Selicour. Genug. Lassen wir's gut sein.
La Roche. Er hat angebissen. Er ist so gut, als schon gefangen!
Wie viel schneller kommt man doch mit der Spitzbüberei, als mit der
Ehrlichkeit! (Ab.)
Selicour. Jetzt gleich zu diesem Kammerdiener Michel!--Es ist hier
ein Liebeshandel. Ganz gewiß--Vortrefflich! Ich halte dich fest,
Narbonne!--Du bist also auch ein Mensch--du hast Schwachheiten--
und ich bin dein Gebieter. (Geht ab).
Fünfter Aufzug.
Erster Auftritt.
La Roche kommt.
Sie sitzen noch an Tafel--Er wird gleich herauskommen, der Minister
--Hab' ich mich doch ganz außer Athem gelaufen--Aber, dem Himmel sei
Dank, ich bin aus der Spur, ich weiß alles.--Hab' ich dich endlich,
Freund Selicour!--Mit dem Minister war nichts für dich zu machen, so
lang er tugendhaft war--aber Gott segne mir seine Laster! Da gibt's
Geheimnisse zu verschweigen, da gibt's Dienste zu erzeigen! Und der
Vertraute, der Kuppler hat gewonnen Spiel--Er glaubt dem Minister
eine Schwachheit abgemerkt zu haben--Welch herrlicher Spielraum für
seine Niederträchtigkeit!--Nur zu! Nur zu! Wir sind besser
unterrichtet, Freund Selicour!--Und dir ahnet nicht, daß wir dir
eine böse, böse Schlinge legen--Der Minister kommt--Muth gefaßt!
Jetzt gilt es, den entscheidenden Streich zu thun.
Zweiter Auftritt.
Narbonne. La Roche.
Narbonne. Was seh' ich? Sind Sie es schon wieder, der mich hat
herausrufen lassen?
La Roche. Möge dies die letzte Unterredung sein, die Sie mir
bewilligen, Herr von Narbonne, wenn ich Sie auch diesmal nicht
überzeugen kann--Ihre eigene Ehre aber und die meine erfordern es,
daß ich darauf bestehe--Alles, was ich bis jetzt versucht habe,
diesen Herrn Selicour in Ihrer guten Meinung zu stürzen, ist zu
seiner Ehre und zu meiner Beschämung ausgeschlagen--dennoch gebe ich
die Hoffnung nicht auf, ihn endlich zu entlarven.
Narbonne. Das geht zu weit! Meine Geduld ist am Ende!
La Roche. Ein einziges Wort, Herr Minister!--Sie suchen eben jetzt
ein Quartier in der Vorstadt? Ist's nicht so?
Narbonne. Wie? Was ist das?
La Roche. Es ist für ein Frauenzimmer bestimmt, die sich mit ihrer
ganzen Familie im größten Elend befindet. Hab' ich nicht Recht?
Narbonne. Wie? Was? Sie erdreisten sich, meinen Schritten
nachzuspüren?
La Roche. Zürnen Sie nicht--ich hab' es bloß Ihrem Freund Selicour
nachgethan. Er war es, der diesen Morgen zuerst diese Nachricht von
Ihrem Kammerdiener heraus zu locken wußte--Er gab der Sache sogleich
die beleidigendste Auslegung--Ich hingegen habe Ursache, ganz anders
davon zu denken. Denn, daß ich's nur gestehe, ich stellte genauere
Nachforschung an--ich war dort--ich sah das Frauenzimmer, von dem
die Rede ist--(Er lacht.) Sie hat ein ganz ansehnliches Alter--
Selicour hält sie für eine junge Schönheit----O entrüsten Sie sich
nicht--Ich bitte, lassen Sie ihn ankommen! Hören Sie ihn zu Ende,
und wenn Sie ihn nicht als einen ganzen Schurken kennen lernen, so
will ich mein ganzes Leben lang ein Schelm sein--Da kommt er--ich
will ihm nur Platz machen, damit Sie's auf der Stelle ergründen. (Ab.)
Narbonne. Der rasende Mensch! Wie weit ihn seine Leidenschaft
verblendet. Wie? Selicour könnte--Nein, nein, nein, nein, es ist
nicht möglich! Nicht möglich!
Dritter Auftritt.
Narbonne. Selicour.
