“Ja Kinder, dann kam für mich eine traurige Zeit, meine Gefängnisjahre
könnte ich sie nennen. Ich wurde in einen großen Käfig gesperrt und
mußte dort den ganzen Tag auf einem Stabe hocken. Der Stab war rund und
glatt, so daß ich jeden Augenblick achtgeben mußte, um nicht
herunterzurutschen. Auch Nachts mußte ich da sitzen, immer an derselben
Stelle. Von allen Seiten kam die Kälte leise hereingeflogen; nur gegen
den Regen war ich geschützt durch ein graues Tuch, welches Abends über
den Käfig ausgebreitet wurde. Und manchmal in finsterer Nacht schlichen
böse Tiere, die Katzen, mit grünschimmernden, raubgierigen Augen leise
um den Käfig herum und reichten ihre bekrallten Tatzen durch das Gitter
herein, um mich zu packen und mir den Garaus zu machen. Aber der
schwarze Hans blieb wohlweislich in der Mitte des Käfigs sitzen, und
ihre Mühe war umsonst“.
„Hast du denn nichts zu essen bekommen im Käfig?“ fragte schon wieder
der vorwitzige Rassi.
Vater Hans lächelte. „Dann hätte ich ja bald verhungern müssen. Essen
bekam ich wohl, mehr sogar als ich brauchte. Aber es war arme Kost,
beinahe immer dasselbe. Dicke Milch und Kartoffeln, ohne Abwechslung,
Morgens und Mittags und Abends dazu. Mein Räuber hatte einen eignen
Löffel geschnitzt, um mich zu füttern. Ein langes, schmales Holz war es,
das er inwendig etwas ausgehöhlt hatte. „Hänschen gaak,“ sagte er dann,
und jedesmal mußte ich den Schnabel weit aufsperren, worauf er mir die
Speise in den Mund drückte. Wenn ich aber einmal keinen Hunger hatte und
den Schnabel nicht öffnen wollte, dann preßte er mir denselben auf und
zwängte mir die Speise hinein. Trotz meines Widerwillens dagegen mußte
ich sie dann doch schlucken, um nicht zu erwürgen. Ach, welche Zeit!
Als ich dann größer wurde, ging es freilich besser; da brachte der
Knecht mir das Essen in einer Holzschüssel, stellte es in die Ecke des
Käfigs und sagte: „Hans gaak!“ worauf er sich wieder entfernte. Seit der
Zeit habe ich meinen häßlichen Namen Hans. Zu Hause nämlich hatten meine
Eltern mir einen viel schöneren Namen gegeben. Raspio hatte meine gute
Mutter mich immer genannt. Aber die Menschenbuben sind böse;
Schimpfnamen gefallen ihnen besser, und so ist mir der Name Hans
geblieben bis auf den heutigen Tag.
Auch andere törichte Reden führte der dumme Bursche, wenn er mir das
Essen brachte. „Vogel friß oder stirb“, sagte er gewöhnlich, wenn er
wegging. Dann lachte er selbst über diesen dummen Witz und er schien
noch zu staunen über solch’ vermeintliche Weisheit. Ich aber sah ihm
verächtlich nach und dachte: „Wenn Dummheit weh täte, was hätten manche
Menschen Schmerzen!“ So hatte mein Vater immer gesagt.“
[Illustration: Auf einer alten Eiche bei Folkendingen hatten sie Platz
genommen; alle waren voller Spannung auf die versprochene, lange
Geschichte.]
„Recht hast du gehabt, Vater Hans,“ nickte Rassi, „der dumme Kerl! Doch
Väterchen, Milch und Kartoffeln, war das schmackhaft?“
„Schmackhaft schon“, bejahte Hans, „aber bei weitem nicht so lecker wie
die Engerlinge und Fischlein, welche die Eltern brachten. Und auch der
besten Gerichte wird man schließlich überdrüssig, wenn sie zu oft
aufgetragen werden.“
Schon wieder platzte Rassi heraus: „Dann hätte ich es einfach stehen
lassen und hätte nichts gegessen, Väterchen Hans!“
„Ja Rassi, du hast gut sprechen! Wenn der Hunger nicht wäre! Da muß man
essen, auch wenn die Speise weniger zusagt!“
„Aber warum bist du denn nicht fortgeflogen, als du größer warst? Deine
Flügel sind doch stark geworden. Warum bist du nicht heimgeeilt zu
deinen Eltern?“
„Daran hatte ich schon gedacht, kleiner Naseweis. Aber die Türe des
Käfigs war immer sorgsam verschlossen, und das Gitter war fest. Manchmal
habe ich versucht es zu öffnen, habe mich manchmal an den Eisenstäben
müde geschnabelt, aber der Käfig war zu fest, zu fest; alle Mühe war
umsonst. Wenn ich dann hinaufsah zum blauen Himmelszelt, an dem die
Wolken, vom sanften Winde getragen, langsam und still dahinschwebten,
wenn ich unter ihnen die andern Rabenbuben lustig dahinfliegen sah mit
frohem Gesang, ja Kinder, dann wurde mir oft das Herz dick. Manchmal
weinte ich still und dachte: „Ach, wenn doch die Menschen wüßten,
welches Leid sie einem freien Vöglein antun, wenn sie es einsperren, sie
könnten doch nicht so grausam sein und müßten es wieder in die Freiheit
ziehen lassen.
Dann dachte ich auch an die armen Eltern und die Brüderlein droben, die
ich schon so lange nicht mehr gesehen.“
Traurig klang wieder Hansens Stimme, denn jedesmal, wo er von seinen
lieben Eltern redete, war sein Herz bewegt.
