LITERARISCHE NOTIZEN.

=Politische und soziale Bewegungen im deutschen Bürgertum zu Beginn

des 16. Jahrhunderts mit besonderer Rücksicht auf den Speyerer Aufstand

im Jahre 1512.= Von ~Kurt Kaser~. Stuttgart. W. Kohlhammer. 1899. 8.

(VIII. 271 S.)

»Über Ursprung und Ziele der städtischen Bewegung ist in neuester Zeit

ein lebhafter Meinungsstreit entbrannt. Lamprecht (Zeitschrift f. Soz.

u. W.-G. I, 212-220 und in »Zwei Zeitschriften« S. 71-74) findet ihre

Wurzeln in den schroffen sozialen Gegensätzen, welche sich seit Ende

des 14. Jahrhunderts infolge der herrschenden »geldwirtschaftlichen

Hypertrophie« in den Städten entwickelt hätten. Er sucht den

Schwerpunkt der Bewegung in den zahlreichen und vielfach abgestuften,

proletarischen Elementen der Stadtbevölkerung, deren längst schon

gährender Groll gegen die reiche, vornehme, in üppiger Verschwendung

dahinlebende Bürgerklasse schließlich zur sozialen Revolution

geführt habe. Er legt daher das Hauptgewicht auf die Darstellung der

radikalen Tendenzen, welche aus dem längst bereiteten sozialen Boden

herausgewachsen seien. Dagegen sucht Lamprechts Gegner Lenz (H.-Z. N.

F. 41 S. 97-99) im bürgerlichen Mittelstand, in den zünftischen oder

nichtzünftischen Handwerkern das eigentlich bewegende Element des

Aufstandes. Die Handwerker sind nach seiner Behauptung die alleinigen

Träger der revolutionären Forderungen. Das Auftreten »taboritischer

und sozialistischer« Bestrebungen stellt er gänzlich in Abrede«. Mit

diesen Worten charakterisiert der Verfasser kurz und deutlich die

wissenschaftliche Kontroverse, in der er durch das vorliegende Buch

einen Ausgleich zu finden sich bemüht, und um den Leser selbst zu

einem Urteil zu befähigen, führt er uns in langer Reihe mit großer

Klarheit und höchst dankenswertem Sammeleifer die Nachrichten über die

vielen städtischen Bewegungen und Aufstände vor, über die wir bislang

Kenntnis erhalten haben. Eine besonders eingehende Darstellung wird bei

dieser Gelegenheit dem Speyerer Aufstande von 1512 zu teil, der unter

steter sorgfältiger Benützung des im Speyerer Stadtarchiv liegenden

Urkundenmaterials auf 124 Seiten -- fast der Hälfte des ganzen Buches

-- geschildert wird. Der Verfasser ist sich selbst darüber klar, daß

dieses genaue Eingehen auf ein bestimmtes Ereignis nicht ganz zum

Vorteil der Komposition seiner Arbeit geschehen sei -- er darf sich

darüber trösten, denn wenn wirklich die Gliederung des Buches dadurch

geschädigt ist, was der Leser übrigens bei der anziehenden Art der

Darstellung kaum empfindet, so hat die Klarheit und Durchsichtigkeit

der Arbeit dabei umso mehr gewonnen, weil eben durch das Eingehen auf

die Einzelheiten dieses einen Aufstandes der Leser einen sicheren

Maßstab für das Verständnis all der vielen anderen städtischen

Revolutionen erhält, über die der Verfasser Bericht erstattet.

Indem uns als die vornehmsten Triebfedern jener Bewegungen der Groll

der Bürger über die drückenden Steuern und die starke Verschuldung

ihrer Gemeinwesen und das Mißtrauen gegen die Finanzverwaltung des

Rates, die Furcht, den regierenden Herren als Objekt der Ausbeutung

zu dienen, dargestellt werden, indem wir das Verhältnis der Laienwelt

zu der überall nach Erweiterung ihres Machtbereiches und ihres

Besitzstandes strebenden Geistlichkeit erkennen, indem wir endlich

auch das Proletariat in die Bewegungen eingreifen sehen, erhalten wir

ein ungemein fesselndes Bild von dem städtischen Leben jener Tage. Wir

sehen in den verschiedenartigen Bewegungen die Sehnsucht des Bürgers

nach wirtschaftlicher Befreiung zur That werden, wenn er versucht, alle

Lasten und Leistungen, welche geistliche und weltliche Obrigkeit,

die Macht des Kapitals oder privatrechtliche Verhältnisse ihm

auferlegen, abzuschaffen, zu vermindern oder auf unbelastete Schultern

abzuwälzen. Wir sehen, wie der Verfasser sagt, »das große Prinzip

der Bauernbewegung angewandt auf die städtischen Verhältnisse.« Auch

die Stellung der Städte zum Bauernaufstände, an dem die städtischen

Bewegungen ihren materiellen Rückhalt hatten, ebenso wie sie an der

Reformation ihre moralische Stütze fanden, wird eingehend untersucht

und bei dieser Gelegenheit die, auch in fürstlichen Kreisen geteilte,

Ansicht des Humanisten Konrad Mutianus, als hätten die Städte erst die

Bauern aufgereizt, entschieden zurückgewiesen.

