(FLÖTNER UND HIRSVOGEL.)
(Mit 2 Tafeln.)
Den Anstoß zu einer definitiven Umgestaltung des Ofenschema’s sollte
die Hafnerei etwa um die 40er Jahre des Säkulums erhalten: der
allgemeine Umschwung in der deutschen, insbesondere in der Nürnberger
Kunst, der um diese Zeit stattgefunden hatte, konnte auch auf sie
nicht ohne Einfluß bleiben. Wir müssen aus diesem Grunde den genannten
Umschwung näher ins Auge fassen.
Der neuen Geisterbewegung Italiens, welche wir unter dem Namen
Humanismus verstehen, hat zuerst die Stadt Augsburg Thür und Thore
geöffnet. Nürnberg, mit dem konservativen Sinn seiner aus Baiern
und Franken gemischten Bevölkerung folgte, wie vor kurzem mit Recht
dargelegt wurde, nur zögernd und langsam nach. Wie in diesem Falle,
verhielt es sich auch mit der Kunst. Die neue, wie man sie nannte, die
antikische Bauweise fand den empfänglichsten Boden in der Stadt der
Fugger; hier traten auch früh ihre wirksamsten Apostel auf; Nürnberg
verhielt sich zunächst eher ablehnend. Doch ihren Siegeslauf wie
durch ganz Europa, so auch durch Deutschland konnte nichts aufhalten
und es will uns müßig scheinen, das zu bedauern. -- Schon Dürer hat
bekanntlich zahlreiche Renaissance-Elemente in seine Werke aufgenommen,
aber man darf sagen, daß sein Formgefühl durchaus das der Gotik blieb.
Immer lebhaftere Kunde indeß von der Herrlichkeit des neuen Stiles
drang über die Alpen. Mantegna’s und anderer Stiche, verzierte Bücher,
insbesondere die Hypnerotomachia des Polifilo regten zu genauerer
Bekanntschaft an. Und in solcher persönlichen Anregung dürfte auch
die Bedeutung eines Jakob Walch für die Nürnberger Künstler zu suchen
sein. Aber alles das hätte nicht genügt, ein wirkliches Verständniß
für die neuen Formen zu erwecken: die persönliche Bekanntschaft mit
den Werken der neuen Bau- und Dekorationsweise mußte den Ausschlag
geben. Und so zogen voll Wanderlust die deutschen Meister gen Süden:
vor allem nach Oberitalien, wenige nur werden weiter nach Süden oder
gar nach Rom vorgedrungen sein. So ist denn auch von einem Einfluß des
Florentiner Dekorationsstiles nichts zu spüren. Oberitalien: Venedig
und die Terra ferma, Mailand, vor allem aber die Certosa von Pavia
und der Dom von Como sind die bestimmenden Vorbilder für die deutsche
Kunst gewesen. Mußten sie doch in ihrem überquellenden, dekorativen
Reichtum, ihrer Häufung lebensvoller Motive den Herzen der deutschen
Künstler anders zusagen als die Florentiner Renaissance, für deren
Klarheit und feines Maßhalten ihnen jegliches Verständnis fehlte, ja
immer gefehlt hat. Unter den frühesten dieser Wanderer befand sich
zweifellos ein Sohn Peter Vischers, Peter der Jüngere, wenn wir auch
die hiefür angeführten Urkunden kaum auf ihn anwenden dürfen[71]. Er
kam noch frühzeitig genug zurück, um dem Vater die Resultate seiner
Reise vorzulegen und die beiden großen Künstler begaben sich nun
daran, dieselben an dem Sebaldusgrabe, das ursprünglich in gotischem
Sinne geplant war, in ausgiebigster Weise zu verwerten. Mag auch die
Gotik hie und da durchblicken, der naive Beschauer erhält den Eindruck
vollständiger Renaissance und ähnlich mußten die Künstler urteilen,
welche damals das Wunderwerk ansahen. Es ist die Renaissance der
Certosa, mit der hier die Nürnberger bekannt gemacht werden. 1516 zog
ein anderer Sohn des Altmeisters, Hermann, nach Rom und auch er brachte
reichliche Ausbeute. Der Eindruck dieses Meisterwerkes nun, das heute
wohl als das vollkommenste Kunstwerk bezeichnet werden darf, welches
die alte Reichsstadt noch in ihren Mauern birgt, dieser Eindruck
muß ein geradezu siegender gewesen sein. Und daß er nicht verloren
ging, dafür sorgten die Arbeiten, welche in dem folgenden Jahrzehnt
(1519-1529) aus der Werkstatt der Vischer hervorgingen: ich erinnere