„Ach Väterchen Hans“, trösteten gleich einige der Büblein, „denk nicht
mehr an jene traurigen Tage. Heute hast du ja die goldene Freiheit.
Erzähle weiter.“
„Meine Gefangenschaft im Drahtkerker dauerte, wenn ich mich gut
erinnere, ungefähr sieben Jahre.“
Ein wehmütiges „Ah“ entschlüpfte den Räblein.
„Einige Freudentage gab es allerdings in jedem Jahr. Im Frühling und
Herbst war es, wenn der tiefe Mühlteich gereinigt wurde. Dann gab es
Freude für die Menschen in der Mühle, aber auch für den armen Raspio in
seinem eintönigen Gefängnis. Da gab es allemal Fische in Hülle und
Fülle. Ha, wie ich da von der Küche her die Pfannen krachen hörte! Es
war eine helle Freude. Die kleinen Fischlein, welche im Schlamme
zurückgeblieben waren, wurden für mich gesammelt; manchmal fand sich
auch ein Fröschlein dabei, und an diesen Leckerbissen konnte ich mich
dann ergötzen nach Herzenslust.“
Leise hörte man wieder die Zünglein der aufmerksamen Zuhörer schnalzen,
und der alte Hans selbst mußte schlucken, da er an diese Sonnentage
seiner Jugend zurückdachte.
„Aber ach“, sprach er, „diese Tage kamen nur zweimal im Jahr, und sie
waren so bald wieder vergessen. Dann zog wieder das ewige Einerlei in
meinen Speisezettel: Dicke Milch und Kartoffeln und wieder dicke Milch
und Kartoffeln. Und dann die Langeweile! Stetig an derselben Stelle
sitzen, Tag um Tag und Woche um Woche. Etwas Zerstreuung brachten nur
die Tage, an denen für die umliegenden Ortschaften gemahlen wurde. Alle
die in der Mühle aus und ein gingen, mußten an meinem Käfig vorbei, und
so hatte ich Gelegenheit, sie genau zu beobachten. Ich habe es auch
redlich getan; habe mir alle genau angesehen und manchmal meine bare
Freude an ihrer Torheit gehabt. Kinder! wenn Dummheit weh täte ...!
Junge Burschen sah ich oftmals kommen, stolzen Schrittes mit ihrer Last,
und sie prahlten gern mit ihrer Kraft. Jeder von ihnen wollte der
Stärkste und Tüchtigste sein. Besondere Freude machte es mir, sie zu
beobachten, wenn sie zu mehreren zusammen waren. Ei, wie sie da in die
Hände spuckten und die Mehlsäcke auf die Schulter warfen! Stolz blickten
sie noch einmal rasch um sich, ob man auch ihre Stärke bewundere, sagten
einen kräftigen „Guten Abend“ und traten den Heimweg an. Aber wenn sie
an meinem Käfig vorübergingen, hörte ich sie schon leise und verhalten
keuchen, und ich mußte über die Prahlhanse lachen, wenn sie drüben,
schon gleich beim Bergaufstieg, Rast machen mußten.
Aber was in der Mühle geschimpft wurde! Von den Namen, die mir gegeben
wurden, will ich nicht einmal reden. Da gab es den ganzen Tag nichts
anders als Hans hier und Hans da, gaak hier und gaak da. Freilich
gefielen mir diese Schimpfnamen nicht, doch was sollte ich tun? Ich
mußte mir dieselben ohne Klage gefallen lassen; ein Zornesausbruch
meinerseits hätte den Burschen doch nur Freude bereitet und hätte sie
noch schlimmer gegen mich gemacht. So blieb ich denn still auf meiner
Stange sitzen, träumte vor mich hin und stellte mich schlafend. Dann
zogen sie bald ab und ließen mich in Ruhe.“
„Ganz recht hast du getan, Väterchen,“ nickte Rassi, „so hätt’ ich es
auch gemacht.“
„Übrigens“, fuhr Hans fort, „konnte ich mich trösten, denn es gab
jemanden in der Mühle, der noch viel mehr gescholten wurde, wie der arme
Raspio. Es war der Müller selbst. Kaum einer seiner Kunden verließ die
Mühle, ohne sich bitter über ihn zu beklagen. Zwar verstand ich nicht
alles, was sie brummten und schalten, aber es schien mir alles auf
dasselbe hinauszuklingen: „Das sei nicht mehr gemoltert, das sei
einfachhin gestohlen; bald könne man in einer Tasche forttragen, was man
von diesem Wuchermüller noch mit nach Haus bekomme. Der klagte wieder,
er habe zu wenig Kleie bekommen und jener, sein Mehl sei zu schwarz und
entspreche nicht dem guten Getreide, welches er in die Mühle
eingeliefert habe; kurz, der ewigen Klagen gab es gar kein Ende.“
Der kleine Rassi trippelte ungeduldig auf seinem Ästchen. Eines machte
ihn besonders neugierig, wie Väterchen Hans die Freiheit wiedererlangt.
Alles, was in der Erzählung nicht darauf hinwies, interessierte ihn
weniger, und so drängte er denn schon wieder weiter: „Väterchen Hans,
und dann? Kamst du denn noch nicht bald in die goldene Freiheit?“
„Ach, Rassi, noch lange, lange nicht. Da kamen noch mancherlei Tage
dazwischen, gute, aber auch schlimme. Einer der allerschlimmsten meines
Lebens aber war der, wo ich in die Schule ging.“
Wiederum erklang ein schallendes Rabengelächter über die Bäume.
„So, Väterchen, auch in der Schule bist du gewesen? Ei, das muß lustig
sein! Erzähl’, erzähl’!“