„Ein kalter Winter zog 1794 über die Länder. Beinahe drei Monate lang
lag überall tiefer Schnee. Selten nur wurde ich aus meinem nach allen
Seiten mit Strohmatten wohl verdeckten Käfig herausgenommen. Seit dem
Tode der Mutter kam Rudi nur mehr selten zu mir, meistens blieb er im
Innern des Hauses. Tiefer Schnee verdeckte auch die Blümlein, welche er
so sorgsam auf das Grab seiner Mutter gepflanzt hatte; ja das Grab
selbst war unter der Schneehülle verschwunden. Bisweilen sah ich das
liebe Kind traurig am Grabe stehen und bitterlich weinen. Einige Male
kam er und nahm mich für ein Stündlein mit ins warme Wohnzimmer. „Siehst
du Räbi“, sprach er dann, „dort an der Mauer schläft lieb Mütterlein den
langen Schlaf. So nahe ist sie noch, aber sie redet nicht mehr mit mir,
wenn ich an ihrem Grabe weine. Zwar weine ich immer nur leise, damit der
gute Vater nicht noch trauriger wird, aber Mütterlein könnte mich wohl
hören in der kalten Erde, aber noch nie, nie hat sie ein Wörtlein
geredet. Sieh, Räbi, wir sind froh in der warmen Stube, aber lieb
Mütterlein muß draußen sein im kalten, schneebedeckten Grabe. Die
Blümlein, die ich ihr gepflanzt, sind im Herbste welk geworden und nun
ganz erfroren. Aber wenn wieder der Frühling kommt, dann soll Mütterchen
nicht mehr zu klagen brauchen; da werde ich andere Blümlein holen aus
den Hecken und Feldern, die schönsten, welche ich nur finden kann, und
lieb Mütterlein wird ein Gärtlein haben über ihrem Grabe, schöner noch
als im vergangenen Jahre.“
Und Rudi hat dem toten Mütterchen im kühlen Grabe Wort gehalten.
Als die ersten Frühlingsblümchen kamen, die Maßliebchen und die
Schlüsselblumen, da eilte er hinaus und keiner Müdigkeit achtend,
brachte er seine Sträußlein, stellte sie hin auf das Grab, und die
Tränlein rannen still über seine Wangen und tropften leise neben die
Blümlein auf Mütterleins Grab.
Als aber drunten an der Sauer die blauen Vergißmeinnichte zu blühen und
zu sprießen begannen, da eilte er hinab und trug sie freudig herauf zum
Grabe; am Rande desselben pflanzte er sie mit liebenden Händen und
täglich näßte er sie, daß sie weitersprossen und Mütterleins Grab zieren
sollten.
Wieder flackerten im September die „Sangen“. Wieder färbte sich das
Laub, und aus der sterbenden Natur flogen wehmütige Gefühle in die
Herzen der Menschen. Wiederum kamen auch in letzter Zeit müde Wanderer,
Flüchtlinge aus Frankreich, denen die Heimat zur Fremde geworden, und
die nun weiterzogen zu andersredenden Menschen, bis bessere Zeiten sie
heimgeleiten würden an den väterlichen Herd. Was sie erzählten, klang so
traurig und bitter; von Gesetzen sprachen sie, streng und grausam gegen
Adel und Priester, von Verbannung, Kerker und Tod. „Auch bis in die Gaue
des Luxemburger Landes werde der Sturm kommen“, sagten sie,
„zweifellos“. Rudi’s Vater solle klug sein und sich beizeiten vorsehen;
auch seines Bleibens könne nicht lange mehr in Burscheid sein, am
allerbesten täte er gewiß, gleich mit ihnen weiterzuziehen an den Rhein.
Lange wollte Rudi’s Vater davon nichts hören. Haus und Heimat, Bekannte
und Diener, die ihm treu ergeben waren, verlassen, um in der Fremde das
harte Brot der Verbannung zu essen, dazu konnte er sich nicht leicht
entschließen, und jedenfalls wollte er es verschieben, so lange er nur
immer könne. Als aber von Tag zu Tag die Unglücksboten sich mehrten, als
die durchreisenden Auswanderer immer zahlreicher wurden und ihn
ängstigten, da gab er endlich schweren Herzens nach und teilte Rudi mit,
sie könnten nicht länger mehr auf dem Schlosse bleiben. In bessern,
ruhigern Zeiten, so Gott wolle, würden sie nach der liebgewonnenen
Heimat zurückkehren ...
Als die Allerheiligenwoche zu Ende ging, bespannten die Knechte eines
Tages schon beim Morgengrauen zwei schwere Wagen. Das Wertvollste des
ganzen Schlosses trugen sie zusammen und packten es sorgsam ein. Bei
Sonnenaufgang hatten sie bereits die Burg verlassen.
