Wiederum stierte Väterchen Hans suchend auf dem Aste hin und her.
Über den Waldbäumen war eben die rote Scheibe des Vollmondes
aufgestiegen, und mattes Licht legte sich über die Gegend. „So, Kinder“,
unterbrach jetzt plötzlich Vater Hans, „nun wollen wir für heute Schluß
machen. Die Nacht ist gekommen, da heißt es für die kleinen Kinder zu
Bette gehen; auch der alte Raspio muß nun sein Lager aufsuchen. Ein
andermal will ich euch weitererzählen.“
Ein langgezogenes „Ah“ ertönte aus dem Kreise der kleinen Zuhörer.
„Nein, Väterchen Hans, noch nicht aufhören!“, bettelten sie alle
zusammen. „Jetzt wird es erst recht schön im Walde. Wir sind noch gar
nicht müde; übrigens kann bei diesem warmen Wetter ja doch niemand
schlafen; und du Väterchen kannst morgen früh ruhen; wir werden dir
wieder viel Essen bringen, dann brauchst du den ganzen Tag nicht
auszufliegen und kannst rasten nach Herzenslust. Bitte, Vater Raspio,
erzähl noch ein wenig weiter!“
Darauf hatte der kluge Hans nur gewartet. So gab er sich denn gleich
zufrieden und setzte fröhlich seine Erzählung fort.
„Während wir weitergingen, erscholl das Hundegebell immer näher. Zuletzt
waren wir so nahe gekommen, daß es aus einem Hause dicht neben uns zu
kommen schien. Erschrocken fuhr ich zusammen. Eine rauhe, barsche Stimme
rief ein donnerndes Halt. Der Knecht blieb stehen, und die Stimme
fragte: „Wohin?“
Schüchtern entbot der Knecht seinen „Guten Abend“, worauf sich folgendes
Zwiegespräch entwickelte:
„Ich habe hier im Korbe eine schönen jungen Raben. Voriges Jahr erst
habe ich ihn gefangen und abgerichtet. Auch habe ich ihn einige Worte
reden gelehrt.“
„Ei du schwarzer Lügner“, dachte ich. „Voriges Jahr! Sieben sind es
ihrer schon, wo ich in deinem öden Kerker hocken mußte. Abgerichtet habe
ich ihn! Jawohl, mit Fausthieben abgerichtet, du Wüterich. Einige Worte
hast du mich sprechen gelehrt! Aha, jetzt geht mir ein Licht auf; dein
blödes Ta-ta sollte wohl die Lektion sein, die du mich gelehrt hättest.“
Doch noch immer redete der Lügner weiter: „Da ich nun gehört, der
Burgherr wolle einen abgerichteten Raben für sein Büblein, das kleine
Schloßherrlein kaufen, habe ich meinen Hans hieher gebracht und möchte
ihn dem Burgherrn zum Kaufe anbieten.“
„Das kann ich schon selbst besorgen,“ antwortete die fremde Stimme.
„Zeig’ her!“ Damit wurde der Korb geöffnet und ich herausgenommen.
Ein großer, bärtiger Mann nahm mich in die Hand. „Schön ist er schon,“
sprach er, indem er mich scharf besah, „und mit seinem Sprechen wird es
nicht so weit her sein“, fügte er spöttelnd hinzu. Nach einigem
Feilschen einigten sich die beiden; der Knecht erhielt einige
Kupfermünzen und wandte sich nach kurzem Gruß talabwärts, während der
schwarze Mann mich unter einem hohen, überwölbten Tor hindurch in mein
neues Heim, das Schloß Burscheid hineintrug.