Spätkarolingisches Vortragskreuz aus dem X. Jahrhundert.]

Das Kreuz, das einer alten Stiftung in den Ardennen entstammt und

im Frühjahr 1894 aus dem Besitz eines Frankfurter Händlers für

die Sammlungen des Germanischen Museums erworben wurde, hat mit

der eisernen Spitze und der Kugel, über der es sich erhebt, eine

Gesamtlänge von 73 cm, für sich allein eine Länge von 57 cm. Der

Querbalken ist 45 cm. lang. Die Breite der Balken schwankt zwischen 43

und 48 mm., sie endigen, wie die Figur zeigt, fischschwanzförmig und

erweitern sich dabei auf 62 bis 68 mm. Der Durchmesser des annähernd

kreisrunden Mittelstücks beträgt 9 cm.

Die ganze Goldschmiedearbeit ist über einem 2 cm. dicken, auf der

Vorderseite flachen, auf der Rückseite leicht gewölbten Holzkern

hergestellt, oder richtiger: um einen solchen angebracht. Bezüglich

der Holzart bemerkte schon Herr Prälat Dr. Fr. Schneider, der das

Museum bei der Anschaffung zu beraten die Freundlichkeit hatte, daß

es sich um keines der sonst bei uns üblichen Hölzer, sondern eher um

ein ausländisches Holz zu handeln scheine. Auch die mikroskopische

Vergleichung eines Splitters von unserem Kreuze mit anderen Holzproben

ergab trotz aller darauf gewandter Mühe kein ganz sicheres Resultat.

Herr Prof. Reeß in Erlangen, welcher die Güte hatte, diese Untersuchung

vorzunehmen, vermochte nur festzustellen, daß es ein Laubholz sei

und unter den untersuchten Vergleichsproben am meisten Ähnlichkeit

mit dem Holz des Birnbaums (Pirus communis) zu besitzen scheine.

Fremdländischer Ursprung also ist auch nach dieser Erklärung nicht

ausgeschlossen, wenn sich auch keinerlei sichere Schlüsse darauf

aufbauen lassen.

Infolge des leider recht schadhaften Zustandes unseres Kreuzes läßt

sich dessen Herstellungsweise auch im einzelnen ziemlich genau

verfolgen. Der Holzkern ward in der Weise hergestellt, daß der

Längsbalken samt dem hinteren etwas gewölbten Teil des Mittelstücks

und ebenso der Querbalken mit dem vorderen Teil des Mittelstücks

aus einem Stück geschnitzt und alsdann diese beiden sich in der

Mitte also gegenseitig ergänzenden und genau entsprechenden Stücke

kreuzweis ineinander gefügt und durch ein paar starke Eisennägel

zusammen verbunden wurden. Nur am unteren Kreuzesende ist die

fischschwanzähnliche Spaltung am Holzkern nicht vorgebildet, da hier

das Kreuz mit dem Kugelfuß verbunden zu werden bestimmt war.

Der Form des Holzkerns entsprechend schnitt oder sägte sodann der

Goldschmied die vier Kreuzarme, sowie das Mittelstück mit den Ansätzen

der Kreuzarme aus einem nicht ganz ½ mm starken, auf der Oberfläche

künstlich geröteten Bleche von 16 karätigem Golde aus und zeichnete

sich wohl die Hauptmusterung des Kreuzes auf den so entstandenen fünf

Blechstücken vor, um hierauf -- aus Sparsamkeitsgründen -- dieses

Muster, d. h. alle diejenigen Stellen, die durch Steinfassungen oder

Buckel verziert werden sollten, sorgfältig auszusägen und ebendort

alsbald die vorher fertiggestellten Kastenfassungen mit ihren Steinen

sowie die kleineren schildbuckelförmigen Verzierungen von der Rückseite

des Bleches her aufzulöten.

