„Jawohl Rassi, nun kam für die Gaue der Heimat eine gar schlimme Zeit.
Ihr Gewissen verbot den Priestern des Öslings, den für sie
vorgeschriebenen Eid zu leisten. Wenn sie ihn nicht leisteten, wartete
ihrer die Verfolgung. Am 14. Brumaire des Jahres 7 ihrer neuen
Zeitrechnung erschien das Verfolgungsdekret. 417 Priester des
Wälderdepartements, so nannte man damals unser Land, wurden durch dieses
Schreiben verbannt. Ein Teil derselben, den sie fangen konnten, wurde
weit weggeführt nach den Inseln des Meeres nach Cayenne, Ré u. s. w.
Unsägliches mußten sie unterwegs oder am Ort ihrer Verbannung leiden.“
„Konnten sie denn nicht fortlaufen, Väterchen? Ich hätte mich vor den
Verfolgern versteckt. Gute Leute hätten gewiß diese Priester nicht im
Stich gelassen und hätten doch sicher für sie gesorgt!“
„Gewiß Rassi, so geschah es auch vielfach. Den größten Teil dieser
Priester fanden die Franzosen nicht. Einzelne flüchteten über den Rhein,
andere verbargen sich in Kellern, Wäldern und Klüften. Zwar durcheilten
französische Gendarmen die ganze Gegend und fahndeten nach ihnen, aber
oftmals umsonst. Manchmal habe ich mich im Herzen gefreut, wenn ich sah,
wie die braven Leute treu zu ihnen standen, und wie sie immer eine neue
List zu erfinden wußten, um die Häscher zu täuschen.“
„Hast du denn nie einen solchen Priester im Walde begegnet, Väterchen?“
„Gewiß, Rassi, mehr denn einmal. Im Spätsommer war es, wo ich oft am
frühen Sonntagmorgen, wenn kaum noch der Tag graute, die Leute der
Gegend behutsam durch den Ginster schreiten sah. Von Marnach herunter
und aus dem Tale kamen sie, von Pintsch, Drauffelt und Wilwerwiltz, dem
sogenannten „Kirchspiel“. „Wird’s eine neue Verschwörung werden?“ fragte
ich mich, als ich sie zum ersten Male kommen sah. „Sollen sie des
unerhörten Druckes, der auf ihnen lastet, müde, von neuem zu den Waffen
greifen und noch einmal in einem Aufstand die verlorene Freiheit
wiederzugewinnen suchen?“ Da sie alle nach derselben Richtung gingen,
entschloß ich mich, ihnen heimlich zu folgen, um zu sehen, was vorging.
Zwischen den Felsen auf schwer zugänglichen Pfaden stiegen sie, leise,
ganz leise bergan. Oben, von Felsen umrahmt, lag ein freies Plätzchen,
das man dort nicht vermutet hätte. Kopf an Kopf standen dort die von
allen Seiten herbeigekommenen Leute. Im Hintergrunde sah man ein
kleines, aus Ästen roh zusammengefügtes Kreuz und einen aus Steinen
errichteten niedrigen Altar. Ein abgemagerter Priestergreis schickte
sich eben an, das hl. Meßopfer darzubringen. Weiter rechts, an die
Felsen angelehnt, ein aus Tannenzweigen errichtetes Hüttlein, das dem
geächteten Priester als Wohnung diente. In andächtiger Stille standen
die Gläubigen da. Manch heiße Träne rann über die Wangen. Einige leise
Worte der Belehrung und Ermunterung bildeten die kurze Predigt. Nach dem
hl. Opfer beichteten noch einige und empfingen die hl. Kommunion. Still,
wie sie gekommen, verschwanden wieder die frommen Beter.
Zwei starke Männer warteten bis zuletzt. Als die letzten fortgegangen,
verabschiedeten auch sie sich und legten einige dicke Steine in den
Zugang zum freien Platz. Durch darüber gestreutes dürres Laub
verwischten sie die Fußspuren im Pfade und kehrten ebenfalls ernsten
Antlitzes nach Hause zurück.
Tagelang sah man wieder keinen Menschen in der ganzen Umgegend. Der
Priester aber betete in der Einsamkeit für seine Schäflein, daß Gott der
Herr sie stark erhalte, damit sie standhalten möchten in der Stunde der
Gefahr.
Dann und wann erschienen zu stiller Nachtstunde einige Männer am Eingang
der stillen Einöde und gaben ein verabredetes Zeichen. Der Priester ging
dann mit ihnen zu einem Kranken, der seiner begehrte, spendete die
heiligen Tröstungen der Kirche, und ehe wieder der neue Morgen graute,
hatten die Männer ihren Priester zurückbegleitet zu seinem stillen
Verstecke. Auch die Häscher sah ich manchmal den Wald durchstreifen,
aber jedesmal gingen sie vorüber. Sie fanden nicht, was sie suchten.
Schon in allen Häusern des Dorfes hatten sie verschiedentlich
Haussuchung vorgenommen. Alle Hecken und Wälder hatten sie abgesucht.
