„Doch war damit“, fuhr Hans abermal fort, „des Unglückes noch nicht
genug. Einige Tage später kam ein großer Kerl – wie ich später erfuhr,
war er Knecht auf der Erpeldingermühle – an unserm Baum vorüber. Auch er
blieb stehen und spähte einige Zeit nach unserm Neste. Obschon wir uns
ganz ruhig verhielten, machte er dennoch bald Anstalten, den Baum zu
ersteigen. Er warf seine weiße Mütze zu Boden, umklammerte fest den
knorrigen Stamm und kam rasch an demselben empor.“
„Er kommt nicht herauf, er kommt nicht herauf,“ hastete Rassi wieder,
„es geht ihm wie den drei Buben, er rutscht wieder hinunter!“
„Ja Rassi,“ lächelte Vater Hans, „so hatten auch wir gehofft, aber
umsonst. Schon saß er in den Ästen. Nachdem er einige Minuten gerastet,
kletterte er, schwer atmend, weiter. Plötzlich erschien sein großer,
weißer Kopf ganz in unserer Nähe. Mit seinen frechen, schwarzen Augen
glotzte er uns triumphierend an.“
Mäuschenstill war es wieder in der Runde geworden, die kleinen
Rabenbüblein horchten unverwandten Auges.
„Kamen denn diesmal die Eltern nicht zu Hilfe?“ fragte Rassi zitternd.
„Väterchen Hans erzähl’, erzähl’! Wie ging es weiter? Kam nicht der
Vater und hat den frechen Buben gestraft und hinuntergetrieben, wie den
andern Bösewicht einige Tage früher?“
„Leider nicht, Rassi. Die Eltern waren fort und hörten unsere
flehentlichen Hilferufe nicht. Was hätte es auch genützt, wenn sie da
gewesen wären? Dieser Bursche war viel stärker als der Bube von damals;
zudem hatte er sich mit einem Stock bewaffnet, und damit hätte er sich
gewiß gegen die Eltern gewehrt; möglicherweise wären sie noch verwundet
worden, und schließlich wäre doch der Räuber Meister geblieben.“
„Wie schade“, klagte Rassi traurig, und indem er das Köpfchen neugierig
nach vorne streckte, „und dann, Väterchen Hans, und dann?“
„Guten Morgen, ihr Herren Räblein,“ sagte der Spötter. „Jetzt geht einer
von euch mit mir zur Mühle“.
Und er nahm einen von uns nach dem andern in die Hand und wog uns
bedächtig; dann breitete er uns die Flügel aus und betrachtete sie
genau; schließlich fand er mich als den größten von uns allen“.
„Du gehst mir jetzt mit, Hänslein“, sagte er, „und die andern hol’ ich
mir später, wenn sie etwas größer sind.“
Damit stieg er mit mir den Baum hinab; leise hörte ich noch einmal die
Brüderlein klagen, und seitdem habe ich nie wieder etwas von ihnen
erfahren“.
„Ach, der böse Dieb und Räuber! Du hättest ihn beißen sollen, Väterchen
Hans, bis er dich freigelassen hätte“, knirschte Rassi zornig, „oder
fortfliegen hättest du sollen, es wäre dir gewiß schon gelungen.“
„Es wäre mir nicht gelungen, Rassi“, erwiederte Hans betrübt, „seine
schwere Hand hatte mich zu fest umklammert; er preßte mir die Seiten
zusammen, daß ich beinahe nicht atmen konnte und in Gefahr schwebte zu
ersticken. Unter dem Baume drückte er mich in eine Tasche, die er mit
einer Stecknadel sorgfältig verschloß. So war es unmöglich
herauszuschlüpfen. In der Tasche war es eng, Kinder; eine Zehe war mir
zwischen zwei harten Gegenständen eingeklemmt und schmerzte mich
heftig.“
„War es denn hell in der Tasche, Väterchen Hans, und hast du gewußt,
wohin der Räuber dich tragen würde?“ unterbrach schon wieder Rassi.
„Ihr könnt euch denken“, lachte Hans, „ganz finster war es drinnen, so
schwarz, daß ich nicht einmal die Richtung wußte, in der ich
fortgetragen wurde. Nach einiger Zeit blieb mein Räuber stehen. Er
öffnete die Tasche, ergriff mich wieder mit seiner Eisenfaust und zog
mich ans Tageslicht. Aus der finsteren Tasche plötzlich in den hellsten
Sonnenschein zurückversetzt, vermochte ich anfangs nicht aufzublicken.
Nach einer Weile erst sah ich, daß sich die Gegend ganz verändert hatte.
Vor mir lag ein schöner Wiesengrund. Eine breite Fläche tiefen,
stehenden Wassers breitete sich in demselben aus, und seitwärts ging von
ihm ein schmaler Graben aus, der das Wasser mitten in das im Hintergrund
liegende weiße Haus hineinleitete. Das Haus war gedeckt mit Stroh, auf
welchem bis zum First hinauf allerlei Moosarten herumstanden.
Wir befanden uns vor einer alten Mühle. Heute ist sie verschwunden.
Bereits vor einigen Jahrzehnten ist sie abgebrochen worden, nachdem sie
lange Zeit als unbewohntes, baufälliges Gebäude leer gestanden hatte.
Damals war sie noch in Betrieb, und ein Poltern drang aus derselben
heraus, daß mir das Herz schneller schlug, und ich mein letztes
Stündlein gekommen glaubte.
Indem mein Räuber ein Liedlein pfiff, trug er mich dort hinein. Es war
das erste Menschenhaus, welches ich aus der Nähe sah. Allenthalben
standen sonderbare Gegenstände, die ich nicht kannte: schwere, runde
Steine, groß wie Räder, dann wieder Wagen, Säcke, Ackergeräte u. s. w.
Mit verwunderten Augen sah ich alles scheu an. Auf einmal fuhr ich
erschrocken zusammen. Hinterher aus dem Hof erscholl ein wildes Schreien
Hi ... hi ... hi! so fürchterlich, wie ich es noch niemals gehört hatte.
Und als ich hinsah, kamen zwei große, unheimliche Tiere heran,
tausendmal größer als ich. Rot waren sie wie die Eichhörnchen, aber viel
größer und wilder. Mit schweren Schritten kamen sie gerade auf mich zu.
Der Boden zitterte unter ihnen und Augen hatten sie größer wie mein
Kopf“.
„Wollten sie dich fressen, Väterchen Hans?“ fragte Rassi erschrocken.
„Ja, so hatte ich auch gefürchtet“, lächelte Hans, „aber sie gingen
vorüber, ohne nach mir zu schauen und verschwanden in einem schwarzen
Loch hinter dem Gebäude. Später hörte ich, daß man sie Pferde nannte“.
Laut krächzend lachten die Räblein auf.
„Und die hast du gefürchtet, Vater Hans“, kicherte Rassi, der vor lauter
Lachen fast nicht mehr reden konnte, „die guten Pferde, welche uns die
fetten Raupen und Würmer herausgraben, wenn sie das schwere Eisen durch
die Felder ziehen. Die hätte ich aber nicht gefürchtet!“
„Du willst immer den Held spielen, Rassi“, entgegnete Hans, voll Freude,
daß seine kleinen Zuhörer sich so an seiner Erzählung ergötzten, „wenn
du sie zum ersten Mal gesehen hättest, und du wärest festgehalten
gewesen wie ich, dann hättest auch du gefürchtet, kleiner Prahlhans“.
„Väterchen Hans, nur weitererzählen!“, klang es bittend aus der Runde,
„der dumme Rassi muß immer schwätzen und dich unterbrechen; Väterchen
Hans, und dann?“