Firmin. Mich?
La Roche. Ja, Sie!--Ich hab' es wohl bemerkt, wie ich ein Wort von
Ihnen fallen ließ, daß Sie schon seine Aufmerksamkeit erregt hatten.
--Diesem Selicour ist auch gar nicht wohl dabei zu Muthe--So ist
mein heutiger Schritt doch zu etwas gut gewesen.
Karl. O so sehen Sie sich doch wider Ihren eigenen Willen ans Licht
hervorgezogen!--Welche glückliche Begebenheit!
Firmin. Ja, ja! Du siehst mich in deinen Gedanken schon als
Ambassadeur und Minister--Herr von Narbonne wird mir einen kleinen
Auftrag zu geben haben, das wird's alles sein!
La Roche. Nein, nein, sag' ich Ihnen--er will Ihre nähere
Bekanntschaft machen--Und das ist's nicht allein! Nein, nein! Die
Augen sind ihm endlich aufgegangen! Dieser Selicour, ich weiß es,
ist seinem Fall nahe! Noch heute--es ist schändlich und abscheulich
--doch ich sage nichts.--Der Minister ließ in Ihrem Hause nach Ihnen
fragen; man sagte ihm, Sie seien auf dem Bureau--Ganz gewiß sucht er
Sie hier auf! Sagt' ich's nicht? Sieh, da ist er schon! (Er tritt
nach dem Hintergrunde zurück.)
Neunter Auftritt.
Narbonne zu den Vorigen.
Narbonne. Ich habe Arbeiten von Ihnen gesehen, Herr Firmin, die mir
eine hohe Idee von Ihren Einsichten geben, und von allen Seiten hör'
ich Ihre Rechtschaffenheit, Ihre Bescheidenheit rühmen.--Männer
Ihrer Art brauche ich höchst nöthig--Ich komme deßwegen, mir Ihren
Beistand, Ihren Rath, Ihre Mitwirkung in dem schweren Amte
auszubitten, das mir anvertraut ist.--Wollen Sie mir Ihre
Freundschaft schenken, Herr Firmin?
Firmin. So viel Zutrauen beschämt mich und macht mich stolz.--Mit
Freude und Dankbarkeit nehme ich dieses gütige Anerbieten an--aber
ich fürchte, man hat Ihnen eine zu hohe Meinung von mir gegeben.
Karl. Man hat Ihnen nicht mehr gesagt, als wahr ist, Herr von
Narbonne!--Ich bitte Sie, meinem Vater in diesem Punkte nicht zu
glauben.
Firmin. Mache nicht zu viel Rühmens, mein Sohn, von einem ganz
gemeinen Verdienst.
Narbonne. Das ist also Ihr Sohn, Herr Firmin?
Firmin. Ja.
Narbonne. Der Karl Firmin, dessen meine Mutter und Tochter noch
heute Morgen gedacht haben?
Karl. Ihre Mutter und die liebenswürdige Charlotte haben sich noch
an Karl Firmin erinnert!
Narbonne. Sie haben mir sehr viel Schmeichelhaftes von Ihnen gesagt.
Karl. Möchte ich so viele Güte verdienen!
Narbonne. Es soll mich freuen, mit Ihnen, braver junger Mann, und
mit Ihrem würdigen Vater mich näher zu verbinden.--Herr Firmin!
Wenn es meine Pflicht ist, Sie aufzusuchen, so ist es die Ihre nicht
weniger, sich finden zu lassen. Mag sich der Unfähige einer
schimpflichen Trägheit ergeben!--Der Mann von Talent, der sein
Vaterland liebet, sucht selbst das Auge seines Chefs und bewirbt sich
um die Stelle, die er zu verdienen sich bewußt ist.--Der Dummkopf
und der Nichtswürdige sind immer bei der Hand, um sich mit ihrem
anmaßlichen Verdienste zu brüsten--Wie soll man das wahre Verdienst
unterscheiden, wenn es sich mit seinen verächtlichen Nebenbuhlern
nicht einmal in die Schranken stellt?--Bedenken Sie, Herr Firmin,
daß man für das Gute, welches man nicht thut, so wie für das Böse,
welches man zuläßt, verantwortlich ist.
