Als die Trompete des Burgwächters fünf Uhr verkündet hatte, erschien der
kleine Burgherr und nahm mich aus dem Käfig heraus. Jubelnd eilte er mit
mir in die Laube unter der schattigen Kastanie, nahe dem Eingang des
Schlosses. Dort stellte er mich auf eine aus dünnen, schön geglätteten
Latten gezimmerte Bank und setzte sich neben mich. Ich versuchte nicht
einmal fortzufliegen, denn es war mir klar, daß bei meinen
abgeschnittenen Flügeln jeglicher Fluchtversuch vergebliche Mühe wäre.
Mein kleiner Herr, „Rudi“ war sein Name, hatte mir allerlei süße
Leckersachen mitgebracht, die ich froh verzehrte. Das liebe Kind vermied
sorgsam alles, was dem armen Raspio weh tun konnte, und so freute ich
mich bei ihm und war ohne jegliche Furcht.
O wie viel schöne Stunden habe ich bei diesem Kinde zugebracht! Nie
konnte ich gegen ihn die geringste Klage erheben.
Munter schritten wir nebeneinander über den Burghof, er in größeren und
ich in kleinern Schritten; dann wieder setzte er mich auf seine Hand und
seine Schulter und hüpfte mit mir im Kreise herum. Ein Reiter auf seinem
stolzen Rößlein konnte nicht herrlicher fahren als der schwarze Raspio.“
Sichtlich erfreut hüpften einige Male die Rabenbüblein leise auf und
schaukelten nachher noch einige Zeit auf ihren Ästchen langsam auf und
nieder.
Unten im Walde hörte man durch das dürre Laub ein Häslein eilenden
Schrittes vorüberhuschen. Einen Augenblick horchte Vater Hans auf. Dann
fuhr er ruhig weiter:
„Am liebsten verweilte ich mit Rudi droben auf dem hohen, flachen Turm.
Dort standen zwei Bänke um einen runden Tisch. Schön geschnittene
Lorbeer- und Oleanderstöcke gaben kühlen Schatten und schützten gegen
die allzu starke Sommersonne.
Von dort aus hatte man die schönste Aussicht. Den vielgezackten Burgpfad
konnte man überblicken, von der Mühle aus bis zur Pforte. Im Tale floß
die Sauer, in der sich die hohen grünen Berge spiegelten; im
Hintergrund, gegen Südosten, am Fuß des Donatiberges, kauerte im Grün
das blendend weiß getünchte Michelau. Drüben in den Hecken sah ich im
alten Pfade die Leute dahinziehen, winzig klein, da sie so weit entfernt
waren, muntern Schrittes die lebensfrohen Buben und schweren Fußes die
gebückten Alten. Vom Turme aus lauschte ich auch manchmal den frohen
Liedern, die allenthalben aus den Hecken tönten, wenn im Frühling die
Lohe geschlissen wurde. Von allen Seiten ertönte dann vom frühen Morgen
bis zum späten Abend lustiges Klopfen und Knacken. Und vom Tale an bis
auf die höchsten Bergesspitzen legten sich nach und nach, langen weißen
Knochen gleich, die entrindeten Stangen. Von dort aus sah ich auch
manchmal jenes herrliche Schauspiel, das den Öslingerbergen eigen ist,
wenn im September die Hecken „gesangt“ und gebrannt werden. Hei! wie
knisterten dann bis in die späte Nacht hinein die Reiser!“
[Illustration: Mit einem heiseren Schrei saß er ihm im Nacken; wütend
fuhr sein starker Schnabel auf den bösen Buben nieder.]
„Mein Großvater war auch aus dem Ösling“, unterbrach der kleine Rapsi
eilig, „davon hat er mir auch mehr als einmal erzählt. Doch, ist es
wahr, Väterchen, daß man dann das Feuer immer oben anlegt, daß es nach
unten brennen muß? Das versteh’ ich nicht, gewiß würde es doch besser
und schneller brennen, wenn man es unten im Tale anzündete?“
„Freilich, so ist es,“ erwiderte Hans zustimmend, „auch ich konnte mir
es nie erklären. Doch die Menschen haben es immer so getan, sie müssen
wohl einen Zweck dabei haben.“
„Ich kenne den Zweck, ich kenne ihn,“ jubelte Rapsi. „Legte man das
Feuer unten an, so würde es allzurasch brennen; die Flammen könnten auf
die umliegenden Hecken und Wälder übergreifen und großen Schaden
anrichten. Deshalb zündet man die Reiser oben an; das Feuer brennt nur
langsam, und mit leichter Mühe bleibt man Herr desselben.“
„Ganz recht“, erwiderte Hans, „so ist es in der Tat. Zudem werden beim
Brennen der Hecken noch andere Vorsichtsmaßregeln getroffen. Ehe man das
Feuer anlegt, wird die Brandstätte genau begrenzt; auf Meterbreite wird
die abgeholzte Fläche ringsum von allem dürren Laub und Reisig
sorgfältig gesäubert. Auch wird das Feuer wohl bewacht; ein entstehendes
Schadenfeuer würde allsogleich bemerkt und gelöscht werden.
