Anderntags, frühmorgens, als die Hähne von Michelau einer um den andern
den neuen Tag ankündigten, machte ich mich auf den Weg. Über Flehbour
und Lipperscheidterdellt hinweg flog ich an Hoscheid, Dickt und Hosingen
vorbei, immer dem Höhenzug folgend, nach Marnach. Dann und wann setzte
ich mich zu kurzer Rast nieder und gelangte gegen Mittag nach Urspelt.
Dichte Lohhecken bedeckten die Abhänge; auch hohe, schöne Tannen fanden
sich dort, und ich faßte den Entschluß: „Hier will ich bleiben“.
Doch auch dort fand ich keine Freunde. Die Raben dieser Gegend sahen in
mir nur einen Fremden; die Verleumdung derjenigen, die mich schon aus
der Nähe des Schlosses vertrieben, folgte mir auch dorthin. Alle
schlossen mich aus ihrer Gesellschaft aus und keiner wollte mit mir
reden. So beschloß ich denn, fern von ihnen ein einsames Leben zu
führen. „Dann bekomme ich auch mit Niemanden Streit“, dachte ich und gab
mich zufrieden. Im Walde bei Urspelt fand ich Unterkunft. Nahrung gab es
dort genug, und die dichten Tannen boten ein schützendes Dach gegen
Sonnenschein und Regen.
Eines Tages wollte ich mir die Umgebung näher ansehen und flog deshalb
über den Wald hinweg gegen Reuler. Auf einem der letzten Bäume setzte
ich mich nieder und betrachtete die Felder und Äcker, die sich längs des
Waldes hinzogen. Armes, wenig fruchtbares Land war es, meist bestanden
von Heidekraut und mannshohem Ginster. Am Waldessaum graste eine
Schafherde. Dann und wann hörte ich alte Schafstimmen einige Male
blöcken, und kleine weiße Lämmer eilten durch den Ginster, schlugen
rasch mit ihren Schwänzlein und eilten der Stimme nach. Am Ende des
Feldes wachte ein großer Hund, daß keines der Schafe darüber hinausgehe
und sich im Walde verliere.
Doch, wo sollte denn der Hirt weilen? Allein waren doch die Schäflein
gewiß nicht hiehergekommen, und trotzdem konnte ich ihn nirgends
entdecken. Suchend flog ich einige Bäume weiter, und schließlich
erspähte ich den Schäfer mitten im Felde. Er saß auf einer Bürde
Ginster, über die er seinen Mantel ausgebreitet hatte. Fleißig flochten
seine Hände weißgeschlissene Weiden zu kunstfertigen Körbchen, deren
schon einige nebenan im Grase lagen. Dicht neben ihm hockte auf einem
Steine ein alter Rabe. Unverwandt blickte er den Schäfer an und lauschte
seinen Gesprächen.
„Dieser Hirt scheint ein guter Mann zu sein“, dachte ich, „da der Rabe
so furchtlos bei ihm sitzt.“ Doch eines war mir ein Rätsel: Wie kamen
die beiden zusammen? „Soll der Rabe“, fragte ich mich, „alle Tage mit
dem Schäfer vom Dorfe herauskommen, oder wohnt er hier im Walde und
fliegt nur zu ihm hin, bis jener die Herde heimtreibt?“ Schon faßte ich
Mut; schon hoffte ich, vielleicht auch an diesem Mann einen Freund
finden zu können, wie einst an Rudi auf dem Schlosse. Sein
Gesellschafter, der Rabe, würde gewiß meine Lage verstehen und nicht so
grob gegen mich sein, wie die andern Kameraden bisher gegen mich
gewesen. – Doch wie sollte ich es anstellen, ein Gespräch mit ihnen
anzuknüpfen?
So flog ich denn näher und setzte mich auf den ihnen zunächststehenden
Baum. Dann rief ich einige Male laut zu ihnen hinunter, aber weder der
Schäfer noch der Rabe sahen auf; sie schienen meine Gegenwart gar nicht
zu beachten. So nahm ich mir ein Herz und flog ins Ginsterfeld hinunter,
wo ich in einiger Entfernung von ihnen mich niedersetzte. Auch jetzt
noch kümmerten sie sich nicht um mich. Da schritt ich mutig gerade auf
sie zu, blickte bald auf den Schäfer, bald auf den Raben, bis sie
endlich beide aufschauten und mich erstaunt ansahen.
