auf dem Rücken des Drachen, dem er die

Lanze in den aufgesperrten Rachen, aus welchem die lange rote Zunge

hervorragt, hineinstößt. Die gezaddelten langen Hängeärmel, der über

dem Lendner liegende Brustharnisch und namentlich die ganz hölzerne,

breitbeinige Haltung unterscheiden ihn wesentlich von dem unsrigen,

wohingegen in der Lage des ziemlich breiten cingulum militare, in dem

geteilten, in zwei Spitzen auslaufenden Kinnbart und in der Länge

des Waffenrockes, der bis an die mit Geschübe versehenen Knieschirme

herabreicht, Ähnlichkeit vorhanden ist. Auch die Wendung des Drachen

gegen den Heiligen ist eine ähnliche, erscheint aber ungemein steif

und hölzern dabei. Dazu deutet auch der Umstand, daß die schwächere

Linke den Stoß ausführt, während die stärkere Rechte die Lanze nur in

ihrer Richtung hält, auf keine scharfe Beobachtung und kein richtiges

Erfassen der Natur hin. Während dieses Standbild um 1400 angesetzt

wird, zeigt die prächtige, im gleichen Saal 8 unter Nr. 10 aufgestellte

polychrom gefaßte Freifigur des hl. Georg[278], der dort auch in

(schwarzem) hängendem Schnurr- und zweispitzigem Kinnbart dargestellt

ist, im einzelnen und zwar im Kostüm Züge der Wende des 14. und 15.

Jahrhunderts, so in dem kurzen Lendner, unter dem das Panzerhemd noch

sichtbar ist, dem tiefgestellten cingulum militare, der Brustplatte

ohne Rückenteil, bedeutet aber in ihrer viel freieren Haltung trotz

ihrer stark ausgeschwungenen Formen einen solchen Fortschritt gegen

die vorige, daß der Herausgeber des Katalogs[279] sie mit Recht in

die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts gesetzt und zudem für eine