Kurz darauf kam Rudi an der Hand des Vaters über den Hof. Mit trauerndem
Antlitz traten Vater und Kind an die Ringmauer zum Grabe der geliebten
Mutter. Kein Wörtlein konnte ich hören. Nachdem sie lange schweigend da
gestanden, gab der Vater dem Kleinen einen Wink, es sei Zeit zum
Aufbrechen. Am Schloßtor stand schon der herrschaftliche Wagen in
Bereitschaft. Schluchzend sah ich Rudi niederknien und einen letzten Kuß
auf die Steinplatte drücken, worauf der Name seiner verstorbenen Mutter
eingegraben war. Schnell pflückte er die letzten Sträußchen
Vergißmeinnicht, die noch am Grabesrande blühten, ab und legte sie
behutsam in ein mitgebrachtes Buch. Mit verweinten Augen sah ich Vater
und Sohn an meinem Käfig vorbei schweigend dem Tore zuschreiten.“
„Und sind sie da schon gleich für immer abgereist, Väterchen Hans?“
fragte Rassi mitleidsvoll.
„Das war auch meine Furcht, Rassi. Ängstlich sah ich deshalb zur Pforte.
Doch ich dachte mir: Es kann doch nicht sein! Ohne Abschied von mir zu
nehmen, wäre Rudi gewiß nicht weggegangen. Es konnte also nur zu einem
kurzen Besuch sein, daß sie fortgingen; über einige Tage würden sie
gewiß wiederkehren. Während ich mich mit diesen Gedanken beschäftigte,
sah ich plötzlich Rudi wieder vom Wagen, den er schon erstiegen hatte,
herunterspringen. Eilig kam er zu meinem Käfig. „Räbi“, sagte er
traurig, als er mich herausholte, „jetzt geht Rudi fort und vielleicht
wird er lange, lange nicht mehr wiederkommen. Weit, weit fort muß ich
gehen und wie Vater sagt, können wir Räbi bis dahin nicht mitholen.
Später werden wir vielleicht wiederkehren und Räbi dann mitnehmen. Dem
Burgwart habe ich gesagt, daß er gut auf Räbi achtgebe und dir viel
gutes Essen bringe. Wenn du aber fortfliegen willst, so magst du auch
dieses tun. Deinen Käfig will ich dir offen lassen, du kannst dann
fortfliegen in die Wälder und später wiederkommen, wenn Rudi einmal
wieder auf der Burg wohnt.“ Darauf zog er noch ein großes Stück Kuchen
aus der Tasche und legte es in meinen Käfig hinein. „Lebewohl Räblein“,
sprach er mit zitternder Stimme und ging dann fort, ohne ein weiteres
Wörtlein zu reden. Am Burgtor sah ich ihn zum letzten Mal, als der Wagen
um die Ecke bog; sein Gesichtchen hatte er in die Hände gestützt; er
weinte bitterlich. Seither habe ich das liebe Kind nie mehr
wiedergesehen.
Traurig saß ich nun im Käfig und dachte zurück an die schönen Tage, die
ich mit dem Kleinen verbracht und die niemals mehr wiederkommen
sollten.“
„Väterchen Hans, Rudi hatte ja die Türe des Käfigs offen gelassen, daß
du fortfliegen könntest,“ hastete Rassi erregt. „Hast du das denn nicht
gleich getan? Dann warst du aber dumm, Väterchen Hans!“
„Geduld, Geduld, Rassi, eins nach dem andern. Als ich das immer leiser
werdende Geräusch des davonrollenden Wagens nicht mehr hörte, hüpfte ich
rasch aus dem Käfig hervor. Das letzte Stück Kuchen, das Rudi mir
zurückgelassen, verzehrte ich vor dem Käfig und, indem ich dann vor
demselben hin und her spazierte, überlegte ich, was ich nun beginnen
sollte. Sollte ich wieder in den Käfig schlüpfen, dort bleiben und mich
auf die Güte des Burgwartes verlassen? Sollte ich auf der Burg bleiben,
bis Rudi zurückkäme? Ja, aber wenn er vielleicht gar nicht mehr
heimkehren sollte, wie er es angedeutet; wenn vielleicht die Franzosen
ins Luxemburgische kommen sollten, wenn sie das „Wälderdepartement“, wie
sie es nannten, durchziehen, vielleicht wieder die Burg belagern und
einnehmen sollten, wie sie es vor 100 Jahren getan, wie einst Rudi mir
erzählt hatte! – Oder sollte ich die mir dargebotene Gelegenheit
benutzen und der goldenen Freiheit folgen, die mir winkte? Dieses letzte
schien mir das Beste. Später könnte ich ja doch immerhin zurückkehren,
wenn ich wollte.“
Schon wieder fuhr Rassi dazwischen: „Ja, Väterchen Hans, so mußt du es
machen. Flieg schnell fort, lang genug warst du eingesperrt, nichts geht
über die schöne Freiheit.“
Väterchen Hans lachte: „Ja Rassi, das war auch meine Ansicht. Meine
Flügel waren wieder etwas gewachsen, so daß ich hoffen durfte, fliegen
zu können, wenn vielleicht auch noch nicht ganz weit. So lief ich denn
schnell bis in die Mitte des Hofes zurück, nahm einen großen Anlauf,
schlug kräftig mit den Flügeln und gelangte glücklich auf die hohe
Ringmauer. Dort blieb ich einen Augenblick sitzen und schaute nach allen
Seiten, ob ich den davonfahrenden Wagen nicht mehr entdecken könnte. Es
war unmöglich, denn die Wege führten alle durch den Wald.