Die Fassungen der Steine sind mit alleiniger Ausnahme des großen

Ovals der Kreuzesmitte sämtlich von der Art, daß sich der Kasten mit

fast senkrecht stehenden Wänden auf der Unterlage erhebt, sich dann

aber zur besseren Fassung der Steine etwa in halber Höhe verengert,

abschrägt, und je an der Stelle, wo diese Abschrägung beginnt, mit

einem rings herumlaufenden Goldfiligrandraht verziert ist. Das Oval der

Mitte wird gebildet durch einen mächtigen Bergkristall, der in einen

Kranz übergreifender, dicht gestellter, gestanzter Akanthusblätter

gefaßt ist und auf einem Kasten aufsitzt, dessen Fuß, wie die Abbildung

deutlich zeigt, ein in regelmässigen Abständen durch eine rechteckige

Kastenfassung unterbrochener Kranz halbkreisförmiger Goldzellen

in der Art der alten Cloisonarbeiten umgiebt. Die Zellen sind mit

rotem und dunkelgrünem Glas ausgesetzt, wobei, wie eine ihres Glases

beraubte Zelle zeigt, wenigstens bei den roten Stückchen ganz feine

Goldblättchen als Folie dienten. Unmittelbar über dem Zellenkranz

verziert ein feiner, ebenfalls viermal unterbrochener Filigrandraht,

weiter oben ein stärkerer Filigrandraht den Kasten des Bergkristalls,

worauf ein starker kordonnierter Golddraht den Übergang zu dem

Akanthusblattkranz bildet.

Der Form nach sind rechteckige, fast quadratische, und ovale Fassungen

zu unterscheiden. Je zwei rechteckige Kästchen mit grünen Steinen, wohl

Chrysoprasen, flankieren an den drei noch in ihrem vollen Goldschmuck

erhaltenen Kreuzesenden große ovale Fassungen, und acht ebensolche,

nur etwas größere Kästchen mit roten und grünen Steinen -- Almandinen,

die teilweise durch rotes Glas ersetzt sind, und Chrysoprasen (?) --

wechseln rund um das große Oval der Mitte mit acht kleinen ovalen

Fassungen ab. In diesen sitzen Almandinen, Granaten und teilweise

auch rote Glasstücke. In einem der Kästchen fehlt der Stein. Zwei

Reihen von ovalen Kästchen derselben Größe, die mit kleinen goldenen

Buckeln wechseln, schließen auf jedem der vollständig erhaltenen

drei Kreuzesarme eine Mittelreihe von beträchtlich größeren ovalen

Steinfassungen, die jedoch kleiner sind als die schon erwähnten

Fassungen an den Kreuzesenden, ein. In den kleinen ovalen Kästchen --

es sind abgesehen von dem Mittelstück, das deren wie schon erwähnt noch

acht weitere enthält, 46 an Zahl -- sitzen 20 tafelförmig geschliffene

Almandine, sieben mugelich geschliffene Granaten, ein ebensolcher

Saphir, sowie ein Stückchen blauen und fünf Stückchen roten Glases.

Aus zwölf dieser Fassungen ist der Stein verschwunden; fünf davon sind

ganz leer, sodaß man die Fläche des Holzkernes sieht, in den übrigen

sieben findet sich noch die alte Unterlage der Steine, die aus einer

spröden, harzigen Masse besteht. Von den 21 noch erhaltenen ovalen

Fassungen mittlerer Größe, die dicht aneinander gelötet sind, wobei

die Lötstellen ehemals wohl überall durch kleine Spangen aus dickem

Golddraht mit sich umrollenden Enden verdeckt waren -- erhalten haben

sich von diesen Spangen noch zwölf --, enthalten 15 der Länge nach

durchbohrte, größtenteils birnförmige, mugelich geschliffene Saphire,

eine einen Bergkristall, zwei blaues, und eine rotes Glas. Zwei dieser

Fassungen sind völlig leer. Ebenso sind die beiden großen Fassungen

am oberen und unteren Ende des Hauptbalkens leer, diejenige an dem

erhaltenen Ende des Querbalkens indessen noch mit einem großen, der

Länge nach durchbohrten Saphir ausgefüllt.

