Doch nicht lange mehr erzählte er mir freudige Geschichten und Märchen.
In den letzten Monaten war er so ernst geworden, und seine Stirne lag
fast beständig in sorgenvollen Falten. Als ich ihm darüber einmal einen
fragenden Blick zuwarf, erzählte er mir, es kämen vielleicht bald für
das schöne Ösling schlimme Zeiten. Die Franzosen, nicht zufrieden in
ihrem Land Unheil angestiftet zu haben, seien auf dem Wege nach
Luxemburg, um ihren schlimmen Gesetzen auch dort Geltung zu verschaffen.
„Esch an der Alzette hätten sie schon vor längerer Zeit eingenommen“,
erzählte er „und da die Einwohner sich in den Leudelingerwald
geflüchtet, hätten sie das Dorf in Brand gesteckt. Der alte Küster von
Düdelingen, der die Sturmglocke läutete, sei vom Kirchturm herab auf den
Kirchhof geworfen und 82 Einwohner getötet worden. Im ganzen Lande
wollten sie ihre gottlosen Gesetze einführen. Die Priester wollten sie
zwingen einen verbotenen schlechten Eid zu schwören, und da diese es
nicht wollten, setzten sie dieselben ab und drohten ihnen mit Verbannung
und Verfolgung. Die Kreuze rissen sie von den Kirchen, von den Wegen und
den Gräbern, der Sonntag sollte nicht mehr gefeiert werden, sondern in
seine Stelle jeder zehnte Tag ein Feiertag werden. Dazu sollte auch noch
das Land von der Karte Europas verschwinden, sollte die liebe Heimat
eine Provinz des Franzosenreiches werden; selbst der Name Luxemburgs
sollte nicht mehr genannt werden, nur als „Wälderdepartement“ sollte er
bestehen bleiben. Kriegssteuern zahlen müßten dazu die freiheitliebenden
Gaue der Heimat. Pferde sollten sie stellen für fremde Kriege, und
Militäraushebungen sollten stattfinden, wie seit Jahrhunderten nicht
mehr. Alle jungen Leute von 20 bis 25 Jahren würden eingezogen zum
Kriegsdienst unter französischen Fahnen; für Fremde sollten sie ihr Blut
vergießen und wahrscheinlich fern der Heimat einen fast sichern Tod
finden. Und dann erzählte Hannes mir die Greueltaten, die sie verübt in
der Stadt Luxemburg, wie sie das Heiligtum der Muttergottes, die
Wallfahrtskapelle geplündert und auch andere Kirchen entweiht hätten.
Aus der Franziskanerkirche sei ein Waffensaal geworden, aus der
Kapuzinerkirche ein Mehlmagazin, aus der Congregationskirche ein
Theatersaal und aus der Dominikanerkirche ein Saal für republikanische
Festgelage.“
Wie er das erzählte, da blitzten die Augen des Schäfers wild auf. Er,
der sonst so sanfte Mann, glühte vor Zorn; seine Stimme zitterte, daß
ich mich beinahe vor ihm fürchtete. Zuletzt sprang er auf, und indem er
die feste Faust nach dem Süden des Landes ballte, rief er: „Doch kommt
ihr Gottesschänder, hier im Ösling sollt ihr eure Herren finden! Es geht
um den Glauben, kommt!“ Dabei schlug er seine Hirtenschaufel auf den
Boden, daß der Stab splitternd in Stücke fuhr. In weitem Bogen
schleuderte er sie dann weg und sprach: „Ach was, fahre hin, ohnedies
kann ich dich in den nächsten Wochen nicht mehr brauchen; einen andern
Stab habe ich genommen; gescheuert steht er und geladen. Wehe dem
Ersten, den ich hier entdecken werde!“
Ohne ein Wort des Abschiedes ging er seiner Herde voraus und fuhr nach
Hause. Es war der letzte Tag, an dem ich ihn auf dem Felde bei der Herde
sah.
In den kommenden Wochen sah ich die Männer der Gegend oft zusammenstehen
und leise miteinander reden. Dann und wann hielten sie Versammlung im
Walde und schafften Waffen und Lebensmittel herbei, die sie an
abgelegenen, schwer zugänglichen Orten sorgsam versteckten. Daß sich
etwas Besonderes vorbereite, merkte ich wohl, was aber genau vor sich
gehe, wußte ich nicht, da der Schäferhannes nicht mehr mit seiner Herde
kam. Da erschienen eines Nachmittags im Ginsterfelde einige Hundert
Mann. Mit allen möglichen Waffen waren sie ausgerüstet. Einige trugen
Flinten, Sensen, auf lange Stangen aufgesetzte Heuhaken, andere Flegel
und Picken. Voller Aufregung beratschlagten sie miteinander, was zu tun
sei. Schließlich hörte ich, wie sie einig wurden nach Clerf
hinabzuziehen um dort die Franzosen zu erwarten. Im Schloß daselbst
würden sie sich verschanzen, dort würde es anderntags heißen: „Siegen
oder sterben!“
Also mußten die feindlichen Scharen wohl schon in der Nähe stehen.
Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen. Was sollte ich anderntags
tun?
Nach Clerf hinunterfliegen? Aber, wenn es zur Schlacht kommen sollte,
würden gewiß allenthalben die Kugeln durch die Bäume sausen und dann
...! Weshalb sollte ich mich einer solchen Gefahr aussetzen, wo ich doch
nichts helfen konnte? So entschloß ich mich denn in meinem Walde zu
bleiben und abzuwarten; später würde ich den Ausgang doch so wie so
erfahren.
Gespannt horchte ich am andern Morgen, ob ich nichts hören könnte. Alles
blieb still. Niemand arbeitete auf den Feldern. Alles war wie
ausgestorben. Nur von der Höhe droben, von Hosingen herüber, schallte
hie und da der Hufschlag dahinsprengender Pferde.
Eine schwüle Hitze lag über der Gegend. Da ich nachts nicht geschlafen
hatte, war ich sehr ermüdet. Angestrengt lauschte ich weiter. Einige
Zeit war wieder lautlose Stille. Tausend verschwommene Bilder schwirrten
durch mein müdes Hirn; nach und nach verlor ich mich in ein
träumerisches Sinnen und versank allmählich in einen festen Schlaf.
Gegen 10 Uhr mochte es sein, als ich jäh aufschreckte. Von den Höhen um
Marnach und aus dem Tale von Clerf herauf krachte Schuß auf Schuß.
Vielfältig warf das Echo den Knall zurück, und unheimlich hallte es
überall aus den Wäldern wieder.
Immer mehr zog sich der Lärm um Clerf zusammen.
Also war die Schlacht doch entbrannt. Im Geiste sah ich den
Schäferhannes und zitterte um sein Leben. Wie sollte der Tag enden? –
Sollten die braven Männer der Heimat die Oberhand behalten? – Sollten
sie die Fremdlinge hinunterjagen von den heimatlichen Bergen – oder
sollten diese weiterhin die Herzen und Gewissen eines freiheitliebenden
Volkes knechten?
Spät am Nachmittag hörte das Gefecht auf. Nur selten noch fiel ein Schuß
in den mehr nach Norden gelegenen Bergen.
Die Armee der Heimat, die braven „Klöppelmänner“, hatten die Schlacht
verloren. Einige lagen tot, andere saßen gefangen, andere zogen sich in
die Wälder zurück, um sich später wieder zu sammeln und den Kampf von
neuem aufzunehmen.