Selicour (bei Seite). Er ist allein! Jetzt kann ich's anbringen!--
Wenn ich jetzt nicht eile, mich ihm nothwendig zu machen, so setzt
dieser Firmin sich in seine Gunst.--Hab' ich einmal sein Geheimniß,
so ist er ganz in meinen Händen.
Narbonne. Ich denke eben daran, lieber Selicour, was man im
Ministerium zu Ihrem Aufsatz sagen wird--Ich hab' ihn sogleich
abgehen lassen, er wird diesen Augenblick gelesen, und ich zweifle
nicht, er wird den vollkommensten Beifall haben.
Selicour. Wenn er den Ihrigen hat, so sind alle meine Wünsche
befriedigt. (Für sich). Wie leit' ich's nur ein?--Wagen kann ich
dabei nichts, denn die Sache ist richtig. Ich will nur gerade
zugehen--
Narbonne. Sie scheinen in Gedanken, lieber Selicour!
Selicour. Ja--ich--ich denke nach, welche boshafte Auslegungen
doch die Verleumdung den unschuldigsten Dingen zu geben im Stand ist!
Narbonne. Was meinen Sie damit?
Selicour. Es muß heraus--ich darf es nicht länger bei mir behalten
--Böse Zungen haben sich Angriffe gegen Sie erlaubt--Es hat
verlauten wollen--Ich bitte--beantworten Sie mir ein paar Fragen,
und verzeihen Sie der besorgten Freundschaft, wenn ich unbescheiden
scheine.
Narbonne. Fragen Sie! Ich will alles beantworten.
Selicour. Wenn ich Ihrem Kammerdiener glauben darf, so suchen Sie
ein Quartier in der Vorstadt?
Narbonne. Weil Sie es denn wissen--ja.
Selicour. Und ganz in geheim, hör' ich.
Narbonne. Ich habe bis jetzt wenigstens ein Geheimniß daraus gemacht.
Selicour. Für ein unverheiratetes Frauenzimmer?
Narbonne. Ja.
Selicour. Die Ihnen sehr--(stockt) sehr werth ist?
Narbonne. Ich gestehe es, ich nehme großen Antheil an ihr.
Selicour (für sich). Er hat es gar keinen Hehl--die Sache ist
richtig.--Und Sie möchten gern das Aufsehen vermeiden, nicht wahr?
Narbonne. Wenn es möglich wäre, ja!
Selicour. Ach, gut! Gut! Ich verstehe! Die Sache ist von
zärtlicher Natur, und die Welt urtheilt so boshaft.--Aber ich kann
Ihnen dienen.
Narbonne. Sie?
Selicour. Kann Ihnen dienen! Verlassen Sie sich auf mich!
Narbonne. Aber wie denn?
Selicour. Ich schaffe Ihnen, was Sie brauchen.
Narbonne. Wie denn? Was denn?
Selicour. Ich hab's! Ich schaff's Ihnen--Ein stilles Häuschen,
abgelegen--einfach von außen und unverdächtig!--Aber innen aufs
zärtlichste eingerichtet--die Meubles, die Tapeten nach dem neuesten
Geschmack--ein Cabinet--himmlisch und reizend--kurz--das schönste
Boudoir, das weit und breit zu finden.
Narbonne (für sich). Sollte La Roche Recht behalten--(Laut.) Und
welche geheime Ursache hätte ich, ein solches Quartier zu suchen?
Selicour (lächelnd). In Sachen, die man vor mir geheim halten will,
weiß ich mich einer vorlauten Neugier zu enthalten--Erkennen Sie
übrigens einen dienstfertigen Freund in mir--Es ist nichts, wozu ich
nicht bereit wäre, um Ihnen gefällig zu sein. Befehlen Sie, was Sie
wollen, ich werde gehorchen, ohne zu untersuchen--Sie verstehen mich.
Narbonne. Vollkommen.
Selicour. Man muß Nachsicht haben.--Ich--ich halte zwar auf gute
Sitten--Aber, was diesen Punkt betrifft--wenn man nur den
öffentlichen Anstoß vermeidet--Ich gehe vielleicht darin zu weit--
aber das gute Herz reißt mich hin--und mein höchster Wunsch ist, Sie
glücklich zu sehen--
Vierter Auftritt.
Vorige. Michel.
Michel. So eben gibt man diese Briefe ab.
Narbonne (zu Selicour). Die sind für Sie.