Die etwa 7 mm hohen Buckel, die mit den kleinen ovalen Kästchen auf

den Kreuzesbalken, wie erwähnt, abwechseln, sind am Fuß und auf der

Spitze durch rund herum gelegten Goldfiligrandraht von verschiedener

Stärke verziert. Der obere, aus feinerem Filigran bestehende Drahtring

umgibt die Öffnung eines kleinen Zilinders aus Goldblech, der im

Innern des Buckels senkrecht steht. Über diese Öffnung legen sich

kreuzweis zwei jener auch sonst verwendeten goldenen Spänglein, deren

leicht umgerollte Enden bis auf den unteren stärkeren Filigranring des

Buckels heruntergebogen sind. Auf dem Durchschnittspunkt der beiden

Spangen sitzt, den Buckel bekrönend, je eine kleine goldene Kugel, die

natürlich ebenfalls einigemale samt den Spangen der Unbill der Zeiten

zum Opfer gefallen ist, wie denn an fünf Stellen außerdem die Buckel

überhaupt fehlen. In dreien dieser Fälle ist wenigstens der Untergrund

durch ein Stückchen gelbliches Blech ergänzt worden.

Die also mit ihrem Hauptschmuck versehenen fünf Bleche wurden sodann

durch eiserne Nägel, deren platte Köpfe teilweise noch von Vergoldung

schimmern auf der flachen Vorderseite des Holzkerns befestigt. Diese

Nägel sind überall hart am Rande und je in einer Entfernung von etwa

30 mm. eingeschlagen, die Köpfe mit starkem Filigrandraht umgeben,

sodaß sie wie kleine Rosetten wirken. Ganz ähnliche Rosettchen mit

kleinen Goldkugeln oder -knöpfen als Mittelpunkt wurden je in der Mitte

zwischen zwei Nagelköpfen auf die Unterlage aufgelötet, Kreuzbalken

und Mittelstück schließlich noch mit starkem kordonniertem Golddraht

umzogen.

Mit gleichem, nur etwas schwächerem Draht sind die verschiedenen

schmalen Seitenflächen des Kreuzes eingefaßt, die im übrigen nur

eine einfache, aus aufrechtstehenden schmalen Goldbändern gebildete

Rankenmusterung auf rotgoldenem Grunde aufweisen. Es ist eine

gewöhnliche Wellenranke, von der in regelmäßigen Abständen beiderseits

kleine Ranken, an ihrem Ausgangspunkt je durch eine kleine Querstange

zusammengehalten, abzweigen. In den durch die Hauptranke, eine der

Nebenranken und den abschließenden kordonnierten Golddraht gebildeten

Zwickeln ist regelmäßig eine kleine spitzovale Goldschleife, gleichsam

eine aus dem Abzweigungspunkt der kleinen Ranken entspringende Knospe

oder Keimblättchen, angebracht.

Die so ornamentierten Goldbleche, die den Schmuck der Seitenflächen des

Kreuzes ausmachen, sind mit diskret angebrachten, feinen Eisenstiften

auf denselben befestigt, doch verraten auch hier gelegentlich roh

eingehauene dicke schwarze Eisennägel eine plump ausbessernde

spätere Zeit. Auch die Endigungsflächen der Kreuzarme wiesen ehemals

die gleiche Goldblechverzierung auf, doch haben sich davon nur

verhältnismäßig geringe Reste an der oberen und unteren Endigung

erhalten.

Das zur Verwendung gekommene Gold ist, wie mehrere, an den

verschiedensten Stellen vorgenommene Untersuchungen mit dem

Probierstein ergaben, auf der Vorderseite sowohl wie an den

Seitenflächen des Kreuzes überall von der gleichen Qualität (16

karätig) und auch von der gleichen rötlichen Färbung. Nur wo dasselbe

durch häufiges Anfassen oder sonstige Beschädigung abgewetzt ist oder

aber, wie dies namentlich bei den für Verroterie bestimmten Zellen

des Mittelstücks und dem Rankenwerk der Seitenflächen der Fall ist,

das senkrecht zur Unterlage gestellte und aufgelötete Goldblech die

Schnittfläche zeigt, erscheint es gelb. Das Filigran, das uns in zwei

verschiedenen Stärken begegnet ist, hat die Eigentümlichkeit, daß um

jedes der kleinen Kügelchen, aus denen sich der Faden zusammensetzt,

in der Mitte eine feine Rille läuft, was jedoch gewiß nicht auf eine

Absicht des Verfertigers, denn irgend eine besondere Wirkung wird

dadurch nicht erzielt, sondern wahrscheinlich auf ein nicht ganz exakt

arbeitendes Werkzeug zurückgeführt werden muß[147].