vor allem an das Grabmal Friedrichs des Weisen, die Epitaphien der
Eisen und Tucher und endlich an das wichtigste, das leider verlorene
Fuggergitter, welches nach den erhaltenen Zeichnungen geradezu den
Triumph der Renaissance in Nürnberg bedeutet. Man war lange geneigt,
die Bedeutung der Vischer’schen Gießhütte zu unterschätzen. Jetzt
dürfen wir wohl sagen, daß der Altmeister und seine Söhne die treibende
Kraft waren, sie haben den Bann gebrochen und den Nürnbergern die Augen
geöffnet. Was mußte es nicht bedeuten, wenn der nach Dürer mächtigste
Faktor in dem Kunstleben der Stadt -- und das war die Vischer’sehe
Gießhütte, deren Ruhm in Deutschland kaum geringer war, als der des
Malers -- mit solcher Entschiedenheit für den neuen Stil eintrat? --
In gleicher Zeit waren die sogenannten Kleinmeister bestrebt, den
neuen Stil in origineller Weise zu verdeutschen und zu verbreiten. Um
1530 war der Boden vollständig vorbereitet; aber noch war auf vielen
Gebieten der Kunst und insbesondere des Kunstgewerbes ein Schwanken
und eine Unsicherheit bemerkbar; diese verschwindet erst in dem
folgenden Jahrzehnt und ein Styl bricht sich Bahn, den wir vielleicht
als fränkische Hochrenaissance -- sit venia verbo -- bezeichnen dürfen.
Charakteristische Momente hierfür sind: die endliche Aufstellung des
ursprünglich für die Fugger bestimmten Gitters im Rathaussaale, der Bau
und die Innendekoration des Hirsvogelsaales, die Thür im Standesamt,
das Tucherhaus und zwar vor allem die Täfelung zweier Räume desselben,
zwei Schränke im germanischen Museum[72] (der eine 1541 bezeichnet),
vielleicht noch der emaillierte Pokal der Pfinzing’schen Stiftung[73]
und einige Oefen, die der Gegenstand dieses Aufsatzes sind.
Neben dem Fuggergitter scheint das Schaffen des Peter Flötner den
Ausschlag gegeben zu haben. Dieser Künstler ist in seiner Bedeutung
eigentlich erst in dem letzten Jahrzehnt entdeckt worden. Da der
Umkreis seines Schaffens noch immer strittig zu sein scheint und
somit auch das Urteil über seine eigentliche Bedeutung, er aber mit
unserem Thema in nächster Beziehung steht, so müssen wir von unsrer
Stellung zu der »Flötnerfrage« kurz Rechenschaft geben. Absolut sicher
d. h. zweifellos bezeichnet vom ihm sind etwa dreißig Holzschnitte,
fünf bis sechs Zeichnungen, eine Holzstatuette des Adam in Wien,
zwei Medaillen und ein Medaillenmodell aus Speckstein, aus gleichem
Stein ein Plakettenmodell, endlich durch Neudörfer bezeugt der
Kamin im Hirsvogelsaal[74]. Die Daten, die wir auf diesen Werken
besitzen, gehen von 1526-1546; vor 1522 ist der Meister in Nürnberg
eingewandert, 1546 ist er gestorben. Dazu kommt eine Notiz Sandrarts,
der ihn Formschneider nennt, sowie eine solche Doppelmayrs über »die
drei schönen mit Wasserfarben gemalten Stuck« aus der Praun’schen
Kunstkammer. Das sollte eigentlich, zusammengehalten mit dem Bericht
Neudörfers -- hier besonders wichtig, weil es sich um einen direkten
Zeitgenossen handelt --, den es korrigiert und ergänzt, genügen, um des
Meisters kunstgeschichtliche Stellung zu fixieren, wenn man bedenkt,
wie es der klassischen Archäologie gelingt, aus viel geringeren
Bruchstücken das Bild alter Künstler aufzubauen. Wir gewinnen aus
all dem folgende Anschauung des Meisters: er arbeitete in Speckstein
und Holz, sowohl Modelle für Medaillen und Plaketten, Vorlagen für
Goldschmiede etc., als auch selbständige kleine Skulpturen, letztere
manchmal auch in Kirschkern, Korallenzinken u. s. w. Ebenso konnte
er in großem Maßstabe und in Sandstein arbeiten. Architektonische
Entwürfe im Holzschnitt kamen dazu, Landschafts- und figürliche
Darstellungen, sowie Vorlagen für Kunstgewerbe, worunter die ersten der
Art in Deutschland für Renaissancemöbel. Er war selbst Formschneider.
