Kupferstich v. J. 1524.]

1526 vollendete Dürer auch die zwei Tafeln mit den Gestalten der

vier Apostel, jetzt in der Pinakothek zu München. Zucker tritt hier

mit Eifer dafür ein, daß Dürer in diesen vier Gestalten die vier

Temperamente dargestellt habe. Ich will diese Frage nicht näher

untersuchen, denn ich halte sie für überflüssig. Zugegeben, Dürer

habe die vier Temperamente malen wollen, so hat er doch in der That

etwas ganz anderes gemalt. Die vier Temperamente sind Abstrakta, deren

allgemeiner Begriff sich in körperlichen Formen nur unvollkommen

aussprechen läßt, die vier Apostel sind konkrete Persönlichkeiten

voll des individuellsten Lebens. Eben darin und nicht darin, daß sie

schattenhafte Allgemeinheiten sind, beruht ihre nach Jahrhunderten

unwiderstehliche Macht; eben darin bilden sie einen Höhepunkt der

deutschen, einen Höhepunkt der neueren Kunst überhaupt.

Im Oktober 1526 stiftete Dürer die beiden Bilder auf das Nürnberger

Rathaus. Das Begleitschreiben lautete: _Fürsichtig ehrber weis lieb

Herren. Dieweil ich vorlengst geneigt wär gewest, Euer Weisheit mit

meinem kleinwirdigen Gemäl zu einer Gedächtnus zu verehren, hab ich

doch Solchs aus Mangel meiner geringschätzigen Werk unterlassen müssen,

dieweil ich gewusst, dass mit denselben vor Euer Weisheit nit ganz

wol hätt mügen bestehn. Nachdem ich aber diese vergangen Zeit ein

Tafel gemalt und darauf mehr Fleiss dann ander Gemäl gelegt hab, acht

ich Niemand wirdiger, die zu einer Gedächtnus zu behalten, denn Euer

Weisheit. Derhalb ich auch dieselben hiemit verehr, unterthänigs Fleiss

bittend, die wölle dies mein kleine Schenk gefällig und günstlich

annehmen und mein gönstig lieb Herrn, wie bisher ich allweg gefunden

hab, sein und bleiben. Das will ich mit aller Unterthänigkeit um Euer

Weisheit zu verdienen geflissen sein. Euer Weisheit unterthäniger

Albrecht Dürer._ -- Der Rat der Stadt beschloß am 6. Oktober, das

Geschenk anzunehmen, es der Stadt zu erhalten hat er nicht gewußt,

schon nach hundert Jahren kamen sie an den Kurfürsten von Bayern.

Sieht man von dem Curialstil der Widmung ab, so erkennt man leicht,

daß sich Dürer des Wertes der Bilder wohl bewußt war, daß er seiner

Vaterstadt sein Bestes gab. Man erkennt auch, daß er sein Ende nahen

sah; als ein kranker Mann war er aus den Niederlanden zurückgekommen

und hat sich nicht mehr erholt. Am 6. April 1528 endete er seine

irdische Laufbahn.

Springer sagt in seinem Dürer, ein längeres Leben hätte den von Dürer

hinterlassenen künstlerischen Schatz schwerlich vermehrt. Der Tausch

des Malerkittels gegen den Gelehrtenrock war endgiltig vollzogen. Wir

dürfen uns daher rühmen, daß wir Dürers Werk vollendet besitzen.

Thatsächlich nehmen theoretische Arbeiten in den letzten Lebensjahren

Dürers einen breiten Raum ein. Schon früh hatte er gesucht, sich über

die theoretischen Grundlagen seiner Kunst Klarheit zu verschaffen.

Um 1512-1513 trug er sich mit dem Plane, ein umfassendes Buch

zu schreiben, das wir nach heutigem Sprachgebrauch als Lehrbuch

der Malerei bezeichnen würden. Der Plan blieb liegen. Nach der

niederländischen Reise aber nahm er die Studien wieder auf und brachte

wenigstens einen Teil derselben, die Unterweisung der Messung mit

Zirkel und Richtscheit und die vier Bücher menschlicher Proportion,

sowie eine kleinere Schrift über die Befestigung von Städten,

Schlössern und Flecken zum Abschluß. Diese Werke, namentlich die

Proportionslehre gehen nun allerdings über den rein praktischen Zweck

hinaus und zeigen, daß die wissenschaftliche Erkenntnis für Dürer

Selbstzweck geworden ist.

Ob aber theoretische Studien die künstlerische Produktivität Dürers

dauernd zurückgedrängt haben würde, muß billig bezweifelt werden.