Die Rückseite des Kreuzes endlich war wohl ehemals völlig, ist heute

noch an den vier Kreuzesarmen, doch nicht mehr an dem etwa kreisrunden

Mittelstück mit vergoldetem Kupferblech verkleidet, in das zuvor hübsch

stilisierte Ranken mit palmettenartigen Blättern eingepreßt worden

waren, die je an den Enden der Kreuzbalken in zwei kleine Träubchen

endigen und leicht erhaben auf ungemustertem Grunde erscheinen. Auch

dieses Blech der Rückseite ist mehrfach geflickt.

Mit vergoldetem Kupferblech umkleidet ist auch die Kugel, über der sich

das Kreuz erhebt, samt dem Verbindungsglied zwischen Kreuz und Kugel,

das überdies mit gleichfalls aus vergoldetem Kupferblech hergestellten

perlstabähnlichen Leisten -- einer rundherum laufenden horizontalen

und drei dazu senkrecht gestellten -- verziert ist, während die

Kugel ehemals mit einer aus eisernen Spangen und Knöpfen gebildeten

Rautenmusterung versehen war, von der jedoch nur noch geringe Reste

erhalten sind. Die starke Eisenschiene, die unterhalb der Kugel in

eine stumpfe Spitze ausläuft, geht durch Kugel und Zwischenstück

hindurch und scheint ziemlich tief in das untere Ende des Kreuzes

hineingetrieben zu sein.

Dieselbe zeigt auf das deutlichste, daß wir es mit einem sogenannten

Vortrags-, Stations- oder Prozessionskreuz zu thun haben, das bestimmt

war, auf einen Schaft gesteckt, bei Prozessionen und sonstigen Umzügen

der Schar der Andächtigen vorangetragen zu werden. Nach jedesmaligem

Gebrauch ward es vom Schaft genommen und bei den übrigen Kostbarkeiten

der Kirche oder des Klosters, in dessen Besitz es sich befand,

verwahrt. Der Wert des Kreuzes bestand aber nur zum geringeren Teil

in der Goldarbeit und den Steinen, mit denen es geschmückt war. Es

ist vielmehr sehr wahrscheinlich, daß sich ursprünglich unter dem

großen Bergkristall des Mittelstücks eine Reliquie, vielleicht eine

Partikel vom Kreuze Christi befand. Der Umstand, daß gerade hier die,

wie es scheint, aus einer Thonmasse bestehende, vielfach zersprungene

Unterlage durch den hellen Kristall hindurch deutlich sichtbar ist,

während der technisch wohl geschulte Verfertiger unseres Kreuzes

derartige unschöne Wirkungen sonst überall zu vermeiden gewußt hat,

läßt jedenfalls mit ziemlicher Sicherheit darauf schließen, daß

in späterer Zeit Veränderungen mit der Kreuzesmitte vorgenommen,

vermutlich also eine dort aufbewahrte Reliquie entfernt, wohl entwendet

worden ist.

Im übrigen sind die verschiedenen erheblichen Beschädigungen unseres

Kreuzes, insbesondere des linken Kreuzarms -- auch die Glasstücke an

Stelle der Saphire u. s. w. sind natürlich nicht ursprünglich, sondern

lediglich Ergänzungen der in Verlust geratenen Steine -- eher auf eine

den späteren Zeiten zur Last fallende Verwahrlosung, als auf Beraubung

zurückzuführen. Es ist wenigstens nicht einzusehen, weswegen ein

Dieb sich nur des Goldbeschlags des einen Kreuzarmes oder einzelner,

nach den erhaltenen zu schließen, nicht eben wertvoller Steine etc.

und nicht gleich des gesamten Schmuckes an Gold und Steinen sollte

bemächtigt haben.

Wie aber steht es um die Frage nach Zeit und Ort der Entstehung unseres

Kreuzes, welchem Stile, welcher Schule mag dasselbe angehören?