Selicour. Mit Ihrer Erlaubniß! Es sind Geschäftsbriefe, die gleich
expediert sein wollen--Frisch zur Arbeit und frisch ans Vergnügen.
So bin ich einmal! (Geht ab.)
Fünfter Auftritt.
Narbonne allein.
Kaum kann ich mich von meinem Erstaunen erholen--Dieser Selicour--
ja, nun zweifle ich nicht mehr, dieser Selicour war der schändliche
Helfershelfer meines Vorgängers--Ich gebe mich nicht für besser, als
Andere. Jeder hat seine Fehler--aber sich mit dieser Schamlosigkeit
anzubieten!--Und diesem Nichtswürdigen wollte ich mein Kind
hinopfern--mit diesem Verräther wollte ich den Staat betrügen?--Aus
Freundschaft will er alles für mich thun, sagt er. Sind das unsere
Freunde, die unsern Lastern dienen?
Sechster Auftritt.
Narbonne und La Roche.
La Roche. Nun, er ging so eben von Ihnen hinweg--darf ich fragen?
Narbonne. Ich habe Sie und ihn unrecht beurtheilt--Sie haben mir
einen wesentlichen Dienst erzeigt, Herr La Roche, und ich lasse Ihnen
endlich Gerechtigkeit widerfahren.
La Roche (mit freudiger Rührung). Bin ich endlich für einen
redlichen Mann erkannt? Darf ich das Haupt wieder frei erheben?
Narbonne. Sie haben es erreicht--Sie haben den Betrüger entlarvt--
aber wie soll ich eine so lang bewährte Ueberzeugung aufgeben, daß
Geist und Talent bei keinem verderbten Herzen wohnen?--Dieser Mensch,
den ich jetzt als einen Niederträchtigen kennen lerne, er hat mir
noch heute eine Schrift zugestellt, die dem größten Staatsmann und
Schriftsteller Ehre machte--Ist es möglich? Ich begreife es nicht--
so gesunde Begriffe, so viel Geist bei einem so weggeworfenen
Charakter! Ich habe das Memoire auf der Stelle ans Gouvernement
gesendet, und ich will wetten, daß die Briefe, die ich soeben erhalte,
von dem Lobe desselben voll sind. (Er erbricht einen der Briefe und
liest.) Ganz richtig! Es ist, wie ich sagte!
La Roche. Ich kann nicht daraus klug werden.--Das Werk ist also
wirklich gut?
Narbonne. Vortrefflich!
La Roche. So wollte ich wetten, daß er nicht der Verfasser ist.
Narbonne. Wer sollte es denn sein?
La Roche. Er ist's nicht, ich will meine Seele zum Pfand setzen--
denn am Ende will ich ihm doch noch eher Herz als Kopf zugestehen.--
Wenn man versuchte--Ja!--richtig--ich hab' es!--Das muß gelingen
--Herr von Narbonne! Wenn Sie mir beistehen wollen, so soll er sich
selbst verrathen.
Narbonne. Wie denn?
La Roche. Lassen Sie mich machen--Er kömmt! Unterstützen Sie mich!
Siebenter Auftritt.
Vorige. Selicour.
La Roche (mit Leidenschaft). Mein Gott! Welches entsetzliche
Unglück!
Selicour. Was gibt's, Herr La Roche?
La Roche. Welche Veränderung in einem einzigen Augenblick?
Selicour. Was haben Sie? Was bedeutet dieses Jammern, dieser Ausruf
des Schreckens?
La Roche. Ich bin wie vom Donner getroffen!
Selicour. Aber was denn?
La Roche. Dieser Unglücksbrief--So eben erhält ihn der Minister--
(Zu Narbonne.) Darf ich? Soll ich?
Narbonne. Sagen Sie alles!
La Roche. Er ist gestürzt!
Selicour. Um Gotteswillen!
La Roche. Seines Amtes entlassen!
Selicour. Es ist nicht möglich!
La Roche. Nur zu wahr! Es wollte schon vorhin etwas davon verlauten;
ich wollt' es nicht glauben, ich eilte hieher, mich selbst zu
unterrichten--und nun betätigt es der Minister selbst!
Selicour. So ist sie wahr, diese schreckliche Neuigkeit?
(Narbonne bestätigt es mit einem stummen Zeichen.)
Letzter Auftritt.
Vorige. Madame Belmont. Charlotte. Beide Firmin.