III.

„Doch war damit“, fuhr Hans abermal fort, „des Unglückes noch nicht

genug. Einige Tage später kam ein großer Kerl – wie ich später erfuhr,

war er Knecht auf der Erpeldingermühle – an unserm Baum vorüber. Auch er

blieb stehen und spähte einige Zeit nach unserm Neste. Obschon wir uns

ganz ruhig verhielten, machte er dennoch bald Anstalten, den Baum zu

ersteigen. Er warf seine weiße Mütze zu Boden, umklammerte fest den

knorrigen Stamm und kam rasch an demselben empor.“

„Er kommt nicht herauf, er kommt nicht herauf,“ hastete Rassi wieder,

„es geht ihm wie den drei Buben, er rutscht wieder hinunter!“

„Ja Rassi,“ lächelte Vater Hans, „so hatten auch wir gehofft, aber

umsonst. Schon saß er in den Ästen. Nachdem er einige Minuten gerastet,

kletterte er, schwer atmend, weiter. Plötzlich erschien sein großer,

weißer Kopf ganz in unserer Nähe. Mit seinen frechen, schwarzen Augen

glotzte er uns triumphierend an.“

Mäuschenstill war es wieder in der Runde geworden, die kleinen

Rabenbüblein horchten unverwandten Auges.

„Kamen denn diesmal die Eltern nicht zu Hilfe?“ fragte Rassi zitternd.

„Väterchen Hans erzähl’, erzähl’! Wie ging es weiter? Kam nicht der

Vater und hat den frechen Buben gestraft und hinuntergetrieben, wie den

andern Bösewicht einige Tage früher?“

„Leider nicht, Rassi. Die Eltern waren fort und hörten unsere

flehentlichen Hilferufe nicht. Was hätte es auch genützt, wenn sie da

gewesen wären? Dieser Bursche war viel stärker als der Bube von damals;

zudem hatte er sich mit einem Stock bewaffnet, und damit hätte er sich

gewiß gegen die Eltern gewehrt; möglicherweise wären sie noch verwundet

worden, und schließlich wäre doch der Räuber Meister geblieben.“

„Wie schade“, klagte Rassi traurig, und indem er das Köpfchen neugierig

nach vorne streckte, „und dann, Väterchen Hans, und dann?“

„Guten Morgen, ihr Herren Räblein,“ sagte der Spötter. „Jetzt geht einer

von euch mit mir zur Mühle“.

Und er nahm einen von uns nach dem andern in die Hand und wog uns

bedächtig; dann breitete er uns die Flügel aus und betrachtete sie

genau; schließlich fand er mich als den größten von uns allen“.

„Du gehst mir jetzt mit, Hänslein“, sagte er, „und die andern hol’ ich

mir später, wenn sie etwas größer sind.“

Damit stieg er mit mir den Baum hinab; leise hörte ich noch einmal die

Brüderlein klagen, und seitdem habe ich nie wieder etwas von ihnen

erfahren“.

„Ach, der böse Dieb und Räuber! Du hättest ihn beißen sollen, Väterchen

Hans, bis er dich freigelassen hätte“, knirschte Rassi zornig, „oder

fortfliegen hättest du sollen, es wäre dir gewiß schon gelungen.“

„Es wäre mir nicht gelungen, Rassi“, erwiederte Hans betrübt, „seine

schwere Hand hatte mich zu fest umklammert; er preßte mir die Seiten

zusammen, daß ich beinahe nicht atmen konnte und in Gefahr schwebte zu

ersticken. Unter dem Baume drückte er mich in eine Tasche, die er mit

einer Stecknadel sorgfältig verschloß. So war es unmöglich

herauszuschlüpfen. In der Tasche war es eng, Kinder; eine Zehe war mir

zwischen zwei harten Gegenständen eingeklemmt und schmerzte mich

heftig.“

„War es denn hell in der Tasche, Väterchen Hans, und hast du gewußt,

wohin der Räuber dich tragen würde?“ unterbrach schon wieder Rassi.

