VON TH. HAMPE.

Mit dem Namen Georg Wechters sind eine Anzahl Malerradierungen

bezeichnet, die teils aus den siebziger Jahren des 16., teils aus dem

zweiten und dritten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts stammen[157]. Unter

ersteren sind die künstlerisch bedeutsamsten die von 1579 datierten

»30 stuck zvm verzachnen for die Goldschmid«, die Wechter außer mit

seinem Namen und der Jahreszahl noch mit den Zusätzen »Maller« und

»NV̈RMBERG« versehen hat. Auf den dem 17. Jahrhundert angehörigen

Blättern ist, wo überhaupt eine Angabe darüber vorkommt, Bamberg als

Aufenthaltsort des Künstlers genannt.

Schon Nagler haben diese Thatsachen stutzig gemacht. Er vermutete

bereits, daß es sich hier nicht um eine und dieselbe Persönlichkeit,

sondern vielmehr um zwei Radierer gleichen Namens handeln werde, von

denen der eine im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts in Nürnberg,

der andere im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts in Bamberg thätig

gewesen sei. Eine 57 Jahre (von 1573 bis 1630) dauernde künstlerische

Thätigkeit, meint er, erscheine auch für ~einen~ Meister zu

lang[158]. Demgegenüber glaubte Andresen[159] doch an der Identität

des Autors aller mit dem Namen »Georg Wechter« bezeichneter Radierungen

festhalten zu sollen, wenn er auch die Möglichkeit, daß die Blätter

vielleicht zwei Meistern, etwa Vater und Sohn, zuzuteilen sein möchten,

nicht in Abrede stellen will. »Rechne ich«, sagt er, »die Jahre von

1573-1630 zusammen und noch 30 hinzu, so ergiebt sich ein Alter von

87 Jahren, das zu erreichen nicht zu den Unmöglichkeiten gehört und

Wechter vielleicht wirklich erreicht hat, wenn es anders gegründet ist,

was der neulich in München verstorbene Bamberg’sche Kunstsammler H. v.

Reider mitteilt, daß Wechter sich selbst in seinem Groteskenbuch (von

1619) unter der Figur des sehr alten, sich am Feuer wärmenden Mannes

abgebildet habe.«

Wie es sich mit dieser letzteren Angabe nun auch verhalten mag: soviel

läßt sich wenigstens mit annähernder Sicherheit nachweisen, daß der

Nürnberger Georg Wechter nicht mit dem Bamberger Künstler identifiziert

werden darf. Ein »kunstreicher Ätzmaler« Georg Wechter nämlich, aller

Wahrscheinlichkeit nach der Meister jener trefflichen Vorlagen für

Goldschmiede, starb in Nürnberg bereits am 28. März 1586 und zwar

durch Selbstmord und unter so eigentümlichen Umständen, daß sogar

ein Nürnberger Chronist, der ungenannte Verfasser der für das letzte

Viertel des 16. Jahrhunderts besonders ausgiebigen Handschrift Nr.

18025 der Bibliothek des Germanischen Museums, davon Akt genommen hat.

Er schreibt[160]:

»_Anno 1586 den Sechsundtzwainntzigisten Marty hatt sich zu

Nürmberg ein wolhabender kunstreicher Ezmahler, Geörg Wächter

genant, vff dem Lorennzer Platz wohnent vnnd bej den Sechzig

Jahren Altt, auf Sannct Rochius Kirchof vff seines Weibs

Grabstain, daruntter sie den Ailftten december Anno 1585 begraben

worden, selbsten durch den Halß Jemmerlichen erschossen, war

ein Breuttigam vnnd hette sein hochzeit am Sonntag daruor schon

angedingt, nemblich am Palm Sonntag mit Seiner Brautt bey S.

Lorenzen zu Gottes Tische ganngen. Was nun die vhrsach gewesen,

konnte man nicht aigentlich wissen. Ist sonnsten ein frommer vnd

Gottsförchtiger Mann gewesen, Ettlich wolten der Neuen Heurath die

schuldt geben._

_Sein Elttester Sohn Hauns Wechter hatt Sich bey dem Bischoff zu

Aystett mit Einem Messer Inn den Halß auch selbst erstochen, wie an

seim ortt folgen wird._«

Was in dieser Chroniknotiz über Georg Wechters Tod gesagt ist, wird in

allem wesentlichen auch durch die jetzt auf dem Kreisarchiv Nürnberg

verwahrten Ratsverlässe der ehemaligen freien Reichsstadt bestätigt. Im

XIII. Faszikel des Jahrgangs 1585/86 heißt es daselbst auf Blatt 24a zu

Montag den 28. März 1586:

»_Auf Valtin Bulmans, besichtigers der gräber, verlesene ansag, was

massen sich Jorg Wachter, ein etzer vnd maler, hie heut [!] auf S.