Er zeichnete und aquarellierte schön. In »Perspektiv und Maßwerk«
war er erfahren. Das in den meisten Fällen neben dem P. F. als
Signatur angebrachte Handwerkszeug des Holzschnitzers legt uns, mit
Vorstehendem in Verbindung gebracht, die Vermutung sehr nahe, daß er
selbst kunstgewerbliche Gegenstände in Holz geschnitzt hat. Auch die
Qualität seiner Leistungen muß eine hohe gewesen sein. Er beherrscht
den menschlichen Körper gut und frei: mit Ausnahme der sicher
frühen Adamsstatuette ist von dem Modell -- wie noch bei so vielen
Zeitgenossen -- nichts mehr zu spüren. Seine Landschaften zeichnen
sich durch malerische und leichte Behandlung aus. Die Medaillen und
die Plakette gehören zu den besten deutschen Produkten auf diesem
Gebiete: es verrät sich in ihnen ein Sinn für Schönheit der Form,
der nur allzuselten ist. Durch die gleichen Eigenschaften werden
seine ornamentalen Entwürfe ausgezeichnet und sie heben ihn über alle
Ornamentisten der Zeit hinaus. »In Bezug auf Eleganz und Schliff steht
er allein Holbein nicht nach, dem er nur an Kraft und Frisch weichen
muß, wie Lichtwark mit Recht sagt. Auch ein Neuschöpfer scheint er
gewesen zu sein, denn man wird ihm hauptsächlich die Einführung der
Moreske in Deutschland zuschreiben dürfen, die er sofort mit höchster
Sicherheit und Geschmack handhabt. Er ist fast der Einzige, der die
reinen Formen der oberitalienischen Frührenaissance einigermaßen
versteht und darin arbeitet, ohne daß das seiner schöpferischen
Leistung in Anbetracht der damaligen Lage Abbruch thut. Oberitalien muß
er aufs eifrigste studiert haben. Nicht nur, daß ein Teil seiner Betten
Variationen, allerdings freie und selbständige nach Polifilo sind; die
Erinnerung an die Certosa und an Como verfolgt ihn stets in seinem
Schaffen; seine Kapitelle und sein Rankenwerk, Grottesken und Trophäen,
seine architektonischen Entwürfe sind unter dem direkten Einfluß des
Comasker Domes entstanden; ebenso die Art, wie er Delphine, Voluten und
anderes verwendet. -- Seinen deutschen Zeitgenossen steht er durchaus
selbständig gegenüber, insbesondere Dürer, wie schon als auffällig
bemerkt wurde, aber auch Peter Vischer. Alles in Allem ein Meister von
respektabler Vielseitigkeit und Begabung, wie geschaffen, nach dem Tode
der Genannten die Führung in Nürnberg zu ergreifen. War er diesen auch
weitaus nicht ebenbürtig, so fand er jetzt, soviel wir wissen, seines
Gleichen kaum mehr in der Stadt. Auch dasjenige, was wir ihm auf Grund
obengenannter Werke mit aller Sicherheit, die überhaupt Stilkritik
sowie andere Kombinationen geben können, zuschreiben dürfen, bestätigt
das Gesagte. Unter anderem gehören dazu die meisten Holzschnitte
zum Vitruv und zur Perspektive des Rivius, die allerdings zum Teil
nach Cesariano gearbeitet sind, aber selbst dann, wie schon Lübke
bemerkt hat, denselben verbessern, in vielen Fällen auch die einfache
Kontur mit reicherem Leben ausfüllen. Über die große Bedeutung der
beiden Drucke und ihrer Illustrationen für die Kunst der Zeit ist es
überflüßig, ein Wort zu verlieren. -- Kurz: Flötner ist zwischen 1530
und 1540 von dominierendem Einfluß auf die fränkische Kunst gewesen,
wenn auch nicht der Bahnbrecher der Renaissance κατ’ ἐξοχὴν,
wie man ihn genannt hat.
