VIII.

Lange Zeit dauerte es, bis wieder frohes Leben in die Burg zurückkehrte;

ja ich kann sagen, daß es nie wiederkehrte wie früher. Einige Tage

später kam zwar Rudi und nahm mich wieder mit auf den Turm, aber nach

immer war er so traurig. Die schwarzen Kleider, die er vom Tode der

Mutter an während zweier voller Jahre trug, schienen auch den

Sonnenschein seines Herzens überdüstert zu haben.

In der letzten Zeit schien überhaupt die Freude von der Burg

verschwinden zu wollen. Noch zu Lebzeiten von Rudi’s Mutter hatten schon

manchmal besorgte Stunden daselbst geherrscht. Schon seit längerer Zeit

waren die Sänger, die früher so häufig zur Burg kamen, ausgeblieben.

Statt ihrer aber waren Boten gekommen, fern her aus Frankreich, und sie

hatten düstere Nachrichten von dort mitgebracht. Sie hatten erzählt, wie

blutgierige Menschen die Herrschaft an sich gebracht hätten; König

Ludwig und seine Gemahlin seien auf dem Schafott hingerichtet worden;

die adeligen Familien würden verfolgt und viele von ihnen verließen das

Land.

Immer zahlreicher wurden diese Unglücksboten; schon erschienen

Flüchtlinge, die einige Wochen blieben und dann weiterzogen nach den

Schlössern an Untermosel und Rhein. Tief erschüttert hatte ich einmal

gehört, wie ein fremder Mann herzzerreißend redete über das Schicksal

des kleinen Ludwig von Frankreich. Tieferzürnt hatte er erzählt von

jenem grausamen Mann, dem Schuster, dem man das arme Kind übergeben,

nachdem man ihm Vater und Mutter getötet, und der dann seine Wildheit an

dem armen Knaben ausließ.

Der kleine Rudi aber hatte seine Fäustchen geballt. „Wenn ich da gewesen

wäre,“ hatte er gesagt, „ich hätte dem kleinen Ludwig geholfen, wir

wären an den bösen Mann gegangen und hätten ihn zu zwei wohl

bemeistert.“ Seine Mutter aber hatte Rudi an sich gezogen, hatte einen

Kuß auf seine Wange gedrückt und schluchzend gesagt: „Armes Kind, wenn

nicht auch du noch leiden mußt von bösen Menschen.“

Einige Zeit waren solche Unglücksnachrichten wieder verstummt. Lange

schon war kein fremder Bote und kein Flüchtling mehr auf dem Schloß

erschienen. Alles schien wieder seinen gewöhnlichen Lauf anzunehmen.

In diese Zeit nun fiel ein Ereignis, das mich lebhaft ergriff, und das

sich mir tief in das Herz eingrub. Die Verurteilung und Hinrichtung der

beiden jugendlichen Verbrecher Franz und Jakob Heintzen.“

„Sind es die, welche gehängt worden sind?“ fragte Rassi, „davon hat mir

mein Großvater schon öfters erzählt, er war auch dabei gewesen.“

„Ja, sie sind am Galgen gestorben,“ antwortete Väterchen Hans, „das ist

eine gar traurige Geschichte. Doch da ihr sie ja kennt, kann ich darüber

hinweggehen.“

„Nein, Väterchen, nein. Wir haben sie noch nie gehört“, baten die

Übrigen und auch Rassi nickte: „Ja, Väterchen, erzähl’ sie noch einmal;

mein Großvater hat zwar davon gesprochen, aber solche Erzählungen könnte

ich jeden Tag hören, ich würde nicht müde werden, sag’ Vater, waren die

beiden schon alt, und wie kam es, daß sie so böse Verbrecher wurden, die

so arg gestraft werden mußten?“

„Anfangs der Zwanziger waren sie,“ sprach Hans, „und es kam, wie es in

solchen Fällen gewöhnlich kommt: „Im Kleinen fängt es an, im Großen hört

es auf.“ Ich erfuhr alles genau, als die Richter im Schlosse waren,

droben in der Laube, wo ich mit Rudi zugegen war, als sie alles genau

besprachen. Schon in ihrer Kindheit waren die beiden sehr unfolgsame und

unbändige Buben. Von niemanden ließen sie sich etwas sagen; über alle

Ermahnungen der Vorgesetzten setzten sie sich leichtfertig hinweg. Ihre

Eltern störten sie nicht, sondern nahmen sie noch in Schutz. Kam jemand,

der sich über neue Streiche ihrer ausgelassenen Kinder beklagte, so

sagten sie einfach, ihre Kinder seien nicht schlimmer wie die andern;

man solle sie nur ruhig lassen, wenn sie einmal größer geworden, würden

sie schon machen, wie es recht wäre.