Doch der Mann war nicht böse. Er bückte sich nicht gleich nach einem
Stein oder einem Stock, wie ungezogene Buben tun, sondern er rief mich
ganz freundlich zu sich hin: „Räblein komm“, sprach er. Seine Stimme
klang so gut und lieb, beinahe wie Rudis Stimme. So trat ich denn ohne
Furcht an sie heran. Der Schäfer nahm seinen blechernen Eßtopf und gab
mir daraus einige schmackhafte Brocken von den Ueberresten seines
Mittagsmahles. Dankend nahm ich sie an. Bis Sonnenuntergang blieb ich
bei ihnen und horchte auf die schönen Erzählungen des Schäfers. Als des
Abends Schatten leise aufstiegen, erhob sich der Mann, nahm die
geflochtenen Weidenkörbchen zusammen und rief seine Schäflein. „Bis
Morgen also, Hänschen“, sprach er zu dem andern Raben, „und wenn du“,
fügte er zu mir gewandt hinzu, „auch wiederkommen willst, sollst du mir
herzlich willkommen sein; der Schäferhannes hat die Räblein gern und tut
ihnen nichts zuleide. Also bis Morgen!“ Wir nickten zustimmend und
flogen auf den nebenstehenden Baum. Langsam schritt der Schäferhannes
durch den Ginster. Unterwegs zog er den langen Mantel an, auf dem er
gesessen und hob seine Hirtenschaufel auf, um sich darauf wie auf einen
Stab zu stützen. „Lämmi komm, Lämmi komm“, rief er dann einige Male, und
die Schäflein liefen von allen Seiten zusammen und folgten ihm, während
er langsam weiterschritt. Bald war die ganze Herde zusammen; wedelnd
lief der Hund hinter ihr her und stieß mit der Schnauze die säumigen
Lämmlein, die noch ein Hälmchen am Wegesrand pflücken wollten.“
„Bist du denn von da an öfters zum Schäferhannes gegangen, Väterchen, da
er dich eingeladen hatte?“ fragte Rassi. „Und was hat er euch erzählt?
Hast du auch seither noch öfter mit dem andern Raben gesprochen?“
„Gewiß Rassi, der Schäferhannes und wir beide Raben waren von da an
jahrelang die besten Freunde. Beinahe Tag für Tag fanden wir uns bei den
Schäflein zusammen, aßen und tranken aus derselben Schüssel, freuten uns
und lauschten den Erzählungen des Schäfers. Abends, wenn die Herde
heimgetrieben war, und wir allein waren, erzählte mir mein neuer Kamerad
manches andere, und so erfuhr ich vieles aus der Gegend meiner neuen
Heimat.
Hannes war nicht Eigentümer der Herde. Er hütete sie für die Bauern von
Reuler. Sie hatten ihn gedungen, und getreulich tat er seine Pflicht.
Besser waren die Schäflein in hundert Jahren nicht gehütet worden als
von ihm. Frühmorgens ging sein Tagewerk an. Unten im Dorfe begann er die
Runde. Auf einer alten Flöte trillerte er einige Noten, die er sich
selbst zusammengestellt hatte, zuerst in tiefer, dann in höherer
Tonlage. Die Bauersleute kannten das Zeichen und öffneten die niedrigen
Tore ihrer Schafställe. Die Schäflein sprangen blöckend heraus und
eilten dem Schäferhannes freudig nach. So wuchs seine Herde von Haus zu
Haus, und am Ende des Dorfes hatte er alle zusammen, über 120 Stück.