Neben ihm darf nur noch Augustin Hirsvogel genannt werden, dieser
unstete, von einer Thätigkeit zur anderen übergehende Meister, man
möchte sagen ein auf kleineres Maß reduzierter deutscher Lionardo,
von dem wir ob lauter Vielseitigkeit nur wenig besitzen und über den
uns trotz Friedrichs verdienstvoller Monographie[75] noch die nötige
Klarheit fehlt. Für seine hohe Begabung haben wir erst vor kurzem einen
neuen Beweis erhalten durch Sigm. Wellisch[76], der gezeigt hat, daß
»Hirsvogel, dem als Urheber einer der ersten Stadtvermessungen der Ruhm
gebührt, in der Geschichte der praktischen Geometrie als Bahnbrecher
genannt zu werden, bei seiner geometrischen Aufnahme der Stadt Wien im
Jahre 1547 eine regelrechte Triangulierung angewendet hat, wonach ihm
die Ehre gebührt, künftighin in der Geschichte als der älteste Erfinder
der Triangulierung bezeichnet zu werden.« Diese bedeutende Erfindung
wurde zuerst einem Franzosen (1692), dann einem Engländer (1671),
endlich und bis heute dem Niederländer Snellius (1617) zugeschrieben.
Siebzig Jahre vorher scheint sie aber schon Hirsvogel gekannt zu haben.
-- Um nun seine künstlerische Bedeutung zu würdigen, wollen wir uns
wiederum an das Signierte halten: es ist nicht allzuviel. Neudörfer
spricht von seiner hervorragenden Leistung in der Glasmalerei, er habe
eine sonderliche Tuschierung und im Glasbrennen sonderlichen Vorteil
erfunden, auch im »Reißen« sei er gewaltig gewesen, überhaupt seinem
Vater und Bruder (der wichtigsten Glasmalerwerkstätte Nürnbergs am
Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts) in der Kunst überlegen.
Friedrich hat ihm daraufhin die Glasfenster der Rochuskapelle
zugeschrieben, welche aus seines Vaters Werkstätte hervorgegangen sind;
doch sind die Gründe, die H. Stegmann[77] dagegen angeführt hat, so
gewichtig, daß wir bis auf weitere Forschungen davon absehen müssen;
an der Ausführung war vielleicht Augustin beteiligt, die Entwürfe
scheinen von anderer Hand zu stammen. Von seinen Hafnerwerken ist uns
nichts Bezeugtes erhalten -- längst ist man, und durchaus mit Recht,
davon abgekommen, ihm jene zwar kuriosen, aber doch geringwertigen
Krüge zuzuschreiben, die im Handel noch unter seinem Namen gehen;
-- ebensowenig besitzen wir etwas von seinen in Stein geschnittenen
Wappen, worin er sehr fleißig und berühmt gewesen sein soll. Dieser
Umstand legt, in Anbetracht der damaligen Gewohnheiten, die Vermutung
nahe, daß er auch Medaillen- und Plakettenmodelle geschnitten hat. Auch
von seinen Arbeiten in Email -- wenn damit nicht gewisse Manipulationen
der Glasmalerei gemeint waren -- wissen wir nichts, wie auch von seinen
Malereien. Es wäre sicher eine lohnende Aufgabe, wollte jemand einmal
dem gesammten Schaffen und Leben dieses Meisters nachgehen, der auch
psychologisch interessant genug scheint; es dünkt mir nicht unmöglich,
daß sich noch Kunstwerke seiner Hand und auf ihn bezügliche Urkunden
finden lassen. Erhalten sind geometrische und geographische Werke und