Dürers künstlerische Entwickelung bewegt sich bis in seine letzten

Lebensjahre in aufsteigender Richtung und von irgend welchen Nachlassen

der schöpferischen Kräfte ist nichts wahrzunehmen. So möchte er denn

wohl bei längerem Leben noch manches geschaffen haben. Da aber der

Tod all seinem Schaffen und Wirken früh ein Ende gesetzt hat, ist

diese Frage müßig, wohl aber hat eine andere ihre Berechtigung. Ist

Dürer zu allseitiger, voller Entfaltung der ihm verliehenen Kräfte

gelangt? Und diese Frage kann nicht in vollem Umfang bejaht werden.

Dürer ist von dem intensivsten Studium der Natur ausgegangen und hat

sich an demselben sein Leben lang weiter gebildet. So ist er denn

einer der größten Porträtmaler geworden. Er gibt in seinen Bildnissen

mehr als die äußere Form, er gibt das ganze Wesen der Dargestellten.

Dadurch ist er weiter befähigt, ideale Charakterfiguren von voller

innerer Konsequenz zu schaffen, an die wir glauben, wie an lebende

Persönlichkeiten. Solche sind die Apostelfiguren in Kupferstich und

vor allem die vier Apostel in München, die mit Recht den höchsten

Leistungen aller Malerei beigezählt werden.

Eine so intensive Ausgestaltung des Persönlichen drängt zur

Einzelfigur. Dürer hat darin erreicht, was möglich war, ein Überbieten

ist kaum denkbar. Allein sein Können war in der Schaffung einzelner

großer Gestalten nicht beschlossen, Begabung und Neigung waren

ursprünglich auf die Darstellung bedeutender Vorgänge in strengen

Kompositionen gerichtet. Die Himmelfahrt Mariae, das Rosenkranzfest,

das Allerheiligenbild sind solche Werke. Aber schon mehrere

Blätter der Apokalypse gehören hierher, sie sind trotz des kleinen

Maßstabes monumental. Um zu voller Wirkung zu kommen, verlangen

solche Kompositionen einen großen Maßstab. Was wir von Kompositionen

des großen Stils von Dürer haben, läßt wohl erkennen, daß er zur

Monumentalmalerei berufen war, allein die Aufträge blieben aus und

deshalb ist auch diese Richtung von Dürers Kunst nicht zu voller

Entfaltung gekommen. Wenn Dürer mehr als einmal das Malen verschwört,

so sind solche Aussprüche nicht durch die Vorliebe für Holzschnitt

und Kupferstich, sondern durch den Mißmut über die kümmerlichen

Verhältnisse veranlaßt, in Folge deren er keine Aufträge auf große

Bilder erhielt, oder wenn er solche erhielt, so schlecht bezahlt wurde,

daß er von langer aufopfernder Arbeit keinen Nutzen hatte.

So bilden denn Kupferstiche und Holzschnitte einen sehr großen Teil von

Dürers Werk. Durch sie hat er auf das Volk gewirkt und ist volkstümlich

geworden, wie kein zweiter deutscher Maler. Noch heute sind seine

Blätter im Original oder in guten Nachbildungen in den Händen Vieler.

Mit Recht hat ihnen deshalb Zucker ausführliche Betrachtungen gewidmet.

Aber sein höchstes Können hat Dürer nicht im Kupferstich, sondern in

der Zeichnung erreicht. Der Zeichner Dürer kommt bei Zucker wohl etwas

zu kurz.

Dürers Zeichnungen sind schon technisch betrachtet von wunderbarer

Schönheit (Fig. 3). Er führt die Feder, den Silberstift und die

Reißkohle mit gleicher Meisterschaft, sein Strich ist breit und sicher,

mit den einfachsten Mitteln werden die beabsichtigten Wirkungen

erreicht. Dabei sprechen Dürers Zeichnungen die Gedanken mit packender

Unmittelbarkeit aus. Zu ihrem vollen Erfassen ist ein gebildetes Auge

erforderlich, wer sich aber den Blick für sie angeeignet hat, dem sind

sie ein unversiegbarer Quell des edelsten Genußes. Sie sind neuerlich

durch die Ausgabe Lippmanns, die den Originalen so nahe kommt, als es

die heutige Reproduktionstechnik gestattet, zwar nicht weiten Kreisen,

doch aber allen wohlhabenden Liebhabern zugänglich geworden.

Die Bedeutung eines Künstlers für spätere Jahrhunderte bemißt sich

nach dem Verhältnis des allgemein Menschlichen zum zeitlich bedingten,

das sich in seinen Werken offenbart. Manches ist uns an Dürer fremd

geworden, ist veraltet; aber des Bleibenden ist unendlich mehr und

seine Werke werden für alle Zeiten zu den herrlichsten Besitztümern der

Menschheit zählen.

[Illustration]

[Illustration]

Mitteilungen aus dem Germanischen Nationalmuseum. Jahrgang 1900 · 第 25 / 80 题