„Im Kleinen fängt es an!“ Ja, Kinder, in den alten Sprichwörtern steckt

Erfahrung und Wahrheit. Mit Kleinigkeiten fingen die Heintzenknaben an

zu stehlen; zuerst heimlich Obst und Früchte in den Gärten und Feldern;

manches davon trugen sie auch heim; die Eltern nahmen es an und lobten

die kleinen Diebe ihrer Klugheit und Geschicklichkeit wegen.

Da sie größer wurden, gewöhnten sie sich an Müßiggang und Trinken. In

der Dorfschenke waren sie fleißige Besucher. Die Dorfbewohner wunderten

sich zwar, daß ihnen so viel Geld zur Verfügung stehe, daß aber dieses

Geld von den Diebstählen herrühre, die sich in den letzten Monaten in

der Umgegend immer mehr häuften, ahnten sie nicht. Eines Tages,

frühmorgens, als es eben erst im Osten zu dämmern begann, schlichen aus

den Lohhecken zwei verkleidete, geschwärzte Burschen, die eilig hinter

der Scheune des Heintzenhauses verschwanden. In jener Nacht war der

Burgförster von zwei Wilderern überfallen und übel mißhandelt worden. Da

man aber nicht bestimmt nachweisen konnte, daß die jungen Heintzen

wirklich die Täter waren, mußten sie freigesprochen werden. In der

Umgegend gingen von Tag zu Tag schlimmere Gerüchte über die Beiden um.

Immer mehr gerieten sie auf die Bahn des Bösen.

Eines Abends waren sie wieder angetrunken nach Hause gekommen; die

Eltern hatten ihnen Vorstellungen gemacht, waren aber von den beiden

verrohten Burschen schwer mißhandelt worden; eine volle Woche hatte der

Vater das Bett hüten müssen. Endlich gingen den Eltern die Augen auf;

sie ernteten die Früchte einer verfehlten Kindererziehung. Es grauste

ihnen vor den schlimmen Dingen, die sie herannahen sahen. Nun wollten

sie ihre Kinder wieder zu braven und fleißigen Menschen machen, durch

gute Worte wollten sie dieselben von ihren bösen Wegen zurückführen,

aber es war zu spät.

Faulenzerei, Diebstahl und Alkohol waren derart ihre vertrauten Freunde

geworden, daß sie sich nicht mehr zur Umkehr und Änderung ihres Lebens

bewegen ließen.“

„Väterchen Hans, nicht wahr,“ unterbrach Rassi, „da hätte gepaßt, was

dir der Knecht damals so töricht gesagt, als er dich in die Schule nahm:

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.““

„Ja, du hast Recht, Rassi,“ entgegnete Hans. „„Jung gewohnt, alt getan,“

sagt das Sprichwort, und wenn die Kinder schon frühzeitig schlimme Wege

gehen, sind sie später schwer davon abzubringen. „Die Katze läßt das

Mausen nicht.“

So kam denn die schwarze Nacht des 17. Mai, von der die ganze Gegend

noch lange Jahre erzählte. Spät am Abend vom Felde heimkehrende

Landleute hatten zwei vermummte Männer begegnet, die aus dem Dorf kamen

und in der Richtung nach Brandenburg und Landscheid weitergingen. Scheu

waren die beiden am Wegesrand vorübergegangen und hatten den Abendgruß

nicht erwidert. Der Nickelsbauer, welcher an jenem Abend im Heintzenhaus

vorgesprochen, um ihre beiden Söhne für den folgenden Tag zur Heuernte

anzuwerben, hatte sie nicht zu Hause gefunden; ihre Mutter aber hatte

ihm die schüchterne Antwort gegeben, sie seien für einige Tage weiter

hinauf ins Ösling, nach Munshausen, zu ihren dortigen Verwandten auf

Besuch.

In jener Nacht war der Pächter der Bleesmühle unterhalb Gralingen

ermordet und beraubt worden. Vor wenigen Tagen hatte er auf dem

Jahrmarkt in Ettelbrück eine schwere Koppel Ochsen zu einem

außergewöhnlich hohen Preise verkauft. Viel war in der Gegend von diesem

Handel gesprochen worden.

In jener Nacht war der Pächter allein zu Hause gewesen, da seine

Verwandten nach Vianden zur Kirmeß gegangen waren und erst anderntags

heimkehren sollten. Der Pferdeknecht hatte in der Scheune geschlafen und

vom Verbrechen nichts gemerkt, bis er morgens die blutüberströmte Leiche

seines Herrn im Hausflur aufgefunden hatte. Alle Schränke waren

erbrochen und das Geld verschwunden.

Die Aufregung in der ganzen Gegend war ungeheuer.

