XII.

Meine Gedanken waren noch immer bei dem Schäferhannes. Wo sollte er

weilen?

Plötzlich wurde ich in meinem Sinnen gestört. Im dürren Laube hörte ich

hastige Schritte, welche sich rasch näherten. Scharf spähte ich durch

die Äste nach dem Waldboden. Zwei junge Bauern stürzten schweißbedeckt

aus dem Tale herauf.

Dicht unter dem Baum, worauf ich saß, blieben sie einen Augenblick

stehen. Außer Atem beratschlagten sie in abgerissenen Worten, wohin sie

weiterflüchten sollten. Der eine von ihnen deutete nach dem Ginsterfelde

nebenan und dann darüber hinaus nach dem Dorfe. Der andere schien mit

diesem Plan durchaus nicht einverstanden. Keuchend stieß er die Worte

hervor: „Freies Feld ... erschießen!“ Aber es war keine Zeit zu

verlieren, unten vom Tale herauf schallten fremdlautige Worte, und im

dürren Laube am Waldesboden hörte man wieder Schritte, die sich vom Tale

herauf näherten. Rasch entschlossen lief der eine der beiden Flüchtlinge

im Zickzack durch den hohen Ginster. Der zweite aber blickte ratlos nach

allen Seiten. Schließlich umklammerte er eine der mächtigen alten

Eichen. Mit Aufbietung aller Kräfte suchte er dieselbe möglichst schnell

zu ersteigen, um so der Gefahr zu entrinnen. Die Hälfte des Baumes hatte

er ungefähr erklettert, da rannte schon ein französischer Soldat mit

gefälltem Bajonett unter dem Baume durch. Schon spähte er im Weitereilen

rings durch das Untergehölz und eilte dann durch das Ginsterfeld weiter.

Nach oben hatte er nicht geschaut, und so war er an dem Flüchtling

vorbeigelaufen. Kaum war er unter dem Baume verschwunden, da kletterte

dieser rasch weiter. Der Baum war inwendig ganz hohl, ich kannte ihn von

früher. Oben, wo die Äste auseinandergingen, konnte bequem ein Mensch

hineinkriechen und sich darin verbergen. Das schien auch der Plan des

Flüchtlings gewesen zu sein, denn sobald er die Äste erreicht hatte,

schlüpfte er schon in den hohlen Baum. Genau hatte ich ihn beobachtet.

Als ich nach einer Weile wieder zum Baume hinblickte, sah ich nur mehr

seinen Scheitel sowie die Fingerspitzen, mit denen er sich oben an der

Baumrinde festhielt. Vom Boden aus war es unmöglich, ihn zu entdecken.

Verschiedene Male sah ich noch unter dem Baume feindliche Soldaten

suchend hin und herlaufen. Daß aber der Flüchtling, den sie suchten, im

hohlen Baum steckte, ahnten sie nicht.

Nach Verlauf einer Stunde ungefähr gaben sie das Suchen auf und

verschwanden wieder bergab in der Richtung nach Clerf.

„Wie wird sich der Verfolgte freuen!“ dachte ich. So nahe dem Verderben

und nun doch noch glücklich gerettet!

Bange fragte ich mich, ob er nun gleich nach Abzug der Verfolger aus

seinem Versteck herabsteigen oder ob er erst im Dunkel der Nacht sich

auf den Heimweg begeben werde. Das Letztere hätte ich ihm entschieden

angeraten.

Lange spähte ich durch den Wald, ob keine andern Feinde seinen Spuren

folgten. Alles blieb still. Als ich wieder nach dem hohlen Baume sah,

konnte ich nichts mehr von dem Flüchtling erblicken. „Vielleicht“,

dachte ich, „ist er schnell herab gestiegen, während ich den Verfolgern

nachsah, und er ist seinem Begleiter gefolgt.“ Um mich zu vergewissern,

überflog ich in niedriger Höhe den Baum. Der junge Mann war wirklich

verschwunden. Nur die tiefe Höhlung sah ich schwarz im Baume klaffen.