Vom Turme aus sah ich aber auch den alten Eichbaum, wo einst vor langen
Jahren unser Nest gestanden. Sehnsüchtig schaute ich oft hinüber, ob ich
nicht die Eltern sehen könnte oder die Brüderlein, aber alles Spähen
blieb umsonst. Hätte ich reden können, Rudi hätte gewiß auf meine Bitten
hin den Burgwart hinübergeschickt, sich nach unserm Neste zu erkundigen;
aber meine flehentlichen Blicke verstand er nicht. So mußte ich denn
traurig hinübersehen, und da ich keine Spur der Meinigen entdeckte,
konnte ich nichts anders denken, als böse Räuber hätten auch die
Brüderlein fortgenommen, und die Eltern seien dann todestraurig
hinweggezogen in fremde Länder zu bessern Menschen.“
„Das war aber langweilig“, unterbrach nun wieder Rassi, „immer an
derselben Stelle droben auf dem Turm zu sitzen und immer nur dasselbe zu
sehen Tag für Tag.“
„Ich hatte geglaubt, du seiest eingeschlafen, Rassi,“ entgegnete
Väterchen Hans, „daß du so lange still sein konntest. Doch wenn du
glaubst, auf der Burg sei es langweilig gewesen, dann irrst du dich. Im
Gegenteil, es gab dort viele Abwechslung. Freudige Stunden erlebte ich
mit Rudi, freudige Stunden, besonders wenn fremde Spielleute und
Musikanten zur Burg kamen. Abends saß dann die ganze Schloßfamilie mit
diesen gern gesehenen Gästen auf dem Turme; Rudi hielt darauf, daß auch
ich dabei sein durfte, und dann lauschten wir bis tief in die Nacht
hinein den wunderschönen Erzählungen, Liedern und Melodien dieser
fahrenden Sänger. Manchmal wurden uns dabei die Augen naß, denn so oft
erzählten jene Leute von Ritterskindern, die ihren Eltern aus der
heimatlichen Burg weggeraubt wurden, und die dann in der Fremde ein
trauriges Leben führten. Aber schließlich brachte sie doch ein
glückliches Geschick endlich wieder heim zu den vor Freude
überglücklichen Eltern.
In jenen Stunden, glaubt mir es Kinder, wurde auch das Herz des armen
Raspio dick, er dachte zurück an seine Eltern, und der glimmende
Hoffnungsfunke, sie noch einmal wiederzufinden, leuchtete in ihm wieder
zur hellen Flamme auf.
Freilich auch traurige Tage gab es auf der Burg; denn mögen auch noch so
feste Türme und Ringmauern eine Menschenwohnung umschließen, gegen das
Leid sind sie dadurch nicht geschützt; früh oder spät wird es auch dort
seinen Einzug halten und den Freudenhimmel, der vielleicht jahrelang
über dem Hause war, mit dunkeln, schweren Wolken überziehen.
Im September war es, als das Laub der Lohhecken schon rot und gelb zu
werden anfing, als Nachmittags lange weiße Spinnfäden sich schlängelnd
zwischen den Bergen dahinzogen, da saßen Rudi und ich wieder zusammen
auf dem Turme. Schon seit einigen Tagen schien der Kleine äußerst
niedergeschlagen. Zwar war er gegen mich ganz lieb und gut, aber er
redete so wenig. Manchmal blickte er wie geistesabwesend in die Berge
hinein, stützte das Köpfchen in die Hand und weinte bitterlich. Etwas
Besonderes mußte sein gutes Herzchen drücken; den Gegenstand seiner
Trauer indes konnte ich nicht erraten. Da stand er plötzlich auf, nahm
mich auf die Hand und sagte traurig: „Räblein, Mütterchen ist krank,
sehr krank.“ Bittere Tränen rollten über seine Wangen. Schweigend trug
er mich zu meinem Käfig zurück und eilte still über den Hof in die
Ritterwohnung. In den nächsten Tagen sah ich das liebe Kind nicht
wieder. Eine traurige Stille lag über der ganzen Burg. Leise nur redeten
die Bedienten miteinander. Fremde Männer – es seien gelehrte Ärzte,
sagte man, – sah ich kommen. Als einer von ihnen wieder fortging, sah
ich Rudis Vater ihn bis zum Schloßtor begleiten, wo die beiden noch
einige Zeit ganz leise miteinander redeten. Als sich der fremde Mann
verabschiedet hatte, ging der Schloßherr einsam und traurig im Hofe auf
und ab, und als er an unserm Käfig vorüberschritt, merkte ich, wie aus
seinen Augen heiße Tränen stürzten.
Anderntags, da sich die Abendschatten leise über die Gegend zu legen
begannen, läutete das Glöcklein der kleinen Schloßkapelle Rudi’s liebem
Mütterlein das Totenlied. Leise schwebten des Glöckleins Töne traurig
hinab ins Tal. Die armen Leute der ganzen Gegend horchten erschrocken
auf, und in des Glöckleins Trauerklang mischte sich ihr Wehklagen, denn
die Verstorbene war ihnen stets eine wohltätige, gute Mutter gewesen.
Scharenweise kamen sie anderntags von allen Seiten herbei, um noch
einmal jene mildtätigen Hände zu sehen, die ihnen so viel Gutes
gespendet hatten.“
„Oh! der arme kleine Rudi,“ klagte Rassi traurig. „Und hast du auch das
Begräbnis gesehen, Väterchen Hans?“
„Gewiß Kinder, großartig waren die Leichenfeierlichkeiten für die
dahingeschiedene Edelfrau. Die adeligen Familien fast des ganzen Landes
waren erschienen, ihr das letzte Geleite zu geben. Tagszuvor waren die
Bewohner der näher gelegenen Schlösser mit ihrem Gefolge angekommen: Die
Herren von Esch an der Sauer, Wiltz, Schüttburg und Clerf; Vertreter der
weiter entfernten Burgen konnten erst am Begräbnistage selbst
erscheinen, da einzelne zwei Tagereisen zu machen hatten. Frühmorgens
kamen die Herren von Hollenfels, Simmern und Ansemburg; die Herren von
Befort hatten sich durch einen Eilboten entschuldigen und herrliche
Blumen am Sarge niederlegen lassen.
Nahe der Schloßmauer am stillsten Orte des Burggartens, fand die
Verstorbene vorläufig ihre letzte Ruhestätte.