Abermals rückte der alte Hans an seiner Brille und stierte scharf auf
dem Aste umher; denn schon war es etwas dunkel über dem Walde geworden.
Vater Hans suchte nach seinen übriggelassenen Leckerbissen. Endlich
hatte er noch einen dicken Engerling gefunden. Während er denselben
langsam verzehrte, flatterten die Räblein einige Male leise mit den
Flügeln und lächelten einander freudig zu, weil Väterchen Hans heute so
lange erzählte. Dann setzten sie sich wieder still, denn schon war Hans
zur Fortsetzung seiner Erzählung bereit.
„Eines Tages, als eben die Müllersleute in Festtagskleidern verreist
waren, erschien am Nachmittag der Knecht wiederum an meinem Käfig.
Angstvoll dachte ich wieder an die Schule. Aber davon ging diesmal keine
Rede. Er hatte einen Korb mitgebracht, und ohne ein Wort zu sagen, nahm
er mich aus dem Käfig hervor. Dann setzte er mich in den Korb hinein und
verschloß sorgsam den Deckel desselben. Daran fühlte ich, wie er den
Korb aufhob und mit mir davonging. „Was soll er vorhaben? Wohin wird er
mich tragen?“ das waren die bangen Fragen, die mich beschäftigten.
Im Korbe war es ganz dunkel. Ich konnte nichts sehen. Ich hörte nur, daß
der Knecht auf einem harten Wege Schritt für Schritt weiterging. Dann
und wann pfiff er ein lustiges Liedlein, in das sich von fernher der
muntere Gesang freiheitsfroher Vöglein mischte.“
„Wohin hat er dich denn getragen? Erzähle etwas rascher, Väterchen,“
drängte Rassi.
„Nach Verlauf von etwa einer Stunde wurde der Korb plötzlich
niedergesetzt. Draußen hörte ich das Rauschen und Plätschern eines
großen Wassers, wie mir schien. In raschen Schlägen hämmerte mein Herz.
Sollte der Knecht mich weggetragen haben, um mich im Wasser zu
ertränken, wie er damals unter der Linde gedroht hatte? „Dann Raspio“,
sagte ich mir, „ist nun dein letztes Stündlein gekommen, ein Entweichen
hier ist nicht möglich.“ – Doch dachte ich wieder, „das kann doch kaum
seine Absicht sein; wollte er mich töten, so hätte er mich nicht so weit
fortzutragen brauchen; da hätte es genügt, mich in den Mühlteich oder in
den Fluß daneben zu werfen, und kein Hahn hätte mehr nach mir gekräht,
wie die Menschen zu sagen pflegen.
Während ich solchen Gedanken nachging, wurde der Korb wieder aufgehoben,
und wir gingen weiter. Wir mußten über ein Gewässer, entweder über eine
Brücke oder einen Steg geschritten sein und nun an der andern Seite
bergan steigen, denn ich fühlte, wie der Knecht nun bedeutend langsamer
und schwereren Schrittes ging.