„Ihr könnt euch denken“, lachte Hans, „ganz finster war es drinnen, so

schwarz, daß ich nicht einmal die Richtung wußte, in der ich

fortgetragen wurde. Nach einiger Zeit blieb mein Räuber stehen. Er

öffnete die Tasche, ergriff mich wieder mit seiner Eisenfaust und zog

mich ans Tageslicht. Aus der finsteren Tasche plötzlich in den hellsten

Sonnenschein zurückversetzt, vermochte ich anfangs nicht aufzublicken.

Nach einer Weile erst sah ich, daß sich die Gegend ganz verändert hatte.

Vor mir lag ein schöner Wiesengrund. Eine breite Fläche tiefen,

stehenden Wassers breitete sich in demselben aus, und seitwärts ging von

ihm ein schmaler Graben aus, der das Wasser mitten in das im Hintergrund

liegende weiße Haus hineinleitete. Das Haus war gedeckt mit Stroh, auf

welchem bis zum First hinauf allerlei Moosarten herumstanden.

Wir befanden uns vor einer alten Mühle. Heute ist sie verschwunden.

Bereits vor einigen Jahrzehnten ist sie abgebrochen worden, nachdem sie

lange Zeit als unbewohntes, baufälliges Gebäude leer gestanden hatte.

Damals war sie noch in Betrieb, und ein Poltern drang aus derselben

heraus, daß mir das Herz schneller schlug, und ich mein letztes

Stündlein gekommen glaubte.

Indem mein Räuber ein Liedlein pfiff, trug er mich dort hinein. Es war

das erste Menschenhaus, welches ich aus der Nähe sah. Allenthalben

standen sonderbare Gegenstände, die ich nicht kannte: schwere, runde

Steine, groß wie Räder, dann wieder Wagen, Säcke, Ackergeräte u. s. w.

Mit verwunderten Augen sah ich alles scheu an. Auf einmal fuhr ich

erschrocken zusammen. Hinterher aus dem Hof erscholl ein wildes Schreien

Hi ... hi ... hi! so fürchterlich, wie ich es noch niemals gehört hatte.

Und als ich hinsah, kamen zwei große, unheimliche Tiere heran,

tausendmal größer als ich. Rot waren sie wie die Eichhörnchen, aber viel

größer und wilder. Mit schweren Schritten kamen sie gerade auf mich zu.

Der Boden zitterte unter ihnen und Augen hatten sie größer wie mein

Kopf“.

„Wollten sie dich fressen, Väterchen Hans?“ fragte Rassi erschrocken.

„Ja, so hatte ich auch gefürchtet“, lächelte Hans, „aber sie gingen

vorüber, ohne nach mir zu schauen und verschwanden in einem schwarzen

Loch hinter dem Gebäude. Später hörte ich, daß man sie Pferde nannte“.

Laut krächzend lachten die Räblein auf.

„Und die hast du gefürchtet, Vater Hans“, kicherte Rassi, der vor lauter

Lachen fast nicht mehr reden konnte, „die guten Pferde, welche uns die

fetten Raupen und Würmer herausgraben, wenn sie das schwere Eisen durch

die Felder ziehen. Die hätte ich aber nicht gefürchtet!“

„Du willst immer den Held spielen, Rassi“, entgegnete Hans, voll Freude,

daß seine kleinen Zuhörer sich so an seiner Erzählung ergötzten, „wenn

du sie zum ersten Mal gesehen hättest, und du wärest festgehalten

gewesen wie ich, dann hättest auch du gefürchtet, kleiner Prahlhans“.

„Väterchen Hans, nur weitererzählen!“, klang es bittend aus der Runde,

„der dumme Rassi muß immer schwätzen und dich unterbrechen; Väterchen

Hans, und dann?“

Was der schwarze Hans erlebte: Kindererzählung aus der Heimat · 第 3 / 19 题