Rochius kirchhof mit ainer faustpuchsen, die er bei sich gehabt,

selbst in den halß geschossen, das er den negsten_ [d. h. alsbald]

_vmbgefallen vnd tod gepliben, soll man bei ime suchen lassen,

was er fur brief oder anders bei sich gehabt, alßdann auch_ [Bl.

24b] _sein freundtschafft beschicken und erkhundigung thun, was

er für anligen gehabt, oder was ime zu solcher schrecklichen that

vrsach gegeben._«

Und weiter:

[1585/86, XIII, Bl. 25b] Dienstag, 29. März 1586:

»_Auf den verlesenen bericht Jorgen Wachters, etzers, ime selbst

zugefugten ableibung halben soll man seiner freundtschafft ir

begern deß begrabens halben under seins verstorbnen weibs grabstain

mit guten worten ablainen vnd vmb mehrers abscheuhens willen an

den gewonlichen ort_ [nämlich: für Selbstmörder] _begraben lassen.

Souil aber ir begern der klaider halben belangt, inen sagen, sich

mit den pettelrichtern darumb zuuertragen._

_Vnd dieweil die pettelrichter jederman den todten cörper sehen_[Bl.

26a] _lassen vnd derwegen gelt aus den leuten geschetzt haben, soll

man sie derhalben beschicken und zured halten._«

Wie man sieht, stimmen die Angaben der Chronik und der amtlichen

Aufzeichnungen nur hinsichtlich des Datums nicht völlig überein.

Während der Chronist den 26. März (Samstag) als den Todestag Georg

Wechters bezeichnet, geben die Ratsverlässe den 28. März (Montag) als

solchen an. Ist nun schon an sich der letzteren Quelle ihrer Natur

nach die größere Glaubwürdigkeit beizumessen, so wird in diesem Falle

überdies der Schreib- oder Gedächtnisfehler des Chronisten sofort

erwiesen durch die Nachricht, die er selbst überliefert, daß nämlich

Georg Wechter noch am Sonntag davor, welcher der Palmsonntag gewesen,

mit seiner Braut zum Abendmahl in die Lorenzkirche gegangen sei. Der

Palmsonntag aber fiel 1586 auf den 27. März.

Interessant ist in dem zuletzt wiedergegebenen Ratsverlaß auch

der Schlußpassus, wonach also die Bettelrichter den Körper des

Selbstmörders für Geld haben sehen lassen und dafür zur Rede gehalten

werden sollen. Offenbar hatte das ungewöhnliche Interesse, das der

Fall erregte, seine Hauptursache in der Todesart, die der Verstorbene

gewählt: es ist in Nürnberg vielleicht das früheste Vorkommen eines

Selbstmordes vermittelst des Faustrohres, des Vorläufers der späteren

Pistole. Der tragische Vorfall, von dem wir berichten, ist also auch

waffengeschichtlich nicht ganz ohne Interesse.

Auf den Tod Georg Wechters bezieht sich endlich noch ein dritter

Ratsverlaß, den ich der Vollständigkeit wegen und als eine Ergänzung zu

dem eben berührten Passus gleichfalls hierher setzen will:

[Jahrgang 1586/87, Fasz. I, Blatt 6a] Donnerstag, 6. April 1586:

»_Auf Valtin Bulmans, deß gräberbesichtigers bei S. Rochius,

verlesene entschuldigung deß gelt nemens halben von den leuten,

so deß abgeleibten Jorgen Wechters cörper besichtigt haben, ist

verlassen, ime vnd seinem weib deßwegen ein strefliche red zu

sagen vnd beiden gräberbesichtigern bei S. Johans vnd S. Rochius

ernstlich zu undersagen vnd zu verpieten, da sich in kunfftig zeit

wiederumb_ [6b] _ein solcher schrecklicher Fall wie mit dem Wechter

zutragen wurde, die cörper in den capellen oder todtenheußlein

verschlossen zu halten vnd nicht mehr beschehner massen gelt daraus

zu schetzen, bei meiner herren ernstlichen straf._«

Im übrigen habe ich dem, was die alten Schriften über Georg Wechters

Tod melden, kaum noch etwas hinzuzufügen, zumal sich auch etwa über die

Motive, die er für seine That gehabt, nichts weiter feststellen läßt,

als was sich aus dem Thatbestande selbst zu ergeben scheint und bereits

von seinen Zeitgenossen gemutmaßt wurde.

