1526 vollendete Dürer auch die zwei Tafeln mit den Gestalten der
vier Apostel, jetzt in der Pinakothek zu München. Zucker tritt hier
mit Eifer dafür ein, daß Dürer in diesen vier Gestalten die vier
Temperamente dargestellt habe. Ich will diese Frage nicht näher
untersuchen, denn ich halte sie für überflüssig. Zugegeben, Dürer
habe die vier Temperamente malen wollen, so hat er doch in der That
etwas ganz anderes gemalt. Die vier Temperamente sind Abstrakta, deren
allgemeiner Begriff sich in körperlichen Formen nur unvollkommen
aussprechen läßt, die vier Apostel sind konkrete Persönlichkeiten
voll des individuellsten Lebens. Eben darin und nicht darin, daß sie
schattenhafte Allgemeinheiten sind, beruht ihre nach Jahrhunderten
unwiderstehliche Macht; eben darin bilden sie einen Höhepunkt der
deutschen, einen Höhepunkt der neueren Kunst überhaupt.
Im Oktober 1526 stiftete Dürer die beiden Bilder auf das Nürnberger
Rathaus. Das Begleitschreiben lautete: _Fürsichtig ehrber weis lieb
Herren. Dieweil ich vorlengst geneigt wär gewest, Euer Weisheit mit
meinem kleinwirdigen Gemäl zu einer Gedächtnus zu verehren, hab ich
doch Solchs aus Mangel meiner geringschätzigen Werk unterlassen müssen,
dieweil ich gewusst, dass mit denselben vor Euer Weisheit nit ganz
wol hätt mügen bestehn. Nachdem ich aber diese vergangen Zeit ein
Tafel gemalt und darauf mehr Fleiss dann ander Gemäl gelegt hab, acht
ich Niemand wirdiger, die zu einer Gedächtnus zu behalten, denn Euer
Weisheit. Derhalb ich auch dieselben hiemit verehr, unterthänigs Fleiss
bittend, die wölle dies mein kleine Schenk gefällig und günstlich
annehmen und mein gönstig lieb Herrn, wie bisher ich allweg gefunden
hab, sein und bleiben. Das will ich mit aller Unterthänigkeit um Euer
Weisheit zu verdienen geflissen sein. Euer Weisheit unterthäniger
Albrecht Dürer._ -- Der Rat der Stadt beschloß am 6. Oktober, das
Geschenk anzunehmen, es der Stadt zu erhalten hat er nicht gewußt,
schon nach hundert Jahren kamen sie an den Kurfürsten von Bayern.
Sieht man von dem Curialstil der Widmung ab, so erkennt man leicht,
daß sich Dürer des Wertes der Bilder wohl bewußt war, daß er seiner
Vaterstadt sein Bestes gab. Man erkennt auch, daß er sein Ende nahen
sah; als ein kranker Mann war er aus den Niederlanden zurückgekommen
und hat sich nicht mehr erholt. Am 6. April 1528 endete er seine
irdische Laufbahn.
Springer sagt in seinem Dürer, ein längeres Leben hätte den von Dürer
hinterlassenen künstlerischen Schatz schwerlich vermehrt. Der Tausch
des Malerkittels gegen den Gelehrtenrock war endgiltig vollzogen. Wir
dürfen uns daher rühmen, daß wir Dürers Werk vollendet besitzen.
Thatsächlich nehmen theoretische Arbeiten in den letzten Lebensjahren
Dürers einen breiten Raum ein. Schon früh hatte er gesucht, sich über
die theoretischen Grundlagen seiner Kunst Klarheit zu verschaffen.
Um 1512-1513 trug er sich mit dem Plane, ein umfassendes Buch
zu schreiben, das wir nach heutigem Sprachgebrauch als Lehrbuch
der Malerei bezeichnen würden. Der Plan blieb liegen. Nach der
niederländischen Reise aber nahm er die Studien wieder auf und brachte
wenigstens einen Teil derselben, die Unterweisung der Messung mit
Zirkel und Richtscheit und die vier Bücher menschlicher Proportion,
sowie eine kleinere Schrift über die Befestigung von Städten,
Schlössern und Flecken zum Abschluß. Diese Werke, namentlich die
Proportionslehre gehen nun allerdings über den rein praktischen Zweck
hinaus und zeigen, daß die wissenschaftliche Erkenntnis für Dürer
Selbstzweck geworden ist.
Ob aber theoretische Studien die künstlerische Produktivität Dürers
dauernd zurückgedrängt haben würde, muß billig bezweifelt werden.