Sie wußten, daß der Priester in der Nähe weilen müsse, aber keine Spur
hatten sie von ihm entdeckt. Auch in der Sonntagsnacht hielten sie
manchmal am Dorfe Wacht, um zu sehen, ob die Leute Sonntags zur Messe
gingen. Regelmäßig aber war die Gegenwart der Häscher von aufgestellten
Dorfwachen gemeldet worden. Ehe noch der Tag graute, brachen dann einige
Dorfbewohner auf und schlichen geräuschlos nach der Our hinunter. In
einiger Entfernung vom Dorfe zündeten sie ihre Laternen an und
schwenkten sie rasch, als ob sie eilig weiterschritten. Die fremden
Gendarmen ließen sich täuschen. Während sie schnell nach der Our
hinuntereilten und dort alles durchsuchten, gingen die Dorfbewohner in
entgegengesetzter Richtung zur Messe. In den Hecken an der Our aber
waren längst die Laternen erloschen und alles Suchen war umsonst.
So verging Sommer und Frühherbst. Als der Winter mit strenger Kälte sich
einstellte, konnte der Priester nicht länger im Walde bleiben. Da kehrte
er ins Dorf zurück. Manche der Häuser hatten heimliche Verstecke. In
ihnen konnte er sich verbergen, wenn Gefahr drohte. Dort waren auch die
hl. Gefäße aufgehoben, und da die Kirche ihnen nicht zu Gebote stand,
kamen die Leute in Scheunen und Wohnräumen zusammen. Ein Tisch oder
Schrein wurde zum Altar und das Haus zur Kirche. Wachen umstanden das
Dorf und meldeten, wenn sich etwas Verdächtiges in der Gegend zeigte.
Verräter gab es keine, alle waren wie eine Familie. Einmütig sehnten sie
sich alle nach den Tagen der Freiheit und unterdessen trugen sie
geduldig die harten Leiden der Verfolgung. Traurige Stille lag über den
Dörfern und den Fluren, denn die Glocken waren von den Türmen
herabgenommen und nach Luxemburg geführt worden, um zu Kanonen
umgegossen zu werden.“
„Und wie ging es den rekrutierten jungen Leuten, Väterchen Hans, nach
dem Klöppelkrieg?“
„Ach Rassi, das war auch eine schlimme Sache. Allenthalben wurden sie
ausgehoben. Von 1798-1815 wurden nicht weniger als 14000 junge
Luxemburger unter die französischen Fahnen gestellt. Traurig zogen sie
aus der lieben Heimat fort, einem fast sicheren Tode entgegen. Die
wenigsten von ihnen sahen die Heimat wieder. Kaum ein Drittel gelangte
krank und gebrochen an den väterlichen Herd zurück. Über 9000 fanden den
Tod auf den Schlachtfeldern Europas. Ach wie manche bittere Träne sah
ich in jenen Tagen fließen, wie manche traurige Mutterklage hörte ich um
den dahingeschiedenen Sohn. Eine Familie um die andere kleidete sich in
Trauer, wenn die seltene Post eintraf, und Nachrichten aus der Ferne
einliefen. Über eines aber waren die Eltern am meisten untröstlich, daß
sie den Sohn nicht hatten betten können in die heimatliche Erde. Nun lag
er begraben, fern der Heimat, an irgend einer Küste Italiens, in den
heißen Landen Spaniens oder im brennenden Wüstensand Ägyptens. Alles,
nur nicht die liebe Heimaterde deckte seine irdischen Überreste. Und die
alten Großväter, die sonst in stiller Stube bleiben durften und nur dann
und wann aufs Feld gekommen waren, um der Arbeit ihrer rüstigen Kinder
und Enkel zuzusehen, mußten müde wieder zur Arbeit schreiten, und
gebeugt von der Last der Jahre gingen sie wieder hinter dem Pfluge oder
führten langsam die schwere Sense durch das zur Ernte reife Korn.
„Und da hatte ich immer gemeint,“ sprach Rassi, „jene Zeit, wo die
Luxemburger unter Napoleon dienten, sei eine glorreiche Zeit gewesen,
wenigstens so hatte es mir immer nach den Erzählungen meines Großvaters
geschienen.“
„Ja, Rassi, nachher läßt sich leicht von schönen Tagen reden! Wer sie
aber miterleben und in ihnen mitleiden muß, der wird nicht viel von
ihrer Schönheit reden. Freilich interessant war es manchmal, wenn einer
dieser „Napoleonsdiener“ das Glück hatte, nach seinen gefährlichen
Kriegsfahrten heimzukehren.
In glänzender Uniform stolzierten sie durch die Dörfer und wußten so
viel zu erzählen von ihren Heldentaten und all dem, was sie in der
Fremde gesehen und erlebt hätten. Manchmal freilich war auch recht viel
dazugelogen. Wohl leuchteten dann hin und wieder in Begeisterung die
Augen auf, wenn sie von dem „großen Kaiser“ erzählten, der nur einen
Blick über das Schlachtfeld zu werfen brauche, um zu sehen, was noch
fehle und wo er seine Reserven einsetzen müsse, um noch vor
Sonnenuntergang die Schlacht zu seinen Gunsten zu entscheiden. Dann
erzählten sie wieder, wie er trotz allen Glanzes, mit dem er sich umgab,
doch herablassend sei, gegen den letzten der Soldaten nicht weniger als
gegen seine tüchtigsten Generäle. Aber glaubt mir es Kinder, größer als
die Freude, die hie und da im Lande aufflackerte, war die Trauer, der
man überall begegnete. Es war wie es immer ist hier auf Erden: Einzelnes
Schöne kann ein Krieg mit sich bringen, schöner sind und bleiben die
Güter eines gesegneten Friedens.“