Der schwarze Hans?!
Wer war denn das? – Vielleicht ein ausgelassener, böser Bube? – ein
Räuber? – ein Neger im fernen Afrika?
Nichts von alledem. Der schwarze Hans war nichts anders als ein alter,
sehr alter Rabe.
Aus der Naturgeschichte ist euch gewiß bekannt, daß die Raben ein sehr
hohes Alter erreichen; ja man sagt sogar, sie könnten es bis auf 200
Jahre bringen. –
So alt war freilich unser Hans noch nicht; aber über 100 und weit
darüber gingen seine Jahre. Genau wie alt er sei, wußte er eigentlich
selbst nicht; denn die alte Tanne, worin er jedesmal ein Zeichen
eingehackt, wenn der garstige Winter von dannen zog und ein neuer
Frühling in die Länder kam, war vor 50 Jahren umgehauen worden; und so
war Hansens Tagebuch verloren gegangen. Gegen 140 mochten seine Sommer
zählen, vielleicht einige mehr, vielleicht einige weniger; doch das
verschlägt ja auch nichts; Hans war sehr alt, und das genügt.
Trotz seines hohen Alters war er aber noch sehr rüstig. Zwar ging er wie
alte Leute etwas gebückt, aber seine Federn waren noch nicht weiß
geworden; sie schillerten nur etwas ins Grünliche hinüber. Er hörte auch
noch vorzüglich, und im Fliegen hätte er es mit einem Zwanzigjährigen
aufnehmen können. Oft indes klagte Hans, daß in den letzten Jahren sein
Augenlicht bedeutend abgenommen habe; er sah bei weitem nicht mehr so
klar wie früher. Die Brille, die er im Garten des Lehrers gefunden,
leistete ihm daher treffliche Dienste. Fast beständig trug er sie;
selbst wenn er erzählte, setzte er sie bedächtig auf, und über die
Gläser hinweg sah er scharf seine Zuhörer an.
Viel war der Hans in seinem langen Leben im Lande herumgekommen. Gute
und böse Tage und Jahre hatte er gesehen. Für alles hatte er ein offenes
Auge gehabt; Land und Leute hatte er fleißig beobachtet, und er hatte
sich alles wohl gemerkt und eingeprägt. Sein Gedächtnis war noch frisch,
seine Zunge gelenkig wie in ihren besten Jahren. Kein Wunder also, wenn
Hans erzählen konnte, wie kaum ein zweiter. Weit und breit war er dafür
bekannt, und die Rabenbüblein der ganzen Gegend kamen gerne zu ihm, um
seinen Erzählungen zu lauschen.
Umsonst freilich erzählte der alte Hans nicht. Seine kleinen Zuhörer
mußten ihm Geschenke bringen, Engerlinge, Regenwürmer und dergleichen
Leckerbissen, und nach der Menge der Gaben richtete sich die Länge
seiner Geschichten.
Väterchen Hans erzählte gerne. Seine helle Freude hatte er jedesmal,
wenn ihm die Rabenbüblein mäuschenstill zuhorchten. Besonders gern
erzählte er „gruselig“, so gruselig, daß manchmal die schwarzen
Bürschlein regungslos da saßen, kein Auge von ihm abwandten und kaum
noch zu atmen wagten.
Heute nun, an einem lauen Sommerabend, waren sie wieder zu ihm gekommen;
jeder hatte das Beste mitgebracht, was er zu finden vermocht, und vieles
hatten sie zusammengetragen, daß Väterchen Hans ihnen einmal lange, sehr
lange erzählen möchte. So hatte er es neulich versprochen, und das
wußten sie, wenn Väterchen Hans etwas versprach, konnte man sich darauf
verlassen.
Auf einer hohen Eiche, droben bei Folkendingen, hatten sie Platz
genommen; zu oberst Vater Hans, um ihn herum ein halb Dutzend
schwarzhaariger Rabenbüblein, alle voller Spannung auf die versprochene
lange Geschichte.
Lächelnd hatte Meister Hans die hergebrachten Leckerbissen verzehrt;
einige Würmlein nur hatte er auf dem knorrigen Aste liegen gelassen, um
sich daran zu ergötzen, wenn ihm etwa während der Erzählung die Zunge
trocken werden sollte. Bedächtig rückte er die Brille zurecht und begann
dann feierlich und voller Weihe:
„Lange ist es her, Kinder, damals, als noch allenthalben dichte Wälder
das Luxemburger Land bedeckten, – gegen das Jahr 1780 – da stand meine
Wiege droben im Ösling“.
Da lachten die kleinen Rabenbuben hell auf: „Ha, ha, ha, ha! Papa Hans!
