Mitte des 16. Jahrhunderts.]

Nebenstehende Abbildung (Taf. II) enthebt mich einer genauen

Beschreibung des ersteren Ofens, der mit Recht einen großen Ruf

genießt. So häufig ich schon die Burg besucht habe, stets bin ich von

neuem frappiert von der vornehmen und schön gegliederten Erscheinung

dieses Stückes. Und dieser Eindruck nimmt eher zu als ab bei

eingehender Betrachtung desselben. Die sehr scharfe Pressung der

Formen, die offenbar aus noch kaum gebrauchten, aber auch vorzüglich

gearbeiteten Modeln entstanden sind, die -- wenige stark beschädigte

Stellen ausgenommen -- tadellose Erhaltung, die »Glätte und herrlich

gleichmäßige Farbe der Glasur, an der das feine Netz der Haarrisse

selbst jetzt noch, nach mehr als dreihundertjährigem Gebrauche kaum

sichtbar ist«, (Friedrich), Alles trägt zu diesem Eindruck bei. Dazu

kommt der schön gegliederte, einfache, zweckentsprechende Aufbau;

die reine, reizvolle Ornamentik, welche, obschon keine sklavische

Kopie, aus dem gleichen Geiste gedacht ist, wie die Marmorreliefs der

Venetianer Bauten, ohne natürlich deren Feinheit und Frische ganz

zu erreichen, was hier der Überschätzung Friedrichs gegenüber zur

Steuer der Wahrheit nicht verhehlt werden darf. Es ist begreiflich,

daß Friedrich, als er die Töpferthätigkeit Hirsvogels zu untersuchen

begann, in dem Ofen ein Werk dieses Künstlers zu finden glaubte,

eingedenk der Stelle Neudörfers: »Er überkam aber andere Gedanken, ließ

solche alle fahren, machte eine Kompagnie mit einem Hafner, der zog gen

Venedig, ward hie ehelich und ein Burger, bracht viel Kunst in Hafners

Werken mit sich, machte also welsche Öfen, Krüge auf antiquitetische

Art, als wären sie von Metall gossen, solches ließ er auch anstehen,

übergab seinen Mitgesellen den Handel, ward ein Wappensteinschneider

etc.[78]« Die hie und da laut gewordenen Zweifel, ob diese Stelle

nicht ganz, oder in ihren ersten Sätzen auf Hirsvogels Kompagnon

zu beziehen ist, scheinen mir mit Friedrich dem Sprachgebrauch der

Zeit und der Art nach, wie Neudörfer fortfährt, gegenstandslos zu

sein. Unterstützt wird dieser Bericht durch einen Ratsbeschluß (28.

Nov. 1530): »Augustin Hirsvogel’s halb soll den Hafnern ernstlich

gesagt werden, ine an dem, so ime ein rath vergönnt hat, der gesellen

und anders halben unverhindert zu lassen«[79]. Die sich von selbst

ergebende Deutung ist natürlich die, daß Hirsvogel um diese Zeit

schon Töpferwaren produziert hat und daß die eifersüchtigen Meister

des Handwerks ihn darob chikanierten. Daß Friedrich aufs eifrigste

bestrebt ist, dieser Stelle einen andern gezwungenen Sinn unterzulegen,

ist nur dadurch erklärlich, daß er streng an Neudörfers Version

festhält, wonach Hirsvogel erst nach aufgegebener Glasfabrikation

und nach seinem Aufenthalt in Venedig begonnen habe, Töpfereien zu

schaffen, statt also Neudörfer durch den Ratsbeschluß, gewissermaßen

letzteren durch Neudörfer korrigierte, während doch derartige Zeit-

und Motivangaben bei allen Kunstchronisten der früheren Jahrhunderte

von ihrem ganzen Berichte am wenigsten Zutrauen verdienen. Ohne

deshalb auf die romanhaften Konstruktionen einzugehen, in denen sich

Friedrich leider zum Schaden seines sonst so schätzenswerten Werkes

gefällt, müssen wir Neudörfers Stelle folgendermaßen interpretieren:

