„Nein Kinder, lustig ist es für den armen Raspio keineswegs gewesen.
Eines Tages erschien mein Kerkermeister, der Müllerknecht, am Käfig und
rief mir freundlich zu: „So, dann komm Hänschen, komm!“
Ich sah ihn erstaunt an, denn er sah ganz anders aus als sonst. Er trug
nicht den weißen Anzug mit der gleichfarbigen Mütze, sondern schwarze
Kleider, die beinahe so hübsch waren, wie Rabenkleider. Statt der
mehlbestaubten Mütze zierte ihn an jenem Tag ein weißer Strohhut mit
buntfarbenem Band. Es war nämlich einer jener Tage, wo die Glocken
allenthalben so feierlich klangen, von Diekirch herüber über den
Goldknapp und aus der Höhe von Burscheid hernieder. Frühmorgens, da der
Wind von Norden kam, hatte ich sogar den hellen Klang des
Willibrordusglöckleins der Kapelle von Lipperscheid vernommen.
An solchen Tagen kamen nie Leute zur Mühle; die Müllersleute aber gingen
dann regelmäßig in Festtagskleidern schon am Morgen fort und kehrten
erst gegen Mittag heim.
„Hänschen komm,“ sprach der Knecht noch einmal, „jetzt geht es in die
Schule.“ Dann lachte er auf, „denn“, sagte er, „was Hänschen nicht
lernt, lernt Hans nimmermehr.“
Was Schule sei, wußte ich nicht und verstand deshalb auch nichts von
dem, was er vorhatte. Ich wäre deshalb am liebsten ruhig in meinem Käfig
geblieben. So zog ich mich denn seitwärts und rückte auf der Stange bis
in die äußerste Ecke des Käfigs.
Mein Räuber aber war damit keineswegs zufrieden. Er versuchte mich nun
durch List aus dem Käfig hervorzulocken. Indem er mit seinem langen
Holzlöffelchen in den Überresten meines Mittagsmahles herumrührte, rief
er schmeichelnd: „Hänschen komm,“ ein um das andere Mal. Auch das half
nichts. „Rühr’ nur“, dachte ich, schüttelte still den Kopf und blieb in
meiner Ecke sitzen. Ich hoffte, er würde mich dann in Ruhe lassen.
Aber bald merkte ich, daß er anfing ungeduldig und zornig zu werden. Um
ihn nicht noch mehr zu reizen, entschloß ich mich denn schweren Herzens,
aus meiner sicheren Ecke herauszukommen; aber schon hatte er ein Reis
ergriffen, mit dem er mir einige harte Schläge über die Stirne
versetzte.
„Die Schule geht gut an“, dachte ich und hüpfte, vom Schmerz getrieben,
bis in die Mitte des Käfigs. Mit fester Hand ergriff mich daselbst der
Räuber und zog mich aus dem Käfig hervor.
Meine Flügel waren groß geworden, und im Stillen meines Herzens stiegen
süße Hoffnungen und Pläne auf. „Vielleicht“, dachte ich, „vielleicht
kommt jetzt in einem unbewachten Augenblick die Gelegenheit, rasch zu
entschlüpfen, auf ewig dir und deiner Schule Lebewohl zu sagen und
drüben über den Bergen die goldene Freiheit wiederzufinden.“
Rassi reckte abermal das Köpfchen.
„Indes sollte diesmal meine schöne Hoffnung noch nicht ihre Erfüllung
finden.
Unter der schattigen Linde am Ende des Hofes machte der Knecht Halt. Um
einen grüngestrichenen Gartentisch herum standen einige aus Haselstauden
roh geflochtene Stühle und Bänke. Dort setzte er sich nieder. Ich hatte
nun gemeint, er werde mich vor sich auf den Tisch stellen und dann ...!
Schon hatte ich nach Kippenhof hinauf geschickt, mein Plan war fertig.
Doch, hatte der Knecht meine verstohlenen Blicke gesehen oder traute er
mir ohnedies nicht, er nahm einen starken Bindfaden und strickte mich
damit fest an den Tisch. „Man weiß halt nicht“, sprach er leise, „was in
solch einem Rabenhirn vorgehen kann!“
Mitleidsvoll blickte Rassi den alten Hans an. „War der Faden stark,
Väterchen,“ fragte er, „und hättest du ihn nicht durchreißen können,
wenn du einmal rasch und fest gezogen hättest?“
„Es war unmöglich Rassi ... Über den Krallen war der Strick befestigt,
und dick war er, so dick, daß wir zu zehn ihn nicht hätten zerreißen
können.