Um der Beantwortung dieser Frage näher zu kommen, müssen wir versuchen,

die verschiedenen stilistischen und technischen Momente, mit denen

uns unsere eingehende Betrachtung bekannt gemacht hat, auf ihren

historischen Wert hin zu prüfen. Figürliche Darstellungen, die uns

diese Aufgabe ohne Zweifel wesentlich erleichtern würden, mangeln

leider gänzlich.

Daß durch die Verwendung der Cloisontechnik in den um das Oval

der Mitte angeordneten Zellen das Kreuz stilistisch noch in

Beziehung steht zu jener großen Gruppe von Goldschmiedearbeiten der

Völkerwanderungszeit, die ich in dem Aufsatze über den ostgotischen

Schmuck genauer gekennzeichnet habe, wurde oben bereits angedeutet.

Selbst die Unterlegung der roten Glasstücke mit einem ganz dünnen

Goldblech als Folie findet sich hier wie bei den Ohrgehängen jenes

Schmuckes. Aber technische Kunstgriffe solcher Art haben zumeist ein

langes Fortleben, vererben sich, solange Vorbedingungen und Zweck

die gleichen bleiben, von Generation zu Generation. Und was die

Cloisontechnik selbst angeht, so findet auch sie sich sowohl bei den

Abendländern, insbesondere den verschiedenen Germanenstämmen, wie

bei ihren Lehrmeistern, den Griechen am Pontus, den Byzantinern und

weiterhin den Persern noch lange in freilich spärlicherem Gebrauch.

Auch der Deckel zur Lade des Siegeskreuzes der byzantinischen Kaiser

Constantinus Porphyrogenitus und Romanus II. aus der Mitte des 10.

Jahrhunderts[148] und das noch um einige Jahrzehnte später unter

Erzbischof Egbert (977-993) in Trier entstandene Reliquiar (samt

Tragaltar) des heiligen Andreas[149] weisen noch Einzelheiten in dieser

Technik auf. Über den Schluß des 10. Jahrhunderts hinaus dürfte sie

indessen schwerlich mehr nachzuweisen sein, und so wird man das Jahr

1000 etwa als den Terminus ante quem für die Entstehung des Kreuzes

ansehen können.

Ein Terminus post quem ergäbe sich jedenfalls am ehesten aus dem Kranz

eng gestellter stilisierter Akanthusblätter, der die Fassung des

großen Bergkristalls der Mitte bildet. Fassungen dieser Art kommen,

soviel ich sehe, vor der Mitte des 10. Jahrhunderts kaum vor, wo sie

dann freilich namentlich in der Trierer und der an Trier anknüpfenden

Regensburger Goldschmiedschule rasch große Beliebtheit erlangen; und

wir würden demnach etwa die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts als die

Entstehungszeit unseres Vortragskreuzes anzusprechen haben. Es ist

jedoch sehr wohl möglich, daß die Veränderungen, die, wie wir gesehen

haben, gerade mit der Kreuzesmitte vor sich gegangen sind, sich auch

auf die Fassung des Bergkristalls erstreckten, daß wir also in dem

Akanthusblattkranz nicht mehr die ursprüngliche Fassung vor uns haben.

Im übrigen läßt sich als ein weiterer Terminus post mit einiger

Sicherheit wohl nur die Entstehungszeit des Gebetbuchs Karl des Kahlen

(† 877) bezeichnen, mit dessen vorderem Deckel[150] unser

Kreuz so mannigfache und augenfällige Berührungspunkte aufweist, daß

an einem Zusammenhang zwischen beiden Werken kaum gezweifelt werden

kann. Hier wie dort, wenigstens bei allen größeren Steinen, genau die

gleichen Fassungen: Kästchen mit senkrecht aufgesetzten Wandungen,

die sich oben zum Zweck der Fassung des Steines verengern und an der

Stelle, wo die senkrechte Richtung verlassen wird, einen Filigranring

tragen. Hier wie dort die gleiche Befestigung des Goldblechs auf seiner

Holzunterlage durch Nägel, deren Köpfe durch einen herumgelegten

starken Filigrandraht zu kleinen Rosetten ausgestaltet sind, die

gleichen kreuzweis gelegten, einen kleinen Buckel bildenden, sich an

den Enden ein wenig umrollenden, von einer kleinen Kugel bekrönten

goldenen Spänglein, ja sogar -- wenn die Abbildung bei Labarte

nicht trügt -- die gleiche Art der Unterlegung der Steine mit einer

rötlich-grauen, harzigen oder vielleicht auch aus Wachs und Ziegelmehl

bestehenden Masse; von der gleichen roten Färbung des Goldes und der

Umrahmung der Flächen durch kordonnierten Golddraht garnicht zu reden.