wohl aus dem gleichen Künstlerinteresse, wie seine Zeitgenossen, zog

es auch den Hirsvogel nach Italien und zwar gen Venedig. Ob vor oder

nach der Kompagnie mit dem Hafner, welche den Urkunden zufolge 1531

geschlossen wurde, zwecks Herstellung von Glaswaren auf venetianische

Art, wissen wir nicht, da die Stelle Neudörfers aus obigen Gründen in

dieser Hinsicht nicht beweiskräftig erscheint. Aus den Jahren vor 1528

haben wir keine Notizen über den Meister, möglich, daß er die Reise

schon um diese Zeit unternommen hat. Was er in Venedig gelernt hat,

ist schwer zu sagen. Die Darlegung Friedrich’s, daß es das Zinnemail

nicht gewesen sein könne, da solches in Venedig um 1530 noch nicht

verwendet wurde, ist nach den neueren Forschungen hinfällig. Sicher

um 1520 (vgl. O. v. Falke Majolika. Handbücher der kgl. Museen zu

Berlin 1896, p. 184 f.), möglicherweise aber schon vor 1500 war das

Zinnemail in Venedig eine bekannte Sache. Unter dem »Schmelzen«, das

er von neuem lernen mußte, ist doch wohl eine neue Art des Glasierens,

also nach Allem die Zinnglasur zu verstehen. Daß es nur eine reinere

Herstellung der Glasur und feinere Zusammensetzung der Thonmasse war,

was er als Gewinn nach Hause brachte, möchten wir bezweifeln. Die

offenbar sehr rührigen Hafner Nürnbergs, und gar ein findiger Kopf

wie Hirsvogel, konnten diese Vervollkommnung, die sehr nahe lag, wohl

ohne fremde Hilfe zu Stande bringen. Das Zinnemail dagegen war eine

Neuerung, deren Wichtigkeit Hirsvogel sofort einleuchten mußte, wenn

er die Venetianer Majoliken betrachtete und nach deren Kenntnis er vor

allem streben mußte. Vielleicht war er überhaupt durch den Anblick

venetianer Majolikenservice im Besitze Nürnberger Patrizier zu der

Reise veranlaßt worden; kann es doch nach den erhaltenen Urkunden

mit Recht zweifelhaft erscheinen, ob Nickel thatsächlich im Besitz

der richtigen Kenntnis war. Zugleich eignete er sich jene innige

Vertrautheit mit der geschmackvollen Ornamentik Venedigs an, welche

die Radierungen beweisen und die selbst nach dem Vorgange der Vischer

in Nürnberg noch Aufsehen erregen konnte. Daß das Kreuz in seinem

Monogramm, wie solches auf den Radierungen vorkommt (keine Kachel ist

signiert), darauf deutet, er habe eine Tochter des Maestro Lodovico in

S. Paolo geheiratet, dessen Platten das Kreuz als Marke tragen, dünkt

mir ohne urkundliche Anhaltspunkte doch eine sehr vage Vermutung:

das Kreuz in Verbindung mit dem Monogramm ist durchaus keine seltene

Erscheinung. »Als wären sie aus Metall gossen«[80], erklärt Friedrich

dahin, daß durch die Schärfe der Formen dieser Eindruck erweckt wurde,

wozu dann noch die Gleichmäßigkeit der Glasur betrug, oder vielmehr,

wie wir mit Falke’s Worten hinzusetzen: »die einheitlich glatte

Oberfläche der ~neuen~ Glasur oder die im Vergleich mit den übrigen

deutschen Irdenwaren feinere und dünnere ausgedrehte Masse, die an

Zinngeschirr oder an dergleichen erinnern mochte.« Schwierigkeiten

macht noch die Stelle: »welsche Öfen, Krüg und Bilder«. Unter letzteren

können wir uns allerdings kaum etwas anderes als Kacheln mit bildlichen

Darstellungen vorstellen. Ob wir aber der Verbindung halber, wie

Friedrich will, daraus schließen dürfen, Hirsvogel habe Krüge, d.

h. Vasen nur auf Kacheln angebracht, gar keine selbständigen Krüge

geschaffen, dafür scheint mir der manchmal etwas konfuse Neudörfer,

der sein Manuskript bekanntlich in acht Tagen niederschrieb, doch

nicht zuverlässig genug. »Auf antiquitetische Art« will wohl nicht

nur Grottesken-Dekoration, sondern auch den antikisierenden Aufbau

besagen. -- All’ die angeführten Umstände passen nun mit einer Ausnahme

auf den Ofen der kgl. Burg. Er ist aus dem gleichen Geiste in der

gleichen Zeit entstanden, wie die oben angeführten Beispiele der

Nürnberger Renaissance zwischen 1530 und 40 und in dies Jahrzehnt muß

auch Hirsvogels Töpferthätigkeit fallen, denn um 1542 muß er ihr in

der Hauptsache Valet gesagt haben, wie seine vielfache Beschäftigung

auf andern Gebieten und seine Entfernung von Nürnberg vermuten läßt.