Hannes kannte und rief sie alle mit Namen. Zwar konnte er nicht
schreiben, da er nie eine Schule besucht, aber er hatte einen klugen
Geist und ein vorzügliches Gedächtnis, das ihn nie im Stiche ließ. Noch
nach Jahren konnte er genau erzählen, was er einmal gesehen oder gehört
hatte. Wenn er Montags bei seiner Herde weilte, wiederholte er in
Gedanken, was der Pfarrer am Sonntag gepredigt hatte. So gut hatte er
aufgepasst, daß er alles fast wörtlich hätte hersagen können. Hannes war
auch sehr sparsam. Für sich brauchte er nur wenig; dann und wann ein
Pfündlein Tabak, das er in einer abgebrochenen irdenen Pfeife gemütlich
rauchte, an den Winterabenden bisweilen einige Groschen, wenn er beim
Kartenspiel verlor, was aber höchst selten vorkam, denn Hannes spielte
vorzüglich. Das war sein ganzer Verzehr. Seine Kost erhielt Hannes im
Dorfe. Haus um Haus mußte ihn beköstigen, jedes so viel Tage, als er aus
ihm Schäflein zu hüten hatte. War das letzte Haus erreicht, begann die
Runde allemal wieder beim ersten. In jedem Stall hatte auch Hannes ein
Schäflein stehen, das ihm selbst zu eigen gehörte. Darüber durfte er
frei verfügen. Gewöhnlich verkaufte er sie im Herbste wenn sie fett
geworden, an den Metzger von Clerf. Ein schönes Stück Geld zog dann
Hannes ein; an die Stelle der verkauften Schafe aber stellte er ein
Lamm, worauf er ebenfalls in jedem Haus ein Recht hatte. Die Schafschur
besorgte er selbst; ein Viertel der Wolle war für den Hirten. Von dem
Erlös kaufte sich Hannes einen neuen Sonntagsanzug, der im
darauffolgenden Jahr sein Werktagskleid wurde. Was er daneben noch
arbeitete durch Korbflechten oder wenn er im Winter beim Dreschen
aushalf, mußte ihm eigens bezahlt werden und auch dieses machte auf das
Jahr eine für damals bedeutende Summe. So hatte Hannes Alles, was er
brauchte und zufriedener wie er war kein König hier auf Erden. Von
seinen Ersparnissen legte er jährlich etwas kleines für sich zurück als
Zehrpfennig für das Alter, das übrige gab er seinem greisen Vater, der
nicht mehr arbeiten konnte, und dem es früher bei seiner großen Familie
nicht möglich gewesen war, etwas für das Alter zurückzulegen.
Bis gegen das Jahr 1797 blieb ich in Reuler als Freund des
Schäferhannes. Mein Kamerad war im vergangenen Winter spurlos
verschwunden. Abends hatten wir noch lange miteinander geplaudert. Er
hatte mir erzählt aus frühern Zeiten, denn er war bedeutend älter als
ich. Seine meisten Jahre hatte er in der Nähe von Vianden bei der Bauler
Klause zugebracht, und so wußte er viel zu erzählen von den Schlössern
von Vianden, Falkenstein und Stolzemburg und all dem, was sich in jener
Gegend zugetragen hatte. Zuletzt hatte er mir gesprochen von der großen
Überschwemmung, welche im Februar 1776 die Unterstadt Vianden verwüstete
und von dem großen Felssturz, der 1870 in der Nähe des alten Marktes
drei Häuser zerstört und elf Menschen begraben hatte. Spät gegen
Mitternacht waren wir heimgekehrt, er zu seiner alten Eiche und ich zu
meiner Tanne weiter im Walde. Morgens sollten wir einen Ausflug nach
Vianden machen, wo er mir an Ort und Stelle die Unglücksfälle näher
auseinandersetzen wollte. In der Luftlinie sei es gar nicht weit, in
höchstens einer Stunde seien wir da.
Morgens wartete ich bis neun Uhr; noch immer war mein Kamerad nicht
gekommen. So flog ich denn nach seiner Wohnung, um zu sehen, wo er so
lange bleibe. Die ausgehöhlte Eiche, in der er sich gewöhnlich aufhielt,
war leer. Unter dem Baume fand ich einige ausgerissene Rabenfedern und
viele frische Blutstropfen. Was war vorgefallen? Nie erfuhr ich etwas
Bestimmtes, aber ich vermute, daß eine Wildkatze, die in den Felsen
oberhalb Clerfs hauste, in der Nacht herausgekommen war und ihm ein
jähes Ende bereitet hatte.“
„Bist du denn von da an allein bei den guten Schäferhannes gegangen,
Väterchen,“ fragte Rassi, „oder bist du gleich aus Furcht vor den Katzen
in eine andere Gegend fortgezogen?“
„Gefürchtet habe ich schon“, entgegnete Hans, „aber fortgezogen bin ich
deshalb doch nicht. Des beständigen Wanderns wird man bald müde. Ich
traf meine Vorsichtsmaßregeln, daß die Katzen mir nicht schaden konnten,
selbst wenn sie es gewollt hätten. Ganz in die Spitze eines sehr dünnen
Ästchens setzte ich mich, worüber eine Katze nicht hätte gehen können,
ohne herunterzustürzen. So konnte ich beim Schäferhannes bleiben, seinen
Geschichtchen lauschen, von seinem Essen mithaben und mich bei dem guten
Manne freuen.