Dann begann die sogenannte Schule. „Hannes“, sprach der Knecht, „nun
hübsch aufgepaßt!“ Dann fing er an: „Ta-ta, Ta-ta! Allons Hans, ta-ta,
ta-ta“ und immer wiederholte er dasselbe. „Ist der Bursche närrisch
geworden“, dachte ich, „oder was will er mit seinem blöden Ta-ta? – Will
er mir am Ende wieder einen neuen Namen geben? War schon der Schimpfname
Hans nicht mehr gut genug? Der hatte mir schon wenig gefallen, jetzt
auch noch Ta-ta zu heißen! „Nein, nein,“ dachte ich, „spar dir deine
Mühe, Knechtlein, daraus wird nichts“.
So schaute ich denn einfach vor mich hin und ließ alles geduldig über
mich ergehen. Aber mein Lehrer gab sich damit nicht zufrieden. Immer
wiederholte er jenes garstige Wort „Ta–ta“. Dann und wann stieß er mich
dazu auf den Schnabel und sagte: „Allez Hans!“ Zuletzt, da ich der
ganzen Sache überdrüssig wurde, rief ich einmal kräftig „Raspio“, um ihm
zu bedeuten, daß ich bei dem von meiner Mutter erhaltenen Namen zu
verbleiben gedenke und nicht gesonnen sei, andere Namen, wie Hans oder
Tata, anzunehmen.
Meine Antwort schien dem Peiniger Freude zu bereiten. „Brav, Hans“,
sagte er, „brav! aber Ta-ta, ta-ta“, und dann ging dieselbe Leier
weiter, fünfzig, sechzig Mal. Dabei sah ich den Burschen immer
ungeduldiger und zorniger werden. Immer lauter sprach er sein Tata. Die
Zornesader auf seiner Stirne begann zu schwellen, und immer unsanfter
schlug er mich auf den Schnabel. Schüchtern sprach ich noch einmal
„Raspio“, dann schwieg ich vollständig, denn ich sagte mir, einen
zornigen Menschen soll man nicht noch mehr reizen.“
„Das war auch das Allerbeste“, warf Rassi rasch dazwischen.
„Doch auch mein Schweigen brachte den Knecht nicht wieder zur Ruhe.
Grobe, sehr grobe Worte und Schimpfnamen wechselten schon mit seinem
Tata; dann redete er von Halsumdrehen und Ersäufen im Mühlenteich. Wie
gerne hätte ich wieder still in meinem Käfig gesessen! Als ich aber
dieserhalb einen flehentlichen Blick auf den Burschen richtete, fühlte
ich plötzlich einen derben Faustschlag auf meiner Stirne. Halb bewußtlos
sank ich zusammen. Was weiter geschah, kann ich mich nicht recht
entsinnen. Ich fühlte noch, wie eine feste Hand mir die Brust
umkrampfte, hörte noch abgerissene Worte, wie Schloß Burscheid und
verlaufen; verschwommen sah ich noch meinen Käfig wieder und fühlte
dann, wie ich hart auf dem Boden desselben aufschlug. Erschöpft blieb
ich auf demselben liegen.“
„Der grausame Narr“, knurrten die Räblein und knirschten zornig mit den
Schnäbeln.
„Wie lange ich bewußtlos da lag, kann ich nicht sagen. Als ich zu mir
kam, war es stockfinstere Nacht. Zitternd vor Kälte kauerte ich mich in
die Ecke des Käfigs, wo ich bald wieder in tiefen Schlaf versank. Bei
meinem Erwachen glitt schon vom Kippenhof her die Sonne über die vom
blühenden Ginster vergoldeten Abhänge, und silbern glitzerten ihre
Strahlen in den plätschernden Wellen der Sauer.
Vom Schlage am vorhergehenden Tage verspürte ich nur mehr sehr wenig;
doch ich war ganz durstig geworden. Glücklicherweise war das Wasser
meiner Schüssel nicht ganz ausgetrocknet, und so konnte ich mich am
kühlen Trunk erquicken. Bald fühlte ich mich wieder ganz wohl. Essen
wurde mir an jenem Tage keines gebracht bis am Nachmittag.