Karl. Hören Sie' s nun, mein Vater!
Firmin. Geben Sie mir Gelegenheit, meinem Vaterlande zu dienen, ich
werde sie mit Freuden ergreifen!
Narbonne. Und mehr verlang' ich nicht--Damit wir besser mit
einander bekannt werden, so speisen Sie Beide diesen Abend bei mir.
Sie finden eine angenehme Gesellschaft--ein paar gute Freunde,
einige Verwandte--Aller Zwang wird entfernt sein, und meine Mutter,
die durch meinen neuen Stand nicht stolzer geworden ist, wird Sie
aufs freundlichste empfangen, das versprech' ich Ihnen.
Firmin. Wir nehmen Ihre gütige Einladung an.
Karl (für sich). Ich werde Charlotten sehen!
La Roche (bei Seite). Die Sachen sind auf gutem Weg--der Augenblick
ist günstig--frisch, noch einen Ausfall auf diesen Selicour! (Kommt
vorwärts.) So lassen Sie endlich dem Verdienst Gerechtigkeit
widerfahren, gut! Nun ist noch übrig, auch das Laster zu entlarven--
Glücklicherweise finde ich Sie hier und kann da fortfahren, wo ich es
diesen Morgen gelassen.--Dieser Selicour brachte mich heute zum
Stillschweigen--ich machte es ungeschickt, ich gesteh' es, daß ich
so mit der Thür ins Haus fiel; aber wahr bleibt wahr! Ich habe doch
recht! Sie verlangten Thatsachen--Ich bin damit versehen.
Narbonne. Was? Wie?
La Roche. Dieser Mensch, der sich das Ansehen gibt, als ob er seiner
Mutter und seiner ganzen Familie zur Stütze diente, er hat einen
armen Teufel von Vetter schön empfangen, der heute in seiner Einfalt,
in gutem Vertrauen zu ihm in die Stadt kam, um eine kleine Versorgung
durch ihn zu erhalten. Fortgejagt wie einen Taugenichts hat ihn der
Heuchler! So geht er mit seinen Verwandten um--und wie schlecht
sein Herz ist, davon kann seine nothleidende Mutter--
Firmin. Sie thun ihm sehr Unrecht, lieber La Roche! Eben dieser
Vetter, den er soll fortgejagt haben, kehrt mit seinen Wohlthaten
überhäuft und von falschen Hoffnungen geheilt in sein Dorf zurück!
Narbonne. Eben mit diesem Vetter hat er sich recht gut betragen.
La Roche. Wie? Was?
Narbonne. Meine Mutter war ja bei dem Gespräch zugegen.
Firmin. Lieber La Roche! Folgen Sie doch nicht so der Eingebung
einer blinden Rache.
La Roche. Schön, Herr Firmin! Reden Sie ihm noch das Wort!
Firmin. Er ist abwesend, es ist meine Pflicht, ihn zu verteidigen.
Narbonne. Diese Gesinnung macht Ihnen Ehre, Herr Firmin; auch hat
sich Herr Selicour in Ansehung Ihrer noch heute eben so betragen.--
Wie erfreut es mich, mich von so würdigen Personen umgeben zu sehen.
--(Zu La Roche) Sie aber, der den armen Selicour so unversöhnlich
verfolgt, Sie scheinen mir wahrlich der gute Mann nicht zu sein, für
den man Sie hält!--Was ich bis jetzt noch von Ihnen sah, bringt
Ihnen wahrlich schlechte Ehre!
La Roche für sich). Ich möchte bersten--aber nur Geduld!
Narbonne. Ich bin geneigt, von dem guten Selicour immer besser zu
denken, je mehr Schlimmes man mir von ihm sagt, und ich gehe damit um,
ihn mir näher zu verbinden.
Karl (betroffen). Wie so?
Narbonne. Meine Mutter hat gewisse Plane, die ich vollkommen
gutheiße--Auch mit Ihnen habe ich es gut vor, Herr Firmin!--Diesen
Abend ein Mehreres.--Bleiben Sie ja nicht lange aus. (Zu Karl.) Sie,
mein junger Freund, legen sich auf die Dichtkunst, hör' ich; meine
Mutter hat mir heute Ihr Talent gerühmt.--Lassen Sie uns bald etwas
von Ihrer Arbeit hören.--Auch ich liebe die Musen, ob ich gleich
ihrem Dienst nicht leben kann.--Ihr Diener, meine Herren!--Ich
verbitte mir alle Umstände. (Er geht ab.)