Indessen erfordert der Schlußsatz in jener Chroniknotiz noch eine

weitere Betrachtung und Erklärung. Nach ihm soll sich auch Georg

Wechters ältester Sohn Hans, da er sich im Dienste des Bischofs von

Eichstätt befand, durch einen Messerstich in den Hals selbst das Leben

genommen haben. Der Chronist fügt hinzu, daß er darüber »an seinem

Ort« berichten werde. In unserer Handschrift, die bis zum Schluß des

Jahres 1602 reicht, kommt er jedoch nicht wieder auf diesen Fall zu

sprechen. Dennoch liegt meines Erachtens kein Grund vor, der Angabe zu

mißtrauen. Die Chronik ist, wie sich aus verschiedenen Stellen ergiebt,

im wesentlichen auf Grund gleichzeitiger Aufzeichnungen um das Jahr

1614 sehr sorgfältig zusammengeschrieben worden[161]. Es ist also

wahrscheinlich, daß der Selbstmord des Hans Wechter erst zu Anfang des

17. Jahrhunderts, nämlich in der Zeit zwischen 1602, wo die Chronik

abbricht, und 1614 erfolgt ist. Vermutlich ist dieser Hans Wechter

identisch mit einem Kupferstecher, von dem die Nürnberger Ratsverlässe

melden, daß er im Jahre 1584 sein Bürgerrecht aufgesagt habe:

[Jahrgang 1584/85, I, 17b] Mittwoch, 29. April 1584:

»_Hans Wechter, kunststecher, hat in sitzendem rath sein

burgerrecht aufgesagt, gewonlichen reuers gegeben vnd ist vmb

abschied in die losungstuben gewisen worden._«

Da Georg Wechter nach Ausweis unserer Chronik 1586 bereits ein Mann von

etwa sechzig Jahren war, kann er um jene Zeit sehr wohl bereits einen

selbständigen Sohn gehabt haben, der ja auch ausdrücklich als sein

ältester bezeichnet wird.

Der in den Ratsverlässen genannte Hans Wechter ist aber andererseits

aller Wahrscheinlichkeit nach identisch mit jenem Zeichner und

Kupferätzer dieses Namens, von dem Andresen sagt, daß er »um das Jahr

1610 blühte«[162]. Die datierten unter den mit seinem Namen oder seinem

Monogramm bezeichneten Blätter stammen aus den Jahren 1599[163],

1604[164] und 1606[165], und diese Zahlen scheinen ebenfalls dafür

zu sprechen, daß wir in dem Radierer Hans Wechter jenen ältesten

Sohn Georg Wechters zu erblicken haben, der zwischen 1602 und 1614

zu Eichstätt durch Selbstmord starb. Wir würden also, wenn wir diese

Vermutung gelten lassen, sagen können, daß Hans Wechter nach 1606 und

vor 1614, aller Wahrscheinlichkeit nach aber bald nach 1606 (oder noch

im Jahre 1606) seinem Leben ein Ende gemacht haben müsse.

Merkwürdigerweise walten nun hinsichtlich der Biographie des Hans

Wechter ganz ähnliche Schwierigkeiten und Zweifel ob, wie wir sie oben

mit Bezug auf seinen Vater Georg Wechter kennen gelernt haben. Und wie

diese Zweifel dort durch Feststellung des Todesjahrs Georg Wechters

behoben und der Thatbestand klar gelegt werden konnte, so wird sich

auch hier, wenn wir durch die angeführten Wahrscheinlichkeitsgründe den

Tod Hans Wechters in die Zeit von 1606-1614 zu setzen uns veranlaßt

sehen, die Lösung der strittigen Frage leicht ergeben.