Deine Wiege! Eine Wiege hast du ja gar nicht gehabt! Ha, ha, ha!“
Vater Hans verzog mißmutig das Gesicht. Wie konnten die vorlauten Buben
wagen, ihm, dem alten Manne in die Rede zu fallen? Einen Augenblick sah
er sie vorwurfsvoll über die Brille an.
Doch bald lächelte er wieder und fuhr vergnügt fort: „Ja, es ist auch
nur um so zu sagen, Kinder. Unser Nest glich doch einer Wiege, denn
geschaukelt wurden wir darin mehr als manches Menschenkind in seinem
Holzkasten. Auf einer alten Eiche über der Anhöhe bei Michelau stand
unser Heim. Sorgsam hatten die Eltern es in die Baumkrone hineingesetzt.
Und weich, ganz weich war es gepolstert. Tief unten hatten die Eltern es
mit feiner Wolle ausgeschlagen, die sie an den Dornenhecken pflückten,
wo die Schafherde vorbeigegangen, und darüber hatten sie schöne weiße
Federchen und Daunen gelegt, die sie aus den Tannen bei Bürden holten,
wo die Habichte hausten und die Hühnchen und Tauben verzehrten.
Wie mir der Verstand aufging, saß ich droben auf dem hundertjährigen
Baume und sah mir die Gegend ringsum mit neugierigen Augen an. Unserm
Hause grade gegenüber, auf der jenseitigen Anhöhe, stand das Schloß von
Burscheid, voller Schönheit und Pracht! Heute, – ach wie sich die Zeiten
ändern! – heute ist es nur mehr eine traurige Ruine, die nicht einmal
mehr ein schwaches Bild seiner früheren Herrlichkeit geben kann. Und
drunten im Tale floß die Sauer, ein breiter Silberstreifen im saftigen
Wiesengrün. In weitem schlankem Bogen zog sich das klare Wasser zwischen
den hohen Bergen hindurch, von der Burscheidtermühle an, wo es aus den
Bergen zu kommen schien, bis unterhalb Michelau, wo es hinter einem
vorspringenden Bergrücken abermal zwischen den Felsen verschwand. Und
aus den Tümpeln an ihren Ufern brachten die Eltern Leckerbissen – ah!
Fischlein, Fischlein, ah!“ Dabei glitt die spitze Zunge Hansens langsam
am Schnabel vorbei, und die kleinen Rabenbuben taten desgleichen. Mit
glänzenden Augen sahen sie Vater Hans an; das Wasser lief ihnen im Munde
zusammen, und einer nach dem andern schluckte verstohlen, daß man es
leise in der Runde gurksen hörte.
„Und du hast keine Angst gehabt, Väterchen Hans,“ unterbrach der kleine
Rassi, ein vorwitziges gewecktes Kerlchen, „du könntest vom Baume
herunterfallen, als dir die Flügel noch nicht ausgewachsen waren?“
„A... Angst!“ wiederholte Vater Hans und verächtlich schaute er Rassi
an. „Bah, Angst! Angst hab ich in meinem ganzen Leben noch keine
gekannt. Und wenn der Wind recht heftig durch die Bäume fuhr und an
unserm Hause rüttelte, wenn gar von Kehmen herunter ein Gewitter
rabenschwarz ins Tal stieg und den Baum schüttelte, daß wir beinahe aus
dem Neste geschleudert wurden, dann hatte ich erst rechte Freude.“
Die Rabenbüblein wanderten sich und staunten über solchen Mut.
„Ja, damals, Väterchen Hans“, fuhr der kleine Rapsi, ein Bürschlein, das
erst vor drei Tagen flügge geworden war, dazwischen, „damals gab es wohl
auch noch keine so bösen Menschenbuben wie jetzt. Wenn du heute im Neste
sitzen würdest, dann würde dir schon die Angst kommen, ganz gewiß!“
„Paperlapap,“ grinste Hans. „Buben sind Buben. Auch früher gab es freche
Buben, grade so gut wie heute.“
Langsam rückte er mit einer Kralle die Brille zurecht, suchte den
dicksten der noch übriggebliebenen Würmer und verzehrte ihn mit
sichtlichem Wohlbehagen. Dann setzte er seine Erzählung fort:
„Böse Buben, ja, ja! Als ich noch im Neste saß, da kamen einmal ihrer
drei, böse, freche Kerle, – ich sehe sie noch. – Oben über die Felder
schlichen sie herunter und gingen am Saume der Hecken entlang. Plötzlich
blieben sie stehen. Sie hatten unser Nest entdeckt. Einen Augenblick
beratschlagten sie miteinander. Zwar verstanden wir nicht was sie
sagten, aber an den verstohlenen, unheimlichen Blicken, die sie nach dem
Neste richteten, erkannten wir wohl, daß sie nichts Gutes im Schilde
führten. Bald standen sie unter dem Baume. Schon schickten sie sich an,
denselben zu ersteigen. Einer umklammerte den knorrigen Stamm, die
beiden andern stützten ihn und halfen ihm nach. So kroch er herauf,
immer höher und höher. Da habe ich doch ein wenig gefürchtet. Schon saß
er in den Ästen. Deutlich hörte ich, wie er mit seinen Gesellen, die
unten standen, redete. Schwarze Pläne waren es, die sie ausspannen.