Andererseits freilich macht unser Kreuz in seiner Gesamterscheinung

doch einen erheblich reiferen Eindruck. Die sorgfältige Ausführung

der kleinen Buckel, die nicht mehr lediglich aus den beiden Spangen

und dem bekrönenden Kügelchen bestehen, die zierenden, die Lötstellen

verdeckenden Spangen zwischen den größeren ovalen Fassungen, die

aus dünnen schmalen Goldbändern gearbeiteten Rankenverzierungen der

Seitenflächen, die im wesentlichen der notwendigen Vorrichtung zur

Anwendung von Zellenemail entsprechen und Bekanntschaft mit solchem

Email wohl auch hier voraussetzen lassen, endlich die prächtige

Rankenführung des Blechbeschlages der Rückseite, die stilistisch wohl

dem übrigens reiferen Dekor der unter Erzbischof Egbert gefertigten

Goldbekleidung der Kapsel des Petrusstabes, jetzt in Limburg[151],

am nächsten steht -- alles das verrät entschieden eine weiter

fortgeschrittene Kunst.

Ich trage daher auch trotz der nicht zu leugnenden engen Beziehungen,

die stilistisch zwischen jenem Deckel am Gebetbuch Karls des Kahlen und

unserem Kreuz bestehen, Bedenken, auch zeitlich eine besonders nahe

Zusammengehörigkeit anzunehmen, ja das Kreuz überhaupt noch dem neunten

Jahrhundert zuzuschreiben. Manches deutet eben doch bereits auf die

Kunst des zehnten Jahrhunderts, in dessen erster Hälfte unser Stück

entstanden sein mag.

Darf man aber nach dem Gesagten die Möglichkeit byzantinischen

Ursprungs noch ernstlich in Erwägung ziehen? Ungeachtet der

Fraglichkeit des für den Kern zur Verwendung gekommenen Holzes glaube

ich hier doch mit Nein antworten zu dürfen. Allerdings stammen die

durchbohrten, also ehemals zu anderen Zwecken verwendeten Saphire

sämtlich aus dem fernen Osten, aus China, und kamen dem Abendlande

vorzugsweise durch Vermittlung der Byzantiner zu. Ebenso könnte in

der Abstufung der im übrigen glatten Gehäuse und der Anbringung eines

Filigranrings am oberen Rande der Kästchen, sowie in der Technik

der Rankenverzierungen an den schmalen Seitenflächen, wie bereits

angedeutet wurde, byzantinischer ~Einfluß~ erblickt werden. Aber gerade

das Fehlen des Emails nicht nur hier, sondern überhaupt am ganzen

Kreuze scheint andrerseits doch eher gegen als für byzantinischen

~Ursprung~ zu sprechen, und an der übrigen Goldarbeit vermag ich

schlechterdings keine spezifisch byzantinischen Motive oder Techniken

zu entdecken, nichts, was nicht ebenso gut in dem Deutschland oder

Frankreich des zehnten Jahrhunderts entstanden sein könnte[152].