Bald lenkte sich der Verdacht auf das Heintzenhaus, denn die beiden

Burschen waren es, welche am Morgen die Kunde von dem Verbrechen mit

viel Entrüstung im Dorfe verbreiteten. Dem Nickelsbauer schien es

verdächtig, daß die beiden nach Aussage der Mutter für einige Tage

abwesend sein sollten und nun waren sie schon wieder zu Hause. Alles

sprach sich leise herum; am Abend wurden die beiden Heintzen in

Untersuchungshaft abgeführt.

Hartnäckig leugneten sie die Tat. Wo sie aber in jener Nacht gewesen,

wußten sie anfangs nicht zu sagen. Zuletzt bestanden sie darauf, sie

hätten nach Diekirch gehen wollen, da sie aber ein Gewitter gefürchtet,

seien sie halbwegs umgekehrt und wieder nach Hause gekommen.

Gleich nach ihrer Verhaftung war eine Haussuchung im Heintzenhaus

vorgenommen worden. Eine größere Summe Papiergeldes wurde dabei zu Tage

gefördert, und weder Eltern noch Kinder wußten Aufschluß über dessen

Herkunft zu geben. Zuletzt erkannte der Metzger, welcher die Ochsen der

Bleesmühle gekauft hatte, in dem vorgefundenen Gelde eine Anzahl

derselben Scheine wieder, die er dem Ermordeten in Ettelbrück

ausgehändigt hatte. So verdichtete sich der Verdacht gegen die beiden

immer mehr; immer mehr verwickelten sie sich in Widersprüche. Nach

mehreren Wochen lügenhafter Abrede gaben sie endlich das Verbrechen zu

und legten ein vollständiges Geständnis ab. Auch bekannten sie die Tat

mit Vorbedacht begangen zu haben: „Zwar wäre es ihnen lieber gewesen,“

sagten sie, „wenn sie das Geld ohne Mord hätten an sich bringen können,

doch hätten sie sich mit Waffen versehen, für den Fall, wo sie an der

Arbeit überrascht werden sollten. Einer Gefangennahme und späteren

Verurteilung hätten sie um jeden Preis vorbeugen wollen und so hätten

sie den Mord geplant, für den Fall, wo ihr Einbruch hätte ruchbar werden

können.“ Einige Monate vorher bereits hätten sie zu zwei verschiedenen

Malen einen Einbruch in der Mühle versucht, wären aber jedesmal dabei

verscheucht worden.

Unter solchen Umständen stand es fest, daß die beiden Verbrecher nicht

freigesprochen werden konnten, sondern daß ihnen gegenüber die

Gerechtigkeit in ihrer ganzen Strenge zur Anwendung kommen mußte.

Niemand wunderte sich deshalb, als die beiden Gerichte, welche das

Urteil zu fällen hatten, einstimmig das Todesurteil aussprachen.

Im tiefsten Verließ des Burggefängnisses warteten die Verurteilten auf

den Tag der Hinrichtung. Wann diese aber stattfinden sollte, wußte ich

noch nicht.

Da erschien eines Tages Rudi morgens zu ungewöhnlich früher Stunde an

meinem Käfig und nahm mich mit auf unsern geliebten Ausschauturm. Ich

fragte mich erstaunt, weshalb wir denn heute schon so früh

hinaufstiegen. Bald sollte ich es erfahren.

Dem Ausschauturm grade gegenüber, auf dem kleinen Rundplatz auf der

äußersten, etwas vorspringenden Felsenkante, standen zwei hohe Balken,

die ich früher nie daselbst gesehen hatte. An diesen Balken war oben ein

kurzer Seitenarm angebracht. Von diesen herab hing ein starkes Seil,

dessen unterstes Ende in eine Schlinge auslief. An einem der Balken

stand eine schwere Leiter angelehnt. Kleine Gruppen von neugierigen

Zuschauern standen dicht in der Nähe, reckten die Köpfe zusammen und

unterhielten sich mit verhaltener Stimme. Auch Kinder sah ich an der

Hand ihres Vaters schüchtern den Berg heraufkommen und ängstlich nach

den beiden Balken schielen. Damit das schaurige Beispiel einer

Hinrichtung sie heilsam schrecke, hatten die Väter sie mitgebracht,

obwohl manche derselben gewiß lieber zu Hause geblieben wären.

Am jenseitigen Berge flatterten Raben von Baum zu Baum. Allmählig flogen

sie näher und näher zur Burg heran. Leise Hoffnung stieg in mir auf, daß

vielleicht meine lieben Eltern unter ihnen seien, und ich sie heute

wiedersehen könnte. Wieder andere Raben flogen hoch in der Luft kreisend

um das Schloß herum und ließen heisere, langgezogene Schreie gegen die

Wälder von Flehbour ertönen.