Abhandlungen, auch ein Concordanz des alten und neuen Testamentes,
von ihm selbst zusammengetragen und ursprünglich jedenfalls mit
Bildern geschmückt; endlich für unser Thema das Wichtigste -- eine
Reihe von Radierungen, etwa 150 an der Zahl. Entwürfe für Gefäße,
Dolche, Ornamente, insbesondere Grottesken und Mauresken, Jagden,
Kostümfiguren, biblische Scenen, Landschaften und Porträts mit ihren
ornamental sehr wichtigen Umrahmungen. Hirsvogel ist vermutlich um 1488
in Nürnberg geboren, 1553 in Wien gestorben. Seine Radierungen sind
alle datiert von 1543-1550, es scheint also, daß er, früher mit anderen
Dingen beschäftigt, erst das letzte Jahrzehnt seines Lebens sich der
Ätzkunst gewidmet hat. Auch Hirsvogel ist durchaus Renaissancemeister,
steht aber seinen Neigungen nach in schroffem Gegensatze zu Flötner.
Strebte dieser nach Eleganz und Schönheit, so überbietet jener,
insbesondere in seinen Gefäßentwürfen alle Zeitgenossen durch
ausschweifende Phantastik, aber auch frische Originalität. Seine Gefäße
sind vielfach Kannen in der Gestalt hockender Böcke mit Visierhelmen,
Widder, Menschenkörper mit Löwenbeinen, Füße mit Wade u. s. w.,
Henkel und Ausguß in tollster Weise aus Löwenschwänzen, Zöpfen,
Schlangen, willkürlich gebrochenen Tüchern oder Helmzierden gestaltet.
Manchmal gibt er auch die Form eines Pokals und verziert ihn dann mit
naturalistischen Früchten, Menschengestalten etc. So barock das alles
ist und so stilwidrig es in der Ausführung wirken würde, es geht doch
ein kräftiger, großer Zug hindurch, der besonders auffällt, wenn man
von den in mancher Beziehung recht schönen Entwürfen des Meisters der
Kraterographie (1551) mit ihrer sinnlosen und deshalb kleinlichen
Häufung an Gliederungen zu ihm zurückkehrt. Wegen seines Geschmackes
an barocken Tierfiguren mußte ihm das Motiv der Groteske besonders
zusagen und er hat es denn auch vielfach verwendet, ja, einen eigenen
Typus eingeführt: »er zuerst in Deutschland füllt eine Fläche durch
übereinandergestellte Figuren und Tiere, die durch hängende Tücher
verbunden sind« (Lichtwark). Auch darin aber zeigt sich der Gegensatz
zu Flötner: er überfüllt die Fläche und häuft, unbekümmert um Klarheit,
willkürlich die Motive übereinander, so vor allem in den Dolchscheiden.
Mit souveräner Freiheit verwendet er alle überlieferten Motive und
verbindet sie in origineller, vorbildlicher Art, so die Grotteske
und das Rollwerk, welch’ letzteres er, seiner großzügigen Manier
entsprechend, massiv und einfach behandelt. So ist er in jeder Hinsicht
streng zu unterscheiden von den eigentlichen Kleinmeistern. -- Was
den Einfluß Italiens auf ihn betrifft, so verrät sich wohl in Manchem
die Kenntnis Como’s und der Certosa, doch nicht so, daß er mehr wie
Bücher, Stiche und Holzschnitte gesehen zu haben braucht: Venedig aber
und seine Umgegend hat er gründlich studiert und die Nachwirkung der
venetianischen Ornamentik ist nie zu verkennen.