„Sind Eier drin“, sprach der Bösewicht, „so werden sie geschlürft, sind
Junge drin, dann gehen sie mit in den Käfig. Jeder von uns erhält einen,
und die überzählig sind, werden totgeschlagen.“
„Ha, der Mörder,“ knirschten erbost die Räblein!
„Wir waren zu vier Brüderlein“, erzählte Hans wehmütig weiter, „und
haben gezittert, als wir die freche Rede hörten.“
„Waren denn der Vater und die Mutter nicht da“, unterbrach hastig der
kleine Rassi, „daß sie den frechen Buben fortgetrieben hätten?“
„Ihr könnt euch denken, wie wir geschrieen haben“, entgegnete Hans, „so
laut, so laut. Aber die Eltern waren fort, weit fort, um Essen zu holen.
Hoch über den Berg, bis zum Kippenhof, waren sie geflogen. Dort hatten
sie tagsvorher ein Häslein für uns erbeutet, und das wollten sie uns
stückweise zum Neste bringen.
Schon war der böse Bube so nahe gekommen, daß er uns gleich erreichen
mußte. Angstvoll drückten wir uns in die entgegengesetzte Ecke des
Nestes und schrieen so laut wir nur konnten. Plötzlich, – ach ich
zittere so oft ich daran denke! – plötzlich neigte sich das Nest etwas
zur Seite und unser armes Brüderlein Jackli stürzte kopfüber in die
schaurige Tiefe.“
„Und die andern?“ zitterte Rassi.
„Es ging noch gut,“ atmete Hans auf, gleichsam als erlebe er diese
qualvolle Angst ein zweites Mal, „der Kleine hatte sich kein Leid getan;
in seiner Todesangst hatte er kräftig mit seinen Flügelein geflattert
und unter dem Baum war dichtes, weiches Moos; für uns aber sorgte der
Vater. Just wie der böse Bube die Hand nach uns ausstreckte, erschien
er, gerade noch zur rechten Zeit. Gleich hatte er die Absicht des bösen
Buben erkannt.“
Einen Augenblick hielt der alte Hans inne.
„Und dann, und dann ...?“ drängten neugierig und zitternd einige
Stimmen. „Und dann“, fuhr Vater Hans bedächtig fort, „dann hättet ihr
einmal meinen guten Vater sehen sollen! So zornig hatte ich ihn noch nie
gesehen. Geradeswegs stürzte er auf den Buben los. Mit einem heisern
Schrei saß er ihm im Nacken; wütend fuhr sein kräftiger Schnabel auf den
Bösewicht nieder. Ha! da hättet ihr einmal Schmerzensschreie hören
können! Heulend zog der Bube den Kopf zwischen die Schultern und
rutschte am Baume hinab, so schnell er nur konnte. Aber der Vater ließ
nicht locker. Immer wieder hieb er auf ihn ein. Hu! wie des Buben Federn
flogen! Ganze Büschel Haare zauste der Vater ihm aus; allenthalben lagen
sie später um den Stamm der Eiche herum. Hätte man sie sammeln wollen,
ein ganzes Nest hätte man damit auf’s feinste polstern können. Kaum war
der Bube unten am Boden angelangt, so eilte er den Berg hinunter, so
rasch er nur konnte; seine Mütze, die ihm entfallen war, ließ er unter
dem Baume liegen und drei Tage später war er noch nicht wiedergekommen,
sie zu holen. Seine Begleiter hatten schon das Weite gesucht, sonst
hätte der Vater auch ihnen die verdiente Strafe gegeben.“
„Bravo, Bravo!“ jubelten in einem Chor die Rabenbüblein und freudig
klopften sie mit den Flügeln. „Der hatte seinen Herrn gefunden, dem war
sein Recht geschehen!“
„Und sind sie anderntags nicht wiedergekommen und haben noch größere
Buben mitgebracht?“ fragte Rassi erregt.
„Nie sind sie wiedergekommen, bis heute nicht“, erwiderte Hans
triumphierend. Sie hatten sich die Lehre gemerkt und werden sie, denke
ich, zeitlebens nicht vergessen haben.