Gegen acht Uhr öffnete der Gefängniswärter mit großen Schlüsseln die

Haupttür des Burgverließes. Zwei Burgwächter, in ihrer frühern schwarzen

Rüstung, begleiteten ihn. Angstvoll blickte ich hinunter, denn an all

diesen Veranstaltungen erkannte ich, daß die Hinrichtung zweifellos an

diesem Morgen stattfinden würde. Nach einigen Minuten kamen die drei

wieder aus dem Verließ hervor. In ihrer Mitte führten sie gebunden die

beiden jungen Verbrecher. Beschämt sahen diese zu Boden; beide hatten

ein äußerst bleiches, verstörtes Aussehen. Das Gesicht zur Erde geneigt,

gingen sie ganz gebrochen aber willig zur Richtstätte mit.

Kein Wörtlein hörte ich mehr aus dem Munde der Zuschauer. Die Kinder

hatten sich hinter ihre Väter versteckt. Überall tiefes, angstvolles

Schweigen.

Nun standen die beiden droben unter den hergerichteten Galgen. Den

jüngern der Brüder sah man heftig weinen.

Bis dahin hatte auch Rudi angstvoll nach der Richtstätte hinübergespäht;

nun konnte er den Anblick nicht länger mehr aushalten. Weinend lief er

die Treppe hinunter und verschwand nach den Zimmern der Herrschaft.

Auch ich wäre am liebsten davongelaufen, aber die Raben von drüben waren

immer näher gekommen; einzelne hockten schon auf den Bäumen grade unter

unserm Turm. Sollten vielleicht auch meine Eltern jetzt heranfliegen?

Der Gedanke allein hielt mich zurück.

Da ich wieder nach der Richtstätte hinblickte, baumelte schon der ältere

der beiden Verbrecher zwischen Himmel und Erde. Leise drehte er am

Stricke hin und her. Einige Male ging noch ein hastiges Zittern und

Zucken durch seinen Leib; dann hing er schlaff und regungslos.

Schon stand die Leiter am zweiten Galgen. Leichenblaß stieg der jüngere

Heintzen hinauf. Seine Knie schlotterten, daß ich jeden Augenblick

fürchtete, er werde heruntertaumeln. Aber schon hatte ihm der

schwarzgekleidete Scharfrichter den Strick umgelegt. Mit hastigem Rucke

stieß er auch ihn von der Leiter herab.

In tiefem Schweigen war das schaurige Werk vor sich gegangen. Nur die

wenigsten der Zuschauer kamen näher an den Galgen heran. Langsam und

lautlos verschwanden sie talabwärts nach verschiedenen Richtungen. Auch

Scharfrichter und Schergen kehrten zur Burg zurück. Nun standen die

beiden Galgen einsam und verlassen mit den an ihnen hängenden Toten.

Solch Grauenhaftes habe ich in meinem Leben nicht wieder gesehen. Diesen

schaurigen Anblick kann ich nie vergessen, und sollte mein Leben noch

100 weitere Jahre dauern.

Regungslos hingen die Mörder da mit fahlem, entstelltem Gesicht. Und

erst ihre blaue heraushängende Zunge!“ ...

Jäh hatte Väterchen Hans seine Erzählung abgebrochen. Scheu sahen die

Räblein um sich. Jeder freute sich, daß er nicht allein war.

„Doch nicht lange mehr hingen die beiden einsam an ihrem Galgen. Schon

waren einige der Raben an die Balken herangeflogen, und mit heisern

Stimmen hatten sie sich auf die Hingerichteten gestürzt. Nach wenigen

Minuten waren ihre Gesichter zerfleischt und bis zur Unkenntlichkeit

entstellt.

Da konnte auch ich nicht länger hinsehen; meine Eltern hier zu sehen,

hoffte ich nicht mehr; zu solch schrecklichem Tun hätten sie nie

geholfen, dafür kannte ich sie zu gut.“

Erschüttert saßen die Rabenbüblein in der Runde. Auch der sonst so

vorlaute Rassi hatte still gehorcht und zitterte leise. „Väterchen

Hans“, sprach er bittend, „nachher wenn du aufhörst zu erzählen, gehst

du mit mir nach Hause, gelt? Ich habe so weit, und heute Abend fürchte

ich mich allein zu gehen.“

Hans lächelte, daß es ihm gelungen war, sogar Rassi in Angst zu

versetzen, beruhigte den Kleinen, den er doch gerne hatte und versprach

wenigstens ein Stück Weges mit ihm zu fliegen. Wohlgemut setzte er dann

seine Erzählung fort.

Was der schwarze Hans erlebte: Kindererzählung aus der Heimat · 第 10 / 19 题