Von allem, was ich im Walde gesehen, war ich sehr aufgeregt, und schon

hatte ich gedacht, mich in einigen Tagen nicht mehr aus den Bäumen

herauszuwagen. Wer wußte auch, ob nicht irgendwo ein Franzosensoldat auf

der Wache liege und mir in einem unbewachten Augenblick eine

totbringende Kugel heraufsenden könnte. Aber anderseits plagte mich doch

die Neugierde, und nur zu gerne wäre ich nach Clerf geflogen, um über

den Ausgang des Treffens Näheres zu erfahren. Auch das Los des

Schäferhannes, der gewiß am Kampfe teilgenommen, da er schon so lange

nicht mehr mit den Schafen zur Weide gekommen, beunruhigte mich sehr.

Zuletzt siegte die Neugierde.

Vorsichtig hob ich mich über die Bäume und flog gegen Marnach, von woher

früh am Morgen die ersten Schüsse gefallen waren. Doch kaum war ich fünf

Minuten geflogen, als ich rasch niedersteigen mußte. Auf der Landstraße

marschierten ganze Scharen französischer Soldaten. Schußbereit trugen

sie die Flinte in den Händen. „Soldatenvolk ist leichtfertig“, dachte

ich. „Mein Leben durch eure Kugeln zu lassen ist mir gar nicht lieb.“

Rasch verbarg ich mich in einer dichten Tanne. Erst im schützenden

Dunkel der Nacht wollte ich nach Hause zurückkehren.

Schon lag heller Mondschein über den Fluren, als ich nach Reuler

zurückflog. In der Straße standen schwarze Gestalten vor den Haustüren.

Wer war es und was mochten sie so leise sprechen? Geräuschlos ließ ich

mich am Wege nieder, um zu horchen. Doch es war umsonst. Alle redeten

nur mit leiser Stimme. Soviel erfuhr ich nur, daß es Dorfleute waren,

die die Ereignisse des Tages besprachen.

Gegen Mitternacht kam ich an meiner Wohnung an. Alsbald versank ich in

tiefen Schlaf, denn von all den Aufregungen des vergangenen Tages war

ich todmüde geworden.

Schon stand die Sonne hoch am Himmel, als ich andern Tags erwachte.

Dicht aus meiner Nähe kamen menschliche Hilferufe. Sofort dachte ich an

die beiden Flüchtlinge von tagszuvor. Oder sollte sich vielleicht ein

Verwundeter von Clerf herauf bis hiehin geschleppt haben und nun

erschöpft im Walde liegen, ohne weiterkommen zu können? Ringsherum

spähte ich durch den Wald, konnte indes keinen Menschen entdecken. Und

doch tönten die Hilferufe immer weiter. Ich horchte nach der Richtung

und flog einige Bäume weiter. Blitzartig stieg mir ein Gedanke auf. Der

Flüchtling, der gestern den Baum erstiegen und sich darin versteckt

hatte, wird es doch nicht sein?

Ich eilte zur alten Eiche. Richtig, da kamen die dumpfen Rufe tief unten

aus dem dunkeln Baume. Mit einem Schlage war mir alles klar. Eine dünne,

schon angefaulte Holzschicht war es wohl nur gewesen, auf die er sich im

Baume gestellt hatte, und nun war diese eingebrochen, und so hatte er

plötzlich allen Halt verloren. Einige Zeit mochte er sich noch

festzuhalten vermocht haben, dann aber hatten schließlich die Finger

seine ganze Last nicht mehr tragen können. Sich herauszuarbeiten war

unmöglich, und so war er schließlich hinuntergestürzt in den tiefen,

hohlen Baum. Nun lag er drunten in der Finsternis und war rettungslos

verloren, wenn ihm nicht bald von außen Hilfe kam.

„Armer Mensch,“ dachte ich, „wie will Jemand hier im Walde deine Rufe

hören, und sollte auch Jemand sie vernehmen, wie kann er dich in diesem

Gefängnis finden?“ Ich selbst konnte ihm nicht helfen; was hätte ich für

ihn tun können? So rief er den ganzen Nachmittag, während des Abends und

manchmal noch während der Nacht. Wie aus der Unterwelt herauf schallte

seine schaurige Stimme durch das stille Dunkel des Waldes.