Man hat verschiedentlich angenommen, nicht nur daß Hans Wechter

von Profession Goldschmied gewesen sei, sondern daß sich auch

Goldschmiedearbeiten seiner Hand erhalten hätten in einem zu Kopenhagen

befindlichen verzierten Stahlspiegel, der »J[ohann] Wechter 1646«

bezeichnet sei, und einer »_H. W._ 1653« signierten ähnlichen Arbeit

mit der Darstellung von Lot und seinen Töchtern in Berlin[166]. Zu

der ersteren Annahme mag wohl auch die nahe Verbindung verleitet

haben, in der ihn seine Wappenfolge mit Hieronymus Bang zeigt, der

hier als Verleger (»Hieron. Banng. Excud:«) erscheint. Hieronymus

Bang, der aus Osnabrück stammte und 1587 in Nürnberg das Bürgerrecht

erhielt, war von Profession Goldschmied, und zwar, wie es scheint, ein

vielbeschäftigter. Das im Germanischen Museum deponierte Freiherrl. von

Scheurlsche Familienarchiv z. B. bewahrt manchen Ausweis über seine

Thätigkeit als solcher, und mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit werden

ihm auch die vier von Marc Rosenberg in seinem Buche Der Goldschmiede

Merkzeichen unter Nr. 1228 beschriebenen Stücke zuzuschreiben

sein[167]. Bekannter aber noch ist er durch die von ihm herrührenden

Ornamentstiche.

Eine solche Vielseitigkeit dürfen wir nun für Hans Wechter gewiß nicht

annehmen. Die Bezeichnung »Kunststecher« in dem mitgeteilten Ratsverlaß

zeigt zur Genüge, daß er nicht Goldschmied von Profession gewesen ist.

Und daß die erwähnten Goldschmiedearbeiten von 1646 und 1653 nicht von

ihm herrühren können, ergiebt sich aus unserer chronikalischen Notiz

über den frühen und jähen Abschluß seines Lebens zu Anfang des 17.

Jahrhunderts- Es sind also auch hier zum mindesten zwei verschiedene

Persönlichkeiten anzunehmen.

Um nun aus dem vorstehend Mitgeteilten die weiteren

kunstgeschichtlichen Konsequenzen zu ziehen, würde wohl zunächst das

»Werk« sowohl des Georg Wechter als des Hans Wechter, wie es uns

Andresen darbietet, einer erneuten Prüfung und Sichtung zu unterziehen

sein. Ich kann darauf hier nicht näher eingehen, sondern muß mich auf

einige wenige Bemerkungen darüber beschränken. Am sichersten sind als

Arbeiten Georg Wechters des älteren die Vorlagen für Goldschmiede aus

dem Jahre 1579 (Andr. 10) bezeugt. Mit ihnen durch gleiche Technik,

gleichen Stil und namentlich auch gleiche Ornamentationsmotive --

man vergleiche insbesondere die auf den Blättern zur Verwendung

gekommenen Cartouchen -- auf das engste verwandt und gleichfalls als

unzweifelhafte Arbeiten unseres Künstlers auszusprechen sind sodann die

Ansichten von Windsheim (1576) und Memmingen (1573), sowie das Wappen

des Nicolaus Scheller, die alle mit des Künstlers _G W_ bezeichnet sind

(Andr. Nr. 2, 3 und 7). Rätselhaft ist mir dagegen, wie Andresen auch

in dem Porträt des Andreas Nagel, Pfarrers zu Windsheim, das unsigniert

ist und übrigens erst aus dem Jahre 1605 stammt, die gleiche Art hat

erkennen wollen (Andr. 5). Das abscheuliche Blatt hat mit dem Namen

Wechter überhaupt nichts zu thun. Als Werke des jüngeren Georg Wechter,

der zu Bamberg thätig war, sind endlich Nr. 1, 6, 8, 9 und 11 bei

Andresen zu betrachten. Auch die Ansicht des Schlosses Giech (Andr. 4)

wird aller Wahrscheinlichkeit nach ihm angehören.

Aus dem Werke Hans Wechters (Andresen IV, S. 334 ff.) möchte vielleicht

am ehesten das unbezeichnete Blatt Nr. 6: »Vergleichung der Schlüssel

des Pabstes und des Apostels Petrus«, das nach der von Andresen

gegebenen Beschreibung eine Spitze gegen die »Pabisten vnd Jesuwider«

zu enthalten scheint, auszuscheiden sein. Bei einem Künstler, der

zuletzt im Dienste des Bischofs von Eichstätt thätig, also doch wohl

ein überzeugter Katholik war, werden wir eine solche Tendenz schwerlich

voraussetzen dürfen.

[Illustration: Aus Georg Wechters d. Ä. Ansicht von Windsheim (Andr.

2).]

[Illustration]

Mitteilungen aus dem Germanischen Nationalmuseum. Jahrgang 1900 · 第 48 / 80 题