II.

So war denn diese große Gefahr glücklich vorübergegangen. Unter der

sorgsamen Obhut der Eltern wuchsen wir heran. Nur mehr wenige Tage

trennten uns von der freudigen Stunde, wo wir großjährig werden und

unsern ersten Ausflug machen sollten.

Doch da kam jener Unglücksmorgen, den ich nie vergessen werde, und

sollte ich auch 500 Jahre alt werden. Die Eltern waren eben wieder

weggeflogen. Sie hatten uns mitgeteilt, daß sie bis Diekirch

hinuntereilen wollten, wo einer unserer dortigen Verwandten ein Reh in

einer Schlinge gefunden hatte. „Dort gebe es,“ sagte der Vater, „ein

Freudenmahl, wie unsere Familie schon jahrelang keines mehr gesehen

hätte. Vor Mittag könnten sie schwerlich zurück sein. Wir sollten uns

hübsch ruhig verhalten; vor allem dürfe sich niemand über das Nest

hinüberlehnen, damit kein Unglück geschehe. Auch versprach er uns einen

fetten Bissen mitzubringen, daß wir noch lange an jenen Tag denken

würden.“

Doch kaum waren die Eltern fortgeflogen, da kamen durch den gewundenen,

holperigen Heckenpfad von Lipperscheid herauf drei halberwachsene,

ausgelassene Burschen. Zaghaft zogen wir die Köpfchen ein. Tief duckten

wir uns in’s Nest, in der Hoffnung, daß sie uns nicht entdecken und dann

vorüberziehen würden.

Indes, wir hatten uns getäuscht. Unter dem Baume blieben sie stehen. Wir

hörten, wie sie von unserm Neste redeten.

Nachdem sie eine Zeitlang beratschlagt, schickte sich einer der drei an,

den Baum zu ersteigen. Es gelang ihm aber nicht, trotz wiederholter

Versuche. Auch die beiden andern, welche nach ihm heraufzuklettern

suchten, hatten keinen Erfolg. Jedesmal, wenn sie einige Meter erklommen

hatten, rutschten sie wieder hinab.“

„Aha, das war gut!“ jubelten die Räblein. „Ihr hattet ihnen doch nichts

zuleide getan, da konnten sie ja ruhig ihres Weges weiterziehen!“

„Wir freuten uns“, fuhr Vater Hans fort, „und hätten laut aufjubeln

mögen, als wir sie nach einer Weile unverrichteter Dinge abziehen sahen.

Aber leider sollte unsere Freude nicht von langer Dauer sein.

Voll Zorn, daß sie nichts erreicht hatten, stiegen die drei Lümmel die

kleine Anhöhe hinauf, welche zur Seite des Feldes unser Nest überragte.

Einige Zeit hatten wir nichts mehr gehört. Schon glaubten wir alle

Gefahr verschwunden. Da sauste plötzlich ein dicker Stein an unserm Nest

vorüber. Ich lüge nicht, aber ganz gewiß war er dicker als mein Kopf.“

Angstvoll reckten die Räblein ihre Köpfchen und mit weit aufgerissenen

Augen stierten sie den alten Hans an. Leise redete er weiter. „Wir

duckten uns rasch ins Nest hinein, so tief wir nur konnten. Weitere

Steine folgten. Immer zahlreicher hörten wir sie an uns vorbeifliegen.

Bald gingen sie in weitem Bogen über das Nest und den Baum hinweg; dann

wieder fuhren sie klatschend durch das Laub neben oder unter uns, und

leise hörten wir sie unten am Berge aufschlagen.

Lange folgte Schuß auf Schuß. Noch waren sie alle glücklich

vorbeigegangen. Weder uns noch unserm Neste war ein Unheil geschehen.

Das aber reizte die bösen Burschen noch mehr. Zitternd hörten wir, wie

sie abwechselnd einer den andern aufforderten, aus den umliegenden

Feldern Steine herbeizutragen. Ohne Rast und Erbarmen schleuderten sie

ihre Geschosse weiter.

Nach langen, qualvollen Minuten hielten sie plötzlich inne. Einige Zeit

blieb alles still. Ich horchte hinunter. Da ich gar nichts mehr hörte,

sprach ich freudig zu meinen Brüderlein: „Endlich sind sie fort.“

Erleichtert atmeten wir alle auf.

Ungefähr fünf Minuten war alles ruhig geblieben. Da beugte sich unser

Brüderchen Rappi rasch über den Rand des Restes hinüber. Er wollte

spähen, ob die grausamen Kerle wirklich davongegangen seien. Doch, o

weh! Gerade in dem Augenblick traf ihn der tötliche Schuß. Hart an die

Schläfe getroffen, schrie er plötzlich grell auf. Gleich sank sein

Köpfchen seitwärts und färbte die Reiser des Restes blutigrot. Seine

sonst so klaren Äuglein füllten sich mit Tränen. Wehmütig sah er uns

alle noch einmal an. In wenigen Sekunden wurde sein Blick trüb und immer

trüber; einige Male noch ging sein Atem rasch und schwer. Leise stöhnend

starb er schon nach etlichen Minuten.

Und von neuem sausten die bösen Steine, die auch uns ein jähes,

grausames Ende bringen konnten.“

Regungslos, mit halbgeöffnetem Schnabel saßen die Räblein da und sahen

Hans angstvoll an.

Leise, mit tränenerstickter Stimme, fragte Rassi teilnahmsvoll:

„Und was sagten die Eltern, Väterchen Hans, als sie Mittags

heimkehrten?“

„O, darüber laß mich schweigen, Rassi,“ entgegnete Hans traurig, „was

würden deine Eltern sagen, wenn ein böser Mensch dich totwerfen würde?

Anderntags, als die Mutter auf einem mehr abseits stehenden Baum

herzzerreißend um das tote Brüderlein weinte, nahm der Vater schluchzend

die kleine, blutbefleckte Leiche in seine festen Krallen und flog damit

fort, weit weg über die Berge. Erst nach langer Zeit kehrte er heim.

Wohin er das tote Brüderlein begraben, hat er uns nie mitgeteilt.“

Der alte Hans hielt inne. Tränen erstickten seine Stimme.

Das harte Mißgeschick, das den armen kleinen Rappi betroffen, und das

große Leid, welches die bösen Buben seinen lieben Eltern bereitet

hatten, war auch den Rabenbüblein tief zu Herzen gegangen. Bittere

Tränlein rollten aus ihren Augen und tröpfelten leise drunten in das

dürre Laub.

Was der schwarze Hans erlebte: Kindererzählung aus der Heimat · 第 2 / 19 题