Schon die mehrfach erwähnte Verroterie um den Bergkristall der Mitte

schließt sich enger an die älteren fränkischen als an byzantinische

Arbeiten dieser Art an. Ein spezifisch karolingisches Dekorativ

sind sodann jene kreuzweis gelegten schmalen goldenen Spangen oder

Bänder mit darauf gelöteten goldenen Kügelchen. Wie am Gebetbuche

Karls des Kahlen findet es sich, mehr oder weniger modifiziert, auch

noch an späteren Werken, z. B. an einem Evangelienbuche im Schatze

der Münsterkirche zu Aachen, das zwar Bock noch ins 9. Jahrhundert

setzen möchte, Aus’m Weerth jedoch wohl mit größerem Rechte der

Ottonenzeit zuteilt[153] ferner an einem der berühmten vier Kreuze

in der Schatzkammer der Münsterkirche zu Essen, das wie die beiden

»Mathildenkreuze« daselbst wohl gleichfalls als eine Stiftung der

Äbtissin Mathilde II. (974-1011), der Enkelin Ottos des Großen,

angesehen werden darf[154] und als die reifste dieser Arbeiten

vermutlich erst der Wende des 10. und 11. Jahrhunderts angehört und

selbst noch an dem Schrein der heiligen Mauritius und Innocentius

in Siegburg aus dem Ende des 12. Jahrhunderts[155]. Doch machen

die kleinen Goldplatten, auf denen das Dekorativ hier erscheint,

soweit sich nach der Abbildung bei Aus’m Weerth urteilen läßt, den

Eindruck erheblich früheren Ursprungs, und scheinen an dem Siegburger

Reliquienschrein nur aufs Neue zur Verwendung gekommen zu sein.

Ebenso wie von den Spangen und Buckeln war auch bereits von den kleinen

Rosetten und den in flachem Relief ausgeführten Ranken der Rückseite

die Rede. Auch die nächsten Vorstufen für dieses letztere Ornament sind

vermutlich noch auf dem Boden karolingischer Kunst zu suchen -- man

vergleiche etwa das Rankenwerk an der Basis des sogenannten A Karls des

Großen im Schatz zu Conques[156].

Das sonstige Dekor des Kreuzes, das zur Verwendung gekommene Filigran,

die kordonnierten Golddrähte, sowie auch die rote Färbung des Goldes,

die seit dem 9. und bis ins 12. Jahrhundert sehr beliebt war und deren

Herstellung Theophilus im XL. Kapitel seiner Schedula beschreibt

-- ältere Quellen pflegen, wo sie vorkommt, von »arabischem Golde«

zu sprechen -- ist doch zu wenig charakteristisch, um zur besseren

Beantwortung unserer Frage noch erheblich beitragen zu können. Nur

von den kleinen goldenen Spangen zwischen den größeren Gehäusen der

mittleren Steinreihe wäre vielleicht, falls sie in dieser Verwendung

auch an anderen Werken nachgewiesen werden könnten, was mir bisher

nicht gelungen ist, noch einige Aufklärung zu erwarten.

Auch aus der Form des Kreuzes, den immerhin ungewöhnlichen Endigungen

der beiden Kreuzbalken, ist nicht eben viel zu schießen. Sie begegnet

auf bildlichen Darstellungen sporadisch seit dem VI.-VII. Jahrhundert

und ist wohl als eine Übergangsform von den Kreuzen mit einfach

ausgeschweiften Balkenenden der Völkerwanderungszeit und fränkischen

Epoche zu denjenigen mit lilienförmigen Endigungen, die vom X.-XI.

Jahrhundert an beliebt werden, anzusehen.

Die eichene Kugel endlich mit ihrer rohen Umkleidung aus spärlich

vergoldetem Kupferblech und ihrem Eisenbeschlag wird dagegen wohl

zweifellos als einheimisches Fabrikat gelten dürfen.

Will man nun aber das Gleiche für das Kreuz selbst annehmen, wie

dies der Unterzeichnete nach reiflicher Erwägung auf Grund obiger

Analyse thut, so müßten mit Rücksicht auf die Provenienz des

Stückes wohl in erster Linie die trierisch-lothringischen Gebiete

als Ort der Entstehung in Frage kommen, und wir hätten demnach

in unserem Kreuz mit seinem noch vielfach altertümlichen, in der

Hauptsache spätkarolingischen Dekor vermutlich einen Repräsentanten

voregbertischer Goldschmiedekunst zu erblicken. Ein genaueres Eingehen

auf diese Gesichtspunkte muß ich mir indessen hier, wo es mir nur um

ein vorläufiges Einreihen dieses interessanten und bedeutsamen Werkes

in die Kunstgeschichte zu thun sein konnte, leider versagen.

[Illustration]

Mitteilungen aus dem Germanischen Nationalmuseum. Jahrgang 1900 · 第 46 / 80 题