Es liegt also sehr nahe, in ihm eines der von Neudörfer gerühmten

Produkte des Meisters zu erkennen. Auch in seiner Ornamentik, finden

wir zahlreiche Motive der späteren Ornamentstiche des Künstlers

wieder. Nur hat Friedrich übersehen, daß diese Ornamentstiche sich

von der klaren und maßvollen Dekoration des Ofens doch etwas durch

die willkürliche Häufung und dabei freiere, großzügigere Behandlung

der Motive unterscheiden. Auch fehlt in ihnen, soweit meine Kenntnis

reicht, das auf dem Ofen verwendete Motiv der Trophäe. Das kann indes

leicht aus der Entwicklung des Künstlers zu erklären sein. Bedenklich

aber ist der Umstand, daß gerade die Hauptsache, welche Hirsvogel

in Venedig gelernt haben muß, nämlich die Zinnglasur, hier keine

Verwendung gefunden hat, während es doch sehr wahrscheinlich ist, daß

der Künstler nicht versäumte, von dieser wichtigen Neuerung überall

Gebrauch zu machen. Mit der Annahme aber, wir hätten ein vor der

Venetianischen Reise entstandenes Produkt seiner Hafnerthätigkeit vor

uns, begeben wir uns ganz auf das Gebiet vager Konjunkturen. Wenn wir

nun auch die Möglichkeit nicht leugnen wollen, so dürfen wir doch nur

sehr bedingungsweise und des bequemen Namens halber, der zugleich die

offene Frage bezeichnet, fortfahren, von einem Hirsvogelofen zu reden

und müssen den Anteil des Meisters an der Veränderung des Ofenschemas

durchaus unentschieden lassen. -- Die Kacheln des Ofens scheinen sich

großer Beliebtheit erfreut zu haben und oft abgeformt worden zu sein,

so hat sich noch eine solche auf Schloß Friedensdorf in Schlesien

erhalten[81]. Mit anderen Friesen und einrahmenden Hermen versehen,

finden wir eine Imitation des ganzen Ofens, sowie der Vasenkachel

-- letztere nur durch ein über den Bauch der Vase gelegtes Band

bereichert -- in dem Ofen[82], der ehemals den Saal des Heubeck’schen

Hauses zierte und leider zusammen mit der prächtigen Täfelung[83] im

Jahre 1869 nach Frankreich verkauft wurde. Ofen und Täfelung dürften

den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts entstammen: eines der

Beispiele, denen wir noch oft begegnen werden, daß beliebte Stücke

manchmal noch um ein Jahrhundert später mit Hinzufügung einiger neu

entstandener Teile neu hergestellt wurden. Friedrich nimmt das Motiv

der Anbringung einer Vase auf Kacheln als Neuerung Augustin Hirsvogels

in Anspruch, und läßt eine ganze Reihe unten zu erwähnender Stücke

unter seinem Einfluß entstehen. Dagegen spricht, daß einige Öfen, die

dem Kunstkreis eines andern gleichzeitigen Meisters nahe stehen, das

Motiv ebenfalls, wenn auch in charakteristischer Verschiedenheit,

aufweisen, wonach ich glauben möchte, daß für beide ein italienisches

Vorbild anregend war, das mir zur Zeit noch unbekannt ist. Überhaupt

spielt die Vase ja in der gesamten italienischen und deutschen

Ornamentik der Zeit eine große Rolle.

[Illustration: Taf. III.

Grünglasierter Ofen mit teilweiser Vergoldung auf der Burg zu Nürnberg.

Mitteilungen aus dem Germanischen Nationalmuseum. Jahrgang 1900 · 第 31 / 80 题