Dürers künstlerische Entwickelung bewegt sich bis in seine letzten
Lebensjahre in aufsteigender Richtung und von irgend welchen Nachlassen
der schöpferischen Kräfte ist nichts wahrzunehmen. So möchte er denn
wohl bei längerem Leben noch manches geschaffen haben. Da aber der
Tod all seinem Schaffen und Wirken früh ein Ende gesetzt hat, ist
diese Frage müßig, wohl aber hat eine andere ihre Berechtigung. Ist
Dürer zu allseitiger, voller Entfaltung der ihm verliehenen Kräfte
gelangt? Und diese Frage kann nicht in vollem Umfang bejaht werden.
Dürer ist von dem intensivsten Studium der Natur ausgegangen und hat
sich an demselben sein Leben lang weiter gebildet. So ist er denn
einer der größten Porträtmaler geworden. Er gibt in seinen Bildnissen
mehr als die äußere Form, er gibt das ganze Wesen der Dargestellten.
Dadurch ist er weiter befähigt, ideale Charakterfiguren von voller
innerer Konsequenz zu schaffen, an die wir glauben, wie an lebende
Persönlichkeiten. Solche sind die Apostelfiguren in Kupferstich und
vor allem die vier Apostel in München, die mit Recht den höchsten
Leistungen aller Malerei beigezählt werden.
Eine so intensive Ausgestaltung des Persönlichen drängt zur
Einzelfigur. Dürer hat darin erreicht, was möglich war, ein Überbieten
ist kaum denkbar. Allein sein Können war in der Schaffung einzelner
großer Gestalten nicht beschlossen, Begabung und Neigung waren
ursprünglich auf die Darstellung bedeutender Vorgänge in strengen
Kompositionen gerichtet. Die Himmelfahrt Mariae, das Rosenkranzfest,
das Allerheiligenbild sind solche Werke. Aber schon mehrere
Blätter der Apokalypse gehören hierher, sie sind trotz des kleinen
Maßstabes monumental. Um zu voller Wirkung zu kommen, verlangen
solche Kompositionen einen großen Maßstab. Was wir von Kompositionen
des großen Stils von Dürer haben, läßt wohl erkennen, daß er zur
Monumentalmalerei berufen war, allein die Aufträge blieben aus und
deshalb ist auch diese Richtung von Dürers Kunst nicht zu voller
Entfaltung gekommen. Wenn Dürer mehr als einmal das Malen verschwört,
so sind solche Aussprüche nicht durch die Vorliebe für Holzschnitt
und Kupferstich, sondern durch den Mißmut über die kümmerlichen
Verhältnisse veranlaßt, in Folge deren er keine Aufträge auf große
Bilder erhielt, oder wenn er solche erhielt, so schlecht bezahlt wurde,
daß er von langer aufopfernder Arbeit keinen Nutzen hatte.
So bilden denn Kupferstiche und Holzschnitte einen sehr großen Teil von
Dürers Werk. Durch sie hat er auf das Volk gewirkt und ist volkstümlich
geworden, wie kein zweiter deutscher Maler. Noch heute sind seine
Blätter im Original oder in guten Nachbildungen in den Händen Vieler.
Mit Recht hat ihnen deshalb Zucker ausführliche Betrachtungen gewidmet.
Aber sein höchstes Können hat Dürer nicht im Kupferstich, sondern in
der Zeichnung erreicht. Der Zeichner Dürer kommt bei Zucker wohl etwas
zu kurz.
Dürers Zeichnungen sind schon technisch betrachtet von wunderbarer
Schönheit (Fig. 3). Er führt die Feder, den Silberstift und die
Reißkohle mit gleicher Meisterschaft, sein Strich ist breit und sicher,
mit den einfachsten Mitteln werden die beabsichtigten Wirkungen
erreicht. Dabei sprechen Dürers Zeichnungen die Gedanken mit packender
Unmittelbarkeit aus. Zu ihrem vollen Erfassen ist ein gebildetes Auge
erforderlich, wer sich aber den Blick für sie angeeignet hat, dem sind
sie ein unversiegbarer Quell des edelsten Genußes. Sie sind neuerlich
durch die Ausgabe Lippmanns, die den Originalen so nahe kommt, als es
die heutige Reproduktionstechnik gestattet, zwar nicht weiten Kreisen,
doch aber allen wohlhabenden Liebhabern zugänglich geworden.
Die Bedeutung eines Künstlers für spätere Jahrhunderte bemißt sich
nach dem Verhältnis des allgemein Menschlichen zum zeitlich bedingten,
das sich in seinen Werken offenbart. Manches ist uns an Dürer fremd
geworden, ist veraltet; aber des Bleibenden ist unendlich mehr und
seine Werke werden für alle Zeiten zu den herrlichsten Besitztümern der
Menschheit zählen.
[Illustration]
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