So war also in den Jahren 1530-1540 die Richtung, welche man deutsche
Frührenaissance nennen kann, überwunden und es macht sich überall, auch
im Kunsthandwerk Nürnbergs das Streben nach reinerer »antikischer« Art
geltend; da konnte auch die Hafnerei nicht zurückbleiben. Die nötige
Grundlage war geboten durch die technische Errungenschaft, von der
wir im letzten Aufsatze sprachen: man hatte bereits angefangen, die
Kacheln größer zu bilden als bisher, diese neu gewonnene Fähigkeit
wurde nun begierig aufgegriffen und gesteigert: man konnte dadurch
und wollte von jener Übereinanderhäufung von Reihen kleiner Kacheln
absehen, was erforderlich, wenn man den ganzen Aufbau vereinfachen und
ihn zugleich zeitgemäß antikisierend umgestalten wollte. Jede Seite
des Aufsatzes erhielt nur mehr eine große Kachel -- höchstens noch ein
kleiner Fries darunter --, ebenso die Vorderseite des Feuerraumes,
dessen Nebenseiten aus zwei Kacheln zusammengesetzt wurden. Die Ecken
des Aufsatzes werden durch Pilaster, Säulen oder Hermen betont, welche
einen Fries und ein kräftig ausladendes Gesimse tragen; ein ähnliches,
von den gleichen Pilastern etc. an den Ecken und manchmal auch zwischen
den beiden Seitenkacheln gestützt, erhielt der Feuerraum, der sich nun
klar von dem Aufsatz scheidet. Beide haben, den Gesimsen entsprechend,
eine kräftige, reich gegliederte Basis, mit Akanthus, Schuppenornament
und dergleichen, geziemend geschmückt. Die Pilaster, Friese etc.
boten reichlich Raum zur Anbringung beliebter dekorativer Motive; die
großen Kacheln zeigen meist eine architektonische Umrahmung, Portikus
oder Nische, wie früher, aber in viel flacherem Relief und ohne
Häufung von Säulen oder Pfeilern; in dieser Umrahmung in der ersten
Zeit mit Vorliebe eine Vase oder eine einzelne Figur, eine Allegorie
oder ein Planet und anderes in dem Idealstile der Flötner, Solis und
Nachfolger; ohne Beifügung der ehemals so beliebten realistischen
Details. Mit geringen Ausnahmen verschmäht man alles Bunte und
bevorzugt die grüne Glasur, höchstens belebt durch leichte Vergoldung.
Die Modellierung ist meistens vorzüglich und läßt darauf schließen,
daß entweder tüchtige Bildhauer die Modelle der Formen herstellten,
oder daß einzelne Hafnermeister selber, wie später die Leupold und
andere, begabte Plastiker waren. Jedenfalls war der Geschmack der
Zeit soweit gestiegen, daß man sich nicht mehr mit rohen und sorglos
hergestellten Kacheln begnügte, und dem kam ein weiterer technischer
Fortschritt entgegen, die Verbesserung der grünen Glasur, ihre reinere
Zusammensetzung, welche einen viel dünneren Auftrag ermöglichte, bei
dem die Schärfe der Formen nicht allzusehr verlor; wesentlich trug dazu
bei, daß man jetzt die Reliefs zuerst mit einem feinen, weißen Thon
überzog, worauf die viel hellere und reinere Glasur in der Hauptsache
zurückzuführen ist. Bewundernswert ist bei den meisten der Kacheln
die außerordentlich geringe Dicke dieser großen Stücke. Mit dieser
Umgestaltung, die das eigentliche Prinzip, die Trennung von Feuerraum
und Aufsatz unangetastet ließ, ja eigentlich erst recht zum Ausdruck
zu bringen wußte, war für die fränkischen Hafner auf anderthalb
Jahrhunderte der Weg gewiesen, und sie hielten treu an diesem Schema,
sowie an dem quadratischen Grundriß des Aufsatzes und dem oblongen des
Feuerraumes fest.
Zu den ersten Stücken dieser Art gehören zwei heute auf der Burg
befindliche Öfen, deren Entstehen vielleicht noch in die dreißiger
Jahre des 16. Jahrhunderts fällt: der vielbesprochene Ofen im
sogenannten Arbeitszimmer des Königs und ein anderer im Wohnzimmer der
Königin.
[Illustration: Taf. II.
Grünglasierter Kachelofen, sogen. Hirsvogelofen, auf der Burg zu
Nürnberg.