Indem der Verfasser innerhalb der städtischen Bewegung drei Strömungen

unterscheidet: eine antiklerikale, eine gemäßigt-reformatorische und

eine radikal-kommunistische, die sich wechselseitig berühren und

durchdringen, nimmt er seinen Standpunkt zwischen Lamprecht und Lenz.

Das Resultat seiner Untersuchung formuliert er schließlich mit den

Worten: »Unsere Beobachtungen zeigen, daß die städtische Bewegung nicht

einseitig proletarisch-sozialpolitischer Natur ist, wie Lamprecht

annimmt. Aber ebensowenig wird sie ausschließlich vom Handwerkerstande

getragen und ist nur dessen Interessen dienstbar, wie Lenz behauptet.

In Wahrheit sind beide Schichten des Bürgertums daran beteiligt: der

zwar mannigfach bedrückte und mißvergnügte, aber doch in geordneten

Verhältnissen lebende oder gar wohlhabende Mittelstand -- also im

wesentlichen der zunftmäßig organisirte Teil der Stadtbevölkerung,

zugleich aber, noch weit anspruchsvoller und leidenschaftlicher

als dieser das städtische Proletariat nebst den ihm nahestehenden

Elementen.«

Das überzeugend geschriebene Buch vereinigt die Vorzüge eines reichen

Inhaltes und höchst anziehender Darstellung und wird sich gewiß viele

Freunde erwerben.

~Nürnberg.~ ~Otto Lauffer.~

=Bauernmöbel aus dem Bayerischen Hochland.= Von ~Franz Zell~. 30

Tafeln mit Text. 1899. 2. Frankfurt a. M. Heinrich Keller.

Die bäuerliche Kunst hat seit längerer Zeit die Aufmerksamkeit

der Kunst- und Kulturhistoriker auf sich gezogen. Eine derjenigen

Gegenden mit besonders ausgeprägter künstlerischer Thätigkeit in und

aus dem Volke heraus sind die altbayrischen Lande, besonders die

Voralpengegenden. Wie sie vom Ausgang des Mittelalters bis ins späte

17. Jahrhundert herein in farbigen Holzschnitzwerken religiöser Natur

sich nicht genug thun konnte, so setzte sich die Lust an farbiger

Dekoration vom 17. Jahrhundert fort in der Hausauszierung und im

Mobiliar. Gerade in Altbayern hat das Rococo durch eine geradezu

enorme Bauthätigkeit, besonders der zahlreichen Stifter und Klöster,

eine selbständige Entwicklung und eine bis ins letzte Dörflein

gehende Verbreitung gefunden. Da kann es nicht Wunder nehmen, daß es

trotz mancher Abschweifung zu Zopf und Empire bis zur Mitte des 19.

Jahrhundert der herrschende Bauernstil blieb. In keinem Zweig aber

tritt die bäuerliche Kunst des altbayerischen Stammes der beiden

letzten Jahrhunderte so reich und anziehend zu Tage, als in den

Holzmöbeln, der Kistlerarbeit (Kistler = Schreiner). Die Hauptstätte

dieser in Weichholz mit diskreter Verwendung geschnitzter Zierteile

in Lindenholz arbeitenden Möbelindustrie war Tölz und die östliche

Voralpenlandschaft Oberbayerns. Leider hat der geschmack- und stillose

Plunder der modernen gewöhnlichen lackierten Möbel, diese interessante

Hausindustrie -- die Männer besorgten die Schreinerarbeit, die

weiblichen Familienmitglieder in der Regel die Bemalung -- in den

sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts absterben lassen. Es ist daher

von dem Münchener Architekten Franz Zell sehr verdienstlich, eine

Sammlung vortrefflicher Beispiele oberbayrischer Kistlermöbel in

farbiger, von J. Oberretter durch Lichtdruck trefflich wiedergegebener

Reproduktionen dargestellt zu haben. Die Tafeln werden sowohl den

Kulturhistoriker, an den auch der fesselnd geschriebene Text sich

in erster Linie wendet, als den Möbelschreiner, der für einfache

Gebrauchsmöbel manche gute Anregung aus dieser urkräftigen, naiven

Kunst ziehen kann, in gleicher Weise interessieren.

~Stegmann.~

[Illustration: Aus der Folge der Vorlagen für Goldschmiede von Georg

Wechter d. Ä. (Andr. 10).]

DAS LEBENSENDE GEORG WECHTERS DES ÄLTEREN († 1586) UND SEINES

SOHNES HANS WECHTER.

Mitteilungen aus dem Germanischen Nationalmuseum. Jahrgang 1900 · 第 47 / 80 题