La Roche. Kommen Sie, Madame! Kommen Sie, Herr Firmin!--

Mad. Belmont. Was gibt's?

La Roche. Trösten Sie unsern Herrn--Sprechen Sie ihm Muth zu in

seinem Unglücke!

Mad. Belmont. Seinem Unglücke!

Charlotte. Mein Gott! Was ist das?

La Roche. Er hat seine Stelle verloren.

Charlotte. Großer Gott!

Selicour. Ich bin erstaunt, wie Sie!

Mad. Belmont. Wer konnte ein solches Unglück vorhersehen!

Karl Firmin (leidenschaftlich). So ist das Talent geächtet, so ist

die Redlichkeit ein Verbrechen in diesem verderbten Lande! Der

rechtschaffene Mann behauptet sich kaum einen Tag lang, und das Glück

bleibt nur dem Nichtswürdigen getreu.

Narbonne (sehr ernst). Nichts übereilt, junger Mann!--Der Himmel

ist gerecht, und früher oder später erreicht den Schuldigen die

Strafe.

Selicour. Aber sagen Sie mir, kennt man denn nicht wenigstens die

Veranlassung dieses unglücklichen Vorfalls?

La Roche. Leider nur zu gut kennt man sie. Ein gewisses Memoire ist

Schuld an dem ganzen Unglück.

Firmin (lebhaft). Ein Memoire! (Zum Minister) Dasselbe vielleicht,

das ich Sie heute lesen sah?

Selicour. Wo die Regierung selbst mit einer Freiheit, einer Kühnheit

behandelt wurde--

La Roche. Ganz recht! Das nämliche.

Selicour. Nun, da haben wirs! Hatte ich nun Unrecht, zu sagen, daß

es nicht immer räthlich ist, die Wahrheit zu sagen?

Narbonne. Wo die Pflicht spricht, da bedenke ich nichts. Und was

auch der Erfolg sei, nie werde ich's bereuen, meine Pflicht gethan zu

haben.

Selicour. Schön gedacht! Allerdings! Aber es kostet Ihnen auch

einen schönen Platz!

La Roche. Und damit ist's noch nicht alle! Es könnten wohl auch

noch Andre um den ihrigen kommen.--Man weiß, daß ein Minister selten

Verfasser der Schriften ist, die aus seinen Bureaux heraus kommen.

Selicour. Wie so? Wie das?

La Roche (für sich). Bei dem fällt kein Streich auf die Erde!

Firmin. Erklären Sie sich deutlicher!

La Roche. Man will schlechterdings heraus bringen, wer diese heftige

Schrift geschmiedet hat.

Selicour. Will man? Und da würde er wohl in den Sturz des Ministers

mit verwickelt werden?

La Roche. Freilich! Das ist sehr zu besorgen.

Selicour. Nun, ich bin's nicht!

Firmin. Ich bin der Verfasser!

Narbonne. Was hör' ich?

Mad. Belmont. Was? Sie, Herr Firmin?

Firmin. Ich bin's, und ich rühme mich dessen.

La Roche (zu Narbonne). Nun, was sagt' ich Ihnen?

Firmin. Den Ruhm dieser Arbeit konnte ich dem Herrn Selicour gern

überlassen, aber nicht so die Gefahr und die Verantwortung--Ich habe

geschwiegen bis jetzt, aber nun muß ich mich nennen.

Karl. Recht so, mein Vater! Das heißt als ein Mann von Ehre

gesprochen--Seien Sie auf Ihr Unglück stolz, Herr von Narbonne!--

Mein Vater kann nichts Strafbares geschrieben haben--O mein Herz

sagt mir, dieser Unfall kann eine Quelle des Glückes werden--

Charlottens Hand wird kein Opfer der Verhältnisse mehr sein--Die

Größe verschwindet, und Muth gewinnt die furchtsame Liebe.

Mad. Belmont. Was hör' ich! Herr Firmin!

Firmin. Verzeihen Sie der Wärme seines Antheils; sein volles Herz

vergreift sich im Ausdruck seiner Gefühle!

Narbonne. So hat denn Jeder von Ihnen sein Geheimniß verrathen--

Herr Firmin! Sie sind der Verfasser dieses Memoire, so ist es billig,

daß Sie auch den Ruhm und die Belohnung davon ernten.--Das

Gouvernement ernennt Sie zum Gesandten--(Da Alle ihr Erstaunen

bezeugen.) Ja, ich bin noch Minister, und ich freue mich, es zu sein,

da ich es in der Gewalt habe, das wahre Verdienst zu belohnen.

Mad. Belmont. Was ist das?

Selicour (in der höchsten Bestürzung). Was hab' ich gemacht!

Narbonne (zu Selicour). Sie sehen Ihr Spiel verrathen--Wir kennen

Sie nun, Heuchler an Talent und an Tugend!--Niedriger Mensch,

konnten Sie mich für Ihres Gleichen halten?

La Roche. Wie schändlich er eine edle That auslegte! Ich weiß alles

aus dem Munde der Dame selbst. Dieses Frauenzimmer, für das er Ihnen

eine strafbare Neigung andichtete--es ist eine kranke, eine bejahrte

Matrone, die Wittwe eines verdienstvollen Officiers, der im Dienst

des Vaterlandes sein Leben ließ und gegen den Sie die Schuld des

Staats bezahlten.

Narbonne. Nichts mehr davon, ich bitte Sie! (Zu Selicour.) Sie

sehen, daß Sie hier überflüssig sind. (Selicour entfernt sich still.)

La Roche. Es thut mir leid um den armen Schelm--Wohl wußt' ich's

vorher, mein Haß würde sich legen, sobald es mit seiner Herrlichkeit

aus sein würde.

Firmin (drückt ihm leise die Hand). Lassen Sie's gut sein. Wir

wollen ihn zu trösten suchen.

La Roche. Basta, ich bin dabei!

Narbonne (zu Karln). Unser lebhafter junger Freund ist auf einmal

ganz stumm geworden--Ich habe in Ihrem Herzen gelesen--lieber

Firmin! Der Ueberraschung danke ich Ihr Geheimniß und werde es nie

vergessen, daß Ihre Neigung bei unserm Glücke bescheiden schwieg und

nur laut wurde bei unserm Unglück.--Charlotte! (Sie wirft sich

schweigend in ihres Vaters Arme.) Gut, wir verstehen uns! Erwarte

alles von deines Vaters Liebe.

La Roche. Und ich will darauf schwören, Karl Firmin ist der wahre

Verfasser des Gedichts.

Mad. Belmont. Wär's möglich?

Charlotte (mit einem zärtlichen Blick auf ihn). Ich habe nie daran

gezweifelt! (Karl küßt ihre Hand mit Feuer.)

Mad. Belmont. O der bescheidene junge Mann! Gewiß, er wird unser

Kind glücklich machen!

Narbonne. Bilden Sie sich nach Ihrem Vater--und mit Freuden werde

ich Sie zum Sohn annehmen.--(Halb zu den Mitspielenden, halb zu den

Zuschauern.) Diesmal hat das Verdienst den Sieg behalten.--Nicht

immer ist es so. Das Gespinnst der Lüge umstrickt den Besten; der

Redliche kann nicht durchdringen; die kriechende Mittelmäßigkeit

kommt weiter, als das geflügelte Talent; der Schein regiert die Welt,

und die Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne.

Der Parasit, oder, die Kunst sein Glück zu machen Ein Lustspiel nach dem Franzoesischen [des Picard] · 第 64 / 64 题