Zwei lange Tage verstrichen. – Von Stunde zu Stunde wurde seine Stimme

flehentlicher. Erst am Nachmittag des dritten Tages kamen zwei Männer in

die Gegend.

Wieder rief es herzzerreißend aus dem hohlen Baum: „Hilfe, Hilfe!“ Wie

aus den hohen Lüften schien der Ruf zu kommen. Die Männer hatten die

Stimme gehört. Auch sie dachten an einen Verwundeten und suchten im

Dickicht. Sie fanden nichts.

Wieder erscholl die Stimme. Durch die Baumkronen schien sie diesmal in

den Wald dahinzuziehen.

Erschrocken eilten die Männer davon. Nach einiger Zeit kamen sie mit

verschiedenen Dorfbewohnern zurück. Alle suchten die Gegend auf’s

genaueste ab.

Immer noch erscholl das geheimnisvolle Rufen. Man suchte und suchte.

Dann horchten sie wieder und suchten noch einmal. Einige hatten schon

das Ohr an den Boden gelegt; um zu lauschen; ganz bis in die Nähe des

hohlen Baumes war niemand gekommen.

Da alles Suchen vergebens blieb, begann es den Männern unheimlich zu

werden. Fragend blickten sie einer den andern an.

„Das geht nicht mit rechten Dingen zu“, sprach endlich einer von ihnen

schüchtern. „Hilferufe ertönen und niemand ist da, von dem sie kommen!

Schließlich fange ich an zu glauben, was einst unsere Großmutter

erzählte. Hier im Walde gehe seit Jahrhunderten der Geist eines Mörders

um, der keine Ruhe finden könne. In früheren Zeiten schon habe man

manchmal in stillen Nächten seine kläglichen Hilferufe vernommen.“

Keiner der Männer entgegnete ein Wort. Wehmütig klagend drang abermal

die Stimme durch den Wald. Die Sucher erbleichten. Einer um den andern

verschwand eilig durch das Ginsterfeld. Lange Zeit sah ich keinen

Menschen mehr in der Gegend.

Anderntags ertönten die Hilferufe viel schwächer. Allmählich gingen sie

in ein leises Stöhnen und Wimmern über, bis auch dieses in einer

stürmischen Nacht verstummte.

Zwanzig Jahre später fand der Holzschlag an dieser Stelle des Waldes

statt. Auch die hohle Eiche wurde gefällt. Als sie mit dumpfem Schlage

bergab zur Erde stürzte, rollten aus ihr der weiße Totenschädel und die

gebleichten Gebeine des in ihr verhungerten Mannes.

„O der Unglückliche!“ klagten die Räblein, „das war ein bitterer,

grausiger Tod. Wie schade, daß man den armen Mann nicht beizeiten

gefunden und herausgezogen hat!“

Der kleine Rapsi weinte.

[Illustration: Der Schäferhannes hatte die Räblein gerne; oft flog ich

zu ihm hin und lauschte seinen Gesprächen.]

„Hu Väterchen,“ sprach er leise, indem er zitternd näherrückte, „bitte,

erzähle heute Abend keine so schaurige Geschichte mehr. Ich fürchte

heute Nacht kehrt sie mir im Traume wieder; ich sehe dann lauter bleiche

Schädel und verhungerte Tote und ich sterbe fast vor Angst. Vielleicht

schreie ich wieder im Schlafe laut auf wie letzthin, und morgen spotten

meine Brüder. Väterchen Hans, erzähle lieber von deinen Jagden oder wie

du die bösen Menschen betrogen hast, du weißt ja. Neulich hast du uns so

lange und so spannend davon gesprochen.“

„Nein Väterchen, das nicht,“ wehrte Rassi, „das wissen wir schon, ich

höre lieber von der alten Zeit. Wurden also die Franzosen im Kampfe

Meister, Väterchen Hans, und haben sie nachher die Priester verfolgt und

die jungen Männer zum Kriegsdienst ausgehoben, wie du eben vorhin

sagtest?“

Was der schwarze Hans erlebte: Kindererzählung aus der Heimat · 第 14 / 19 题