treffliche Arbeit erklärt hat. Freilich fällt auch bei diesem Werk die

ungeschickte, wenig zweckentsprechende Art, wie der Heilige die Lanze

gefaßt hält, wieder auf, doch ist die Bewaffnung des Unterkörpers

(die Kniekacheln, die Beinschienen, die hinten die Ferse frei lassen,

die völlig gleichen geschobenen Schnabeleisenschuhe) und die Wendung

des Drachenkopfes gegen Georg der unsrigen ganz ähnlich und auch die

Windung des Drachenschweifes um das eine Bein des Ritters kehrt bei

unserm hl. Georg nicht viel verändert wieder. Dagegen charakterisieren

sich schon durch die vollständige Plattenrüstung die Georgsstatuen

Nr. 752 und 756 im bayr. Nationalmuseum, ebenso wie der hl. Georg

von Multscher in der Spitalkirche zu Sterzing[280], als der zweiten

Hälfte des 15. Jahrhunderts bereits zugehörig, während zwei weitere

Darstellungen des hl. Georg (Nr. 561 in Saal 14 und Nr. 812 in Saal

13 des bayr. Nationalmuseums)[281] nicht blos durch die vollständige

Eisenkleidung, sondern auch durch die gezierte, häufig fast unmögliche

Stellung des Ritters, durch dessen Bewaffnung mit dem Schwert anstatt

der Lanze, die letztere Holzfigur noch besonders durch die schöne um

den Arm gewundene Schärpe und den ganzen spätgotischen Stilcharakter

als Arbeiten einer jüngeren Zeit sich unzweideutig kennzeichnen und

in ihrer ungezwungenen, freibewegten Haltung noch über die schönen

Georgsgestalten an den Flanken der Altäre zu St. Wolfgang[282] und zu

Käfermarkt in Oberösterreich[283] hinausgehen. Eine dem Bildschnitzer

des Wolfganger Altars zugeschriebene Schnitzfigur in der Kapelle des

Schlosses Matzen bei Brixlegg im Unterinnthal, die den hl. Georg

darstellt, aber nach der Meinung von Stiassny[284] ursprünglich ein

hl. Michael gewesen sein soll, weist in ihrer jetzigen Gestalt, in der

Stellung des Heiligen auf dem Drachenrücken, in seiner Neigung des

Hauptes nach vorn, in der leichten Ausbiegung der rechten Hüfte, in der

Bildung des Drachenkopfes, in der Art wie sich derselbe emporwendet,

namentlich aber in der Armhaltung des Georg, der die ganz ebenso

erfaßte Lanze in den ähnlich gestalteten Rachen des Tieres stößt, so

mannigfache Berührungspunkte mit unserer Darstellung auf, daß man sich

fast zu der Annahme versucht fühlt, es habe bei jener Umgestaltung

der Matzener Statue unser hl. Georg als Vorbild gedient. Schließlich

begegnen wir noch einer verwandten Darstellung des Drachentöters in

einer Statue aus Eichenholz, die sich zu Berg am Laim bei München

befindet[285]. Auch dort sehen wir den Drachen sich mit steil

aufgerichtetem Kopf und weit geöffnetem Rachen gegen seinen Besieger

wenden, der die Lanze mit beiden Händen erhebt und sich eben zum Stoß

anschicken will. Den rechten Fuß hat er dabei auf den Rücken des Tieres

gesetzt. Indessen steht dieses Bildwerk dem unsrigen nicht entfernt

so nahe, wie die oben besprochene Holzstatue (Nr. 522) im bayr.

Nationalmuseum und, soweit sich nach der Abbildung schließen läßt,

jene restaurierte Schnitzfigur im Schlosse Matzen, wodurch einerseits

für unsere Datierung eine weitere Stütze, anderseits vielleicht auch

ein Hinweis auf die mutmaßliche Heimat des Künstlers gegeben ist,

nach dessen Namen wir vergeblich fragen. Er ist unbekannt[286], ein

Schicksal, das er mit allen Meistern aus der früheren Zeit der

Holzbildnerei teilt, die heute nur noch durch ihre Werke zu uns

reden. Erst als im 15. Jahrhundert die Holzskulptur das eigentliche

Arbeitsgebiet der plastischen Kunstübung wurde und der Holzstil in

gewissem Sinne selbst auf die dekorativen Formen der Architektur

nicht ohne Einfluß blieb[287], erst dann tauchen aus dem Dunkel der

geschichtlichen Überlieferung die Namen eines Hans Multscher und Jörg

Syrlin auf.

Die Wiege unsers Meisters wird in Österreich zu suchen sein. Werke,

wie das in Rede stehende, die in einer relativ frühen Zeit eine solche

Vollendung bekunden, müssen auf einem Boden entstanden sein, der an

Übung und Erfahrung in diesem Kunstzweige besonders reich war und

schon frühzeitig alle Vorbedingungen zu blühender Kunstentfaltung

enthielt. Hier aber gehen alle Wege den Alpen zu[288] in deren stillen

Thälern diese alte Volkskunst wie vor Jahrhunderten noch heute eine

Heimstätte hat, hier führt uns die geschichtliche Forschung in diesem

Falle vielleicht zunächst ins Salzburgische. Diese Vermutung, die in

erster Reihe durch einen Vergleich mit der dortigen Schnitzkunst, den

ich hier anzustellen leider nicht in der Lage bin, möglicherweise

an Wahrscheinlichkeit gewinnen würde, ist übrigens mit der Angabe

des Verkäufers[289], der die Statue aus Steiermark erworben haben

will, nicht absolut unvereinbar, da Salzburg während des ganzen

Mittelalters in Malerei und Plastik einen weitreichenden, maßgebenden

Einfluß ausgeübt hat[290]. Wenn diese Frage danach auch heute noch

offen bleiben muß, so dürfte es einer späteren Untersuchung doch

vorbehalten sein, den Meister des hl. Georg, wenn einmal erst auf Grund

stilkritischer und archivalischer Forschungen über die Geschichte der

Holzplastik im allgemeinen ein helleres Licht als jetzt verbreitet

ist, mit aller Sicherheit zu bestimmen, wie es ja auch vor noch nicht

langer Zeit erst gelungen ist, in Peter Vischer dem Jüngeren den so

lange unbekannt gewesenen, vielumstrittenen Meister der berühmten

Nürnberger Madonna aufzufinden[291] und damit für die Entstehungszeit

des Werkes und seine kunstgeschichtliche Stellung feste Anhaltspunkte

zu gewinnen[292].

[Illustration: Zierleiste von Virgil Solis.]

Mitteilungen aus dem Germanischen Nationalmuseum. Jahrgang 1900 · 第 78 / 80 题