Zehnter Auftritt.
Vorige ohne Narbonne.
Karl. Ich werde sie sehen! Ich werde sie sprechen!--Aber diese
gewissen Plane der Großmutter--Gott! Ich zittre.--Es ist gar nicht
mehr zu zweifeln, daß sie diesem Selicour bestimmt ist.
Firmin. Nun, mein Sohn! Das ist ja heute ein glücklicher Tag!
La Roche. Für Sie wohl, Herr Firmin--aber für mich?
Firmin. Sei'n Sie außer Sorgen! Ich hoffe, alles wieder ins Gleiche
zu bringen.--(Zu Karl.) Betrage dich klug, mein Sohn! Wenigstens
unter den Augen des Ministers vergiß dich nicht!
Karl. Sorgen Sie nicht! Aber auch Sie, mein Vater, rühren Sie sich
einmal!
Firmin. Schön! Ich erhalte auch meine Lektion.
Karl. Und habe ich nicht recht, Herr La Roche?
Firmin. Laß dir sein Beispiel wenigstens zu einer Warnung dienen.--
Muth gefaßt, La Roche! Wenn meine Fürsprache etwas gilt, so ist Ihre
Sache noch nicht verloren. (Er geht ab.)
Eilfter Auftritt.
Karl Firmin und La Roche.
La Roche. Nun, was sagen Sie? Ist das erlaubt, daß Ihr Vater selbst
mich Lügen straft und den Schelmen in Schutz nimmt?
Karl. Bester Freund, ich habe heute früh Ihre Dienste verschmäht,
jetzt flehe ich um Ihre Hilfe. Es ist nicht mehr zu zweifeln, daß
man ihr den Selicour zum Gemahl bestimmt. Ich bin nicht werth, sie
zu besitzen, aber noch weniger verdient es dieser Nichtswürdige!
La Roche. Braucht's noch eines Sporns, mich zu hetzen? Sie sind
Zeuge gewesen, wie man mich um seinetwillen mißhandelt hat! Hören
Sie mich an! Ich habe in Erfahrung gebracht, daß der Minister ihm
noch heute eine sehr wichtige und kitzliche Arbeit aufgetragen, die
noch vor Abend fertig sein soll. Er wird sie entweder gar nicht
leisten, oder doch etwas höchst Elendes zu Markte bringen. So kommt
seine Unfähigkeit ans Licht. Trotz seiner süßlichten Manieren hassen
ihn Alle und wünschen seinen Fall. Keiner wird ihm helfen, dafür
steh' ich, so verhaßt ist er!
Karl. Meinen Vater will ich schon davon abhalten.--Ich sehe jetzt
wohl, zu welchem Zweck er mir mein Gedicht abschwatzte. Sollte er
wohl die Stirne haben, sich in meiner Gegenwart für den Verfasser
auszugeben?
La Roche. Kommen Sie mit mir in den Garten, er darf uns nicht
beisammen antreffen.--Du nennst dich meinen Meister, Freund Selicour!
Nimm dich in Acht----dein Lehrling formiert sich, und noch vor
Abend sollst du bei ihm in die Schule gehen! (Gehen ab.)
Vierter Aufzug.
Erster Auftritt.
Madame Belmont. Charlotte.
Mad. Belmont. Bleib da, Charlotte! Wir haben ein Wörtchen mit
einander zu reden, eh die Gesellschaft kommt.--Sage mir, mein Kind!
Was hältst du von dem Herrn Selicour?
Charlotte. Ich, Mama?
Mad. Belmont. Ja, du!
Charlotte. Nun, ein ganz angenehmer, verdienstvoller, würdiger Mann
scheint er mir zu sein.
Mad. Belmont. Das hör' ich gerne! Ich freue mich, liebes Kind, daß
du eine so gute Meinung von ihm hast--denn, wenn dein Vater und ich
etwas über dich vermögen, so wird Herr Selicour bald dein Gemahl sein.