Mein erster Gedanke war nun, hinüberzufliegen nach der alten Eiche, wo
einst unser Nest gestanden hatte. Beherzt schwang ich mich von der Mauer
hinab und schwebte im Gleitflug langsam zur Sauer. Welche Freude mich
zum erstenmal im Luftmeere schaukeln zu können! Bergab flog ich ganz
vorzüglich, beinahe ohne Anstrengung. Schon schwebte ich über dem
Wasser. Freilich ein wenig Angstbeklommen fühlte ich doch, als ich über
den Fluß flog, und mir mein Bild zitternd aus dem tiefen Wasser
wiederstrahlte. Am andern Ufer setzte ich mich zu kurzer Rast auf die
Wiese nieder. Ein Schnecklein kroch eben im Grase. „Da ist mein Tisch ja
schon gedeckt“, dachte ich, und schon war der Leckerbissen in meinem
Munde verschwunden.
Doch nun hieß es weiterfliegen. Einige Sekunden sah ich nach oben. Auf
direktem Wege diese steile Höhe zu erklimmen schien mir unmöglich, dazu
waren meine Flügel zu klein und zu schwach. So entschloß ich mich denn,
auf Umwegen mein Ziel zu erreichen. „Wer langsam geht, kommt auch ans
Ziel,“ hatte der Burgwart immer gesagt. So flog ich denn flußaufwärts
und stieg unterwegs immer höher bis in die Mitte des Berges oberhalb der
heutigen Burscheidter Mühle. Auf einer schlanken Pappel dicht am
Bergeseinschnitt, wo bei Regenwetter der Helkeschbach niederstürzt,
mußte ich ein Weilchen rasten, denn schon fühlte ich mich sehr ermüdet.
Sonst wäre ich gewiß bald in die Hecken gestürzt, und wie hätte ich mich
daraus wieder erheben können? Ein leichter Wind beugte die Pappelspitze
langsam hin und her und schaukelte mich mit derselben. Da der Wind von
Nordwesten kam, war er für meinen Weiterflug sehr günstig.
Nachdem ich ungefähr ein Viertelstündchen geruht und die Lungen mit
neuem Luftvorrat gefüllt, schwang ich mich abermals über die Bäume und
flog dem Flusse entlang, langsam aber stetig höher steigend. Schon sah
ich die Felder, die einst unser Nest überragt hatten, und von denen aus
die Buben mein Brüderlein totgeworfen. Nach einigem Suchen fand ich auch
unsere Eiche wieder; das Nest war verschwunden. Nur einige Reiser hingen
daselbst wirr durcheinander; alles war verlassen und verfallen.
Während des ganzen Nachmittags blieb ich wehmütig an der alten
Heimstätte zurück, flog bald hin und her und rief nach allen Seiten, ob
ich vielleicht die Eltern finden könnte oder einen meiner lieben
Brüderlein. Allein alles war umsonst. Auf meinen Ruf hin kamen zwar
einige Raben heran, aber ich kannte sie nicht. Spöttisch betrachteten
sie meine abgeschnittenen Federn und machten hämische Bemerkungen, die
mich im Herzen schmerzten. „Er ist von bessern Leuten! Ha ... a a ah!“,
lachten sie, „und er kleidet sich nach der neuesten Mode.“ Ich wollte
ihnen Erklärungen geben, aber sie ließen mich nicht reden. „Sei nur
still, du einfältiger Protz“, sagten sie, „wir kennen dich schon. Ein
feiner Herr hast du sein wollen und deshalb bist du zur Burg geflogen,
hast Burgkuchen gefressen und gegen uns gesprochen beim Jagdfalken, daß
er von Tag zu Tag gegen uns wütender wurde und noch in der letzten Woche
zwei von unsern Brüdern erschlagen hat.“
Abermals wollte ich beteuern, daß sie sich in all diesen Anschuldigungen
irrten, doch vergebens. Sie ließen mich gar nicht zu Worte kommen.
„Einen Tag“, sagten sie, „habe ich noch Zeit, mich wieder aus dem Staube
zu machen. Sollte ich anderntags noch das Unglück haben, mich in der
Gegend zu zeigen, so würden sie die ganze Sippe zusammenrufen und mir
die Augen aushacken; dann könnte ich blind zur Burg zurückflattern und
weiter Gnadenbrot fressen wie bisher. Übrigens wäre es wohl möglich, daß
ich nur herübergekommen sei, um zu spionieren, wo der Falke uns wieder
am besten überfallen könnte. Ich sei gewarnt und solle mich darnach
richten!“
„Das war aber gar nicht schön von ihnen,“ sagte Rassi zornig. „Väterchen
Hans, du hattest ihnen ja noch nichts zuleide getan.“
„Was sollte ich aber tun, Rassi?“ fuhr Hans fort. „So entschloß ich mich
denn weiter zu ziehen und in einer andern Gegend meinen Wohnsitz
aufzuschlagen. Da ich übrigens meine Eltern nicht wiedergefunden hatte,
fiel mir der Abschied nicht schwer.